Als Wanderer traf man Wanderer und manchmal Weitgereiste. Die hatten

viel zu erzählen und oft einen gesunden Haß auf die Muffigkeit ihrer häuslichen Umgebung und der kleinen Welt, die sie zurückgelassen hatten.

Einer von denen, die es in der Ferne besser fanden als zu Hause, erzählte die folgende Geschichte:

Sitten und Gewohnheiten zu ändern, ist schwer, denn die Massen sind eine schwerfällige Masse.

Eine Masse, kaum erreichbar für Verbesserung, nur schwer Erhöhungen hochzublasen, aber umso leichter wälzt sie sich Abhänge hinab und in Verirrungen.

Heutzutage macht man sich zwar oft die Mühe, den Massen die Dinge und ihre Folgen zu erklären, eine lobenswerte Entwicklung, doch erfolgreicher ist meist der, der an ihre Gefühle appelliert.

In früheren Zeiten machte es sich der, der etwas verändern wollte, noch einfacher: Er sprach von Gottes Willen, der ihm offenbart wurde.

Diese Geschichte kommt aus Japan, aus Adachi in der Niigata- Präfektur.

Die Kinder des Dorfes Adachi, wie alle Kinder dieser Welt liebten es, zu spielen. Und auch in ihren Spielen waren sie wie andere Kinder auf dieser Welt auch, obwohl sie in einer anderen, längst vergangenen Zeit lebten und in einem so fernen Land: Wenn sie etwas ernsthafter spielten, spielten sie Erwachsene, taten, als seien sie beschäftigt und setzten eine ernsthafte Miene auf, aber meist jagten sie sich mit lautem Geschrei oder spielten Versteck, also ganz normale Kinder.

Die Erwachsenen des Dorfes waren genauso normale Erwachsene. Das heißt, sie hatten oft kein Verständnis für die Spiele der Kinder.

Die Kinder spielten wie so oft vor dem Tempel des Dorfes der einer Schutzgöttin, der Goshintai-sama, gewidmet war. Sie spielten Versteck und Gonta-kun war dran zu suchen. Als er an die Tür zum Heiligtum kam, merkte er, daß sie nicht wie sonst abgeschlossen war. Neugierig schlich er in den Tempel. Im Allerheiligsten fand er die Statue der Göttin. Sie war nicht größer als eine Puppe. Da sie sehr verstaubt war, nahm Gonta-kun sie heraus, um sie im Fluß zu waschen. Er rief seine Freunde und alle waren begeistert. Sie wechselten sich ab mit dem Waschen und freuten sich über die schöne, gereinigte Figur. Jeder wollte sie auf dem Arm halten. Einige fingen an zu necken: Hier hast du sie. Aber wenn der andere zugriff, zogen sie sie schnell wieder weg, ja warfen die kleine Statue sogar ihren Freunden zu. Das war lustig. Besonders wenn man schnell war und die Figur geschickt wegschnappte. Dann konnte die eigene Partei die anderen necken.

Während man so ausgelassen tobte, kam Kantsuke-ojisan vorbei. Er hatte den ganzen Tag auf dem Feld gearbeitet, und da er schon alt war, taten ihm die Knochen weh, und er sehnte sich nach einem heißen Bad, und da er hungrig war, auch nach dem Abendreis, aber am meisten sehnte er sich nach Ruhe. Die lauten Kinder waren ihm ein Dorn im Auge. Sie ärgerten ihn sehr und er schimpfte, sie sollten nicht so laut sein. Doch als er erst sah, daß die Kinder mit der Göttin spielten, war seine Wut nicht mehr zu bezähmen. Für diese respektlose Brut arbeitet man den ganzen Tag! Er teilte Ohrfeigen aus und schlug dabei ziemlich hart zu. Der Junge, der die Statue hielt, ließ sie, als er getroffen wurde, fallen. Zum Glück ging sie nicht auf den harten Steinen des Ufers kaputt.

Kantsuke-ojisan hob sie behutsam auf, dann wandte er sich wieder schimpfend an die Kinder. Die Göttin wird euch mit Blindheit schlagen und anderen Übeln, drohte er ihnen. Strafen wird sie euch und das habt ihr auch verdient, rief er den betroffenen Kindern zu. Dann stellte er die Statue wieder an ihren Platz, verbeugte sich vor ihr und hielt seine Handflächen zum Gebet zusammen und bat um Vergebung für die Kinder.

