Adjuna in Auschwitz

Während der Reise erzählte Luz: "Weißt du, dieses Volk hat mit der Waffe in der Hand ganz Europa wie ein Aussatz überzogen. Mit Waffen kämpft man, aber man kann auch feige mit ihnen morden, beides verstand dieses Volk zu gut. Unvorstellbare Grausamkeiten, unglaubliches Elend säten sie überall, wo sie hinkamen, aber alle Grausamkeit kulminierte in Auschwitz. Von weit her brachten sie ihre Opfer dorthin, in Viehwagen gestopft, ohne Wasser, ohne Klo, fast ohne Luft, als Sterbende zwischen Toten kamen viele an. Nur selten wurde ein Volk so von der Mordlust befallen. Massenmorde gab es immer, doch Massenmorde so großen Stils, solche absolute Vernichtung, solche fanatische Entvölkerung hatte es vorher nur bei christlichen Conquistadoren, Dschingiskhans mongolische Horden und dem auserwählten Volk des alttestamentarischen Gottes Jahwe gegeben. Dieses teutsche Volk hätte nur sich selbst übriggelassen und sonst die Welt entvölkert. Aber der Brocken war zu groß. Großmannträume allein genügten nicht. Nicht einmal Mut und martialische Geschicklichkeit halfen am Ende, denn ihre Waffen verrosteten, verfielen und versagten und neue gab es keine, denn die Waffenschmieden und Schwertfeger konnten der Nachfrage nicht nachkommen. Die Welt siegte und wurde nicht entvölkert und auch diesem Volke geschah weiter nichts. Sie mußten schwören und das taten sie dann auch. Sie schworen, daß sie nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen würden und wenn sie es doch täten, ihre Hand verdorren möge. Mittlerweile haben sie schon wieder Waffen in der Hand. Hahaha", lachte Luz bitter, "Schwüre und leere Versprechen, wo ist da der Unterschied. Es gibt ja keinen, der das Einhalten von Schwüren erzwingen kann. - Aber wir sind schon da. Paß auf, wir landen!"

"Ja, aber hier ist ja nichts los. Alles verfallen und zugewachsen. Nur ein alter Zierrahmen: Arbeit macht frei."

"Warte, wir müssen es erst beleben. Dazu müssen wir zurück in die kurze Zeit des Tausendjährigen Reiches."

"Tausend Jahre sind kurz?" "Nein, aber die ewig währende Narrheit der Menschen bringt manchmal sehr kurzfristige Blüten hervor."

Tatsächlich gelang es dem Luz, die Zeit zurückzudrehen und den Ort zu beleben. Sie sahen die Viehwaggons vollgestopft mit Menschen, lebenden und toten, ankriechen, ihre elende Ladung ausspucken. Sie sahen all das menschliche Elend, aber Sehen und Hören ist nicht genug, selbst die Phantasie versagt das Verstehen, verweigert das Nachempfinden.

Luz und Adjuna sahen plötzlich nicht mehr nur das Elend als Außenstehende, sondern sie wurden selbst zu Elenden, ihre Körper machten dabei eine schreckliche Wandlung durch, nicht nur waren sie schwach geworden und nur noch in Lumpen gehüllt, sondern schmerzten auch überall aus Wunden, aus Erschöpfung, aus Erkrankungen, Ruhr und Lungenentzündung. Wohl neuntausend Leute waren sie, die aus überfüllten Viehwaggons stolperten und sich jetzt auf der Rampe aufstellen sollten. Schwarze Raben, die auch Menschen waren, stürzten sich willkürlich auf die Angekommenen, die wehrlos die Mißhandlungen ertrugen, wie Raben aufs Aas, Rabenaas, Rabenäser, aber einen Adler an der Mütze, als ob das adlig machte.

Wenn so ein schwarzer Rabe, um - wie er es nannte - in der Übung zu bleiben, auf einen der angekommenen Leute einschlug, zuckten auch die anderen zusammen und duckten sich vor Angst, die nächsten zu sein. Hatte der Geschlagene Familie in der Reihe stehen, versuchten die manchmal verzweifelt, ihm zu helfen, aber egal, ob sie ihn mit ihren Armen zu schützen versuchten, oder ob sie sich dem Raben zu Füßen warfen und seine schwarzen Stiefel küßten, brutal wurde auf sie eingeschlagen, meist bis sie tot waren.

Kinder schrien, Frauen zitterten. Verzweiflung, wie konnte man seine Lieben noch schützen, seine Kinder, die noch immer von den Eltern Schutz und Hilfe erwarteten und einen so hilflos anschauten. Vor wenigen Jahren nur hatte man sich ihretwegen bei Masern und andern Kinderkrankheiten große Sorgen gemacht, oder wenn sie sich beim Spiel die Nase blutig geschlagen hatten oder ein schlechtes Zeugnis nach Hause brachten, wie sinnlos erschien das jetzt, wo sie Mördern ausgesetzt waren und man selbst mit ihnen. Die meisten hatten ihre Kinder schon vorher verloren, da die Raben, um die Verzweiflung zu vergrößern, die Kinder auf andere Transporte geschickt hatten. Die Ungewißheit war genauso schlimm oder gar schlimmer, als den Verfall und Tod der eigenen Kinder mitanzusehen.

Viele Kinder, die ihre Eltern noch bei sich hatten, wurden hier auf der Rampe von ihren Eltern getrennt. Denn die Raben bildeten zwei Gruppen. Eine Gruppe für Kinder, alte Leute und Leute, die schon so zuschanden gekommen waren, daß sie nicht mehr arbeiten konnten, diese Gruppe war fürs Gas, der Rest fürs Lager. Dieser Rest sollte erst arbeiten, bevor man ihn umbrachte. Die Auslese war ziemlich willkürlich und erfolgte in Sekundenschnelle. Sie nannte sich trotzdem Selektion.

