Luz und Adjuna waren noch nicht weit gegangen, da sahen sie, wie ein junger Mann in bunten Kleidern von einem Passanten angespuckt wurde.

Adjuna: "Nanu, der Mann hat dich ja angespuckt. Was fällt dem ein!" Der bunte Mann: "Der dachte wahrscheinlich, es ist anständiger, an einem Strichjungen vorbeizugehen und zu spucken, als vorbeizugehen und nicht zu spucken." Adjuna: "Das ist erstaunlich. Ein Strichjunge ist doch anständiger als ein Spucker. Ein Strichjunge schadet niemandem." "Danke."

Die Drei, der bunte Jüngling, Luz und Adjuna, standen also auf dem Bürgersteig. B-ü-r-g-e-r-steig. Sie waren in Feindesland. Bürger? Der junge Mann trug nicht nur bunte Kleider wie ein Harlekin, er hatte auch lange, schön zurecht gemachte Haare und zarte, mädchenhafte Gesichtszüge. Adjuna dagegen war übergroß und übermännlich, sein wohl fünf Meter langes Haar war nach alter, indischer Kriegerart auf seinem Kopf aufgetürmt, außerdem war es pechschwarz, was hier im blonden Norden schon an sich ein Verbrechen war. Luz aber sah am verkommensten aus; strähniges, fettiges Haar hing ihm auf die Schulter; ein vorstehender Spitzbart, stark behaarte Unterarme, seine schiefe Haltung und ungeputzte Schuhe taten ein Übriges. Alle Drei hatten eins gemeinsam: Sie sahen nicht wie Bürger aus. Der Bürgersteig ist für Bürger gemacht. Und Bürger wälzten sich an ihnen vorbei: "Hast du gesehen, was der für Loden hat?" "Der sollte mal zum Friseur!" "Zur Wäscherei." "In die Mülltonne gehört so was." "Hippie." Der Janhagel aber, also die meisten, die riefen, da der Einhodige es so schön vorgemacht hatte: "Euch sollte man vergasen!" oder "Der Einhodige hätte euch vergast!" Das war also die moderne Version von `De hagel sla hem!' Unsere Freunde sollten es noch oft hören, bis sie es nicht mehr hörten, es zur Hintergrundmusik geworden war. Kein Zweifel dieses Volk hatte von nichts gewußt. Schlimmer noch: Es wußte noch immer von nichts.

Weiß überhaupt jemand was?

Adjuna aber fragte den Bunten: "Wer bist du?" "Ich bin eine männliche Prostituierte. Ich nenne mich `leibhaftiger Gott' ..." Luz horchte auf. "...denn ich habe einen Leib und wie ein Gott erfülle ich Wünsche, die besonderen Wünsche meiner Kunden, wie ein Gott bin ich eine Handpuppe, ein bloßer Gegenstand, man liebt nicht mich, man liebt nur seine eigene Projektion, wenn man es mit mir treibt. Ich aber bleibe unbekannt." "Gut", sagte Adjuna, "du nennst dich leibhaftiger Gott, aber wie heißt du wirklich?" "Meine Eltern haben mich Gottlieb getauft, aber den Namen mag ich natürlich nicht. Ich nenne mich übrigens auch `der lebendige Gott' im Gegensatz zum toten Gott, wenn ich fühle, daß ich lebe, aber das passiert nur, wenn ich privat bin." "Ich heiße übrigens Adjuna, und das ist der Leibhaftige." "Ja, ich bin Luzifer, aber du kannst mich wie Adjuna einfach Luz nennen." Kräftiges Handeschütteln allerseits.

Eine neue Heilige-Drei-Einigkeit.

