Aus Adjunas Reisen: das Land der Kelten und Germanen

Jenseits der Alpen nach einem mühsamen übersteigen des Sankt Gotthards und einem gemütlichen Spaziergang durch die neutrale, aber gut gerüstete Schweiz kam man in das von den Römern so gefürchtete Barbarenland, das Land der Kelten und Germanen.

Die Kelten, deren Herzland wohl das Land um die obere Donau gewesen war, hatten ihr Siedlungsgebiet noch in vorrömischer Zeit beträchtlich ausgedehnt. Vom Balkan bis zur Biskaya war alles keltisch gewesen, sogar südlich der Alpen saßen sie. Sie waren blond und ihr in Kalklauge getränktes Haar war hart und strähnig und ihr struppiger Schnauzbart filterte das Bier, das sie tranken. Sie waren kriegstoll und leicht zu erregen, aber auch arglos, gutmütig und leicht zu beruhigen. Sie waren höflich, kannten gute Umgangsformen, liebten Komfort und gutes Essen, aber zeigten auch in anderen Dingen des täglichen Lebens guten Geschmack und waren auch extrem gastfreundlich. Sie liebten zu reden, mehr noch zu übertreiben, deshalb wimmeln noch heute deutsche Märchen von Zwergen und Riesen. Auch Adjuna sollte welchen begegnen, Übertreibern natürlich. Man sagte auch, sie waren Individualisten oder gar Anarchisten, weshalb sie es auch nie zu einem keltischen Staat gebracht hatten. Stämme schlossen sich allerdings zu Kriegszügen zusammen, 390 vor Christi eroberten sie Rom, 272 Delphi. Not, Hunger und Neugier trieb sie zur Wanderung, bis nach Anatolien, an die Schwarzmeerküste und an die Dnjepr im Osten, im Westen bis zur iberischen Halbinsel und im Norden bis Schottland und Irland, nach der Entdeckung Amerikas gingen auch viele besonders von Irland in die Vereinigten Staaten.

Doch sollten uns nicht nur die usupatorischen Leistungen der Kelten interessieren, sondern auch ihre geistigen.

Da fast jeder bis drei zählen konnte, war - wie jeder wußte - die Drei eine heilige Zahl. Die Römer hatten ihren Jupiter, Mars und Merkur, die Hindus hatten ihren Brahma, Shiva und Vishnu, die Bruchrechner ihren Vater, Sohn und Heiligen Geist, und so hatten denn auch die Kelten drei Hauptgötter: Taranis, Esus und Teutates. Außerdem gab es noch drei Matronen, Muttergottheiten, Beschützerinnen von Acker, Feld und Flur, und tiergestaltige Nebengötter im Dreierbündel, Hirsch, Hase, Hund, Reiher, Rabe, Raubvogel, Schlange, Schwein und Stute, etc. etc. etc.

Die Kelten kannten auch schon einen von Priestern, Druiden, geleiteten Gottesdienst, die Gehirnwäsche par excellence und immer eine anrüchige Sache. Ihre Götter brauchten offensichtlich die Dolmetscher Dienste der Druiden und verstanden es nicht, sich dem einfachen Volke direkt mitzuteilen, was den Priestern größere Macht gab als den Göttern.

Die Seele der Kelten war unsterblich und wanderte. War ein Kelte todkrank, hatte aber keine Lust zur Seelenwanderung, so konnte er dem Tod dadurch entgehen, daß er den Göttern einen Menschen opferte. Denn das Darbringen eines Menschenlebens verpflichtete die Götter, das Leben des Opferers zu schützen, das eine für das andere, ein Tausch und kein Betrug.

Die Druiden kannten aber noch viele andere Gelegenheiten, wo sich mit Menschenopfern von den Göttern was erzwingen ließ. Das begann gleich am ersten November, dem Neujahrstag der Kelten und späteren Allerheiligenfest der Christen, und ging dann im Vierteljahres Rhythmus durchs ganze Jahr, erster Februar, Fruchtbarkeitstag und Beginn der Säugezeit der Schafe, erster Mai, Maifeiertag, Mitte des Jahres, Schafe wurden mit Rauch seuchenfest gemacht, erster August, Götter werden zur Einbringung der Ernte günstig gestimmt. Lag was Besonderes an, wie 'ne Schlacht, die gewonnen werden wollte, gab's auch mal ein Opfer zwischendurch.