Ja, man bediente sich tatsächlich der wissenschaftlichen Sprache der Darwinisten. Aber dafür kann Darwin nichts. Er hat keine Schuld an dieser unnatürlichen Selektion, natürlich auch nicht an der natürlichen. Wenn es die Natur wirklich gibt und eine Selektion in der Natur, wenn also Selektion natürlich ist, natürliche Selektion ist genauso grausam, auch sie läßt die Mörder überleben, immer wieder die Mörder. Vielleicht findet der denkende Mensch einmal eine bessere Lösung, was man mit Mördern machen kann. - Vielleicht zum Selbstmord überreden?

Adjuna und Luz hatten nicht gedacht, daß man ihnen in ihren geschundenen Körpern noch zumuten würde zu arbeiten. Adjuna wäre gern mit der anderen Gruppe gegangen, der die Raben ein Ruhelager versprochen hatten, aber Luz, der mehr wußte, sagte, daß die direkt in den Tod gingen.

Während sie abgeführt wurden, hörte Adjuna noch, wie die Raben der anderen Gruppe riefen: "Ihr müßt zur Entlausung - duschen - und kräftig durchatmen, das stärkt die Lungen."

"Rattengift", sagte Luz, "Zyklon B, Ausströmung von Blausäure, ein schweres Gas, das besonders zur Entrattung von Schiffen verwendet wird."

Herzzerreißende Szenen um ihnen herum, viele ahnten, daß sie ihre Lieben nie wiedersehen würden, andere waren apathisch, abgestumpft für die Grausamkeit, die sie seit Jahren erlitten. Es gab auch Hoffnungsvolle, die den Raben glauben wollten, glauben mußten, denn sie hätten die Wahrheit nicht ertragen. Die Wahrheit war, daß sie vernichtet werden sollten, egal, ob gleich durch Gas oder langsam durch Unterernährung und harte Arbeit. Eine wahrlich schwer zu verkraftende Wahrheit!

Der Einhodige hatte es vor Jahren schon klar und deutlich gesagt, die Juden sind keine vollwertigen Menschen, sondern Ungeziefer, das vernichtet werden muß, fehlte ihnen auch keine Hode, so doch das Recht auf Leben. Nicht nur die braunen Horden des Einhodigen hatten damals `Hurra' geschrien, sondern der ganze deutsche Pöbel. Die, die hier waren, hatten einen langen Leidensweg hinter sich. Die aus Deutschland kamen, hatte erlebt, wie sich Tag für Tag der Haß der Deutschen auf sie steigerte. Viele waren relativ wohlhabend gewesen, durch ihr fast 2000jähriges Außenseiterdasein hatten sie gelernt, das es am besten für sie war, gebildet zu sein, nützlich zu sein, und Geld zu haben, sie waren daher Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte oder Wissenschaftler geworden oder hatten wenigstens einen kleinen Laden gehabt, viele waren auch Träger der Kultur gewesen, Schauspieler, Musiker, Opernsänger, Dirigenten, Maler. Sie alle mußten lernen, daß ihnen ihr Fleiß, ihre Friedfertigkeit, ihre Intelligenz und gesellschaftliche Stellung, ihr Ansehen und gutes Benehmen nichts nutzten, sie verloren ihre Patienten, deren Gesundheit ihnen vorher so am Herzen gelegen hatte, ihre Klienten, die sich arische Rechtsanwälte suchten, ihren wissenschaftlichen Auftrag, ihre Kunden, den Beifall, das Engagement, die Anstellung. Waren sie früher oft ins Theater, Konzert oder in die Oper gegangen, so wurde ihnen das plötzlich untersagt, weil ihre Anwesenheit angeblich die Stätte beschmutzte. Überall wurden sie als Dreck, Ungeziefer, Bazillus beschimpft, dann begannen die Gewalttätigkeiten, ungebildete Unmenschen, Untermenschen, die man glauben gemacht hatte, Übermenschen zu sein, schlugen ihnen die Scheiben ein, und wenn sie sich sehen ließen, auch das Gesicht und den Körper. Nach und nach verschwanden die Freunde und Nachbarn, jüdische Leidensgenossen. Mit Lügen und leeren Versprechungen wurde sie weggelockt, deportiert zu neuen Schikanen, aber auch mit Gewalt wurden sie ihren Lieben entrissen in nächtlichen Aktionen.

Die aus den polnischen Gettos erinnerten sich daran, wie sie eingemauert wurden und nur noch mit Passierscheinen das Getto verlassen konnten, wobei sich die Polizei einen Spaß daraus machte, sie zu schikanieren: "Ausziehen, marsch, marsch! Hinlegen, marsch, marsch! Aufstehen, marsch, marsch! In die Pfütze, marsch, marsch!" Verdreckt und gebrochen kam man dann bei seiner Arbeit im arischen Viertel der Stadt an. "Tanzen, marsch, marsch!" Die Gemeinheiten der brüllenden Horde kannten kein Ende. Der Sadismus machte selbst bei der eigenen jüdischen Polizei keinen Halt, er war ansteckend. Und Polizeijuden schlugen auf Juden. Naja, Polizisten, Handlanger aller Herrschenden, Handwerkszeugs, war immer so, wird immer so sein, trotzdem schade.

