Adjuna hatte also die Stadt verlassen. Die Hure ragte hinter ihm. Viele Täter beherbergte die Stadt, und auch ich wurde zum Täter.

Rom war ihm ein Greuel geworden. Er wanderte nach Norden, er lief fast.

Am Zusammenfluß der Sesia und des Pos stolperte er und fiel in den Schlamm. Verdreckt stand er auf. Einige Rowdies machten sich lustig über ihn und warfen Steine.

Menschsein war nicht nur anstrengend und ermüdend, sondern auch widerlich.

Hier hatte Hannibal seine erste Schlacht auf italienischem Boden erfolgreich geschlagen, hier auf den Campii Raudii, den Raudischen Feldern, hatten die Kimber und Römer gekämpft. Bojorix, der König der Kimber, der, nachdem die Römer seine Bitte um Land und Saatgut abgelehnt hatten, meinte, die Götter wollten die Schlacht - in Wirklichkeit waren es die Römer, die wollten - schickte nach Germanen Art eine Delegation zu Marius mit einem Angebot zum Kampf: Und Marius solle Ort und Zeitpunkt der Schlacht bestimmen. Obwohl Marius nach Art der Römer die Feinde bisher immer da geschlagen hatten, wo er sie traf und am verwundbarsten fand und daher solche Formalität nicht kannte, wußte er sie doch für sich zu nutzen. Er verabredete, sich am nächsten Tag auf den nahegelegenen Raudischen Feldern zu begegnen. Da er von den naiven, germanischen Vorstellungen einer ritterlichen Gegenüberstellung nichts hielt, ließ er schon in der Nacht das nordische Kriegsvolk umzingeln. Im dichten Morgennebel, noch ehe sich die germanischen Krieger aufgestellt hatten, sahen sie sich angegriffen. Die kimbrischen Krieger gaben ihr Bestes, der Kampf zog sich lange hin. Die Weiber halfen ihren Männern, indem sie sie lärmend anfeuerten, mit Getrommel auf Töpfen und Pfannen und den ledernen Verdecken der Wagen, aber die Verluste der ersten Morgenstunde waren zu groß gewesen, die nordischen Recken konnten sie nicht wettmachen, einer nach dem anderen sank ins Gras, und die Römer waren mehr und mehr in

der Überzahl. Die kimbrischen Frauen lasen die Schwerter ihrer gefallenen Männer auf und stürzten ihrerseits ins höllische Schlachtgewühl. Wer verwundet war und nicht mehr kämpfen konnte, stieß sich sein Schwert in die Brust. Als alles verloren war, töteten die letzten Frauen die Kinder und Alten und schließlich, als das Anlaufen gegen die Schilde der Römer, die die Frauen lieber zu Sklavinnen hatten, keinen Tod mehr brachte, töteten sie sich selbst.

Die Kimber waren stolze, freie Menschen gewesen, der Tod hatte für sie weniger Schrecken als ein Leben in Gefangenschaft. Nur Vereinzelte dachten anders und wurden Sklaven. Jeden Tag rächten ihre römischen Herren an ihnen ihren Unmut über die Germanen. Und jenseits der Alpen lebten viele Germanen, die den Römern noch oft Grund zu Unmut geben sollten, denn Überbevölkerung, Wetterveränderungen oder auch einfach Neugier oder römische Provokationen trieben sie immer wieder zur Wanderung.

Den Römern, die als Zivilisierte in Reih und Glied kämpften, wobei jeder Soldat wie das Rädchen einer riesigen Maschinerie spurte, war die germanische Art zu kämpfen zuwider. Sie fürchteten und verachteten die Germanen zugleich. Für sie waren es rohe, ungeschliffene, gewalttätige Tiere.

Nenne ein Kind schlecht und es wird schlecht. Noch oft in ihrer späteren Geschichte, als die Römer schon nicht mehr waren, sollten die Germanen und später ihre Nachkommen, die Deutschen, ihrem Ruf gerecht werden, und todesverachtend losstürmen --- sogar bis Stalingrad.

In Stalingrad besiegten dann die Russen die Deutschen und entkamen so der Nazi-Tyrannei. Sie brauchten sie auch nicht, sie hatten ja ihre eigene.

