Alles war gegenwärtig
Der Weg, eine weiche Kieselbahn, weiß geperlt, wohlklingend der Schritt des Wanderers darauf, umwogt von Wegerich, Weißdorn und wilden Rosen, ab und zu beschattet von den vereinzelt am Wegrand stehenden Weiden; Grün im Überfluß, mit Flora gesegnet und vielen Farben, das bunte Blühen die Gemüter erhöht, und selbst den Kühen tut's schmecken, auf den Wiesen sie weiden, käuen und wiederkäuen das Grün mit Genuß, und den Landmann sieht man worfeln und werkeln von früh bis Finsternis; es west ein wahrhaft guter Geist über der Landstraße.
Und wenn man weitergeht, sieht man hier einen Wald, dort einen See, dann wieder einen Sumpf und als nächstes vielleicht mal Heide und immer wieder Weiden, Wiesen, Getreidefelder, Rüben- und Kartoffeläcker, Gärten und Farmhäuser, dort hört man die Kikirikis der Hähne, die Sonne ankündigend in der Stunde vor dem Aufgang, die Magd mit Tucktuck das Geflügel zum Futter locken, und später das Gackern, die Eierlegwehen der Hühner, das vergnügte Quiecken der Ferkel bei der Sau, deren Grunzen zufriedenes Mamasein verheißt.
Das Dorf hinter sich lassend, führt die Chaussee jetzt am Altwasser vorbei in den Wald, die angenehme Kühle unter Schatten spendenden Buchen erfrischt den Wandersmann, hinstreckt er sich am silberglatten Stamm und greift die Eckern um sich herum, befreit sie von der braunen, harten Schale und führt die genießbare Frucht in den Mund, nur diese Nuß muß ihn heut nähren und vom Feld eine Hand voll Ähren.
Da kommt ein anderer daher, hinter der Hecke um die Ecke, sein Habchen und Babchen im Bündel verschnürt, gerad'so wie Adjuna seinen Besitz bei sich führt.
Ein Handwerksbursche auf Wanderschaft, so stellt sich heraus. Hobel, Bohrer, Hammer, Zirkel und Zollstock stecken ihm im Gürtel, ein Zimmermann muß es wohl sein.
Sie begrüßen einander erfreut.
"Gesegnete Mahlzeit."
"Er setze sich, der Wandersmann, und bediene er sich, Eckern gibt's genug. Bringt er interessante Kunde?" "Wohl kaum, Freund, weißt du nicht, daß nichts mehr interessant. Nur die üblichen Schikanen überall." "Ja, als Wanderer und Fremder ist man den Leuten suspekt." "Und als Andersdenkender." "Jaja, besonders als Andersdenkender, aber wer ist schon wirklich Andersdenkender. Die vermeintlich Andersdenkenden hängen auch nur mit Gleichgesinnten zusammen und wollen weder Andersdenkende sehen noch dulden."
"Wie wahr du sprichst!" sagte der Fremde und fragte dann gleich: "Wie war dein Weg bisher?" "Wohl lang." "Kommst du von weit?" Adjuna: "Zur letzten Yugawende lebte ich schon in Indien. In dem auslaufenden Dwapara-Yuga verbrachte ich meine Jugend. Als reifer Mann kämpfte ich mit meinen Brüdern zu Beginn des Kali-Yuga gegen Adharma und Unmoral. Dafür nahm uns Indra in seinen Himmel, dort blieb ich bis zur letzten Geburt."
"Im fernen indischen Himmel? Die Zeit war sicher herrlich, mir dagegen erging's beschwerlich. Das Fischäon leitete ich ein, eine neue Zeit. Von Asien kenne ich nur Kleinasien, das mich gebar und auch kreuzigte."
Adjuna: "Oh, ich ahne, wer du bist. Weh mir, daß du mir erscheinst. Ein Traum noch im Jenseits, bevor ich diese Welt wieder betrat, verhieß mir, oder besser, es war mir so, als solle ich der Menschheit ihren Glauben nehmen. Wohl ausgerüstet betrat ich dann die Welt, omnipotent und omniscient erscheine ich den Leuten, doch weiß ich nicht, wie ich meine Mission ausführen soll, überall gibt es den Glauben an dich, und der ist stärker als ich."
