Adjuna, der gerade durchs Weserbergland wanderte, ging hinunter in die Stadt Hameln, um sich neuen Proviant zu kaufen, denn seine Wegzehrung war zur Neige gegangen.
Der Tag neigte sich und die Sonne. Dämmerung kam auf und leichter Bodennebel. Laternen wurden angezündet. Die eisernen Rollanden der Geschäfte wurden runtergelassen. Adjuna hatte sich vorher noch schnell etwas Brot und ein paar Äpfel kaufen können.
Mit dem Brot unterm Arm trat er an den Brunnen der Stadt. Ein Flötenspieler, der hier offensichtlich bei seinen Zuhörern ein geneigtes Ohr gefunden hatte für sein Spiel, saß am Rand. Der Flötenspieler unterbrach sein Spiel, denn ein alter Mann neben ihm fing an zu stöhnen und spuckte Blut. Der Flötenspieler wischte es ihm ab. Der alte Mann jammerte: "Ich will nicht sterben." Der Flötenspieler: "Es ist leicht zu sterben, wenn man das Leben verachtet." "Ich habe mich aber so an das Leben gewöhnt und an die Welt. Ich liebe beides." "Du hast nicht richtig hingesehen. Ich kannte mal einen Mann, der hatte viel von der Welt gesehen, und er erzählte mir alles, was er gesehen hatte, es war schrecklich, er erzählte von Kriegen, von Haß, von Foltern und Hinrichtungen, vom Innern der Gefängnisse, vom Äußern falscher Meinungen, vom Übersättigtsein und vom Verhungern, von Irrtümern, Irrsinn und anderen Krankheiten. Und am Ende sagte er mir, und er schüttelte dabei traurig den Kopf: Ich mag die Menschen nicht. Da entgegnete ich: Du bist doch selbst einer. Und er sprach: Ja richtig, und tötete sich."
Auch der alte Mann schüttelte traurig seinen Kopf, aber tat nichts. Der Flötenspieler erzählte weiter. War vorhin sein Flötenspiel anziehend gewesen, auch seine Stimme bezauberte.
"Ich traf auch mal einen jungen Mann, der kam genau von der anderen Seite der Welt. Seine Eltern verfolgten ihn, obwohl sie nicht hinter ihm her waren. Auch er wollte sterben. Als ich ihn fragte: Warum willst du sterben? antwortete er mir: Um weiter von meinem Elternhaus entfernt zu sein." - "Und? Ist er gestorben?" - "Ja, viele Male."
Da keiner was sagte, erzählte der Flötenspieler/Geschichtenerzähler eine neue Geschichte:
Es war auch einmal ein einfacher Mann; der war zu jungen Jahren auf eine lange Wanderschaft gegangen. Als alter Mann wollte er zurück zu den heimatlichen Gehöften seines Dorfes. Er wanderte die Landstraße hoch, der letzte Hügel vor dem Dorf. Er freute sich auf den Ausblick auf die Stätte seiner Jugend. Ich war bei ihm. Als wir oben auf dem Hügel angekommen waren und ins Tal blickten, fing der alte Mann an zu jammern: `Wo einst mein Zuhause war, ist nun ein Kleeblatt!'
"Nur ein einziges Kleeblatt?" fragte einer der Zuhörer ungläubig.
"Ja, so nennen die jetzt solche Autobahn-Kreuzungen mit vielen Kurven", antwortete der Erzähler.
Und er fuhr fort: Der Anblick brach dem alten
Mann so sehr das Herz, daß er starb. Das Kleeblatt hatte ihm
kein Glück gebracht, obwohl es vierblättrig war.
Es gab in diesem Land, das sich manchmal frei nannte und manchmal anders, selbst wenn es sich frei nannte, einen Zwang, der nannte sich Dienst, Wehrdienst, Waffendienst. Die Herren des Landes begründeten es so: Wer in diesem Lande lebt, seinen Schutz und seine Vorteile genießt, der soll ihm auch dienen, es verteidigen, für das Land kämpfen, Feinde totschlagen, sonst ist er ein Schmarotzer. Die Landesherren vergaßen dabei, daß sie selbst die wirklichen Schmarotzer waren, sie produzierten nichts, jedenfalls nichts Brauchbares, nur immer mehr Gesetze, die keiner brauchte, und die dem Pöbel die letzten Entscheidungen über ihr eigenes Leben nahmen und zu immer größerer Unmündigkeit erzogen. Sollten die Gesetze die Herren so sehr von der eigenen Wichtigkeit überzeugt haben, daß sie blind für die Wirklichkeit wurden und gar glaubten, sie hätten ein gutes Werk? Schlimmer noch: Die Schmarotzer vergaßen, daß der Mensch ursprünglich frei war und es noch immer wäre, wenn er nur wollte. Es gibt keine moralischen Pflichten gegenüber Staat und Vaterland. Solche Pflichten sind Lügen, mit denen der unterworfene Mensch noch einmal verhöhnt wird. Erst beraubte man ihn seiner Freiheit und dann versuchte man noch, ihm die eigene verlogene Moral, geistige Abartigkeit und Niedertracht aufzuzwingen. Und das Erstaunliche: Es gelang. Und mehr gelang: Zu Mördern und Verbrechern machte man sie und ließ sie dabei im Glauben, einen ehrbaren Staatsdienst zu leisten. Und bei jeder Wahl bestätigen sie mit ihrem Kreuzchen: Macht weiter so. - Masochisten.
