Sieben Wochen weilte Adjuna bei der Mutter, dann ging er weiter, und noch sieben Wochen wanderte er einsam durch die Wüste und Weite. Die Götter waren ihm wohl gesonnen, wehten Wolken, schickten ihm so Schattenschutz und ab und zu Regenschauer von kurzer Dauer.

Adjuna wußte zwar nicht, wann und ob seiner Mutter der Sprung zur Erlösung gelungen war, oder ob sie noch einmal den Erdenweg gehen mußte, oder einen anderen in eine andere Welt, ob seine Erklärungen und Gebete sie erreicht hatten, ob sie aber trotzdem auf dem schmalen Paßweg den Halt verloren hatte, das andere Ufer nicht erreichen konnte; doch Adjuna, jetzt Mensch, fühlte wie Menschen, wenn sie nicht wissen, dann hoffen sie. - Wenn sie nicht wußten, dann hofften sie.

Und so stand er da, in seinen Hoffnungen eingehüllt, bei seinen Hoffnungen aufgestellt, aufgerichtet, stolz, trotz seiner Trauer - stolz, stolz - auf seine Mutter, wieviel hatte sie ertragen, erlitten, überwunden! - auf sich, wieviel wollte er noch ertragen, erleiden, überwinden!

Und er freute sich der Einsamkeit, denn sie war ihm eine gute Freundin und Gefährtin, die ihn noch öfters aufnehmen sollte, wie alles Große, Starke und Aufrichtige in ihrer Nähe hauste, von ihr umgeben war, denn Großes kannte keine kuscheligen Gemeinsamkeiten. Nur das Schwächliche brauchte die anderen, die Gemeinsamkeit, sonst zweifelte es an sich selbst - verzweifelte, versagte, verflüchtigte sich.

Einst gab es einen Gott, der sah die anderen Götter nicht, wollte oder konnte sie nicht sehen, war ihm wohl ihre Herrlichkeit zu hoch, da litt er an seiner Einsamkeit und schuf Welt und Menschen. Gut war die Schöpfung und wie jede gute Schöpfung überragte sie bald den Schöpfer, wie ein Sohn seinen Vater überragen sollte. Doch der Gott war klein - kleinlicher noch, und als er sah, daß die Menschen seinem göttlichen Bewußtsein überlegen waren, da wurde er neidisch und wollte sie ertränken, denn das war alles, was er konnte, mit Naturkatastrophen um sich werfen, schmeißen, nur ausgewählte Schmeichler durften überleben. Doch deren Nachkommen wiederum wollten nicht ewig Schmeichler bleiben, und ihr Bewußtsein wucherte weiter und knapperte an der Göttlichkeit. Und als der Gott sah, daß der Mensch ihn wieder an Bewußtsein weit überragte, wollte er diesmal etwas abhaben und wurde Mensch.

Aber er verstand es schlecht zu leben, schon bald - ehe er die Reife des Alters erlangen konnte - schlug man ihn ans Kreuz. Eine Gottheit, die am Kreuz starb, ein schlechteres Vorbild konnte es nicht geben, und der Pöbel und alle, die nicht verstanden zu leben, machten ihn sich bald zum Idol und säten den Samen von Haß und Neid auf alle Bewußten, an denen nahmen sie ihre Rache, so daß die, die immer recht zu leben wußten, bald grausam sterben mußten.

Nach sieben Wochen Einsamkeit und Wanderschaft sah Adjuna das Meer vom gelben Dünenwall vor sich in strahlendem, klarem Blau, umrandet vom Strand, umsäumt von Bäumen, unter denen ein Pfad entlangführte. Er stieg hinab bis zum weißen Schaum, um das Meer zu begrüßen und zu berühren.

  • Das Land ist begrenzt
  • vom Meer umkränzt
  • vom Wasser umflossen
  • in großen Massen
  • aber keine Grenzen kennen Wasser und Meer
  • außer den schwarzen Mauern von Teer
  • von Ewigkeit und Unendlichkeit her.
  • Plötzlich stand hinter ihm ein alter Mann, es war der Weise aus den Bergen, der sprach: "Schon lange komme ich hier hier herunter, wo Meer und Wüste sich begegnen, und warte auf ihn, den Wüstengeborenen, den Schakalenfreund, dessen Stimme über das Meer von Dummheit, Unwissenheit und Eigensucht erschallen soll, erschallen wird, wie Schakalengeheul über die Wüste, genauso vergeblich, nutzlos, einsam; wie der Schakal mit seinem Geheul weder Sand noch Stein noch Stern erweicht, so wenig wird sein guter Rat die Menschenherzen erweichen."

    Adjuna war wenig zufrieden mit dieser Anrede, denn auf eine vergebliche Mission geschickt zu sein, hatte er nicht im Sinn.

    "Wer du auch bist, und deine guten Absichten in Ehren, sie werden dich Schamanenbrut fluchen und dir nicht folgen, und du wirst seufzen: Oh, wie entfernt bin ich euch! - Doch wer bist du eigentlich? Noch ein Baby, aber mit sonnengegerbter Lederhaut und alles-sehenden Argusaugen."

    "Ich bin der Sohn von Sramania, einer Zigeunerpythia aus dem Stamm der `Ewig-Suchenden'. Da die Erde der Menschen nicht mehr haben will, ging meine Mutter nach meiner Geburt und überließ mir ihren Platz. Für ihr Opfer die Elemente mir wohlgesonnen sind, so daß ich die Wüste überleben konnte."

    "Und wer ist dein Vater?"

    "Die Löwen der Welt sind es, oh, Herr."

    "Sage mir deinen Namen! Wie nennst du dich? - Oh, der Einsamste, der Wüstenausgespuckte, er wird sich selbst einen Namen geben müssen; denn wer sollte ihn taufen, wer könnte es wagen?"

    "Da ich mich nur wenig geändert habe, nenne ich mich Adjuna. Einst war ich Arjuna, ein Pandava, Sohn des Königs Pandu aus Hastinapura, dem des Rishis Fluch das Vergnügen des Bettes verwehrte; meine Mutter Kunti, Mantras mächtig, mit Mantras bezwang den Götterkönig, aus Indras Lenden Samen empfing."

    "Dieses frühere Leben liegt wohl weit zurück, wo warst du so lange?"

    "Nach dem frühen Tod unseres Vaters lebten wir Pandavas am Hofe unseres blinden Onkels Dhritarashtra, der hatte hundert Söhne, die Kauravas. Unser Leben lang mußten wir uns vor ihren hinterhältigen Überfällen und Angriffen in Acht nehmen, bis zur entscheidenden Kurukshetra-Schlacht. Doch nie haben wir den Weg, den das Dharma zeigt, verlassen; meinen ältesten Bruder nannte man Dharmaputra, denn er war rein wie das Dharma selbst. Als uns in Hastinapura die traurige Nachricht vom Tode unseres teuren Feundes Vasudeva1 und von der Vernichtung der Yadavas erreichte, verlor das Erdenleben seinen Sinn für uns, und wir zogen mit unserer Frau Draupadi zu den Himalayas und stiegen immer höher und höher, bis Frost, Hunger und Wind uns einer nach dem anderen von unseren Körpern befreite, nur das Dharma folgte uns damals. Als Lohn für unser Dharma nahm Indra uns in seinen göttlichen Garten, und es mangelte uns fortan an nichts."

    1 Vasudava = Krishna = Inkarnation Vishnus

    "Oh, ihr seid wie Tagelöhner gewesen, die am Abend ihren Lohn versaufen. Ist dir nichts geblieben?"

    "Doch, ich habe die Götter beobachtet und festgestellt, daß sie überflüssig sind."

    "Ja, die Götter sind eine Erfahrung tief in uns, wer sie überwindet, muß sein Inneres außen tragen können, was nur der Übermächtige, der Selbst-Gott-Werdende, -Seiende kann, und auch nur er darf sie überwinden, die anderen mögen weiterhin vor ihrem Gotte zu Kreuze kriechen, auf daß sie nicht unter der Last, ein Gott sein zu müssen, zerdrückt werden."

    "Das meine ich nicht. Die Götter sind überflüssig, wir brauchen sie nicht, wir brauchen sie auch nicht zu werden. Mit Spott möge man sie hinfortschicken. Das größte Übel waren immer die Götter, mehr Opfer forderten sie als irgendein Tyrann. Sie sind die absolute Verneinung, das Negative schlechthin. Als wenn man in einem Sumpf fällt, schmutzig wieder hervorkriecht, und sich dann angewidert schüttelt, und sich so schüttelnd vom Matsch befreit, so mögen wir Menschen uns angewidert schütteln beim Gedanken, vor einem Nichts die Knie zu beugen, es wäre Unsinn, sich noch einmal mit Dreck zu beladen oder selbst Dreck zu werden. Die Götter sind nichts, und sind sie auch nicht ganz Nichtse, so sind sie doch Taugenichtse. Und das Vermeintlich-Göttliche am Menschen, sein Tiefstes, das so tief verborgen ist, ist so tief verborgen, so tief gesunken, weil es nichts taugt - nichts mehr taugt. Als man noch Grünzeug, Qualle, Wurm, Saurus, Grasaffe war, waren solche Instinkte und Mechanismen entstanden und wertvoll, doch jetzt sind sie überreif. Hinfort damit!"

    "Du bist noch ein Neugeborenes, gerade dem Jenseits entkommen und vielleicht einer tödlichen Langeweile, einem Überdruß, und wie jeder Schlemmer nach dem Übergenuß, so fällst auch du nur in das andere Extrem. Gäbe Gott, daß ihr einmal das Mittelmaß erlernt. Du warst lange nicht bei den Menschen, wer sagt dir, daß sie keine Grasaffen mehr sind? Oder willst du es ihnen sagen? Oder willst du sie gar zwingen, keine mehr zu sein? Manch einem nähmest du zu viel. Hätten sie keinen Gott, würden sie einen Menschen nehmen oder gar einen Menschengedanken. Das wäre schlimm, das wäre schlechter noch, das wäre der Untergang. Halte deine Weisheit, besonders wenn sie närrisch ist, im Zaume - und auch deine Zunge. Zu leicht verwirren wirre Gedanken die Völker! Gehe hin in Frieden, mein Junge, auch in Frieden mit den Göttern! Sind sie auch zu selbstgerecht, die Götter - da oben, doch wenn man so hoch ist, ist das eine Schwäche, der man leicht erliegt. Das wirst du auch noch merken. Noch einen Rat für deinen weiteren Weg: Gehe Richtung Stadt, doch mache einen Bogen um sie, denn sie ist ein brodelnder Sumpf, was klein ist und nur einen verborgenen Wert hat, wird dort leicht in der Hektik zertreten. Gehe, bis du das Haus vom Händler Abraham findest, er wohnt weit genug von der Stadt und ihren Sumpfspritzern, aber nicht zu weit, als daß der Zeitgeist ihn nicht erreiche. Wenn du bei ihm bleibst, wird er dir viel Neues lehren, das Alte du ja selbst noch weißt."

    So ging Adjuna weiter, am Meer entlang, und eines Tages sah er am blauen Horizont einen schwarzen Fleck. Dort lag die Stadt unter einer Rauch- und Staubglocke. Es könnte auch ein Drache sein, der seine Schwefeldämpfe ausschnaubt, mit einem Vulkan um die Wette stinkt. Lebt man heutzutage wirklich unter solcher Last, in solcher Luft?

    Als er näher kam, konnte er sie auch hören, es war ein nervöses Surren, schrilles Kreischen in der Luft. Von einem Riesenmonster sollte man eigentlich einen ruhigeren Herzschlag erwarten, selbst das Herz der kleinsten Singvögel pulsierte nicht so hektisch.

    Hatte er die Stadt von weitem erst mit dem Auge und dann mit den Ohren wahrgenommen, jetzt dicht vor der Stadtmauer fügte sie auch seiner Nase Qualen zu, denn sie roch eklig nach Übelkeit, Ausgekotztem und Brand. Sie stank gegen den Wind.