Das Essen im Getto wurde immer knapper, als die Deutschen immer mehr Juden ins Getto brachten; viele verhungerten und blieben tot auf der Straße liegen, ab und zu kamen Kraft-durch-Freude-Busse durchs Getto mit jungen Deutschen, denen gezeigt werden sollte, was für ein Dreck der Jude war. Nichts wurde ihnen davon gesagt, daß dieses Elend von Deutschen aufgezwungen war, auch wußten sie nichts davon, daß man trotz der extremen Umstände noch versuche, Kultur zu pflegen, Schulen unterhielt, Konzerte veranstaltete und Theater-, ja sogar Kabarettaufführungen, außerdem die Tradition ehrte, die Thora las, den Talmud auslegte, die alten Feste feierte: Seder, das Laubhüttenfest, das Purimfest zur Erinnerung an die Abwendung eines persischen Judenpogroms durch Esther und zu Hanukkah den Sieg der Makkabäer über Antiochus.

Dann begannen die Abtransporte, angeblich zu Arbeitslagern, gute Luft, viel zu essen. 6000 pro Tag von Warschau. Man hatte Gerüchte gehört vom Massenmord in Babi Yar, der Großmutter-Schlucht außerhalb von Kiew, wo 100 000 Juden ihr eigenes Grab schaufeln mußten, bevor in Schnaps getränkte Übermenschen sie mit dem Maschinengewehr niedermachten und von ähnlichen Vorkommnissen in Wilna, Riga, Kowno, Kovel, Kobrin, Kertsch, Charkow, Minsk, Pinsk, Pjatigorsk, Lodz, Dubno, Dwinsk, Rowno und Simferopol auf der Krim, aber die meisten hatten sich geweigert, diese Greuel zu glauben. Man hatte auch Gerüchte gehört, von Gaskammern und Verbrennungsöfen, ja sogar Drohungen: "Wenn du nicht parierst, dann kommst du nach Auschwitz und dann geht's ab durch den Schornstein." Jetzt sah man die Schornsteine, und von wegen frische Luft, es stank nach verbranntem Protein. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich.

Denkfaule Menschen denken gern schwarzweiß. Die Massen sind immer denkfaul, und der Nationalsozialismus, als reine Massenbewegung, purer als alles Dagewesene, dachte auch schwarzweißer als alles Dagewesene: Der Arier weiß und gut, der Jude schwarz und schlecht. Sind die Juden auch immer schlecht, die Arier lassen sich noch einmal schwarzweiß unterteilen, in die schlechten Arier, nämlich alle Nicht-Nazis und die guten, die Nazis, bekanntlich auch die Braunen genannt, und die besten der besten, die schwarze SS, die Raben.

Im KZ wurde in Farbe schwarzweiß gedacht. Farbige Dreiecke auf der Kleidung machte es möglich: Grün - gemeiner Verbrecher, rot - politischer Gefangener, purpur - Zeuge Jehowas, rosa - Homosexuelle, braun - Zigeuner, schwarz - Bettler und Herumtreiber.

Für denkfaule Menschen bedeuten solche Farben eine unheimliche Erleichterung. Hirn- und charakterlos ist es ohnehin schwer, den Charakter eines Menschen zu beurteilen.

Wie lebte man nun in diesen Lagern? Luz und Adjuna sollten es bald merken. Zu fünft in einer Reihe mußten sie von der Rampe Birkenau ins vier Kilometer entfernte Lager marschieren. Der eklige Geruch aus den Essen der Krematorien und die Angst und grausame Ungewißheit begleitete sie.

Im Lager angekommen wurden sie auf Wertgegenstände gefilzt. Die Raben freuten sich über gefundene Füllfederhalter, Schmuckstücke oder Devisen. Wer nichts hatte, riskierte zusammengeschlagen zu werden. Dann wurde ihnen eine Nummer auf den Arm tätowiert und der Kopf geschoren.

Beim Betreten der Lagerbaracke wurde den Neuankömmlingen vom Blockältesten mit einem Knüppel eins übergezogen, dann drückte ihnen ein anderer Häftling einen weichen Semmel in die Hand und sie mußten sich in der überfüllten Baracke eine Koje suchen. Luz und Adjuna hatten Glück, sie fanden zwei Kojen, die neben einander lagen und in denen erst jeweils einer lag, der dann ein bißchen rüber rückte. Der in der einen Koje war ganz mager, fast nur noch ein Skelett. "Ein Muselmann", sagte Adjunas Kojennachbar. "Ein Muselmann? Ich wußte nicht, daß man auch Moslems hierher bringt." "Er ist auch kein Moslem, sondern Jude, wie die meisten hier. Wir nennen diese halbtoten Skelette nur Muselmänner, weil sie so zusammengekauert unter ihren Wolldecken wie betende Muselmänner aussehen. So sehen die meisten schon nach zwei Monaten hier aus."

"Der mit dem Knüppel am Eingang, der war doch auch ein Gefangener. Warum tut der so was?" "Warum tut der so etwas? Das ist ein Grüner. Hast du sein grünes Dreieck an der Brust gesehen. Das bedeutet, daß er ein Verbrecher ist. Er hat also viel mit den Nazis gemeinsam. Überall werden die hier als Blockälteste, Kapos und sonstige Handlanger der Aufseher eingesetzt. Die leben hier besser als draußen. Die haben nicht nur genug zu essen und zu trinken - und wenn ich trinken sage, dann meine ich Bier, Wein und sogar ab und zu mal Champagner - sondern lassen sich auch jeden Tag von anderen Häftlingen rasieren und massieren, ja sogar ankleiden. Und wenn sie jemanden zusammenschlagen wollen, schlagen sie ihn zusammen. Draußen würden sie dafür bestraft, aber hier lachen die Raben nur darüber, wenn sie es sehen. Während um sie herum alles stirbt und hungert, haben die alles: Swimming pool, Bordell, sogar Theateraufführungen, dafür wird dann eine Baracke leergeprügelt. Die Insassen können dann draußen in der Kälte warten, bis die Vorstellung zu Ende ist." Ein anderer Häftling zynisch: "Ja, es gibt ein Paradies, wer hätte das gedacht, zwar keins auf Erden und auch keins im Himmel, aber eins im KZ, wenn auch nicht für jeden, so doch wenigstens für den Abschaum der Menschheit." "Ja, das Paradies von de Sade, Sodom, hier wurde es wahr, mehr als wahr." Adjuna: "Ihr habt rote Dreiecke, wer seid ihr?" Wir sind das Gegenteil der Grünen, politische Gefangene. "Unser Engagement für eine bessere Welt hat uns hierher gebracht. Schon seit Jahren haben wir in Gefängnissen und in Lagern gelebt." "Vorsicht der Be-Vauer kommt!" "Be-Vauer?" "Ja, Berufsverbrecher."