Stumpf ist der Mensch, ein alles hinnehmendes
Wesen, und wenn er Macht bekommt, meist moralisch eine Null.
Wie erfreut es da das Auge, aus Millionen-Redundanz vereinzelt gewissenhafte Ausnahmemenschen zu sehen.
....................1 war einer dieser Ausnahmemenschen, hätten sich die Normalbürger ihn zum Vorbild genommen, wäre die Spezies Mensch noch zu retten.
.................... weigerte sich für die Landesherren, für Staat und Vaterland, töten zu trainieren, Mord zu üben, Gewehr bei Fuß bereitzustehen. Das rechnete man ihm schwer an. Ins Gefängnis kam er. Und als er wieder rauskam und sich immer noch weigerte, steckte man ihn wieder rein. Und als er abermals ein Jahr abgesessen hatte und noch immer nicht weich und noch immer nicht feige geworden war, mußte er gleich wieder ins Gefängnis, so entschieden die Richter. Manche Menschen sind wie die Eier, wenn sie lange kochen, werden sie nicht weicher, sondern härter.
Dieser junge Mensch mit seinem Gewissen, dem es schon in den Betonstädten zwischen toten Wänden und Fassaden, leblosen Gesichtern und herzlosen Herzen zu eng gewesen war und zu trist, den es immer wieder hinausgezogen hatte ins Grüne zu Blume und Strauch, der litt nun unsagbar in seinem Käfig, und da es keinen anderen Weg gab auszufliegen, starb er in einer starken Stunde durch seine eigene Hand. Er hatte in seinem Leben niemandem ein Leid zugefügt.
Wann fallen den Leuten einmal die Schuppen von den Augen, daß sie sehen können: Sie schaffen Leiden. Wann sagt endlich einmal ein Richter: Ich hab mehr auf dem Kerbholz als meine Opfer. Oder ein Schmarotzer: Bei all meiner Biedermeierei, ich bin ein Schwein.
Nie wird das geschehen. Vorher wird man sich zu
Tode grunzen.
1 (Fußnote)
Der hier geschilderte Selbstmord eines Kriegsdienstverweigerers hat sich wirklich in meiner Jugend (in den 60er Jahren) zugetragen, wenn ich mich richtig erinnere, sogar in meiner Heimat Schleswig-Holstein. Gerne hätte ich diesem Opfer neudeutscher Staatswillkür hier ein Denkmal gesetzt, aber leider waren meine Unterlagen über diesen Fall bei einem Besuch in meinem Elternhaus nicht mehr auffindbar.
Viele junge Leute wurden damals von den
Prüfungsausschüssen nicht als Verweigerer anerkannt und oft
für ihre fortgesetzte Verweigerung zu Haftstrafen von bis zu
einem Jahr verurteilt. Der Masse des deutschen Volkes war wie
immer (einschließlich der Gegenwart) egal gewesen, daß
elementare Grundrechte wie die Würde des Menschen (Artikle 1)
und die Gewissensfreiheit (Artikel 4) mißachtet wurden. Damals
tobte gerade der Vietnam-Krieg. Aus den USA, `dem Garanten der
Freiheit', ist mir ein Fall bekannt, wo ein Gefreiter für seine
Gewissensentscheidung, keine Vietcongs umzubringen, von einem
Militärgericht zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Sein
Hungerstreik wurde als Versuch, sich frontdienstuntauglich zu
machen, bewertet (9.Okt. 1965, UPI).