    Hier vor den Mauern trat ein alter Mann vor Adjuna, es war der Weise aus der Stadt, der unter einer Brücke am fauligen Kanal wohnte und bedürfnislos war, der sprach: "Oh, wir haben immer gewußt, daß die Wüste uns einmal einen Knaben schicken würde, den ersten einer neuen, höheren Menschheit, die gründlicher und freier sein soll, als die jetzige und auch sauberer. Diese Stadt wirst du uns säubern, denn wir vermögen es nicht allein, auch fehlt uns die feine Nase noch, um feinen Gerüchen nachzustreben. Doch gehe noch nicht in diese Stadt, damit dein kindliches Gemüt keinen Schaden erleidet."

    "Von weitem schon quält dieser Ort die Sinne. Wer regiert hier?"

    "Es ist ein Geist, ein Kleingeist, ein Kleinbürgergeist. Denn die Kleinbürger bilden die Mehrheit hier. Und wer am meisten bejubelt wird, regiert, und ändern sich auch die Namen, es ist immer der gleiche Kleinbürgergeist, der sich in den Strohmännern inkarniert."

    "Warum lebt der Weise in der Stadt und wie lebt man dort?"

    "Ich wohne in einer Mülltonne und samm'le mir mein bescheidenes Mahl aus anderen Mülltonnen. So tue ich Buße für Jugendsünden, denn einst feierte ich rauschende Feste vor den Augen hungernder Untertanen, doch es war mein Schicksal, daß mein Gott mich verstieß, mich verließ. Ich verlor mein Vermögen, alles bis aufs letzte Hemd. So beschloß ich, es solle meine Sühne und Buße sein, einsam zu leben; und wo ist man einsamer als unter Menschen, zu denen man nicht gehört; würde ich in der Natur leben, wie schnell täte sie mit einem sympathisieren."

    "Naja. --- Ich suche eine Bleibe."

    "Gehe zum Händler Abraham, er wohnt weit genug von der Stadt, aber nicht zu weit. Wenn es an der Zeit ist, kehre zurück zu uns, zu unserer Stadt."

    Während Adjuna um die Stadt herumging, dachte er an den Weisen, der in ihr wohnte: Wie sehr er doch die Stadt liebte und das dreckigste Stadtleben noch einem Landleben vorzog und sich dafür die abwegigsten Gründe erfand. Wohl wünschte er sich die Zeit seiner Jugend und seines Reichtums zurück, wie allen Städtern bedeutete ihm Geld alles, doch sein Geld - will sagen sein Gott hat ihn verlassen, ob er wohl zurückkommen wird, wenn man zur Buße aus der Mülltonne frißt? Ja, der Gott der Städter ist ihr Geld; das Geld ist der Götze, den sie anbeten. Doch der Arme hat mehr Möglichkeiten als der Reiche, der nur der dressierte Schloßhund seines Schatzes ist und schwer angekettet liegt. Der Arme ist wie das Wild, das umherstreift, solange ihn nicht die Gier und Bequemlichkeit packt, wird er sorglos dem nächsten Tag vertrauen und der Domestition entgehen. Am schlimmsten sind jedoch die Reich-Werden-Wollenden, denn ihnen fehlt die Dressur der Schloßhunde, die nicht nur gute Wachhunde und Schoßhunde mit feinen Tischmanieren sind, sondern daruber hinaus noch über einen gewissen Anstand verfügen, den man ihnen wohl als Tugend anrechnen muß. Mit bestalischer Wildheit jagen Reich-Werden-Wollende ihre Beute - oh, daß man ihnen nicht begegne, daß man ihnen nicht unter die Fittiche käme, diesen Entfleischern, die keinen Halt mehr kennen, auch vor der Selbstentfleischung nicht; wie oft enden sie am Galgen, im Gefängnis oder in irgendeiner Mülltonne, dann mögen sie weise werden, denn lebendiges Erfahren ist der beste Weg zu einer Weisheit, die nicht weltfremd ist.

    Und also kam Adjuna zum Händler Abraham, der ihn aufnahm, und bei dem er aufwuchs.

    Abraham wohnte etwa einen halben Tag fußwegs von der Stadt an einer geschützten Bucht, die einen natürlichen Hafen bildete. Am Anlegesteg drängten sich Feluken und Tartanen, um ihre Ware hier loszuwerden und um neu beladen zu werden. Die Villa, das Gesindehaus, die Ställe und Lagerschuppen waren eine kleine Stadt für sich, von einer großen Mauer umgeben, Schutz dem ewigen Juden vor einem ewigen Edom.

    Besang Jesaja doch ach so herrlich den Keltertreter im rötlichen Rock, den Erzfeind zerstampft im großen Bottich von Bozra, tausendköpfig er wiedererstand.

    Ein jedes Jahrhundert, ein jeder Kontinent hatte sie, die neue Edomiterqual; dem ewigen Juden sein ewiges Schicksal. Oh, auserwähltes Volk, ewig streckt sich nach dir Ssaïrs Hand, vergeblich deine Sehnsucht nach Friedensland.

  • Solange des Menschen Herz pocht in zwei Kammern,
  • in der Brust wie mit Schmiedehammern,
  • und solange auch die Seele gespalten,
  • durch eine Trennwand
  • Friedenssehnsucht zurückgehalten, *
  • solange du stehst Waffe bei Hand,
  • mögen hohe Mauern zwar nützen
  • und über Jahrhunderte hinaus schützen,
  • doch willst du Mensch Frieden erreichen,
  • müssen erst Herz und Seele erweichen
  • und Waffen und Mauern fallen.
  • * Auf den vielleicht - sicher - berechtigten Vorwurf, daß sich der Text geschwollen anhört, ein bescheidener Hinweis, daß man schon vor 200 Jahren den inneren Zwiespalt, Zwiespalt in den Innereien? so poetisch beschrieben hat: "Zwei Seelen - ach! Ich fühl' es zu gewiss! - bekämpfen sich in meiner Brust mit gleicher Kraft" stöhnte schon Christoph Martin Wieland. "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust..." aus J. W. Goethes "Faust".

    Doch ach, wie oft knapperten Kreuzritter an unseren Mauern, klagt ihr kleinlich, 'leidig, wehleidig, weinerlich.

    Einunddreißig Königreiche habt ihr vernichtet beim Einzug ins Verheißene Land; - wenn das kein Mord war!

    Ihr sagt: Nur an Heiden!

    Wer sagt da nicht: Nur an Juden!

    Mord rächt sich, wenn auch manchmal erst an den Söhnen, Söhnes Söhnen und deren Söhnen, bis ins x-te Glied, so lehrte euer Gott.

    Doch wo endet es, so die Rache doch auch ein Mord ist, der gerächt werden muß?

  • Rache verschlug euch in fremde Länder,
  • kamt nach Norden zu blonden Barbaren,
  • dientet ihnen brav, verhalft ihnen zu Größe und Reife,
  • erntetet doch keinen Dank
  • das Volk wurde zum grausamen Ssar, zum bockähnlichen Tier,
  • zum Werkzeug eures Herrn, Rächerwerkzeug.
  • Was beklagt ihr jenes Volk!
  • Wart selbst nicht besser - seid ihr es jetzt?
  • Beklagt euren Gott, euer Schicksal!
  • Beklagt euch!
  • War's in Wirklichkeit euer Gott?
  • Auch Nebukadnezar war ein Hampelmann in der Hand des Herrn Zebaoth.
  • Doch wer liest die alten Bücher noch?
  • Sind ihre Worte doch schon tot!
  • Abraham war schon ein betagter Mann, trug einen langen, weißen Bart und langes, weißes Haar, was ihm nicht nur den Spitznamen `der Weiße', sondern auch `der Weise' eintrug, denn daß er so recht weise ausschaute, mochte niemand bestreiten.

    Aber obwohl damals, als Adjuna zu ihm kam, er wohl schon seine achtzig Jahre hinter sich hatte, war er noch höchst rüstig, hatte noch alle Zähne, was man sonst von den zuckerleckenden Städtern seiner Zeit nicht sagen konnte, und also, wenn man Zarathustra glauben wollte, noch das Recht zu jeder Weisheit; auch seine Augen waren noch scharf, sah er doch damals schon den Knaben, ehe der ihn sah, von weitem auf sich zukommen; auch brauchte er zu der Zeit noch keinen Gehstock, ohne den er ja jetzt einigen Wanderern zufolge, die sein Anliegen letztlich passierten, nicht mehr auskommen soll oder besser gesagt nicht mehr rauskommen soll.

    Von seiner jungen Frau waren ihm zwei Söhne geboren, denen er die Namen Loregh und Gerloh gegeben hatte. Sie waren einige Wochen älter als Adjuna, aber konnten noch nicht laufen und ihre verbale Ausdruckskraft beschränkte sich auch nur auf Onomatopöie und einige Diminutiva für die aller alltäglichsten Dinge, also "Papa, Mama; pipi, a-a; mmmh; Wauwau" konnten sie gerade sagen, während Adjuna dadurch, daß er die Erinnerung an seine vorherigen Leben mit hinübergerettet hatte, nahezu omnipotent und polyglott war.

    Trotz allem brauchte auch er seine Zeit, um heranzuwachsen. Und natürlich fehlte ihm das moderne Wissen, so wußte er zum Beispiel nicht, daß die Erde frei im Raum mit einem mittleren Abstand von 1 AE, was etwas 149,5658 Mill. km entsprach, um eine Sonne, die wiederum mit einem Abstand von 30 000 Lj. um die Mitte einer Milchstraße rotierte, kreisend schwebte und nicht auf dem Rücken eines Elefanten ruhte, der wiederum auf einer Schildkröte stand.

    Er wußte auch nicht, daß des Menschen makroskopische Vorstellung von Raum, Zeit, Materie und Kausalität in subatomaren, submikroskopischen Bereichen keine Geltung mehr hatte, was ihn sehr verwirrte, als er's lernte.

    So wie dieser Mikro-Mikro-Kosmos ihn verwirrte, so auch der Makrokosmos: Die Sonne, es würde sich nicht lohnen, sie zu erwähnen, würden wir nicht gerade auf einem ihrer Außen-Planete wohnen, bildet mit einigen hundert Milliarden Schwestern unsere heimatliche Galaxis, die einen Durchmesser von grob 100 000 Lichtjahren hat; da die Sonne sich zweidrittelwegs vom Zentrum auf einem der Spiralarme befindet und ihr Orbit etwa 200 Millionen Jahre dauert, bewegt sie sich mit einer Rotationsgeschwindigkeit von 290 20 km/s, übrigens in einem welligen Auf und Ab, um das Schwarze Loch, das in der Mitte der Milchsuppe sein soll. Die Sonne, die wie ihre zahlreichen Schwestern aus einem kalten Nebel, nur etwa hundert Grad über absolut Null, entstanden ist, entstanden sein sollte, verbrennt in ihrem Innern Hydrogenium, das heißt bei einer Temperatur von zehn Millionen Grad stoßen die Hydrogenium-Nuklei zusammen und bleiben zusammen, so entsteht Helium.

    Das Helium ist ein bißchen leichter, als es die zwei Hydrogenium-Nukleiwaren.

