Adjunas Zehn Neue Gebote

Adjuna juckte sich am Kopf. Er freute sich über das eine Gebot, das er gefunden hatte, und dachte nach, ob es wohl noch mehr gebe.

Zum Vergleich nahm er sich die zehn Gebote der Konkurrenz vor: Nummer eins. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Daraus könnte man vielleicht machen: Du sollst keine Götter haben.

Aber dann verwarf er das wieder. Blödsinn!

Jahwe verschwendet am Anfang zu viele Wörter für die eigene Bebauchpinselung. Wollen wir nicht den gleichen Fehler begehen und Wörter für verbale Arschtritte verschwenden.

Was hat Jahwe denn noch verzapft? Sabbat heiligen. Unsinn. Ist doch nicht jeder am siebten Tag müde!

Vater und Mutter ehren. Ehre, wem Ehre gebührt! Ich habe schon zuviel von dieser Welt gesehen, um nicht zu wissen, daß manch ein armes Kind Dummheit und Brutalität zu Eltern hat. Bringt nicht jeder Hans und Franz Kinder zur Welt, aber weder Hans und Franz noch Dummheit und Brutalität verdienen Ehre in dieser Welt.

Was noch? Dieser Superverbrecher erzählt uns, nicht zu stehlen und zu töten.

Nicht stehlen, nicht töten, gut, aber nicht gut aus Gottes Mund; wer hat mehr gemordet und geraubt?

Stehlen wir freilich der Menschheit ihren Gott, ...

oder töten wir Gott, ...

ein solcher Diebstahl oder Göttermord wäre ...

das Beste überhaupt, das ein Mensch auf dieser Erde vollbringen könnte.

Nummer zehn: ... Weib und Mobiliar...

Ach, das ist ja alles gar nicht zu gebrauchen. Wir Menschen müssen selbst denken.

Gebot Nummer eins: Denke!

Adjuna, denke! Du mußt noch mehr Gebote finden. Denke, denke, denke!

Wie wäre es mit...

Schade nicht!

Schade niemandem und nichts!

Schade niemandem und nichts, nur Gespenstern!?

Noch nicht gut.

Schade niemandem und nichts, nur den Schädlingen!

Das wird gehen. ...und alles, was nicht schadet, ist erlaubt.

Mußt Du schaden, so laß den Schaden so gering wie möglich sein.

Das wäre dann das dritte Gebot. Als viertes Gebot nehmen wir, was wir zuerst gefunden haben: Kümmere Dich nicht um Dinge, die niemandem schaden, denn dann schadest Du anderen!

Fünftens: Die Menschen sind nicht gleich, aber jeder hat gleiche Rechte.

Sechstens: Jeder Mensch trägt die Verantwortung für sich und sein eigenes Handeln.

Vielleicht sollte ich auch etwas über den Besitz sagen.

Siebtens: Jedem gehört, was er sich erarbeitet hat, geschenkt bekommen oder geerbt hat.

Oh, und für die, die dem Reichen alles wegnehmen wollen, weil sie glauben, nur Reichtum macht glücklich, brauchen wir noch extra ein Gebot. Puh, gar nicht so leicht, Gott zu spielen. Woran man alles denken muß! Also Nummäääh ---

acht: Seid nicht neidisch!

Oh, und noch was Wichtiges zum Besitz. Wie war das doch mit Frau und Mobiliar?

Neun: Ein Mensch... Soll ich nun für Christen extra betonen, da auch Frauen damit gemeint sind? Oh, mein Gott, ist das kompliziert! Und für Sklavenhalter, daß auch Schwarze dazu gehören? Sicher nähme man mir das übel und spräche von Diskriminierung. Wenn Jahwe es erlaubt, daß man Sklaven langsam totprügelt1, so kreidet ihm das niemand an, bloß weil er etabliert ist und überall seine Gehirnwäscher hat. Welche Unrechtigkeit! Mich wird man zerreißen, aber ich reiße zurück.

1 siehe zweites Buch Moses 20, 21

Das neunte Gebot heißt also: Ein Mensch gehört niemandem, außer sich selbst.

