Das erste, das Luz und Adjuna bemerkten, als sie aus dem Bahnhof heraustraten, war, daß die Welt technischer geworden war, alle paar Meter stand eine Maschine auf der Straße.

Lebedamen und Lebemänner lebten hier in einer Lebewelt, viele liefen auch auf der Straße herum, richtiger: drängten sich auf den Bürgersteigen. Davon, daß dieser Ort einst als Festung Hammaburg von Ansgar einem Vertreter des Nicht-Lebens, des Nur-fürs-Jenseits-Lebens gegründet worden war, davon merkte man nichts mehr, die Kirchen blieben leer, selbst dumme Michels gingen nicht mehr in den Michel, ja nicht einmal die aller dümmsten.

Alles strebte zum Tempel des Gottes Eros - und zwar frohen Mutes. Auch Luz und Adjuna waren guter Dinge. Als Adjuna auf dem Weg von einem Homosexuellen belästigt wurde, sagte er nur wie zur Entschuldigung: "Ich habe Hämorrhoiden", obwohl ihn die Vorstellung, einen Mann zu lieben, anekelte. Ein fröhlicher Mensch ist halt auch ein freundlicher Mensch.

Endlich der Tempel des Eros. Als sie den Kreuzgang entlang wandelten, hörten sie aus einem der vielen Zimmer des Tempels die fragende Stimme einer Priesterin: "Was willst du mit dem Vibrator?" Der Freier: "Meinen hat man mir abgebissen, seitdem brauche ich eine Prothese." "Ach so, na, dann steck sie mal rein, deine Prothese."

Im Nebenzimmer war man weniger verständnisvoll.

Ein Kreuzritter, -bube oder -freier mußte sich von seiner Herzdame sagen lassen: "Du kannst mich mal kreuzweise..." Er war wohl kreuz- oder lendenlahm, oder meinte sie es wörtlich?

Doch - kreuzdonnerwetternochmal - dies war kein Tempel Christi, kein Ort zum Bekreuzen, sondern zum Begötzen.

Aus den anderen Zimmern klang dann auch nur Stöhnen, Seligpreisung und Gebet, Priesterinnen und Freier vereint im Gottesdienst, Erotomanie, die Anrufung des Gottes, Eros, Eros! Die Ekstase steigert sich!

Zwar sollen auch die Moslems beim Geschlechtsverkehr ihren Gott Allah anrufen, doch das ist ein Befehl und kein Bedürfnis und wirkt nicht luststeigernd, sondern so ernüchternd wie dieser informative Satz.

Aus dem rötlich schimmernden Dunkel der Zimmer ertönte bei jeder ruckartigen Bewegung aus dem Mund der Priesterin die Verkündigung der Frohen Botschaft, das Kerygma des Liebesgottes, des Gottes der wahren und einzigen Liebe, einer Liebe, die nicht in Blut badet und durch Gedärmemorast watet.

Sind wir zurückversetzt in jene Urzeit, als die Menschheit noch alles Schöne und Natürliche als Göttlich verehrte?

Am Tresen der Bar wurden Elixiere ausgeschenkt. Eukolisch oder gar euphorisch traten unsere beiden Freunde an diesen Altar, um die Eucharistie zu empfangen. Der Barmixer, der die schwarzen Ränder um ihren Augen bemerkt hatte, reichte ihnen auch gleich lächelnd - nicht nen Kelch, sondern zwei Gläser.

Die Beiden tranken und wunderten sich über das Zeug. "Was ist das?" "Ein Katervertreiber, das Blut der Jungfrau." Vor Schreck verschluckten sich die Beiden. Es warf sie fast vom Hocker. War das hier nun ein Hurenhaus, oder was?

"Das schmeckt doch besser als einfacher Tomatensaft und hilft vor allen Dingen besser, wenn man am Abend vorher einen über den Durst getrunken hat", belehrte der Elixiermischer die Beiden.

Es stellte sich heraus, daß es sich bei dem Getränk um eine Bloody Mary handelte, das aber gar nicht nach dem Menstruationsblut der Jungfrau benannt worden war, sondern zu Ehren einer britischen Königin, die groß im Massakrieren von Protestanten war, also Blut im Namen eines skurrilen Liebesgottessöhnchens vergoß.

