Als Adjuna am nächsten Tag den Politischen das Buch zurückgab, fragten sie ihn: "Na, was sagst du dazu?" "Ich frage mich, ob nicht alles anders wäre, wenn dieser Hinterwäldler und Voralpenländer zwei Eier hätte. Der Mangel an Hoden wurde durch ein Über an Haß kompensiert, aber dieser Mensch hat zweifellos extreme Erfahrungen hinter sich, daß er zu so einer extremen Meinung kommt. Daß ein einzelner Mensch durch ein oder mehrere außergewöhnliche, persönliche Schicksalschläge und durch subjektive Erkenntnisse sowie angeborene Veranlagungen zu Rassismus und auf Mordideen kommt, ist akzeptierbar und bei der großen Zahl der Menschen verständlich, die große Zahl birgt ja noch größere Überraschungen, bringt sogar zweiköpfige Wesen hervor, zwölf Finger, drei Beine, einer von tausend hat eine Hasenscharte, drei von tausend einen Wasserkopf, einer von zwanzigtausend ist ein Albino und unter einer Million Menschen ist vielleicht einer ein Gigant, ein anderer ein Zwerg und ein dritter ein Genie, den idealen Menschen werden wir allerdings vergeblich auf dieser Welt suchen. Was uns schockieren sollte, ist nicht Hitler, sondern sind die Massen. Durch ihr Zujubeln und Heil-Rufen haben die Massen die Gefährlichkeit ihrer Dummheit bewiesen und eine gefährliche Unselbständigkeit. `Führer befiehl, wir folgen!' Sind das Menschen oder Herdenviecher, Lämmer, die einen Leithammel brauchen? Wollen wir hoffen, daß zukünftige Führer sie gleich zur Klippe führen, ohne langwierige Umwege über KZs, Kriege und andere Quälereien."
Der eine Politische meinte: "Die meisten Leute sind feige und dumm. Daß die meisten Juden die schlimmsten Schikanen bis hin zum langsamen Tod widerspruchslos ertragen, ist ein gutes Beispiel dafür. Aber nicht nur die Juden sind so, alle sind so. Daß die Deutschen bis weit nach Rußland rennen, um sich umbringen zu lassen, ist nicht Mut, sondern Feigheit. Nämlich die Feigheit `Nein!' zu sagen." "Und all das Hurra-Schreien und Heil Hitler?" "Das ist nur, um sich selbst was vorzumachen. So braucht man sich die eigene Feigheit nicht einzugestehen. Ein alter Trick: Man tut so, als ob man das Erzwungene will." "Da steckt mehr hinter. Habt ihr den Einhodigen gesehen oder den Klumpfüßigen?" Alles sah zu Luz, der auch aufhorchte, aber der Politische meinte Goebbels: "Oder Göring, der nicht mal seine Frau besamen kann, sondern zur Besamung einen Arzt bemühen muß? So sehen doch keine deutschen Recken aus. Das sind teuflische Dämone, Anti-Christen. Die haben das Volk hypnotisiert."
Es stellte sich heraus, daß der eine Politische aus dem christlichen Lager kam. Der andere widersprach denn auch: "Religion hat nichts damit zu tun." Jetzt widersprach aber ein älterer Jude, der bisher noch nichts gesagt hatte: "Das Christentum hat schuld. Im Johannesevangelium steht, daß wir vom Teufel abstammen1. Und aufgrund von Greuelmärchen wie Brunnenvergiften und Ritualmorde hat man uns über ein Jahrtausend verfolgt. Und Martin Luthers Buch gegen die Juden ist schlimmer als Hitlers Buch. Bei Martin Luther kotzen und scheißen Juden und Teufel sich zur gegenseitigen Erbauung ins Maul. Das kam damals gut an und führte genauso zu Pogrome wie die Hetze in der heutigen Zeit. Daß im Zuge der Aufklärung bürgerliche Rechte auch für uns galten, neidete man uns, deshalb stürzte man sich auf die absurde Rassenlehre des Einhodigen. Daß wir nicht zur menschlichen Gesellschaft gehören, ist eine Erinnerung ans Christentum."