Das nächste ist eine Geschichte aus dem frommen Spanien. Sie spielte sich ab in der Casa de Bernarda Alba. Seora Bernarda Alba war eine verwitwete Frau und äußerst strenge Mutter. Nichts war ihr wichtiger, als ihre Töchter von der Sünde der Straße fernzuhalten. Selbst ihren erwachsenen Töchtern war es noch verboten, ohne Aufsicht der Mutter das Haus zu verlassen. So verbrachten die jungen Frauen ein freudloses Leben hinter den vergitterten Fenstern des Hauses. Nicht einmal die Vorhänge der Fenster durften sie zurückziehen, damit nicht irgendein Mann sie von der Straße her sähe und Appetit auf sie bekäme. Aber einer der Töchter gelang es doch in einem unbeaufsichtigten Moment, sich am Fenster zu zeigen. Und der schöne, junge Reiter, der gerade vorbei kam, verliebte sich tatsächlich in sie. Und es gelang den beiden, sich nachts heimlich zu treffen. Das Mädchen schlich dann nachts an das Hoftor, schob den großen Riegel zur Seite, und ließ ihren Geliebten herein. In der Hofecke stehend machten die beiden dann jedes Mal Liebe, dabei unterdrückten sie ihr Liebeskeuchen. Trotzdem wurden sie entdeckt. Die Mutter scheuchte den Geliebten mit der Flinte. Sie schoß dabei zwar absichtlich in die Luft. Aber das Mädchen konnte das hinter den hohen Hofmauern nicht mehr sehen, und da die Mutter immer extrem streng und gewalttätig gewesen war, dachte das Mädchen, daß die Mutter ihren Geliebten totgeschossen hatte, und sie tötete sich selbst. Ihre älteren und jüngeren Geschwister beneideten sie: Einmal, weil sie die Liebe kennengelernt hatte, und zweimal, weil sie nicht mehr in dem häuslichen Jammertal gefangen war.1
1 Nach dem spanischen Roman La Casa de Bernarda Alba von Federico Garca Lorca. Der Schriftsteller Garca Lorca starb selbst keinen Freitod, sondern als Freiheitskämpfer, der sein Land vom klerofaschistischen Terror befreien wollte. Die Falangisten erschossen ihn am 19. Aug. 1936.
Eine andere Geschichte:
Es war einmal ein Bürger dieses Landes, doch er war nicht wie die Menschen hier zu Lande ein äußerer Mensch. Er sah die Leute, die ihn umgaben, fast nicht, und wenn er sie sah, so nur mit Abneigung, war ihm doch ihr Außen, ihr nach außen gekehrtes Wesen, zuwider. Doch nicht nur er dachte schlecht von den Leuten, nein, die Leute dachten auch schlecht von sich selbst. `Nichtig wir sind, nur der Gott ist groß', so dachten so viele, das waren die Frommen, aber auch die nicht fromm waren, dachten: `Nichtig sind wir.' Und was war das, was ihnen wert erschien? Nun, da waren die anderen Gs: Geld Gold, Gut, Größe und dann noch Gedanken, mittelmäßige Menschengedanken von Staat, Stolz, Recht, auch Freiheit, die man sicherte durch Gesetz und garantierte durch Gefängnis, sogar Gedanken von einem Paradiese und zwar auf Erden wagte man zu denken, wagte es zu wollen. Das alles waren also die Dinge, an die die so genannten Gottlosen glaubten, denn an sich selbst glaubten auch die Gottlosen nicht, das wäre ihnen zu blasphem gewesen, an sich konnte man nur glauben, wenn man das andere hatte, Geld, Gold, ... auch Macht. Wenn man das alles aber hatte, dann war man wer, dann wußte man, daß man wer war, und wenn man das wußte, dann brauchte man es wohl nicht mehr zu glauben, so glaubten zweifellos auch viele.
So war er also ein Außenseiter mit seinem nach innen gekehrten Wesen. Doch Anders-Sein ist ein Verbrechen, so spricht der Pöbel. Und Pöbel sind die meisten. So machten sie ihn leiden und er litt. Seine Heimat wurde ihm verhaßt und er verließ sie. `Bleibe im Lande und ernähre dich redlich', rief der Pöbel ihm nach. Aber das war auch schon das Letzte, was er von ihnen hörte. Denn die neue, fremde Welt umfing ihn mit einem viel freundlicheren Reiz. Die Vielfalt der Menschen erstaunte ihn, der nur die Einheitshomos der Heimat kannte. Mensch-Sein heißt ein großes Experiment-Sein, so dachte er begeistert. Und er machte alles mit, ein Buschmann unter Buschmännern, ein Schneemann unter Schneemännern, ein Seemann unter Seemännern, und im Innern war doch immer sein eigener Wert.