Nicht nur Eros ist anwesend im Tempel der Liebe, sondern... - das rötliche Schummerlicht verrät sie schon - die Anwesenheit der Eos, der Göttin der Morgenröte. Am verführerischsten ist sie, wenn sie sich morgens von ihrem östlichen Bett erhebt. Zunächst erscheinen nur ihre rosigen Fingerspitzen am Horizont, doch bald streckt sie ihren ganzen safranroten Körper über den östlichen Himmel, bevor sie ihrem Bruder Helios Platz macht.

Die aus dem Meeresschaum geborene Aphrodite fand eines Tages den Kriegsgott Ares in Eos' Bett. Da sie selbst von diesem wilden Gott der Schlachten und des Abschlachtens, der Männer-, Menschen- und Massenmorde fasziniert war und seine Liebe suchte, war sie eifersüchtig auf Eos, und aus Eifersucht verdammte sie Eos dazu, unablässig nach Sterblichen, also nach Menschen, zu verlangen. Eos aber, um sich den Fluch der Aphrodite zu erleichtern, verdammte die Menschen dazu, sich nach der Morgenröte zu sehnen, und selbst noch zu später Abendstunde sieht eine Frau im Licht der Eos verführerischer aus als in greller Mittagssonne.

In dem rötlich beleuchteten Innenhof standen an Säulen wie griechische Statuen jedoch aus Fleisch und Blut die Frauen und boten ihre Ware an, sich selbst. Der Preis war hoch, die Frauen zahlten mit dem Verlust von Ehre und Ansehen, mit Unfreiheit und Erkrankung. Die Männer zahlten mit Geld, nichts anderes zählte. Die Zahlungswilligen, also Freier und Gefreite, sahen zwar immer mal wieder ihre Geschäftsbeziehungen gefährdet, weil irgendwelche Vertreter anständiger Bürger in irgendeinem Hohen Haus, Rathaus oder so, Stadtparlament vielleicht, sich darüber erregten, daß hier Frauen nicht aus sexueller Lust mit Männern schliefen, sondern des Geldes wegen, doch noch herrschte hier die Große Freiheit, und es braucht wohl nicht extra erwähnt zu werden, daß selbst die anständigen Bürger und ihre Vertreter manchmal den Weg hierher fanden und für ihr gutes Geld gute Ware bekamen.

Wenn wir Adjuna auch nicht zu den anständigen Bürgern zählen, wie wir gesehen hatten, stand er über den Dingen, so hatte er doch keine Skrupel, sich genau unter diese Leute zu mischen und im Hof der Säulenhuren zu lustwandeln, das heißt, zu wandeln und vor den Säulen, an denen sie standen, stehen zu bleiben und sich vorzustellen, wieviel Lust ihm die eine oder andere bereiten könne. Wir wissen, er tat dies, um die Schatten der Verdammnis, die er auf den Menschen lasten sah, zu vertreiben. Schatten der Vergangenheit sind Vorboten der Zukunft. Manchmal muß man seine Erkenntnis in Lust ertränken, um nicht zu ertrinken.

Adjunas Wahl war schlecht. Er freite ein Mädchen, das einen leidenden Zug um ihre Augen hatte, also sicher nicht seine Gedanken an eine leidende und verdammte Menschheit vertreiben konnte. Selbst der niedrige Preis, der eher an ein Sonderangebot im Schlußverkauf als an ein junges Mädchen, das das Leben noch vor sich hatte, erinnerte, dürfte noch zu hoch gewesen sein, Qualität entscheidet, was preisgünstig ist, Sorgen sollten nicht nur nichts kosten, sondern es sollte sie überhaupt nicht geben.

Da er sie nur für eine Stunde gebucht hatte, ging er gleich ohne Zeremonie an den Geschlechtsakt. Er wunderte sich, daß die Hure so außergewöhnlich stark stöhnte. Empfindet sie soviel dabei? Das ist doch beim Berufsverkehr nicht üblich. Ist ihr meiner zu dick? Vielleicht sollte ich ihr nachher noch ein zusätzliches Trinkgeld geben.

Dann bemerkte er Blut an ihren Beinen. Eine Jungfrau? Unmöglich. Menstruation vielleicht. Oder vielleicht wie damals in Rom eine Abtreibung mit Kleiderhaken? "Du brauchst einen Arzt!" schrie er. "Nein!" schrie sie zurück.