1 Johannes 8:44
Luz raffte sich auf, um etwas zu sagen. Unter großen Anstrengungen quälte er seine Rede hervor: "Die Dummheit und Feigheit der Menschen ist unbedeutend verglichen mit ihrer Blutrünstigkeit. Mordgier zieht die Leute zum Einhodigen, wie Scheiße Fliegen anzieht, und es ist die Freude am Blut, die sie `Hurra!' schreien läßt, wenn der Klumpfüßige den totalen Krieg fordert. Ein kleiner, lächerlicher Grund und schon werden die Massen zu Mördern. Das ist nicht erst jetzt so. Hitler hatte viele Vorgänger. Saul schon kämpfte gegen alle seine Feinde, das heißt gegen die Stämme, die er sich zum Feind gemacht hatte, gegen Moabiter, Ammoniter, Edomiter, gegen die Könige Zobas, die Philister und Amalekiter, und rottete sie wenn möglich einschließlich Frau und Kinder aus. Es bedurfte nur eines Wörtchens von Jahwe. Aber glaubt nicht, daß Saul oder Samuel oder David, der die Ammoniter in Ziegelöfen1 verbrennen ließ, weil ihm die modernen Anlagen Hitlers fehlten, glaubt nicht, daß die mehr von Gott wußten als Hitler, der lehrt, die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde2, oder Hermann Göring, der weiß, daß Gott die Rassen geschaffen hat und nichts Gleiches wollte3."
1 vgl. Karlheinz Deschner `Krimimalgeschichte des Christentums', Band 1, S. 85ff. In Luther-Bibeln, die nach 1971 gedruckt wurden, wurde - wahrscheinlich wegen der Nazi-Morde - aus dem Verbrennen-in-Ziegelöfen ein Arbeiten-an-Ziegelöfen. Es ist schon erstaunlich, wie Christen mit dem Wort Gottes umgehen!
2 Adolf Hitler `Mein Kampf' S. 272
3 Hermann Göring in seinem Artikel `Die Freiheit kommt aus dem Blut' zur Begründung der Nürnberger Gesetze in: Gerd Rühle `Das Dritte Reich', Hummelverlag Berlin 1935, S. 257, nachgedruckt in Lon Poliakov/Joseph Wolf `Das Dritte Reich und seine Denker' S. 7.
Alle sahen Luz betroffen an. War das nicht Blasphemie, hier, wo ein Volk unter entsetzlichen Leiden ausgerottet wurde, zu sagen, daß alle Menschen, auch die Opfer, schlecht sind?
Man hätte sicher etwas erwidert, Ausflüche gemacht, denn selbst wenn man anderen Feigheit vorwirft, heißt es noch nicht, daß man selbst den Mut zur Wahrheit hat, aber so weit sollte es gar nicht kommen, denn die Raben fingen wieder an, "Antreten, marsch, marsch!" zu schreien. Die Gaskammern waren also mal wieder nicht ausgelastet, wahrscheinlich war wieder ein Zug irgendwo steckengeblieben. Das passierte jetzt öfters wegen der Bombenangriffe.
Diesmal - und das war vorauszusehen - erwischte es Luz. Als er da stand in der anderen Gruppe, geriet Adjuna fast in Panik. War Luz auch völlig verfallen und sah er auch extrem elend aus, er war es doch gewesen, der Adjuna an diesen scheußlichen Ort gebracht hatte, und Adjuna hatte sich deshalb immer an ihn geklammert. Der Ausgang aus Auschwitz konnte nur er sein.
Adjuna rief: "Ich will mit. Ich will auch sterben." Tatsächlich wollte er lieber mit Luz sterben, als weiter so leben, was immer auch nach dem Tod kam. Die Raben schlugen auf ihn ein, als er rüberstürmen wollte. "Nein, du kommst noch nicht zur Kur. Du mußt erst noch ein bißchen arbeiten." Auch die Politischen hielten ihn zurück, kannten sie doch nur das Überleben, den Überlebenswillen, und fanden es verrückt, sterben zu wollen.
Einige Verzweifelte waren gegen den elektrischen Zaun gestürmt und verschmorten in der Hochspannung.
Das war's.