So kam er auf seiner Weltpilgerreise auch nach China. Zwar war er äußerlich anders, doch innerlich auch hier bereit, sich anzupassen, obwohl er wie immer auch hier nur auf der Durchreise sein wollte. Aber es kam anders.
Der König des Landes hatte eine Tochter, die war mit ihren großen Augen so häßlich zumindest für Chinesen, daß jeder Freier, wenn er sie sah, sofort weglief. Traurig das Mädchen sich zum Vater gewandt beklagte: `Was soll ich nur machen?' Der Vater wußte auch keinen rechten Rat, aber es wohnte ein weiser Greis vor der Stadt, der hatte den König schon oft in Not gut beraten. Zu ihm ging der König mit seiner Tochter. Beide verbeugten sich tief vor dem weisen Mann, boten ihm Gruß und Geschenke. Der weise Mann seinerseits verbeugte sich auch tief und sprach: `Oh, edler König, ihr kommt mit eurer schönen Tochter, was führt euch beide zu mir?' Und der König erklärte das traurige Schicksal seiner Tochter.
Da ging der alte Mann zu einer Blume, auf der ein Schmetterling saß, und beschwor den Schmetterling, dann brach er die Blume, der Schmetterling verharrte regungslos. Diese Blume steckte er der Königstochter ins Haar und sagte zum König: `Laß im ganzen Lande ausrufen, daß morgen zur Mittagssonne vom Kopfe der Prinzessin ein Schmetterling abfliegen werde, und auf wessen Kopf er sich als nächstes setze, der müsse sie heiraten oder ihm würde der Kopf abgehauen, denn er hätte eine göttliche Entscheidung mißachtet.
Zufrieden ging der König mit seiner Tochter heim ins Schloß und tat, wie ihm geraten war. Alle Ausrufer wurden beschäftigt.
Und am nächsten Tag gegen die Mittagszeit sah man die Straßen wie leer
gefegt, alle Fenster geschlossen zumindest mit Fliegendraht. Die Prinzessin weinte bitterlich, als sie sah, wie ihr Schmetterling stundenlang verwirrt durch die leeren Gassen flog. Dann sah man unseren Freund mit seinem Bündel frohen Mutes einherziehen, aber verwundert: Was ist denn das für eine Stadt? Ausgestorben oder immer noch Mittagsschlaf? Die große Hitze ist doch schon vorbei. Und was ist denn das für ein verheultes Mädchen, das immer nach oben starrt? Ach, es beobachtet einen Schmetterling. Der Schmetterling umkreiste ihn ein paar Mal und setzte sich dann auf seine bunte, bunte Mütze. Plötzlich war großes Leben in der Stadt, Trompeten ertönten, Trommeln und Pfeifen, Raketen sausten in die Luft, und sie wurden umringt von Leuten, die lachten und fröhlich waren. Unser Freund wußte nicht, wie ihm geschah, er wurde auf eine Kutsche gehoben, das schöne Mädchen saß glücklich neben ihm, sie fuhren in einen Palast, bekamen gut zu essen und zu trinken. Endlich wurde ihm alles erklärt. Nachdenklich meinte er da: `Ja, heiraten sollte ich ja vielleicht auch mal, bisher hatte ich nie daran gedacht. Und immerhin ist sie eine Schönheit, ihr Blick ist so offen, ich müßte eigentlich glücklich mit ihr werden.'
Die Eheschließung wurde vollzogen.
In der Nacht aber meinte er zu seiner Frau: `Eigenartig, ich hatte mir das Heiraten so ganz anders vorgestellt, weißt du, so mit Liebe usw.' Da meinte sie: `Laß nur, ich werde dir so viel Liebe und Zärtlichkeit geben, daß du sehr glücklich mit mir sein wirst und eine sehr viel stärkere Liebe zu mir empfindest, als es diese Phantasie-Liebe deiner Träume ist.'
So geschah es auch. Viele Jahre lebten sie glücklich zusammen, und man konnte sagen, mit den Jahren hatten sie sich immer stärker und tiefer ineinander verliebt. Man könnte sagen: Welch ein Glück! Beneidenswert! Denn wie viele Ehen sind doch schon nach kurzer Zeit nur noch ein mühsames Zusammenleben, da die große Liebe so blind ist und mit dem Öffnen der Augen die Enttäuschung kommt.