Am nächsten Morgen war er wie immer früh wach. Er schlug die Augen auf und wollte aufstehen, um sich an die Arbeit zu machen. Da merkte er, daß er seinen Körper nicht bewegen konnte. Er war steif wie ein Brett, außer den Wimpern konnte er nichts bewegen. Als er eine ganze Zeit so unglücklich dagelegen hatte, ging die Tür und er hoffte, jemand käme, der ihm helfen könne oder wenigstens einen Arzt holen könne.

Er staunte nicht schlecht, als er sah, wer da in seinem Zimmer stand und sich über ihn beugte. Es war Goshintai-sama, die Göttin aus dem Tempel. Sie sprach: Gestern hast du die Kinder geschlagen und ihnen gedroht, daß sie noch mehr Strafe verdienten. Aber nicht die Kinder, sondern du bist es, der Strafe verdient. Ich liebe es, wenn Kinder spielen und glücklich sind. Das Leben der Menschen ist so hart und so voller Leiden und Kummer. Wenigstens als Kind sollte der Mensch unbeschwert glücklich sein. Das spätere Leben wird ihm dann auch leichter fallen.

Nachdem die Göttin wieder gegangen war, konnte Kantsuke-ojisan wieder aufstehen und war wieder ganz gesund. Er erzählte den anderen Dorfbewohnern von seiner Begegnung mit der Göttin und die Lehre der Göttin wurde von allen Dorfbewohnern beachtet und die Kinder des Dorfes waren fortan glücklich und irgendwann waren es die Erwachsenen auch.

Ist diese Geschichte wirklich passiert? Sie ist es. Mit dem kleinen Unterschied, daß Kantsuke gar nicht gelähmt war, sondern morgens nur wach auf seiner Matratze lag und nachdachte über das, was er den Kindern angetan hatte. Er dachte auch an seine eigene Kindheit und an sein weiteres Leben und es tat ihm leid, wie er sich benommen hatte, und er fand eine überzeugende Lösung, alles wieder gut zu machen und auch zukünftigen Entgleisungen der Erwachsenen vorzubeugen. Das ist alles.

Auch bei uns werden Kinder noch viel zu häufig geschlagen und sind Terror und Ängsten ausgesetzt. Psychologen und Erziehungswissenschaftler versuchen oft mit viel Geduld, die Eltern umzuerziehen und die Situation der Kinder zu verbessern, aber der Erfolg eines Kantsukes ist ihnen noch nicht beschert worden.

Natürlich gibt es noch andere Beispiele für den Einsatz von Göttern, und nicht alle ergeben so nette Geschichten. Gehen wir die Leiter runter. Aber bleiben wir zunächst noch in Japan.

Wer denkt bei Japan nicht an Samurais. Doch was ist ein Samurai ohne sein Schwert? Woher hat er es? Selbst gemacht? Aber bei weitem nicht.

Schwerter werden in Tempelschmieden hergestellt. Um den Segen und Schutz der Götter zu sichern, ist ein genaues Ritual vorgeschrieben. Da die Klinge eines idealen Schwertes zwei unvereinbare Eigenschaften in sich vereinen muß, nämlich Härte und Geschmeidigkeit, sind zwei verschiedene Knüppel von Stahl erforderlich, einer von hartem Stahl und einer von geschmeidigem Stahl. Legt man die übereinander, hat man zwei Lagen, aber noch kein gutes Schwert. Das Ritual schreibt nun aber vor, - und es ist eine heilige Pflicht, es zu beachten - daß diese zwei Lagen beim Schmieden fünfzehnmal verdoppelt werden. Eigentlich spielt es keine Rolle, ob die Zahl fünfzehn für die Schwertmacher eine heilige oder eine profane Zahl ist, das Ergebnis von zwei hoch fünfzehn ist zweiunddreißigtausendsiebenhundertachtundsechzig, so viele innere Lagen wird also das fertige Schwert haben. Dann wird die Klinge mit Lehm von unterschiedlicher Dicke bedeckt, um ein unterschiedliches Erhitzen und Abkühlen zu erreichen. Erhitzt wird, bis der Stahl glüht in der Farbe der verehrten Morgensonne, abgekühlt wird im Wasser. An der Schneide, wo die Lehmschicht am dünnsten ist und die Abkühlung am schnellsten erfolgt, ist der Stahl am härtesten. Religion und Ritual halfen ein gutes Schwert zu schmieden.

Aber auch bei anderen Handwerkern und besonders auch bei den Bauern fand man fast weltweit einen Hang zum Mystischen und Metaphysischen.

