Via Appia, Königin unter den Straßen der Welt, Prachtstraße, Pracht und Triumph, einst umsäumt von 6 000 Kreuzen, Sklaven mit dem Tod ringten, Sklaven, die hofften, die ihrem Schicksal nicht ergeben, das Schwert erhoben, von Capua entflohen, plündernd das Land durchzogen und so vielen römischen Legionen den Garaus machten, doch zu gutmütig das Sklavenheer, zu gutmütig Spartacus, nichts ahnte von der Hartnäckigkeit der staatlichen Autorität, vom Haß und von der Grausamkeit der Saturierten.
Via Appia, Straße großer Triumphe, menschlicher Narrheiten, Fähigkeiten - Tapferkeit, Feigheit, Gemeinheit - Blutstraße, prächtige Gräber zieren deine Ränder - der Tod, unser gemeinsames Ende.
Ich weine eine Träne in deinen Staub.
Und da ragst du vor mir, Rom, du große Hure, die du an vielen Wassern sitzt, du Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden1, einem Brudermord dankst du deine Entstehung, wohl lange lebst du deinen Sünden und gedeihst, dein Sturz wird um so schrecklicher sein.
Eine Wölfin zog dich groß, und wölfisch ist deine Natur. Seit Remus am Palationo über deine frischen Wälle sprang und du ihn erschlugst, haben Mord und Raub sich unaufhörlich gesteigert.
Erst raubtest du der Nachbarn Frauen, später rissest du Städte, Länder und Völker an dich, beraubtest sie ihrer Freiheit, ihrer Werte und vieler wertvoller Leben. Wie eine Seuche breitetest du dich aus. Karthago mußte brennen und Korinth, Mazedonien im Kampf unterliegen, den Judenhaß schürtest du, und in der christlichen Ära potenzierten sich deine Verbrechen unter dem Deckmantel der Nächstenliebe. Oh, Ironie und Heuchelei. Der `Heilige Vater' in Rom veranlaßte Kreuzzüge und die Ausplünderungen Amerikas. Kannte er die Gebote nicht?
Was taten die papistischen Meuten? Rauben und morden. Hundertfältig, tausendfältig schlitzten sie Bäuche, zerbrachen Knochen, schnitten Brüste, Hände, Hälse und Nasen ab, zerschmetterten Kinder an Felsen, ja Millionen und Abermillionen Leiden säten sie, fünfzig Millionen Ermordete schreien ihre Anklage von jenseits des Atlantiks herüber auf diesen verruchten Ort.2
Oh, Rom, was für Verbrechen, was für Verbrecher, was für Supermänner
des Verbrechens hast du hervorgebracht!
1 vgl. John. Off. Kap. 17
2 Die, die nicht wissen, was hier
gemeint ist, sollten Karheinz Deschners `Ein Papst reist zum
Tatort lesen' und am besten auch seine `Kriminalgeschichte des
Christentums'.
Ich bin tolerant, ich akzeptiere den Krieger, ja auch den Mörder und selbst Feiglinge und Heuchler.
Doch diese Mischung von feigen Mördern, von Heuchlern, die im Namen von Nächstenliebe und Seligkeit der Menschheit mehr angetan hat, als jeder ehrliche Verbrecher, Menschen mehr ausgeklügelte Pein, Tortur und Verstümmelung zugefügt hat, als irgendein wahnsinniger Sexualverbrecher, ist eine Krankheit, die mich kotzen macht.
Adjuna, was grollst du? Du stehst auf europäischem Boden, auf Erde, die durstig ist, durstig nach Blut, und obschon lange getränkt, noch lange nicht gesättigt.
Dieser Boden hat eine bleiche, blutarme, noch durstigere Menschheit hervorgebracht. Egal welcher Lehre sie folgt, sie wird immer Grund finden zu trinken.
Sollte der Durst eines Tages gestillt, der Bauch gesättigt, die Arme erschlafft sein und man sich niederlegen, so nur in den Futtertrog der anderen.
Oh weh, der Mensch ist ein Krieger, der Ewig-Kämpfende.
Und nicht nur er, auch das Gras, auf dem er steht.
Eines Tages wird er es nähren.
Der Mörder, der Kaiser war - welcher Kaiser
war schon kein Mörder - lassen wir die Vorurteile - doch dieser
Mörderkaiser mordete mehr, darum auch heilig und groß genannt,
mordete auch seine eigene Verwandtschaft, seinen Schwiegervater
Kaiser Maximian Herculius ließ er erhängen, seinen Schwager
Maxentius und dessen Heer trieb er in den Schlamm des Tibers,
doch des Hasses, des heiligen Hasses, nicht genug, wurde der
Leiche der Kopf abgehauen und im Triumpfzug mit Kot beschmiert
und Maxentius' Familie ausgerottet, seine Schwäger Licinius und
Bassianus ließ er erwürgen, den Sohn von Licinius umbringen,
ebenso seinen eigenen Sohn Crispus sowie zahlreiche Freunde, und
seine Gattin Fausta, Mutter von fünf Kindern, ließ er im Bad
ersticken.1 Das durch diesen Mord ihm zugefallene
Erbe, den Lateran, vermachte er dem Papst. Und noch heute ist der
Lateran im Besitz von etwas, was sich für groß und heilig
hält, einem Monstrum.
1. Karlheinz Deschner
Kriminalgeschichte des Christentums" Band 1 S. 264 u. S. 224
Von Süden kommend, stolpert Adjuna die unebene Via Appia Antica entlang, die Straße des Appius Claudius, einstmals die erste völlig gepflasterte Consularstraße Roms, noch heute findet man das alte Basaltpflaster beim 5. Meilenstein, manch ein zarter Fuß knickte hier schon um. Adjuna brachte auch dieses Stück hinter sich, doch der neuere Asphalt war kaum besser.
Tote aus einer längst vergangenen Zeit starrten ihn an mit ihren steinernen Gesichtern, Familienporträts. Tote wird es immer geben und Totenkulte wohl auch, jedenfalls solange es Lebende gibt.
Hinter der Porta Appia, dem jetzigen Tor des Sebastians, im Schutze der Stadtmauer lag die Herberge `Heiliger Bimbam'. Herbergsvater Wirt Babbuino Hihi hieß - er hatte ein nervöses Leiden, das seine rechte Hand immer von den Schulterecken zur Stirn und runter zu den Juwelen zucken und ihn ebenfalls stottern ließ - hieß Adjuna herzlich willkommen: Ichh ha ha heiße Herr Gottt --nn-noch mal SS-Sie h h herzlich ... undsoweiter willkommen natürlich. Wollen wir ihn nicht weiter quälen. Wenn es einen Gott gab, der am Kreuze starb und gern daran erinnert wurde, bei soviel Bekreuzigen war dem Babbuino das Himmelreich gesichert.
Adjuna nahm sich ein Zimmer. Mit fließend Wasser - aus einer Karaffe. Zum Frischmachen ging er lieber zum Brunnen in den Hof. Dort traf er Lucrezia und Lucino, Gesinde des Hauses. Beide schraken zusammen, da sie am Flittern waren.
Nachdem er sich erfrischt hatte, ging er in die Gaststube. Der Wirt stürmte gleich übereifrig stotternd und sich bekreuzigend auf ihn los, erkundigte sich nach dem Wohlbefinden, und ob er was essen wolle. Auswahl gab es nicht.
Dann brachte er sie auch schon gleich, die Makkaroni. "Hoho - hoho - hoc hoc est ... HHHerr GGottt noch mal" ein Kampf mit der Zunge und eine kleine Verwirrung der Sinne. Dem guten Mann in seiner Frömmigkeit kam immer die Eucharistieformel dazwischen, erst beim dritten Versuch gelang ihm sein Gag, deftiger Volkswitz: Hokuspokus/ das Essen kommt vom Lolo-lokus/ culinarius.
Mit dem kulinarischen Ort war wohl die Küche gemeint.
Adjuna meinte ironisch: Na, du machst nicht nur Makkaroni, sondern
auch makkaronische Gedichte.
Makkaroni mampfend ließ Adjuna es sich gut schmecken.
WeWeWährenddessen - also, Herr Gott noch mal - während des Essens
erzählte Babbuino von den Heiligen, deren Bilder er an die Wand
gepinnt hatte.
Kokokonstantien - fefefrev-frommer Fafafamilienvater.
Fffffinger vvvon Kakakakatharina vvvon Sssiena wwie ihn fffromme Lololeute sehen - mememit Pepepräputium vom Heheherrn.
Tatsächlich zeigte das Bild nur einen Finger, um den sich eine Wurst oder ein Fleischstück oder Geschwür mit Heiligenschein wand.
Babbuino erzählte dann auch noch von der österreichischen Nonne Agnes Blannbekin, deren Bild er nicht hatte, die einmal - ach was sag' i - viele Male die Vorhaut des Herrn auf der Zunge spürte und runterschluckte, immer wieder, wohl hundertmal. Ich hhhätt' ihr gern Ssspaghetti dazu ggekocht.
Nach dem Essen ging Adjuna sich die Stadt ansehen. Via Appia Antica, Via Amba Aradam, Richtung: Neue Via Appia. Sancta Sanctorum, Porta Asinaria, der Lateran. Tausend Jahre lang war hier die Residenz der Päpste.
Sixtus V. ließ einen Obelisken aus dem alten Theben vor dem Lateran aufstellen, aus einer Zeit lange bevor das Christentum erfunden wurde, etwa anderthalb Millennien bevor der Prediger-Zimmermann ans Marterholz genagelt wurde. Wenn die Säule auch vom Stil her nicht in die Landschaft paßte, vom Sinn her sicher. War doch vieles von der altägyptischen Religion nur weiter phantasiert worden, bis es sich als Christentum etablierte. Selbst das Kreuz, das man der Spitze verpaßt hatte, paßte, war es doch schon im alten Ägypten ein heiliges Symbol, freilich für den Penis, oder besser Phallus, denn der Penis hing ja manchmal auch schlapp runter.
Dieses Phallus-Symbol hatte folgende drei Namen, heilige Dreieinigkeit, der aufrechtstehende Schwellkörper hieß Asshur, der linke Hoden oder Querbalken hieß Hea und produzierte weibliche Saat, der rechte Hoden oder Querbalken hieß Anu und produzierte die männliche Saat.
Adjuna trat dichter an dieses spitze Vierkantglied heran, und als er seine Hand an den Riesenmonolith legte, fühlte er sich zurückversetzt in das Heiligtum eines Sonnengottes.
Einst war Ägypten vom Weltengott Horus selbst regiert worden. In der Verkörperung des Königs ging alle Fruchtbarkeit des Landes und alles Lebendige von ihm aus, die Nilschwelle ebenso wie die Ernte, und mit dem Tod eines Königs trat der schreckliche Augenblick des Ruhens der Schöpfung ein. Komplizierte Ritualien und die Nacht des Schlafens waren für den Nachfolger nötig zum Einfangen der Seele und Fortbestand der Schöpfung.
Da der Tod nur eine Krise in Leben des Königs war und er danach vom Jenseits aus weiter segensreich auf seinen Nachfolger, den neuen König, und den ganzen Kosmos einwirkte, wurde er von Priestern mit Brot, Bier, Braten und dem Besten vom Reinen und Feinen versorgt. Wie für die Ameisen die Königin so war für die Ägypter der König ihr höchster Besitz und wie die Ameisenkönigin sich aufblähte und übergroß wurde, so wurde auch der König der Ägypter übergroß, allen gab er Arbeit, allen gab er zu essen, wenn er starb, legte man seinen übergroßen Leib in übergroße Gräber, Mausoleen, Mastabas, aber er wuchs weiter, man brauchte sechsstufige Mastabas, Stufenpyramiden, Pyramiden, gigantische Pyramiden, gigantischere Pyramiden. Auch der Appetit wuchs ins Kolossale. Es entstanden ganze Städte von Schlächtern, Bäckern und Bierbrauern, die die vergöttlichten Leichen fütterten.
Doch die Götter änderten sich wie die Menschen und die Umstände, wenn es auch keiner wahrhaben wollte.
War der König Horus selbst gewesen, Falkengott in Person, und als einziger privilegiert zum Himmel aufzusteigen, zu einem der nie vergehenden Zirkumpolarsterne zu werden, zum Begleiter des Sonnengottes Re, zum Osiris, dem Herrscher des Jenseits, zum - was immer man sich verschwommen und phantasievoll vorstellte - zu werden, dieses Privileg begann zu bröckeln. Ein anderer Aspekt des Horus trat langsam in den Vordergrund, nämlich der des Sohnes des Sonnengottes. Der Sonnengott aber, dessen Hitze man so intensiv spürte in Ägypten, wurde zum Welten- und Schöpfergott, der König war nur noch sein Sohn und ihm damit zur Rechenschaft verpflichtet. Diese Entgottung des Königs brachte es mit sich, daß der König selbst das Beten lernen mußte, daß er menschlicher wurde und damit die ganze Gesellschaft, aber auch, daß die Pyramiden wieder kleiner, die Sonnenheiligtümer größer wurden.
In der Zeit, in die Adjuna gelandet war, hielten sich die als königliches Grabmal dienende Pyramide und der Sonnentempel größenmäßig ungefähr die Waage. Vom Platz des Taltempels aus gesehen, machte der ganze ummauerte Kultkomplex einen angenehm ausgewogenen Eindruck, in der Mitte auf einem mächtigen Sockel der aus nubischem Rosengranit geschlagene Obelisk, an der Seite der Anlage ein mächtiges Sonnenschiff, vor der Pyramide und den Tempeln Opferaltäre. Adjuna stand da ein bißchen deplaciert, um ihn herum barfüßige, braunhäutige Halbnackte, aber keineswegs Primitive. Kostbare, wenn auch nicht Gewänder, so doch Lendenschurze aus offensichtlich feinsten Stoffen verrieten handwerkliches Können und Kultur, ebenso die Schmuckstücke, Halskragen und die kunstvollen Frisuren und hübsch geschminkten Gesichter der barbusigen Frauen. Einige arme Leute, Männer wie Frauen, waren allerdings ganz nackt. Adjuna zog auch schnell seine westliche Kleidung aus: Lieber arm und unauffällig, als für einen Marsmenschen gehalten zu werden.
Emsige Leute waren hier am Werk. Sie trugen Rinderkeulen, gerupfte Gänse, Wein, Bier, Milch, Öl, Brot, Brotgetreide und Gerste in großen Mengen und rannten zu den Opfersteinen. Adjuna wunderte sich, und weil er sich all zu sehr wunderte, stellte er seine Frage: "Heh, was macht ihr denn mit all den Nahrungsmitteln?" "Das sind Opfer für die Götter", war die geflüsterte Antwort. "Was? Ihr verfüttert all die schönen Sachen an die Götter?" "Pssst, über Göttliches spricht man doch nicht so laut. Man flüstert." "Ja, gut, aber eßt es lieber selbst. Laßt die Götter, wenn sie hungrig sind, sich selbst was suchen." "Rede nicht so respektlos von den Göttern. Weißt du nicht, daß sie groß, mächtig und ewig sind. Jeden Tag unseres Lebens danken wir ihnen, ebenso die Nilschwelle und die Ernte. Hätten nicht die Könige und seine Priester jeden Morgen gewissenhaft das Schöpfungsritual wiederholt, wir wären nicht hier, es gäbe weder Glück noch Ordnung, kein Leben, ja nicht einmal einen Kosmos." "Ich komme aus einer fernen Zeit, der Zukunft, in der man eure Götter schon längst vergessen hat und niemand ihnen opfert, aber der Nil schwillt immer noch an und es wird auch weiterhin geerntet." "Das ist nicht wahr, das ist eine Lüge", sagte der Ägypter empört und er sah voller Verachtung, den nackten Adjuna von oben bis unten an: "Auspeitschen sollte man dich Lümmel." Adjuna dachte: Hätte ich doch
bloß meine Kleidung anbehalten, er würde mir dann eher glauben.
"Unsere Religion ist ewig." "Wie könnt ihr so etwas glauben! Viele Jahrzehntausende hat man eine großvulvige Göttin der Fruchtbarkeit verehrt und sieh, was aus ihr geworden ist. Nichts. In Vergessenheit geraten. Religionen sind nicht ewig. Sie leiern aus. Immer die gleiche Leier, das hält die Menschheit nicht ewig aus. Auch eure Tempel werden verfallen, eure Kulte in Vergessenheit geraten..."