Und als letztes müssen wir noch mit den Pflichten aufräumen, hatten die Götter, allen voran Jahwe, es doch so groß mit den Pflichten. Pflichten wie: Rinderopfern, Beweihräuchern, Bußetun, Beten und Beichten, Kirchensteuernzahlen.

Das zehnte Gebot: Es gibt keine Pflichten, außer den Pflichten, die man freiwillig eingegangen ist.

Daraus könnte man dann auch eine Pflicht für die Aufzucht der Kinder ableiten, die man nach der freien Entscheidung, nicht zu verhüten oder abzutreiben, zur Welt gebracht hat. Natürlich, der Elternteil, der das Kind will, muß für das Kind sorgen und die Kosten dafür allein tragen, wenn der andere die Abtreibung will oder zumindest das Kind nicht will. Die Frau darf natürlich nicht vom Mann zum Austragen gezwungen werden. Die Entscheidung darüber liegt nur bei der Frau, denn das Kind wächst immer noch in ihrem Bauch.

Wenn die Forschung so weit ist, daß sie künstliche Gebärmütter zum Austragen der Kinder entwickelt hat, können wir auf den Bauch der Frauen verzichten, was sicher von den meisten Frauen mit Erleichterung begrüßt werden wird und auch Männer können dann Vater werden ohne Frauen oder Einverständnis von Frauen, bloß ne Eizelle müßten sie sich natürlich besorgen.

Als Luz und der Bunte zurückkamen - sie wohnten jetzt alle Drei in einer gemeinsamen Wohnung -, zeigte Adjuna ihnen seine zehn Gebote. Doch die Beiden hatten Einwände: Warum zehn? Wir wollen doch besser sein. Warum nicht elf? Oder warum nicht nur eins? Ein klares Gebot für alles. Es stellte sich heraus, daß der Bunte die Höhere Schule besucht hatte: "Ja, eins", meinte er, "ein oberstes Sittengesetz. Kants Kategorischer Imperativ zum Beispiel: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

"So, so", spöttelte Adjuna, "du bist also ein Gott, der für die Aufklärung ist. Aber weißt du auch, daß Kant noch mehr gesagt hat, zum Beispiel auch öfters: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Das ist auch mein Anliegen, und mit meinem ersten Gebot habe ich das Gleiche ausgedrückt, allerding knapper und imperativer."

Jetzt kam Luz mit einer volkstümlicheren Version: "Tue deinem Nächsten, was du möchtest, das er dir tue", und der Bunte nickte zustimmend. Adjuna aber sagte streng: "Gottlieb, ein Masochist wie du sollte doch als erster erkennen, daß so etwas nicht ein allgemeines Gesetz sein kann. Wenn man Gesetze macht, darf man den Menschen nicht auf sein eigenes Wünschen, Wollen und Handeln zurückwerfen und von ihm verlangen, daß er das zum Maßstab aller Dinge macht. Wenn ihr so weiter macht, dann sind wir bald über Wie-du-mir-So-ich-dir wieder beim alten Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn. Nein, so geht es nicht, wir müssen denken und wir dürfen nicht schaden. Aber viele Dinge stellen sich uns in den Weg - uns und der Menschheit auf ihrem Weg ins Glück: Religionen, Ideologien, Nationen, Vaterländer, Muttersprachen, Sprachbarrieren und was sonst noch alles Menschen von Menschen trennt. Religionen und Ideologien müssen wir loswerden und da hilft nur eigenes Denken, jeder muß lernen, geistig frei zu sein. Aber Kant hat richtig erkannt, Faulheit und Feigheit sind die größten Assistenten der geistigen Bevormunder. Die Unmündigkeit trägt immer den Sieg davon. Ein harter Kampf liegt also vor uns, wenn wir diesmal nicht siegen, bedeutet das der Untergang der Menschheit - mindestens. Nationen, Vaterländer, Muttersprachen, Sprachbarrieren, Rassen, alles, was die Menschheit teilt, müssen ebenfalls verschwinden. Wir brauchen nur eine Sprache, egal welche, bloß eine, eine einzige, damit wir uns überhaupt erst einmal alle verstehen. Grenzen brauchen wir nicht. Wieviel Elend haben schon Grenzen geschaffen! Wie viele Menschenleben hat schon das Verschieben der Grenzen - oft nur um ein kleines Stück - gekostet? Hunderttausende, Millionen! Und diese lächerlichen Grenzen werden noch viel mehr kosten, wenn wir sie nicht abschaffen! Wir müssen lernen, eine Menschheit zu sein. Wir brauchen das Gegenteil von dem, was der Einhodige wollte, Rassenmischung statt Rassenreinheit. Zwar kann man niemanden zwingen, seinen Ehepartner unter einer anderen Rasse zu suchen, aber man sollte alles tun, um eine solche Verbindung attraktiv zu machen. Mischt die Rassen, mischt die Völker, bis, wo immer sich eine Menschenmenge sammelt, ein buntes Feld aller Hautschattierungen entsteht, und nirgends mehr nur Bleichgesichter oder Schwarze zu sehen sind."

