Und nun ragst du hinter mir, Rom, du große Hure, die du an vielen Wassern sitzt, du Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Mögen die Götter auch mit dir sein, die Menschlichkeit ist es nicht. Die Stadt Troja zu zerstören, kostete Eris, der Göttin der Zwietracht, nicht mehr Mühe, als einen Apfel zu rollen. Äneas, der letzte Held Trojas, floh in das friedliche Land am Tiber. Doch Hera, die Gattin Zeus, konnte den Trojanern nicht verzeihen, daß einer der Söhne Trojas ihr nicht den Apfel mit der Aufschrift `Der Schönsten' gegeben hatte, und in der Stadt des Königs Latinus, wo Äneas hoffte, mit seinen Leuten friedlich aufgenommen zu werden, riß sie eigenhändig das von hundert ehernen Riegeln verschlossene Tor des Kriegstempels auf und Janus, Hüter des Tempels und zwiegesichtiger Gott aller Anfänge, dem der erste Monat des Jahres geweiht ist, begann den Krieg gegen den Trojaner Rest. In dieser Not kam Aphrodite, Schönheitskönigin und Göttin der Liebe, Äneas zu Hilfe. Sie bat den Gott des Feuers, Hephast, herrliche Waffen für Äneas zu schmieden. Die Waffen waren gut, aber der vom göttlichen Schmied geschmiedete Schild war mehr als ein zuverlässiger Schutz. Sah man hinein, versank man in Bildern, Bildern der Zukunft. Man sah nicht nur, wie Äneas den latinischen Helden Turnus erschlug und als Sieger Lavinia, die Tochter des Königs Latinus, heiratete und später selber König wurde, sondern auch wie eine Nachkommin, die Prinzessin Rhea Silvia, vom Kriegsgott Mars die Zwillinge Romulus und Remulus gebar, die ihr Onkel Amulius aus Wut darüber, daß sie ihren Keuschheitsschwur als Vestapriesterin gebrochen hatte, zum Sterben in einem Kasten auf dem Tiber aussetzte. Der Kasten blieb in den ungastlichen Sümpfen bei den sieben Hügeln an einem Feigenbaum hängen. Eine Wölfin fand die Zwillinge, ihre Euter füllten sich mit Milch, die Herzen der Zwillinge aber füllten sich mit wölfischer Mordlust. Romulus mordete Remulus.

Der Etrusker Tarquinius Superbus vergewaltigte die römische Adlige Lucretia. Aus Schande tötete sie sich. Die Römer aber unter Lucius Junius Brutus töteten die Etrusker. Blut geschmeckt, raubten und töteten sie weiter, bis die ganze Apenninenhalbinsel ihnen gehörte. Man wollte mehr. Karthago mußte brennen, wie einst von Troja blieb nach dem dritten punischen Krieg von Karthago nur Schutt und Asche und auf den Boden streute man noch Salz.

In dem vom Gott geschmiedeten Schild sah man, wie sich das Feuer der Zerstörung nach allen Seiten hin über die damals bekannte Welt ausbreitete. Man sah den Krieg gegen Antiochos, man sah die makedonischen Kriege, den lusitanischen Krieg, den keltiberischen Krieg, die sizilianischen Sklavenkriege, die Ermordung Aemilianus, die Zerstörung von Fregellae, die Ermordung des Reformpolitikers Tiberius Gracchus und seiner Anhänger, die Ermordung des jüngeren Gaius Gracchus und seiner Anhänger, man sah, den General Gaius Marius den Senat und die Aristokratie abschlachten, den allobrogischen Krieg und den arvernischen Krieg, man sah es funken und blitzen an den Grenzen, die Schlacht von Aquae Sextiae, die Schlacht auf dem raudischen Feld, die Überwältigung Saturninus, Drusus' Ermordung, den fregellanischen Krieg, Caesar in Kampanien und Samnium, Aesernia von Insurgenten erobert, Kampanien verloren, Lupus Niederlage und Tod, den picenischen Krieg, Asellios Ermordung, man sah Sullas Marsch auf Rom und die Römer sich selbst zerfleischen, man sah die Massen die Leiche des verhaßten Strabos durch die Straßen schleifen, Marius die Köpfe verhaßter Senatoren an seine Rednerbühne heften, Sullas überfließende Blutbäder, die die Straßen glitschig werden ließen, man sah Pompeius Niederlage am Sucro, Lucullus Erfolge und Rückzieher in Armenien, man sah Römer am Euphrat und Tigris kämpfen, man sah gepeinigte Sklaven, Gladiatorenkämpfe, Sklavenaufstände, Metallus Sieg über Kreta, die Unterwerfung von Pontus und Armenien und Römer noch am Kaukasus und am Schwarzen Meer kämpfen, man sah Caesars Eroberungskriege, den gallischen Krieg, helvetischen Krieg, venetischen Krieg, Caesar gegen Pompeius kämpfen, Caesar in Ägypten, Caesars Armeen von Italien nach Spanien, von Spanien nach Makedonien, von Makedonien nach Afrika hetzen, man sah Cato zu Utica ins eigene Schwert stürzen und schließlich sah man Caesar den etruskischen Wahrsager verspotten, der ihm Unglück bis zum Ides des Märzes vorausgesagt hatte, und man hörte dessen Antwort: Lobe den Tag nicht vor dem Abend! und dann sah man Caesar unter dreiundzwanzig Dolchstichen sterben, man sah, wie Mark Anthonius und Octavian die Mörder verfolgten, Anthonius Liebe zu Kleopatra, Octavians Haß auf Anthonius, Anthonius und Kleopatras Doppelselbstmord; Octavian wurde der Verehrte, der Augustus, und endlich gab es Frieden, die Pax Romana; man sah auch diesen Augustus schließlich nach 41 Regierungsjahren sterben, man sah neue Kaiser kommen und gehen, fähige und unfähige, menschenfreundliche und Menschenschinder. Man sah, daß auch der schönste Frieden ein Ende hat und Gemetzel das Normale waren. Man sah, wie Brandstifter im Zirkus von wilden Tieren zerrissen wurden, man sah noch andere Fanatiker sterben, doch schließlich sah man, daß die die selbst Opfer waren, noch viel grausamere Täter sein konnten. Man sah die Tempel der Götter brennen und eine neue, noch grausamere Zeit anbrechen. Man sah, daß jenseits der Säulen des Herakles weit draußen auf der anderen Seite des Atlantiks noch andere Völker lebten, die es zu ermorden galt in Bündeln zu dreizehn, für den Herrn und seine zwölf Jünger, im Namen der neuen Religion. Man sah auch waffentechnischen Fortschritt, rasselnde Panzer und Heuschreckenschwärmen gleiche Luftangriffe, Giftgase und andere Massenvernichtungsmittel, doch irgendwann ließ sich Grausamkeit nur noch steigern, wenn man die Zahl der Opfer steigerte und von Rom wurde das Motto ausgegeben: Vermehren ist Pflicht.

Schließlich sah man ein Licht, das war so hell, daß man sich abwendete.


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