Ein Hang, der uns abhanden gekommen ist, mit fortschreitender Kritikfähigkeit und einhergehender, erweiterter Sprach-, Ausdrucks- und Denkfähigkeit. Dampfmaschinen-, Automobil-, Roboter- und Raketenfabrikanten brauchen jedenfalls keine Religionen und Rituale mehr. Sie wissen auch so, wie sie ein gutes Produkt herstellen müssen.

Doch gehen wir noch ein paar Sprossen tiefer auf dieser Leiter, von der ich vorhin sprach. Gehen wir so richtig in den Abgrund, in den tiefsten Sumpf, ich möchte fast sagen, ins Paradies.

Menschen bringen sich zwar gern gegenseitig um, aber manchmal brauchen sie doch einen kleinen Ansporn. Da operieren die Kleriker dann gern nach Kantsukes Prinzip und sprechen von Offenbarungen. Es ist bekannt, daß jeder Moslemkrieger, aber auch jeder verhinderte Mörder im Auftrag islamischer Kleriker, mit Mätryrerstatus ins Paradies kommt, wo ihm geile Jungfrauen zur Verfügung stehen. Christliche Kleriker versprechen für Gleiches das Gleiche, Glücklichsein in einem Paradies, allerdings ohne Sinnlichkeit, und deshalb schwerer vorstellbar.

Aber wie gesagt, wir sind hier beim Sumpf, Morast, beim Abschaum der Religion angelangt, der nichts mehr mit der ursprünglichen Verehrung von allem Guten, Schönen, Edlen und Ehrhaften und der Natur und der Liebe zu tun hat.

Man erzählte sich auch Geschichten wie diese:1

1 Als Grundlage zu dieser Happy-End-Geschichte diente die hinduistische Folklore vom Kalpa-taru, dem kosmischen Feigenbaum, nacherzählt in Christopher Isherwood's `Vedanta for the West' und im Vorwort zu Barbara Harrison's Buch `Learning About India' dort nacherzählt von P. Lal.

Es war einmal ein Krüppel, der kam zum Wunschbaum, um Erlösung von

seinem Gebrechen zu wünschen.

Aber wie bei Wunschbäumen so üblich, herrschte ein großes Gedränge, so daß der Krüppel, der körperlich den anderen unterlegen war, nicht unter die Krone des Baumes gelangen konnte. Nach einer Zeit gab er es ganz auf und beobachtete resigniert das Treiben mit Abstand.

Da waren die Kinder, die sich Süßigkeiten und Spielsachen wünschten, und siehe, der Baum erfüllte ihnen ihren Wunsch, aber den Süßigkeiten folgten Zahnschmerzen und den Spielsachen der Wunsch nach noch größeren Spielsachen, so wurden sie Erwachsene, jetzt verlangten sie nach Geld, Sex, Alkohol und üppigen Mahlzeiten. Jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt und gleichzeitig das im Wunsch enthaltene Gegenteil: Dem Geld folgte die Sorge ums Geld, dem Sex die Ernüchterung, ebenso dem Alkohol, die üppigen Mahlzeiten aber ließ sie dick und schwerfällig werden und alles griff ihre Gesundheit an. Und als die Menschen dann alt zu werden anfingen, riefen sie: "Ach, alles ist eitel, es hat keinen Sinn zu leben, wären wir doch tot." Und auch diesen Wunsch erfüllte der hilfsbereite Baum ihnen - mit dem darin enthaltenen Gegenteil: die Wiedergeburt.

Da sah der Krüppel, der die ganze Zeit abseits gestanden hatte, daß es kein Glück gab.

Der Wunschbaum aber ist das Leben. Wünschen heißt Leben. Leben heißt Leiden.

Der Krüppel aber vergaß, er vergaß seinen Wunsch, er vergaß das Wünschen überhaupt.

Er vergaß zu leben - im Diesseits und im Jenseits.

Man konnte die Geschichte aber auch so erzählen:

Der Gabenbaum - eine göttliche Tragikomödie

Ein netter Onkel kommt ins Dorf, um seine Neffen und Nichten zu besuchen. Er trifft sie in der Hütte beim Spielen an. "Warum spielt ihr mit diesen armseligen Sachen, wo draußen vor eurer Tür ein Wunschbaum steht? Stellt euch darunter und wünscht und ihr bekommt alles, was ihr haben wollt."