Die Druiden hatten erkannt, daß Taranis, dem das Element des Feuers zugeordnet war, seine Opfer verbrannt oder zumindest gut durchgebraten haben wollte, und zwar bei lebendigem Leibe, denn er liebte frisches Fleisch und frische Leber, und was war frischer als lebendig? Dem Teutates war das Wasser zugeordnet und seine Opfer wurde in einem Faß ertränkt, und Esus, zu dem die Erde gehörte, bekam seine Opfer im Baum aufgehängt. Die Kelten kannten zum Glück nur drei Elemente und nicht wie Physiker über hundert.

Auch die Frauen, denen man seherische Fähigkeiten zuschrieb, halt, schreiben konnte man ja gar nicht, also: nachsagte, brauchten Menschen, wenn sie die Zukunft erkennen sollten. Sie stachen ihre Opfer aber mit dem Dolch ab. Nach der Art des Hinfallens, dem Zucken der Glieder und dem Fließen des Blutes sagten sie wahr. Sie standen in hohem Ansehen.

Da die keltischen Götter magische Entitäten waren und keine moralischen, brauchten Priester und Seherinnen sich nicht die Mühe zu machen, für ihre Opfer Menschen zu suchen, die gegen irgendwelche Gebote der Nächstenliebe verstoßen hatten, sondern konnten jeden x-beliebigen nehmen, Verbrecher wie Unschuldige, auf jeden Fall band es den Gott, als Opferempfänger, das Verlangte zu tun; wie ein Zauberspruch einen Zauber erzwang, so erzwang das Opfer einen Dienst, genauso unabänderlich, genauso erfolgreich.

Abrakadabra...

Nördlich der Kelten wohnten die Germanen.

Die Hindus aßen keine Kühe, weil ihnen dieses Milch spendende Tier ein Symbol der Barmherzigkeit war, die Moslems und Juden aßen kein Schweinefleisch, weil das Schwein stank und schmutzig war, sie aßen auch keine Krabben, weil die dem Teufel ähnlich sahen. Und die Germanen? Waren sie später auch Allesfresser, einst aßen sie kein Pferdefleisch, denn das heilige, achtbeinige Pferd Sleipnir diente ihrem Allvater Wotan als Reittier und andere, profanere Pferde dienten ihnen selbst und das nicht nur als Reittier, sondern aus ihrem Schnauben und Wiehern ließ sich auch die Zukunft erkennen.

Freilich diese ferne Zeit, in der die Woche auch noch acht Tage und neun Nächte hatte, lag weit zurück und alles, was blieb war der Glaube, daß Hufeisen Glück brachten, und die Redensart, daß man das Denken den Pferden überlassen sollte, denn die hätten einen größeren Kopf.

Die Germanen konnten weiter als bis drei zählen, sie wußten, daß Allvater Wotan mit der Erde, ihm Tochter und Gattin gleichermaßen, ein Kind gemacht hatte, ein Göttersöhnchen, Name: Thor, Donar oder Donnerer, ein Streithammel mit Streithammer und eisernen Handschuhen, Bronze war schon aus der Mode und Atompilze wuchsen damals noch nicht. Zum Göttergeschlecht der Asen gehörten außerdem: Tyr, Tiu oder Ziu, Spezialgott des Zweikampfes und der Zeit, Baldur, Lichtgott, Freyja, Mütterlichkeit, Geburt, Ehe, Loki, Betrüger, Spaßmacher, Feuergott, zündelte gern, Aufgabenbereich: Brandstiftung und Weltuntergang, stand damals noch aus. Natürlich gab es noch viele mehr. So leicht hatten es sich die Altvorderen nicht gemacht. Vor allen Dingen gab es neben den kriegerischen Asen noch die Vanen, Götter der Fruchtbarkeit und des Wachstums, und einen Götterkrieg, gegenseitiges Schädeleinschlagen und globaler Kataklysmus.

Wotan besaß einen Ring, Draupnir, Tropfer, genannt. Aus ihm tropften in der neunten Nacht die acht neuen Tage, und uns geht ein Licht auf, erst jetzt leuchtet uns ein, warum das germanische Jahr 365 Tage, aber 410 Nächte hatte. Neun war die heilige Zahl der Zeit, und wenn die Christen behaupteten, neun sei die Zahl des Satans, so irrten sie. Das war leicht einzusehen, denn neun Nächte opferte sich Odin (=Wotan) und neun Nornen normten Geburt und Tod der Menschen.

Nach germanischem Glauben wurde das Weltganze nicht von den Göttern geschaffen, sie stimmten hier also mit den Weltanschauungen der Atheisten überein, sondern ihrer Meinung nach entstand die Welt aus den zerbrochenen Gliedern des Riesen Ymir, im Weltmittelpunkt (Bauchnabel?) stand die Weltesche Yggdrasil, in ihrem Schatten sonnten sich die Schicksalsgöttinnen Urd, Verdandi, Skuld.