    Aha, thermonukleare Reaktion! Pro Sekunde schluckt unser Wärmespender Sonne 600 Millionen Tonnen Hydrogenium, so leuchtet sie uns schon seit fünf Millionen Jahren und so wird sie uns noch fünf Millionen Jahre leuchten. Wenn dann alles verbrannt ist, passiert in der ersten Jahrmillion noch nichts Besonderes, denn so lange dauert es bei kleineren Fixsternen bis die Energie aus ihrem Innern nach außen dringt, aber dann beginnt der Heliumkern zu schrumpfen, dabei steigen die Temperaturen erneut, an der Außenschale entzündet sich Hydrogenium, der Stern dehnt sich, schwillt wieder an, frisch fressend Hydrogenium. Im Kern erhöhen sich Druck und Hitze, hundert Millionen Grad, die Helium-Nuklei kollidieren, eine neue thermonukleare Reaktion, bei der Kohlenstoff und Sauerstoff entstehen. Unter diesen zwei Energiequellen wird sich die Sonne wohl nach sechs Milliarden Jahren aufblähen, so fürchterlich aufblähen, daß bald der Merkur auf der Sonnenoberfläche verzischen wird, Venus und Erde folgen, schmelzen, verdunsten. Wir Menschen werden uns dann wohl zu äußereren Planeten oder besser noch zu einem anderen Sonnensystem flüchten müssen. Irgendwann wird dann das Helium im Innern ausgebrannt sein und das Helium der Außenschale wird sich entzünden. Aber dann hat die Sonne auch bald ihr Leben ausgehaucht, denn kleinere Sterne wie die Sonne sind nicht in der Lage, schwerere Elemente als Helium zu verbrennen, und damit nicht in der Lage, schwerere Elemente als Kohlenstoff und Sauerstoff entstehen zu lassen, dafür bedarf es fünfzigmal massiverer Sterne, die ihr Dasein mit einem gewaltigen Sprengschlag beenden, die Supernova, und dabei all die schweren Elemente ins All verstreuen. Bevor unser Sonnensystem entstand, war das Universum schon fünfzehn bis zwanzig Milliarden Jahre alt, und all die schweren Elemente, auf denen wir rumlaufen und aus denen wir gemacht wurden, gemacht sind, sind in dieser Zeit entstanden in gigantischen Sternen.

    Und wo ist Berg Meru, an dessen Hängen ich einst meine Zeit vergeudet hatte, geblieben? Er wußte keine Antwort. Er wußte sich keine Antwort mehr. Er war sich manchmal nicht einmal mehr sicher, ob er diese Zeit wirklich erlebt hatte. Und er dachte weiter: Es ist doch erstaunlich, was die Menschen, obwohl sie so klein sind und immer kleiner werden, in meiner Abwesenheit alles herausgefunden haben, doch der Sinn ging ihnen verloren; einst hatte alles einen Sinn, so sann er, war es auch ein falscher Sinn, Unsinn, ein erlogener Lügensinn, erlogen von Propheten, die ihre Fiktionen als Diktionen eines Deus verkauften und nicht ehrlich wie ehrliche Dichter als Dichtung. Es war ein Sinn. Es machte Sinn. Das Leben hatte einen Sinn. Die meisten hatten den Sinn gern. Auf jeden Fall: Der Pöbel hatte den Lügensinn gern angenommen und ehrte seine Erfinder, die Propheten, mehr als die Dichter. Gab er seinem Leben doch einen Sinn. Ein Sinn besser als kein Sinn. Gern opferte er sich diesem Unsinn. Sein Opfer nannte sich Moral, aber auch Hammel, Huhn, Taube und Brandopfer. Sein Opfern machte ihn moralisch, moralisch höher stehend als andere, die seinem Lügensinn nicht folgten, vielleicht einem anderen, aber nicht seinem. Dieser hohe, moralische Standard, den die Lügensinn-Erfinder forderten oder einst gefordert hatten, wurde teuer erkauft mit Blut, nicht bloß mit dem Blut der Opfertiere, sondern auch dem eigenen Blut in heiligen Kriegen und dem der Ketzer, die am Lügensinn etwas auszusetzen hatten, und mit solchem Blute wurde der Lügensinn und seine aus ihm abgeleitete Moral immer wieder bestätigt und bestärkt. Gern zahlten die Menschen dafür moralisch zu sein - besonders gern mit dem Blute der Ketzer.

    Der Lügensinn freilich hieß Religion, er machte die Menschen ja sooo moralisch, einfach himmlich! - aber was für eine Moral, und die Unmoralischen die ärmsten Opfer (nicht die ärmsten für die Moralisten, die fest an ihre Moral Glaubenden). Der Lügensinn machte die Leute auch pflichtbewußt - aber was war das für eine Pflicht, Fürst und Pfaffen zu füttern, und auf den Knien zum Altar - kriechen! Der Religionsunsinn machte die Menschen auch gerecht - oh, was für eine zum Himmel schreiende Gerechtigkeit! - und glücklich machte es die Menschen auch, sagt man, - aber was für ein Glück! ein Sklavenglück! Glückstränen wie in den Augen eines geprügelten Hundes! - und geborgen fühlt man sich dank seines Lügensinnes - vielleicht oder ganz sicher, bestimmt, fast alle - aber man war auch unbarmherzig - und wie unbarmherzig, war es doch so gemütlich am Scheiterhaufen und vor allen Dingen so bequem, sehr im Gegensatz zu den unbequemen Äußerungen der Ketzer. Ja, das machte ein Lügensinn auch: bockbeinig unzugänglich - die, die damals unter den damaligen Umständen noch oder schon selbst denken konnten, hätten ein Lied davon singen können, wenn man ihre Stimmen nicht so brutal erstickt hätte. Giordano Bruno wurde nach langen Foltern am 16. 2. 1600 auf dem Blumenplatz in Rom verbrannt. Michel Servet wurde ebenfalls nach langen Foltern von den Calvinisten 1553 in Genf verbrannt. Was konnten mit Blut bezahlte Lügensinne noch? Menschen stumpf-sinnig und dämlich machen! Ja, Intelligenz war immer Sache des Teufels, und auch heute ist noch manches Teuflische an der Intelligenz geblieben, es ist wohl eine Aufgabe für die Zukunft, ohne Teufel intelligent zu sein. Wenn uns das nicht gelingt, gnade uns Gott. Doch Teufel und Gott kann es egal sein, wenn wir unsere Intelligenz für teuflische Spielchen, bei denen uns der Planet in die Luft fliegt, benutzten, gibt es doch noch mindestens 1020 Welten allein im sichtbaren Universum zum Experimentieren und auch Zeit gibt es noch in Hülle und Fülle. Und uns kann Gott und Teufel egal sein, ist es doch allzuoft dasselbe, und dadurch, daß wir das, was eins und uns egal sein sollte, trennen, laufen wir nur allzusehr Gefahr, an dem Universumsgeschehen, das wir gerade erst entdecken, bald nicht mehr teilzuhaben.

    Adjuna sah, daß die Menschheit einen neuen Sinn brauchte, weg vom alten Lügensinn der Götter, die neben den harten Tatsachen der Wissenschaft noch immer überall herumspuckten. Keiner konnte sich ihnen entziehen. Man wußte meist einfach nicht, wo man ziehen mußte, um sich ihnen zu entziehen. Beim Schopfe aus der gebückten Stellung heraus!

    Und was die neue Moral betraf, so wollte es Adjuna erst einmal dabei belassen, daß es die unmoralischste Handlung war, nicht über Moral nachzudenken, sondern einfach nur Althergebrachtes zu akzeptieren.

    Um für das Neue Wissen, für Jahrmilliardenentwicklungen einen Sinn zu finden, genügt es nicht, aus milliardenjährigem Urstaub zu sein, sondern man muß auch das milliardenjährige Bewußtsein dazu finden, oder zumindest selbst erst einmal eine Million werden, das gelingt aber nicht, wenn man jahrtausendalten Vorurteilen und Fehlurteilen aufsitzt.

  • Wer will noch einen Schöpfergott proklamieren,
  • wo die, die den Quantensprung studieren,
  • nihilistisch philosophieren?
  • Als Gerloh und Loregh nun größer geworden waren, vernünftig sprechen konnten usw., reisten sie oft mit den Handelsschiffen ihres Vaters zu den verschiedenen Zweiggeschäften und Lieferanten, denn sie bereiteten sich darauf vor, des Vaters Laden später zu übernehmen, während Adjuna sich zu Hause mit Staats- und Rechtswissenschaft befaßte, denn, daß er in der nahen Polis erwartet wurde als Säuberer, saß ihm im Kopf, aber er trainierte auch seinen Körper, wie es sich für einen alten Kshatriya geziemte.

    Aber als Abraham mit den verwunschenen Inseln Handelsbeziehungen anknüpfen wollte wegen heiliger Hölzer, Tarnkappen und Drachenblutes, sollte Adjuna mit, denn man fürchtete der Elfen Macht und Zauberkraft, - ganz zu Unrecht übrigens.

  • Unser Zauber ganz gewöhnlich
  • gestand der Elfenkönig.
  • Und so hatten denn die Tarnkappen auch nicht den gewünschten Erfolg, jemanden völlig unsichtbar zu machen, sondern die beiden Ausführungen, die es gab, olivgrün und erdbraun, machten jeweils entsprechend im Urwald oder im Brachfeld nur sehr beschränkt unsichtbar oder besser gesagt unauffällig, wenn man sich auch sonst unauffällig kleidete oder in ein Loch kroch. Wegen des Drachenblutes hatte die Firma Abraham auch bald viele Reklamationen, weil es nicht, wie erwartet und erhofft und in der Sigfrid-Sage beschrieben und bestätigt, unverwundbar machte. Nur die heiligen Hölzer befriedigten allgemein, wer daran schnupperte, fühlte sich wohl und glaubte sich fortan vom Glück verfolgt.

    Es geschah hier, auf den verwunschenen Inseln, die zum Elfenreich gehörten, daß Adjuna an einem schönen Sommertag mit Loregh und Gerloh gut gelaunt in den Wald zur Jagd ging. In seiner kräftigen Hand hielt er festgepackt seinen mächtigen Jagdbogen, ab und zu zupfte er an der strammen Sehne und ließ sie surren, der helle Ton erstarrte allem und allen das Blut in den Adern.

    Während sie so durch Gestrüpp liefen, über Hecken und Gräben hüpften und sprangen, immer tiefer in das uralte Gehölz eindrangen, stellten Gerloh und Loregh ihre lang gehütete Frage:

    "Wie ist es, Adjuna? Kennst du Gott?"

    "Ja, er ist meiner Mutter mal begegnet, es war kein erfreulicher Anblick." "So? - Uns begegnet er nie, und gerade wir mußten immer zu ihm beten und sollten an ihn glauben." - "Ja, und er tut nichts für uns, als Kind wollte ich einmal aus meinen Bauklötzen einen hohen Turm bauen, trotz meiner Gebete stürtze der Turm immer vor Vollendung ein."

    "Das ist kein Wunder, weißt du nicht, daß er etwas gegen Türme hat, schon damals im alten Babel; wenn er Türme sieht, hat er immer Angst, daß sie ihn erreichen oder gar überragen. Damals in Babel konnte man noch sehr hoch bauen, ehe man seinen Zorn übergemäß reizte, aber du siehst, wie tief er gesunken ist, daß er dir schon deine kleinen Bauklotztürmchen vor der Zeit zerstören mußte. Doch was tatest du dann?"

    "Anstatt zu ihm zu beten, verfluchte ich ihn, beim Tischgebet höhnte ich: Sieh', was wir wieder geerntet haben; hätten wir auf deinen Regen gewartet, müßten wir jetzt hungern, aber wir waren so klug und haben das Land selbst bewässert." "Lieber Gott nicht vertrauen und dafür etwas zu kauen, etwas zu verdauen." "Ja, als Kind bestrafte ich Gott. Weil er mich nicht meinen Turm bauen ließ, wollte ich nie mehr - nimmer - zu ihm beten. Auf die Art wurde Gott mir unterlegen, ich fühlte mich groß und sehr wohl dabei. Ein ander' Mal, als uns unsere Gouvernante gouvernantenhaft die Geschichte von Gideon vorpredigte, der, obwohl der Geist des Herrn ihn angeblich erfüllte, dem Herrn doch nicht so recht traute und deshalb ein Zeichen forderte. Bevor er sich in billige, leichtsinnige Schlachtmanöver, bei denen er und seine Leute leicht den Kopf riskierten, einließ, sprach Gideon zu Gott: Willst du Israel durch meine Hand erlösen, wie du geredet hast, so will ich ein Fell mit der Wolle auf die Tenne legen. Wird der Tau auf dem Fell allein sein und die ganze Erde herum trocken, so will ich merken, daß du Israel erlösen wirst durch meine Hand, wie du geredet hast.1 Und in der Tat - so die Geschichte weiter - war es eine trockene Nacht gewesen, es gab keinen Tau an diesem Morgen, nur das Fell war naß. Da merkte Gideon, daß er sich seinen Test schlecht überlegt hatte, denn nur ein Strolch brauchte über Nacht eine Schüssel Wasser über dem Fell ausgegossen zu haben. Und noch einmal erhob er seine Stimme wider Gott und forderte das Umgekehrte: ein trockenes Fell und eine nasse Umgebung, dies dünkte ihm schwerer. Aber es geschah, wie bestellt. Später besiegte er dann die Midianiter und die Amalekiter in einem eindrucksvollen Blitzkrieg, aber auch gegen Ismaeliter zeigte er sein zuckendes Schwert. Eben dies' Mal - beim Erzählen der Gouvernante - kam es mir in den Sinn, daß ich Gott eine Chance geben sollte, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen, und ich beschloß, mein Sacktuch des Nachts draußen zu lassen, mit der Auflage: Es möge nicht von Tau benetzt werden. Doch es funktionierte nicht mehr. Und ich sprach gen oben: Es gibt dich nicht mehr, oder du kümmerst dich nicht mehr um uns. - Ich horche, keine Antwort, kommt mir das Wort 'Auserwählte' in den Sinn; verärgert rufe ich hinauf: Nur Auserwählte? Bin ich zu gering? Das beruht auf Gegenseitigkeit." "Ist er tot schon ganz, der Popanz, oder ignoriert er uns in seiner Arroganz?"