Gegen die Übermacht gelang es Adjuna, zu Luz zu kommen, ihn zu packen und zum Zaun zu schleifen, wo sie beide starben, sehr zum Kopfschütteln ihrer Mitgefangenen, die eine abartige Liebesbeziehung vermuteten.
Am Strom zu verschmoren, ist äußerst schmerzhaft wie das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Doch während das Feuer sich von den äußeren Hautschichten nach innen frißt und man seinen Schmerz laut ausschreit, ergreift der Strom gleich den ganzen Körper und läßt ihn innerlich verkrampfen, kein erleichternder Schrei kommt mehr heraus. Doch es gibt Barmherzigkeit auf dieser Welt, wenn auch nur wenig. Wer immer sich alles ausgedacht hat, beim Erbarmen war er zu sparsam, die erlösende Ohnmacht, der erlösende Tod, sie kommen meist erst spät.
Der Schmerz war so betäubend, daß Luz und Adjuna noch lange nach ihrem Tode besinnungslos am Draht hingen. Wie feine Gewebe an der Wäscheleine, Seidenstrümpfe vielleicht, flatterten sie, das heißt, was sie jetzt waren, Astralleiber oder -geister, Seelen ohne Sinne, am Hochspannungszaun, irgendwie verbunden mit dem toten Körper und seiner Todesursache, unsichtbar für Menschenaugen und unerreichbar selbst für die vernichtende Wirkung der Elektrizität, während die Fleischkörper, diese fremden Seelenhüllen, die ihnen dieses Abenteuer ermöglicht hatten, schwarz und unansehlich an den Maschen klebten, mehr Mist als Mensch.
Ein furchtbarer Lärm weckte sie, ein Lärm, den sie als Lebende im Lager nicht gehört hatten. Der Äther hier war so angefüllt mit verzweifelten Geistern wie die Massengräber mit Leichen. Ein schauriges Geheul, besonders über den Gräbern und den Gaskammern.
Luz und Adjuna rissen sich los von ihren alten Körpern und schwebten herum und sahen, was nur wenige sehen durften, wollten und konnten.
Abschied
Die ganze Gegend stank pestilenzartig und Fliegen waren überall. Ein zweigleisiger Bahnhof. Eine große Baracke. Die Garderobe, mit großem Wertsachenschalter. Friseurraum, etwa 100 Stühle. Allee, stacheldrahtumzäunt. Inschrift: Zu den Inhalier- und Baderäumen! Eine Art Badehaus mit Geranien. Ein Treppchen, links und rechts je drei Räume 5 mal 5 Meter, 1,90 Meter hoch. Holztüren wie Garagen. Auf dem Dach ein Davidstern. Heckenholt-Stiftung!
Der erste Zug fährt aus Richtung Lemberg ein. 45 Waggons, mit etwa 6700 Menschen, davon 1450 schon tot. Hinter vergitterten Luken: Männer, Frauen, Kinder, Todesangst in den Augen. Zweihundert Ukrainer peitschen die Leute. Lautsprecher geben Anweisungen: "Ganz ausziehen, auch Prothesen, Brillen usw., Wertsachen am Schalter abgeben ohne Bons oder Quittung, Schuhe zusammenbinden." Bei einem Haufen von reichlich 25 Meter Höhe sind zusammengehörige Schuhe sonst nicht wieder zu finden. Schuhe und Textilien gehen nachher als deutsche Spinnstoffsammlung, Opfer des Volkes für Ostarbeiter, weg. Mit zwei, drei Scherenschlägen schneidet der Friseur den Mädchen und Frauen das Haar ab. Stopft es in Kartoffelsäcke. Für irgendwelche Spezialzwecke bei U-Booten, Dichtungen und dergleichen!" erklärt der SS-Unterführer seinem Besucher.