Aber der Ägypter hörte schon nicht mehr zu. Sein Zorn hatte sich gesteigert und leise war er nun auch nicht mehr. Er schrie: "Blasphemie, Blasphemie! Man sollte dich verbrennen für deine Blasphemie, dann hast du auch im Jenseits keinen Leib zum Auferstehen und bist tot für immer." Die Leute waren auf Adjuna aufmerksam geworden und drängten auf ihn zu. Er wich zurück. Kaltschnäuzig meinte er noch: "Eine Seele ist kein Wurm, der in alte Leichen kriecht." Da stand plötzlich ein hundeschnäuziger Gott neben ihm und bellte ihn an.
Der Schreck transmittierte Adjuna zurück in den Lateran.
"Gut, daß hier keine Götter sind, die beißen!"
Daß Adjuna so schnell zurücktransmittiert worden war, war natürlich schade. Wäre er nicht von einem Hund verscheucht worden, hätte er gesehen, wie die Geschichte weiterging.
Alles wandelte sich, wendete sich, fächerte sich auf, entfaltete sich, drehte sich, kehrte zu Ursprünge zurück, nahm neue Anläufe, machte neue Sprünge, neue Fehler, neue Versuche, brauchte neue Formen, Namen, Fähigkeiten.
Horus, Horusfalke des Himmels, gibt uns deinen Schutz auf alle Ewigkeit, so bat man und schwor ewige Treue und ewigen Gehorsam. Und der Gott Horus, dessen aufgefächerte Flügel das Himmelszelt waren,
dessen eine Auge die Sonne und dessen andere Auge der Mond war, ließ sein zweites Ich, in einen Erdling inkarniert, Gutes tun. Doch der Himmel faltete sich, die Ewigkeit endete schon nach drei Dynastien, also nach wenigen Atemzügen des Gottes, das Oberste kehrte zuunterst, die Erde wurde zum Sohn des Sonnengottes Re, Horus wurde zum Sohn des Sonnengottes Re, Re aber zum Garanten des Lebens, der er ja auch wirklich war. Die Gläubigen sahen zwar Re, aber wußten nicht, daß Re sie nicht sah.
Als die heile Welt zerbrach, Hungersnöte ausbrachen, Götter und Menschen nichts mehr zu essen hatten, Tempel verfielen, Pharaone verrotteten, begann die Vergeistlichung und die Geburt des Gewissens, statt den Göttern zu opfern, wurde es wichtiger den Armen zu helfen. Auch Adjunas Rat wurde befolgt, man aß selbst.
Aber gute Taten waren nicht vergeblich, der Gott der Schreibkunst, Thot, schrieb sie auf, ebenso wie die bösen Taten, der Wägemeister Anubis wog, der Totenrichter Osiris wachte mit seinen Assistenten-Schwestern Isis und Nephtys, der Verschlinger, ein Mischwesen aus Krokodil und Nilpferd, also ein Nildil oder Krokopferd, wartete, und wenn die bösen Taten überwogen, verschlang es den Übeltäter. Der zweite Tod, der endgültige, trat ein.
Mochte die Sonne auch noch so fleißig scheinen und das Leben auf Erden ermöglichen, auch die Tage ihres Kultes waren gezählt.
Die Urschlange des Chaos war schon da vor der Schöpfung, inkarniert in Osiris, wurde sie zum menschengesichtigen Gott. Osiris Bruder Seth aber tötete und zerstückelte Osiris und verstreute seine Fleischstückchen über den ganzen Erdkreis. Isis, Osiris Schwester und Gemahlin, suchte und suchte und sammelte, bis sie alle Stücke zusammen hatte, und belebte ihn wieder. Wiederbelebt genoß Osiris die geschlechtliche Vereinigung mit seiner Schwester und Gattin Isis. Ein Sohn wurde ihnen geboren: Horus. Man verbarg ihn im Sumpfdickicht des Nildeltas aus Angst vor Seth, bis die Götter entschieden: Horus wird Herrscher im Lande Ham, Osiris Herr des Totenreiches.
So wurde Osiris, dessen Mythos voll menschlicher Liebe sich angenehm von der hunde-, affen- und vogelköpfigen Götterwelt der Ägypter abhob, zum Totengott. Und da jeder, selbst die Sonne, in das westliche Reich des Todes einging, trat sein Kult in den Vordergrund. Gräber wurden am Ende tiefer Stollen, dem Korridor des Sonnenweges, auf halbem Weg zur Unterwelt angelegt.
Osiris wurde der höchste Gott, denn im Jenseits war man ewig, im Diesseits nur vorübergehend.
Mit dem Gefühl der Gottverlassenheit kam auch ein unsichtbarer Gott in Mode. Dafür möbelte man den alten Windgott der Nilschiffer, Amun, zum Reichsgott auf.
Götter konnten auch verschmelzen: Amun mit Re zu Amun-Re. Amun mit Min zu Amun-Min, dann trug er die Fruchtbarkeitssymbole des
letzteren, Phallus und Geißel.
Amun schlüpfte auch in das Widderkostüm des Schöpfergottes Chnum und verschmolz so mit ihm, ebenfalls schlüpfte er in das Kostüm einer Nilgans und verschmolz so mit dem großen Schnatterer, der das Urei legte, und war so Teil des Urgottes, der vor aller Schöpfung und allem Anbeginn existierte. Und am heiligen Ort von Djeme verschmolz er mit der Urschlange Kematef und dreimal monatlich besuchte sein Götterbild in der Götterbarke das Götterbild der Schlange, um sich selbst als seinen Urvater zu besuchen.
Götter verschmolzen, aber sie lösten sich auch auf - in Luft, früher oder später.
Zwar hatten die Ägypter Osiris für immer in die Unterwelt verbannt, wo er als moralischer Richter mit Seelensortiererei beschäftigt wurde, doch wurde er ins Römische Reich, als die einheimischen Götter abgewirtschaftet hatten und selbst die Auguren über sich lachten, mit anderen fremdländisch orientalischen Kulten in das allgemeine Götter- und Glaubensvakuum gesogen und zur ewig sterbenden, und wichtiger, ewig wieder auferstehenden Gottheit gemacht, wobei man die sittliche Komponente des Gottes tunlichst vergaß, seine Schwestergattin Isis wurde Naturmutter und auch die anderen Götter ihres Gefolges fanden neue Jobs.
Später wurde Osiris dann mit Mithras, Buddha, Herkules, griechischer Sage und jüdischer Legende zu einem Eintopf verkocht. Aus dieser Suppe, oder war es der Zylinder eines Magiers, zog man den Neuen Messias hervor. Nicht an den Ohren, die waren woanders. Die langen Ohren nämlich hatten wie immer die Gläubigen und es waren auch keine Kaninchenohren, sondern die des Esels. Dem ägyptischen Henkelkreuz schlug man den Henkel ab, der eigentlich ein Vaginasymbol war, und den neuen Gott, eigentlich nur ein Drittel eines ganzen Gottes, schlug man allen sichtbar an das verstümmelte Göttersymbol. Ein neuer Glaube war geboren, der eine neue Ewigkeit für sich in Anspruch nahm.
Doch das war nur ein alter Irrtum. Götter waren nicht ewig, genausowenig wie Menschen oder Saurier.1+2
1. Für Informationen zur ägyptischen Götterwelt habe ich Peter H. Schulzes Werk benutzt.
2. Für
Informationen über das Römische Reich war Theodor Mommsens
Standardwerk `Römische Geschichte' von unschätzbarem Wert.
Adjuna aber ging vom Lateran zum Vatikan.
Zuerst kam er an einer antiken Wasserleitung vorbei, dem Aquädukt des Kaisers Claudius, das einst das Wasser vom fernen Aniene-Tal in die Stadt brachte. Eigentlich war dieses Aquädukt von Caligula geplant und die Bauarbeiten dazu waren auch von ihm begonnen worden. Man sieht, daß dieser später so verfemte Kaiser auch Gutes getan hat, wie jener Einhodige, der die Autobahnen baute.
Caligula war aber auch ein Witzbold, der sein eigenes Pferd zum Konsul machte, außerdem war er ein Mann, der die Frauen zu würdigen wußte. Jede Frau, egal wie edel sie sein mochte, wie hoch ihre Geburt, mußte ihm auf Verlangen ihre Muschi zeigen; so sehr erniedrigte sich dieser Kaiser vor den Frauen. Seid nicht empört, es war ein harmloses Vergnügen, wenn man bedenkt, daß späteren Prunkmännchen erst die Augen glänzten, wenn sie Frauen brennen sahen.
Weiter ging Adjuna am Kolosseum vorbei. Wer kannte es nicht, das Gerücht: Wenn das Kolosseum zusammenfällt, fällt Rom, wenn Rom fällt, fällt die Welt.
Adjuna sah genau hin. Es war schon viel abgebröckelt - vom Kolosseum, aber nichts von der Welt.
Sein Weg führte ihn weiter durch den Konstantin-Bogen, wo sich ein Unterdrücker als Befreier feiern ließ, wie so oft in der Geschichte.
Irgendwann sah er auch das Pantheon. Dieser römische Tempel war allen Göttern des himmlischen Pantheons gewidmet, das Loch in der Mitte der Kuppel aber der Sonne, und tatsächlich schien von diesem Sonnensymbol richtiges Sonnenlicht. Der Niemand-sei-neben-mir-Gott war natürlich in römischer Zeit ausgesperrt.
Später dann wurde das Gebäude, da es sich für die Anhänger des Niemand-sei-neben-mir-Gottes um einen heidnisches Heiligtum handelte, mit der Christen eigenen Respektlosigkeit behandelt, dabei hatte das Gebäude aber noch Glück gehabt, denn während andere Tempel
total zerstört wurden, wurden dem Pantheon
zuerst nur die vergoldete Bronzeverkleidung der Kuppel
rausgerissen und der Ort dann erst mit Leichenresten und später
mit dem Kult des Niemand-sei-neben-mir-Gottes entweiht. Später
wurde dann auch noch die Bronzeverkleidung der Pilaster und
Kapitelle rausgerissen, die dann in der Peterskirche neue
Verwendung fand, beziehungsweise dem christlichen Glauben als
Kanonenkugel auf der Engelsburg diente. Bei Treffern wurden aus
Christen Engel. Frühestens dann, wenn überhaupt.
Zögernd betrat Adjuna den Vorplatz der großen Kirche. Die Kreisform des Platzes sollte die Erdscheibe symbolisieren, die seitlichen Kolonnaden, antiken Säulenhallen nachempfunden, die allumfassenden Arme - oder sind es die Hände? - der Kirche.
Dieser Erdscheibe schloß sich noch ein länglicher Platz an, bevor man die Stufen zur großen Kirche erreichte, so daß von oben gesehen das ganze wohl wie ein Schlüsselloch aussah.
Vorsichtig ging Adjuna weiter bis zum Haupteingang und hindurch. Er erschrak nicht schlecht, bis zum Dach hin war das Gebäude, von den massiven Säulen abgesehen, hohl. Engel hätten viel Platz zum Herumflattern, dachte er beeindruckt. Als die Welt noch eine Scheibe war und man an den Kanten herunterfiel, war hier also das Zentrum, der Mittelpunkt der Macht, auf die man hereinfiel.
Als jetzt der Chor auch noch ein Liedchen anstimmte, Choral nannte man so etwas wohl, flüchtete er in einen Seitenraum. Es stellte sich heraus, daß das eine Kapelle war.
Ein Priester trat zu ihm und erklärte ihm: Diese Palastkapelle entspricht in Maßen und Aufbau dem Tempel Salomons. Die Fresken dort umfassen die Menschheitsgeschichte von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht. Da über der Chorwand. Das ist das Jüngste Gericht.
An deinem verknoteten Haar sehe ich, daß du einer fremden Kultur entspringst. Sicher bist du nicht vertraut mit unseren Sitten und unserer Religion.
Nein, erkläre sie mir.
"Wo ist euer Gott?" "Das ist unsrer Gott,1 das heißt ..." "Eine Göttin, eine Fruchtbarkeitsgöttin!" "Nein, nein, das Baby meine ich." "Ihr betet ein Baby an?" "Nein, nein, das Baby ist natürlich auch mal groß geworden. Als du den Petersdom ..." "?" "so heißt der Dom hier - betreten hast, war gleich rechts unter einem großen Kreuz unser Heiland, Jesus Christus - so heißt er - dargestellt, wie er vom Kreuz abgenommen, tot in den Armen seiner trauernden Mutter liegt." "Ein Muttersöhnchen."2
1 (Fußnoten)
Es ist ein Mysterium! Auf welches Bild zeigt der Priester denn da bloß? Hat er vielleicht etwas in der Hand, ein Bild von Maria und dem Jesuskind, vielleicht ein Hochglanzfoto von der `Madonna Litta' aus dem Hermitage Museum in Leningrad, die Leonardo da Vinci zugesprochen wird, oder nicht bloß stillend, sondern auch Sex Appeal ausstrahlend, `Maria mit dem Kind' von Jean Fouquet, oder `Madonna mit dem langen Hals (aber ohne Sex Appeal)' von Il Parmeggiano, worauf das Jesuskind Ähnlichkeit mit einem Außerirdischen, nämlich einer populären Vorstellung von Ufo-Insassen, hat? Sicher war es nicht Max Ernst's Gemälde von Maria, wie sie dem Jesuskind einen Arschvoll gibt, den Hintern versohlt, haut, drischt, oder wie sonst auch immer nach Landstrich und -faden Kindesmißhandlung genannt wird; `The Blessed Virgin Chastising the Child Jesus Before Three Witnesses: A. B. [Andr Breton], P. E. [Paul luard] and the artist', 1926, 196 mal 130 cm, Mrs Jean Krebs collection, Brussels.
Vor der französischen Revolution, als das Christentum noch dominierte, hätte das Malen eines solchen Bildes dem Maler einen grausamen Tod für Gotteslästerung eingebracht. Die guten, alten Zeiten sind zum Glück vorbei, und kommen hoffentlich auch nie wieder.
Wenn der Priester nun aber gar kein Bild zur Hand hatte, das er Adjuna zeigen konnte? - Dann gab es im Raum eine Vision, die für beide sichtbar war.
2 Diese Theorie wird in dem äußerst lesenswerten Buch "Muttersöhne" von Volker Elis Pilgrim vertreten.
(Ende der Fußnoten)
"Du kennst unsere Religion nicht. Du hast sicher auch noch nie was von der Frohen Botschaft gehört!" "Nein, was ist das für eine frohe Botschaft?" "Gott ist hernieder gekommen ..." "Waaas? Zu uns. Wo ist er?" fragte Adjuna erstaunt, sich nach rechts und links umblickend.
"Nein, nein, zu einer Jungfrau, zur Jungfrau Maria." "Ach so. Und dann?" "Dann kam das Jesuskind, unser Heiland, zur Welt, Gottes Sohn. Das ist oft dargestellt worden. Komm, da am Stand gibt es einen Bildband mit Krippenbildern. Unser Heiland wurde nämlich in einem Stall geboren und in eine Krippe gelegt." "Ich wurde in der Wüste geboren und auf harte Steine gelegt."
Der Priester blätterte in einem der Bildbände und zeigt dann einige auf Hochglanzpapier gedruckte Gemälde: "Das hier ist die Mutter Maria, das das Jesuskind und das sind die Heiligen Drei Könige. Die hatten die Frohe Botschaft vernommen und sind gekommen." "Ah, und da, neben Maria, ist das Gott?" "Nein, das ist Joseph, der Mann von Maria." "Ach, sie war verheiratet." "Ja." "Habt ihr keine Bilder von Marias Geschlechtsakt mit Gott?" "Oh, es gab keinen Geschlechtsakt, Gott flüsterte ein Wort, und das Wort drang durch Marias Ohr in ihren Leib ein. Das ist, wie sie empfing. Auch das ist oft dargestellt worden und zwar als Taube, die den Samen Gottes zu Marias Ohr bringt. Maria hat also ganz ohne Sünde empfangen." "Ohne Sünde?" "Ja, ohne Lust des Fleisches." "Lust des Fleisches? Was ist das?" "Lust des Fleisches - also - ohne geil zu werden", antwortete der Priester errötend. "Ist es nur das Fleisch, das empfindet?" "Ja, und Maria war, auch nachdem sie den göttlichen Samen empfangen hatte, noch Jungfrau." "Wie langweilig! Und verheiratet war sie auch noch?" "Ja, mit Joseph, den wir hier auf dem Bild sehen." "Und was hat dieser Jesus auf dieser Welt getan?" "Viele Wunder und gepredigt."