    1 Richter 6, 36/37

    Adjuna mußte schmunzellachen über die beiden.

    So streiften sie durch der fremden Wälder Wildnis, drei Recken, nicht zu erschrecken, vor nichts zurückschreckend, aber ihr Übermut war nicht gut.

    Einen goldenen Hirsch zu jagen, sie wagen. Den gewaltigen Bogen gespannt stramm, angelegt auf den dicken Stamm, hinter dem sich das verschreckte Tier versteckt.

    Gut gezielt der Pfeil sticht, durchsticht den Stamm und trifft den Leib, doch tot das Tier noch nicht.

    Fest geheftet ist der edle Hirsch, letal verletzt von dieser Pirsch. Doch gefaßt das sterbende Tier zu den Jägern spricht: Friede sei mit euch, mehr Friede, denn mir vergönnt, mögt ihr genießen, wenn ihr könnt. Wohl starke Helden seid ihr, wollt ihr sein, doch ist das Heldentum, ruchlos wehrloses Rotwild zu schießen? Nicht einmal Hunger trieb euch zu der Tat; nein, das war nicht Helden Art, nur Herostrat.

    Da sahen die Jungen ein, denn das Morden war ihnen schwer geworden:

  • Töten ist eine böse Sache,
  • denn man kann es nicht rückgängig machen.
  • Der Hirsch fuhr fort: Es mag Ruhm bringen und Ehr', gefährliche Tiere wie Bär, Löwe, Drache oder Mensch und Menschenhelden zu bekriegen und besiegen, sollte es gelingen, doch besser ist im Erdenleben, friedliche Dinge zu pflegen. Leben nehmen, ob an Mensch oder Tier, wird immer die Waage der Abrechnung ungünstig zum Kippen bringen. Ihr glaubt mir doch nicht jenem Demagogen, Paulus genannt, der da dachte, Gott schere sich nicht um die Tiere, und mit seinem 'Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen?'1 manch einem Christen zu einer Fleischmahlzeit ohne Gewissenbisse verhalf. Wenn Jesus noch am Leben gewesen wäre, so hätte er entgegnet: Ich aber sage euch, Gott kümmert sich sehr wohl um die Ochsen und um all die anderen Tier, und nicht damit die Menschen glücklich eine Mahlzeit verzehren können, sondern damit die Tiere glücklich sind.

  • 1 Korinther 9/9
  • Jeder interpretierte den Jesus auf seine Art. Adjuna wollte zu bedenken geben, daß Gott es doch immerhin zugelassen hatte, daß Adjunas Pfeil traf und tötete, wie er auch all die anderen Grausamkeiten gegen Tiere zuließ, und nicht nur das, Jesus selbst hatte einmal böse Geister in Schweine fahren lassen, aber Adjuna schwieg. Er mochte das sterbende Tier nicht unterbrechen, ihm nicht widersprechen.

    Im Universum ist alles miteinander verbunden. Im Reigen der Geburten war jeder jedem einmal Mutter, aber jeder war auch jedes anderen Futter. Adjuna, dein Übermut hat auch dich ärmer gemacht, doch genieße mein Fleisch, so war mein Tod nicht ganz sinnlos, und ein Stück von mir wird in deinen starken Muskeln fortbestehen. Und auch mein goldenes Fell soll dir nützen, mag es dich wie mich vor Kälte schützen.

    Mit diesen Worten verendete das edle Tier. Und Adjuna nahm den schweren Leib auf seine Schultern. Selten drückte ihn eine Last so schwer. Bedrückt waren die Freunde, bedrückt zogen sie durch Gebüsch und Gestrüpp zurück, bedrückt empfingen sie bei der Rückkehr die Gratulationen zu ihrem Jagdglück. Es reute ihnen der Beute.

    Nicht jeder setzt sich gern in ein gemachtest Nest, auch Gerloh und Loregh waren nicht die Typen dazu, waren nicht Kücken, die nie flügge wurden. Dieses reiche Nest, das ihnen ihr Vater Abraham bot, war ihnen wie ein Käfig, ein Vogelbauer, die Geschäftsreisen etwas Unselbständiges, Unfreies wie der Flug eines Terzels.

    Gern wären sie ausgeflogen, auf und davon, Wanderschaft schien ihnen das große Glück, doch Furcht vor des Vaters Fluch hielt sie zurück, - bis sie es nicht mehr aushielten und den Vater um Erlaubnis angingen.

    Abraham war stolz auf seine Söhne, weil sie nicht ewig Vaters Söhne, was zwar besser als Muttersöhnchen zu sein war, bleiben wollten.

    Und er gab eine große Abschiedsfeier für seine Söhne, bevor er sie auf die Landstraße entließ, wo man die beiden bald wandern sah, ein Lied fröhlich trällernd pfeifend, das hieß 'Endlich draußen vor der Tür' und war kein weinerliches Lied und ging so:

    Endlich draußen vor der Tür

    Einst in dunkler Nacht

    sagte eine Stimme mir sacht:

    So frage ich Dich,

    willst Du leben?

    Oh ja! Leben ist Licht,

    so tat ich Antwort geben.

    Da wurde ich geboren,

    die Eltern taten für mich sorgen.

    Ohne sie wär' ich verloren,

    doch bei ihnen fühlte ich mich geborgen.

    Schutz den Kindern das Elternhaus gibt,

    ja, schützen kann es, denn es liebt.

    So konnte ich kräftig gedeien,

    aber bald kam die Zeit, sich zu befreien,

    sich umzudrehen

    und zu gehen;

    kein Vöglein bleibt ewig im Nest,

    doch zum Abschied ein Abschiedsfest,

    dann stehe ich endlich draußen vor der Türe,

    allein erkämpfe ich mein Glück,

    nie wieder will ich zurück,

    nie wieder Fesseln und Schutz,

    so sind meine Schwüre,

    so ist mein Trutz.

    In der Polis war man immer reicher, überfütterter, überdrüssiger,

    überflüssiger und übermütiger geworden.

    Der Überdruß nahm überhand.

    Man reizte die Nachbarstädte und Wüstervölker, überreizte sie; ein Überfall war fällig, überfällig.

    Vereint die Feinde anmarschierten, in großer Zahl.

    Man mußte sich verteidigen, hatte keine Wahl.

    Oh, die Feinde wie dreckig und nackt,

    aber vom Ehrgeiz gepackt

    und ach so sehnig stark, fanatisch faunisch,

    lüsternd launisch,

    Reichtum klaun und unsere schönen Fraun.

    Mit der Belagerung begann der Stimmungsumschwung.

    Niemand wollte der Provozierer gewesen sein,

    für einen richtigen Kampf war man zu fein, zu klein.

    Doch war es schon zu spät,

    Geschosse kamen gehagelt wie gesät.

    Was nicht explodierte,

    man reparierte,

    und zurückkatapultierte,

    doch die Verteidigung schlecht funktionierte,

    erreichten die Feinde schon bald die Mauern,

    bis zu ihrem Siege kann's nicht mehr lange dauern.

    In dieser Not

    war Abhilfe höchstes Gebot.

    Das Volk grollte,

    einen neuen Konsul

    auf den Stuhl

    man wollte,

    eine Wahl

    im Kriegsjammertal;

    aber außer Adjuna sich niemand bewarb,

    so man ihm die Ehre gab.

    Da stand Adjuna nun; die Verteidigung der Stadt war seine Aufgabe geworden, seine Armee ein Haufen Schlemmerer, die seit drei Tagen keine Kuchen hatten und sich deshalb für kampfuntauglich hielten. Und die er verteidigen sollte, zierlich bis fett, aber nicht ein einziger mit sehnigen Armen.

    Stehe ich hier nicht auf der falschen Seite, die Meinigen haben nichts mit

    mir gemeinsam, dadrüben stehen die Recken, die mir gleichen, und sind sie nicht sogar im Recht, wenn sie an unsere Mauern kommen, haben wir uns nicht gar zu sehr an ihnen bereichert und sie dann noch verhöhnt, mit Worten und Almosen?

    Doch nach diesem Kampf gibt es kein Kuchenschleckern mehr, und jeden Schwächling dieser Stadt schleife ich zum Recken, das schwor sich Adjuna, der neue Konsul, und die Nachbarvölker will ich achten, während wir gut leben, sollen sie nicht schmachten.

    Wie gesagt, da stand er nun; die Verteidigung der Stadt war seine Aufgabe geworden.

    Beim Anblick der auf die Stadt zu stürmenden Feindesarmee: "Oh, wer gibt mir jetzt meinen Gandiva, den ich einst im Jenseits ach so achtlos liegen ließ, in jener friedlichen Zeit, all zu friedlichen. Ich werde ein heiliges Feuerritual zu Ehren Indras machen, seine Mantras aufsagen, ihn bezaubern, bezwingen, Pfeil und Bogen wiederzuerlangen."

    Und so kam es, daß Adjuna seinen göttlichen Kampfbogen Gandiva wieder erhielt. Er zupfte an der Sehne und den Feinden erstarrte das Blut in den Adern, dann riß er in schneller Folge Pfeile aus seinem Kücher und schoß sie gegen die feindlichen Linien, der Himmel verdunkelte sich davon wie bei einem Schwarm Raben.

    Der Feind mußte kehrtmachen.

    Den flüchtenden Feinden der Stadt sandte Adjuna Friedensboten nach. Keuchend überbrachten diese den geschlagenen, in die Flucht geschlagenen Gegnern die Einladung zu einem Friedensfest und das Versprechen, nie wieder Grund zu einem Krieg zu liefern. Zögernd nur die erstaunten Krieger zur Stadt zurückkehrten, einen gemeinen Hinterhalt der Städter fürchtend.

    Derweil Adjuna mit einigen Leuten, Getreuen, die um ihn fuchsschwänzelten, auch der Weise aus der Mülltonne war unter ihnen, jetzt noch älter und greiser, aber kaum weiser, die Stadt besichtigte: Sagt mal, war denn niemand da, der ihnen sagte, in was für einem Dreck sie da hausen, vegetieren und vertieren? Selbst vor nackten Wilden müssen wir uns ja schämen und unsere Sitten primitiver als Primitive. Überall Sucht und Eigensucht.

    Adjuna jeden zwang zur Straßenreinigung, dann ließ er Ausgangssperre ausrufen: Damit die Gäste, wenn sie kommen, nicht merken, was die Städter für ein dekadentes Gewürm.

    Die Gäste, als sie kamen, zeigten sich beeindruckt von den Modernitäten der Stadt; gern ließen sie sich in pferdelosen Kutschen umherkutschieren und ahnten nicht, wie das auf lange Sicht die Beine schwächt, aus gekühlten Räumen die Halbnackten frierend flüchteten, Licht und Lampe bewundernd, geblendet, ein Stück Sonne. Doch auch lachen mußten sie; was waren denn das da für Dinger an den Füßen der Städter, haben die denn keine Haut und Sohlen dort, hart und stark wie unsere, zum Skorpionknacken gerade richtig? Huch, was ist denn das für ein Mensch, guckt immer durch Fenster, die auf der Nase? Dürfen wir auch mal? Gelächter. Was für eine Torheit, dadurch sieht man ja viel schlechter!