Die Germanen hatten sich die Welt so eingeteilt: Midgard für die Menschen, umgeben von der Midgardschlange, deren Bekanntschaft Adjuna ja schon mal kurz gemacht hatte, Utgard für die Riesen, Asgard für die Asen, Hel, die Unterwelt, Walhall, Saufhallengelage mit Allväterchen Wotan.

Die Germanen kannten damals noch keine Priester und Gottesdienste.

Die wohl gerüsteten Germanen, von Norden kommend, verdrängten mit ihren wohl gerüsteten Göttern die Kelten und die keltischen Götter des Himmels, der Künste, der Poesie, des Feuers, des Wassers, der heiligen Quellen, Viecher, Bäume, Steine, und anderer Kinkerlitzchen.

Später dann zwang der Frankenkönig Karl der Große sie, Christ und Kreuzanbeter zu werden. Hartnäckig, dickschädelig wie sie waren, wollten sie zuerst nicht, aber als mit Prügel nachgeholfen wurde, klappte es.

Es war wie mit den Kartoffeln. Denn als dieser wunderbare Erdapfel, der den großen Vorteil besaß, daß Heere auf den Feldern lagern oder gar sich schlagen konnten, ohne die Ernte zu verderben, von Friedrich dem Großen eingeführt wurde, ging auch das nicht ohne Prügel. Was der Bauer nicht kannte, das fraß er nicht.

So war man Christ geworden und galt auch allgemein als Kartoffelfresser. Daß man das Christentum gefressen hatte, stand allerdings noch aus. Ob es ohne Prügel ging? Erzieher sollten nicht mehr prügeln, sondern geduldig erklären. Sonst gab es nur neue Gewalttäter.

Aber Deutschland war nicht nur das: Verstockte Bauern, todesmutige Recken.

Es waren zwei Deutsche1, die als erste die Frage aufwarfen, ob der menschliche Körper, statt ein einziger Organismus zu sein, nicht eher eine Gemeinschaft von einzelligen Lebewesen sei. Einem anderen Deutschen2 gelang die Entdeckung der Zellteilung, was zum Verständnis der Entstehung des Menschen durch Zytokinesis, das war Zytologenchinesisch, von einem einzigen Ovolum nach der Karygamie der damals noch meist brav monogam lebenden Parental-Zytogruppierungen - äh - führte.

Zwar hatte man schon vorher daran gezweifelt, daß göttlicher Atem, also Wind, in Verbindung mit Lehm, also hauptsächlich Aluminiumoxyd mit ein bißchen Eisenhydroxyd, also Brauneisenstein - für den gelbbraunen Teint -, lebende Menschen statt Tonstatuen hervorbrachte. Und es verstand sich von selbst: Ebenso wie man vorher dran gezweifelt hatte, hatte man nachher noch dran geglaubt. Die Welt war eine komplizierte Entität. Der pustende Schöpfergott aber mußte am Tag der Entdeckung einen Schritt zurücktreten, merkten doch zu viele, er hatte uns mit seinem Schöpfungsmärchen angeführt, verkohlt, in den April geschickt, nirgendwoandershin und schon gar nicht ins Leben, ins Dasein, zum Narren gehalten, aber nicht zu Menschen gemacht, Lug, Trug und Legende, Götterlatein, Gottmannsgarn, ein Schmarrn.

Was war von uns Möchte-gern-Göttergleichen übriggeblieben?

Aus einem Klumpen Lehm wurde ein Klumpen Zellen. Nahm man einzeln eine, viele oder alle Zellen von diesem vielzelligen, komplizierten Organismus, den zum Beispiel die Menschen darstellten, fort und tat sie in eine Nährlösung, so konnte man beobachten, wie diese Zellen in der Suppe die ganze Evolution vergaßen und sich wie ihre urzeitlichen Vorfahren gebärdeten.

1 Matthias Schleiden und Theodor Schwann, 1839

2 Rudolf Virchow, 1855

Unserer hehren Intelligenz zum Hohn

benehmen sie sich wie primitives Protozoon.

Trotz einer millionenjährigen Evolution und einer ebenso erstaunlichen Entwicklung von einer Eizelle zu einer Spezialisierung zu zirca zweihundert Zellarten, von der amöbenartigen, mobilen Blutzelle bis zur kompliziert verzweigten Nerven- und Gehirnzelle, gewinnt jede einzelne Zelle die ursprüngliche Unabhängigkeit zurück. Meine Zellen vermögen ohne mich zu leben!