Ob sie uns nun die Rinder wegfressen, oder ob sie uns losschicken, damit wir uns gegenseitig umbringen, Götter sind nichts Gutes, so mag manch einer zu Recht denken, wer aber den lebenden und leibhaftigen Gott bei der Arbeit gesehen hat, der wird wie Adjuna ausrufen: "Einen solchen Gott lob' ich mir, der wirklich aufopferungsbereit ist! Welche Selbstlosigkeit!" Nicht nur tat der Bunte, wie Adjuna ihn auch nannte, tagtäglich alles, um seine Kunden zu befriedigen, und das auf die hingebungsvollste Art, sondern an einem jeden Freitag, nicht nur am Karfreitag oder an einem einzigen Freitag seines Lebens, erlitt er nach einer Gummischwanz-im-Anus-Aufführung auf der Bühne eines Homo-Treffs seine Geißelung an der Säule, ein allwöchentliches Martyrium. Das Volk schrie dann vor Begeisterung und fand schließlich Erlösung. Das Volk schreit immer und will immer Erlösung. Wollen wir das Volk nicht zu sehr verachten, wie gesagt, wir teilen das Menschsein mit jedem einzelnen vom ihm.

Freilich, Götter und Teufel teilen mit niemandem das Menschsein und müssen anders beurteilt werden. Großzügiger oder strenger.

Auch Luz, vom Vorbild des lebendigen Gottes angetan, überwand sein Lampenfieber und half bei der Aufführung - indem er den Gummischwanz ersetzte.

Das scheue Gesicht von einer geilen Teufelsmaske verdeckt, den kongenitalen Pferdeschwanz unter breitem, schwarzem Gürtel versteckt, sein doppelgroßes Glied aber gewaltig vorgestreckt, wurde er schnell zum Publikumsliebling, zum Herbeizauberer von Ekstase, Beifallsstürmen und Massenorgien. So wurde aus dem menschenscheuen

Luz ein Menschenfreund und Freudebereiter.

Das Lokal, oder die Lokalität, dessen Kolorit wir eben so anschaulich geschildert haben, aber hieß Die Heilige Stadt Sodom.

Wo lag dieser heilige Ort nun? Ich kann ihn nicht mehr genau lokalisieren. Ich weiß nur noch, er lag am Bürgersteig. Das heißt, Bürger und Janhagel fluteten an ihm vorbei. Unvermeidlich, daß einige stehen blieben: "Selbst Heiliges ziehen die Schweine in den Dreck." Jan Hagel hatte es mal wieder nicht verstanden: Das vermeintlich Dreckige wurde hier geheiligt.

Adjuna aber blieb bei alledem abseits. Er arbeitete an einem Programm zur Rettung der Menschheit, kontemplatierte über Erlösung, über eine Erlösung, die größer war als die Erlösung vom Samendruck in den Testikeln und vor allen Dingen mehr löste.

Alle halfen mit: Die Bürger halfen mit, indem sie das richtige Stichwort gaben, und selbst die, die die Homos vom Hagel erschlagen haben wollten, oder moderner, vom Einhodigen vergast, waren ihm eine Hilfe, denn genau das war's: Kümmere Dich nicht um Dinge, die niemandem schaden, denn dann schadest Du anderen!

Das sieht ganz nach einem Gebot aus. Und genau das sollte es auch sein: Ein Gebot.

Wem ist das schon mal klargeworden, daß das Starten eines Motores, das Anzünden eines Glimmstengels, übermäßiges Konsumieren und Verzehren, ja sogar auch nur mäßiges, alles irgendwie den Mitmenschen mehr schadet als der perverseste und kotigste Sex unter konsentierenden Partnern.

Adjuna suchte sich gleich eine Kanzel, die er in Form eines Balkons an der Fassade der Heiligen Stadt Sodom fand. Von dort hielt er seine Predigt zum Thema:

Freiheit

Leider wird die Idee der Freiheit von den wenigsten verstanden. Weder die demokratisch gewählte Regierung noch Tante Emma versteht sie. Die Vordenker und Vertreter des freien Westens haben es versäumt, Freiheit zu wagen, sondern die Freiheit auf einen bedeutungslosen Wahlvorgang beschränkt.