Der Zug der nackten Männer, Frauen, Kinder gerät in Bewegung, die Allee entlang. An den Todeskammern ein SS-Mann mit pastoraler Stimme: "Es passiert euch nicht das Geringste! Ihr müßt nur in den Kammern tief Atem holen, das weitet die Lungen, diese Inhalation ist notwendig wegen der Krankheiten und Seuchen. - Ja, natürlich die Männer müssen arbeiten, Häuser und Chausseen bauen, aber die Frauen brauchen nicht zu arbeiten. Nur wenn sie wollen, können sie im Haushalt oder in der Küche mithelfen." Ein kleiner Hoffungsschimmer, der ausreicht, daß sie ohne Widerstand in die Kammern gehen. Die Kammern füllen sich. "Gut vollstopfen!" befiehlt der Hauptmann. 700-800 auf 25 Quadratmetern, in 45 Kubikmetern! Die Türen schließen. Die anderen warten draußen im Freien nackt. Der SS-Mann erklärt seinem Besucher: "Auch im Winter genauso!" "Ja, aber da können sie sich ja den Tod holen!" "Ja, grad for das sinn se ja doh!" antwortet er auf Platt.
Der Diesel springt nicht an. Dem Hauptmann ist es peinlich wegen des Besuchers. Die Menschen warten in den Gaskammern. Vergeblich! Man hört sie weinen, schluchzen, beten, laut schreien nach ihrem Gott. Der fremde Besucher schreit nach seinem Gott, aber stimmlos. Egal! Die Götter hören nicht! Sie haben sich abgewendet wie feige Menschen.
Der Hauptmann schlägt frustriert einem Ukrainer, eigentlich willige Genossen beim Judenmord, mit der Reitpeitsche ein Dutzend Mal ins Gesicht, weil er sich, als er Unterscharführer Heckenholt beim Diesel helfen soll, so ungeschickt anstellt. Nach zwei Stunden 49 Minuten - die Stoppuhr des Besuchers hat es wohl registriert - springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen vier Kammern, viermal 750 Menschen in 4mal 45 Kubikmetern! - Von neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht es durchs kleine Fensterchen! Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Nach 32 Minuten ist alles tot!
Von der anderen Seite öffnen Männer, selbst Juden, denen man die Freiheit versprochen hat und einen gewissen Promillesatz vom Gewinn, die Holztüren. Wie Basaltsäulen stehen die Toten. Familien erkennt man noch. Sie umklammern sich im Tode. Man hat Mühe, sie auseinander zu reißen. Die Leichen, naß von Schweiß und Urin, kotbeschmutzt, Menstruationsblut an den Beinen, werden rausgeschmissen. Tote Kinder fliegen durch die Luft. Man hat keine Zeit. Die Peitschen der Ukrainer sausen auf die Arbeitskommandos. Die Kammern müssen freigemacht werden. Die nächste Charge wartet schon.
Zwei Dutzend Zahnärzte öffnen mit Haken den Mund und sehen nach Gold. Gold links, ohne Gold rechts. Andere Zahnärzte brechen mit Zangen und Hämmern die Goldzähne und Kronen aus den Kiefern.
Der Hauptmann springt herum. Er ist in seinem Element. Genitalien und After werden nach Gold, Brillanten und Wertsachen durchfühlt. Er brüstet sich vor seinem Besucher: "Heben Sie mal diese Konservenbüchse mit Goldzähnen, das ist nur von gestern und vorgestern! Sie glauben gar nicht, was wir jeden Tag finden an Gold und Brillanten" - er sprach es mit zwei L - "und Dollars. Aber schauen Sie selbst!" Es ging zum Juwelier, der all die Schätze verwaltete. Der Hauptmann zeigte seinem Besucher dann noch einen früheren Chef des Kaufhauses des Westens in Berlin und einen Geiger: "Das ist ein Hauptmann von der alten Kaiserlich-Königlich österreichischen Armee, Ritter des Eisernen Kreuzes I. Klasse, jetzt Lagerältester beim jüdischen Arbeitskommando!"
Die Leichen wurden auf Holztragen in Gruben von 100 mal 20 mal 12 Meter geschleppt. Nach einigen Tagen gärten die Leichen hoch und fielen alsdann stark zusammen, so daß eine neue Schicht drauf geworfen werde konnte. Am Ende wurde eine Zehnzentimeter dicke Sandschicht darüber gestreut. Vereinzelt ragten noch Köpfe und Arme raus.