Aber die Kinder glauben ihm nicht. Sie sind schlau genug zu wissen, daß die Welt nicht so gemacht ist, daß sie uns alles gibt, was wir haben wollen. Selbst den kleinsten Lohn, die geringste Anerkennung müssen wir uns schwer erkämpfen, und natürlich, es scheinen immer die anderen zu sein, die die Pflaumen ernten. Die Kinder lächeln wissend.

Aber als der Onkel abgereist ist, laufen sie sofort zum Baum und fangen an zu wünschen. Sie wünschen Bonbons und bekommen Bauchweh. Sie wünschen sich Spielsachen und ernten Überdruß. Das beunruhigt sie. Irgend etwas stimmt nicht. Irgendwie fühlen sie sich reingelegt. Was ist dieses unangenehme, unerwartete, ungewünschte Extra, das mit den Süßigkeiten und Spielsachen kommt? Was sie nicht begriffen haben, ist, daß der Gabenbaum der weite, unendlich großzügige, aber total unsentimentale Kosmos ist. Er gibt dir genau, was du haben willst, und das dazu gehörige Gegenteil. Das Tragische dieser Welt ist nicht, daß wir nicht bekommen, was wir haben wollen, sondern, daß wir genau das bekommen, was wir haben wollen - mit dem dazu gehörigen Gegenteil, Überdruß, Sättigung, Enttäuschung.

Wünsche es, denke es, träume es, tue es und du hast es! Und schon hast du es gehabt.

Die Kinder wachsen heran und werden Erwachsene. Aber in Wirklichkeit sind sie noch Kinder, Gefangene des Wunsch erfüllenden Baumes. Sie klammern sich daran fest. Statt Süßigkeiten und Spielzeug - solchen Kindereien! - sehnen sie sich jetzt nach Sex, Ruhm, Geld und Macht, den vier süßesten Früchten des Lebens. Bittersüße Früchte. Und ehrlich gesagt, es gibt keine anderen.

Die Kinder pflücken auch diese Äpfel und beißen hinein und erhalten den gleichen bitteren Nachgeschmack von Enttäuschung und Ernüchterung. Aber sie wünschen weiter, denn es gibt ja nichts anderes, was man unter einem Wunschbaum tun könnte. Und der Gabenbaum gibt großzügig seine Gaben, doch Überdruß und Frustration liefert er mit.

Und die Kinder werden alt und schwach. Müde strecken sie sich auf ihrem Totenbett liegend unter dem Baum aus. Pathetische, alte Leute, ehrwürdig geachtet. In drei Gruppen zusammengekuschelt suchen sie Sicherheit. Die erste Gruppe, die Zyniker, zischelt: "Alles ist Betrug, das Leben eine Posse, ein lächerlicher Streich, der uns Menschen gespielt wurde." Narren sind sie, sie haben nichts gelernt. Die zweite Gruppe, die selbst ernannten Weisen, murmelt: "Wir haben das Falsche gewünscht. Das nächste Mal wünschen wir das Richtige." Sie sind noch größere Narren, denn sie haben weniger als nichts gelernt. Die dritte Gruppe besteht aus den größten Narren, die da schreien: "Alles ist sinnlos. Wir wollen sterben." Der hilfsbereite Baum erfüllt ihnen schnell ihren letzten Wunsch. Sie sterben - und werden wiedergeboren, unter dem gleichen Baum, denn es gibt keinen anderen Ort, an dem man geboren werden kann.1

1 Diese Geschichte basiert natürlich auf der gleichen Kalpa-taru-Folklore wie die vorherige. Es wurde ihr lediglich das Happy-End herausgefiltert.

...oder man erzählte die Geschichte vom Zoon Penurion:

Es lebte einmal ein Mensch, der hieß Zoon Penurion. Er lebte sehr schlecht, denn er hatte kein Haus, und auch sein Teller blieb meist leer. Da erbarmte sich seiner der Vogel Gaya. Der Vogel Gaya legte ihm ein Ei auf den Teller. Nicht irgendein Ei, sondern ein goldenes Ei. So überreich beschenkt, war Zoon Penurion überglücklich.

Sparsam ging er um mit der Gabe des Vogels. Ein bißchen zu essen kaufte er sich und Material für eine kleine Hütte. Und aus Dankbarkeit kaufte er auch ein bißchen Futter für den Vogel Gaya.

Und der Vogel fraß es gerne aus seiner Hand und legte ein zweites Ei auf seinen Teller, wieder ein goldenes. Die Augen des Zoon Penurions leuchteten. Nie mehr würde er so schwer zu arbeiten haben wie früher. Selbst wenn die Ernte schlecht ausfiele, würde er sich genug zu essen leisten können.