Wundertun und Predigen, war das vielleicht auch meine Aufgabe, hatte man mir nicht irgend etwas mitgegeben, als ich geboren werden sollte?
"Aber das Wichtigste: Durch seinen Opfertod am Kreuz hat er die Menschheit von ihren Sünden befreit. Alle Christen sind aufgefordert, ihm nachzufolgen." "Wunder tun und predigen." "Ja, und sich opfern für die Menschheit. Wir alle streben danach, wie Gott zu sein, das heißt gut." "Und die Menschen, die vor Jesus gelebt haben, werden nicht von ihren Sünden befreit?" "Nein, und auch nicht die, die Gott nicht annehmen." "Was für Sünden sind das überhaupt?" "Wir begehen natürlich viele Sünden: Gier, Ausschweifungen und Ungehorsamkeit gegenüber Gott, aber zuerst einmal ist da die Erbsünde. Laß mich weiter ausholen: Bei der Schöpfung. Die ist da oben an der Decke dargestellt." Und sie gingen wieder weiter in den Raum hinein. "Auf dem ersten Bild teilt Gott das Licht und die Finsternis. Auf dem zweiten schafft er Sonne, Mond und Pflanzen. Auf dem dritten teilt er das Land und das Wasser voneinander. Auf dem vierten schafft er den ersten Menschen, Adam, auf dem fünften aus Adams Rippe die erste Frau, Eva." "Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich als Kind hörte. Nämlich, daß Gott die Welt in
sechs Tagen erschaffen hat und sich dann ausruhte. Als Kind hab ich mich immer gewundert, wie er zuerst das Licht, aber erst am vierten Tag die Lichter schaffen konnte." "Ja, genau, das ist unser Gott. Siehst du, unser Glaube ist dir ja doch nicht ganz unbekannt. Und siehst du, da oben, das nächste Bild zeigt den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies." "Ja, einige Leute meinen, das Von-der-verbotenen-Frucht-Essen sei ein Euphemismus für den Geschlechtsakt." "Aber das ist doch unwahrscheinlich, wo Gott doch ausdrücklich gesagt hat: Seid fruchtbar und mehret euch. Es war wohl nur ein Baum, an dem Gott unseren Gehorsam testen wollte. Leider haben wir diesen Test nicht bestanden. Und das ist unsere Erbsünde, mit der wir alle geboren werden. Aber es blieb nicht bei dieser Sünde. Die Menschheit wurde schnell immer sündiger, und Gott schickte eine Flut, um die Menschheit und alles Leben zu vernichten." "Wie war das mit den Fischen? Die konnte er doch nicht ertränken." "Natürlich nicht. Der einzige gottesfürchtige Mann damals war Noah mit seiner Familie. In einem Kasten überlebte sie
mit Tieren zusammen die Flut. Auf den letzten drei Bildern da oben siehst du Noah. Sicher hast du auch von ihm schon gehört." "Ja. Was macht er auf dem dritten Bild?" "Da ist er betrunken und hat sich aus Versehen aufgedeckt; sein Sohn Ham sieht seine Nacktheit und wird deshalb von Noah, als dieser wieder wach ist ..." "... und nüchtern - oder immer noch besoffen?" "...verdammt, für immer, das heißt, auch seine Nachkommen, die Kanaaniter, dazu, Sklaven zu sein. Einige sagen, Ham war ein Schwarzer." "Das ist hart." "Ja, aber die Menschheit sündigt immer weiter. Sodom und Gomorra. Hast du davon gehört?" "Ja, wo nur
der gottesfürchtige Mann Lot mit seinen Töchtern gerettet wird. Ein Mann, der sich auch besäuft, und zwar so, daß er nicht merkt, daß er seinen eigenen Töchtern beischläft."
"Ein anderes wichtiges Ereignis in der Geschichte der Menschheit sehen wir hier an der Wand: Auf dem Berg Sinai bekommt Moses von Gott die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten: 1. Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser ist." Adjuna blickte sich erstaunt um. "Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen, denn ich bin ein eifersüchtiger Gott. Zweitens: Du sollst den Sabbat heiligen. Drittens: Du sollst den Namen des Herrn nicht mißbrauchen. Viertens: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Fünftens: Du sollst nicht töten. Sechstens: Du sollst nicht ehebrechen. Siebtens: Du sollst nicht stehlen. Achtens: Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Neuntens: Du sollst nicht
gelüsten deines Nächsten Weib. Zehntens: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel noch alles, was sein ist. Gott gab noch viele andere Anweisungen über den Bau und die Ausstattung der Bundeslade und der Stiftshütte, über Brandopfer und priesterliche Kleidung. Aber während Moses oben bei Gott war, hat das Volk ein goldenes Kalb gemacht und angebetet. Da siehst du das Kalb. Aus Zorn darüber zerbricht Moses die Tafeln hier. Später macht er dann neue. - Hier auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir ein ähnliches Bild. Das ist die Bergpredigt. Jesus steht da auf dem Hügel und lehrt dem Volke und seinen Jüngern: Selig sind die geistlich armen, selig sind die, die Leid tragen, selig sind die Sanftmütigen, selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, selig sind, die da reinen Herzens sind, selig sind die Friedfertigen und die, die um der Gerechtigkeit willen
verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr. Und er erklärt auch, was das vornehmste und höchste Gebot ist, nämlich: Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte, die anderen Gebote aber sind zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und hier rechts, ein anderes wichtiges Ereignis: Jesus übergibt seinem Jünger Petrus den Schlüssel zum Himmelreich und setzt ihn so zu seinem Nachfolger ein. Wir, die Kirche, und unser Papst, wir stehen in dieser Nachfolge, außerhalb der Kirche gibt es kein Heil. Sankt Peter, also der heilige Petrus, hat das Evangelium verbreitet und am Ende dafür hier in Rom mit dem Märtyrertod bezahlt. Da er die Todesart wählen durfe, wählte er, mit dem Kopf nach unten ans Kreuz geschlagen zu werden, um sich nicht vor Jesus Christ zu erhöhen. So demütig war er. In der Cappella Paolina gibt es ein Fresko von Michelangelo, von dem auch die Decke hier und das Jüngste Gericht stammt, das zeigt wie er ans Kreuz genagelt ist, außerdem gibt es zum gleichen Thema in der Cappella Cerasi in der Santa Maria del Popolo ein Ölgemälde von einem anderen Michelangelo, nämlich Michelangelo Merisi, der berühmt geworden ist unter dem Namen Caravaggio." "Er hat sich nicht geliebt." "Wer? Caravaggio?" "Nein, Petrus." "Was meinen Sie damit?"
"Ich meine, ein Gebot wie `Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst' kann die Welt nicht verbessern, wenn man sich nicht selbst liebt. Sind die Menschen glücklicher geworden, weil Petrus sich opferte?" "Ja, auf jeden Fall. Viele haben den Glauben angenommen und die Kirche ist heute eine weltweite Organisation und hat Macht."
Der Priester erklärte Adjuna noch vieles: "Hier in diesem Raum wird übrigens nach dem Tod eines Papstes der neue Papst gewählt" und "dieser Altar darf nur vom Papst benutzt werden." Er erklärte das große Fresko an der Altarwand, das das Jüngste Gericht darstellt, wo Jesus so bedrohlich den Arm hebt, von Himmel und Hölle, vom Thron Gottes, der Heiligen Dreieinigkeit, den Engeln, den Märtyrern, die als Heilige verehrt werden und die als rechte Hand Gottes um Fürbitte angegangen werden können, die glorreiche Geschichte der Kirche sowie ihre Sorgen und Kummer.
Ist es Missionseifer? Ich sollte auch eifriger sein. Was bedrückt mich hier nur so? Die Decke ist doch hoch genug.
"Die Menschen knien?" "Ja, das sind demütige Christenmenschen, die sich bewußt sind, armselige Sünder zu sein." "Ach ja. Sie sagten ja vorhin, daß die Christen danach streben, wie Gott zu sein."
Aber nicht alle waren demütig, einige waren offensichtlich Schaulustige, die's leicht nahmen: Kommst du heute abend mit zum Abendmahl? - Neee, ik bin Vegetarier! wurde mit Gelächter aufgenommen.
Langsam gingen sie auf den Ausgang zu. Adjuna kaufte sich noch ein Andenken, dann verabschiedete er sich. Der Priester schenkte ihm noch ein schwarzes Buch, die Heilige Bibel. "So ist Gottes Wort immer bei Ihnen. Versuchen Sie einmal, was Gott Ihnen zu sagen hat." "Wie denn?" "Stechen." "Wie?" "Stechen. - Sehen Sie. Das geht so. Schließen Sie die Augen und stecken Sie einfach den Finger in das Buch und zeigen Sie auf eine Stelle. Das will Gott Ihnen dann persönlich sagen."
Adjuna tat, wie ihm geraten wurde, und als er die Augen wieder öffnete, hatte er leere Seiten vor sich. Es waren die Seiten, die sich zwischen dem Alten und dem Neuen Testament befanden.1 "Sie können es ja noch mal versuchen. Vielleicht haben Sie dann mehr Glück." Adjuna machte wieder die Augen zu und probierte es noch einmal. Als er die Augen wieder öffnete, zeigte sein Finger auf 4. Buch Moses, 31. Kapitel 17: Erwürgt nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Weiber, die Männer erkannt und beigelegen haben; aber alle, die weiblich sind und nicht Männer erkannt haben, die laßt für euch leben." "Ich denke, Euer Gott hat an fünfte Stelle gesetzt: Du sollst nicht töten."
1 Diese Begebenheit ist mir tatsächlich bei diesem gläubigen/abergläubischen Stechen passiert und zwar mit meiner eigenen Bibel, bei der diese Seiten durch nichts besonders hervorgehoben sind und ich immer verzweifele, wenn ich mal das Inhaltsverzeichnis am Anfang des Neuen Testaments suche.
Aber Glocken fingen an zu läuten und der Priester hatte keine Zeit mehr und mußte gehen. Im Weggehen rief er noch: Kommen Sie bald wieder!"
In Gedanken versunken, kopfschüttelnd ging auch Adjuna. Mmmh, ...mit Jungfrauen, deren Väter und Mütter man umbrachte, - - -."
Dann fiel ihm sein Andenken ein. Was hatte er denn da gekauft? Aus Holz war es. Ein Kreuz. Daran hing ein junger Mann, wie ihm schien, - angeheftet. Ein Leinentuch locker um die Lenden. Ein Mysterium, daß es nicht herunterfiel. Und ein Symbol. Die Religiösen, wie sie ihre eigene Impotenz verschleiern, so auch die Impotenz ihres Gottes.
Wie im Himmel also auch auf Erden.
Oder umgekehrt.
Die Religiösen sind nicht impotent, sie haben mehr vergewaltigt als geile Böcke.
Die Religiösen sind doch impotent, weder sie noch ihr Gott noch dessen Sohn haben eine bessere Welt geschaffen.
Nachdem Adjuna jetzt wieder draußen war, fühlte er sich niederschlagen, bedrückt, erdrückt - impotent. Das gab's doch nicht. Das durfte nicht sein. Er mußte schnell mal irgendwohin. Aber wohin? Er kannte kaum den Weg zurück. Und das war nicht, wo er hinwollte.
Also wohin?
"Entschuldigen Sie, können Sie mir..." Nichts. "Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen..." Die Leute eilten weiter... "Ent..." ...schienen ihn nicht zu bemerken. "Bitte." ...schienen es eilig zu haben. Entschuldigen Sie bitte, ..." War er unsichtbar geworden?
Er ging direkt auf jemanden zu und sprach ganz schnell: "Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen ..." Es hatte keinen Sinn, der Mann hatte einen Bogen um ihn gemacht und war schon wieder in der Menge verschwunden. Durchsichtig war er also nicht. Die Stadtmenschen eilten weiter, alle irgendwohin, und Adjuna irrte weiter, bloß wohin?
Da ging eine junge Dame, die mehr Zeit zu haben schien. "Entschuldigen Sie, können Sie mir helfen. Ich bin fremd hier." "Ja, was kann ich für Sie tun?" "Ich suche ein Freudenhaus." Barsch drehte sich die Frau um und ging weg. Adjuna gab's auf. Keiner wollte was von ihm wissen, er war verachtet, ausgestoßen, einsam, das alles nur, weil er seine Potenz verloren hatte, er mußte sie verloren haben, es konnte gar nicht anders sein - wenn er doch endlich ein Freundenhaus finden würde, nur ein Mädchen konnte ihm Gewißheit geben - aber es konnte nicht anders sein, er mußte sie verloren haben. Es war dunkel geworden und hatte angefangen zu nieseln. In erleuchteten Tavernen tanzte und alberte man fröhlich zu flotter Tanzmusik. Ich gehöre nicht zu ihnen, dachte er und hastete weiter. Immer wieder Tavernen, immer wieder Tanzmusik. Der Regen wurde stärker. Ob ich doch mal versuche reinzugehen? Ja, ich wag's. Als er am Eingang stand, verstummte die Tanzmusik und alles sah ihn schweigend an. Schnell floh er von dem Ort. Er mußte schrecklich aussehen, vielleicht leblos, wie der Tod, wie eine Leiche leichenblaß, er hatte seine Kraft verloren, er war zerstört, einsam, hilflos, wie einst Samson, nachdem man ihm die Haare geschnitten hatte.
Er stolperte die Langwand der Santa Andrea della Valle entlang und fiel dann über die rostige Eisenstange einer Umzäunung, die für einen so großen Menschen wie ihn zur Fußangel geworden war. Sein Kopf krachte gegen einen Steinklotz. Benommen rappelte er sich hoch.
"Guten Abend. Ich bin Abate Luigi", schien die Figur auf dem Klotz zu sagen. "Nett, daß du zu mir sprichst. Erzähl mir mehr!" Aber so sehr Adjuna auch an der Statue rüttelte, sie war aus Stein und blieb aus Stein und sprach kein Wort mehr.
Nur eine in der Dunkelheit nur schwer
entzifferbare Inschrift sagte ihm noch etwas:
Im alten Rom
war ich ohne Ruhm
und ohne Rappen,
Opfer Ränke
und starker Getränke,
doch jetzt pappen
Onkel und Tanten
Pasquinaten
an meine Kanten.
Ein neues Leben
ist mir gegeben.
Hab ich auch keinen Bregen,
ich geb Euch meinen Segen.
Die Glückseligkeit von Stein
währt länger als des Menschen Unglück-sein.
Ein Stein mag wohl glücklich sein, stößt sich weder Beulen, noch findet er das Leben zum Heulen. Doch wer hat schon die Wahl zwischen Stein und Menschsein.
Wo sind denn die versprochenen Pasquinaten?
Fast wie ein Blinder tastete sich Adjuna am Stein entlang. Ah, da
sind ein paar Zettelchen. Was steht denn drauf: Die Pappisten
sind Faschisten. Ein anderes Zettelchen: Wußtest du das schon,
Religion ist der Menschen Hohn? Mmmh, das reimt sich ja ganz gut.
Ah, hier ist etwas, das sich nicht reimt: Der Vati-kan, aber soll
er auch?1 und hier: Lieber eine befleckte Verhütung,
als eine unbefleckte Empfängnis.2 Was interessieren
mich Verhütung und Empfängnis, ich bin ein Mann und außerdem
fühle ich mich impotent. "Im Lenz kommt Potenz, im Winter
kriegst nen kalten Hintern." Das hilft mir auch nicht, jetzt
ist Sommer. Außerdem schlecht gereimt.
1 + 2 "Der Vati-kan, aber soll er auch?" wurde einem satirischen Artikel der österreichischen Monatszeitschrift MOZ vom Juni 1988 entnommen. Der Autor des Artikels Wolfgang Beyer wurde für seine gottes- und papstlästerliche Satire in erster Instanz mit einer Haftstrafe von einem Monat auf drei Jahre Bewährung verurteilt. Das Urteil wurde in der Berufungsverhandlung in eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen auf Bewährung umgewandelt.
"Lieber eine befleckte Verhütung als eine unbefleckte Empfängnis" war Text eines Aufklebers von Birgit Römermann und ihrer internationalen Gemeinschaft zur Entwicklung der Lebensfreude. Birgit Römermann wurde gemäß `Gotteslästerungsparagraph' § 166 StGB 1984 vom Göttinger Richter Freiboth zu einer Geldstrafe von 400 DM verurteilt.
