Eben schien noch die Sonne. Doch plötzlich war es da, das Dunkle, das Dunkle Zeitalter. Unerwartet.
In der Zeit in Rom:
Die Kirche hütet Schafe, aber sie hat auch Hunde.
Der Dialog der Seelsorger:
Eine Nonne, die plötzlich keine Nonne mehr ist, sondern ein verliebter Backfisch? Das mag tolerieren, wer will, wir jedenfalls nicht, wir haben Verantwortung zu tragen, Verantwortung für das Seelenheil, der uns anvertrauten.
Eine Jesusbraut, die ihrem Bräutigam davon läuft, darf nicht sein.
Ehen werden im Himmel geschlossen - bis daß der Tod euch scheide.
Und wie viel mehr gilt das für Jesusbräute!
Nur der Teufel ...
Der Teufel hat seine Hand im Spiel, der Teufel die Fleischeslust in ihr geweckt.
Die Fleischeslust ist es, die den Menschen von Gott entfernt. Darum gilt es das Fleisch abzutöten. Und das wird am besten getan mit Peitschen und mit glühenden Zangen.
In unseren Verliesen auf der Folterbank, da wird sie unter dem Bildnis ihres wahren Bräutigams der Fleischeslust abschwören. Und dann - oh, Feuer, du Geschenk Gottes - muß sie brennen.
Ja, nur so entgeht ihre verteufelte Seele dem ewigen Feuer.
Das ist die ewig gültige, unverrückbare und unverzichtbare Lehre unserer Kirche. Wer hier was anderes lehrt, der ist den Einflüsterungen des Teufels erlegen und muß, da ein Ketzer, der selben Erfahrung unterzogen werden. Wenn er dann durch den Feuertod geläutert vor seinem Richter, dem Herrn Jesus Christus, steht, dann wird er schon einsehen, was für einen großen Dienst wir ihm erwiesen haben.
Gut, daß wir jetzt wissen, wo sie ist. Der weltliche Arm soll sich nach ihr ausstrecken.
Fazit: Die Kirche hatte Schafe, aber auch scharfe Hunde.
Adjuna und Lupo unterhielten sich gerad wieder darüber, wie's früher war, und darüber, daß sie aber jetzt ihren Frieden mit der Welt gemacht hatten. "All die kriegerischen Jahre über, wo ich von hier aus das Handwerk der Piraterie betrieben habe, war diese Bucht, vom Meer mal abgesehen, ein friedliches Nest, wo man sich geborgen fühlen konnte, über Land kamen nie Feinde. Wieviel friedlicher muß es erst jetzt werden, wo außer uns nur noch Fischer und Frauen hier leben. All die Waffen, die wir hier noch lagern, wir werden sie nie gebrauchen. Der alte Traum der Menschheit, Schwerter zu Pflugscharen, hier wird er Wirklichkeit." "Ja, wenn das Umschmieden nicht so mühsam wäre und das Pflügen auch." Da hörten sie einen kleinen Trupp Reiter sich nähern.
Ihr Kriegerinstikt reagierte richtig. "Schnell in die Nähe der Waffenlager. Erst unschuldig tun, es sind zu viele, aber wenn es nicht anders geht, dann kämpfen." "Wer mag das nur sein?"
Es war der weltliche Arm.
Zuerst hielt der Reitertrupp bei der Kirche. Der Geistliche zeigte auf das Kleine Glück. Die Reiter ritten hin, brachen die Tür auf und brachten Eva gebunden raus. "Lupo, schnell Schwerter, die entführen Eva!"
Sie rannten mit Kriegsgeschrei den Abhang herunter, in jeder Hand ein Schwert. Und schon bald rührten ihre Klingen in den Fleischmassen der Feinde, im Gesichtermeer der Gegner, kappten die Köpfe des vielköpfigen Monsters, schnitten die Finger des weltlichen Arms.
Die hoch auf Pferden saßen, waren besonders schwer umzubringen, besonders, wenn sie flohen. Sie riefen: "Wir kommen wieder."
Finger, die sich zurückzogen, konnten sich wieder ausstrecken. Aber wir werden sehen, daß sich hier Abgeschlagenes nicht nur wie bei niedrigen Tieren regenerierte, sondern sogar multiplizierte.
Wird Adjunas Arm gegen diese weltlichen Krakenarme stark genug sein?
Lupo: "Mit dem Frieden ist es vorbei. Die kommen wieder und zwar mit einer ganzen Armee. Da gibt es nicht viel, das wir tun können. Vielleicht den Ort befestigen und Fallen anlegen." "Ich werde einen alten Gott, der mir schon früher mal geholfen hat, um übermächtige Waffen bitten."