Die Getöteten wurden weder registriert noch
gezählt. Alle Zahlen sind nur Schätzungen nach Waggoninhalt.1
1 Dieser Abschnitt `Abschied' entspricht weitgehend, zum Teil wörtlich, zum Teil mit stilistischen, zur Verknappung der Sprache, aber nicht inhaltlichen Veränderungen dem Augenzeugenbericht von Kurt Gerstein über die Massenvergasung. Lediglich die Einfügung über die Götter stammt ausschließlich von mir und fehlt in seiner Aussage.
Kurt Gerstein trat am 2. Mai 1933 in die NSDAP ein, wurde aber am 2. Oktober 1936 wegen Betätigung für die Bekenntniskirche ausgeschlossen. Gleichzeitiger Ausschluß als Beamter aus dem Staatsdienst. Um das Schicksal einer angeheirateten Schwägerin, die dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer fiel, zu erforschen, trat er am 10. März 1941 in die SS ein und erhielt dort tiefen Einblick in die Vernichtungslager. Unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse wandte er sich an den Sekretär der Schwedischen Gesandtschaft mit der Bitte, die Weltöffentlichkeit über die Massenmorde aufzuklären. Die gleiche Bitte versuchte er dem Päpstlichen Nuntius in Berlin vorzutragen. Dort wurde er aber gefragt, ob er Soldat sei. Da er kein Soldat war, wurde jede weitere Unterhaltung mit ihm abgelehnt, und er zum Verlassen der Botschaft seiner Heiligkeit aufgefordert.
Informationen zu Kurt Gerstein wurden der Dokumentensammlung `Das Dritte Reich und die Juden' von Lon Poliakov und Joseph Wulf entnommen, die ihrerseits die Zeugenaussage dem `Vierteljahreshefte für Zeitgeschehen', 1. Jahrg., 1953, 2. Heft, April, S. 185-196 entnommen hatten.
Die Deutschen sind wirklich aus Kruppstahl, daß sie nicht zerbrachen angesichts so viel Leiden.
Jetzt, wo er den fremden Körper, das Skelett im gestreiften Pyjama abgestreift hatte, und ohne jeden Körper war, fühlte er sich wieder sich selbst, denn er war frei und sich selbst, keine Zwänge.
Mit Luz streifte er über Massengräber und Massenmorde und durch eine schreiende Geisterwelt, ein schreckliches Gruselkabinett.
Beide waren sichtlich betroffen. Adjuna meinte: "Das Schlimmste am Einhodigen und seinen Horden ist: Ich teile das Menschsein mit ihnen." "Ich verstehe, wie du dich fühlst, auch wenn ich kein Mensch bin. Mir wird schlecht. So genau hab ich damals nicht hingeschaut." Und plötzlich wurde er fast wie ein Nachkriegsdeutscher und jammerte: "Ich habe das ja alles gar nicht gewußt."
Adjuna: "Wenn an der Rassenlehre was dran ist, dann ist es die deutsche Rasse, die nichts taugt."
Luz: "Glaub mir, es ist nicht nur diese Rasse, die nichts taugt, sondern es ist die ganze Tiergattung Mensch, die Mist ist. Nur wenige sind da eine Ausnahme. Um die meisten ist es nicht schade, wenn der Planet eines Tages entvölkert wird. Auch hier in Auschwitz starben keine Unschuldigen. Unschuldige gibt es nicht. Menschen sind immer böse, immer schuldig. Manche mögen weniger schuldig sein, andere mehr, allen aber ist gemeinsam die Blindheit für ihre Schuld. Der Mensch schadet am meisten von allen Schädlingen, seine Schädlingsbekämpfung wird ihn zum Glück eines Tages selbst vernichten. Denn - und das ist ein Wunder - der Mensch erkennt sehr wohl, daß der Mensch ein Schädling ist, allerdings erkennt er es nur bei seinen Mitmenschen und die wiederum erkennen es bei ihm. Dieses ideale Erkenntnissystem, diese Schädlingserkenntnis, führt unweigerlich zur Schädlingsbekämpfung, denn eine Gefahr erkannt, heißt, eine Gefahr gebannt - und Happy End: Auschwitz ist für immer unmöglich geworden."