Jesus: "Daran bin ich nicht schuld. Es ist eine schwere Mission und ein schweres Schicksal von einem Gott auf die Erde geschickt zu sein, und wenn man versagt, so ist man verflucht. Sieh' mich an, schon meine Geburt war in Blut getaucht,1 wie sehr hab' ich versagt, losgeschickt wurde ich, mein Volk von den Sünden zu retten,2 doch nur wenig vermochte ich auszurichten, ein bißchen Handauflegen und Wunderheilung, ansonsten blieb es unberührt und mit der Freveltat, die mein früher Tod war, hat es sich eine so große Sünde aufgelegt, die ihm selbst, obwohl ich sie ihm vergab, nicht vergeben wurde. Fremden Sklaven und Gossengesocks blieb ich jedoch nicht gleichgültig, sie, die gar nichts mit mir zu schaffen hatten, machten mich zu ihrem Idol, denn der schändliche Verbrechertod stellte mich ihnen gleich. Und siehe, von diesem wurde ich angebetet und werde - leider Gottes - noch immer, und so bin ich die Ursache eines Frevels, denn es steht geschrieben: `Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen',3 denn so sprach ich ja auch zu Gottes mächtigen erstgeborenen Sohn, dem Satan, der versprach, wenn ich niederfiele und ihn anbete, mir alle Reiche und ihre Herrlichkeit zu geben,4 und nun werde ich selbst angebetet. Waren meine Versprechen zu süß für dieser Fremdlinge Ohren und so mißverständlich? Wäre mein Same unter die Säue gefallen, sie hätten's gefressen, geschluckt und verdaut, doch Gojim wurden zu Zeloten, deutlich und überdeutlich habe ich gesagt: `Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel'5.
1 Matth. 2/16
2 Matth. 1/21
3 5. Mose 6/13, auch Matth. 4/10
4 Matth. 4./8-10
5 Matth. 15/24
Der Jude ist wie die Ähre,
der Goi nur Spreu,
nicht für ihn war meine Lehre."
Adjuna: "So oder so, für wen auch immer, deine Lehre ist mir wider den Geschmack, und deine Leute erst recht. Es ist nicht meine Aufgabe und ich bin kein Messias, aber reden muß ich wider Pfaffen und Pontifizes, die dich vertreten hier auf Erden, und deine Lehre, dein Testament auslegen und dem Volke sagen, was es tun soll und halten, und sie lehren wohl, `du sollst nicht stehlen und nicht töten', doch dran halten tun sie sich nicht, mehr Mord und Diebstahl haben sie verursacht als irgendeine andere Religion, wohl der Wahrheit zum Hohn.
Wehe euch, ihr Pfaffen und Pontifizes, ihr Heuchler, die ihr die Welt umziehet, damit ihr Gold raubet und einen Heiden missionieret, und wahrlich, ihr machet aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr als ihr seid, denn zuvor war er ein guter Mann, erst eure Lügen machten ihn wurzellos und zum Eiferer.
Oh, ihr Blinden, wie wollt ihr Führer sein?
Oh, ihr blinden Führer, die ihr Mücken seihet und Kamele verschlucket, von außen seid ihr blasiert und gestriegelt, aber inwendig seid ihr voll Raub und Gier, und gern lasset ihr euch mit `Hochwürden' anreden, zum Hohn eures Herrn Lehre.
Wie übertünchte Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine böser Taten und lauter Unrat, so seid auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Übertretung.
Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?1
Doch das Jenseits ist großzügiger als eure fanatischen Hirne fassen können, phantasieren. Hätte eure Religion recht, hättet ihr am meisten zu befürchten!"
1 vgl. Matth 23
Jesus: "Du sagst es, so könnte auch meine Rede sein. Ich war der Vermittler zwischen allen Dingen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Löwe und Reh, meine Lehre war die unendlicher Vergebung, die ich noch am Kreuz predigte, und was ich predigte, das meinte ich, doch was ich predigte, verstand man nicht, wollte man nicht verstehen, der Jude nicht, denn noch zu sehr war ihm sein `Auge um Auge, Zahn und Zahn' heilig, und der Barbar schon gar nicht, der Gleiches nicht nur mit Gleichem, sondern am liebsten schon ein falsches Wort, er nennt es `böse', mit Mord und Totschlag begleichen wollte.