Eva zitterte am ganzen Leibe. "Die wollen mich holen, weil ich vom Kloster weggelaufen bin." "Keine Angst für dich nehme ich es mit der ganzen Welt auf."
Nach den üblichen Ritualen und einigen Mantras erschien Indra, Adjunas himmlicher Vater und Schutzengel, der einst seine Mutter Kunti geschwängert hatte und wer weiß vielleicht auch diesmal bei Sramania seine Hand oder seinen Lingam im Spiele oder in der Muschi gehabt hatte. Er hatte Adjunas Gandiva-Bogen aus dem Tritonen-Reich, wo er nach dem Schiffsbruch verloren gegangen war, gerettet und gab ihn jetzt Adjuna, sogar mit neuen Pfeilen, die sich im Fluge in zwölf absolut tödliche Geschosse auffächern und selbständig ihr Ziel suchen und treffen konnten. Ein waffentechnischer Fortschritt, der Adjuna sehr gelegen kam.
Jetzt blieb nur noch einst: Auf die Selbstmörder, die ihn angreifen wollten, zu warten.
Sie ließen nicht auf sich warten.
Eines Tages bebte dann die Erde von dem Hufschlag des Reiterheeres des Staates, hirnlose Handlanger des weltlichen Arms. Welcher Finger konnte schon denken? Finger hatten weder Geist noch Seele, ihren Verlust konnte man zur Not verschmerzen.
Adjunas Pfeile verdunkelten den Himmel, die Finger fielen, Fingerknäuel, Leichenwälle, Hügel leerer Menschenhüllen, die nie gefüllt waren, Berge jener Kleinbürger, die nur morden, wenn es von ihnen verlangt wurde, entstanden überall.
"Adjuna, ich dachte, du würdest ein paar für mich durchlassen, aber du brauchst mich anscheinend nicht mehr. Dein Gott hat dir wahrlich eine gute Waffe gegeben. Ich hätte nicht gedacht, daß Götter Menschen helfen können. Hoffentlich stinken die Leichen nicht so, wenn sie verwesen. Wir lassen sie am besten liegen. Das schreckt ab. Und dieser Ort hier wird wirklich zum staatenlosen Gebiet."
"Ja, ich glaube auch, bei so großen Verluste gibt man auf und greift nicht wieder an."
Es gab noch eine dritte Möglichkeit: Nicht aufgeben, nicht angreifen, das Trojanische Pferd.
Es kam angerollt, aber man erkannte es nicht als solches, man erkannte es nie als solches. Trojanische Pferde waren getarnt, sie versprachen Frieden. Es gab ihrer viele. Viele Monster und Mächtige mochten das Wort Frieden in ihrem Mund, aber hassten ihn in den Händen, wie die Unterdrücker die Freiheit, von der sie immer redeten.
Eine Kutsche kam über das hoppelige Geröll der Hochebene angerollt. Das war eine Überraschung und sah so friedlich aus. Als Adjuna sah, wer ausstieg, war er hoch erfreut. Es war sein alter Freund Jakob!
"Jakob, wie hast du denn hierher gefunden?" "Die Kirche bat mich, dich aufzusuchen. Es scheint, es hat einige Mißverständnisse zwischen dir und der Kirche gegeben." "Das kann man wohl sagen. Hast du die Leichenberge gesehen?" "Ja, du bist sehr stark. Man möchte ja auch Frieden mit dir machen." "Es bleibt ja wohl nichts anderes übrig." "Du bist zu hitzig gewesen, alles ist ein Mißverständnis. Eva hat so einfach das Kloster verlassen, so was geht nicht. Zuerst müssen Anträge ausgefüllt werden, es muß überprüft werden, ob sie freiwillig gegangen ist, oder ob sie entführt wurde, und so weiter."
"Ja, dann frag sie doch, sie steht ja da." "Nein, das ist nicht mein Bereich, ich bin Seelsorger, das machen andere. Sie muß noch einmal nach Rom, verstehst du, um die Formalitäten zu erledigen. Mit der Kutsche geht das sehr bequem. Wir bringen sie auch wieder mit der Kutsche zurück. Ich sehe, sie ist in anderen Umständen. Das trifft sich gut, in Rom ist sie ja viel besser versorgt." Adjuna dachte einen Moment an Lucrezia, das arme Mädchen; es ist gut, wenn Eva gut versorgt ist. Daß es in Rom geschah, daran dachte er nicht.
"Gut, aber ich komme mit." "Das kann ich gut verstehen, daß du deine Frau nicht allein reisen lassen möchtest." "Gut, aber sei erstmal mein Gast und ruhe dich aus."