In dem diffusen Licht der Eos, das auch dieses Zimmer beleuchtete, konnte er es nicht recht sehen, was da blutete, zumal sie jetzt auch noch die Beine zusammenkniff. Adjuna hatte sich zu sehr auf das Gesicht des Mädchens konzentriert, das ihn gefangen genommen hatte, da er darin die Leiden der Menschheit widergespiegelt zu sehen geglaubt hatte, und es war ihm entgangen, daß sie aus Schlag- und Brandwunden am Unterkörper blutete, also selbst ein kleines Stückchen leidende Menschheit war, allerdings so ganz ohne tiefere philosophische Gedanken, nur einfache physische Schmerzen. Banal, was? - Durchaus nicht.

Da Adjuna mitfühlend war und sich interessiert zeigte, den `Guten Onkel' herauskehrte, der er auch sein konnte, und außerdem viel stärker als des Mädchens Zuhälter aussah, faßte es Mut und erzählte ihm ihre Leidensgeschichte.

Zuerst erzählte das Mädchen von ihrem Elternhaus, wohl um zu erklären, wie alles kam. Die meisten Schicksale beginnen im Elternhaus. Aber sie hätte auch mit Adam und Eva anfangen können.

Die Eltern waren sehr streng gewesen, hatten ihr den Umgang mit anderen Kindern verboten, sogenannten `Straßenkindern', die `schmutzige Sachen' machten. Sie war gezwungen gewesen, nach der Schule immer sofort nach Hause zu kommen, und durfte dann auch nicht mehr ausgehen. Aber obwohl sie den ganzen Tag zu Haus bleiben mußte, kümmerten sich die Eltern nie um sie, spielten nicht mit ihr, und waren nie zärtlich zu ihr. Es schien, daß sie nur Zeit hatten, wenn es ums Ausschimpfen und Bestrafen ging. Das einzige Erziehungsziel ihrer Eltern schien Gehorchen gewesen zu sein, zwar gab es für schlechte Zensuren die obligatorische Tracht Prügel, aber wenn sie bei schweren Hausaufgaben die Mutter um Rat fragte, wurde sie nicht beachtet oder abgewiesen, und als Lehrer sie wegen ihren guten Leistungen für die Höhere Schule vorschlugen, wurde das abgelehnt, `weil Mädchen so was nicht brauchen.' Es waren noch mehr Geschwister im Haus gewesen, drei Brüder und zwei Schwestern. Wegen der vielen Kinder fehlte es oft am Nötigsten, zumal der Vater soff und oft schon nach dem Lohntütenball kaum noch was hatte, den Rest verlor er dann oft noch beim Skat. Es gab Monate, in denen sie nur von Kartoffeln aus dem eigenen Garten gelebt hatten. Mit den Geschwistern konnte sie nicht gut spielen. Wenn die beim Spielen aus irgendeinem Grund anfingen zu weinen, kam die Mutter und ohrfeigte sie links und rechts, ohne eine Frage zu stellen, denn als älteste wurde sie für alles verantwortlich gemacht. Sie haßte ihre Familie, die Lieblosigkeit der Eltern, die vorgezogenen jüngeren Geschwister, die ewigen Streitereien und Bevormundereien. Als sie als Vierzehnjährige aus der Schule kam, mußte sie in der Fabrik arbeiten. Dort sollte sie nach Meinung ihrer Eltern bleiben, `bis sie eine gute Partie gefunden hätte', außerdem sollte sie sich dort ihre eigene Aussteuer verdienen. Da sie ein hübsches Ding war, wurde man, Männer, auf sie aufmerksam. Da sie ein großes Nachholbedürfnis an Liebe hatte, warf sie sich jedem an den Hals. Bald war sie auch mit ihnen im Bett. Sie genoß es, umworben zu werden, ausgeführt zu werden in feine Restaurants, beschenkt zu werden, geliebt zu werden, Sex. Dann kam Johnny. Er war so anders, wie sie es nannte, so kühn, so selbstbewußt. Als sie mal spät abends vor der Haustür mit ihm knutschte und ihr Alter herausgerannt kam mit 'nem großen Kochlöffel, der zum Umrühren des Schweinedranks und zum Prügeln der Kinder benutzt wurde, hatte Johnny ihm dieses Peinigungsinstrument entwunden und dem Vater über den Kopf gehauen, daß es zerbrach, dann hatte er ihn am Kragen gepackt und sein Sprungmesser rausgeholt und es dem Vater nicht nur drohend unter die Nase gehalten, sondern sogar ein bißchen in die Nasenlöcher reingesteckt. `Wenn du dieses Mädchen noch mal belästigst, zieh ich dir die Haut ab.'