    Gesättigt auch mit Süßigkeiten, befriedigt, gespeist auch mit guten Versprechen, Verträgen, drängten sie aber bald wieder hinaus, war es wohl die Luft, die ihnen nicht schmeckte, die bleihaltige, verbrauchte.

    Gut, da sie die gemeinen Massen nicht sahen, wo der Anblick meiner auserwählten Getreuen sie schon zum Spott reizte. Bis zum nächsten Mal habe ich Männer aus ihnen gemacht: Ein hartes Training für alles was schwach, ein härteres für die stärkeren.

    Wohl vielen Bürgern war ihr Bauch eine Last, und vielen ihre eigene

    Schwächlichkeit verhaßt, die nun den neuen Herrscher feierten, und Pflicht und Disziplin gerne von ihm lernten. Schon bald sie als die neue Polizei patrollierten, männlich einhermarschierten.

    Adjuna dachte, den einen Feind haben wir beschwichtet, jetzt heißt es, den Dreck vernichtet; dazu bedarf es eines neuen Gesetzes, einer größeren Vollmacht, nicht umsonst will ich der Säuberer, der Super-Saubermann genannt werden.

    Sieben Tage arbeitete Adjuna, dann hatte der Stadtstaat ein neues Gesetz.

    Selbst Supermächte hätten Grund, darauf eifersüchtig zu sein, denn die wichtigsten Probleme der Welt wären gelöst, wenn man sie so streng und

    konsequent angehe. Adjuna war zufrieden.

    Zum Beispiel das Vermehren der Massen, die Überbevölkerung: Jeder Haushalt wird der Anzahl der Kinder entsprechend besteuert und zwar progressiv: Für ein Kind die doppelte Personensteuer, für zwei Kinder die zehnfache, für drei Kinder die hundertfache, außerdem muß nach dem dritten Kind, und auch wenn die Familie die Kindersteuer schuldig bleibt, sich ein Elternteil sterilisieren lassen, oder einer der Ehepartner kommt in eine geschlossene Anlage, damit gewährleistet ist, daß sich die beiden nicht mehr treffen, vereinen, mehr Kinder zeugen.

    Die Gelehrten zwar Einspruch dagegen erhoben:

    In einer so reichen Stadt

    werden noch mehr Leute satt.

    Das wußte Adjuna wohl, Nahrung war nicht das Problem.

    Doch der Abfall und Schmutz von Millionen

    macht die Natur so langsam kaputt,

    und irgendwann mag niemand mehr auf dieser Welt wohnen,

    denn man erstickt im Schutt.

    So machten sich Adjunas Anhänger auf mit dem Slogan:

    Haben wir auch genug Brot,

    uns fehlt der Platz für den Kot.

    Kinder bringen keinen Segen nur Not.

    Wahrlich, wie schön ist es, durch Einsamkeit zu gehen, mal niemanden zu sehen, doch die einsamen Plätzchen bald alle belegt, bloß weil der Pöbel die Produkte seines Schoßes pflegt.

    Natürlich war schon bald die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr wie zur Zeit der Bedrohung hinter Adjunas Regierung: Die einen wollten Babys, die anderen den Armen nichts abgeben, der dritte Plastikspielzeuge produzieren, die die Müllhalden strapazieren, der vierte nicht tüchtig, bloß süchtig, der fünfte auch nicht gesund, betete zu Gott wie ein reuiger Hund, auch der sechste und siebte hatte was zu meckern, und der achte und neunte arbeitsscheu lieber träumte. So blieb nur eine zehnprozentige Minderheit, die aber dafür um so treuer, eine rechte Stütze der Regierung.

    Wenn das Volk die Maßnahmen nicht versteht,

    die Regierung mit der Gewalt Hand in Hand geht,

    auf daß endlich Ordnung und Sauberkeit entsteht.

    Den Schweinen im Augias-Stall

    wurde Adjuna zum Schicksall.

    Schärfen wir die Linsen und schauen wir einmal genau hin:

    Auszug aus dem Gesetzbuch Adjunas (geflüstert: der die Gründlichkeit seiner Säuberungsaktion zeigt)

    Was liebt der Pöbel am liebsten? Angenehme Gefühle und Dreck, beides findet er im Tabakrauchen.

    (Es folgen die Vorschriften zur Einschränkung desselben. Hierbei sei noch angemerkt, daß zur Zeit, als Adjuna die Konsulwürde übertragen war, Rauchen in erster Linie eine weibliche Schwäche war, statt "Lungentorpedo" hörte man in der Zeit oft für Zigarette die Worte "Weiberschnuller" oder "Weiberlolli". Aber es gab natürlich auch immer noch Männer, die ihr anhingen. Diese Männer wurden zwar schon verachtet, verächtlich angesehen, aber das hinderte nicht alle Raucher daran, in der Öffentlichkeit ihrer widerlichen Sucht nachzugehen, und die Raucherinnen sowieso nicht; es gehörte zum Image.)

    § 1: Tabak nur auf Bezugschein;

    Bezugscheininhaber müssen eine besondere Gebühr für die durch Tabakrauchen entstehende, mögliche Krankenbehandlung zahlen, sind also von der allgemeinen Krankenfürsorge ausgeschlossen. Wem die eigene Gesundheit nicht wichtig ist, kann nicht erwarten, daß sie den anderen Bürgern der Polis wichtig ist. Bei Zahlversäumnis muß die betreffende Person bei Lungen-, Kreislauf- und anderen Folgeschäden der Rauchsucht die Behandlungskosten selbst tragen oder ohne Behandlung auskommen. Auf keinen Fall dürfen Behandlungen von Folgeschäden von Rauch- und Rauschgiftsucht aus öffentlichen Mitteln bezahlt werden.

    § 2: Es darf nur noch in den eigenen privaten Räumlichkeiten geraucht werden, wenn keine Kinder zur Familie gehören.

    § 3: Tabakraucher dürfen keine Kinder bekommen.1

    a.) Ehepaare, bei denen der männliche Teil raucht, müssen Schwangerschaft unverzüglich melden, erklärt sich der Mann bereit, das Rauchen ab sofort aufzugeben, darf das Kind ausgetragen werden, sonst ist sofort der Abortus zu vollziehen; die Abtreibungskosten hat das Paar zu tragen. Nach einer genehmigten Geburt ist den Eltern kein Tabakbezugschein mehr zu genehmigen. Wird ein Elternteil beim heimlichen Rauchen erwischt, ist das Kind von den Eltern zu entfernen und in ein öffentliches Heim unterzubringen. Die Eltern sind unterhaltspflichtig.

    1 (Fußnote)

    Dr. Joseph DiFranza und Dr. Robert Law von der University of Massachusetts berichteten in der April-1995-Ausgabe von `Journal of Family Practice', daß sie auf Grund von Studien von über 40 Jahren zu dem Ergebnis gekommen sind, daß allein in den USA, rauchende Mütter jährlich den Tod von 6 000 Babys verursachen, außerdem tragen sie dazu bei, daß 53 000 Babys mit zu geringem Geburtsgewicht zur Welt kommen und 22 000 Babys intensive Pflege nach der Geburt bedürfen. 115 000 Fehlgeburten gehen nach den Berechnungen der beiden Forscher pro Jahr auf das Konto rauchender Mütter. Andere Studien haben gezeigt, daß Kinder, die dem Rauch der Eltern ausgesetzt sind, in der Schule deutlich schlechtere Leistungen erbringen (Lesen, Rechtschreibung und Mathematik), wahrscheinlich, da ihr Gehirn schlechter mit Sauerstoff versorgt wird.

    b.) Wird eine Weibsperson, die dem Tabakrauchen anhängt, schwanger, ist sofort nach Entdeckung der Schwangerschaft abzutreiben. Die Abtreibungskosten sind von der Schwangeren zu tragen. Wird das Kind heimlich ausgetragen, und die Geburt innerhalb eines Monats entdeckt, ist das Kind gründlich zu untersuchen, erweist sich das Kind als besonders schwächlich, ist Euthanasie in Erwägung zu ziehen. Der Mutter ist für ihr Vergehen, das Gesicht so zu tätowieren, daß kein Mann mehr Appetit auf sie haben wird.

    Zusatz: Hat sich die betreffende Mutter jedoch seit Entdeckung ihrer Schwangerschaft vorbildlich verhalten, ihre schändliche Sucht besiegt und ist auch dem Kind gegenüber eine vorbildliche Mutter gewesen, so ist ihr das Kind zu lassen und auch ihr Gesicht nicht zu tätowieren.

    § 4: Die beim widerrechtlichen Rauchen erwischte Person ist zu bestrafen, für jedes nachgewiesene, illegale Rauchen zehn Peitschenhiebe, die in einer Stunde zu verabreichende Ration darf zehn Hiebe nicht überschreiten, die an einem Tag zu verabreichende Ration darf dreißig Hiebe nicht überschreiten, für die Zeit der Züchtigung, d. h. vom ersten bis zum letzten Hieb der Strafe, ist der Deliquent im Gefängnis verschlossen zu halten. 30 x 30 P-Hiebe ist Höchststrafe.

    § 5: Tabaksüchtige, die in der Öffentlichkeit, auf der Straße, in Restaurants, Teehäusern usw. rauchen, ist von den Behörden pro Rauchverstoß zehn Peitschenhiebe zu verabreichen, unter den Einschränkungen von Paragraph vier. Wird ein solcher Tabaksüchtiger von einem durch den Gestank des Rauches sich belästigt fühlenden Passanten geschlagen, ist diese Schläge nicht auf die Strafe anzurechnen; auch auf Schadenersatz für die entstandene Körperverletzung, eventuelle Knochenbrüche etc. hat der Süchtige bzw. die Süchtige keinen Anspruch. Da hier die armseligen Lustgefühle der süchtigen Person gegen das gesunde Wohlbefinden des Passanten steht, ist der letztere grundsätzlich als der Geschädigte zu betrachten, und hat deshalb das Recht, Schadenansprüche zu stellen, für erlittenes Unwohlsein, eventuellen Kopfschmerz, Hustenreiz etc.

    Der erschreckend hohe Anteil von Raucherkrankheiten bei Nichtrauchern rechtfertigt unbedingt ein hartes Durchgreifen, zumal eine verseuchte Lunge schwerer heilt als Fleischwunden oder Knochen; ein von Rauchern belästigter Bürger hat also unbedingt das Recht, sich zu wehren.1

    1(Fußnote/persönlicher Kommentar)

    Man merkt hoffentlich, daß ich, wie viele andere Nichtraucher auch, sehr unter dem Rauch der Raucher leide. Schon als Kind hatte ich oft das Gefühl zu ersticken, wenn mein Vater in unserer engen Wohnung rauchte. Auf mein Klagen wurde nur mit Banalitäten wie `abhärten',