Wer damals an mich glaubte, glaubte, ich würde mich eines Tages entpuppen als ein mächtiger Heerführer, der mit Römern und Andersdenkenden aufräumt. Mein großes Versagen, ihnen diesen Glauben nicht genommen zu haben! Als ich dann am Kreuz hing, was ihre Augen hätte öffnen müssen, war es für mich zu spät, doch sie setzten mich jetzt an die Spitze eines Engelheeres und phantasierten jene Herrlichkeit, die ich auf Erden immer so verpönt hatte. Doch Engelscharen-zum-Rachefeldzug-Mobilisieren lag mir fern.
Die Menschen, die Christenmenschen, jedoch hatten ihre Feldzüge, die heiligen und die profanen, und jedes Mal mußte ein Stück meiner Lehre herhalten zur Rechtfertigung.
Oh, welch schwere Schuld trifft mich, in meinem Namen wurde mehr gesündigt als Gutes getan, hätte ich die Kraft der Vorschau gehabt, ich hätte meinen Mund nicht geöfnet, nicht gepredigt."
Adjuna: "Aber die Schuld trifft dich doch nicht allein, und nicht so sehr, sondern mehr deine Jünger, die Apostel und all die anderen Entsteller deiner Lehre."
Jesus: "Was meine Jünger betrifft, oh, wahrhaft jung waren sie, man verführe die Jugend nicht, doch zu spät - man entschuldige den Leichtsinn meiner eigenen jugendlichen Unreife - dämmerte mir diese Erkenntnis. Ich predigte von Seligpreisungen; selig sind die Sanftmütigen, selig sind die Barmherzigen, selig sind die Friedfertigen,1 doch sie wollen einen Rachegott, rachegöttiger als der Gott des alten Moses, nicht nur den Mörder wollen sie vor den Richter schleppen, nein, auch schon den, der nur zürnt,2 wer so etwas will, der klage sich als ersten selber an!
Sollte mein Tod, der mich so früh meiner menschlichen Möglichkeiten beraubte, doch wenigstens ein Symbol von Friedfertigkeit und Vergebung sein, so gelang doch auch das nicht, bis jetzt war nur selten ein Mensch reif für dieses Symbol, obwohl - ach - zu viele davor hinkrochen und hinkriechen. Nicht das Testament ist wichtig, es ist nicht mein Wille, nur Geschwätz von Schreiberlingen, sondern einzig und allein dieses Symbol.
Das Testament aber war ein Betrug an mir und den Mitmenschen. Meine Lehre der Vergebung wurde von rachsüchtigen Kleingeistern mit ihrem Gegenteil vermischt, so entstand ein schizophrenes Werk, das Neue Testament, besser es wäre nie geschrieben worden.
Kein anderes Instrument hat den Menschen so viel Blutvergießen gebracht; Eroberer, Ausbeuter, Rassisten, perverse Menschen- und besonders Frauenschänder, all diese beriefen sich darauf und umtanzten es in Geilheit und Gier, und noch heute verhindert es Menschenglück."
1 Matth. 5/5,7,9
2 Matth.
5/21-26
Adjuna: "Das ist wohl wahr, meine teure Geliebte riß die Kirche mir fort;
weil sie eine Nonne war, die ihren Schwur wegen einer neuen Erkenntnis des Lebens zurückzog, verfluchte man sie und nannte sie des Teufels; mit meinen starken Armen schützte und verteidigte ich sie vor den Häschern der Kirche bis zur Erschöfung und länger, erst als Lügen und falsche Versprechen mich täuschten, verlor ich sie.
Auf die Folter gespannt, brach man ihr die Arme und Beine, verbrannte ihr sämtliche Haare und schnitt ihr die Brüste ab, dazu las man mit sabberndem Mund aus der Bibel. Dann verbrannte man sie schließlich auf dem Scheiterhaufen, verlogene Gebete lobten die Dreieinigkeit.