Der Autor dieser Vita Adjuna kann natürlich
nichts dafür, daß solche gotteslästerlichen Texte an der
Statue des Abts Luigi angebracht waren. Genauso wenig wie der
Autor eines Krimis etwas dafür kann, daß ein Mord in seinem
Buch passiert.
Was gibt es denn noch? "Den höchsten Genuß/ schaffen mir weder Künstler noch Dichter/ Ein Frauen-Kuß/ ist mir viel wichtiger/ und Frauen Gunst/ ist wahre Kunst/ und wird sie auch teuer bezahlt/ sie ist es wert." und "Ein käufliches Gretchen,/ ein Freudenmädchen,/ verkauft Liebe und Lüge,/ und ist doch ehrlicher als die Pfaffen,/ die Schuld und Sünde schaffen,/ und uns dann ihr Vergeben/ andrehen." Aha, wir kommen der Sache schon näher. Was steht denn auf der Rückseite. "Der Freudenmädchen Ware ist Liebe. Der Theologen Liebe ist wahre Lüge." Es ist schön, sich zu unterhalten und Dinge erklärt zu bekommen. Mehr. Oh, ein Zettel mit rosa Herzchen und roten Lippen. "Herzen, küssen,/ knutschen, kosen,/ busseln, blasen,/ lecken, laben,/ kannst du haben/ bei Horizontalen." Oh, ihr Huren und Horizontalen, wo seid ihr? Wo finde ich Euch bloß in dieser großen Stadt. Adjuna sah sich schon umarmt. Was steht auf der Rückseite? Eine Adresse? Unleserlich. Schade. Vielleicht werben noch andere Dirnenhäuser hier am Stein, und er suchte den Sockel auf weitere Zettel und Inschriften ab. Er fand nur ein kleines Zettelchen: "Die Dirnen spenden ihren Segen mit gespreizten Beinen, die Pfaffen verkaufen ihren Segen mit gespreizten Armen. Bruder, ich frage Dich: Wo bekommst Du mehr für Dein Geld?" Dumme Frage, ich bekomme ja nur einmal was.
Große Weisheiten findet man aber nicht bei dir, Luigi, und du willst Abt sein?
Was leuchtet denn da auf? Da steht ja noch was geschrieben, mit besonderer Farbe, sonst würde das ja nicht plötzlich phosphorizieren.
"Für Weisheit bin ich nicht zuständig.
Geh zu Babbuino! Nur Narren denken, sie sind weise, Weise aber
wissen, sie sind Narren.1"
1 Shakespeare,
Wie es Euch gefällt V,1
Adjuna wußte zwar nur, daß sein Wirt Babbuino hieß und närrisch war, so närrisch wie Adjuna verwirrt durch die Interaktion mit der Säule, und nichts von einer sprechenden Statue gleichen Namens, die weder einen Affen noch seinen Wirt, sondern einen bockbeinigen Begleiter Bacchus, also einen stumpfnasigen Silen darstellte, und doch dauerte es nicht lange, da stolperte er wieder in einer dunklen Straße über eine Absperrung und stieß sich seine zweite Beule. Wissenschaftler haben ausgerechnet, daß man im Durchschnitt 666 Tage durch die große Stadt irren müsse, um durch Zufall also ohne Stadtplan und ohne das Befragen von Passanten auf die Statue des Babbuinos in der Gasse des Pavians zu stossen. Das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, 666 aber ist die Zahl des Biests, welche die Zahl der Unvollkommenheit ist, aber auch des Menschen, des wildesten Tieres, und des Teufels, der der Höllenfürst ist. So daß man sagen kann, es ging teuflisch oder nicht mit rechten Dingen zu, daß Adjuna schon sechs Minuten, nachdem er Abschied genommen hatte von Luigi, den Babbuino traf und dann noch wie den Abate Luigi zuerst mit dem Kopf.
Verdammt. In seinem Kopf kreiste es wie die Milch im Galaxienmeer. Langsam klärte sich die Flüssigkeit, und was sah er? Zettel. Mit Tränen in den Augen, weinerlich, brummschädelig las er den ersten:
Das unentliche Universum ist ewige Veränderung ist Gott!
Das muß mir passieren. Mir. Mir, der ich von den Göttern geschickt wurde, um den Menschen ihren albernen Aberglauben an Gott zu nehmen.
Warum war mir dieser blasse, spittelige, schmalbrüstige, blauäugige Diener Gottes heute eigentlich sympathisch?
Alle Gegensätze ergänzen sich.
Dieser Zettelschreiber beantwortet meine Frage nicht. Ergänzen heißt nicht mögen. Wenn Gegensätze sich ergänzen, entsteht etwas Ganzes, Vollkommenes? Unsinn. Aberglaube und Unglaube schaffen keinen vollkommenen Glauben, nur Unglaube schafft vollkommene Freiheit, und Sinn und Unsinn...? Ach, Blödsinn. Jedenfalls keine Vernunft. Doch wie ist es mit weisen Narren und dem närrischen Weisen? Und wollen wir nicht das Gewollte und erhalten das Nicht-Gewollte, wer kennt sich in dieser Welt noch aus, bei Satz und Gegensatz, Teil und Gegenteil, bei Luzifer und lieben Gott, beim Leibhaftigen und dem Leib des Wahrhaftigen, des Heilands, bei Liebe und Enthaltsamkeit. Und sind unsere Versuche, ewig zu sein, nicht Versuche unseres Unterganges?
Während Adjuna so grübelte, hielt er einen langen Zettel in der Hand, der aussah wie ein Kassenzettel. Hier die Abrechnung:
Ewige Gegenteile
Wir erzeugen Kinder, die unser Leben fortsetzen sollen, aber sie negieren es.
Wir wollen leben, und ist uns Leben gegeben, so nagt die Todessehnsucht an uns.
Wir wollen Sättigung und schon sind wir übersättigt.
Speisen machen uns fettleibig,
Süßigkeiten geben uns Zahnschmerzen,
Spielzeuge fördern unsere Langeweile,
Sex unseren Ekel,
die Religion unsere Angst.
Wir lösen ein Problem und schaffen viele neue, und eine neue Erkenntnis hinterläßt mehr Fragezeichen als sie löscht.
Die Bildungsmöglichkeiten, die allen zugänglich gemacht wurden, korrumpieren das Denken.
Der Dünger, der die Erträge vermehrt, vermindert den Boden und unsere Chancen.
Die Medizin, die den Sichenden helfen soll, macht die Menschheit sichend; ach, Kranker, geh doch freiwillig fort.
Wir wollen den Hunger bekämpfen und schaffen mehr Esser; mehr Esser
schaffen aber heißt, mehr Hungernde schaffen.
Die Waffen, die wir schaffen, schaffen mehr Waffen, um uns abzuschaffen.
Der Mensch, der sich die Natur untertan macht, wird unfreier.
Den Untergang, den wir wollen, wollen wir nicht, und selbst wenn wir ihn erwarten, läßt er auf sich warten.
Hoffnungen werden nicht erfüllt.
Auch Eure nicht.
Adjuna hatte genug und ging. Da sah er irgendwo an der Straße, wieder eine verwitterte Figur, allerdings ohne Sockel. "Bist du auch eine sprechende Statue?" "Nein." Es war eine alte Frau. Ihr Mundgeruch, oder besser: Gestank, verriet sie als Säuferin. "Komm, mein Sohn, trink, du siehst blaß aus, mit durchnäßtem Hemd, ohne Decke und Mantel bleibt nur der Schnaps zum Wärmen. Was fehlt dir denn?" "Die Steine reden zu mir, aber die Menschen schweigen mich an." "Doch nicht in dieser Stadt! Du bist verwirrt." "Ich dachte, Gott wäre impotent, und jetzt bin ich selbst mit Impotenz geschlagen." "Zeig mal her!" und sie wollte ihm in die Hose greifen.
"Sag mir lieber, wo ich ein Freudenhaus finde." "Ein Bordello? Kannst du es nicht mit mir machen?" "Nein, selbst in meinen besten Tagen hätte ich es nicht bei dir geschafft." "Süßer, du kannst einen fröhlich machen." "Entschuldige, ich war zu ehrlich." "Schon gut, dein Bordello findest du, wenn du die Straße immer geradeaus gehst, beim rosanen Licht. Ich bin da Klofrau. Morgen früh komme ich wieder zum Saubermachen. Bis dann." "Bis dann."
Der Mann ist ein armes Wesen: Beim Liebesakt muß er einen Schwellkörper steif halten und manchmal ist es seine größte Sorge, daß er das nicht schafft und er sich lächerlich macht, weil unmännlich ohne dieses Symbol der Männlichkeit. Unmännlich und ohnmächtig liegen irgendwie zu eng zusammen. Bei Frauen ist das natürlich ganz anders, natürlich wollen sie nicht männlich sein und Macht besitzen sie allemal. Für den Geschlechtsakt, wie für so vieles, eignen sie sich viel besser als die Männer, da sie sich dabei entspannen können. Was bei richtiger Entspannung die angespanntesten Männer unterliegen läßt.
Für ihre Potenzsorgen haben die Männer sich schon mit Liebesäpfeln und Liebeswurzeln vollgefressen und manch einen Liebestrank geschluckt, auch Massagen erdacht und manch anderes, Perversitäten und so.
Selbst ein Mann wie Adjuna, den jeder für die Inkarnation der Omnipotenz hielt, wurde ein Opfer dieses Komplexes. Ein Anankasmus der Männer. Potent oder impotent, das war für ihn zur Frage geworden, ja mehr, zur Qual, zur Bessenheit, Manie. Härte, Länge, Größe in Aktion war plötzlich wichtig geworden und ließ ihn durch die Stadt irren und das Gegenteil suchen, die Ergänzung zur Vollkommenheit, die Scheide zum Schwert, die Buchse zum Bolzen, die Bestätigung oder den Untergang.
Als Adjuna jetzt unter der rosa Laterne stand und durch die offene Tür lugte und die Mädchen sah, sagte er verzagt: Hallo, ihr Huren und Horizontalen. Oh, ich habe euch gesucht. Wichtiger als Hunger und Durst, als Wärme, Trockenheit, ein Dach über dem Kopf, ein warmes Bett war es mir, zu euch zu kommen.
Die Huren staunten über die Schüchternheit eines so gut aussehenden, muskelösen Mannes, der, wie sie meinten, doch jede mit links kostenlos haben könne, und gaben ihm genau den Empfang, den er brauchte, nämlich einen liebevollen.
"Normalerweise ist man nicht so ehrlich. Und daß wir wichtig sind, gibt schon gar keiner zu." "Man verachtet uns." "Ja, und das finde ich ungerecht. Wir arbeiten mit unserer Muschi genauso hart und fleißig, wie andere mit ihren Händen oder ihrem Kopf, außerdem ist es nicht nur die Muschi, die arbeitet. Und liefern tun wir genauso ehrlich wie ein Kaufmann." "Die Ehefrauen sind neidisch, weil sie nie Befriedigung erlangen können, mit dem einen Männchen, das sie haben und das sie wahrscheinlich durch ihre Raffinessenlosigkeit schon lange angeödet haben."
Die Chefin des Hauses, die Puffmutter, trat vor: "Dies ist Delila." Adjuna stockte einen Moment, als er den Namen hörte, mit dem die Chefin ein Mädchen bezeichnete, nämlich das, das ihm am besten gefiel. Ich hoffe, sie gefällt dir. Die anderen Mädchen können ihr helfen, solange sie nichts zu tun haben."
Adjuna zog sich mit Delila zurück. "Die meisten wollen ja nur schnell einen Orgasmus und dann schnell wieder nach Hause, damit ihre Alte nichts merkt, aber wenn du Zeit hast, können wir uns unterhalten."
"Das wäre schön. Bisher habe ich in dieser Stadt mit mehr Steinen, und was es sonst noch so an Leblosem gibt, gesprochen als mit Menschen." Und Adjuna erzählte seine Geschichte, aber er hörte auch zu.
"Ich war lange Jungfrau, dann lange Zeit Ehefrau, es hat mir nie Spaß gemacht, die abendliche Pflichtübung meine ich, es war immer zu schnell vorbei. Mein Mann klagte immer: Erst willst du nicht, dann willst du mehr, als möglich ist. Irgendwann bin ich dann fremdgegangen, das machte schon mehr Spaß. Einmal kam ich von meinem Geliebten direkt zu meinem Mann. Das war dann der Gipfel. Auch er war begeistert. Als ich aber dann gestand, war's aus. Er schickte mich weg und ich wurde Hure. Ich bin viel glücklicher so und das ist doch das Wichtigste."
Die Unterhaltung hatte sich lange hingezogen, zwischendurch hatte er in den Nebenzimmern keuchen und bumsen gehört, aber jetzt war es schon wieder viel stiller, nur das Gekicher einiger Mädchen war noch zu hören. Es klopfte jemand an die Tür. "Wollt ihr mit uns essen?" Delila zu Adjuna: "Das ist eine gute Idee. Laßt uns was essen. Danach kümmern wir uns dann um dein Problem." So wurde Adjuna eingeladen zum Essen.
Seit meiner Kindheit beim Händler Abraham habe ich nicht mehr so gemütlich bei Tisch gesessen. Ich danke fürs Mahl und mehr noch für eure Freundlichkeit.
Nach dem Mahl fingen die Mädchen kokette Spielchen an. Sie zeigten ihm fiel, aber ohne die Hüllen fallen zu lassen. "Das sollte reichen. Der Rest ist für dich, Delila. Gute Nacht."
Als Adjuna dann mit Delila im Bett lag und ihre Umarmung, ihre Haut und Küsse spürte und all die lieben Sache gesagt bekam, die andere Frauen nur ganz selten sagen, nämlich nur, wenn sie wirklich in der Stimmung dazu sind, bereute er fast, daß er stundenlang nichts anderes mit diesem wunderbaren Wesen getan hatte, als sich zu unterhalten.
Sie reizte ihn und forderte ihn schließlich auf, sie zu lieben, aber er hatte wirklich ein Problem. Sie zeigte Verständnis: "Ja, ihr Männer habt es schwer, ihr müßt ihn steif halten, um lieben zu können, nach einem harten Tag ist es schwer für euch. Wir Frauen können mit Leichtigkeit mit vielen Männern kopulieren. Wir Frauen besitzen ein nicht abschlaffendes Element und, wenn es geweckt wurde, auch etwas Unersättliches. Daß manche Religion uns nur den Bruchteil eines Mannes zubilligt, ist eine absurde, die tatsächlichen Verhältnisse auf den Kopf stellende Ungerechtigkeit. Wir brauchen mehr Liebe als ein einzelner Mann geben kann."
Nach dieser Abschweifung erzählte sie von Ausschweifungen, die sie mitgemacht hatte, um von ihrem Kunden doch noch was zu haben. Es half nichts. Auch intime Zärtlichkeiten und Küsse waren vergeblich, selbst das Zergehenlassen der Eichel auf der Zunge brachte nicht mehr als angenehme Gefühle. Die ersehnte Anschwellung, Steife blieb aus.
Dann holte sie aus ihrer Nachtischschublabe einen länglichen Gegenstand heraus und hielt ihn sich verspielt wie eine Maske oder Pappnase vors Gesicht. "Was ist denn das?" "Damit befriedigen wir uns selbst, wenn wir nichts zu tun haben. Sollen wir dir mal zeigen, wie wir so was machen?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, rief sie: "Lola, Rosa, Fanni, Uschi, kommt mal her und bringt eure Pappnasen mit!" Irgendwo knurrte jemand: "Ich habe heute genug gearbeitet."
Aber zwei Mädchen kamen tatsächlich, Adjuna konnte jedoch nicht herausfinden, um welche Mädchen es sich handelte, denn sie verschwendeten keine Zeit damit, sich vorzustellen, sondern machten sich gleich daran, ihm vorzuspielen, was er eigentlich hätte machen sollen.
Als die Komödianten ihr Schauspiel beendet und erschöpft den Raum wieder verlassen hatten, meinte Delila: "Weißt du was? Ich glaube, du bist ganz einfach müde. Morgen früh klappt es bestimmt. Gute Nacht." Sie löschte das Licht. Und beide schliefen.