    `dran gewöhnen' etc. reagiert, oder ich wurde gleich als `Schwächling', `unmännlich' oder `Baby' u. ä. beschimpft. Als Schulkollegen vierzehnjährig sich das Rauchen angewöhnt hatten, um `erwachsen' zu sein, unternahm auch ich diese große Anstrengung und Überwindung und wurde zum Raucher. Ich brachte es sogar sehr schnell zu einem sehr guten Raucher und verbrauchte fast jeden Tag 50g starken Tabak für selbst gedrehte Zigaretten. Das bekam mir sehr schlecht. Mit 18 wog ich bei einer Körpergröße von 1,84 m (das entspricht Arnold Schwarzneggers Körpergröße) gerade noch 50 kg. Irgendwann stellte ich mich vor den Spiegel und beschimpfte mich als Schwächling und süchtiges Schwein und änderte meine Lebensweise. Ich hörte auf zu rauchen und tat etwas für meine körperliche Ertüchtigung (hauptsächlich asiatischen Kampfsport). Und irgendwann war ich wieder schwer am Würgen, wenn in meiner Nähe geraucht wurde. Da ich aber jetzt kein verschüchtertes Kind mehr war, sondern erwachsen, bat ich, und wenn das nichts half, verlangte ich, daß man in meinem Beisein bitte Rücksicht auf mein Wohlbefinden nähme. Die Anworten, die ich erhielt, waren meist - besonders in Deutschland - sehr unfreundlich. Es konnte passieren, daß Raucher bei so einer Forderung voller Haß bedrohlich wurden. Selbst Pazifisten, anerkannte Kriegsdienstverweigerer, Revolutionäre, Weltverbesserer, und später kamen sogar noch sogenannte Umweltschützer hinzu, reagierten voller Haß, wenn man etwas am Rauch ihrer Zigarette auszusetzen hatte. `Faschist' war dann meistens das Schimpfwort der Wahl, besonders wenn bei Treffen die Mehrheit der Anwesenden die Forderung, nicht zu rauchen, unterstützte. Waren die Raucher in der Mehrheit, waren sie nur zu aufgeregt, darauf hinzuweisen, daß die demokratische Mehrheit fürs Rauchen war. Natürlich ist es so demokratisch, wenn die Raucher mehrheitlich entscheiden, da der Nichtraucher seinen Dreck mitatmen muß, weil sie die Mehrheit haben und es ihnen Spaß macht, wie es demokratisch ist, wenn die Mehrheit der Deutschen entscheidet, da die jüdische oder was auch immer für eine Minderheit (meinetwegen neueren Datums: Scientologists und andere `Sektarier') kein Lebensrecht hat, nämlich überhaupt nicht. Demokratie ist nicht der Terror der Mehrheit, nicht das Recht der Mehrheit eine Minderheit - für was für einen Spaß auch immer - zu schaden. Anfang der 70er Jahre, als ich in Form des obigen Textes Rache nahm, waren die Rechte der Nichtraucher noch gar kein Thema. Mittlerweile ist man sich ganz allgemein bewußter geworden, wie schädlich das Rauchen ist. Deutschland ist da zwar noch sehr rückständig, aber in den USA kann man schon ziemlich rauchfrei leben, da Restaurants etc. Nichtraucherabteile haben. Aber die Entwicklung der letzten Zeit ist auch nicht ohne Absurditäten:

    Einmal zeigen Nichtraucherverbände einen falschen Missionseifer, der einer Bevormundung gleichkommt. Ich als Nichtraucher möchte nur mein Recht auf frische Luft verwirklicht sehen, Kinder müssen natürlich auch geschützt werden vor dem Rauch ihrer Eltern, aber ich habe nichts davon, wenn Raucher horrende Steuern auf ihr begehrtes Produkt zahlen müssen.

    Absurd ist auch, daß Leute, die sich intravenös Drogen zuführen, bestraft werden, obwohl sie nur sich selbst und nicht ihren Mitmenschen schaden. Statt solche Leute zu kriminalisieren, sollte der Staat ihnen lieber helfen, daß sie ihre Drogen legal, zu einem vernünftigen Preis, rein also ohne fragwürdige Zusätze erwerben können.

    Ansonsten sollte er sie abschreiben, wenn sie kaputt sind. Der Mensch sollte letzten Endes für sich selbst verantwortlich sein und nicht der Staat.

    Das Absurdeste und Unverschämteste, was wir gerade erleben, aber ist, daß Raucher jetzt, nachdem sie Jahre lang auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Nichtrauchern gepfiffen haben, und endlich selbst die Quittung für ihre ungesunde Sucht in Form körperlichen Verfalls, Krebs und Herzinfarkt, erhalten, hingehen und die Tabakkonzerne für die erlittenen Gesundheitsschäden verklagen, und wie es scheint sogar erfolgreich.

    (Ende der Fußnote)

    § 6: Wie die Raucher die Luft verderben, so verderben die Gläubigen und

    Gottesfürchtigen den Geist und das Denken, auch sie sind zu verdammen, ihre Sucht, ihre schwächlichen Gelüste im geheimen Kämmerchen zu befriedigen und ihre süchtig krankhaften Orgien dort abzuhalten. Öffentliches Predigen, christliches Glockengeläut und das Maulaufreißen der Muezzins, ist eine Beleidigung der gesunden Bürger, Beschmutzung geistiger Werte, also eine Schädigung der Öffentlichkeit, und als solches gleich zu bestrafen wie Gift-in-den-Brunnen-Gießen und Luftverschmutzung.

    Lange Freiheitsstrafen sind zu vermeiden, denn hier ist Orient und der

    orientalische Mensch, wie der Mensch überhaupt, soll kein Vieh sein, das

    seine Zeit sinnlos in Ställen und Käfigen vertun kann, des Menschen Leben ist zu kurz und kostbar dafür; jeder soll seine Zeit sinnvoll und

    ertragreich nutzen, nutzen können, dafür ist allen Bürgern, auch den

    Vorübergehend-Eingesperrten alles zur Verfügung zu stellen.1

    1 (Fußnote)

    Man sollte sich wirklich einmal überlegen, ob lange Gefängnisstrafen soviel humaner und wirksamer sind als Körperstrafen, also Züchtigungen oder meinetwegen Körperverletzung, wenn man Züchtigung so nennen will (Verstümmelungen sollten allerdings tabu sein). Mir erscheinen schon lange Wartezeiten z. B. in den Wartezimmern von Ärzten unmenschlich, wieviel schlimmer muß das Absitzen einer Jahre langen Freiheitsstrafe sein?

    In Singapur und Malaysia scheint übrigens die Angst vor Prügelstrafen, viele Verbrecher abzuschrecken. Für Erwachsene, die es einfach nicht schaffen, die Rechte und das Eigentum ihrer Mitmenschen zu achten, sind die Schmerzen einer Körperstrafe vielleicht wirklich ein Mittel der Erziehung, niemals aber sollte man Kinder oder Jugendliche mit Gewalt erziehen. Sondern bei Kindern und Jugendlichen ist es unbedingt notwendig, daß man mit ihnen Geduld hat und ihr Recht auf ein eigenes Leben, also auf alles, was sie persönlich betrifft: schulische Leistungen, Beruf, Karriere etc., respektiert. Das Respektieren der Rechte der Mitmenschen ist die wichtigste Lehre, die man seinen Kindern mit auf den Weg ins Leben geben sollte. Zwang an falscher Stelle schafft nur unsoziales Verhalten.

    Ein letztes Wort zum Strafen von Erwachsenen: Jeder sollte eigentlich einsehen, daß die Todesstrafe humaner ist, als eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ein Leben in der Inaktivität eines Gefängnisses bringt keine Freude mehr mit sich, und wenn ein Mensch erkennt, daß in seinem restlichen Leben die Freudlosigkeit gegenüber der Freude so deutlich überwiegt, dann sollte er sich für das Ende aller Leiden entscheiden und sterben.

    Als Mörder würde ich auf jeden Fall auf die Todesstrafe bestehen, wie ich als Schwerkranker auf Euthanasie bestehen würde, wenn ich es nicht mehr selbst machen könnte.

    (Ende der Fußnote)

    Es war nicht leicht zu regieren, wenn nicht die Massen des Volkes hinter

    einem standen. Aber Es-den-Massen-des-Volkes-Rechtmachen hieß Das-Niedrige-im-Menschen-Fördern, Seine-Dummheit-Umschmeicheln, Eine-Minderheit-(auch wenn sie wertvoller war und mehr leistete als der Bevölkerungsrest)-Verteufeln. Demagogen, die die drei Regeln: das Niedrige im Menschen fördern, Dummheit umschmeicheln, Minderheiten verteufeln, auswendig gelernt und beherzigt hatten und es so dem Volke recht machten, konnten das Volk bisweilen zu ungewöhnlichen Unsittlichkeiten, Krieg, Mord und Massenmord, führen, verführen, oft, wenn sie erfolgreich waren, erhielten sie den Beinamen `der Große', und die, die von der heiligen Stadt Rom aus mit einer Hand voll Lügen, die sie sich auch dem Himmel geholt hatten, was eine Art `Aus-der-Luft-Greifen' war, regierten, wurden für ihre Missetaten, Niedriges fördern, Dummheit umschmeicheln, Minderheiten (Ketzer, Sektarier, Juden, Atheisten, Kommunisten, Homosexuelle, Glückliche und Geile) verteufeln, heiliggesprochen. Doch Adjuna, dem es beim Regieren gar nicht ums Rechtmachen ging, sondern ums Richtig-Machen, mußte seine erste Regierungskrise erleben, als - eine für die Nachwelt eigentlich unwürdige, unbedeutende Angelegenheit - einem verdorbenen Frauenzimmer, obwohl sie erst fünfunddreißig war, sah es schlechter aus eine Siebzigjährige, seine Lungen waren nur noch ein schwarzer Teerschwamm, sein verkrüppeltes Kind weggenommen werden sollte.

    Doch erzählen wir die Geschichte ausführlicher.

    Diese Frau..., sie hieß übrigens Meam, als sie sechszehn war, hatte sie sich selbst den Vornamen Ema als Zeichen, daß sie emanzipiert sei, gegeben. Emanzipation, damit meinte man die Befreiung von der Bevormundung der Männer, war in Emas Jugend gerade große Mode gewesen und wie alle Moden oberflächlich; so bemühte frau sich gar nicht leistungsfähig wie die Männer zu sein, sondern begnügte sich einfach damit, die Laster der schlimmsten Männer zu kopieren, was der Achtung der Frauen nicht gerade förderlich war. Damals begann auch das Rauchen der Frauen, weswegen sie später, als die meisten Männer es aufgegeben hatten, so verachtet wurden.

    Durch das Fortschreiten der Leistungsgesellschaft waren die Frauen nach

    kurzer Zeit gleichberechtigt worden, aber die meisten Emanzen leisteten nichts, so daß sie benachteiligt erschienen. Sie blödelten lieber im blauen

    Dunst vor sich hin: Emanzipation, Emanzipation, Emanzi.... In den Ohren der Männer hallte das Wort aufdringlich und verunsicherte sie. Um seinen guten Willen zu zeigen, ließ man Frauen Regierungschefin werden, ja, es gehörte eine Zeit lang zum guten Ton, daß eine Frau das höchste Amt im Staate inne hatte, und auch ließ man diese Frauen tun und lassen, was sie wollten. Aber das Gequake, Emanzipation, Emanzipation, Emanzi..., hielt an und man, und das hieß Männer und Frauen, die Leistungen erbrachten, besann sich auf seinen gesunden Menschenverstand, wurde ruhiger und damit vernünftiger und ließ am Arbeitsplatz und in der Politik nicht mehr Mösen, sondern nur noch Leistungen gelten. Denn leistungshörig war man nun mal, da konnte man nichts für - das war die Zeit.

    Diese Ema Meam war also so eine gewesen, die nichts tat, und immer darüber klagte, daß andere nichts für sie taten, ihr nichts Gutes taten, die im Dreck saß und nicht saubermachen wollte, mit der Begründung, andere hätten sie ja hineingesetzt. Mit fünfunddreißig bekam sie also ein Kind. - Ein Kind? Ich dachte, sie haßte die Männer. - Sie haßte die Männer, so sagte sie jedenfalls immer, aber sie freute sich, wenn sie einen ins Bett kriegen konnte. Das war auch so ein Laster dieser Frauen - eine ihrer Ungereimheiten.

    Ihr Kind, sie hatte es heimlich zur Welt gebracht, war ein Junge, seine Arme und Beine waren kraftlos, dünn, verkrüppelt, er hatte einen Wasserkopf und Glotzaugen. Als nun Adjunas Anhänger dem Gestz entsprechend die Mutter tätowieren und das kleine, verunstaltete Wesen euthanasieren wollten, denn sie dachten für das Kleine, wenn tot, dann gut, im nächsten Leben wird es sicher eine bessere Mutti und einen besseren Körper finden, da stiegen sie plötzlich aus ihren Schlupflöchern im Untergrund hervor, die Leute der alten Lügenreligion und die Frauenverbände. Selbst öffentliches Predigen scheuten sie nicht. Besonders hatte es ihnen auch die Todesart angetan, die sie unmenschlich nannten. Denn mit Euthanasieren meinte man nicht etwa den schnellen, glücklichen Tod mit Giften oder Gasen, bei dem man sich

    hinüberträumte und dann disorientiert erwachte, sondern man dachte daran, bei den Verkrüppelten die Nahrungsstoffe versiegen zu lassen, das hieß, sie in einem dunklen Raum ersticken, verdursten oder verhundern zu lassen. Auf die Art, hoffte man, werde die Wiedergeburt besser und bewußter gelingen. Pure Mystik, reine Spekulation wie Weihwasser.