Beschmieren wir unser Gesicht wie Adjuna mit Schlamm und stellen wir uns vor, die Erde sei mit frischem Blut getränkt, mit Kot und menschlichen Fleischresten gedüngt. Wir drücken unser Ohr gegen den feuchten Boden. Mit dem einen Ohr hören wir jetzt deutlich das Getrampel der Hufe, das Rasseln der Panzerketten, Poltern und Beben, mit dem anderen Ohr hören wir das Klirren der Waffen, Detonationen und die Schmerzensschreie der Verwundeten und Sterbenden.

Nachdem wir das Gemetzel der Schlacht genossen haben, wollen wir auch die Ruhe, die danach herrscht, genießen.

Wir setzen uns dazu aufrecht hin, die Schultern zurück, und atmen tief durch. Wir gedenken der gefallenen Helden, nicht nur der eigenen Nation, das wäre engstirnig, sondern den Helden aller menschlichen Grausamkeiten und wir haben - nein, bitte kein Mitleid - Bewunderung für die Heldenhaftigkeit, mit der die Menschen den Fluch der auf dem Menschsein lastet, ertragen. Sicher manchmal brauchten sie ein bißchen Trost, ein bißchen Nachhilfe, ein bißchen Hoffnung, einen kleinen Trick. Einige Beispiele: Die gefallenen Helden der Germanen, also wohl gemerkt, die nicht überlebten, gingen zum Saufgelage nach Walhall, Moslemkrieger, aber auch gedungene - sogar verhinderte - Mörder im Auftrag moslemischer Kleriker, verbringen ihr Dasein in der Nachwelt mit dem Entjungfern der Huris und anderen sinnlichen Genüssen, christliche Helden singen im Paradies Halleluja und finden dabei - schwer vorstellbar - ihr höchstes Glück, außerdem genießen sie die gute Aussicht auf die Hölle.1 Und was bliebt dem modernen Soldaten? Außer alten Versprechen nicht viel, 'ne Witwenrente für die Hinterbliebene.

1 Luk 16:22-24

Kleine Tricks. Sicher. Nichtsdestoweniger, meine Augen füllen sich vor Faszination. Ich bin sicher, wir werden auch den letzten Schritt noch schaffen.

Manch einer der kleinen Tricks hat große Verwirrung gestiftet, aber wir wollen den Helden die Bewunderung nicht verweigern, alles hat er geopfert: sein eigenes Glück und Wohlsein und das der anderen. Man müßte ihn einen Narren schimpfen, wenn man keinen tieferen Sinn in all diesen Gemetzeln findet.

Der tiefere Sinn all dieser Gemetzel ist nämlich die Ertüchtigung der Menschheit.

Die Ertüchtigung der Menschheit, damit sie eines Tages den großen Schlag ausführen kann, die Reinigung, die große Reinigung des Planeten vom organischen Beschmutzer.

Seht den Mond und die anderen Trabanten der Sonne! Wie schön sauber sie sind!

Wir atmen noch einmal kräftig durch. Unsere Meditation ist zu Ende. Wir haben die Ruhe nach der Schlacht genossen.

Aber unser Planet hat noch immer keine Ruhe. Es wimmelt auf ihm. Ungeziefer.

Nicht nur der Schlamm des Feldes, in den Adjuna mit dem Gesicht zuerst gefallen war und der ihm Nüster, Mund und Augen verklebte, gab ihm einen Vorgeschmack auf das Land jenseits der Alpen, sondern auch die Steine werfenden Rowdies, denen er aus irgendeinem Grunde - waren es seine langen Haare, sein fremdländisches Aussehen oder nur sein Mißgeschick? - unsympathisch war, gehörten zu diesem Hors-d'oeuvre, denn es handelte sich bei ihnen um deutsche Touristen. Aber einen fairen Zweikampf, wie ihn Bojorix gewünscht hatte, wollten sie nicht. Denn als Adjuna aufstand und auf sie zu kam, rissen sie aus.

Adjuna hatte einen eigenartigen Geschmack im Mund. Er wunderte sich. Was schmeckte so? Die Erkenntnis? Er steckte seinen Finger in den Matsch und wie ein Kind, das von der Sahnetorte naschte, leckte er den Finger ab. Er hatte recht, es war die Erkenntnis, die so bitter schmeckte.

