Adjuna verließ den Ort, wo so viele Menschen sich ihren Lebenswunsch erfüllt hatten.
Im Weggehen dachte er noch: Man lernt viel über die Menschen, wenn man Geschichtenerzählern zuhört, und auch, wenn man die Zuhörer beobachtet. Aber sich den Toten zugesellen, das kann man immer noch, erstmal möchte ich mehr lernen über die Menschen, die leben, besonders die hier im Lande leben. Und da er gehört hatte, daß sich die Leute im Teutoburger Wald ein Denkmal gebaut hatten, wanderte er in den Teutoburger Wald.
In dunklen Wäldern verirrt man sich leicht. Doch ein Segen - oder war es Regen? - sorgte dafür, daß sich die Wälder lichteten, oder war es wie bei den todessüchtigen Menschen die gleiche Sehnsucht?
Trotz des gelichteten Waldes fand Adjuna nicht gleich, was er suchte, sondern irrte erst bei den Externsteinen herum. Die Externsteine waren nicht etwa das, was man sich schlechthin unter Steinen vorstellte, nämlich ein paar Dinger, die man aufhob und anderen ins Kreuz warf, sondern bei den Externsteinen handelte es sich um eine gewaltige Felsgruppe, die aus einer Senke des Teutoburger Waldes hervorragte, außerdem war es ein historischer Ort, denn hier hatte Hermann der Cherusker am Vorabend der Varusschlacht sein Heer gesammelt und von hier hatte er es siegreich gegen die eindringenden Römer geführt.
Doch Rom blieb letzten Endes Sieger, okkupierte es auch nicht das Land, so doch die Hirne, daß dieser Ort jetzt eine christliche Wallfahrtsstätte war, zeugte davon.
Adjuna erschrak nicht schlecht, als er plötzlich den großen, wackeligen Stein über sich ragen sah, der drohte, jeden Augenblick runterzufallen. Diesen sogenannten Wackelstein hatte der Teufel dahin geworfen.
Als durch Herzog Widukinds Zwangsbekehrungsmaßnahmen das ganze Sachsenland christlich geworden war, wollte sich der Teufel zu den Externsteinen zurückziehen. Als er aber auch da einen Missionaren mit dem Angekreuzigten sah, geriet er so in Wut, daß er einen Felsbrocken nahm und nach dem Kerl warf. Leider verfehlte er und der Stein landete da, wo er auch jetzt noch lag, nämlich auf dem östlichsten Felsen der Externsteine.
Aus der Schadenfreude der Christen wurde eine christliche Wallfahrtstätte, ein frommer Ort.
Adjuna betrachtete den Stein genau: Ich bin zwar stark, aber den Fels kann selbst ich nicht heben. Wenn jemand, der diesen Stein schleuderte, versagte, wie kann ich da siegen? Meine Hochachtung.
Aber da Adjuna eigentlich das heidnische Hermanns Denkmal suchte, fragte er ein paar Pilger, von denen es hier wimmelte, wie man da hinkam, und machte sich dann gleich auf den Weg.
Als Adjuna dann endlich vor dem Cheruskerfürsten stand, war er tief beeindruckt, was für ein heroischer Mann, was für eine heroische Haltung, wie edel und eisern die eisgrauen Augen in die Ferne starrten, und das Schwert, siebeneinhalb Meter lang, in starker Hand, eine Riesenwaffe, sie ragte in den Himmel, als wollte sie nicht nur die Germanen zum Kampf anfeuern, sondern auch die im Himmel thronenden Götter pieksen. Nach geschlagener Schlacht wünschte ich mir auch ein solches Denkmal.
Das Volk, das solche Helden hat, muß zweifellos heroisch sein.
Während Adjuna immer wieder aufschaute zum Hermann-Denkmal und bewundernd murmelte: "Hmm, ein großer Held wie ich oder gar größer", stand plötzlich der bockbeinige, pferdeschwänzige, gotteslästerliche Fürst der Unterwelt und alles Bösen neben ihm. "Gestatte, daß ich mich vorstelle, ich bin der Teufel, auch Luzifer genannt. Du kannst aber ruhig Luz zu mir sagen. Ich will dir ein anderes Denkmal deutscher Geschichte zeigen. Aber das Denkmal gehört den Deutschen nicht allein, sondern auch mir wie so vieles auf dieser Welt - hahaha - kommst du mit?" "Ja gern."
Und wie Jesus einst mit Hilfe des Teufels auf den höchsten Berg der Welt transmittiert wurde, von wo aus ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit gezeigt wurde1, damals hatte man noch eine Scheibe, so wurde jetzt auch Adjuna mit Hilfe des Teufels an einen anderen Ort transmittiert.
1 Matth. 4, 8.
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