Wenn man sich die Appenninenhalbinsel von oben anschaute, Vogelperspektive reichte allerdings nicht ganz, es mußten schon fliegende Monster sein, aus deren Fenster man schaute, sah man, daß sie einem Stiefel mit Stilettoabsatz ähnelte. Und wenn man wie Adjuna und Eva die Adriaküste Richtung Süden entlang wanderte, kam man irgendwann zu den scharfen Felsen von Santa Maria de Leuca, den Felsen der Weißen Jungfrau, und vor sich sah man das brodelnde, weiße Meer, hier war es mörderisch wie die Spitze eines Stiletts. Nur die tollkühnsten Seefahrer suchten hier Unterschlupf, ihre Schiffe tanzten in der Mitte der offenen Bucht. Mit armdicken Leinen nach allen Seiten hin gesichert, sahen sie aus, wie in Spinnweben gefangen. Der Verschleiß war enorm, aber die Beute auch. Mann und Planke brachen, ständige Erneuerung war von nöten, aber der Fischfang machte reich und das Überfallen der Kauffahrteischiffe, die die Straße von Otranto durchfahren wollten, machte reicher.

Ein Schiffszimmerer, der den Hobel zu handhaben wußte, konnte hier immer Arbeit finden, mehr noch der, der ein Schiff zu führen wußte und eine Waffe dazu. Der einfache Wanderer aber, wenn er nicht ins Meer fallen wollte, mußte hier umkehren, sich nach Norden wenden. Doch wer war schon einfach?

In der dreckigsten Spelunke des Ortes lebte der größte Seeheld, respektvoll Lupo di Mare genannt von den anderen, die Jack London genausowenig kannten wie er selbst, geschweige denn gelesen hatten, was ja bloß die Weitsichtigkeit der Augen ruinierte, und wie sollte man dann sein täglich Brot verdienen, wenn man die Kauffahrteischiffe nicht mehr rechtzeitig am Horizont ausmachen konnte.

So manches Schiff hatte Lupo di Mare schon gekapert und manch ein anderes in den Meeresgrund gerammt, manch einem Matrosen die Kehle durchgeschnitten und an die Haie verfüttert, aber er hatte selbst auch schon Schiffe und Männer verloren, er hatte sogar schon Handelsschiffe, die bei Schirokko, einem mörderischen Südwind, in die brodelnde Hexenküche der trick- und klippenreichen Weißen Jungfrau geraten waren, unter Lebensgefahr gerettet. Er war wie das Meer selbst, launenhaft, willkürlich, ein Schicksal, unschuldig.

Sein schulterlanges, lockiges Haar war weiß und aufgewühlt wie das Meer vor Leuca. Früher hatte er schwarzes Haar gehabt, aber einmal, als Poseidon ihm gar zu sehr grollte und ihm sein Schiff zerschlug und ihm nichts als eine einzige Planke ließ, an die er sich dreißig Tage hatte festklammern müssen, war sein Haar weiß geworden. Doch auch diese Beutefahrt endete noch als Triumpf. Denn am dreißigsten Tag seines Ordals sah er eine Fregatte in der Windstille vor sich hin dümpeln, bei Nacht hatte er sie erreicht, über den Ruderschaft konnte er an Deck kommen, er tötete die ganze Mannschaft und über die Bordwand hinunter ins Meer warf sie den Haien aus Dankbarkeit, daß sie ihn nicht gefressen hatten, zu. Die Haie wußten, warum sie ihm nichts antaten. Dann segelte er das dreimastige Kriegsschiff allein zurück zur Weißen Jungfrau.

Evas Füße taten weh, es war ihr recht, daß Adjuna sich sofort mit dem Seeräuber anfreundete, hoffte sie doch, daß die Reise in Zukunft zu Schiff weiterginge.

Die beiden starken Männer mochten sich. Lupo war sofort bereit, Adjuna ein Kommando zu übergeben, zwar nicht über die Fregatte, aber über das zweitgrößte Schiff seiner Flotte, die Eiserne Hure. "Erst wollte ich das Schiff die Eiserne Jungfrau nennen, aber dann dachte ich, der Felsen hier nennt sich schon Jungfrau, wenn wir jetzt auch noch mit unseren Schiffen Reklame für die Jungfräulichkeit machen, verderben wir die einheimischen Mädchen. Unsere Söhne werden es uns grollen."

