In der Bahn

Man hörte noch die ermahnenden Worte einer Mutter: "Paß auf, daß du in Hamburg nicht auf die schiefe Bahn gerätst!" Vergeblich. Ein Piff des Bahnvorstehers. "Türen schließen. Vorsicht bei Abfahrt des Zuges!" Der Backfisch hatte schon den Bann der Mutter gebrochen und fühlte sich frei. Bahnbrechendes erwartete sie von der großen Stadt.

Der Waggonwurm ruckte an, als das schnaufende Ungeheuer an der Spitze des Zuges unter schrillen Schreien seine eisernen Muskeln anspannte, dann rollte er rhythmisch rappelnd, sich an Schienenstöße stoßend, dem nebligen Norden entgegen.

Luz und Adjuna hatten im modernen Großraumwagen Platz gefunden. Ein Stimmengewirr drang an ihre Ohren. Für Luz war es wohl Musik zum Einschlafen, jedenfalls war er bald weg - eiapopeia - in Morpheus' Armen und in der Heia.

Für Adjuna aber gab es keinen Schlaf. Wie die Gesprächsfetzen an sein Ohr fetzten und die Landschaft in übergroßer Eile vorbeiwetzte, Wald, See, Wiesen, Städte und Schicksale ins Auge blitzte, dachte er, ist so nicht das Leben, ein Bewurf mit Trivialitäten, leichter Literatur und schweren Brocken?

Da gab es eine Reise ins Jenseits, zwei Stimmen, eine hell, die andere dunkel.

Die helle Stimme: Da hast du aber Glück gehabt, daß deine Tochter nicht gestorben ist.

Dunkle Stimme: Ja, aber auch wenn sie gestorben wäre, wäre ich bei ihr.

Helle Stimme: Wie das?

Dunkle Stimme: Ich kenne einen Zugang zum Jenseits.

Helle Stimme: Ach, wie ist es dort.

Dunkle Stimme: Nicht so anders wie hier. Nur, daß wir dort keinen Körper haben, sondern nur Seele sind. Wie hier der Körper verfällt, so verfällt dort die Seele in ihre Bestandteile.

Helle Stimme: Und wie ist es mit Gott?

Dunkle Stimme: Gott und Götter gibt es auch.

Helle Stimme: Also haben die Atheisten unrecht.

Dunkle Stimme: Ich wollte sagen, Gott und Götter gibt es als Idee, denn auch im Jenseits gibt es Leute - genauso wie hier - die es für notwendig halten, an einen Gott oder an mehrere Götter zu glauben, aber einen Gott gibt es da genauso wenig wie hier. Natürlich gibt es dort auch Atheisten.

Adjuna überhörte auch einen Dialog, in dem sich die Beteiligten darüber stritten, ob man zuerst Toilettenpapier in die Toilette werfen solle, damit nach dem Abziehen keine Reste vom Stuhl in der Mulde des Toilettenbeckens, die die Toilette der leistungsbewußten Deutschen vor denen anderer Nationen auszeichnete, kleben bliebe.

Die helle Stimme: Wenn du so redest, mußt du wirklich im Jenseits gewesen sein.

Die dunkle Stimme: Ich weiß, daß ich in Rußland war, ich weiß, daß ich in China war, in Indien, in Afrika, Europa, aber ob ich im Jenseits war, weiß ich nicht genau.

Die belehrende Stimme einer Friedensbewegten: Warum bist du nicht für den Frieden engagiert? Willst du keinen Frieden?

Die nicht zu männliche Stimme eines Mannes: Nein, erstens will ich keinen Frieden, zweitens weiß ich nicht, was dem Frieden mehr dient, die Friedensbewegung oder die Waffen.

Was? Du bist nicht für den Frieden?

Nein, einst wollte ich kein Kind, aber als meine Frau schwanger war, wollte ich eins. Einst war ich für den Frieden, aber seit ich weiß, daß der Krieg unvermeidlich ist, will ich Krieg. Verstehst du nun, wie meine Lebensweisheit heißt?

Wie kann die Friedensbewegung Grund für einen Krieg sein?

Die eigene Schwächung lädt die Feinde ein, besonders, wenn der Feind fürchten muß, daß man nicht immer schwach bleiben will, sondern vielleicht wieder seine Meinung ändert. Wenn wir uns weigern, unser Land zu verteidigen, werden die, die uns erobern, uns zwingen, deren Interessen zu verteidigen, und wenn es die Weltherrschaft ist.

Krieg bedeutet unser aller Tod.

Ja, aber nur, wenn man bereit ist, sich zu verteidigen, sonst bedeutet es nur unseren Tod, was keinen Gegner abschreckt.

Adjuna hatte alle Gespräche vom Geldmachen, Geldanlegen und Geldausgeben ausgeblendet und seine Parabolohren ganz auf ein Religionsgespräch im Vorderen des Wagens eingestellt.

Dialog, vierstimmig, Alt, Bariton, Tenor und eine Fistelstimme.