Adjuna konnte dem Mädchen ansehen, wie toll es auch jetzt noch diese Heldentat Johnnies fand.

Das Mädchen berichtete weiter, daß ihre Befürchtung, daß der Vater sie, wenn Johnny weg war, schlagen würde, unbegründet war. Ihr Vater war halt ein Feigling, der nur kleine Kinder schlagen konnte, aber sonst, vor Chefs und Polizei und so, große Angst hatte. Dem Johnny, der extra in der Nähe des Hauses gewartet hatte, konnte sie beruhigt ein Zeichen geben, daß er gehen konnte, denn ihr Alter hatte genug. Im Hause wurde nie darüber gesprochen. Es wurde überhaupt nicht mehr mit ihr gesprochen. Sie wurde überhaupt nicht mehr beachtet. Wenn es zu Hause mal Fleisch gab, bekam sie kein Stück ab, und Nachtisch gab es für sie auch nicht mehr, und außerdem hatten ihre Eltern noch erreicht, daß sie ihren ganzen Lohn direkt von der Fabrik bekamen, den sie dann als Kostgeld behielten. Da hatte sie bei der Fabrik aufgehört zu arbeiten und wollte sich woanders Arbeit suchen, die leichter war und wo sie das Geld behalten konnte, um in eine eigene Wohnung zu ziehen. Da sie kein Kostgeld mehr zahlte, hatten die Eltern sie rausgeworfen, obwohl sie weder eine Bleibe noch eine neue Arbeit hatte. Da blieb ihr nur, zu Johnny zu gehen. Der war auch gerade arbeitslos. Jedenfalls behauptete er das. Der hatte sie dann überredet, hier diese Arbeit zu machen. `Du hast ja früher schon sowas Ähnliches gemacht, als du für Geschenke und schöne Abende in teuren Restaurants mit Männern geschlafen hast. Wenn du jetzt so etwas machst, bekommst du Geld dafür, da bist du doch viel freier, kannst dir kaufen, was du willst, und wir können zusammenleben. Mir macht das nichts aus. Von der Muschi geht beim Bumsen nichts ab, die kann ich danach noch genauso gut gebrauchen, das ist nicht wie beim Bleistift oder Radiergummi', so hatte er damals geredet. Zuerst hatte sie das ja auch gern getan aus Mitleid mit Johnny, der ja sonst auch kein Geld hatte. Aber nach und nach hatte er mehr und mehr Geld behalten, schließlich hatte er ihr ganzes Geld behalten und sie hatte wieder nichts mehr für sich selbst. Als sie dann mehr Geld für sich gefordert hatte, hatte Johnny den Brutalen rausgekehrt und rücksichtslos mit der Faust auf sie eingeschlagen. Als sie dann wegen des schiefen, geschwollenen Mundes und des blauen Auges nur wenig Kundschaft hatte, hatte er sie noch gezwungen, zwei Schichten zu arbeiten. Es wurde immer schlimmer mit Johnny: Massenvergewaltigungen hatte sie von Johnnies Freunden und befreundeten Schlägerbanden ertragen müssen. Einmal hatte man ihr sogar ein Messer dabei an die Kehle gehalten und die Haut dabei geritzt, daß sie am Hals blutete. Ihr Leben war zur Hölle geworden, schlimmer als zu Hause. Einmal sei sie weggelaufen, nach Hause, aber zu Hause hatte man die Tür verriegelt, als man sie gesehen hatte und geschrien, sie solle weggehen, man wolle sie nicht mehr sehen. Dann kamen auch schon Johnnies Freund auf Motorrädern an und hätten sie weggeschleppt. Johnny hatte sie dann wieder brutal geprügelt und sogar mit dem Messer geritzt und gedroht, ihr das nächste Mal die Brüste abzuschneiden. Außerdem mußte sie 24 Stunden hintereinander arbeiten. Am Schlimmsten aber sei alles geworden, als sie herausfand, daß er noch andere Mädchen laufen hatte, und sie nicht einmal seine liebste sei. Irgendwie sei alles für sie zusammengebrochen und sie hatte wieder eine Szene gemacht. Es war ihr alles egal geworden, sie wollte nicht mehr für ihn arbeiten. Es war ihr egal, was seine Freunde, die ihr die Kleider runterrissen und sie über einen Stuhlsitz banden, mit ihr machen würden, sie schrie nur: `Ich arbeite nicht mehr für dich Schwein. Du, Schwein, du, Schwein.' Es war sehr schmerzhaft gewesen, die Eisenruten, auch genannt Totschläger, die brennenden Zigaretten und Zigarren. Aber das Schlimmste, das Grausamste, kam noch. Als sie fertig waren, sagte Johnny: `So, diesmal haben wir nur deinen Arsch bearbeitet, aber das nächste Mal bearbeiten wir dein Gesicht.' Und zu einem der Beistehenden: `Hol mal Elvira!' Und aus dem Nebenzimmer bringen die ein Mädchen, das eine ganz gute Figur hat, enge Hose, modische Jacke, schöne Haare. Ich sehe sie zuerst nur schräg von hinten, nicht ihr Gesicht. Sie hockt sich herunter zu mir. Ich liege immer noch nackt über dem Stuhl angebunden. Immer noch zeigt sie mir nur den Rücken. Sie sagt: `Du willst also nicht mehr für Johnny arbeiten.' Ihre Stimme ist irgendwie komisch. `Ich wäre froh, wenn ich für Johnny arbeiten könnte, aber jetzt geht das natürlich nicht mehr.' Und während sie sagt, `ich war auch mal so ein dummes Ding wie du', dreht sie sich langsam um. Das Grauen packte mich. Ich fing heftig an zu zittern. Ihr Gesicht war völlig vernarbt, wie von Brandwunden, als ob man ihr Gesicht in die Flammen gehalten hatte. Sie bindet dann meine rechte Hand los und hält mir ihr Gesicht hin: `Faß doch mal an!' Es war alles echt. Dann war sie zärtlich zu Johnny und sagte, wie sehr sie ihn liebte, und wie sehr sie gerne alles für ihn tun würde, leider könne sie ja nun nicht mehr auf den Strich gehen, und ich wisse gar nicht, wie glücklich ich sei, wo Johnny sich um mich kümmere und ich ihm noch Gutes tun könne. Johnny sei ein strenger, aber gerechter Herr, dem man dankbar sein solle. Frauen brauchten so einen Herrn.