Nachdem er ein paar Stunden geschlafen hatte, sah die Welt tatsächlich ganz anders aus, jedenfalls für Adjuna. Es hatte angefangen, hell zu werden, und jetzt wollte er nachholen, was er am Abend versäumt hatte. Aber sie knurrte nur: "Was willst du?" und blinzelte: "Wenn das Licht der Sonne durch den Gardinenspalt auf die Truhe scheint, dann ist Mittag und ich stehe auf. Jetzt ist Mitternacht für mich. Ein langer Schlaf ist wichtig für die Schönheit."
Adjuna konnte aber nicht mehr schlafen, sein steifes Glied machte ihm zu schaffen und er zappelte rum, so daß Delila schließlich die Beine breit machte und sagte: "Na, komm, mach schon." Danach schlief sie wieder ein. Adjuna zog sich an, legte die Bezahlung auf die Truhe, wo mittags die Sonne drauf scheinen würde, und ging.
Zurück in der Herberge.
Babbuino mit müden schlürfenden Schritten, aber mit eifrigen Händen sich fleißig bekreuzigend, kam Adjuna in der Wirtsstube entgegen, offensichtlich besorgt. "Hahaha.." "Hast du Schnupfen?" fragte Adjuna. "Hahahalleluja. Dadada bist du ja." Und so weiter. Sorgen und Vorwürfe, und in wörtlicher Rede nur mühsam wiederzugeben.
Adjuna setzte sich zu Tisch. "Ich habe einen Bärenhunger." Der Wirt brachte ihm sofort eine Schüssel Eintopf. "Ohne Gogo Gott1 nichts im Popo Pott, im Toto Topf."
1 Die Formulierung `Gogogott' findet sich in einem von Salman Rushdies Büchern.
Der Wirt selbst setzte sich an den Nebentisch, wo er mit seiner Familie, Lucrezia und anderem Gesinde, sowie Lucino, der, wie sich jetzt herausstellte, doch nicht zum Gesinde gehörte, sondern ein Herr Studiosus war, der zu Untermiete wohnte, und der, da seine Eltern gut für ihn bezahlten, ein extra Fleischstück bekam. Mit Piepapo-beten-macht-froh leitete Babbuino das Tischgebet ein, dann ließen sie es sich schmecken.
Nach dem Essen machte Adjuna sich gleich an die Arbeit. Wundertun, die Leute beeindrucken wie jener Jesus von Nazareth. Wenn Wunder einem Unsterblichkeit einbrachte, denn wollte auch er Wunder tun. Die Leute sollen sich wundern. Doch das mußte trainiert werden und gut überlegt. Zunächst fiel ihm nur der Trick mit dem Hühnerei ein, doch nach und nach ...
Kartentricks, Verschwindelassetricks, Hut-und-Hase-Trick, Röntgen- augentrick, den Trick mit verbundenen Augen zu lesen, indem man durch den Schlitz an der Nase schielt, die Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit der Zigeuner, mit denen seine Mutter einst reiste, erreichte er allerdings nicht. Vielleicht sollte er Adam-Riese-Rechen-Akrobatik hinzunehmen, plus richtiger Akrobatik, also auf dem Kopf stehend zehnstellige Zahlen potenzieren.
Bald sah man ihn jonglieren, balancieren, sich verbiegen, Jokus und Hokuspokus studieren. Sollte er auch Schwertschlucken mit ins Repertoire aufnehmen. Verdammt, mit Waffen konnte er als alter Krieger doch was Besseres machen als runterschlucken, er brauchte nur eine stabile Zielscheibe, dann würde er es den Leuten schon zeigen, sie beeindrucken, Wunder wissen lassen. Überhaupt im Kampf war er der große Wundermann. Nervös geworden vom vielen Herumfummeln mit Karten - es wird noch Tage dauern, bis das alles klappt - ging er stracks in die Wirtsstube und fing Streit an.
Ein brutaler Säufer, den er schon vom Hof aus hatte grölen hören, ließ sich genug provozieren. Mit gezogenem Messer wollte er auf Adjuna stürzen. Doch Adjuna hatte ihn schon beim Handgelenk gepackt und drückte zu. Die Hand fiel ab.
Fortan trainierter Adjuna tagsüber, abends aber machte er Kneipenbummel, die regelmäßig mit Schlägereien endeten.
"Ich kann Karate." "...und gleich Purzelbäume." Bums. Die höchsten Meister asiatischer Kampfkunst können durch die Wand gehen, der erste Schritt aber ist durchs Fenster purzeln.
Wahrlich Wunderfäuste, aber auch die Messer warf er mit wunderbarer Eleganz und Genauigkeit, nie erstach er plump einen Gegner, sondern ließ sein Messer ums gegnerische Gesicht tanzen, ein Stakkato des Stiletts, hack hack hack Nase und Ohren ab, die Trophäen warf er einem Torero gleich seinem begeisterten Publikum zu.
Geschickt war er schon, wenn er auch irgendwas falsch verstanden hatte, er war sicher nicht der einzige.
Bald war Adjuna so berüchtig, daß der stärkste Straßenkämpfer der Stadt ihn zum Kampf auf Leben und Tod herausforderte. Der Kampf sollte zur nächsten Vollmondnacht auf dem höchsten Turm der Stadt ausgetragen werden. Wer unterlag, sollte runtergeschmissen werden.
Am Vorabend ging Adjuna früh schlafen. Im Nebenzimmer hörte er Lucinos Auf und Ab. Am Stöhnen konnte er erkennen, daß es Lucrezia war, die bei ihm war. Ein unersättlich potenter Typ, dachte Adjuna sauer, während er versuchte, trotz des Lärms zu schlafen. Eigentlich war es nicht die Lautstärke, sondern die Art des Lärms, die ihn nicht schlafen ließ.
Mit dem ersten Hahnenschrei sprang er aus dem Bett. Im Gang traf er Lucino: "Guten Morgen, Bruder Studeo, was macht das Studium?" So erfuhr Adjuna, daß Lucino Theologie studierte und Priester werden wollte.
Lucino war der jüngste Sohn einer reichen Kaufmannsfamilie und kam aus Parma. Wie einst das Papsttum im dreißig Kilometer entfernten Canossa über das Kaisertum seinen Triumpf und Sieg hatte, so hatte es auch im Kopfe dieses jungen Mannes gesiegt.
Er wollte sein Leben opfern für Papst und Jesus und den christlichen Glauben schlechthin. Opfern, das war ja genau das, was immer erforderlich war. Wenn sich keiner opferte, gab es keinen Glauben und keine Opfer.
Am Abend war dann der Kampf. Der Turm war von Neugierigen umstellt.
Ein Schiedsrichter durchsuchte die beiden Kämpfer auf Waffen. Bei Adjuna fanden sie dreizehn Wurfmesser und ein kurzes Schwert, bei dem Rocker fünf Schußwaffen, drei Fahrradketten, einen Totschläger und zwei Eisenstangen. Die Schiedsrichter nahmen den beiden Draufgängern, das heißt eigentlich sollte ja nur einer draufgehen, die Waffen ab und entließen die jetzt unbewaffenten Gladiatoren dann durch eine Luke auf den Turm. Die Luke wurde von innen verriegelt und sollte erst wieder geöffnet werden, wenn einer von ihnen runtergeschmissen worden war. Adjuna wollte noch eine Rede halten über Tod, Todesverachtung und die Gewalttätigkeit, die das Leben der Menschen beherrschte, aber sein Gegner trat ihm gleich ins Gesicht, was nicht nur furchtbar weh tat, sondern ihn auch so wütend machte, daß er manch gute Kampftechnik vergaß. Er packte den Gegner und sie rangen, drückten, rollten, rissen, kamen hoch und fielen wieder nieder, umklammert stießen sie sich kleine Wunden und bissen sich gleich wilden Hunden.
Doch was macht Adjuna jetzt? Will er sterben? Ein Doppelselbstmord? Er zieht und zieht, hält seinen Gegner fest und zieht über die Kante ihn; er wird zuerst fallen, der Gegner drückt, aber wird dann mit gerissen in die Tiefe. Erst auf halbem Wege läßt Adjuna ihn los und fliegt wieder hoch. Das jedenfalls bezeugten alle, die dabei waren und es von unten gesehen hatten. Erst später behaupteten einige Mißgönner, er habe nur seinen Mantel an einem Seil runtergeworfen und dann wieder hoch gerissen. Aber solche Leute gab's ja immer.
Obwohl Adjuna diese Nacht spät nach Hause kam, war in seinem Nebenzimmer immer noch jene rhythmische Bewegung zu hören, mit der
Liebende sich in der Monotonie der Missionarsstellung langsam aber zielsicher zum Orgasmus aufschaukelten. Der blieb aber aus. Wer weiß, wie viele Adjuna schon versäumt hatte. Langsam wurde es immer stiller, die Luft war raus, oder nein, das Blut.
Sind Tricks Wunder oder die Betrogenen Wundergläubig? Ist das größte Wunder gar der Selbstbetrug der Betrogenen? Und gäbe es ohne Selbstbetrug weder Betrug noch Lüge, weder Wunder noch Religion, aber auch keine Hoffnung? Wir machen uns doch alle was vor.
Wir uns und andren, andere sich und uns.
Die Leute sahen gerne Adjunas Tricks oder Wunder. Unter dem Publikum befand sich außer Kindern und Einfältigen wohl kaum jemand, der nicht glaubte, ihm werde was vorgemacht. Man sah es, und was man sah, war so unwahrscheinlich, und doch vermutete man einen bloßen Trick, eine Täuschung. Das ist der Fortschritt der letzten 2000 Jahre! Doch halt, der Lorbeer kommt zu früh. Glaubt man nicht immer noch das Unwahrscheinlichste ungesehen?
Geschickt mit den Fingern, klappten Adjuna die meisten Zaubertricks, doch wenn mal etwas schief zu gehen drohte, nahm er auch richtige Zauberei zu Hilfe. Merkte ja keiner.
Leider warfen die Leute nur wenig in seinen Klingelbeutel. Das lag natürlich daran, daß er ganz und gar nicht wie ein Bettler aussah. Von dieser Vorbedingung wußte er aber nichts, sondern dachte immer, er müsse seine Tricks noch mehr steigern, noch Unwahrscheinlicheres bieten, echtere Zauberei. So daß er am Ende mit Hilfe alter Mantras und noch älterer Götter wirkliche Magie betrieb.
Erst zog er bei einigen Freiwilligen aus dem Publikum die Nase und Ohrläppchen lang, ohne sie mit der Hand zu berühren, schließlich verwandelte er Rotkäppchen in den bösen Wolf und einen Magierkonkurrenten in den gestiefelten Kater, am Ende hopste er selbst mit Hilfe irgendeines Gottes in eine andere Dimension und wurde nicht eher wieder gesehen, als daß er zurückgesprungen war. Die Leute bekamen das Fürchten und vergaßen den Griff ins Portomonnaie ganz und gar und die, die sich sowieso nicht wundern konnten, gingen wie immer unbekümmert vorbei.
Enttäuscht ging Adjuna zurück zur Herberge.
Morgen versuche ich den Seiltrick.
Zurück in der Herberge:
"Oh, Lucrezia, die Leute sind zu geizig und zahlen mir kaum was für meine Aufführung. Bald kann ich die Miete nicht mehr bezahlen. Ob Babbuino mir das Zimmer wohl noch billiger überläßt?" "Das weiß ich nicht. Da mußt du die stotternde Statue schon selbst fragen."
Schon kam Babbuino angewatschelt zum Mietekassieren.
"Mein Gott, Babbuino." Hektisches Bekreuzen von Seiten Babbuinos. "Du bist zu teuer, bald hab ich kein Geld mehr."
Babbuino erzählte, daß Jesus gesagt hatte, wir sollen uns nicht sorgen, sondern lieber die Vögel angucken: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht ...
Adjuna: "Was weiß der denn von Vögeln?"
Lucrezia und Lucino kichern und kuscheln dichter zusammen.
Gottes Sohn aber hatte keine Ahnung von Ornithologie.
Babbuino aber hatte ein gutes Herz und versprach, daß Adjuna sich keine Sorgen zu machen brauche, wenn er mal nicht zahlen könne. Er würde schon was zu essen bekommen und auf die Straße gesetzt würde er auch nicht.
Lucino wollte auch noch etwas sagen. Da er aber von Ornithologie genauso wenig Ahnung hatte wie sein Herr und auch eine Predigt zu Matthäus 6 noch nie vorbereitet hatte, hielt er einfach die Predigt, die er fürs Seminar hatte vorbereitet müssen, und die sich hauptsächlich lang und breit über die Verdienste des Glaubens auf die moralischen Werte und die Demut der Menschen ausließ und die immer wieder von allen Anwesenden, einschließlich Babbuino, mit "Amen" unterbrochen wurde, in der Hoffnung, daß sie nun zu Ende sei oder zumindest dadurch ihr Ende beschleunigt würde.
Diese Nacht war anders als sonst, nichts Kosmopolitisches, nichts Erdgeschichtliches, nichts Humanmedizinisches war anders, nichts Geologisches, nichts Meteorologisches und auch nichts Ornithologisches, und in vielen Häusern wurde zweifellos gevögelt wie eh und je, es war etwas Akustisches, das anders war, Töne, Geschrei, Gestöhne.
Mein Gott, was kamen denn jetzt für Geräusche aus dem Nebenzimmer, das war keine mechanische Missionarstellung mehr.
Es scheint, selbst Missionaren wird die Missionarstellung manchmal zu monoton.
Als Gregor VII., der große Asket unter den Päpsten der katholischen Kirche, von den Zinnen der Festung Canossa herunter Heinrich IV. demütigte, waren es nicht nur die schroffen Felsen der Apenninaufläufer, die gerötet waren, sondern auch der von einem härenen Hemd bedeckte Rücken des frommen Gregors, der ihn sich in seiner Demut fast täglich zu geißeln oder geißeln zu lassen pflegte.
Im Nebenzimmer stöhnte Lucino. "Paß auf,
daß du nicht gegen die Hoden schlägst."
Der neue Seiltrick war ein großer Erfolg, oder war es der bunte Turban, den er dazu trug? Der Trick selbst war ganz einfach: Es handelte sich nämlich nur um eine optische Täuschung, die er seinen Zuschauern in die Hirne hypnotisierte.
Nur das Seil war echt. Die Täuschung begann mit dem Aufsteigen des Seils. Wie die Schlange eines Schlagenbeschwörers stieg das Seil hoch, aber es stoppte nicht wie die Königskobra in Augenhöhe des Beschwörers, sondern schien endlos schon nach kurzer Zeit in der Unendlichkeit zu verschwinden. Dann schickte man einen Knaben hoch, warf einen Säbel hinterher, es regnete Fleischstücke und dann, simsalabim, war der Knabe wieder ganz.
Mit der Regelmäßigkeit eines Angestellten ging er jeden Tag zur Arbeit und führte den Seiltrick in den verschiedenen Stadtteilen auf, und das wichtigste, jedes Mal kassierte er ab und zwar ordentlich.
Seine Nächte waren jetzt unruhiger, wegen der Buße des Herrn Studiosus.
Aber auch Buße hat ein Ende. Irgendwann hat man genug gebüßt.
Eines Nachts:
Adjuna hörte Lucrezia schreien: "Was hab ich nicht alles für dich getan? Wäsche gewaschen, Hemden gebügelt, die Beine breit gemacht, wenn immer du das wolltest, sogar das dreckige Ding hab ich in den Mund genommen und in der letzten Zeit dieses perverse Spielchen mitgespielt und dir den Hintern verhauen." "Gepeitscht." "Glaubst du, mir hat das Spaß gemacht? Nein, nur für dich hab ich das getan, und was tust du für mich? Du läßt mich im Stich."
Adjuna wußte nicht, worum es ging. Er wunderte sich nur, er wußte, daß der Studiosus als Priester nicht heiraten durfte, aber da mußte es doch eine Lösung geben, als Haushälterin zum Beispiel, und außerdem war sein Studium ja noch längst nicht zu Ende, so daß man noch kein Geschrei zu machen brauchte.
Aber letzten Endes interessierte ihn nur sein Schlaf und er ärgerte sich: Mal kann man nicht schlafen, weil sie sich lieben, und jetzt kann man nicht schlafen, weil sie sich hassen.
Was aber war Lucrezia heute passiert? Sie hatte gemerkt, daß sie schwanger war, und gehofft, daß Lucino sie heiraten würde, ja sogar ein bißchen gehofft, daß er sich freuen würde. Aber als er von der Alma mater zurückkam und von der Schwangerschaft hörte, nannte er es eine Hiobsbotschaft und schimpfte: "Konntest du Schlampe nicht aufpassen? Das Kind muß natürlich weggemacht werden."