Freiheit verlangt Opfer. Und viele haben sich geopfert für unsere Freiheit. Doch das ist lange her. Früher opferte man sein Leben, heute nicht einmal seinen Posten. Alle Lügen der Welt müssen herhalten als Klammer an die geliebte Machtposition. Doch wer sich festklammert und gezwungen ist zu lügen, ist nicht frei.

Laßt mich erklären, was ich unter Freiheit verstehe: Wie so vieles beginnt auch die Freiheit ganz klein.

Wer ein Neugeborenes Kopf runterhängend auf den Hintern haut, versteht nichts von Freiheit, sondern begeht eine Vergewaltigung, ebenso wer ein Baby gewaltsam entwöhnen will. Weiter muß man dem Kind die Freiheit lassen, ob es was werden will oder nicht und was. Ob Müllmann oder Mediziner, Hure oder Nonne, die Berufswahl ist Sache des Kindes, die Eltern können höchstens raten, aber nichts erzwingen.

Man muß also dem Kind die Entscheidung überlassen, ob und was es lernen will. Leider wird den Kindern der Wunsch zu lernen, oft von Lehrern, die die Freiheit des Kindes und oft auch die der Eltern nicht ehren, genommen, oft unter dem Vorwand doch nur das Beste zu wollen", was gerade das Schlimmste ist, nämlich aller Übel und aller Unfreiheit Anfang.

Zu entscheiden, was das Beste für einen Menschen ist, das Recht hat nur einer, nämlich der entsprechende Mensch selbst. Und wenn er auf dem Fenstersims steht und runterspringen will, wir dürfen ihn nicht aufhalten. Wer sagt uns denn, daß das nicht das Beste für ihn ist.

Nicht kaltherzig entwickele ich hier meine Theorien, sondern ich stelle mir dabei vor, daß die liebsten Menschen, die ich auf dieser Welt hatte, nämlich meine Frau Eva und das Kind, mit dem sie schwanger war, sich zu diesem Schritt entschlossen hätten. Leider wurden Beide von Feinden der Freiheit, des Freitodes und jeden anderen guten und schönen Todes ermordet, was unverzeihlich ist. Hätten sie selbst jedoch sterben wollen, wie sehr ich sie auch vermißt hätte, so hätte ich doch ihre Freiheit zu gehen geehrt und behalte mir das gleiche Recht vor.

In einer Gesellschaft, wo die Freiheit so weit respektiert wird, wird es natürlich weniger Selbstmordversuche geben. Wie es überhaupt weniger Versuche geben wird, die Verantwortung für das eigene Leben anderen zu überlassen.

Freiheit hat Grenzen. Das Reich der Freiheit endet da, wo der Schaden des anderen beginnt und nur da. Wie wenig das verstanden wird, will ich an einigen Beispielen und Gegenüberstellungen verdeutlichen:

Wir gehen also hinaus und sehen uns um. Ah, die Straße ist gerade frei, schnell rüber. Das kostet aber Strafe, sagt der Polizist, die Ampel war rot.

Als Fußgänger hatten wir also Pech, nehmen wir also lieber ein Auto oder ein Motorrad. Doch auch hier müssen wir den großen Bevormundern Folge leisten, haben sie doch entschieden, daß es zu unserm Besten ist, wenn wir uns anschnallen bzw. einen Helm tragen. Man hält uns für zu unreif, selbst abzuwägen zwischen den zusätzlichen Kosten, dem Eingeengtsein, dem schwitzenden Kopf und dem geringeren

Verletzungsrisiko. Und so lernen wir es wirklich nicht, frei zu sein, sondern nur, stur Regeln zu folgen. Im Verkehr merkt man es besonders. Obwohl die Situation immer eine andere ist und Anpassung und Abwägung verlangen, sind Vorschriften und Verbote unveränderlich. Eine sichere Geschwindigkeit hängt von Faktoren wie Verkehrsaufkommen, Wagentyp, Erfahrung und Alter des Fahrers etc. ab, doch man vertraut die Entscheidung darüber lieber einem runden Stück Blech an und nicht uns selbst.