Irgendwann viele Jahre später mußte unser Freund mit einer Regierungsdelegation über die schmalen, gefährlichen Pässe des Himalayas nach Indien. Auf dieser Reise traf er jenseits des Himalayas im Tarai ein junges Mädchen, das ihm trotz ihrer fremdartigen Exotik so bekannt vorkam. Das Mädchen, als es ihn erblickte, warf sich ihm zu Füßen, sie, die Unbekannte. Als sie wieder hochkam, sah sie ihn fest aber mit Tränen in den Augen an. Da schossen auch ihm die Tränen in die Augen, und er stürmte auf sie los, umarmte sie wie wild, küßte ihr die Tränen weg, aber neue kamen unaufhaltsam. Sie hatten sich nie gekannt, jedenfalls nicht in diesem Leben, aber doch auf einander gewartet und sich endlich gefunden. Sie waren füreinander bestimmt. Er blieb eine Weile, nicht so lange, aber länger als die Delegation. In der Zeit wurde er von großer Sehnsucht nach seiner Frau gequält, und das Schlimmste, er wußte, daß auch sie sich quälte, unter der Trennung litt. Aber wenn er ein paar Schritte Richtung Heimat ging, was für ihn das Land seiner Frau geworden war, fühlte er sich todtraurig, weil das Mädchen nicht bei ihm war, die, die doch zu ihm gehörte, wußte er auch nicht warum. So war er verzweifelt, mit seinem Glücklich-Sein war es nun vorbei, sehnte er sich doch nach beiden, nach seiner Frau und dem Mädchen. Und er dachte schon, er müsse sein verdammtes Herz in Stücke reißen und jeder einen Teil geben. Da sagte er sich plötzlich, sterben kann ich immer noch, zuerst versuche ich, ob ich nicht mit beiden glücklich sein kann, ich nehme das Mädchen mit über den Himalaya, will sehen, ob meine Frau mich und meine Liebe nicht versteht, sie war ja immer so verständig. Wenn ich Pech habe, wird sie ganz böse und läßt mir durch ihren Vater den Kopf abhauen, aber ohne dieses Mädchen hat das Leben weder Wert noch Sinn für mich. Mit solchen Gedanken näherte er sich der Stadt des Königs.
In der Zwischenzeit war viel passiert, man hatte der Prinzessin von ihrem frisch verliebten Mann erzählt. Die Leute der Delegation hatten natürlich mitbekommen, was sich da im Tarai abgespielt hatte, und davon berichtet. Die Prinzessin nun, da sie sah, daß ihr Mann nicht mit zurückgekommen war, glaubte ihn für immer verloren, und ihr alter Minderwertigkeitskomplex tat ein übriges, nämlich er flüsterte ihr ein, seine Liebe war doch nur erzwungen, sieh mal, wie häßlich du bist, was konntest du denn anderes erwarten, als daß er dir eines Tages weglief, sowieso war er nur ein Wanderer, in Zukunft wird er diesen Ort auf seinen Wanderschaften meiden, um dir nicht wieder zu begegnen. Da wurde sie sehr traurig und wollte nicht mehr weiterleben und stürzte sich vom Felsen.
Als nun ihr Mann bei seiner Ankunft in der Stadt von ihrem Tode erfuhr, war er tief bestürzt und erschüttert, er mochte seine Geliebte nicht mehr ansehen. Er schlich zum Felsen und stürzte sich auch hinunter. Das Mädchen, als es nun sah, was sein Geliebter gemacht hatte, mochte nun auch nicht mehr am Leben sein, ein unsichtbares und doch so fatales Band zog sie hin zum Geliebten, sie stürzte als nächstes.
"Wessen Sünde ist am größten?" fragt der Rattenfänger/Flötenspieler/Erzähler jetzt. - "Die der Frau, denn sie hat die anderen zwei Selbstmorde mit verschuldet." - "So? Das Mädchen trifft die größte Schuld, denn sie hat einen verheirateten Mann verführt." - "So? Tat sie es aus Eigennutz?" - "Den Mann trifft die größte Schuld, denn er hat die Ehe gebrochen, was zum Selbstmord seiner Frau führte." - "Aber wem gehorchte er?" - "Der Stimme seines Herzens." - "Wer hat dem Herzen die Stimme gegeben?" - "Karma?"
Adjuna mischte sich nicht ein in diese Diskussion, aber er dachte: Sind wir nicht selbst schuld?
Der Geschichtenerzähler aber begann mit seiner nächsten Geschichte: Mann und Frau waren am Zweifeln, als sie hörten, daß sie schwanger war: Sollten sie abtreiben oder nicht?
Sie konnten ihrem Herzen keinen Stoß geben, die Härte der modernen Menschen fehlte ihnen, oder war es Feigheit? Nein, feige waren sie nicht, wie sich zeigte.