Adjuna, den schon lange das Grauen gepackt hatte, hatte bisher seine Stirn in die Hand gestützt, aber jetzt horchte er auf - Feuer, Feuer. Eine Frau. Das Feuer erinnerte ihn daran, daß seine Eva einst in einer anderen Welt verbrannt worden war. Und welche Ungeheuerlichkeit, wenn ihr Selbstbewußtsein einen solchen Schaden genommen hätte, daß sie die Schandtat wie jene fremde Frau als Segen empfunden hätte! Adjuna sprang auf, Hände zur Faust geballt.

Das Mädchen neben ihm kleinlaut: "Zur Strafe für meine Auflehnung soll ich 1000 Mark anschaffen, sonst tun sie mir noch mal was an. Deshalb bin ich auch so billig. Viele Male billig bringt mehr, als lange zu warten und teuer zu sein."

"Komm, wir müssen zur Polizei gehen. Die sollen deinem Johnny mal das Handwerk legen. Der Kerl gehört ins Gefängnis." "Nein, nein", protestierte die Kleine.

Ach ja, die Akteure der Großen Freiheit bevorzugten die Gesetze des Dschungels, Faustrecht. Adjuna war bereit, das zu akzeptieren. Er rieb sich die Fäuste. Unter seinen Armen Schutz suchend, führte das Mädchen ihn zu Johnny.

Sie trafen Johnny und seine ganze Sippschaft noch in der Luxuswohnung, in der sie vorhin das Mädchen gequält hatten, an. Feindselig guckten alle das Mädchen und Adjuna an, die uneingeladen eintraten. "Das ist Johnny." Sofort fuhr Adjuna den Zuhälter an: "Was machst du mit Mädchen?" und packte ihn am Revers seiner Jacke und schüttelte ihn durch. "Was ich mit meinen Alten mache, geht dich einen feuchten Dreck an!" schimpfte er mutig, doch als er sah, wie Freunde, die ihm zu Hilfe gesprungen waren, unter beiläufigen Schlägen und Tritten zusammenbrachen, bekam er es mit der Angst.