In drei Tagen wollte man aufbrechen. Adjuna, der entgegen Eva ganz und gar von den friedlichen Absichten seines Freundes überzeugt war, wie sollte er auch was anderes bei soviel Gebrechlichkeit erwarten, entschied sich, seinen großen, unhandlichen Gandiva-Bogen nicht mitzunehmen. Er ging ein bißchen abseits, machte ein heiliges Feuer, sprach ein paar magische Worte, und schon stand übermächtig der Götterkönig vor ihm. Jakob, der noch nie einen Gott gesehen hatte, flüchtete erschreckt hinter einen Felsvorsprung. Adjuna aber bat den Gott, den Gandiva-Bogen wieder für ihn zu verwahren. Er legte ihn ins Feuer und schon war er verschwunden.
In einer Kutsche reiste es sich bequem. Gut gelaunt diskutierte man dieses und jenes. Jakob, er war ja nun mal ein Priester, sprach immer wieder feierlich von seinem Glauben. Was jedesmal Adjuna dazu provozierte, was er schlechte Kindermärchen nannte, zu erzählen.
Als sie im Vorbeifahren auf einer Wiese junge Bullen beim Analsex sahen, verdammte Jakob homosexuelle Beziehungen als unnatürlich. Adjuna, der Jakobs Haß auf Homosexuelle nicht nachvollziehen konnte, da das Glück zweier Menschen oder Tiere niemandem schade, meinte, daß selbst ein König wie David eine homosexuelle Liebesbeziehung unterhielt, nämlich zu Jonathan. Jakob protestierte: "Das war eine rein platonische Beziehung." Adjuna aber bestand darauf, daß bei Samuel 20 Samen verspritzt wurden.
"Das ist eine falsche Interpretation. Er war ein großer König vor dem Herrn und ein anständiger Mensch." "Ich hab ja nichts dagegen, aber wenn ich so sehe, was ihr für eine Beziehung zu eurem Unterkörper habt, müßtet ihr doch David für einen Sittenstrolch halten." "Warum denn?" "Michal, die Tochter Sauls, berichtet uns doch, daß er sich entblößte vor den Mägden seiner Sklaven, also selbst dem gemeinsten Volke seinen königlichen Schwanz präsentierte, wie ein Sittenstrolch. Aus Rache, daß Michal ihm so etwas vorgeworfen hat, erniedrigt er sie zu niedrigsten Magd." Adjuna fing plötzlich an zu feixen: "Stell dir mal vor, euer Oberhirte mit freiem Unterkörper beim Veitstanz im Vatikan." "Das ist nicht lustig." "Nein, du hast recht, das ist nicht lustig. Ich will dir noch mehr Schweinereien von David erzählen. Er war ein richtiger Lustmolch, ein Voyeur, nein, viel mehr als das. Geil, wie er war, beobachtete er immer vom Palast aus, wie die Frauen sich auf den Dächern wuschen. Bath-Seba, Urias Frau, gefiel ihm besonders und es gelang ihm, sie zum Ehebruch zu überreden. Leider wurde sie schwanger. Das war peinlich. Denn ihr Mann war ein treuer Soldat, der an der Front Dienst hat. David ließ ihn kommen, unter dem Vorwand, er solle Bericht erstatten, und hoffte, daß er dann auch zu seiner Frau eingehe. Aber Uria tat es nicht, da er es für Unrecht hielt, sich zu vergnügen, während das Vaterland im Krieg sei. Da blieb David nur noch eins, ihn zu ermorden. Er ließ ihn in der vorderen Reihe kämpfen, zu dicht an der feindlichen Stadtmauer, so daß er erschossen wurde. David hat noch andere Verbrechen begangen, die Ammoniter zu Beispiel in Vernichtungslagern umgebracht." "Nein, das waren Ziegelöfen." "Oder stellen wir uns einmal diese makabere Szene vor: Er ermordet 200 Philister und schneidet ihnen dann ihre Vorhäute ab, bloß um Michal heiraten zu können."
Eva und Jakob wunderten sich, mit welcher Klarheit er die alten Geschichten verstand. Die Sprache der Bibel war zu alt und gewunden, das verdunkelte das eigentliche Geschehen.