"Was ist eigentlich mit dem jetzigen Kommandanten der Eisernen Hure?" Jeder nennt ihn statt Kommodore Komedo wegen seiner Freßsucht, und wenn er sich beschwert, Kommode wegen seiner Bequemlichkeit. Früher war er ein Held, aber jetzt ist er nur noch ein Pudding, kämpfen kann er nicht mehr, seine Fettleibigkeit ist sein einziger Schutz, schon manche Waffe blieb in seinem Fett stecken, ohne ihn tödlich zu verletzen. Es wird Zeit, daß er sich zur Ruhe setzt."

"Also dann, auf Kapernfahrt!"

Manch einer hatte romantische Vorstellungen, wenn er das Wort Piraten hörte, und dachte an edle Seehelden. Daß sie Mörder und Diebe waren, daran dachte kaum einer.

Und wie dachten die Piraten? Selbst gehörten die meisten zu den Getretenen, waren Unterklasse gewesen, bis sie sich losgerissen hatte, waren die Ärmsten gewesen, denen man noch weggenommen hatte, nur eins hatten sie gelernt, stark zu sein und Gewalt. Sie waren die besondere Auslese der Armen gewesen, die Rebellen, die Nein! Sagen konnten zu Moral und Unterdrückung. Sie waren keine Weltverbesserer, sie wollten nur ihre eigene Situation verbessern. Stehlen? Fragten sie verwundert und voller Unschuld, das Wort hatte bei ihnen keinen abwertigen, unmoralischen Klang. Stehlen? War nicht jeder Besitz gestohlen? Aller Reichtum geraubt?

Tja, wer stark war, liebte die Gesetze des Dschungels. Nur die Schwächlinge brauchten andere Argumente als Muskeln. Und wenn sie Glück hatten, kamen sie damit sogar durch, ja siegten sogar.

Das hieß aber nicht, daß Normalbürger oder gar Schwächlinge bessere Menschen waren, ihnen fehlte bloß der Mut, die Kraft, böse zu sein, außerdem hatten sie übergroße Angst vor Strafe, die sie genauso daran hinderte, gut zu sein, wenn es gegen das Gesetz war.

Die Seele manch eines Schwächlings war eine größere Mördergrube, als die mordenen Hände eines Freibeuters schaffen konnten. Das zeigte sich jedoch nur gegenüber den noch Schwächeren wie Frauen, Kindern und vielleicht noch den Haustieren, oder wenn starke Führer Mörder brauchten und Mord zum Staatsdienst wurde.

Natürlich gab es auch gute Menschen. Das war nun wieder eine andere Ausnahme. Die wurden jedoch nicht auserlesen für den erfolgreichen Aufstieg des Menschengeschlechts.

So bezog Adjuna mit Eva die Kapitänskajüte der Eisernen Hure. Wie gesagt, es war eine sehr offene Bucht, Eva wurde schon im Hafen seekrank. "Du wirst dich schon dran gewöhnen." Aber die erste Kapernfahrt wäre beinahe schiefgegangen, weil Adjuna sich zu sehr um Eva sorgte.

Abends dann in Lupos Spelunke, als die Ereignisse des Tages diskutiert wurden, meinte Eva: "Können wir denn nicht an Land wohnen?"

"An diesem Ort gibt es kaum Häuser. Sieh dich um, es gibt nur die Ställe fürs Vieh, ein paar Haremshäuser von Piraten und einige Hütten, in denen Fischer mit ihren Familien wohnen. Diese Spelunke kommt nicht in Frage, da wird Tag und Nacht gesoffen und gegrölt. Und die Kirche wohl noch weniger, oder bist du fromm?" "Nein, ganz und gar nicht", sagte sie schnell. "Ich kann dir einen Platz in meinem Harem anbieten", meinte Lupo weiter, aber wenn du dort wohnen willst, mußt du auch die Pflichten einer Haremsfrau übernehmen, egal, ob du Adjuna liebst oder nicht."

"Adjuna, was meinst du dazu?" "Das mußt du wissen. Auch wenn du meine Freundin bist, betrachte ich deine Muschi nicht als meinen Privatbesitz. Du kannst sie benutzen, wie du willst." "Hilf mir eine kleine Hütte zu bauen. Darin werde ich wohnen. Und jeden Tag werde ich Steine von Felsen losbrechen, während du zur See fährst, und daraus werde ich uns einen Palast bauen direkt am Meer." Für diese Antwort erntete sie Bewunderung von allen Seiten.

Die Bewunderung steigerte sich noch, als die Leute sie sich mit große Quadern abmühen sahen. Einige spotteten freilich: "Da baut sie dem Adjuna sein klein' Haremshäuschen."