Dann sah Adjuna die Frau mit dem verbranntnarbten Gesicht und er erinnerte sich wieder an Eva. Er schuppste und schmiß den Zuhälter durch den Raum. Die Frauen, selbst das Mädchen, das er gefreit hatte, jammerten und baten um Erbarmen für Johnny. "Nein, tun Sie das nicht", sagte die Frau mit den Brandnarben. "Kommen Sie, ich muß Ihnen was sagen, kommen Sie mit mir in den Nebenraum."

Was wollte die Frau von Adjuna? Sie wollte ihm die Wahrheit sagen. Aber sie wollte auch dem Johnny nicht das Geschäft vermasseln. Das widerspenstige Mädchen sollte nichts von der Wahrheit hören. Die Wahrheit war, daß Johnny so etwas nicht machte, wie kleinen Mädchen das Gesicht verbrennen. Das Gesicht der Frau war verbrannt, als sie mit einer jenen Maschinen, die die Menschen jener Zeit zur Fortbewegung benutzten, gegen einen Baum gedonnert war.

Als Adjuna sich der Frau zuwenden wollte, zog Johnny eine Schußwaffe aus seiner Jacke und feuerte auf Adjuna. Ein alter Segen der Götter, der den Waffenlosen schützt und den Bewaffneten schlägt, der Krishna leben ließ und Srutayudha erschlug, ließ die Kugel von der Gürtelschnalle abprallen und in Johnnies Unterleib fahren. Johnny verkrampfte sich am Boden, aber Adjuna packte ihn wütend beim Genick und zerrte ihn zum Kamin und stopfte seinen Kopf in die Glut. Dann floh er mit dem Mädchen, mit dem er gekommen war. Sie streubte sich, jammerte und drehte sich oft um.

Mann, in was für einem Blutrausch waren wir!

Hier auf der Großen Freiheit ist noch Leben - wie auf einer Wiese, jeder Grashalm kämpft gegen jeden.

Adjuna eilte wieder zum Tempel, irgendwo unterwegs verschwand das Mädchen in der Menge. Vor sich sah er plötzlich ein anderes Mädchen, das Mädchen, das auf dem Bahnhof der gehörnten Stadt von der besorgten Mutter Abschied genommen hatte. Sie ging Arm in Arm mit einem Johnny die Reeperbahn entlang. Am Tempel nahmen die Beiden voneinander Abschied, und das Mädchen stellte sich zu den Säulenheiligen. Die Heilige von der Nachbarsäule warf dem hübschen Mädchen haßvolle Blicke zu. Aber als das Mädchen, das Adjuna gerade von ihrem Zuhälter befreit hatte, in den Hof kam, begrüßte es den Neuankömmling freundlich. Sichtlich erleichtert schien sie jetzt zu sein, frisch geschminkt, fröhlich gekleidet. Als sie Adjuna sah, lief sie hinzu, bedankte sich und verriet: "Ich bin froh, endlich unabhängig zu sein." Sie küßte ihn auf die Wange und flüsterte: "Für dich mache ich's natürlich den Rest meines Lebens gratis. Komm nur, du weißt ja, wo du mich finden kannst." Endlich nannte sie ihm auch ihren Namen, ihren Allerweltsnamen, Allerweltshurennamen: Lolita.

Am Kreuzgang ging eine Tür auf und heraus kam Luz. "Hallo, Adjuna, entschuldige, ich habe zwei Stunden genommen. Hast du lange gewartet?" "Schon gut, Luz." Adjuna legte den Arm um seine Schulter - "Tschüß, Lolita!" - und gemeinsam gingen sie raus, das heißt, der eine humpelte.

Am offenen Tempeltor stieß Luz mit einem graumelierten Herrn zusammen, dessen fahrige Bewegung und stierer Blick schon seine Erregung verriet.

Das Mädchen aus der gehörnten Stadt: "Da kommt ein armer Mann, der Hilfe braucht beim Samenspucken." Lolita: "Was sind Männer doch für arme Schweine!"


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