"Ich erzähle euch noch eine Geschichte, damit es nicht so langweilig ist. Sichem, der Hemors Sohn war, ein Heviter, also Heide für die Juden, verliebte sich in Jakobs Tochter Dina. Er lag bei ihr und schwängerte sie. Sein Herz hing an ihr und er hatte sie sehr lieb und redete freundlich mit ihr. Sichem bat seinen Vater Hemor: Gib sie mir zur Frau. Und Hemor ging zu Jakob und sagte: Mein Sohn Sichem liebt eure Tochter Dina, gebt sie ihm doch zur Frau. Befreunden wir uns, gebt uns eure Töchter und nehmt unsere Töchter. Wohnt bei uns. Das Land soll euch offen sein. Sichem sprach zu Dinas Vater und ihren Brüdern: Laßt mich Gnade bei euch finden. Was ihr sagt, das will ich geben. Fordert nur getrost von mir Morgengabe und Geschenk, ich will's geben, nur gebt mir Dina zur Frau. Jakobs Söhne aber antworteten: Wir können das nicht tun, daß wir unsere Schwester einem unbeschnittenen Mann geben; denn das wäre eine Schande. Und sie verlangten, daß alles, was männlich sei in Sichems Klan, sich beschneiden ließe, dann wolle man Freunde sein, ein Volk. Und tatsächlich überzeugten Sichem und Hemor alle Männer ihres Klans,
sich beschneiden zulassen. Das Abschneiden der Vorhaut verursacht besonders unter unhygienischen Bedingungen Entzündungen und Fieber. Am dritten Tag als die Schmerzen am größten waren, gingen Jakobs Söhne und erschlugen alles, was männlich war in Hemors Klan, weil Sichem ihre Tochter Dina geschändet hatte. Die Söhne Jakobs aber nahmen alle Habe, alles Vieh, sowie die Mädchen und Frauen der Heviter für sich."
Betroffenes Schweigen in der Kutsche.
Ja, Religion und das Mordhandwerk gingen gut zusammen. Aber die Piraten hatten bewiesen, daß es auch ohne Religion ging, Religion überflüssig war.
Adjuna, der sich aufgrund seiner Kindheitserinnerungen an die Märchenstunde der Kinderfrau in Abrahams Haus, bei der meistens aus dem Alten Testament gelesen worden war, und durch neu Angelesenem als Bibelspezialist und Religionsfachmann vorkam, wagte, um die Betroffenheit ein bißchen zu lösen, und außerdem war er jetzt richtig in Fahrt, eine neue Theorie. Es heißt in der Bibel. Gott machte Adam aus einem Erdkloß und blies ihm lebendigen Odem in seine Nase ein. Aber zu glauben, daß Gott eine Art Mund-Nasen-Beatmung machte, ist ein Irrtum. Er benutzte seinen Hintern. Es war ein Pups, der das Leben brachte. Das will ich euch anhand der Bibel beweisen. Als Moses in seinem zweiten Buch im 33. Kapitel die Herrlichkeit Gottes zu schauen begehrt, sagt Gott: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Und er zeigt dann auch wirklich nur seine Rückseite. Wenn man, wenn man sein Gesicht sieht, nicht leben wird, wieviel weniger dann lebendig werden."
Jakob fühlte sich offensichtlich durch das eben Gesagte schwer beleidigt. Hatte Adjuna es zu weit getrieben? Es schien so, als ob ihre Freundschaft in eine schwere Krise geraten war. Für den Rest der Fahrt war Jakob wortkarg.
Zum Glück kamen sie bald an. Und es gab anderes zu tun. Adjuna nahm sich mit Eva wieder ein Zimmer im Heiligen Bimbam. Babbuino war wie immer freundlich, fromm und stotterig. Beim Abendessen wollte er sich zu ihnen setzen.
Halleluja
ist kein Stuhl da.
Er nahm sich vom Nebentisch einen Stuhl und ließ sich von Adjuna dessen Abenteuer erzählen. Es war ein fröhlicher Abend.
Später im Bett streichelte Adjuna feierlich Evas schwangeren Bauch. "Ob es wohl ein Junge oder ein Mädchen ist?" "Ich hoffe, es wird ein Junge. Dann wird er bestimmt so stark wie du", sagte Eva. "Und ich hoffe, es wird ein Mädchen. Dann wird sie bestimmt so hübsch wie du."
"Es strampelt, hier das ist das Füßchen. Hallo, mein Kleines, ich bin dein Papa. Ich will immer dein bester Freund sein. Wenn du erst mal bei uns draußen bist, werde ich dir Himmel und Erde erklären. - Weißt du, das Kind kann uns verstehen, es ist schon groß genug. Ich erinnere mich noch, als ich so alt war, wollte man meine Mutter erschlagen und ich konnte ihr von meiner Kampferfahrung was abgeben und sie konnte sich retten."
Adjuna wandte sich wieder dem Kind zu: "Mein Kind, diese Welt, in die du geboren wirst, ist eine Art Hölle: Zu leicht nur wird man zum Opfer oder zum Täter, und oft ist das nicht einmal auseinander zu halten. Wenn du dich nicht schuldig machen willst, strebe weder danach, gut zu sein, noch danach, schlecht zu sein, sondern versuche Gut und Schlecht im Ausgleich zu halten."
Back to Holger Hermann Haupt's Home Page.
Back to Literatur-Seite.