Wenn immer der Wind günstig war und die Piraten vom Felsen aus ein Kauffahrteischiff erspähten, kamen sie aus ihrem Versteck heraus und schlugen zu. Die eigenen Verluste waren meistens gering. Aber auch den Überfallenen erging es jetzt meist besser als früher, denn Adjuna hatte mit der Politik der verbrannten Erde auf See Schluß gemacht. Die Mannschaften wurden ermuntert, sich zu ergeben und dann bei den Piraten mitzumachen. Lupo war zuerst dagegen: "Die Haie sind dann zu hungrig." Als er aber sah, wie groß die Flotte durch die erbeuteten Schiffe und die zusätzliche Mannschaft wurde, wurde auch er ein Opfer der Megalomanie. "Neue Stützpunkte müssen angelegt werden, die Straße von Sizilien und die Gewässer um Kreta müssen kontrolliert werden, vielleicht die kleine und die große Syrte, der nächste Schritt ist dann die Beherrschung des ganzen Mittelmeers."

Große Männerträume wurden geträumt.

Eva trug in der Zeit Stein auf Stein und irgendwann war sie fertig. Es war zwar kein Palast geworden, aber ein niedliches Häuschen, sie nannte es Kleines Glück.

Auch Adjuna war begeistert und tauschte seine Kapitänskajüte gegen ein Stübchen in Evas Haus ein. Von den Kapernfahrten brachte er kostbare Truhen und wertvolle Gemälde mit, auch Teppiche und Kronleuchter. Bald sah es innen wirklich aus wie in einem Palast.

Eva wäre allerdings gern mit weniger zufrieden gewesen, wenn sie dafür weniger Angst um Adjuna hätte zu haben brauchen. Auch Adjuna war nicht ganz zufrieden. Er sah sich schon wieder in Pantoffel schlüpfen.

Eines Tages rief der Ausguck vom Kap der Weißen Jungfrau herunter: "Eine Fregatte, eine Fregatte!" Da der Wind günstig war und die Sicht schlecht genug, wollte man ihr den Weg abschneiden und sie erbeuten. Man konnte gut ein zweites schnelles Schiff gebrauchen. Die erbeuteten Handelsschiffe waren alle zu plump und langsam. Für diesen Überfall gingen alle auf Lupos Fregatte, denn nur diese war wendig genug und konnte auch zur Not die Verfolgung aufnehmen oder gar entkommen.

Aber es wurde weder verfolgt, noch geflohen, sondern längsseits gegangen und gefochten. Der Kampf war härter als jeder vorher gekämpfte Kampf, nicht einer ergab sich, es waren offensichtlich Elitetruppen an Bord. Zwar stachen Adjuna und Lupo viele ab, und ihr eigenes Leben war auch nicht einen Moment in Gefahr, aber viele ihrer Leute erwischte es. "Ein Pyrrhussieg", klagte Lupo, als er den letzten abstach. "Aber ein gut bezahlter", scherzte Adjuna, der von Unterdeck hoch kam und dort Unmengen Gold gefunden hatte.

"Das ersetzt die Männer auch nicht, aber ein Trostpflaster ist es schon."

Dann kriegten sie alle einen großen Schreck. Einer der Männer rief: "Das Schiff sinkt!"

"Schnell, alles mit anpacken! Rettet soviel ihr könnt!" Gold und Juwelen, Kronen und Zepter wurden umgeladen. Dafür können wir zehn Fregatten kaufen." "Wenn uns beim Versuch, den Plunder zu verkaufen, nicht der Hals umgedreht wird." "Ja, wagt euch mit dem Zeug bloß nicht in die Stadt, schenkt es lieber euren Frauen."

Als sie um das Kap herum kamen und auf Leuca zu liefen, läuteten gerade die Kirchglocken. "Ich habe mich schon immer gewundert, daß ihr hier in eurem Piratennest eine Kirche und einen Priester habt", meinte Adjuna zu Lupo. "Ja, Rom hat ihn geschickt. Ich mag ihn auch nicht. Er ist ein Narr. Religion ist was für dumme Leute. Er war noch nie auf einem Schiff, aber er weiß, daß es hier im Meer keine Haie gibt. Stell dir vor, keine Haie! Aber im Himmel gib's 'nen lieben Gott! Er fragt mich immer, wie viele umgekommen sind, damit er die Totenmesse für sie lesen kann. Ich sag dann immer, er soll die Haie fragen, aber einer der Männer sagt ihm meistens die ungefähr richtige Zahl. Irgendwann sage ich mal: plus eins, und werfe ihn als Haifutter von der Kaimauer."