"Kannst du mich nicht heiraten?" "Du weißt doch, daß ich Priester werden will. Außerdem passen wir nicht zusammen. Was würden meine Eltern dazu sagen? Ich bin der Sohn reicher Leute, wir sind eine Aristokratenfamilie." Dann war er weggelaufen und erst am Abend wiedergekommen.
Am nächsten Tag ging Adjuna wie immer zur Arbeit. Es war ein besonders heißer Tag. Gegen Mittag war er der Meinung, für heute genug mit seinen Zauberkünsten verdient zu haben.
Die Mittagshitze in Rom war zuviel. Er flüchtete in den Schatten der großen Kirche. Rechts vom Eingang fiel ihm wieder die Piet von Michelangelo auf, die Leiche des jungen Mannes in den Armen seiner nicht gealterten Mutter. Nicht ohne Erotik, wie so vieles hier. Und doch den Scham schamhaft bedeckt, die Beine zusammen fast wie ein keusches Mädchen, unmännlich wie die Priester dieser Religion in Frauenkleidern. Einst in Indien hatten wir Götter, die ganz erigiertes Glied waren oder Schamlippen, ganz Geschlechtsteil, ganz Potenz.
Die Kühle der steinigen Umgebung tat ihm gut. Noch von der Hitze keuchend, sich den Schweiß abwischend, dachte er: Wurde ich wirklich einmal in der Wüste geboren? Erschöpft wollte er sich gerade auf einen der Klappstühle setzen, die so gar nicht in die großartige Umgebung paßten, da sah er den Priester wieder.
Der Priester freute sich sehr, war sehr freundlich, führte ihn wieder herum und zeigte ihm dieses und jenes und stellte ihn auch seinen Kollegen vor und zwar als Samson, wegen seiner starken Arme und seiner langen Haare, die aufgewickelt auf seinem Kopf einen Turm von beträchtlicher Höhe ergaben, lose runterhängend aber die Länge der Schleppe einer Hochzeitsbraut erreicht hätten.
"Das ist Samson, wie ihr seht. Auferstanden direkt aus der Zeit als die Israelis Sklaven der Philister waren. Stark und langhaarig wie in seiner besten Zeit." "Es gibt keine Auferstehung im Diesseits, nur vor dem Herrn zum Jüngsten Gericht. Ob deinem Freund dann seine starken Arme nützen werden, bezweifeln wir allerdings."
"Samson kommt von der anderen Seite des Meeres und ist neu in der Stadt. Er kennt weder unsere Sitten, noch unseren Glauben." "Wenn er hier nicht beten will, sollte er sich einer der Reisegruppen anschließen." "Samson hat großes Interesse an unserer Religion."
Den Priesterkollegen seines neuen Freundes blieb er trotz des biblischen Names suspekt - ein Heide.
Und Adjuna dachte: 'Dieser eine hier ist anders.' 'Dieser eine hier' stellte sich, als die anderen weggegangen waren, als "Jakob - Bruder Jakob" vor, und er fing leise an zu kichern: "schläfst du noch, schläfst du noch... Kennst du diesen Kanon?" Aber Adjuna erinnerte sich an einen anderen Jakob, denn ihm fiel plötzlich seine Kindheit ein, die er ja bei einer jüdischen Pflegefamilie verbracht hatte, sagte aber nur: "Freut mich, Jakob. Ich heiße übrigens Adjuna und habe das eigentlich gar nicht gern, wenn man mich Samson nennt."
"Nanu, warum denn nicht? Ich wäre stolz, wenn man mich Samson nennen würde. Weißt du überhaupt, wer Samson war?" "Ja, natürlich. Du mußt nämlich wissen, ich bin bei jüdischen Pflegeeltern aufgewachsen." "Ach, das wußte ich ja gar nicht. Bist du dann auch Jude geworden?" "Nein, ich war schon alt genug, um meine Identität zu wahren, aber ich habe als Kind all die Geschichten der jüdischen Helden gehört und war sehr erstaunt, die Geschichten meiner Kindheit in eurem Buch zu finden." "Ja, unser Heiland, von dem ich dir erzählt habe, war ein Jude - das heißt, eigentlich war er doch kein Jude. Die Juden sind leider so starrköpfig und nehmen ihn nicht als Heiland an." "Was meinst du mit `Er war Jude und doch kein Jude'?" "Wie ich dir erzählt habe, Gott war sein Vater und seine Mutter Maria war auch schon von Gott gezeugt, da bleibt vom Juden nicht viel übrig." "Nein, bloß ein Viertel. Aber obwohl er göttlich war, wurde er mit Vorhaut geboren und erst durch eine spätere Operation wurde dieser Mangel behoben? Wahrscheinlich am achten Tag nach der Geburt. Ich habe das letzte Mal Gemälde gesehen, die das darstellten." "Das ist richtig. Die Vorhaut ist auch göttlich und wir verehren sie als Reliquie. Aber, Samson, entschuldige ich habe deinen fremdländischen Namen vergessen. Was hast du eigentlich gegen den Namen Samson?"
"Mein Name war Adjuna. Was Samson betrifft, so erinnerst du dich sicher, daß Manoah und seine Frau lange kein Kind bekamen. Man beschuldigte damals immer in so einem Fall die Frau, unfruchtbar zu sein. Doch als der Engel des Herrn erschien, wurde sie plötzlich fruchtbar. Soweit hat Samson sogar Ähnlichkeit mit mir, denn auch meine Geburt ist obskur und der Vater ungewiß, zweifellos hatte auch bei mir ein Gott seine Hand im Spiel. Doch wie benimmt er sich weiter. Du weißt, die Israelis waren damals Sklaven der Philister. Samson verliebte sich in die Tochter eines Philisters. Die Eltern sind sogar damit einverstanden, das ihre Tochter einen Unfreien heiratet, aber Samsons Eltern sind dagegen, daß er eine Tochter der unbeschnittenen Philister heiratet. Als er sie dann aber doch endlich heiraten darf, stellt er der Verwandtschaft seiner Braut ein dummes Rätsel und verspricht 30 Festkleider bei der Lösung des Rätsels. Verrät dann die Lösung seiner Braut. Die verrät's ihrer Familie. Was macht Samson? Er schlägt 30 unschuldige Philister tot und nimmt ihre Kleider weg, um sie der Verwandtschaft seiner Braut zu geben. Von seiner Braut will er auch nichts mehr wissen. Die heiratet einen seiner Begleiter. Das tut ihm dann doch leid und er versucht bei ihr einzudringen, ihr Vater verweigert ihm das aber: Ich dachte, du haßt sie, sagt er und bietet dann sogar ihre jüngere Schwester an, die noch schöner sein soll. Samson ist aber so wütend, daß er meint, er hätte jetzt eine gerechte Sache gegen die Philister. Er fängt dreihundert Füchse, macht Feuer an ihre Schwänze und jagt sie in die Felder und vernichtet so die Ernte der Philister. Dann rennt er zu einer Hure. Als nächstes, ein anderes Mädchen am Bach Sorek, Delila, wahrscheinlich auch eine Hure, auf jeden Fall ein käufliches Mädchen. Denn als die fünf Fürsten der Philister ihr jeder 1.100 Silberlinge anbieten - also wesentlich mehr als man für euren Helden gezahlt hat - , wenn sie herausfindet, wie man ihn bezwingt, willigt sie ein und er ist auch dumm genug, ihr es zu verraten. Ich gehe ja auch manchmal zur Hure. Mag ich auch meinen Samen da lassen, so doch nicht meinen Verstand. Soll ich den Rest auch noch erzählen, du kennst es ja: Er wird gebunden, seine Augen werden ausgestochen. Später als er wieder bei Kräften und bei Haaren ist und den versammelten Philistern vorgeführt werden soll, schmeißt er das ganze Haus um, aber der ganze Mist fällt auch auf seinen eigenen Kopf und begräbt ihn. Und so etwas soll ein Held sein! Für mich jedenfalls nicht!" "Ja, so gesehen natürlich nicht, aber der Herr war mit ihm. Und es war schon ein Wunder." "Übrigens, wo wir bei Namen sind, sehen wir uns doch mal deinen Namen an. Das ist ja auch ein biblischer Name." "Was ist los mit meinem Namen?" "Ach, nichts, nur der biblische Jakob führte nicht so ein steriles Leben wie du, sondern erinnert mich eher an ein Kaninchen." "Ja, er ist ja auch Israel, der Stammvater der Israeliten." "Ja, er verliebte sich in seine Cousine Rahel. Sein Onkel verspricht ihm, wenn er sieben Jahre schuftet, bekommt er sie. Gern arbeitet er für seinen Onkel, die Zeit vergeht wie im Fluge. Wie sieben Tage erscheinen ihm die Jahre, so verliebt ist er. Aber dann bekommt er Lea, die ältere Schwester, die häßlich und blöd ist. Denn es ist nicht Sitte, die jüngere vor der Älteren zu verheiraten. Und noch einmal muß er sieben Jahre dienen für seine jüngere Cousine Rahel. Unter diesen beiden Frauen entsteht nun ein richtiger Gebärwettstreit. Zuerst geht Lea in Führung: Ruben, Simeon, Levi, Juda. Rahel wird nervös. Da sie es selbst nicht schafft, bietet sie Jakob ihre Magd an, die dann in ihren Schoß gebären soll. Als ob das dadurch ihr Kind wird. So werden Dan und Naphthali geboren. Schon wird Lea nervös, sie möchte ihren Vorsprung gern behalten. Da sie auch eine Magd hat, bietet sie die jetzt Jakob an und Gad und Asser werden geboren. Jakob, der ja mittlerweile vier Frauen zu befriedigen hat, scheint, wenn Lea an der Reihe ist, - wir dürfen nicht vergessen, sie war ja keine Schönheit - ihn nicht mehr steif zu kriegen. Lea schickt deshalb ihren ältesten Sohn Ruben los, Mandragoren zu sammeln. Hast du schon mal Mandragoren gesehen?" "Nein, die wachsen hier nicht im Vatikan." "Die Wurzel der Mandragora, Alraunwurzel genannt, weil man davon das Raunen kriegt, ist lang und fest wie ein Phallus, den sie also ersetzen kann. Aber die Wurzel schafft nicht nur so Raunen, sondern eingenommen ist diese Pflanze auch ein starkes Aphrodisiakum, außerdem glaubte man, es würde die Fruchtbarkeit erhöhen. Als Rahel, also Leas Konkurrentin, sieht, wie Ruben seiner Mutter dieses Potenz steigernde Mittel bringt, möchte sie auch davon haben. Offensichtlich zeigt Jakob also auch bei ihr Erschöffungserscheinungen. Lea gibt natürlich ihrer Schwester nicht so einfach etwas von den Wurzeln ab, sondern verlangt eine zusätzliche Nacht mit Jakob dafür. Jakob macht mit. Bei Frauen zeigt er ja überhaupt wenig eigenen Willen. Mit Hilfe der Wurzeln oder des Herrn oder - was weiß der Teufel - werden Isaschar, Sebulon und Dina, ein Mädchen, geboren und zwar von Lea. Rahel schafft es jetzt auch ohne ihre Dienstmagd: Sie bringt einen Sohn zur Welt und nennt ihn Joseph. Später hat sie noch einen zweiten Sohn, Benjamin, bei dessen Geburt stirbt sie aber. Sie ist also offensichtlicher Verlierer bei diesem Gebären um die Wette." "So wie du das erzählst, hört es sich fast wie - wie Gotteslästerung an." "Du meinst, weil ich vergessen habe, zu sagen, daß die Frauen für jede Geburt Gott überschwenglich danken und um mehr Kinder bitten, damit sie den Sieg davon tragen." "Ja, es scheint, die Menschen hatten damals ein engeres Verhältnis zu Gott und Gott zu ihnen." "Es scheint aber auch, daß man damals die menschlichen Bedürfnisse nicht vergessen hat. Du siehst so blaß und freudlos aus, du solltest dir an deinem biblischen Namensvetter ein Vorbild nehmen und Mandragora essen und zur Frau gehen." "Ich brauche keine Mandragora - eher das Gegenteil. Siehst du, ich habe einen Keuschheitseid geschworen, aber ich schaffe es nicht, ihn zu halten. Immer wieder begehe ich das Verbrechen Onans. Es macht mich fast verrückt." "Da kann ich dir helfen. Ich kenne da ein gutes Freudenhaus ..." "Nein, nein, schon gut. Bloß nicht!" und leise: "Führe mich nicht in Versuchung ..."
"Mein Stiefvater hieß übrigens Abraham und war Händler wie der biblische Abraham." "War der Händler? Ich dachte, das waren nomadische Hirten damals." "Abraham hat doch sogar zweimal seine Frau verkauft. Das heißt, beim zweiten Mal hat es nicht geklappt. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sein Sohn Isaak versucht es noch einmal, sogar beim gleichen König. Ich hab zwar all die Geschichten als Kind gehört, aber gute Kindergeschichten sind das nicht, sozusagen nicht jugendfrei." "Hast du denn in dem Buch, das ich dir gegeben habe, schon weitergelesen, ich meine, da, wo was über Jesus steht, das Neue Testament nennen wir das. Was meinst du denn dazu?" Sie drängten sich gerade durch eine Gruppe Pilger. "... dein Kommentar?" "Schmetterlingseffekt." "Was meinst du damit?"
Da sie gerade an einem Altar vorbeikamen, der ähnlich aussah wie Adjunas neuer Talisman, meinte Adjuna, der sich plötzlich an Hinrichtungen in seiner Stadt erinnerte: "Es kommt übrigens häufig vor, daß Männer, die gehängt oder gekreuzigt werden, noch einmal pollutieren." Der Priester meinte aber, daß das in Bezug auf den Heiland ein abwegiger Gedanke sei.
"Du hast mich gefragt, was ich mit Schmetterlingseffekt meinte. Der Begriff kommt aus der Meteorologie. Durch etwas Unbedeutendes wie der Flügelschlag eines Schmetterlings entsteht eine Luftverwirbelung, die durch Zufall, Zeit und Entfernung zu einem riesigen Wirbelsturm anwächst." "Und du meinst, das trifft für Jesus zu?" "Ja, sehen wir ihn uns doch einmal an. Zu seiner Zeit war er ein Nichts. Wahrscheinlich war er nicht einmal Zimmermann wie sein Vater, sondern hat nur herumgestromert, mit irgendeiner fixen Idee im Kopf, sein Brot hat er sich, wer weiß wie, verdient, jedenfalls nicht durch ehrliche Arbeit. Nur wenige Anhänger fand er. Er verstand es offensichtlich nicht zu überzeugen. Demagogie war seine starke Seiten nicht. Von einem Gottessohn hätte ich mehr erwartet. Die Juden folgten Moses, warum nicht Jesus? Dem einfachen Volk konnte er vielleicht was vormachen, aber bei den Gebildeten scheiterte er völlig. Besonders als die Schriftgelehrten ihn vor seiner Hinrichtung zur Rede stellten, hätte ich einen größeren Auftritt erwartet. Bot sich doch gerade da die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, daß das ganze Volk, nicht nur den Pöbel, sondern auch die Intelligentia, überzeugt hätte, doch euer Held bleibt seltsam stumm: Ihm fehlen die Worte. Seine Gegner sind demagogisch gesehen die besseren. Das Volk schreit ihm seinen Haß entgegen. Wahrscheinlich kannten die meisten ihn gar nicht und die Hetzer hatten leichtes Spiel. Er war zu seiner Zeit halt zu unbedeutend. Stromer, die sich für was Besonderes halten, gab es damals wie heute und zu fast jeder Zeit genug, und dem Volk sind sie immer ein Dorn im Auge. Erst ihr habt um diesen Außenseiter, der ordentliche Arbeit verweigerte, weil er meinte, der Herr sorge für ihn, einen solchen Wirbel gemacht, daß aus dem Verweigerer von einst ein Taifun wurde, ja, mehr: ein Feuerbrand, sogar ein Teil Gottes, und nicht irgendeines Gottes, sondern des großen Schöpfergottes - ein Drittel davon, wenn ich das richtig verstanden habe. Weißt du, was das ist?" "Nein." "Blasphemie." "Blasphemie?" "Ja, Blasphemie." "Warum?" "Weißt du, wie groß alles ist? Unsere Erde allein beherbergt Hunderte von Völkern, die alle irgendeiner spukigen Religion anhängen. Um unsere Sonne eiern neun Planete, das ist zwar nicht viel, aber in unserer Galaxis gibt es ein- bis zweihundert Milliarden Sonnen. Man weiß zwar nicht, wie viele Galaxien es gibt, denn man konnte sie noch nicht zählen, da man das Ende des Universums noch nicht gefunden hat, aber man ist sicher, da es mehr als 100 Milliarden sind. Außerdem gibt es im Universum noch schwarze Löcher, weiße Zwerge, Wasserstoffwolken, Nebulae, Supernovas, Quasare und Pulsare, Radiationen, Radiosignale und Hintergrundstrahlung. Und das alles soll von jemandem sein, der andererseits nicht einmal ein einziges Menschenpaar schaffen kann, das ihm gehorcht, und dessen eine Drittel, das sich Sohn nennt, kann nicht einmal eine überzeugende Rede halten! Wenn es einen Schöpfergott gibt, fügt ihr ihm die größte Beleidigung zu." - "Glaubst du, daß es draußen im Weltall intelligente Wesen gibt?" "Warum sollte ich im Weltall Dinge vermuten, die es auf der Erde nicht gibt?"