Er vergrößte sein Haus und kaufte auch wieder Futter für den Vogel. Und der Vogel kam wieder und fraß und legte ein weiteres goldenes Ei. Und bald wurden die goldenen Eier eine alltägliche Angelegenheit. Und der Mensch verbesserte sein Leben ständig weiter. Auch warf er dem Vogel immer mehr Futter vor. Und die Eier des Vogels wurden auch tatsächlich immer größer und größer. Aber der Mensch wurde immer mißtrauischer: Waren die Eier nicht kleiner geworden? War der Goldgehalt noch der gleiche oder vielleicht gar geringer geworden? Auch erwartete der Mensch immer ungeduldiger die Ankunft des Vogels. Immer ungeduldiger und ungeduldiger. Und es erschien ihm, daß der Vogel immer später und später käme. Und er bekam große Angst, daß der Vogel eines Tages nie wieder käme. Und da hatte er einen Plan: Er wollte den

Vogel fangen und in einen Käfig sperren.

Voller Ungeduld wartete er auf die Rückkehr des Vogels. Seine Hände wurden schwitzig und sein Gesicht zur Grimasse. Als der Vogel endlich kam - viel zu spät, wie er verbittert feststellte -, stürzte er sich mit voller Wut auf ihn. Der Vogel mußte dabei Federn lassen, aber er überlebte. Er sah zwar nicht mehr so prächtig aus wie vorher, als er sich noch in der freien Natur herumtummelte, eher wie ein halb verrupftes Huhn, aber - so stellte der Mensch zufrieden fest - er legte immer noch goldene Eier.

Nur langsam dämmerte dem Menschen, daß die goldenen Eier aber immer mehr Talmigold enthielten. Er war verzweifelt, denn er brauchte, verbrauchte immer mehr und mehr Gold, richtiges Gold, wertvolles Gold, denn seine Sachen waren teuer. Und zum Bezahlen konnte er keinen Schund gebrauchen. Davon hatte er mittlerweile sowieso selbst genung.

Es war unfair, daß gerade jetzt, wo er am meisten brauchte, er weniger bekommen sollte. Er fand, er war noch nie so in Not gewesen. Aber er würde sich schon zu helfen wissen, durchtrieben wie er war. "Ich will nicht Mensch heißen, wenn es mir nicht gelingen sollte, an die Quelle des Goldes, an die Quelle allen Reichtums, zu gelangen." Und er wetzte sein Messer und seine Zähne fletschten dazu. - Dann stieß er zu. Ritsche-ratsche, er schlachtete Gaya. Was für ein Schlachtfest! Er schlachtete Gaya, um an die Goldquelle in ihrem Innern zu gelangen. Und während er sie ausweidete, immer nervöser ausweidete, und sich und seine Umgebung immer mehr besudelte, und er nichts mehr fand, weder Gold noch eine Goldquelle, da dämmerte ihm, daß er in seiner Gier das zerstört hatte, wonach er gierte.

"Deutschland ist Märchenland. Wer kennt sie nicht, Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und der Wolf, der gestiefelte Kater, Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel, der Froschkönig, Reineke der Fuchs, Rapunzel, Knecht Ruprecht, Rübezahl, die Bremer Stadtmusikanten, der dicke, fette Pfannekuchen und wie sie alle heißen.

Früher vor der Erfindung des Guckkastens erzählte man sich abends Märchen, man machte das selbst, reihum oder der Begabteste, heute hat man wie gesagt den Guckkasten dafür.

Ein Guckkasten ist ein Kasten, an dessen einer Seite so etwas wie ein Gemälde zu sehen ist. Da dieses Gemälde sich bewegt und auch spricht, ist ein gewisser technischer Aufwand nötig. Den hat man in den Kasten gesteckt. Aber man ist sich schon sicher, daß man eines Tages den Kasten wird zusammendrücken können, ohne den technischen Aufwand dabei zu beschädigen, so daß der Guckkasten flach wie ein normales Gemälde wird. Dann wird man ihn also nicht mehr Guckkasten nennen können, sondern einen anderen Namen finden müssen. Das Synonym Glotze eignet sich natürlich immer noch.

Einige behaupten übrigens, vom vielen in die Glotze Gucken werden die Augen viereckig, das scheint aber nicht zu stimmen, die Gefahr ist viel mehr, daß man blauäugig wird. Das sollte uns hellhörig machen."


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