Eva tat, als ob sie sich sehr über die Krone und die anderen Juwelen freute, die Adjuna ihr mitbrachte, aber eigentlich war es etwas anderes, was sie froh machte. Auch sie hatte eine Überraschung: "Ich bin schwanger, daran gibt es gar keinen Zweifel." Das war nun wirklich eine Freude, zu hören, daß neues Leben am Entstehen war, am Abend eines Tages, der so viele Opfer gefordert hatte.

Das kleine Glück beginnt Wirklichkeit zu werden, dachte Eva glücklich. Und auch Adjuna bekam das kleine Glück zu spüren. Immer öfter brachte er irgendwelche Vorwände vor, um nicht rausfahren zu müssen.

Aber gerade jetzt wurde er gebraucht. Die Kauffahrteischiffe fuhren nämlich nicht mehr allein, sondern im Geleitzug. Die größeren mußte man ziehen lassen, für die kleineren aber brauchte man jeden Mann.

Oft ging Eva jetzt, wenn ihr Mann auf See war, die große Treppe hoch, die ein noch erfolgreicherer Meister der Piraterie vor seinem schändlichen Verbrechertod als symbolischen Eingang des Landes gebaut hatte. "Einen Ausweg gibt es nicht, ich muß Piratenbraut bleiben, immer wieder um meinen Mann bangen."

Von oben sah sie übers Meer. Bei gutem Wetter konnte man die ganze Straße von Otranto bis Griechenland überblicken. Aber solch gutes Wetter war nichts für Beutefahrt, die Kauffahrteischiffe waren dann zu früh gewarnt und andere konnten auch leicht zu Hilfe kommen.

Im Morgennebel meldete der Ausguck ein brennendes Schiff mitten in der Straße von Otranto. Vom Felsen aus sah man nur die Mastspitzen eines einzelnen Schiffes und die Rauchfahne. Lupo war sofort aufgeregt. "Die müssen wir retten", befahl er, aber vielleicht befürchtete er auch, Konkurrenz im Schiffeversenken bekommen zu haben. Man lief mit der ganzen Flotte aus, denn es ist so schwer, im Nebel alle Schiffsbrüchigen aus dem Meer zu fischen, wenn man nur ein Schiff hat."

Das brennende Schiff war tatsächlich schon verlassen. Man guckte und guckte, aber man fand nicht einen Schiffsbrüchigen im Meer schwimmen. "Ja, die Haie haben zu lange nichts gehabt."

Plötzlich war man umgeben von vielen Kriegsschiffen, die ganze italienische Navi schien aufgeboten worden zu sein, um der Piratenpest ein Ende zu machen. Ein Schiff nach dem anderen wurde in Brand geschossen. Adjuna und einige andere von seiner Mannschaft flohen schwimmend zu Lupos Fregatte, die, da sie die Totenkopfflagge schnell gegen die Regierungsflagge und das Regierungswappen ausgetauscht hatten, noch nicht brannte. Nichts wie fliehen! Eines der Kriegsschiffe kam bedenklich nahe, jemand rief etwas. Lupo wollte die Täuschung noch weiterspielen, aber es half nichts, er trug keine Uniform. Das Kriegsschiff warf die Enterhaken, von der anderen Seite näherte sich noch ein Kriegsschiff. "Kämpft, Leute, kämpft! Wir haben zwei Mannschaften an Bord, wir kommen wieder los."

Lupo befahl auch noch alle Segel richtig zu setzen, damit das Schiff ordentlich an den Enterleinen riß und jede angeschnittene Leine in Kürze auseinander franste. Sein alter Kampfruf "Seid nicht traurig, wenn ihr heute nicht sterbt, morgen sterbt ihr sowieso!" hatte angesichts dieses Kampfes eine andere Bedeutung bekommen. War früher `morgen' ein unbestimmtes Irgendwann, so war es jetzt der Galgen im nächsten Hafen. Das Schiff riß sich schließlich von den Kriegsschiffen los, die erst wenden mußten, um die Verfolgung aufzunehmen, und glitt gespenstig davon. Gespenstig konnte man es wohl nennen, wenn fast nur noch Totengeister an Bord waren. "Mein Gott, wir sind ja nur noch eine Handvoll Überlebende."