Die Schandtat konnte ich nicht verhindern, nur Rache blieb mir, ich war zu schwach, um sie nicht zu verüben, ich kehrte zurück nach Rom zum Schuldigsten aller Schuldigen, und bei einem seiner öffentlichen Auftritte war es so weit, vier Pfeile schoß ich ihm gleichzeitig mit meinem Gandiva-Bogen in Hände und Füße, so daß er angenagelt an der Balkontür war, während ich ihn mit donnernder Stimme anklagte, hielten andere Pfeile Helfer fort, dann endlich zerfetzte ihm die Kette meiner Pfeile Arme und Beine und schließlich Leib und Herz. So starb dieser Mann einen großen Tod seinen Taten angemessen, welchem Verbrecher widerfährt heutzutage noch soviel Ehre.
Wohl jeden Nachfolger hätte ich getötet, immer wieder, doch diese Feiglinge verkrochen sich im tiefen Loch, und von dort, dieser Menschenferne, dieser tiefen Untermenschlichkeit herauf zischelt jetzt um so giftiger ihre Menschenfeindlichkeit.
Pöbel und Primitive weiterhin dem Pabst vertrauen
und Liebe und Glückseligkeit mit ihrer Galle versauen."
Jesus klagte bitter: "Ach, wäre ich doch unter Säue gefallen und hätte meine Tage bei ihnen zugebracht, wenigstens wäre ich dann vergessen worden, doch in Menschenhänden, -herzen und -hirnen bin ich verzerrt worden zu einer grausamen Maske, mit mehr Hörnern als Satan1, und durch sie habe ich mich mit Blut besudelt von Myriaden. Was ist dagegen deine Tat, zwar bin ich trotz der großen Schuld, die auf mir lastet, oder ist es gerade deswegen, noch immer für Friedfertigkeit und gegen Gewalt, doch wenn ich je bereit wäre einen Mord zu billigen, dann diesen an diesem Prunkmännchen.
Meine schwersten Vorwürfe richten sich gegen Paulus, diesen Wüterich, wegen der Wiedereinführung einer Priesterschaft; meine ganze Lehre und mein Lebenswerk war gegen diese Leute gerichtet.
Oh, Paulus, du Begriffsstutziger, ich bin dir nie erschienen, es war dein eigenes kranken Hirn, das dir einen Trick auf dem einsamen Weg nahe Damaskus spielte. Und wenn du später Gott dankst, weil du mehr in Zungen redest als alle anderen,2 so tätest du besser daran, deine geistige Unordnung zu verfluchen, denn du bist von Sinnen. Und wenn du predigst: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet; usw., so muß das eine Einflüsterung des Teufels sein, wenn nicht eines Herrschers oder wenigstens eines Zollbeamten. Weißt du nicht, was du damit für einen Schaden angerichtet hast? Siehst du nicht, daß das das Gegenteil meiner Lehre ist? Sieht das überhaupt ein Mensch? Wohl, du warst immer ein Christenverfolger, doch am meisten hast du erst als Christ geschadet, wahrlich, wie du protzt, daß du viel mehr gearbeitet hast als sie alle,3 aber es war nicht zum Guten der Lehre, und nachdem du selbst merktest, wie unbescheiden du bist, fügtest du hinzu: `aber nicht ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist', und besudeltest so auch noch Gottes Gnade. Gottes Gnade aber ist so unermeßlich, daß der Mensch sich nicht zu fürchten braucht!"
1 s. Joh, Off.
2 Korinth. 14/18
3 Korinth. 15/10
Adjuna verwirrt und überrascht: "Und die berühmte Wandlung war nichts? `Aus Saulus wird Paulus', trotz dieser Namensänderung hat er sich also nicht geändert, meinst du?"
Jesus: "Wesentlich nicht. Und sowieso hätte er seinen Namen ändern sollen, der alte erinnerte so an Borstenvieh."