Plötzlich fing der Lagerälteste anzuschreien: "Alles raus, antreten, marsch, marsch!" "Selektion. Die Gaskammern sind nicht ausgelastet", flüsterte der eine Politische.

Als alle wieder zurück in der Baracke waren, meinte der eine Rote zu Adjunas Freund: "Du hast doppeltes Glück gehabt. Einmal, weil die nicht gemerkt haben, daß du humpelst, und zum anderen, weil du deinen Bettnachbarn jetzt los bist." Luz antwortete wortkarg mit "Ja". War es, daß ihm, der Inkarnation alles Bösen, die Seite der Opfer nicht gefiel?

Die Politischen erzählten weiter von den Gaskammern und der Ausrottungspolitik des Einhodigen. Adjunas Bettnachbar protestierte: "Das sind Schauermärchen. Die kommen in ein Ruhelager." Aber die Politischen spotteten: "Der hat Familie und ein Häuschen am Stadtrand - gehabt. Der träumt immer davon, daß wenn er lieb ist, die Nazis auch lieb sind und ihn wieder zurücklassen, oder ihm wenigstens im Osten ein Ländchen erobern, ein Ländchen ganz für Juden, wo er sich wieder ein Häuschen bauen kann,..." "Mit Gärtchen." "...in dem er dann wieder mit seiner Familie wohnt."

"Fünf Kinder hab' ich. Alle waren sie die besten in der Schule. Ich bin ja nur einfacher Schuster. Meine beiden Ältesten sind sogar auf der Oberschule. Studieren wollen sie. Der eine will Arzt werden, der andere Rechtsanwalt." "Laß dir von dem mal die Familienfotos zeigen. Dann verstehst du, warum er träumen muß. Warum die alle hier träumen. Warum die vor der Wahrheit die Augen schließen und nicht kämpfen, nicht wenigstens ein paar von denen totschlagen. Die Gedanken an die Familie rauben ihnen jede Kraft."

Tatsächlich fing der Schuster an, seine Fotos unter der Matraze hervorzukramen. "Das ist meine Frau Sara." Obwohl das dicke Bäuerinnengesicht keine Ähnlichkeit mit Adjunas Adoptivmutter hatte, der Name genügte, um Adjuna einen Kloß im Hals zu geben: Wie leichtsinnig hatte er sie damals verlassen, sie, die ihn so liebevoll großgezogen hatte. Das nächste Foto: Die gleiche dicke Frau mit einem Baby auf dem Arm. Ja, am Busen der Mutter ist die Welt heil, dachte Adjuna, die Ungeheuerlichkeiten beginnen, wenn man mehr wahrzunehmen beginnt als den Busen der Mutter und man selbst mehr tut, als mit tollpatschigen Händen den Busen der Mutter zu betatschen. "Mein Ältester, als er klein war", sagte der Schuster, "Hier auf dem Foto sind wir alle zusammen. Mich haben sie ja zuerst verschickt. Da weiß ich gar nicht, was aus denen geworden ist. Hier stehen wir vor unserem Häuschen. Eine Woche später haben die uns abgeholt und ins Getto gebracht. Hier sind noch andere Bilder von unserem Haus." Langsam entstand vor Adjuna das Leben eines einfachen Mannes, der weder die Welt erobern wollte, noch was von großer Politik verstand, sondern nur sein kleines Glück leben wollte und immer hoffte, daß die böse Welt an seinem Gartenzaun haltmache. "Das ist meine Tochter beim Springtauspringen." "Oh, was für ein hübsches Kind!" rief Adjuna begeistert aus, und um es noch mehr zu betonen: "In zehn Jahren werde ich um ihre Hand anhalten." "Die Deutschen haben sie erschossen. Sie war acht. Sie hat Lebensmittel ins Getto geschmuggelt, wie die anderen Kinder auch. Wir hatten ja sonst nichts. Da haben sie sie erwischt und erschossen. Ganz tot. Ihrer Freundin haben sie nur die Beine zerschossen, damit sie nicht wieder schmuggeln kann, aber sie haben sie ganz totgeschossen", sagte er jetzt unter heftigem Schluchzen. "Oft sehe ich sie vor mir - vor dem Schlafengehen - da sehe ich sie - auf dem Bett - auf dem weißen Kopfkissen - da hab ich mich immer über sie gebeugt und einen Kuß gegeben - manchmal auch mehr - und am Bett gesessen und eine Geschichte vorgelesen - manchmal auch zwei oder drei, sie hörte ja

so gerne zu - manchmal schlief sie dabei ein - wie ein Engel sah sie dann aus." Er weinte jetzt mit heller Stimme. "Was kann sie denn dafür - Weltherrschaft der Juden - was kann ich dafür. Ich bin nur ein Schuster. Ich hab immer nur Schuhe geflickt", schrie er jetzt.

Der Blockälteste kam mit Knüppel angelaufen und schlug auf ihn ein und schrie: "Halt die Schnauze, willst du wohl die Schnauze halten!" Die Politischen gaben sich sofort alle Mühe, ihn zu beruhigen: "Er hat sich an seine Tochter erinnert. Da ist er ganz traurig geworden." Der Blockälteste ließ tatsächlich von dem Schuster ab. Im Weggehen meinte er noch: "Mach das nicht noch einmal, sonst hau ich dich grün und blau."