Der Luxus anderen vorzuschreiben, was gut für sie ist, also ihre Freiheit nicht zu respektieren, kostet einer Unmenge Leute das Leben und dient der Unterwelt. Diese Behauptung erstaunt sicher.

Es gibt Leute - und warum sie so sind, darüber kann man nur spekulieren, daran, daß man ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Leben anvertraut hat, daran kann es nicht liegen, denn man hat es nicht getan - diese Leute haben eine große Sehnsucht, sich zu vergiften, nicht schnell, sondern immer wieder ein bißchen. Da sie sich dieses Rauschgift, das sie brauchen, nicht auf dem freien Markt billig besorgen können, müssen sie horrende Unterweltpreise zahlen, was sie nicht nur all zu oft zu Raubmördern werden läßt, sondern auch noch ein Gangstertum aufblühen läßt, dem ein Menschenleben nichts wert ist. Dabei stört dieser Akt, das Rauschgift in die Vene zu spritzen, einen Mitmenschen weniger als Rauchen, das für einen nebenstehenden Nichtraucher sehr unangenehm sein kann und immer ein Angriff auf sein Wohlbefinden ist. Ein Gebot der Vernunft wäre es also, Rauschgift zu legalisieren und das Rauchen in der Öffentlichkeit zu verbieten.

Die größten Feinde der Freiheit sind Moral und Moraltheologen, aber auch Tante Emma und die anderen Klatschbasen kommen hier zu Wort. Denn es ist nichts anderes, als die Freiheit mit Füßen zu treten, wenn man sagt: "Mit wem läuft die denn da schon wieder. Die hat auch jede Woche einen anderen." oder "Was für ein Kleid die anhat, und was für eine Frisur! Schrecklich!" oder "Der soll ja schwul sein." oder ... oder ... oder ... Ein jeder frage sich mal, ob er frei davon ist.

Klatsch ist schlimm, aber einen größeren Fußtritt versetzen die Moraltheologen der Freiheit mit ihrer Moral, mit ihrer sexualfeindlichen Moral. Oh, wie sehr bedaure ich die Menschheit, daß sie noch immer ein Moralsystem mit sich herumschleppt, das aus der Zeit zu stammen scheint, als der Mensch gerade laufen lernte und ein übergroßes Bedürfnis hatte, sich vom Tier zu unterscheiden. Und seine Sexualität schien ihm das tierischste an ihm zu sein, weshalb er sie verdammte, nicht bloß bei sich selbst, sondern auch bei anderen.

Wer keusch leben möchte, soll keusch leben, sich aber nicht wundern, wenn er dabei verrückt wird. Und wem die Missionarsstellung das einzig Wahre ist, der möge damit glücklich werden. Das ist seine Freiheit.

Das Sexualvergnügen, die Einwilligung des Partners vorausgesetzt, ist doch das Vergnügen, mit dem man am wenigsten Schaden anrichtet. Welche Perversitäten sich die Partner auch ausdenken, es ist harmloser als konsumieren, Auto fahren, eine Flugreise, was ja alles auch Umweltverschmutzung und Rohstoffverschwendung bedeutet.

Jede Prostituierte hat einen ehrlicheren Beruf als ein Moraltheologe. Während die Prostituierte ehrlich ihre Ware an einen Nachfrager verkauft, geht der Moraltheologe herum und will anderen ein schlechtes Gewissen aufzwingen.

Die Freiheit endet da, wo der Schaden des anderen beginnt und nur da. Legalisiert die Prostitution, aber verbietet die Moraltheologen.

Die Verwirklichung einer solchen Freiheit wird Opfer mit sich bringen, nicht nur Verkehrsopfer, aber letzten Endes wird sie einen verantwortlicheren Menschen hervorbringen und eine Gesellschaft, die mit einem Minimum am Vorschriften besser funktioniert als unsere gegenwärtige mit ihrer unüberschaubaren Menge an Gesetzen.

Doch wohin fiel Adjunas Saat? Unten war nur Asphalt, Bürgersteig und

Spreu - und Sakramenter.


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