    Die "Der-arme-Kerl"-Argumentation der Frommen und Frauen schlug bei der Breiten Masse ein wie ein Verkaufshit, und als man Bilder des Jungen verkaufte, rumzeigte und ausbreitete, hörte man manch ein unanständiges "Ist-der-nicht-süß!". Süß - das hieß erbärmlich, jämmerlich und putzig, ja putzig-puppig war er auch. Auch wurde man nicht müde, die Mutter zu loben und zu bemitleiden, "Ach, wie schwer sie es doch hatte!"

    Die prügelnde Polizei hatte alle Hände und Knüppel voll zu tun, den Aufstand, die Aufständischen - die Lage zu beruhigen. Die Anführer erhielten die Höchststrafe von 30 x 30 P-Hieben. Man sagte, die Frommen hätten bei der Schläge selig mit glänzenden Augen nach oben gen Himmel geblickt; einige seinen später seliggesprochen worden; alle hätten sich gerne geopfert und im ganzen sehr glücklich ausgesehen. Nur einige - hauptsächlich Zuschauer und Rädelsführer, Priester, die nicht erwischt worden waren - waren ein bißchen unzufrieden und meinten, im alten Rom sei es großartiger gewesen, die Löwenfütterung. Gebessert hatte sich von denen keiner. Inbrünstiger beteten sie fortan. Bei den Frauen war es anders, als sie Schläge bekamen, schrieeen sie vor Schmerz: "Au, tut das weh!" und sie hatten sich deshalb gebessert; manch eine hatte doch noch in den Hafen der Ehe gefunden, war eine liebende Ehefrau und eine loyale Stütze der Regierung geworden. Happy End. "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sterben sie noch."

    Das Krüppelkind wurde in einen hermetisch verschlossenen Raum gesteckt, in dem es in Kürze erstickte. Von seinem weiteren Weg im Jenseits ist uns nichts gekannt geworden.

    Frauen bekamen von nun an nur noch Tabakbezugscheine, wenn sie sich vorher durch eine Operation steril machen ließen.

    Die Massen der Stadt waren Adjuna ein Dorn im Auge und unheimlich zugleich; nicht selbständig denkend, oft nur von einem gemeinsamen Instinkt oder einer Idee, fixen Idee, getrieben, geleitet, gegängelt und an der Nase herumgeführt, mal starrsinnig und stur wie Sitte und Tradition, mal wechselfähig wie eine Wetterfahne, die Mode und die unbewußt Modebewußten; es war schwer, aus dieser trägflüssigen, richtungslos hin- und herziehenden Masse einen brodelnden Kessel von Zukunftsmenschen zu machen, jeder Tropfen heiß genug, Eiterwunden auszubrennen. Selbst seine Getreuen brachten es nicht weiter, als zu Abbildern ihres Meisters zu werden; ein eigenes Feuer zu entzünden, gelang ihnen nicht.

    Aber Adjunas Feuer brannte immer stärker, gewaltig das Feuer eines jugendlichen Übermenschen, der unter sich leichtsinnig all die kleinen Menschen zertrat, wenn ihn ihre kleinen Gelüste, ihre kleinen Streitigkeiten und Gemeinheiten anekelten. Doch alles, was er erreichte, war Terror und Tyrannei, die Städter wollten sich nicht bessern, im Gegenteil die Angst saß ihnen jetzt im Nacken, und um ihre Angst zu betäuben, konsumierten sie jetzt illegal mehr Rauschmittel, Drogen und Schnaps, als je zuvor, und noch dümmer und phlegmatischer wurden sie. Auf eine ausgehobene Rauschgifthöhle kamen zwei, drei neue. Da so viele Leute in den Alkohol flüchteten, hatte Adjuna auch noch den Schnaps verboten. Und auch hier entstand ein blühender illegaler Markt, der das einst legale Spirituosengeschäft bei weitem übertraf. Auch seine Maßnahmen zur Körperertüchtigung hatten nicht den gewünschten Erfolg, zwar wurden die Bewohner eines jeden Stadtteils vormittags zwangsweise zum Training zusammengetrieben, aber sie nahmen nur lasch daran teil, obwohl es von der PP, wie man die Polizei jetzt kurz nannte, nämlich `prügelnde Polizei', beaufsichtigt wurde und die auch wirklich dazwischen schlug, wenn jemand sich bei den Übungen keine Mühe gab. Doch die Folge der Übungen war Erschöpfung, Folge der Prügel Verletzung, Folge: Die Leute arbeiteten immer weniger, konnten immer weniger arbeiten.

    Adjuna war streng und auch stur, obwohl er sah, wie die Leute litten, sich

    quälten wegen seiner Bestimmungen und Vorschriften, wie sie sich beim Training erschöpften, verausgaben; obwohl er 's sah, sah er 's nicht ein, daß man aus ihnen keine Helden machen konnte, jeder Versuch sie nur mehr einschüchterte und noch kleiner machte, er änderte seine Politik nicht. Und die Leute, sie verloren langsam die einizige Fähigkeit, die die Stadt blühend gemacht hatte, nämlich die Kunst der Profitmacherei, Schieberei, des Immer-auf-den-eigenen-Vorteil-Bedacht-Sein. Eine Kunst verloren, keine neue geboren, die Massen verkommen.

    Adjuna, der nie fror und nie schwitzte und auch im Dunklen sah, kümmerte es wenig, als die Stromzufuhr ausfiel, weil es den E-Werken an Brennstoff mangelte. Die Massen nun aber noch mehr litten, am Tage schien es ihnen zu heiß und nachts zu kalt, und im Dunkeln fürchteten sie sich. Sie irrten ängstlich durch die dunklen Gassen, die verkommenen Massen.

    Da Adjuna sich nicht erbarmte,

    die Stadt verarmte.

    Doch schlimmer als dieser Tyrann

    war, was die Natur tat dieser Stadt an.

    Das Ende der Stadt

    Der Samum weht, Gift entsteht.

    Die Stadt wie eine Hölle brennt,

    der Feuerteufel durch die Straßen rennt.

    In dieser Not

    war Abhilfe höchstes Gebot.

    Das Volk grollte,

    einen neuen Konsul

    auf den Stuhl der Stadt

    forderte man glatt.

    Neuwahlen halten,

    weil Naturkatastrophen walten.

    Adjuna schon resigniert,

    nicht weiter amtiert,

    und da auch niemand anders kandidiert,

    die Stadt in Anarchie krepiert.

    Adjunas Wanderschaft beginnt

    Hinter sich ließ er Flammen und Chaos, Trümmer, Gewimmer. Er mochte sich nicht umsehen; hatte er nun alles verschuldet? Den Feuersturm aus der Wüste hatte er weder aufhalten noch bekämpfen können, die vielen Feuer nicht löschen können und vor allem die Menschen nicht größer machen können, nur eine sehr kleine Anhängerschaft hatte er gefunden, Anhänger, die jetzt aus der Stadt flüchteten, oder, wenn sie zurückgeblieben waren, vom Mob zerrissen wurden.

    Adjuna lief zunächst zu seines Pflegevaters Anliegen, dankte Abraham und Sara zum Abschied und nahm daselbst von seinem Vater einen der Segler, um dem Ideal seiner Mutter Sramania folgend Seemann zu werden, die See zu befahren.

    Ein Trupp alter Getreuer hatte sich mit Familie ebenfalls zum Anlegesteg des Händlers geflüchtet; sie waren dem Adjuna als Mannschaft sehr willkommen.

    Zu viele waren's. Von Abraham großzügig in ein zweites Boot gesetzt, man auslief.

    Die Segel gesetzt

    um Wind gefleht

    und auf geht's.

    Doch das Mittelmeer, immer noch von Neptun regiert, großen Helden grollt.

    Donner rollt, Blitze zucken. Strömung und Sturm in Protest, Sturzseen sich bäumen und brechen.

    Adjuna, der Wüstensohn, auch ein guter Navigator und Steuermann, im richtigen Winkel Welle nimmt, Welle hinabreitet, doch im zweiten Schiff man zu steil ist, sich überschlägt und zerbricht.

    Zerborsten das Schiff, Balken- und Brettergewirr und zappelndes Volk. Adjuna trotz des Sturmes beidreht und an Bord zieht, wen er ergreifen kann. Schnell das kleine Schiff überfüllt und selbst unterzugehen droht.

    Eine kurze Entscheidung, ein bitterer Entschluß, ohne Auslese geht er nicht, und zurück ins Meer wirft Adjuna, was schwach und dumm und nicht von Nutzen, zuerst Kinder, besonders die kleinen, die noch nicht so an die Welt gewöhnt und die noch keine Ausbildung genossen, gekostet hatten, dann Frauen soweit ungebildet und ungeschickt und auch Männer folgten, dumme, faule, unfähige und verletzte. Bald war das Schiff wieder leicht, gut manöverierfähig.

    Das Mittelmeer hinter sich zu lassen, gedachte Adjuna, denn seine Flauten und Fallwinde, unberechenbaren Böen und Starkwinde und der Zorn Neptuns hatten ihn ausgelaugt, seine Kräfte aufgezehrt. Nebel, Mistral und immer wieder Küsten, Inseln, Felsen, die den Weg versperrten, ewiges Ausweichen erforderten. Hatte das nicht alles schon einmal ein Odysseus durchgemacht?

    Das Mittelmeer war gar kein Meer, viel mehr ein tückisches Labyrinth und noch eher ein enges Kerkerloch mit einem klitzekleinen Zugang zur Freiheit, die Freiheit aber hieß Ozean, Atlantik.

    Dem antiken Menschen mochte es der Mittelpunkt seiner beschränkten Welt gewesen sein, doch diese Zeit lag schon lange dahin, und der modernen Menschen Streben und Forschen hatte mit dem genügsamen, mittelmeerischen Denken auch das Mittelmeer als Mitte hinter sich gelassen. Dem modernen Menschen aber war nicht einmal seine eigene Welt Mittelpunkt.

    Und Adjuna richtete sich Richtung Gibraltar, die Säulen des Herakles.

    Die Durchfahrt, die Herakles einst mit seinen großen Muskeln aufgebrochen hatte, Gibraltar, war sie das Tor zur Freiheit, das Tor zu den offenen Ozeanen, zu neuen Welten, weiten Fernen, das Tor, das sich bereitwillig öffnete und den Gefangenen entließ? Nein, eine solche Öfnung war es nicht.

    Diese Öffnung war wie ein saugender Mund, der des Geliebten Zunge nicht hergeben wollte, wie die Flimmerfurche am Kiemenschaft des Muschelmundes, dessen Flimmerepithele einen ins Innere gerichteten Wasserstrom erzeugten, dem die Planktonlebewesen nur mühsam entkommen konnten, sie war auch wie der Trichter des Ameisenlöwen, der die Ameise nicht freigeben wollte. Eine ständige Drift von Atlantik her verhinderte das Entkommen, siebenmal half dem Adjuna eine Brise gegenan und hinaus, siebenmal wurde er bei Flaute oder Gegenwinden von der Strömung zurückgezogen, erst beim achten Mal gelang die Befreiung, die Durchfahrt zum Atlantik.

    Doch was bot der Atlantik: Höhere Wellen, größere Gefahren.

    Auf dem Atlantik und nach Norden

    Die lange Schlange, die Midgardschlange, ihr Leib wallt und windet sich, ihr Schwanz schaufelt schäumend hoch die Gischt und... und wirft der Wogen Wucht Schiff und Schiffern ins Gesicht; Mastbruch, und die stürzende Rah drei Ruderern die Knochen bricht.

    Die Midgardschlange von Poseidons Dreizack angestachelt nicht Ruhe gibt;

    ungestüm stürmt das Ungetüm.