Wie so oft in moderner Zeit kam ein Krüppelkind zur Welt. Ist das das Ziel einer Milliardenjahren-Evolution? Unfähige Mißgeburten. Die Ungestalt. Nein, das konnte nicht sein. Nichts lag an diesem Kind. Die Verantwortung verlangt von uns, daß wir es töten, ihm Qual und Schande ersparen. Und der Vater erstickte das Kind.
Und die Kirchen kamen und protestierten; die, die Dreck, Krankheit und Unglück lieben und erhalten wollen, die, die Millionen Menschen mit ihren Doktrinen ins Unglück treiben, die, die sich an Überbevölkerung und dem damit verbundenen Elend sadistisch freuen, die also kamen und klagten und klagten an: `Eine böse Tat.'
Und die Richter, Büttel der Pfaffen, noch immer eingeschworen auf Unmenschlcihkeit, erhoben entrüstet ihre Stimme: `Ihr Verbrecher, ihr wolltet es euch und dem Kind leicht machen, was? Das gibt es nicht, das von Gott gegebene Leben darf nur Gott nehmen, oder wir, die Richter. Ins schwarze Loch mit euch! Denkt im Verlies nach, über eure Greueltat!' So sprach der Richter leichten Herzens; man sieht, es gibt unter Menschen nicht nur körperliche Mißgebildete, sondern am schlimmsten ist moralische Mißbildung.
Dieses Ehepaar nun, das wegen seines Verantwortungsbewußtseins in der öden Gefängniszelle saß, getrennt voneinander, ohne Blumen und frischer Luft, sah ein, daß die Zukunft keine Freude, gar nichts Schönes mehr bringen konnte, eine tödliche Kalkulation, eines modernen Menschen würdig: Leiden überwiegt Freude bei weitem; die Konsequenz: Schluß machen.
War es Intuition? Beide zerschmetterten gleichzeitig, aber Meilen voneinander getrennt, ihre Köpfe an der Zellwand.
Für einen Moment standen sie gemeinsam im
Blumengarten, dann erlebten sie nur noch Leere wie alle modernen
Menschen nach dem Tode.
...odeerrr...
...vom Fluch, uralt zu werden:
Während des Krieges, den einige Glücksritter und Spielernaturen, als sie anderen Spielen überdrüssig geworden waren, angezettelt hatten, hatte sie beim Bombenangriff je einen Arm und ein Bein und ein Auge verloren. Obwohl so verstümmelt und fast zum halben Menschen geworden, ist sie mutig in die Zukunft gehumpelt oder gehinkt.
Der Krieg ging zu Ende, hatte sich und das Land
ausgebrannt. Die Zeiten wurden besser. Man lebte wieder in
Frieden, man richtete sich ein, machte es sich wieder gemütlich.
Sie auch. Aber sie blieb allein. Einen Mann fand sie nicht.
Männer waren rar geworden wegen des Krieges. Sie erfuhr nie die
Höhen der geschlechtlichen Vereinigung, weder lernte sie Freunde
kennen, noch genoß sie Luxus, denn sie konnte es sich nicht
leisten; sie arbeitete ja nicht und verdiente nichts. So ging ihr
freudloses Leben dahin. Sie wurde alt, älter als andere. Als sie
schon über hundert war, hörte man sie klagen: `Heinklappermann
will mich nicht.' Zu ihrem hundertundzehnten Geburtstag wurde es
ihr zu bunt; mit einem Küchenmesser stach sie sich in den Hals
und starb endlich.
Es war einmal ein Geschichtsprofessor, der tat, wie es seine Aufgabe war, die Geschichte erforschen.
Nun ist das Studium der Geschichte ähnlich dem Studium der Chemie ein sehr ungesundes Studium. Zwar rührt man keine Gifte an und atmet keine tödlichen Dämpfe ein, und doch hantiert man zuviel mit dem Tod. Ist die menschliche Geschichte nicht ein einziges Suchen nach dem Tod? Für Mord, Tod und Sterben liefert die Geschichte jede Menge Gründe. Einen Grund fürs Leben wird man vergeblich suchen.
Alles ist sinnlos: Der Einzeln stirbt, selbst der Kaiser, für den so viele Einzelne gestorben sind, stirbt, die Familie stirbt, das Volk stirbt, die Rasse stirbt, die Religion stirbt, die Nation, die Gattung, der Planet, die Sonne, die Galaxis, selbst das Universum brennt leer.
Und wir Menschen? Warum halten wir Menschen in dieser sterbenden Welt nicht die Flagge des Lebens hoch, sondern beschleunigen den Tod?