"So wird es kommen, was?" "Ja." "Aber man kann es doch verhindern, oder?" "Man kann es versuchen, aber sollte man? Tut man damit den Menschen einen Gefallen?" "Ist das nicht schrecklich?" "Ich weiß nicht. Die Elemente dieser Erde nicht ewig unberührt bleiben, mal küßt sie das Leben und dann wieder der Tod. Im Leben werden sie mal zum Mörder, mal zum Opfer, als tote Materie passiert ihnen das nicht." "Ich bin ein Mensch. Ich muß anders denken. Ich muß Mitgefühl haben. Ich leide, wenn ein Mensch stirbt." Und mit einem Blick auf die Leichenberge, klagte er: "So viele starben sinnlos, wie kann ich da sinnlos leben?" "Jedem Menschen erscheint sein Tod sinnlos, beraubt er ihn doch all seiner Fähigkeiten. Aber für einen Außenstehenden erscheint selbst das Leben des wertvollsten Menschen sinnlos. Für Menschen ist alles Selbstzweck. Der Außenstehende, der sieht, wie der Planet eines Tages leblos seine Bahnen zieht, lacht über soviel menschliche Eitelkeit." "Aber Menschen sterben hier vorzeitig wegen einer fixen Idee. All das Leiden, wie kann ich da noch leben, als wäre nichts geschehen?" "So zu denken, hilft niemandem und ist aus zweierlei Gründen gefährlich - für Menschen, nicht für Außenstehende: Erstens - das Harmlosere - kann man, wenn man so denkt, seinem Leben leicht ein Ende machen. Zweitens: Man findet einen Sinn, vielleicht aber einen Unsinn und merkt es nicht und wird dann selbst zum Mörder an seinen Mitmenschen. Hatten die vielen Morde an Menschen auch keinen Sinn, so hatten doch alle Mörder einen Sinn: Die Juden taten ihrem Jahwe einen Gefallen, als sie die Nachbarvölker überfielen und ausrotteten, die Christen taten dem gleichen Gott einen noch größeren Gefallen mit noch größeren Opfern, und die Nazis schließlich hatten ihre Rassenlehre."
"Ja, wir Menschen sind nicht-entleerte Mülleimer, aller Schrott und Schiet der Vergangenheit ist in uns. Kotzen hilft nicht, da kommt nur die letzte Mahlzeit raus. Der Ekel ist größer, die Eingeweide müssen raus. Seppuku."
"Siehst du, das habe ich befürchtet! Lieber Freund, iß was Leckeres. Komm auf andere Gedanken. Ich will dir gerne helfen. Ich werde ja immer nur für alles Böse beschuldigt. Und manchmal tue ich ja wirklich so, als sei ich böse. Ich spiele sozusagen die mir zugedachte Rolle. Aber eigentlich bin ich gar nicht so. Schon als ich Eva davon überzeugte, die Frucht vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, tat ich das nicht aus Bosheit, sondern weil ich es für wichtig hielt, daß die Menschen wissen, was gut und böse ist. Siehst du, Gott weiß es bis heute nicht, denn er hat bis heute nicht von dem Baum gegessen, er will nur Gehorsam, Anbetung und Verehrung als der Gute und Liebe, sonst schlägt er wie ein brutaler Trottel zu. Das war bei Adam und Eva so, die bevor sie nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, gar nicht wissen konnten, ob es überhaupt gut ist, Gott zu gehorchen, und das war später in christlicher Zeit genauso, wo er dann seine Handlanger, sogenannte Lämmer, die in Wirklichkeit Monster mit Mördergrubenseelen waren, zum Zuschlagen benutzte, und jetzt ist es immer noch so: Das Prunkmännchen in Rom war der erste Freund des Einhodigen1 und hat sehr zu seinem Ansehen beigetragen, in der Hoffnung, der Einhodige würde Andersdenkende im Osten, die dem Prunkmännchen ein Dorn im Auge waren, vernichten. Nach dem Untergang des Einhodigen freilich verteufelt man ihn. Aus dem Gott gesandten Erlöser wird der Satan, und alles wird umgelogen. Da sich zwei, drei gute Menschen zum Christentum verirrt hatten, stellt man die jetzt heraus, um sich das Überleben zu sichern. Gut oder böse? Schlecht. Ich, die Personifizierung alles Bösen, ich schwöre, ich spiele dieses abgekartete Religionsspielchen nicht mehr mit. Ich will nicht mehr der Gegenspieler sein, durch dessen Einfluß das Böse in die Welt kommen soll. Du bist ein Mensch und du bist mein Freund. Ich will dir helfen, wie ich Adam und Eva geholfen habe. Laßt uns gemeinsam sehen, wie wir der Menschheit helfen können. Dem Allmächtigen seine eigenen vorbotenen Früchte reinstopfen, wird wohl nicht gehen, eine solche Zwangsernährung können wir bei ihm nicht durchsetzen, außerdem ist der Baum wahrscheinlich schon eingegangen und die Chance für immer vertan."