    Doch die Schiffer zäh und kühn

    mit Kampfeslust

    die Zähne beißen

    sich in die Rudern schmeißen

    der Kiel wie ein Keil kerbt

    wie ein Beil beißt

    die See.

    Gemarkt das Meer

    von harten Burschen hehr?

    "Mein Schuppenleib geritzt?"

    wendet sich die Midgardschlange:

    "Das ist ein Witz!

    Mein Leib schlängelt und wellt

    sich um die Welt,

    auf daß sie zusammenhält.

    Ihr könnt mir nicht schaden,

    wenn ihr auch noch so mit den Rudern wirbelt

    und die Spannkraft eurer Muskeln

    eure Haut zersprengt.

    Bald ist euer Atem aus

    und Atlantik euer Grabhaus."

    Die Menschenkinder noch eine Weile

    zappelten in ihrem Boot.

    Erschöpfung, Atemnot,

    Abendbrot

    und dann ins Bett.

    Gar nicht grob

    eine Welle sie aus ihrer Nußschale hob

    und dann in den Atlantik schob,

    in die Tiefe sog

    in den tiefen Trog.

    Und wie sie in die Teife sanken

    sie alle ertranken.

    Nur Adjuna erwachte im Tritonenreich.

    Tatsächlich überlebte Adjuna als einziger,

    tagelang trieb er schwimmend auf dem Meer,

    das salzige Wasser schwemmte seine Haut auf,

    Algen und Plankton färbten ihn grün,

    in seinem langen Haar verfingen sich

    Fische, Seesterne und Quallen,

    Meeresschlangen vergifteten sein Blut.

    Jetzt war er reif,

    Nixen sogen seinen Schweif

    und zogen ihn abgrundtief.

    Und damit er ihnen nicht entschlief,

    küßte eine seinen Mund,

    blies ihm von ihren Kiemen

    Atem ein.

    Adjuna fühlte, wie er an einem weißen Baum in die Tiefe glitt; langsam verschwammen die Formen vor seinen trüb werdenden Augen, nur der Stamm leuchtete noch weiß, und die Nixen glitzerten, dann endete der Stamm in einer Knolle. Ab und zu öffneten sich Höhlen in der Knolle und lang gezogene leuchtende Schatten huschten durch die Öffnungen. Einmal streckte sich eine weiche weiße schaumige Schattenhand nach ihm aus und hielt ihn fest, da merkte er, daß er seinen sehnigen Muskelkörper irgendwo gelassen vergessen und verloren hatte und selbst dieser Gallertmasse nicht entkommen konnte.

    Langsam wurde er ins Innere geholt, wo es bunt leuchtete, aber hauptsächlich rot, rosarot. Die Gallertwesen, die fischig glitschigen Meeresgottheiten, wohnten hier, saßen auf Korallenbänken, lagen auf Algenwiesen, tranken aus Muschelschalen, auf einer Anhöhe spielte ein Orchester unhörbare Musik, die direkt in den Sinn sank, in die Gedanken drang. So wie die Musik so war alles hier Gedanke, niemand sprach, ja, der Mund schien etwas Geschlossenes zu sein, das nur noch saugen konnte wie eine Zellwand; Gedanken tauschte man direkt aus ohne den Umweg über Sprechwerkzeuge und Schallwellen; so hieß sich Adjuna willkommen und fühlte sich willkommen geheißen, so sah Adjuna einen besonders schönen Schatten und dachte, den müßte man umarmen und schon umarmte er ihn, so dachte er und es passierte; oh, welche Freiheit, dachte er, es ist nichts dabei, wenn ich bleibe.

    Während er schmuste und genoß, was immer er wollte, dachte er einmal, wie viel schöner wäre es doch, wenn die Fische Vögel wären und das Blau über ihnen Himmel, die Schildkröten Hunde, der Gründling eine Katze, die Algen Bäume und Büsche und die Tritionen Menschen. Und für einen Moment erfüllte sich dieser Wunsch, doch es entlarvte sich schnell als Illusion. Da fuhr Adjuna wild herum - nein, nein - ich bin nicht für diese Welt, Freunde, lebt wohl, ich muß fort; und er wirbelte noch wilder herum, als er den Ausgang nicht finden konnte. Und weil er sich so heftig bewegte, konnte sich die Nixe, die ihm Atem gab, nicht mehr halten; jetzt geriet er erst recht in Panik und machte zappelige Schwimmbewegungen, um hochzukommen, und tatsächlich schoß er wie durch einen hohlen Baumstamm an die Oberfläche. Da stieß er an Felsen, hatte wieder einen Muskelkörper, der an den scharfen Korallen und Muschelschalen zerkratzte und mit der Brandung wie auf einer Raspel sich immer tiefere Wunden riß. Über ihm war der Himmel, an dem Wolken vorüberzogen, Bäume standen am Rande des Kliffs, Vögel flatterten zwitschernd zwischen ihnen hin und her, am Strand waren Menschen, ein Hund stürmte bellend auf ihn zu.

    Adjuna bewegte sich nicht, sein Geist vermochte seinen Körper noch nicht zu bewegen, auch spürte er die kalte Nase des Hundes, der ihn anstieß, nicht, aber er wußte, er war gerettet.

    Er war zu kleinen, aber freundlichen Leuten gekommen. Man brauchte zehn Leute, um ihn von der Klippe, auf die er gespült worden war, zu heben.

    Man drehte ihn auf den Bauch und versuchte, seinen Unterkörper hochzuheben, um seine Lungen auszukippen. Das ausfließende Wasser entfachte ein Feuer in seiner Brust; der höllische Brand brachte ihm das Bewußtsein zurück; er röchelte, Hals und Nase taten ihm weh, das Wasser verletzte ihn, riß Wunden, wie das Wasser die Feste schleift, den Felsen schneidet, die Faschinen schädigt.

    Die Leute trugen ihn in eine Hütte. Er wollte selbst aufstehen und gehen,

    aber strauchelte immer wieder. Seine Beine knickten ein, wie die Glieder

    einer Holzpuppe.

    Schließlich lag er auf dem Hüttenboden, bleich und blutig. Ein Hund leckte seine Wunden, ein Mädchen brachte warmes Wasser, wusch seinen Körper und wickelte ihn dann in saubere Tücher. Eine alte Frau brachte ihm heiße Milch, auch Brot und Fisch. Dann ließ man ihn schlafen, und er schlief drei Tage lang.

    Am Morgen des dritten Tages aber sprang er auf, wie jemand, der zu lange untätig gewesen war und dem jetzt überdrüssig war.

    Er lief an den Strand, half den Fischern, das Netz mit reichem Fang an Land zu ziehen, machte sich hier und dort nützlich, trug schwere Lasten, flickte Netze und reparierte die Hütte der Leute, bei denen er wohnte.

    Aber die Leute waren ihm zu klein und ihre Probleme erst recht. So stritt man sich zum Beispiel über die Art des Halstuchknotens. Die Alten benutzten dafür den doppelten Palstek, beziehungsweise die Damen den Anderthalb-Rundtörn mit zwei halben Schlägen, während die jungen Leute - Männchen und Weibchen gleichermaßen - anfingen, sich das Halstuch lässig mit nur einem halben Schlag um den Hals zu schlingen, was als Verhöhnung der Tradition und als asozial und unmoralisch angesehen wurde. Aber die Höhe der Beleidigung religiöser Gefühle war, was einige Jugendliche taten, wofür sie dann allerdings auch ihr Leben riskierten, denn es konnte angehen, daß ein wohlanständiger Fischer, der immer hart und fleißig gearbeitet hatte und ein vorbildlich liebender Familienvater war, mal seine Harpune auf so einen mobbigen Kerl schleuderte oder gar abfeuerte. Diese Jugendlichen nämlich hatten sich das Seitenhaar so weit abgeschnitten, da man ihre Ohren sah. Eine Obszönität sondergleichen. Einige hatten es schon teuer bezahlen müssen, nämlich mit dem Verlust der Ohren. Da die Messer hier immer locker hingen, konnte es passieren, daß - ritsch-ratsch - ein oder beide Ohren weg waren. Man erzählte sogar, daß einmal eine Mutter ihrem eigenen Sohn, einem solch obszönen Jungen, als er schlief, beide Ohren abschnitt, wofür sie vom Priester als Traditionshüterin geehrt wurde.

    Eine andere Gruppe von Leuten, die schlecht angesehen wurden, waren - nicht alte Jungfern, die gab es nicht, - sondern alte Junggesellen. Es war allgemein üblich mit 14 zu heiraten, und ein junger Mann, dem es nicht gelang im vierzehnten Lebensjahr zu heiraten, mußte den Spott der anderen ertragen, der sich jedes Jahr steigerte. Man machte ihm zum Vorwurf, daß er nicht attraktiv genug war für eine Frau.

    Einem, der bei seinem einundzwanzigsten Geburtstag immer noch nicht verheiratet war, hatte nun eine Horde Besoffener, die nicht wußte, wie sie

    anders die Hänselei noch steigern konnte, einen Teil des Gliedes abgeschnitten, weil er ihn ja doch nicht brauche.

    Die Reaktion in der Kommune war nun interessant zu beobachten, anstatt daß man die Täter verdammte oder wenigsten den Schnaps und einmal über das Vorurteil gegen die Junggesellen nachdachte, erwog man allen Ernstes, diesen kriminellen Akt zur Sitte zu machen. Besonders die Frauen setzten sich dafür ein, denn für die, die seit Generationen schon immer zahlenmäßig wenigere waren als die Männer und die deshalb besonders verehrt wurden, hätte es ohne weiteres einen zusätzlichen Machtgewinn bedeutet. Denn in Zukunft hätten die Männer sie aus Angst noch mehr umschmeichelt.

    Aber im Gemeinderat, in dem die Frauen und Männer zu gleichen Teilen vertreten waren, denn Frauen durften nur Frauen wählen und Männer nur Männer, dort fand dieser Antrag nicht die erforderliche Dreiviertelmehrheit, die für Sittenänderungs- und -einführungsanträge mit Rücksicht auf die Geschlechtersituation erforderlich war. Diese Dreiviertelmehrheit sollte sicherstellen, daß nicht die überlegene Mehrheit des einen Geschlechts und eine kleine Minderheit des anderen Geschlechts die Sitte ändern konnten. Nur eine 75%ige Mehrheit bedeutete ganz sicher beidseitige mehrheitliche Zustimmung. Es brauchte wohl fast nicht erwähnt zu werden, daß hundert Prozent der Frauen für diesen Antrag stimmten, die meisten Männer aber nicht.

    Antrag abgelehnt, Aufatmen in der Junggesellenkolonie.

    Doch schon am nächsten Tag wurde der Antrag noch einmal eingebracht,

    allerdings in einer anderen, gemilderteren Form: Es sollte erst am letzten und nicht schon am ersten Tag des zweiundzwanzigsten Lebensjahres und nicht der größte Teil des Schwellkörpers, sondern nur die Eichel, was ja doch nur einem Ritual gleichkäme, abgeschnitten werden.

    Dieser Antrag wurde angenommen, denn die Frauen hatten ihre Männer, die gegen den ersten Antrag gestimmt gehabt hatten, in der Nacht bearbeitet, zum Beispiel mit Drohungen wie: Wenn du auch nicht für unseren Kompromißantrag stimmst, gehe ich zu einem von diesen alten Junggesellen.

    Ja, dachte Adjuna, was seltener ist, hat mehr Wert, was hier mehr Macht bedeutet, doch schon ein mit Jungen besetztes, gekentertes und untergegangenes Schiff brächte in diesem Dorf die Waage zum Kippen, aber das passiert nie, die Fischer kennen Wind und Wellen zu gut, nur wie man Frauen in Zucht halten sollte, wissen sie nicht.

    Als Adjuna sah, wie am Strand ein kleiner Lateinsegler beladen und fertiggemacht wurde, fragte er den Schiffer: "He, Skipper, wo geht die Reise hin?"

    "Ich fahre die Küste entlang bis Rom."

    "Kann ich mitfahren?"

    "Hast du keine Angst, daß das Schiff untergeht?"

    "Solange das Land nicht untergeht."

    Und so begann ein neuer Abschnitt in Adjunas Leben.


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