"Früher haben Fürsten und Könige ihre Untertanen geeinigt, indem sie auf einen äußeren Feind aufmerksam machten. Vielleicht könnten wir uns eines ähnlichen Tricks bedienen?" "Ja, ein Angriff der Götter zum Beispiel." "Dann hauen sie dich als ersten tot." "Ich würde mich rechtzeitig Gottfeind nennen." "Aber trotzdem geht es nicht. Einmal würden die Leute es nicht glauben. Selbst die Blödsten sind heutzutage nicht so blöde, einem Propheten zu glauben, der nicht mindestens vor zweitausend Jahren gelebt hat. Und zweitens geben sich die Leute bei Göttern sofort auf." "Wie wäre es denn mit außerirdischen Wesen, wir könnten gefährliche Piraten von andern Planeten spielen, Marsmenschen zum Beispiel." "Aber Luz, weißt du denn gar nicht, daß heutzutage schon jeder weiß, daß die anderen Planeten unbewohnt sind." "Dann eben von einer anderen Galaxis." "Sonnensystem täte es auch. - Da fällt mir ein, in England macht irgend jemand große magische Zirkel und Zeichen auf Kornfelder, und die Leute glauben an fliegende Untertassen, vielleicht können wir sowas auch in der Umgebung von Hamburg machen, vielleicht mit einer bedrohlichen Mitteilung, nicht zu schwer zu entschlüsseln."

Adjuna aber bestand darauf, er wolle keine Tricks und seine Gegner nicht austricksen, sondern durch Argumente und Aufklärung überzeugen. So fuhren Luz und der Bunte alleine aufs Land.

Während die Beiden also der Menschheit einen Streich spielen wollten und mit ihrem neuen Bären sicher nur ein Übertreten von Adjunas erstem Gebot erreichen werden, machte Adjuna sich auf, um die Zehn Gebote der Neuzeit drucken zu lassen, zu verteilen und zu erklären. Es war mühselige Arbeit, alles zu organisieren, und Adjuna verfluchte im Stillen seine beiden Mitstreiter, die sich aus dem Staub gemacht hatten, um irgendwelchen Schabernack zu treiben. Aber jetzt hielt er endlich seine Flugblätter mit den Zehn Geboten der Neuzeit in den Händen und war zufrieden wie Jahweh, bevor er die Menschen schuf.

1. Denke!

2. Schade niemandem und nichts, nur den Schädlingen!

3. Alles, was nicht schadet, ist erlaubt.

4. Kümmere Dich nicht um Dinge, die niemandem schaden, denn dann schadest Du anderen.

5. Die Menschen sind nicht gleich, aber jeder hat gleiche Rechte.

6. Jeder Mensch trägt die Verantwortung für sich und sein eigenes Handeln.

7. Jedem gehört, was er sich erarbeitet hat, geschenkt bekommen oder geerbt hat.

8. Seid nicht neidisch!

9. Ein Mensch gehört niemandem, außer sich selbst.

10. Es gibt keine Pflichten, außer den Pflichten, die man freiwillig eingegangen ist.



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