1 Diese Tatsache ist nicht mehr up-to-date: Katholische Propaganda hat aus dem Prunkmännchen mittlerweile erfolgreich den ersten Widerstandskämpfer gegen den Einhodigen gemacht.
"Dann laßt uns einen Kampf auf Erden beginnen gegen alles Böse, gegen Religionen und ihren Ablegern, den Ideologien, und was es sonst noch für Gründe gibt zu Kriegen, Morden und Vernichtung, gegen Nationalismus und andere Narrheiten, gegen Gleichmacher und gegen die Ungleichheit vor dem Gesetz, für die Unversehrtheit eines jeden Einzelnen und für seine Freiheit und sein Recht, auf eigene Art glücklich zu werden ohne Einmischung von Pfaffen und Staat."
"Das ist freilich ein Novum: Der Teufel kämpft gegen seinen alten Protektor Religion."
"Die Leute lieben das Neue." "Ich befürchte, daß gilt mehr für Hosen als für Werte." "Wenigstens habe ich einen Gefährten. Meinen ersten. Wenn viele folgen, verwirklichen wir das Paradies auf Erden." "Das war immer mein Anliegen."
"Wenn wir den Menschen Religionen und Ideologien nehmen, nehmen wir ihnen den Grund, sich gegenseitig zu töten."
"Ja, wir müssen ihnen Freiheit anbieten. Freiheiten!"
"Freiheit von Unsinn und unnötigen Schranken."
"Und ich werde zum wirklichen Gegenspieler Gottes und das ist nicht der Teufel, sondern der Freidenker!"
"Adjuna, ich glaube, wir haben hier genug herumgestreift. Es ist Zeit für die Rückreise. Auf geht's. Etappenweise. Zuerst in die Gegenwart." "Es war doch alles gegenwärtig." "Es erschien nur so. In Wirklichkeit war es schon überstanden."
Wuppsch! "Hier ist also die Gegenwart, wie du schon auf dem Hinweg bemerkt hattest, ein verlassener Ort. Zum Glück haben die Deutschen den Krieg verloren und das Morden hat auch schon lange ein Ende. Natürlich nur an diesem Ort. Hier im Vordergrund siehst du eine deutsche Schulklasse. Aus Buße jäten sie hier das Unkraut." "Fällt denen nichts Besseres ein! Das ist ja doch gerade das Problem, daß etwas ausgegrenzt und vernichtet wird wie das Unkraut in der Pflanzenwelt oder bestimmte Menschengruppen in der menschlichen Gesellschaft. Ihre Lehrer sollten ihnen lieber lehren wie man die Entwicklung zu solchen Katastrophen schon im Ansatz bekämpft." "Solche idealen Lehrer dürfen im neuen Deutschland nicht unterrichten. - Da im Hintergrund siehst du übrigens Juden und Polen, die sich darum schlagen, wer den Ort für sich als Gedenkstätte in Anspruch nehmen darf."
"Wollen wir uns die Peinlichkeiten
ersparen. Wir haben genug Schreckliches gesehen." "Gut,
ich transmittiere uns zurück zum Armin." "Ich habe
keinen Appetit mehr auf deutsche Helden. Wie wäre es mit Sankt
Pauli. Da wollte ich schon immer mal hin." "In Hamburg
meinst du? Ich weiß, du brauchst Ablenkung, Entspannung,
Vergnügen..." "Ja, falls man so etwas noch finden
kann, nachdem man hier war." "..., aber vielleicht
sollten wir doch erst zurück zum Hermann-Denkmal, wo wir das
letzte Mal einen festen Körper hatten, und dann die Bahn nehmen.