Sie standen jetzt vor dem Baldachin, dem Hauptaltar im Schnittpunkt von Lang- und Querschiff. "Unter diesem Tabernakel befindet sich das Grab Petri."
Petrus, einem armen Fischer, der sich für das noch ärmere Leben an der Seite eines Wanderpredigers entschieden hatte, wurde mit diesem Prachtbau ein Denkmal gesetzt wie für kaum einen Kaiser oder König, nur die Pharaonen und Mumtaz Mahal hatten noch prächtigere Grabmäler.
Doch die Ironie endet hier nicht: Er, der dreimal den Herrn verleugnete, noch ehe der Hahn krähte, war der felsenfeste Fels, auf dem die Kirche gebaut war.
"Er starb für den Glauben", erinnerte Bruder Jakob an das Martyrium Petri.
Menschen sterben und morden für ihren Glauben, nie für das, was sie wissen.
Für das, was man mit Sicherheit weiß, stirbt man nicht und tötet man auch nicht, sondern nur für den Glauben ist man bereit, sein Blut zu vergießen und leider auch das der Zweifler.
Als ob die Opfer dem Wunschdenken eine höhere Wahrscheinlichkeit geben.
Noch wissen wir wenig und wünschen viel.
"Adjuna, dich stößt die Pracht hier ab. Du solltest mich mal zum Kloster begleiten. Da leben meine Brüder ganz bescheiden." "Da komme ich gerne mal mit. --- Aber es ist nicht die Pracht, es ist der Widerspruch."
"Gut, Adjuna, treffen wir uns am Montagmorgen nach dem ersten Läuten beim Eingangsportal."
"Abgemacht."
Nachts war es ruhig geworden. Lucino war zu seinen Eltern nach Parma gefahren, und Lucrezia war ihm offensichtlich gefolgt.
Adjuna hatte mittlerweile seine Bibel von Deckel zu Deckel, von der ersten bis zur letzten Seite, von der Schöpfung bis zur Apokalypse gelesen.
Wir sind alle nur ein Spielzeug Gottes? Wie die Bauklötze eines blöben Kindes zum Turm gestapelt und wieder zerstört? Oder ist Gott ein blödes Spielzeug der Menschen, wenn auch ein blutiges? Eine Kindergeschichte aus der Kindheit der Menschheit, die noch zu ernst genommen wird?
Die Apokalypse mag ja wirklich kommen, sie ist wahrscheinlicher als ein Gott, der eine verheiratete Jungfrau schwängert, sie mag sogar von Gläubigen beschleunigt oder herbeigeführt werden.
Alles Leben sehnt sich nach anorganischer Glückseligkeit und fürchtet doch den Tod. Das Leben selbst ist ein Unfall, aus Versehen durch einen Blitz in der Ursuppe entstanden. Beim Versuch den Unfall ungeschehen zu machen, entstanden Kinder. Zellteilung! Obwohl wir im Laufe der Evolution immer mehr das Glück der anorganischen Existenz vergessen haben, können wir uns doch nicht an das Leben gewöhnen. Das Leben hat, um das Leben wieder zurückzunehmen, Monster hervorgebracht, denn alles was kreucht und fleugt frißt und vernichtet, aber weder Bakterien noch Biester, Krankheiten und Pestilenzen, Freß- und Vernichtungsorgien haben den inkarnierten Stein-, Luft- und Windgeistern ihre alte Ruhe zurückgeben können, erst dem Menschen mit seinen Göttern, seiner Religion und seiner technisch-wissenschaftlichen Geschicklichkeit mag Erfolg beschieden sein.
Adjuna sah noch einmal voller Verachtung auf die Bibel und dachte an die Leute, die sie geschrieben hatten: Ihr wußtet nichts und konntet nichts verstehen. Als Gottes Sohn am Kreuz zu sterben, was ist das schon? Da flüsterten ihm die Götter vom Berg Meru zu: Blasphemie, Blasphemie.
Lucrezia, sich an irgendeine Hoffnung klammernd, welche wußte sie selbst nicht, war hinter Lucino hergefahren, um mit seinen Eltern zu reden. Eingeschüchtert stand sie vor dem stattlichen Haus, zaghaft klingelte sie, ein Diener öffnete, in ihrer Verwirrung hielt sie ihn für Lucinos Vater: "Ich bin Lucinos Freundin und möchte mit Ihnen sprechen."
Der Irrtum wurde schnell aufgeklärt und sie wurde ins Innere des Hauses geführt. Die Familie war im Wohnzimmer, es war dunkel, verglichen zu draußen, an den Wänden hingen alte Gemälde, einige zeigten religiöse Motive. Lucino, als er sie sah, feindete sie an, aber die Eltern traten freundlich auf sie zu: "Mein Kind, was können wir für dich tun?"
Sie erzählte von ihrer Schwangerschaft, die Gesichter veränderten sich. Die Mutter finster, fing hysterisch an zu schreien: "Das muß man wegmachen lassen. Das muß man weg machen lassen." Auch der Vater bestätigte, daß sie das Kind auf gar keinen Fall behalten dürfe, da sein Sohn Priester werden wolle und sie nicht heiraten könne.
Mutter: "Wir kennen jemanden, der so was wegmachen kann."
Vater: "Du meinst den Friseur in der Arme-Leute-Gasse?"
Mutter: "Ja, richtig."
Lucrezia: "Ich kenne einen guten Frauenarzt in Rom, der auch so etwas macht, aber der ist teuer. Könnt ihr mir vielleicht mit etwas Geld aushelfen?"
Mutter: "Nein, nein, nein, alles, aber nicht das. Wir geben doch kein Geld zu Huren. Außerdem wollen wir damit nichts zu tun haben."
Lucino sagte kein Wort. Langsam wurde sie zur Tür hinausgedrängt: "Das wär's ja denn wohl. Das ist dein Problem. Wir haben da gar nichts mit zu tun. Belästige uns bitte nicht wieder damit." usw.
Von draußen hörte sie noch, wie die Eltern
sich daran machten, ihrem Priestersohn eine Gardinenpredigt zu
halten. Das nützt mir nichts. Enttäuscht fuhr sie zurück nach
Rom.
Als Adjuna Lucrezia sah, dachte er, sie sieht schlecht aus, Seborrhoe, fettige Haut, Mitesser, Schuppen; keine Schönheit, nein wirklich nicht. Da ihn immer noch Fragen der Religion interessierten, fragte er sie: "Lucrezia, was sagst du denn zu dieser Religion, die einen Gott proklamiert, der, als Adam und Eva ihm einen Apfel klauten, so böse wurde, daß er die ganze Menschheit verdammte, aber als die Menschen seinen eingeborenen Sohn töteten, sich freut und alles wieder rückgängig machte und zum großen Sündenvergeber wurde?" "Nicht den Sohn, den Vater hätte man umbringen sollen! Dann müßte dieses heuchlerische Gesocks sich endlich einen anständigen Beruf suchen und könnte nicht mehr schmarotzern."
Mensch, die hat aber schlechte Laune.
Am Montagmorgen traf Adjuna, wie verabredet, den Priester, und gemeinsam zogen sie los.
"Der Gott, der Moses die zehn Gebote gegeben hat, ist auch euer Gott, sagst du?" "Ja, das ist richtig." "Aber wo habt ihr denn den Opferaltar." "Wir opfern doch nicht mehr!" "Ohne Speise- und Trankopfer ist der Gott doch schon längst verhungert."
"Gottes Sohn hat sich für uns geopfert, und seitdem essen wir beim Abendmahl seinen Leib und trinken sein Blut." "Irgendwann müßt ihr ihn doch mal aufgegessen haben." Eine fromme Hoffung.
Vergeßt nicht, Hoffnungen werden nicht erfüllt, auch eure nicht.
Im Kloster.
Jakob erklärte: " Hier bin ich
aufgewachsen und erzogen worden."
Der Mönche Leben von Epiphanie zu Epiphanie Epiphora, Ora und Labora.
Armut, Keuschheit und Gehorsam.
Viele Leute streben im Leben nach Glück und Freude. Warum eigentlich? Sind Elend, sexuelles Unbefriedigt-sein und Unterdrückung keine Alternativen? Kann ein hartes Bett nicht ein weiches ersetzen, ein härenes Hemd nicht eine seidene Bluse und die Knute eines Abtes nicht die zärtliche Umarmung einer Frau? Alles ist möglich, selbst in Freiheit die Unfreiheit zu wählen.
Man könnte es tolerieren. Man sollte aber
nicht vergesssen, daß man in Unfreiheit nicht mehr die Freiheit
wählen kann.
Die Mönche trugen einfache Kutten und ein
einfaches Holzkreuz an der Brust. Die so angekreuzten liefen
emsig umher. Ora und Labora. Ihre gesenkten Augen schienen auf
dem Fußboden etwas zu suchen. Aber Jakob erklärte später, sie
suchen den Eingang zum himmlischen Paradies.
Immer wieder hatte Adjuna den gemarterten Mann gesehen und das Marterholz und sich gewundert, daß jemand, dem ein solches Unglück zu gestoßen war, angebetet wurde.
Wenn man ihn nun gehängt hätte, würden dann alle diese Leute einen Galgen anbeten?
- Und sich vielleicht kleine Galgenmodelle an
Kettchen um den Hals hängen, die dann prominent in Gold am
Brüstchen prangen, die frommen Prahler, die als Gläubige
posieren, Kuttenträger, die penetrant 'nen Galgen präsentieren,
um angesichts Sünden und Sündhafter sich zu protektieren und
statt bekreuzigen, sich begalgen? Was wäre dann Galgenhumor?
Gotteslästerung?
"So ein Kloster ist nichts Sehenswürdiges. Ein Ort des Todes wie eine Gruft." "Warum meinst du das?" "Ihr lebt nicht, ihr bereitet euch auf den Tod vor." "Ja, dann muß der Mensch vor dem Jüngsten Gericht erscheinen." "Ihr scheint furchtbare Angst davor zu haben. Wenn es das nun alles gar nicht gibt, was ihr euch da vorstellt, dann war eure ganze Panik vergeblich. Und ihr habt nur euer Leben nicht gelebt." "Es gibt es. Alles ist wahr", sagte Jakob. War die Festigkeit, mit der er plötzlich sprach Beschwörung? Er sah plötzlich so allwissend aus. Adjuna hatte zum ersten Mal das Gefühl, das sein neuer Freund auf ihn herabsah.
"Es war ein schöner Spaziergang hieraus.
Muß auch dir gut getan haben, wo du sonst immer nur einen
künstlichen Himmel über dir hast, an den Engel gemalt sind und
Heilige", sagte Adjuna, um das Thema zu wechseln.
In der Toilette, nach dem gemeinsamen Pissen, - das Kloster hatte eigenartigerweise nur eine Herrentoilette -, schlug Jakob die Kapuze seiner Kutte zurück und betrachtete seinen tonsierten Schädel intensiv vor dem Spiegel. Dann nahm er Öl aus einer bereitstehenden Olivenölflasche und polierte und massierte die kahle Fläche seines Kopfes. Adjuna dachte, er litte an Alopecia praematura oder ähnlichem und hoffe, daß ihm die Haare wieder sprießten mit Olivenöl.
"Ich schwöre bei meinen Haaren", sprach Adjuna, "Olivenöl hilft da nicht. Nimm eine Mischung aus Schnaps, Honig, Birkenwasser und Urin, am besten den eigenen oder den von heiligen Kühen. Dann wachsen sie auch bald wieder."
"Oh, Adjuna, schwöre nicht bei deinem Haupte, denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen1."
1 Matth. 5:36
"Warum soll ich denn meine Haare nicht färben können? Ich will es bloß nicht. Du kannst deine da oben nicht färben, weil du da keine hast."
"Ich meine doch deine natürliche Haarfarbe. Die kannst du nicht verändern, nur Gott."
"Ich habe noch nie gehört, daß sich bei jemandem die natürliche Haarfarbe geändert hat, nur daß die Farbe im Alter weggegangen ist. Aber wen interessieren denn Haare? Gene sind doch viel wichtiger. Gen-Forschung, das ist jetzt das große Thema da draußen. Noch können wir Menschen unsere Gene nicht verändern, aber bald. Und wenn wir das geschafft haben, können wir uns auch um die Haare kümmern, unsere natürliche Haarfarbe verändern, und Glatzköpfen wie dir helfen."
"Ich habe keinen Haarausfall. Wir Mönche rasieren uns die Haare da oben ab."
"Was? Ihr beraubt euren Gott der Möglichkeit, eure Haarfarbe zu verändern? Das hätte ich nicht von euch gedacht?"
"Soll das eine Andeutung sein gegen die strenge Haltung unserer Kirche in der Abtreibungsfrage?"
"?"
Am Tage des Jüngsten Gerichts
richten wir Gott.
Nach dem Tode gewähren wir ihm die Gnade,
die Narrheiten seines Lebens zu erkennen.
Doch dann bleibt nur noch die Verdammnis.
Nie wieder darf er zurück,
er hat zuviel Schaden angerichtet.
Bevor sie voneinander Abschied nahmen, sagte Jakob plötzlich: "Adjuna, obwohl wir so verschieden sind, können wir Freunde sein. Es ist schön." "Ja, wirklich."
"Adjuna, ich habe dir doch mal von dem Verbrechen Onans erzählt." "Das Verbrechen, das du deiner Meinung nach begehst? Selbstbefriedigung, nicht wahr?" "Ja." "Das war aber nicht Onans Verbrechen. Onans Verbrechen war ein Coitus interruptus. Also, wenn du Onans Verbrechen begehen willst, brauchst du eine Frau. Ich glaube übrigens nicht, daß er für sein vorzeitiges Rausziehen mit dem Tode bestraft wurde, sondern bloß zufällig gestorben ist." "Ja, manche Forscher meinen auch, daß er nicht dafür bestraft wurde, seinen Samen verschüttet zu haben, sondern für die Weigerung, mit Thamar die Leviratsehe zu vollziehen." "Das wäre unberechtigt." "Warum denn? Wo Onan doch gegen das Gesetz verstoßen hat." "Weißt du denn nicht, daß der Coitus interruptus zur Empfängnisverhütung kaum taugt. Wenn das Glied einmal eingeführt, verdammt, was rede ich so geschwollen, reingesteckt wurde und der Mann erregt ist, kommen gleich zu Beginn mit dem Schmiermittel, das den Samenleiter für den großen Schub ölt, so viele Samen in die Vagina der Frau, daß sie schwanger werden kann. Wenn Thamar einen Eisprung gehabt hatte, hätte es für Gott, dem soviel an ihrer Schwangerschaft lag, ein Leichtes sein sollen, von den vielen Spermatozoiden eines erfolgreich bis zum unbefruchteten Ei schwimmen zu lassen."
Scholastiker haben sich einmal lang und breit erfolglos und unsinnig darüber ausgelassen, viele Englein wohl auf eine Nadelspitze passen. Bei Spermien weiß man es. 3000 finden bequem Platz. Woraus man ersehen kann, was für winzig kleine, unscheinbare Dinger das sind. Wenn das erregte Glied erstmal anfängt zu seibern und Fäden zu ziehen, ist nichts mehr sicher vor ihnen, jedenfalls kein Ei und keine Frau."