Schweigen. Betroffenheit. Keiner hatte mehr Lust, etwas zu sagen.

In der Nacht, während alle schliefen, schlich Adjuna zu Luz und weckte ihn: "Du, Luz, wie kommen wir hier wieder raus." "Ich weiß nicht. Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich bin Mensch geworden."

"Es mag ja schrecklich sein, wenn ein Gott Mensch wird, aber für den Teufel..." "Ich weiß. Das Schreckliche ist ja auch nur, daß wir aus dieser Hölle nicht wieder rauskommen. Aus dieser von Menschen geschaffenen Hölle, wohlgemerkt."

Am nächsten Morgen. Die Politischen gaben Adjuna den Rat: "Gleich werdet ihr für die Arbeit eingeteilt. Sag, daß du Chemiker bist, dann kommst du zu uns ins Labor. Wir können da noch jemanden gebrauchen. Da können wir dir auch noch was Extras zu essen besorgen. Wenn du draußen arbeitest, dann mußt du jeden Tag durch die Selektion. Da kann es jeder Zeit passieren, daß die dich ins Gas schicken." "Habt ihr auch irgendwas für meinen Freund Luz?" "Nein", sie schüttelten mit dem Kopf. Es war offensichtlich, daß sie den Luz nicht mochten. Er war zu wortkarg, keine freundliche Miene, lachte nie, auch seine Gebrechlichkeit mochte zu ihrer Antipathie beitragen. Wurden nicht gerade in ganz Europa die Juden gebrechlich gemacht, damit man sie leichter hassen und vernichten konnte? Es ist schwer, einen Menschen noch zu mögen, wenn er unansehlich geworden ist.

Es klappte! Die Lüge wurde geglaubt und Adjuna kam ins Labor. Die beiden Politischen erklärten ihm alles, die Versuche, die sie für die SS machten, wissenschaftliche Arbeit, mit der sich die SS nachher brüsten wollte, und sie erklärten ihm auch, daß das Wichtigste am ganzen Tag die Abnahme kurz vor Feierabend war. Dann nämlich mußte alles blitzblank geputzt sein und ordentlich zurückgestellt worden sein, sonst würde man ganz furchtbar verprügelt. Sie warnten ihn aber auch, daß er nicht zimperlich sein dürfe, wenn mal mit Menschen Versuche gemacht würden. "Die sterben sowieso alle. Man tut, was man kann. Manchmal kann man einen Versuch sabotieren und jemandem Sterbehilfe geben. Das ist oft besser, als wenn der sich noch lange als Versuchskaninchen quälen muß. Manchmal kann man auch mal jemanden retten."

Adjuna wurde hauptsächlich als Laufjunge eingesetzt. Er mußte Medikamente ins Krankenhaus bringen, Chemikalien und wer weiß was für ein Teufelszeug aus dem Lager holen und in andere Labors bringen. Am schlimmsten war das Labor, wo er zusammengenähte Zwillinge in Käfigen gesehen hatte. Sein angenehmster Botengang hatte ihn ins Bordell geführt, wo er Penicillin hatte abliefern müssen. "Wenn die Blockältesten da Bockspringen machen, lassen sie sich zur Prophylaxe eine Spritze verpassen", hatten die Politischen gesagt. Daß es seine Aufgabe sein sollte, da täglich den Impfstoff abzuliefern, war ihm recht. Die Politischen gingen da offensichtlich nicht gern hin. Dabei empfangen die Huren einen so nett. Adjuna hatte bei ihnen einen Apfel bekommen und unter Anzüglichkeiten und Gekicher hatten sie ihm auch eine dicke, fette Wurst in ein aufgeschnittenes Brötchen gelegt. "Symbolik, Symbolik", hatten sie gegackert. Als er gemeint hatte, hier sei wohl der einzige fröhliche Ort im ganzen Lager, waren sie ernst geworden und hatten gesagt, daß einige der Männer sehr brutal seien: Die können nicht lieben.

Abends im Lager sah Adjuna Luz und den Schuster wieder. Beide sahen furchtbar aus und bluteten heftig. Adjuna dachte, sie hätten einen Unfall gehabt, aber sie hatten Pech gehabt und einen besonders brutalen Aufseher gekriegt. Der Schuster jammerte: "Ich hab mir doch alle Mühe gegeben. Warum hat er mich so geschlagen? Ich kann ja morgen gar nicht mehr arbeiten." Man sah die Todesangst in seinem Gesicht.

Luz sagte, daß der Aufseher ihm das Humpeln abgewöhnen wollte und immer schrie: `Geh ordentlich, geh ordentlich. Ich werd dir Beine machen', während er auf ihn eindrosch.

Tagein tagaus verfielen Luz und der Schuster mehr. Tagein tagaus starben Leute, wurden Leute abgeführt, verschickt zur Kur, oder hingerichtet vor allen Leuten. Bei all dem Kummer fragt man sich, warum? Was für schreckliche Verbrechen hatten all diese Leute begangen? Adjuna wollte die Antwort von Luz wissen. Aber der versicherte ihm, daß diese Leute alle gar nichts Böses getan hatten, sondern daß diese Leute alle nur wegen einer Idee, mit der ein Einhodiger die Deutschen infiziert hatte, starben. "Die Deutschen halten den Einhodigen für einen von Gott gesandten Erlöser. Sie glauben an die Überlegenheit der nordischen Rasse, und daß die Juden, mit denen sie seit Generationen zusammen gelebt haben, die Reinheit ihrer Rasse beschmutzen, nach der Weltherrschaft streben, den Weltkrieg, der mit dem deutschen Überfall auf Polen begann, verschuldet haben, widerliche Kapitalisten und widerliche Kommunisten zugleich sind, außerdem Liberale, Humanisten, Perverse, Sadisten, brutal und feige." "Das kann doch nicht sein. Das ist doch alles nur ein Trugbild, das du geschaffen hast." "Es ist leider alles Wirklichkeit, wirkliches Leiden."