Ich weiß zwar nicht, wie ich ohne meine Zellen lebe, ich befürchte das Schlimmste, aber meine Zellen, selbst meine Gehirnzellen mit ihren komplexen Verflechtungen und ihrem Beziehungsreichtum, auf die ich mir was einbilde, leben ohne mich als plumpe Pünktchen, träge Tröpfchen, krappelnde Klümpchen, als armselige Amöben amorph. Ziellos ziehen sie umher, auf Geratewohl, blindlings; stoßen sie zusammen, wählen sie wahllos einen anderen Weg; finden sie zufällig ein eßbares Partikelchen, werden sie es umhüllen, einhüllen und verschlingen; ein Sexualleben kennen sie auch nicht mehr, sie sind zölibatär geworden, asexuell, aber im Gegensatz zu katholischen Zölibatären können sie sich durch Zellteilung vermehren.

Was bin ich nun? Ein Vielvölkerstaat der Zellen. Eine Republik. Eine kollektive Interaktion der Zellen. Hilfe! Ich darf nicht dran denken oder ich disintegriere. - Erstaunlicherweise nicht.

Meine Furcht plötzlich nur noch ein Haufen 100 Billionen krabbelnder Einzeller zu sein, war unbegründet, alles, was an mir Amöbe ist, war schon vorher Amöbe, wie die weißen Blutkörperchen, die eindringende Bakterien vernichten, die Killerzellen, die ein Enzym absondern, das ein Loch in Krebszellen frißt, so daß diese leer lecken, zu Tode; zwei Sorten von amöbenartigen Zellen bewohnen auch meine Knochen, die eine Sorte sondert ein Sekret ab, das den mineralischen Teil der Knochen aufbaut, die andere Sorte sorgt für den Abbau, so wächst auf wunderbare Art der Knochen, ständig remodelliert im Konzert der beiden Amöben, vom Babyknochen zum großen Knochen des Erwachsenen. Auch Hautzellen können motil und amöbisch werden, um eine Wunde zu heilen, kriechen sie unter der Haut hervor und breiten sich über die Wunde aus. Dann fangen sie an zu wuchern, zu sprießen, durch Zellteilung entsteht eine neue Haut mit ihrer vielschichtigen Struktur.

Hat Gott nun vielleicht nicht den Menschen, sondern die Amöbe sich zum Bilde geschaffen? Und wurde nicht uns, sondern ihr Leben eingegeben, vitale Kräfte eingehaucht, gepustet oder geprustet oder waren es Abwinde? Es scheint nicht so.

Leben und Tod sind keine Gegensätze, das Leben ist nur eine besondere Form des Todes, das Organische eine besondere Form des Anorganischen, keine Gegensätze, das Gleiche nur anders.

Was des Lebens tiefste Geheimnisse zu sein schienen, entpuppt sich als das Ergebnis lebloser Ereignisse - der Interaktion von Molekülen und Atomen. Prozesse des Lebens ließen sich unter völlig leblosen Laborbedingungen nachmachen, ohne lebende Zelle unter rein chemischen Bedingungen reihten sich kleine Moleküle zu langen Proteinfasern, zum Beispiel dem Zytoskelett, Zellgerippe, zusammen; Gene synthetisieren Proteine, die Proteine bilden spontan größere Strukturen. Molekulare Montage ohne Monteur, Selbstsammelsucht wegen der elektrischen Spannung von Elementarteilchen. Form und Zusammensetzung der Moleküle entscheiden, ob und wie sie sich zu zusammensetzen, aber auch wie sie auf völlig andere Moleküle reagieren, diese zum Beispiel auseinanderbrechen, oder sie dazu zwingen, sich zu vereinigen, und alles folgt Gesetzen, ist vorausbestimmbar und unabänderlich. Enzyme, für die Erhaltung des Lebens so wichtig, wahre Steuermänner von Lebensprozessen, sind nichts anderes als Moleküle, die auf andere Moleküle wirken, chemische Reaktionen verursachen, ohne sich selbst zu binden, und daher frei bleiben, um ihren Einfluß weiter auszuüben.

Die gesamte Interaktion all dieser Chemikalien, Wechselwirkung von Wirkstoffen, Zusammenspiel von Molekülen, unabänderliche Anziehung von plus und minus, etwas Zwangsläufiges aus der anorganischen Welt, das ist Leben.

Wer mag schon Zwänge? Alles strebt nach Freiheit.


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