Der Geschichtsprofessor sah die Leichenberge, die Verkohlten und Verstümmelten, und ihm verging der Appetit, und er sah, daß die Gegenwart von der gleichen Logik wie in der Vergangenheit beherrscht wurde, und daß die Gründe des anderen noch immer ein Grund sind, ihn totzuschlagen, und ihm wurde schlecht, er bekam Bauchweh und Dünnpfiff.
Das Widerlichste am Menschen ist nicht das, was hinten rauskommt, sondern was er unterm Scheitel ausheckt und mit den Händen produziert: Mord und Gründe für Mord.
Sinn des Leben ist nicht die Maximierung von Glück und schon gar nicht von Bewußtsein und Wissen, sondern Leben ist Beides: ein Kampf und sinnlos.
`Ich weigere mich, zu kämpfen und etwas Sinnloses zu tun', nahm sich der Professor vor. Und er tat nichts mehr, das heißt, er starb.
Beides ist sinnlos: das Leben und der Tod. Es
ist ungerecht, dem Tod einen Sinn anzudichten!
Und jetzt eine sehr traurige Geschichte.
Menschen gibt es genug. Und wer sich, wenn er
merkt, daß das Leben anstrengend ist, gleich wieder davon machen
will, der soll's, der Menschheit tut er damit einen Gefallen. Es
ist eine hohe Weisheit, sich das Leben zu nehmen. Ich hätte es
auch getan, wenn ich gewußt hätte wie. Ich hatte die
Nabelschnur schon um den Hals, aber der Arzt verhinderte meinen
Selbstmord. Seitdem bin ich angekettet ans Leben. Die Kette
heißt, wie bei diesem alten Mann hier, der nicht sterben will:
Gewohnheit. Angekettet verbringe ich mein Leben, ein Unglück,
daß ich mich nicht losreißen kann.
Die nächste Geschichte handelt...
Vom Kleinen, den die Kleinlichkeit quälte.
Obwohl er die Dinge klar sah: Geboren wurde er ins falsche Elternhaus, seine Seele war groß wie ein Mammut, fähig die Welt in Schranken zu weisen, doch am heimischen Herd ging es so klein und kleinlich zu, so dümmlich und dreckig, daß er nur kümmerlich gedieh. Fast wäre er in der Eltern Sucht und Rauch, an deren Rauchsucht erstickt; was wäre ihm da alles erspart geblieben! Doch so erlitt die große Seele eine kümmerliche Existenz in dem kränklichen Körper eines Kaffernkindes1. Alas!
1 Für die,
die's nicht wissen: Hier sollen natürlich keine Bantus beleidigt
werden, sondern es ist das jiddische Wort für Blödmänner
gemeint.
Die Sehnsüchte seiner Seele rissen sich los, Sauberkeit suchend, rannte er fort. Doch blühte er jetzt auf? - Weit gefehlt, Wunden heilen, Narben bleiben und manche Entstellung ist ewig: Warum bin ich so verzweifelt? Warum bin ich so schwach und unfähig? War ich im früheren Leben ein Täter, ein Mörder, oder ein Opfer? Was büße ich? Mein größter Fehler war die Wahl meiner Eltern. In der Jugend schlecht beraten, büße ich jetzt für Jugendsünden, für Versäumnissünden, für die Sünden anderer, die mich hatten beraten, belehren, ausbilden sollen.
Wird es so weitergehen? - Doch nur in diesem Leben, oder? Ich bin klein und hilflos und die Welt erscheint so übermächtig.
Die Welt ist falsch und ungerecht und mir erscheint sie übermächtig und daher unverbesserlich.
Das Unrecht erdrückt mich. Ich bin verzweifelt. Mein Körper fällt in Stücke - und ich soll durchhalten?
Mein Körper fällt in Stücke - und ich soll es mit ansehen?
Da nahm er ein Messer und stieß den scharfen Stahl ins Herz - wie ein Läufer nach einem schlechten Start das Rennen abbricht, aufgibt und nach Hause geht.
Doch die Seele ist seither auf der Suche. -
Suche, suche, suche!
Vom Großen, dem die ganz große Größe noch fehlte.
Er besorgte sich vier Paar Handschellen, die ein Schnappschloß hatten. Die Schlüssel warf er weg. Dann legte er sich auf das Arbeitsbrett einer Kreissäge, an dessen Beine befestigte er eine Seite der Schellen, dann ließ er die Schellen um die Fesseln seiner Beine zuschnappen. Er schaltete das Gerät ein, legte den langsamsten Gang ein, dann ließ er sich auf dem Brett zurück, streckte seine Arme und ließ die anderen Schellen um seine Handgelenke zuklicken.