Luz sollte in Zukunft noch mehr leiden. Seine Wunden entzündeten sich und er bekam hohen Fieber. Adjuna, der gesehen hatte, wie das ganze Lazarett ausgeräumt und ins Gas geschickt worden war, und der außerdem Zeuge von Menschenversuchen gewesen war, riet Luz davon ab, ärztliche Hilfe zu suchen. Was sollte Luz machen, außer sich zur Arbeit zu quälen, die Schinderei ertragen und auf das Wunder hoffen, daß die Entzündung von selbst heilt?

Zum Glück hat die Menschheit nicht nur Verbrecher, Cäsaren und Religionsstifter hervorgebracht, die alle so eifrig das Elend der Menschen vermehrten und eine lange Blutspur hinterließen, sondern auch Leute, denen es gelang, das schwere Los der Menschen zu erleichtern. Die Welt wäre glücklicher dran, hätte sie nie Zoroaster, Buddha, Moses, Jesus, Mohammed, Joseph Smith und all die anderen falschen Erlöser hervorgebracht, auch auf Helden wie Alexander den Mazedonier, Caesar, Konstantin, Charlemagne, Chlodwig, Napoleon und Hitler hätte sie besser verzichtet, statt dessen hätte sie mehr richtige Erlöser wie Alexander Fleming, den Entdecker des Penicillins, hervorbringen sollen. Wirkliche Leiden erfordern wirkliche Erlöser und wirkliches Können. Penicillin half unendlich vielen Menschen, die sonst an bakteriellen Entzündungen elend gestorben wären. Was dagegen ist das Christentum? Ein fauler Jenseitszauber, der ein übles Diesseits schuf.

Adjuna zweigte ein paar Penicillin-Spritzen von der Bordellhauslieferung ab und verpaßte sie seinem Freund Luz, so daß das Unwunder, das Zwangsläufige geschah und Luzs Entzündung heilte.

Luz war zwar froh, kein Fieber mehr zu haben, aber zum wirklich Frohsein hatte ein normaler KZ-Insasse wie er natürlich keinen Grund: "Was für einen Sinn hat das Leben hier noch? Es gibt überhaupt keine Hoffnung, keiner entkommt, keiner wird entlassen. Das Leben ist nur noch ein langer Leidensweg in den Tod." Da widersprach der eine Rote: "Doch, es gibt eine große Hoffnung. Die deutschen Armeen wurden von den Russen besiegt. Jeden Tag kommen die Russen näher. Wenn wir Glück haben, werden wir bald von den Russen befreit."

Plötzlich hörten sie ein schreckliches Geschrei und Gejammer aus einer Nachbarbaracke. Alle hielten die Luft an. Bloß keinen Laut, damit die Raben nicht auch noch diese Baracke stürmten. Durchs kleine Fenster sahen sie, wie die Raben die Bewohner aus der Baracke zerrten, andere versuchten zu fliehen. Es war eine Blutorgie mit Totstechen und Erschlagen. "Die rächen sich für irgendeinen Sieg der Russen." "Hoffentlich siegen die Russen nicht wieder", keuchte der Familienvater unter seiner Wolldecke. Er hatte die letzte Phase der Lebenden erreicht. Sein Fettgewebe war schon lange aufgebraucht, jetzt trat der Muskelschwund sein tägliches Zerstörungswerk, um den Körper am Leben zu erhalten. Sein Herz schlug nicht mehr, es zitterte, oszillierte. Am Tage gelang es ihm noch irgendwie aufzustehen und zur Baustelle zu gehen. Dort stand er dann den ganzen Tag irgendwie rum, meist gestützt oder angelehnt. Der Aufseher schlug ihn komischerweise nicht mehr, wahrscheinlich, um ihn nicht zu töten und seinem Elend ein Ende zu machen. Er hielt jetzt immer seine Familienphotos in der Hand, selbst draußen bei der Arbeit. Sein letzter Halt. Sein letzter... Gibt es dafür überhaupt noch ein Wort? Hat sich die Menschheit jemals vorgestellt, daß ein Mensch soviel Verlassenheit ertragen muß, eine so große Entfernung von allem Schönen, und dabei vergilbte Photos einer glücklichen Zeit in den Händen hält?

Plötzlich ging die Barackentür auf. Ein paar Raben kamen rein: "Na, ihr Duckmäuser! Mucksmäuschenstill. Ihr kommt als nächstes dran." Sie gingen ein bißchen in die Baracke. "Da ein Muselmann. Dem puste ich das Licht mit der bloßen Hand aus." Nicht nur die schwarze Uniform der Raben war blutig, sondern auch ihr Durst. Sie schlugen auf einige Muselmänner, die tatsächlich nach nur einem Schlag leblos liegen blieben. Wer noch die Arme zum Schutz hochziehen konnte, hatte Pech, denn das machte die Raben so wütend, daß sie den Armen an seinem Arm aus der Koje rissen und mit ihm machten, was sie `dem Geflügel die Flügel stutzen' nannten, nämlich den-Arm-mit-Gewalt-nach-hinten-Reißen, dabei traten sie mit ihren Stiefeln unter die Achseln oder auf die Schulterblätter. Mit ausgekugelten oder gebrochenen Armen ließen sie ihre Opfer dann liegen. Als der eine den Schuster sah und ihm die Wolldecke wegriß, fielen seine Photos auf die Matraze. In großer Verzweiflung und mit zittrigen Händen wollte er sie wieder aufheben, aber der SS-Mann hatte sie schon in der Hand. "Das ist also deine Drecksfamilie. Deine alte Hure sieht ja aus wie ne Kuh. Ist wahrscheinlich jetzt schon vergast." Der Schuster jammerte: "Bitte, bitte", aber der Rabe blieb hart: "Konfisziert als Brennmaterial". Im Weggehen gab er noch Anordnungen: "Schmeißt alle Leichen draußen auf den Misthaufen."