A: Warum sinkt kaltes Wasser in die Tiefe, aber Eis schwimmt oben?

B: Wenn das Eis untergehen würde, könnte die Sonne es nicht wieder auftauen, und von der Tiefe herauf würde die Welt erfrieren.

T: Ah, ich verstehe, und die Nase steht vor, damit die Brille nicht runterfällt.

B: Äh, ja, aber das kann auch Zufall sein.

T: Ihr seid unwissenschaftlich. Wassereis schwimmt oben, weil winklige Wassermoleküle sich so verhaken, daß sie viel Platz einnehmen, sich das Volumen also vergrößert, wodurch sich das spezifische Gewicht verringert. Und die Brille fällt nicht runter, weil Menschen ihr ein Design gegeben haben, das auf die Nase paßt, davon abgesehen, manchmal fällt sie doch runter.

F: Gott hat alles geschaffen.

T: Ja, Gott ist imperfekt, unvollkommen.

F: Wieso?

T: Die Brille rutscht doch manchmal von der Nase.

Die Fistelstimme geiferte: Die Brillen haben ja auch Menschen gemacht. Aber Eis geht nie unter.

Auch der Tenor erregte sich: Die Brillen haben Menschen gemacht, aber die Nase hat Gott gemacht. Ich könnte sofort eine bessere Nase konstruieren als Gott, von der würde nichts abrutschen.

Seine Frau versuchte beruhigend einzugreifen: Ich denke, du glaubst gar nicht an Gott.

Doch die Erregung steigerte sich, der Dialog wurde unverständlich. Religionsthemen sind heikle Themen.

Du willst also behaupten, es gäbe keinen Gott.

Falsch, oh, es gibt große und mächtige Götter, bloß sie kümmern sich nicht um diesen Krümel im Galaxenmeer, was dem Christengott, diesem kleinen Wichtigtuer, die Möglichkeit gab, sich hier dick zu machen. Würde dieser Winzling am Phallus eines der großen Götter vom Berg Meru hochfliegen wollen, sein armseliges Leben wäre zu Ende, bevor er die Eichel erreichte. Weißt du nicht, wie groß man sein muß, um ein Universum zu schaffen? Und was so groß ist, kümmert sich nicht mehr um onanierende Jungs, ja nicht einmal um eine Menschheit, die wie Madeneinheiten auf Mist herumkriecht.

Ihr müßt mit offenen Augen das Bestehende bestaunen und nicht mit geschlossenen Augen das Nichtbestehende beraunen. Wenn man die Augen zumacht, ist man blind und sieht nicht, und wenn man dazu noch die Hände faltet, kann man nicht einmal tasten.

Ich sage ja, offenes Staunen, nicht beschränkt beten.

Nach diesem Selbstgespräch spitzte Adjuna wieder seine Ohren. Da verriet jemand, daß er Schriftsteller sei. Und Adjuna dachte, das macht er wohl, um einem Mädchen zu imponieren, aber dann antwortete eine Männerstimme ihm, daß sie die Schriftstellerei für eine Ersatzbefriedigung hielte: Du solltest lieber richtig bumsen. Wenn du willst, daß deine Ideen herrschen, dann werde Herrscher, aber hoffe nicht, als Schreiberling deine Ideen anderen in den Kopf zu setzen, die sie dann als Herrscher den Beherrschten aufzwingen. Werde Politiker!

Gott bewahre!

Auch über sexuellen Geschmack wurde gestritten.

Die sehr helle Stimme eines Homosexus: Ich mag keine Frauen, die stinken so stark nach Fisch.

Während ihm ein Heterophiler antwortete: Mann, mit einem Mann ist es doch noch schlimmer, da stinkt er ja nachher nach Kot.

Ein Homunkulus aber votierte für Keuschheit.

So ist das Leben, so bunt, man möchte es fast lieben, dachte Adjuna begeistert. Endlich den einsamen Wäldern entkommen.

In Sankt Pauli sollte sich ihm ein neuer Wald öffnen, ein Wald von Liebenden und Ja-Sagern - wohl gemerkt Ja zum Leben nicht zur Sklaverei. Menschliche Körper schlängelten sich durch menschliches Gestrüpp, dichtes Unterholz schwer zugänglich wie im Dschungel, nach dessen Gesetz hier gelebt wurde, die Lianen waren die Arme, Hände, die nach den anderen Körpern tasteten, Kletten gab es auch, an ihnen blieb im Vorübergehen das Portemonnaie kleben und die Piranhas ließen nur die Knochen.

Während der Fahrt vom Teutoburger Wald in diese Elb-Metropole waren erstaunliche Metamorphosen vor sich gegangen, nicht nur war das Töchterchen der besorgten Mutter jetzt grell geschminkt und ein Stückchen gewachsen oder viel mehr ihre Absätze, auch die Dampflokomotive hatte sich in eine moderne E-Lok verwandelt und selbst Luz und Adjuna sahen zivilisierter aus.


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