Mutter Erde war eine lebende Einheit und Ganzheit, Gaia auf Griechisch, Bomidevi auf Indisch, Geohomoeostasis und biokybernetisches Universaltendenzsystem auf wissenschaftlich oder pseudowissenschaftlich (Wer weiß? Mysterien waren immer mysteriös.). Diese Mutter Erde war aber gar nicht so sehr eine Mutter, so wenig wie die Menschen die Mutter ihrer Darmparasiten waren, sondern ein Monster, ein müdes Monster, ein trauriges Monster. Wale und Viren, Eichen und Algen waren wie Blutkörperchen und Biosome, Teile eines Ganzen, das Ganze aber war das Monster, ein lebensmüdes Lebewesen. Da es keinen Strick hatte und auch kein Schwert zum Hineinstürzen, blieb ihm nur die Autointoxikation, die Selbstvergiftung. Das Gift waren die Menschen. Adjuna verstand das jetzt. Alles gehörte zusammen, alles hatte einen Sinn. Selbst der Tod seiner Freundin Eva bekam nun einen Sinn. Aber die Menschen sollten nicht mehr morden und sterben, ohne den Sinn zu kennen. Sie mußten von ihrer Ignoranz befreit werden.

Auf dem Fahrdamm, den Adjuna so fahrlässig verlassen hatte, kam gerade ein Bus. Der Bus hielt an für eine Pinkelpause und trug so zum Geschmack des Bodens bei.

Adjuna wollte sein Aufklärungswerk sofort beginnen und rief: "Meine Damen und Herren!" Die Damen schauten allerdings gerade beschämt weg wegen der Herren. "Meine Damen und Herren, eben wurde mir eine tiefe Wahrheit offenbart. Der Grund für unsere Existenz. Es ist Euch doch sicher schon einmal aufgefallen mit welcher Begeisterung wir Menschen uns immer gegenseitig umbringen für dumme Ideen und triviale Angelegenheiten, wie Götter, Grenzen und Geld, für Fürsten und andere Faulenzer, für Vaterländer und Muttersprachen, aus Liebe und aus Haß. Das ist alles falsch." "Ja, richtig", rief da ein Pazifist, der gerade den letzten Tropfen abschüttelte, während ein Gläubiger murrte: "Es gibt nur einen Gott." Auch der Pazifist hatte noch eine Phrase: "Make love not war."

Adjuna aber fuhr fort: "Es gibt nur eine Erde, unsere Erde. Sie ist müde, sehr sehr müde, kein Schlaf hilft ihr, nur der Tod. Sie will sterben, wir sind das Gift, das sie nehmen will. Aus Selbstmord hat sie uns hervorgebracht. Es gibt somit nur einen Grund für uns, zu töten, - ihren Grund, und unser Töten muß absolut tödlich sein, und alles Organische mit einschließen." Raunen, murren.

Alle murrten jetzt zwar, besonders aber der Pazifist, der noch eine Verabredung zum Stelldichein hatte.

"Die Götter mögen uns ja helfen dabei, aber der aufgeklärte Mensch vernichtet aus einer anderen Erkenntnis, der Erkenntnis unserer Erde, daß das Leben die schlechteste Alternative zum Tod ist."

Da Adjuna noch immer von oben bis unten voll Schlamm war, also unmöglich aussah, packte einige das nackte Entsetzen, denn sie hielten ihn nun tatsächlich für einen Propheten der Erde, ja gar für erdgeboren und gerade erst hervorgekrabbelt.

Nur einer, ein Wissenschaftler, geriet nicht in Panik, und während die anderen in den Bus stürzten, meinte er ganz sachlich: "Mag die Erde uns auch erfunden haben, um zu sterben. Wir können ihr entkommen auf zweierlei Art: Einmal mit Hilfe unseres Verstandes, zum anderen, wenn sie wirklich sterben sollte, mit unseren Raketen. Übrigens, du solltest dich mal abputzen, du bist doch hingefallen."

Adjuna war verblüfft. Während er dem abfahrenden Bus nachsann, erkannte er, daß er überstürzt gehandelt hatte, und entschied, daß er mit seiner Mission vielleicht noch etwas warten sollte. Er kannte die Menschen noch zu wenig, er sollte ihr Beobachter werden, weiterziehn und weiter... Und wenn er dann mehr wüßte, würde er reformieren, missionieren und vielleicht gar handeln.


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