Andere Raben sangen: "Obladie, oblada, Schnaps ist gut gegen Cholera..." Ihr Gegröle verlor sich langsam in der Ferne und das Gewimmer der unmittelbaren Umgebung wurde lauter.

Als er weg war, machten sich Adjuna und die Politischen sogleich daran, ausgekugelte Arme wieder einzukugeln und Wunden so gut es ging zu verbinden. Danach konnten sie lange nicht schlafen, das Gejammer in der Baracke war an diesem Abend besonders groß, besonders laut war auch der Schuster, Adjunas Bettnachbar. Aber irgendwann in der Nacht wurde er ganz still. Adjuna merkte, daß er tot war. Er stand auf, nahm den Toten auf seinen Arm und trug ihn raus zu den anderen. "Mein Freund, es tut mir leid, daß du in deinen letzten Stunden noch so leiden mußtest. Aber jetzt ist alles überstanden, jetzt kann man dir nicht mehr wehtun."

Am nächsten Tag gelang es Adjuna sogar trotz nachlassender Kräfte, ein bißchen Rache zu nehmen. Das kam so. Er hatte gehört, daß einige Gefangene mit einer Lösung Typhus-Rickettsien geimpft werden sollten, vielleicht um den Verlauf des Fleckfiebers zu studieren, aber wahrscheinlich um die Zahl der Lagerinsassen schneller zu reduzieren, denn der Verlauf der Krankheit war bekannt: Verdauungsstörung, Bauchweh, Durchfall, hohes Fieber, Bewußtseinsbeeinträchtigung, rote Flecken, bei schlechter Pflege Tod.

Da Adjuna ja jeden Tag den Impfstoff für die Syphilis- und Tripperprophylaxe zum Bordell brachte, das nur von der Prominenz frequentiert wurde, allesamt Verbrecher, Raben und B-Vauer, Reichsdeutsche, arische Arschlöcher, die da gerne einen Knüppel reinsteckten, vertrauliche Hurenmeldung, kam ihm der Gedanke, Typhus-Erreger und Penicillin zu vertauschen. Er hatte da gar keine Bedenken. Zwar hatte er unter den Mithäftlingen viele schwarze Scharfe gesehen, aber weiße Raben waren ihm unbekannt. Er rieb sich die Hände, wenn er daran dachte, wie sich die geilen Böcke beim Sani anstellten, um ihrer Devise zufolge, lieber einen Schuß mehr als einen zu wenig, sich eine Mega-Dosis Penicillin verpassen zu lassen, aber eine Mega-Dosis Typhus bekamen. Das dürften nette Studienobjekte werden mit Gonokokken, Syphilis und Typhus. Eins ist sicher, Penicillin schützt nur hundertprozentig, wenn man es auch bekommt.

Wir erinnern uns, wie Adjuna aus der Vulva seiner Mutter Sramania plumpste, landete er nicht im weichen Bett, sondern in karger Wüsten- und Felsenlandschaft. Wir haben ihn als Wanderer kennengelernt: Mal quälte er sich mühsam durch den Staub, mal kam er leichtfüßig des Weges einherspaziert. Dann wieder war er ein Springball, nicht, daß seine gewaltigen Muskelpakete ihn vom Erdboden abprallen ließen, oder er gar selbst sprang, oder irgendeine Kontrolle hätte, etwa wie Engel, die mit ihren Schwanzflügeln den Kurs steuern können, sondern es war ein unkontrollierbares Schicksal, etwas Unberechenbares, das ihn springen ließ, willkürliche Würfe vielleicht der Götter, die mit ihm Würfel spielten, vielleicht wollten sie ihn auch mit der Nase auf etwas stoßen, vielleicht war es auch nichts.

Sicher ist nur, daß er, der fähigste und stärkste unter den Menschen, immer wieder die Orientierung verlor.

Die KZ-Wächter wußten, wo's lang ging, wenn sie ihr `Marsch, marsch!' brüllten, ja, selbst noch, wenn sie ihre großzügigen Schnapsrationen bis zum letzten Tropfen ausgekostet hatten. Adjuna dagegen verstand nichts. Er wußte, in seinem vorherigen Leben hatten er und seine Brüder die Kauravas getötet, aber im Kampf: Wer unbewaffnet war oder die Waffe niederlegte, war sicher. Auch von hinten wurde nicht angegriffen, ebensowenig, wer verwundet war oder schlief oder gerade mit jemand anders kämpfte. Arier waren sie gewesen, richtig, aber sie hatten nichts gewußt von blassen Verwandten im fernen Norden.

Luz war ziemlich am Ende und konnte ihm nicht mehr antworten, selbst wenn er auf ihn eindrang, vielleicht wollte er auch nicht. Er erschien seltsam verstört.

Da blieben nur noch die Politischen, Künstler im Überleben und - was gar nicht leicht war - im gleichzeitigen Anständigbleiben.

Auch sie waren müde. Auf seine Fragen und Bitten um eine Erklärung, sagten sie ihm, daß sie Zugang zur Bücherei hätten und ihm Informationen, Magazine und andere Schriften besorgen wollten, sowie das heilige Buch der Nazis, Adolf Hitlers `Mein Kampf': "Da kannst du solche Sachen lesen wie `Was nicht gute Rasse ist auf dieser Welt, ist Spreu.' Und mit guter Rasse meint er die Deutschen, hauptsächlich aber Leute wie die Raben, besoffene Sadisten, Massenmörder."