Adjuna: "Doch, sag, warum bist du nicht wieder auferstanden, als du deine Lehre entstellt sahest?" "Bin ich ja, bin ich ja, aber als Ketzer wurde ich geschändet und verbrannt, sehr zum Beifall eines unter Gold und Geilheit fast erdrückten Prunkmännchens, das alles um sich und besonders sich selbst `heilig' nennt, und bei jedem Wort meine alte, uralte Lehre der Vergebung in eine Fratze von Rache, Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit verzerrt, umlügt. Oh, was waren meine Juden damals noch sanft beim Hinrichten, besonders muß ich auch dem römischen Landpfleger Pontius Pilatus korrektes Verhalten bescheinigen, sein Händewaschen war symbolischer als irgendeine Taufe.
Ja, wiedergeboren wurde ich zigmal, meine anderen Leben verbrachte ich in Europa oder Amerika, wo ich noch schlimmer endete als einst im Judenland. Im Mittelalter rief ich von der Folterbank dem Geistlichen zu: `Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet', oder `Selig sind die Sanftmütigen, selig sind die Barmherzigen, selig sind die Friedfertigen', rief ich dem Folterpack, den Quälgeistern zu", sagte Jesus, "aber sie verhöhnten mich nur. Später in Amerika als Schwarzer rief ich zum Ku Klux Klan: `Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet', doch auch ihre Ohren waren taub, schon brannte ich lichterloh umtanzt von der gespenstigen Meute. Habe ich nicht einst gepredigt: `Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.'1 Aber Menschheit", bebte Jesus, und mit ihm alles und das All, "du hast dich nicht vorgesehen, und jetzt kommt einer und sagt, Gott selbst ist ein Wolf, oder ein scheußliches Lamm-Monster wie in der Johannes Offenbarung beschrieben, das wir nicht lieben und anbeten sollen, ich kann ihm nichts erwidern auf diese Blasphemie, sondern beuge mein Haupt in Ehrfurcht. Die neue Zeit möge ihm gehören. Dann aber ziehe ich dahin schweigend, denn nie wieder will ich meine Stimme erheben, es sei denn zu einem harmlosen Liedchen, denn mehr denn je sind die Vögel im Himmel mir zum Vorbild
geworden: Sie säen nicht, sie ernten nicht und werden doch ernährt.2"
1 Matth. 7/15
2 Matth. 6/26
Adjuna: "Das ist nun gerade mein Spruch nicht, denn wie Herukles am Scheideweg entscheide ich mich für die Tugend, die da spricht: `Willst du ernten, mußt du säen, willst du siegen, mußt du kämpfen.' Und vor dem Volke den Mund verschließen werde ich auch nicht."
Jesus sagte darauf: "Sag' den Leuten nichts, sie werden dir dein Wort und
die guten Absichten, die du damit hast, verdrehen, verstellen, verunreinigen. Schriftgelehrte und Priester, selbst wenn deine Lehre gerade gegen diese Art von Lügenpack geflucht war, werden sich finden, studieren und interpretieren, und nur sie sind plötzlich kompetent; und verbrecherischen Schmarotzern hast du zur Macht verholfen, eine Futterkrippe bereitet."
Adjuna: "Aber ich muß doch meinen Mund auftun, sehe ich doch, daß die Menschen sonst ihre Welt zugrunde richten."
"Laß' sie! Das wahre Reich ist nicht von dieser Welt."
"Du hast dich nicht verändert, bist wirklich der Alte geblieben."
Da hatte Adjuna noch eine Frage: "Warst du wirklich Gottes Sohn?"
Jesus lachte: "Haha, und du bist ein Kind der Zeit, stellst so naiv die schwerwiegendsten Fragen. Hoffentlich gehst du nicht als solches in die Geschichte ein."
Im Weggehen dachte Adjuna: Was für eine
schwere Verdammnis auf ihm lastet; die Verdammnis, nichts
hinzuzulernen, nur resigniert ist er jetzt.
"Heh, heh, Jesus, warte mal. Das hier schenke ich dir." "Was ist das?" "Ein altes Andenken. Das hab ich mir mal in Rom gekauft. Kannst du haben, stört nur in meiner Hosentasche, nennt sich Kruzifix. Oder wirst du nicht gern dran erinnert?" "Wirf das Ding weg! Wofür soll das gut sein?" Kopfschüttelnd ging Jesus. Auch einer, der mich nicht versteht, dachte er.
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