Das Schiff ließ sich kaum mit fünf Mann handhaben. Wir müssen den Kurs ändern. Wir dürfen nicht ums Kap, dann verraten wir unser Versteck. Die Verfolger sind zu dicht. Wir müssen erst die Adria hoch, bis wir sie abgehängt haben."

"Lupo, wie hast du dieses dreimastige Schiff nur je allein gesegelt?" "Der Klabautermann hat mir geholfen!"

"Die Kriegsschiffe kommen dichter." "Alles, was nicht gebraucht wird, über Bord werfen! Segel trimmen!"

"Hilft nicht!" "Schmeißt mehr runter, Rettungsboote, Aufbauten, Anker!"

"Wir entkommen denen nicht, wir haben keine Wahl, ich lenke das Schiff gegen einen überschwemmten Felsen, den ich hier vor der Küste kenne, und bis zum Ufer schwimmen wir dann. Und dann gehen wir zu Fuß nach Haus. Die können hier nirgends anlegen. Da machen sie sich die Schiffe kaputt."

Gesagt, getan. Wenn bloß die verdammten Haie nicht wären! Adjuna sah, wie seine letzten Kollegen zerrissen wurden, er selbst wurde auch wieder und wieder angegriffen. Jedesmal stach er mit aller Kraft seine Finger in die Augen des Haies. Das war die einzige Möglichkeit, sich gegen einen Hai zu wehren. Nur Lupo rührten die Haie nicht an.

Als an Land Adjuna dann fragte: "Lupo, warum beißen die Haie bloß dich nicht?" lachte der nur.

Und wie erging es Eva in der Zwischenzeit? Angst hatte sie wie immer wegen Adjunas gefährlichem Tun. Aber Gefahr kam oft aus anderen Quadranten als man denkt. Unerwartet und von hinten. Das Leben war so unberechenbar wie der Wind im Mittelmeer und das Jagdglück der Piraten. Eben noch wehte es von hinten, schon kam es von vorn, oder umgekehrt. Fragt Odysseus, der kannte das Leben und das Wetter!

War es, daß die Kirche zu mächtig thronte, war es eine nostalgische Erinnerung, oder wollte sie ganz einfach mit jemandem sprechen? Sie ging zur Beichte.

Als Adjuna und Lupo endlich Leuca erreichten, hatten sie ihrem Piratenleben abgeschworen und sich geschworen, friedlich zu leben, Gemüse auf dem steinigen Boden zu züchten und in Nachbarorten zu verkaufen. Lupo di Mare erinnerte sich plötzlich daran, wie alt er schon war, die Anstrengungen der letzten Tage hatten ihn viele Haare gekostet. Oben war nichts mehr, nur rund herum waren sie noch da. Er sah jetzt fast aus wie ein Clown.

Eva, die schon gedacht hatte, sie sei Witwe geworden, freute sich sehr über die Rückkehr von Lupo und Adjuna. Endlich war ihr Mann wieder da! Denn das war er doch, ihr Mann, auch wenn sie nie geheiratet hatten.

Was war Heiraten denn schon, außer ein freches Einmischen von Staat und Kirche? Heiraten fanden im Herzen statt.

Daß die beiden keine Anstalten machten, eines von den kleinen Ruderbooten zu nehmen oder sich ein Fischerboot zu leihen, um rauszufahren und sich ein größeres Schiff zu erobern, erleichterte sie sehr. Jetzt stand ihrem Glück nichts mehr im Wege, wie sie meinte.

Tatsächlich hatten Lupo und Adjuna jede Lust auf Abenteuer und auch auf Anstrengungen verloren, was auch hieß, daß aus dem Gemüsegarten nichts wurde. Sie wurden typische Vertreter der Philosophie "Wir haben doch satt zu essen". Und das hatten sie wirklich. Für einen einzigen Ring `aus Familienbesitz' hatten sie in Gallipoli soviel Geld bekommen, daß sie sich wohl für Jahre hinaus mit Fleisch und Gemüse eindecken konnten, und sie besaßen Hunderte von Ringen. Ihre Erzählungen aber gingen so: "Weißt du noch ..."

So sonnten sie sich an dieser sonnenreichen Küste in Vergangenem.

Wie lebte man ein kleines Glück? Indem man sich um nichts kümmerte und andere sich nicht um einen kümmerten. Ein kleines Glück wollte in Ruhe gelassen werden von den Großen und vor allen Dingen wollte es selbst nicht groß werden.

Die Götter hatten was anderes vor mit Adjuna. Götter wollten immer das große Unglück.


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