Wer weiß, wie zerfetzt wir sonst wieder ankommen."
Nachtrag zum KZ-Ausflug (Jan. 2006): In meiner
Kindheit und Jugend, Nachkriegs-, Adenauer- und
was-danach-kam-Zeit war der Holocaust an den Juden kein großes
Thema. Die Elterngeneration leugnete oder behauptete zumindest
nichts gewußt zu haben. Gleichzeitig pöbelten diese Leute aber
Jugendliche mit langen Haaren mit "Dich sollte man
vergasen!" an, sie haben da viel mit jenen Arabern gemein,
die die Judenvernichtung als Lüge abtun und gleichzeitg die
Juden vernichtet haben wollen. Auf jeden Fall, in der Schule
damals - das ist zwar nur meine persönliche Erfahrung, aber ich
habe die Volksschule bis zur 9. Klasse, eine Abendrealschule und
dann noch ein Wirtschaftsgymnasium besucht - wurde die ganze
Nazi-Zeit peinlich gemieden, obwohl auf jeder meiner Schulen die
ganze Geschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart durchgenommen
wurde.
Spätere Schüler-Generationen scheinen auf der Schule fast
nichts anderes mehr als Holocaust zu pauken. Jedenfalls klagten
mir gegenüber verschiedene junge Leute, dass ihnen das Thema
"deutsche Schuld" absolut zum Hals heraushängt. Recht
so! Es gibt keine Kollektivschuld - außer in Nazi- und
Rassistendenkweise. Schuld ist nach moderner Rechtsauffassung
immer persönliche Schuld. Sippen- und Kollektivschuld ist etwas
Archaisches.
Den Holocaust zu leugnen, ist mittlerweile ein schweres
Verbrechen, das mit langen Gefängnisstrafen geahndet wird:
Deutschland bis zu 5 Jahren, Österreich bis zu 20 Jahren. Wohl
gemerkt, es geht hier nur um eine Geschichtsauffassung, ein
Meinungsdelikt (sick!)! ...und es spielt auch keine Rolle, wie
gut ein Angeklagter seine Meinung begründet - außer vielleicht
eine negative Rolle, die sich in einer härteren Bestrafung
äußert.
Im Februar 2005 wurde durch Gesetzesänderung der § 130 StGB
sogar noch verschärft: Im neuen § 130 Absatz IV StGB stehen
auch Äußerungen, die die nationalsozialistische Herrschaft
Verherrlichen oder Verharmlosen unter Strafe. Meinungsfreiheit
ade!
Ein Ergebnis dieser Verfolgung ist, dass der Holocaust immer mehr
angezweifelt wird. Denkvorschriften machen trotzig. Immer
häufiger ist die Rede von Holocaust-Religion, und die das sagen,
scheinen Religion für etwas Unwahres, Anrüchiges, Zweifelhaftes
zu halten, was Religion auch zweifellos ist. Und der § 130 StGB
ist der Gotteslästerungsparagraph dieser neuen Religion, wie der
§ 166 StGB für den alten Gott der beiden Staatsreligionen.
Die Zeit ist abzusehen, wo eine neue Generation den Glauben an
und das Propagieren des Holocausts verbieten wird - und es ist
immer der gleiche, angepasste Täter-Menschenschlag, der die
Verfolgung besorgt.
Bei solchen Maßnahmen bleibt die Wahrheit natürlich auf der
Strecke. Ob Holocaust oder Holocaust-Religion, ich enthalte mich.
- Es wäre natürlich schön, wenn Grausamkeiten nicht wahr
wären.
Sollte tatsächlich eine Zeit kommen, in der der Holocaust als
Religion verunglimpft wird... bitte schön, mein Buch handelt von
Religionen! ... diese Kapitel können so stehenbleiben, wie sie
stehen.
Back to Holger Hermann Haupt's Home Page.
Back to Literatur-Seite.