"Adjuna, gehst du immer noch zu käuflichen Mädchen?" "Ja, ich hab' mich erst neulich wieder bei einer Hure erholt. Ach, Frauen sind doch was Wunderbares!" "Ich habe Thomas von Aquin, so heißt einer unserer Heiligen, gelesen. Er schreibt, daß Selbstbefriedigen eine größere Sünde ist als Vergewaltigen. Da dachte ich ..." "Ach, du möchtest mal mitkommen. In Ordnung, abgemacht, keine falsche Scham. Ich hab' dich ins Kloster begleitet und du begleitest mich ins Freudenhaus. Abgemacht?" "Meinst du wirklich?" "Ja, natürlich, aber vergiß deinen Thomas, nimm nur deinen Willi mit. Wann wollen wir uns treffen?" "Am nächsten Sonntag gegen Mittag - zur Sonntagsmesse?"
"Gut."
Als Adjuna an diesem Tag nach Hause kam, traf er Lucrezia im Flur beim Fußbodenscheuern an. Als sie Adjuna sah, richtete sie sich mühsam auf. Sie sah blaß aus und schien ein bißchen zu schwindeln. Sie hielt sich den Bauch, als hätte sie Leibschmerzen. Hast du was Schlechtes gegessen?" fragte Adjuna besorgt. "Nein, nein, schon gut", sagte sie schnell.
Später in seinem Zimmer hörte er, wie etwas im Flur zusammensackte. Als er die Tür öffnete, sah er Lucrezia auf dem Boden liegen. Ihre Schenkel waren voll Blut. Zu starke Menstruation, dachte Adjuna, was mache ich nur? Normale Wunden kann man zuhalten, damit der Blutverlust nicht zu groß wird, aber man kann ihr ja nicht die Vagina zuhalten, sie würde ja weiter nach innen bluten. Ein Arzt muß her. Um Hilfe schreiend, lief er in die Wirtsstube und weiter zum Arzt.
Als er endlich mit einem Arzt zurückkam, war
sie schon tot.
Als Adjuna am nächsten Sonntag gegen Mittag zur großen Kirche kam, fand er eine Menschenmenge auf dem Vorplatz versammelt. Auf der dritten Stufe zum Eingangsportal stand der Kirchenfeind und rief: "Der felsenfeste Fels, auf dem dieses Gemäuer steht, ist nicht nur der wackelige Petrus, sondern Gewalt, Lüge, Betrug, Unsinn, Blindheit, mit einem Wort: Religion. Umschmeißen, sag ich da nur, um..."
Da machte die Menge ihn nieder.
Von der Wankelmütigkeit eines Petrus ist nicht viel übriggeblieben, dachte Adjuna.
Jakob hatte Adjuna schon von weitem erspäht und lief ihm entgegen. Er legte kameradschaftlich seine Hand auf Adjunas Schulter und gemeinsam gingen sie fort.
Vom Balkon des dritten Stocks rief noch ein alter Mann zu ihnen herunter: Paks wo bist kumm?
Aber Adjuna wußte auch nicht, wo er war.
Sicher nicht auf dieser Welt.
Auf dem Weg zum Freudenhaus merkte Adjuna, wie nervös sein neuer Freund war. Wahrscheinlich hatte er mehr Lampenfieber als vor seiner ersten Predigt von der Kanzel. Um ihn ein bißchen zu beruhigen, sagte Adjuna: "Keine Angst, ich mach das schon."
Aber dann machte er alles falsch: "Hallo, ich hab euch heut jemanden mitgebracht. Das ist Jakob. Er ist übrigens Mönch und Priester. Also wenn jemand beichten möchte..." Stoß in die Rippen, Jakob leise: "Adjuna, wie kannst du sowas sagen. Das darf doch keiner wissen." Und mit lauter Stimme: "Er macht Späße." Wenn er bei seinen Predigten auch so wenig überzeugte, sollte er sich einen anderen Beruf suchen.
Die Mädchen waren ganz aus dem Häuschen: "Ich denke, alle Priester sind Homos." Eine andere: "Aber nicht alle Homos sind Priester. Hahaha."
Adjuna wollte sie zurechtweisen mit: "Ja, und alle Damen sind Frauen, aber nicht alle Frauen sind Damen." Da johlten sie schon: "...und schon gar keine Lebedamen." "Verstehen doch so viele nicht zu leben."
Die Puffmutter sagte Adjuna, daß Delila gerade beschäftigt sei, und teilte ihm Lolita zu, auch dem Jakob wurde ein Mädchen zugeteilt.
"Hallo, Süßer, nenn mich einfach Lola. Oh, du bist himmlisch. Und so stark."
Sie machten sich fertig fürs Bett. "Mein
Gott, hast du nicht gerade erst einen Kunden gehabt?"
"Ja, mein Süßer, ich bin ein gebuttertes Brötchen."
"Du hast sie dir nicht mal ausgespült?" "Nein,
mein Süßer, die wird ja sowieso gleich wieder schmutzig."
Das Übliche:
Hat der Schwanz
auch noch soviel Glanz
kommt er in die Scheide
tief in die Eingeweide
wird er bald matt, platt, satt.
Am Ende meinte Adjuna, ein wenig enttäuscht: "Nicht nur deine Muschi ist weich, leider auch dein Oberstübchen." "Ja, mein Süßer, ciao."
"Tschau."
Und wie erging es Hochwürden bei seinem Hurchen?
"Hier leckst du brav meine Muschi und wirst geil. Später von der Kanzel wettert ihr dann gegen die Wollust der Frauen und nennt uns Sünderinnen. Euresgleichen hat einen Schöpfungsmythos erfunden, der die Unterdrückung der Frau rechtfertigt. Nicht nur, daß ihr uns aus einer krummen Männerrippe habt machen lassen entgegen aller Vernunft und Erfahrung. Denn wie du aus dem Ding, das du eben beleckt hast und jetzt so ultradumm anschaust, geschlüpft bist, so ist natürlich auch der erste Mensch aus einer Muschi geschlüpft. Lutsch ruhig noch mal dran. Probier, wie die Öffnung schmeckt, durch die, seit es Säuger gibt, Wesen auf die Welt gesetzt werden."
"Aber wie sind sie denn da reingekommen?"
"Weißt du das auch nicht? Na, komm her mit deinem Ding da unten. Aber glaube nicht, daß das ein Pflanzstock ist. Wenn ihr an eurer theologischen Fakultät auch nur die dürftigsten Grundbegriffe der Biologie lernt, so solltest du doch wissen, daß dein Samen ohne mein Zutun nichts ist. Das ist natürlich nur theoretisch. In Wirklichkeit weiß ich natürlich zu verhindern, schwanger zu werden. Und wenn mir wirklich einmal ein Malheur passiert, treibe ich natürlich ab."
"Oh, in was für einen Sündenpfuhl bin ich da gelangt."
"Glaubst du, ich möchte von jemandem wie dir ein Kind, außerdem hat Gott uns Frauen ja sogar erlaubt, in Zeiten der Not die Neugeborenen zu essen mitsamt der Nachgeburt.1 Dazu hab ich natürlich keinen Appetit. Heh, du mußt dich mehr bewegen, du wirst ja ganz weich."
1 Siehe 5. Moses 28; 56 - 57
"Ich brauche eine Pause." Er legte sich neben die Hure.
"Was ich noch zu Eva sagen wollte. Wegen Eva lehrt ihr, daß man uns nicht als gleichberechtigt ansehen darf, denn es war Adams Fehler, seine Frau gleichberechtigt behandelt zu haben und ihr entgegen eigener Vernunft Glauben geschenkt zu haben. Was zur Sünde führte. Und weißt du, was die Frucht war? Natürlich kein Apfel." "Es war das Wissen um gut und böse." "Aha, du bist sogar bibelfest. Siehst du auch ein, daß es eine Tugend ist, sich Wissen anzueignen, besonders Wissen um gut und böse. Und noch eins: Wenn sie doch vor dem Sündenfall noch gar kein Wissen um gut und böse hatten, wie konnten sie wissen, ob es gut oder böse ist, sich an Gottes Gebote oder Verbote zu halten?" "Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, also zum Bilde Gottes." "Aha, Adam und Eva waren wie Gott und Gott war wie Adam und Eva und hatte keine Ahnung von gut und böse und hat es wohl auch heute noch nicht. Das erklärt vieles. Ich sehe, dein Schwanz ist ganz zusammengeschrumpft. Sieht fast aus wie die kleinen Schwänzchen von Neugeborenen. Heute wird es wohl nichts mehr mit dem Sündigen. Wollen wir uns anziehen und an die Bar gehen? Hochwürden braucht natürlich nicht zu zahlen, wo er nicht gekommen ist."
"Danke", sagte er, während er sich hastig anzog, obwohl er sich vor Schmerzen im Hodensack kaum aufrichten konnte.
In der Bar traf er Adjuna. Er hielt sich mit einer Hand an dessen starker Schulter fest, fast wie ein alter Mann. "Na, du mußt es ja wild getrieben haben, du kannst ja kaum noch stehen." "Oh, Adjuna, das nächste Mal möchte ich aber keine Philosophin haben. Die Frau hat mich fertiggemacht."
"Ist das nicht gut?"
Auf dem Heimweg unterhielten sie sich noch über die Frauen und der Priester erklärte sein Mißgeschick ausführlicher, Adjuna verschwieg allerdings, daß er auch nicht zufrieden war. Der Priester wiederholte noch einmal: "Das nächste Mal möchte ich keine Philosophin, die mir Vorträge hält. Verstehst du das jetzt, Adjuna?"
Adjuna dachte, naja, du kennst ja jetzt den
Weg, denn er selbst hatte so schnell nicht vor wiederzukommen.
Dann fing er an zu lachen: "Ein Kuriosum. In der Kirche
kriegst du Abgang und bei der Kokotte versagst du."
"Wieso in der Kirche?" "Sagtest du nicht mal, daß
du onanierst?" "Ja, aber doch nicht in der Kirche, da
gehe ich doch auf die Toilette."
Wer stand denn da an der einsamen Ecke, mit Wunden übersät? Der Kirchenfeind. Nein, er war nicht auferstanden, bloß aufgestanden. Zu wem sprach er, war doch nicht einmal ein Straßenköter zu sehen? Wohl zu sich selbst. Und was? War er zum Märchenerzähler geworden?
"Es war einmal ein lächelnder Papst. Die Frohe Botschaft hatte ihn wirklich froh gemacht, nicht sauer wie die meisten, deren saures Gesicht die Welt zu erfolgreich von der Frohen Botschaft überzeugte. Hatte er auch die edle Absicht, die Kirche wieder auf den rechten Weg zu bringen, was für ihn hieß, sie, wie einst der Jesus Christus es im jüdischen Tempel getan hatte, von Verbrechern und Geschäftemachern zu säubern, Nächstenliebe zu üben, den Armen zu helfen und nicht die Reichen und Mächtigen zu hofieren, so starb er doch nach nur 33 Tagen eines plötzlichen Todes; es tut nichts zu Sache, ob es ein natürlicher Tod war, oder ob er von seinen Gegnern ermordet wurde, wichtig ist nur, daß Gott, dessen Vertreter der Papst angeblich ist, den, der endlich mal ernst machen wollte mit Nächstenliebe und so, so einfach sterben ließ. Er hätte es nicht zulassen dürfen. Oh, ihr Christen, seht ihr nicht, daß ihr allein seid. Euer Gott ist schon lange nicht mehr. War er je mehr als ein Mensch?" Er machte eine Pause und sah ängstlich zu Adjuna und Jakob herüber, die in einem gewissen Abstand stehen geblieben waren, nah genug, um ihm zuzuhören, aber weit genug, um nicht angesprochen zu werden.
"Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, dann sollten wir ihn nicht anbeten, sondern anspucken, weil er als Allmächtiger an all unserem Elend und all unseren Qualen Schuld ist. Aber es gibt keinen allmächtigen Gott, nur eine mächtige Kirche und einen mächtigen Papst, und wahrlich Elend und Qualen haben auch sie mehr als genug verschuldet. Wie ist das möglich? Haben sie die Macht von Gott? Bei weitem nicht. Nicht einmal von den Menschen, den eigenen Gläubigen, sondern diese Macht, die sie besitzen, haben sie sich angeeignet durch Lügen, Betrug, Fälschungen und Erpressungen, durch Zehnt, Doppelzehnt, Tribut und andere hohe Steuern, durch das Verkaufen von Ablässen, Wunder- und Reliquienbetrug. Keine Lüge war ihnen zu frech, kein Verbrechen zu gemein, kein Krieg blutig genug. Und das Schlimmste, wenn wir es mit der Kirche zu tun haben, heißt Verbrechen nicht Verbrechen und eine Verbrecherorganisation ist keine Verbrecherorganisation. Die Wahrheit wird verfälscht, aus dem Blutfluß ein Heilmärchen, man präsentiert sich uns als Expertin der Menschlichkeit und Jesus ist plötzlich Liebe. Seit wann denn? Heute mittag war er es noch nicht."
"Päpste waren die schlimmsten Tyrannen, aber nicht nur das, einige waren hinterhältige Mörder, andere rachsüchtige Mörder, viele Massenmörder, andere Spezialisten der Unzucht, der Notzucht und des Ehebruchs, häufig Sadisten, aber auch Masochisten gab es und solche, die kuranzten, einige vergewaltigten ihre Beichtkinder, andere ihre eigenen Kinder, einige waren Kujone, andere zeigten für einen religiösen Menschen unglaublichen Scharfsinn, wenn es um ihren eigenen Vorteil ging. Und was sind sie noch? Nach eigener Aussage: Vertreter Gottes auf Erden! Und mich beschuldigt man der Gotteslästerung! Eins haben sie alle gemeinsam: Mit Hilfe von Lügen, Verbrechen, Verschweigen und salbungsvollen Worten haben sie der Kirche immer wieder das Überleben gesichert. Die Kirche ist im Gegensatz zu anderen Verbrecherorganisationen, im Gegensatz zu gelben Horden, braunen Horden und roten Horden ein Chamäleon, opportunistisch wenn opportun, monsterhaft wenn möglich, sogar human und liberal wenn gerade nicht anders möglich. Daher ist sie nicht so leicht kaputt zu kriegen. Ich bin sicher, sie wird noch lange mit uns sein, besonders wenn man mir den Mund zuhält oder sich die Ohren."
Jakob hatte mittlerweile einen roten Kopf bekommen, nicht vor Wut, sondern vor Scham, wie es schien.
"Die Geschichte des Christentums ist blutig. Jedes Jahrhundert hatte seine Tragödien. Selbst dieses, auch wenn die Gläubigen die Augen davor schließen. Selbst dieser Tag. Wenn ihr das nächste Mal in die Kirche geht, zum Christen Gott betet oder auch nur einen Missionar oder Priester seht, denkt an mich und an das, was ich gesagt habe. Aber ich weiß, was ein wirklicher Christ ist, der wird nicht etwa zur Einsicht kommen, ja nicht einmal ein Sekündchen zweifeln, sondern sich nur aufregen, mich hassen, und suchen, mich seinen Haß spüren zu lassen. Wer Augen hat, der sehe. Es ist ja alles so klar. Das Christentum ist ein großer Irrtum. Dank des Christentums ist nichts besser geworden, nur schlechter. Zweifellos wäre auch ohne Christentum viel gemordet worden, aber ehrlicher und ohne Heiligenschein."
Es gibt eine Entschuldigung, für Gott sowieso, nämlich, daß er nicht existiert, aber auch für die Kirche, nämlich, daß sie von Menschen gemacht ist, und als solche fehlbar, fehlbar wie andere, die sich auch für unfehlbar halten und hielten und meinten, meinen und immer meinen werden, der Zweck heiligt die Mittel, und das Leben der anderen scheint immer weniger Wert als das eigene, einschließlich der hohen Ideale, die man hat.
Adjuna und Jakob gingen weiter und ließen den Prediger zurück. Er sprach weiter, obwohl ihm jetzt keiner mehr zuhörte.
Außenseiter sprechen oft nur zu sich und ihresgleichen.
Sie traten in das Halbdunkel der Kirche.
Ein Kardinal war gerade dabei, seine Kanzelschwalben von der Kanzel abzukanzeln: "...und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt nicht zu dem Licht, auf das seine Werke nicht an den Tag kommen. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, daß seine Werke offenbar werden, denn sie sind in Gott getan."1
Der Kirchenfeind, der das Christentum kanzellieren wollte, war mir lieber. Schade, daß er weder Kanzel noch Kanzelschwalben hat, dachte Adjuna. Er verabschiede