Am nächsten Abend gaben ihm die Politischen tatsächlich das versprochene Buch. Auch Luz reichten sie ein Buch: "Kannst du lesen?" "Ja, natürlich, ich habe sogar das Schreiben erfunden", sagte Luz mit einer fernen Stimme, wie aus einer anderen Welt. "Hier hast du was zu lesen", sagte der Politische, aber er dachte: `Verrückter Kerl'.

Als ob er es zu beweisen hätte, daß er lesen könne, fing Luz an, laut zu lesen. Zunächst den Titel des kleinen Buches: "Kämpfende Wissenschaft", dann öffnete er das Buch ganz willkürlich und las "Die Griechlein" mit unsicherer Stimme wie ein Schüler vorm Lehrer und weiter: "Der Intellektuelle ist das Gegenteil des geistig Schaffenden. Der Schaffende produziert Werte. Der Intellektuelle definiert die von anderen produzierten Werte. Der Intellektuelle ist der Kluge, der Gebildete, aber auch der Charakterlose, der Persönlichkeitslose. Der größte Feind des Schöpfers ist nicht der Primitive. Denn sein Instikt kann mitunter die Größe leichter erfassen, als alle Klugheit des Klugen. Der größte Feind der Schöpfung ist immer der Kluge. Aha", kommentierte Luz gleich das Gelesene, "die wollen Dumme, wie alle Religionsschöpfer. Schon Jesus sagte bei seiner Bergpredigt: `Selig sind die Dummen.' Und der alte Jahwe verjagte Adam und Eva, weil sie Wissen wollten. Ist doch erstaunlich, wie wenig sich eigentlich geändert hat." Dann las er weiter: "In der antiken Welt nannte man diese Art von Menschen Graeculi, die Griechlein. Das waren jene Nachfahren der alten stolzen Hellenen, die sich mit dem Sturz ihres Volkes abgefunden hatten und nun als Schulmeister und Literaten im Dienst der siegreichen Macht Roms standen. Sie waren die geschmeidigen Höflinge jedes Erfolges. Und da die Römer harte Krieger waren, fremd den literarischen Künsten und Wissenschaften, so beugten sie sich im Geistigen langsam diesen Besiegten. Das besiegte Griechenland überwand den wilden Sieger. Die nationalsozialistische Bewegung hat in den rauhen Jahren ihres Kampfes die uneingeschränkte Verachtung der in Deutschland behausten Griechlein genossen. Sie war den Griechlein zu ungeistig. Aber das wurde sofort anders, als der Nationalsozialismus siegte; es war, als ob dem Siege eine vergeistigende Macht innewohne. Von allen Seiten kamen nun die Griechlein, klug und gebildet und charakterlos, grüßten bieder `mit deutschem Gruß' und erboten sich, den nationalsozialistischen Sieg `geistig zu unterbauen'. Und es geschah mitunter, daß die Griechlein über den Festungsgraben, der sie vom Nationalsozialismus trennte, eine Brücke warfen. Es war die Eselsbrücke der patriotischen Tendenz. Auf diese Brücke lockten sie die redlichsten der Spartakus-Leute, fesselten sie und drangen in die Festung ein. Die teutonischen Bärenfellträger, denen also das Fell über die Ohren gezogen wurde, sahen in ihrer Einfalt nur das eine: Daß jene Griechlein geistreich das bewiesen, was sie, die Teutonen, gerade bewiesen haben wollten, aber mangels intellektueller Mittel nicht selbst beweisen konnten. Sie sahen nicht, daß dieselben Griechlein, die nun mit Geist und Witz den nationalsozialistischen Sieg analysierten und nachträglich geistig ratifizierten, genau so geistreich und witzig den Sieg der Gegner des Nationalsozialsismus analysiert hätten und genau so geistreich und witzig einen neuen Sieger analysieren würden, der morgen über den Nationalsozialismus triumphieren könnte. Die echte `geistige Unterbauung' des Nationalsozialismus kann nur von denen kommen, die um diese Unterbauung schon in den langen Jahren des Kampfes und der Verfolgung gerungen und sich gemüht haben. Jene Unterbauung aber, die uns die Griechlein anpreisen, würde nichts sein als eine Unterminierung. Sie würde dem Rohrstab Egypti gleichen, der dem, der sich darauf stützen wollte, durch die Hand fuhr. Darum tut es not, in dieser Stunde dem Ansturm der Griechlein ein Halt zu gebieten. Über der Truppe, die diesem Ansturm entgegengestellt werden soll, müssen wir das unversöhnliche Wort des Alten Testaments aufrichten: `Vergiß nicht, was dir Amalek getan!' Vergeßt nicht, daß Rom ertrank unter den Wogen der Griechlein. Und wenn sich deshalb heute die Griechlein in dichten Schwärmen den Laufgräben eurer Festung nähern, wenn sie euch zuwinken: `Kameraden! Freunde! Nicht schießen!', dann antwortet ihnen rechtzeitig mit dem Kommando: `Achtung - Feuer!'"1

Da keiner den Luz für sein gutes Vorlesen lobte und auch niemand sonst was sagte, fühlte Luz sich verpflichtet, das Gelesene selbst zu kommentieren: "Opportunisten sind das Zweitschlechteste, was bei der Evolution überlebt, nur der Mörder ist schlechter und erfolgreicher."

1 Artikel von Prof. Dr. Walter Frank in `Kämpfende Wissenschaft', Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg, S. 30-32, nachgedruckt in Lon Poliakov/Joseph Wolf `Das Dritte Reich und seine Denker', S.51f.


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