Jetzt gab es kein Zurück mehr: Langsam kam das kreisende Sägeblatt näher. Kreisend heulend die Todesmelodie der sich widerstandlos drehenden Scheibe. Drei Minuten würde sie ihm lassen. Drei Minuten, um sich auf den unvermeidlichen Tod vorzubereiten. Die letzten drei Minuten einer dreißigjährigen Wartezeit.
In drei Minuten würde sein Herz von den scharfen Zähnen zerrissen und er würde wissen, ob es ein besseres Leben nach dem Tode gäbe oder nicht; am liebsten wäre ihm, es gäbe nichts, denn selbst die Freuden waren ihm Leiden.
Meinen Haß habe ich an mir selbst ausgetobt. Welch edle Tat! Hätte ich den anderen Weg gewählt, so hätte mein Attentat der Schöpfung oder zumindest der Menschheit gegolten.
Aah, tut das gut!
Dann sprach der Rattenfänger von Hameln: Ich bin ein Seher, und obwohl ich ein Seher bin und die kommende Katastrophe sehe und auch sehe, wie und wo man die kommende Katastrophe überleben kann, begehe ich jetzt, nachdem ich euch soviel erzählt habe, Selbstmord, denn
ich sehe auch, daß ich nicht der einzige bin, der überleben würde, ein beachtlicher Prozentsatz, Bodensatz der Menschheit, wird überleben, das heißt: Auch die Zeit nach der Katastrophe wird keine schöne Zeit sein. Sogar meine alte Feindin, das Teufelswerk, die Religion, wird überleben. Man sieht, die menschliche Dummheit triumphiert immer, selbst nach ihrem selbstverschuldeten Untergang. Ihre Sehnsucht geht in Erfüllung. Ein neues Mittelalter steht vor der Tür. Man würde mich wieder als Hexenmeister und Ketzer öffentlich verbrennen und mit sabberndem Mund und salbungsvollen Beschwörungsformeln meinen Tod besudeln. Da gehe ich lieber jetzt schon. Er öffnete einen Karton, nahm ein Fläschchen heraus und trank es auf ex aus, Rattengift stand drauf.
Und viele taten ihm nach.
Ja, so sind sie geworden, die Menschen, hartnäckig. - Hartnäckig weigern sie sich den Knoten, den ihnen das Leben bietet, zu lösen, ein Problem, sie straucheln, stolpern, stürzen sich zu Tode, hartnäckig ist ihr Wunsch zu entkommen, doch es gibt kein Entkommen.
Jedes Ding enthält sein Gegenteil in sich, der Tod die Wiedergeburt. Doch hartnäckig wieder und wieder sie sich weigern. Hartnäckig sie darauf beharren: Wir wollen es nicht bewältigen. So endet die Menschheit im Selbstmord. Doch was ist erreicht dann? Endlich Nirvana durch Aussterben? Gewiß nicht. Unglückliche Geister, wartend, daß Äone vergehen, wieder Wesen entstehen. Unglückliche Geister, unglücklicher als in Menschengestalt.
Alle, die das Gift genommen hatten, waren unter Schmerzen und Krämpfen gestorben, und die anderen waren schnell weggegangen, denn sie wollten damit nichts zu tun haben. Nur Adjuna war geblieben.
Auch der alte Mann war gestorben und lag jetzt friedlich neben dem Rattenfänger.
Plötzlich hörte Adjuna die krächzende Stimme des Alten: "Freund, Freund, es ist wunderbar, Gott gibt es wirklich." Adjuna: "Du bist kurzsichtig. Was du siehst, ist nur ein böser Geist, der im Jahr viertausendvier1 vor unserer Zeitrechnung geboren wurde und seitdem die Welt verunsichert. Die Zeit seiner jugendlichen Aktivität hat er schon lange hinter sich und impotent schleicht er durch die Schattenwelt, für niemanden von Nutzen. Reiß dich los von diesem Gespenst! Dein Ziel sollte jetzt höher sein, befrei dich von allem Übel, von Gier, Dummheit und der Liebe zu dieser Welt."
"Ich sehe alles, mein ganzes Leben."
"Ein Kurzschluß."
"Ich schwebe. Ich sehe meinen Körper da unten liegen."
"Astralprojektion."
"Ein Tunnel."
"Der Geburtskanal."
"Licht, Liebe, Harmonie, Glück."
Er war für Adjuna verloren.
1 Von Bischof Ussher ausgerechnet. Lange Zeit mußten Christen glauben, daß die Welt 4004 v. Chr. von Gott geschaffen wurde. Da wir heute wissen, daß die Welt viel älter ist, war es wohl der Gott, der zu dem Zeitpunkt entstand.
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