Adjuna hatte sich ein sehr irdisches Paradies ausgesucht, um seine Mission zu beginnen, das Fußgängerparadies der Mönckebergstraße. Irgendwo mußte er ja anfangen und da die Schöpfungsmythen der Welt meist von einem paradiesischen Urzustand berichten, war die Ortswahl sicher nicht so unangebracht. In gewisser Hinsicht war dieses Paradies dem Garten Eden sogar überlegen: Es verfügte zum Beispiel über ein größeres Warenangebot und alle Waren standen für einen mehr oder weniger fairen Preis jedem zur Verfügung, ohne daß es notwendig war, dem Chef zu schmeicheln. Auch Musik gab es im Fußgängerparadies, zwar hörte man nicht die Engel singen, aber das machte nichts. Für mehr Stimmung als monotoner Engelsingsang sorgten hier Bänkelsänger mit ihren Moritaten, Blumenkinder, die auf der Gitarre herumhackten, eine Musikstudentin, die die Querflöte spielte, ein alter Seemann mit dem Schifferklavier und jemand, der so unmusikalisch war wie der Autor dieses Buches, und der an dem einzigen Instrument, das er spielen konnte, herumdrehte - ein Drehorganist, Leierkastenmann.
Adjuna war nicht der einzige, der die Welt verbessern wollte. Gleich zu Beginn ermahnte jemand die Menschen, die Bibel genau zu lesen. Adjuna dachte schon einen Gleichgesinnten gefunden zu haben: "Genau, genau, man muß die Bibel genau lesen und nicht darauf hören, was Priester einem vom Christentum erzählen, dann wird man merken, auf was für einem Unsinn und Menschenhaß das Ganze basiert." Aber der Mann mit dem Wachturm-Heftchen hatte was ganz anderes gemeint, nämlich die absolute Unterordnung des Menschen unter Gottes Willen, selbst da noch, wo Gottes Wille nicht ganz klar war, wie bei lebensrettenden Bluttransfusionen, denn der gute Gott oder seine Erfinder hatten natürlich nichts von den Möglichkeiten einer Bluttransfusion geahnt und lediglich das Bluttrinken verboten. Der brave
Zeuge Gottes wollte aber lieber sich und seine geliebte Familie sterben lassen, als gegen Gottes vermeintlichen Willen handeln, allerdings Rinder oder zumindest Kleinvieh opfern, wie in der Bibel ausdrücklich vorgeschrieben, wollte selbst er nicht. Die Stinkerei von brennenden Tierkadavern hätte ihm auch sicherlich jeder in der Einkaufstraße übelgenommen. Außerdem warnte er vor der letzten Schlacht von Harmagedon, die er gleichzeitig herbeizusehnen schien. Vielleicht hoffte er bei seiner Frömmigkeit dieses Blutrausch-Austoben Gottes zu überleben. Danach sollte jedenfalls alles viel besser werden, selbst Löwen würden keine Lämmer mehr fressen, sondern Gras. Auf Adjunas Einwendung, daß die armen Viecher mit solcher Diet sicher nicht glücklich würden, sagte der Zeuge: "Während des letzten Krieges, als der Zoo kein Fleisch hatte, hat man den Löwen auch Gemüse gegeben und sie haben überlebt. Das beweist, daß Löwen sehr wohl ohne Fleisch leben können."1 Uff, das war eine harte Landung nach den Höhenflügen ins Reich des Fantastischen.
1 Tatsächliche
Äußerung eines Missionars der Religionsgemeinschaft der Zeugen
Jehowas mir gegenüber auf meine Einwendung hinsichtlich der
vegetarischen Diet für Löwen in der Nach-Harmagedon-Zeit. Ich
möchte an dieser Stelle betonen, daß das von mir so oft
gezeichnete Bild eines wenn angegriffen, sofort aggressiv
reagierenden Christen auf Zeugen Jehowas nicht zutrifft, wie
jeder, der diese höflichen und friedlichen Menschen einmal
wütend von seiner Haustür verjagt hat, wird bestätigen
können. Wie es allerdings sein wird, wenn diese getretene
Minderheit einmal die Mehrheit bildet und die Macht im Staate
hat, darüber kann man nur spekulieren; Geschichtskenntnisse
helfen. Macht korrumpiert. Macht korrumpiert Menschen. Macht
macht korrupt.
Adjuna, mit beiden Beinen auf dem Boden stehend, war klar, daß mit Bußetun und Beten kein Harmagedon verhindert oder verbessert werden konnte, sondern daß es gerade die Religionen, besonders die Niemand-sei-neben-mir-Religionen waren, die die Welt in die Apokalypse trieben. Götter, für die es das Wichtigste ist, das niemand neben ihnen ist, können nur die Vernichtung der anderen wollen und jeder, der solche Götter anbetet, egal ob kniend in der Kirche oder fünfmal pro Tag mit gehobenem Hintern in der Wüste, wird, wenn er die Macht hat, zur selben Erkenntnis kommen und vernichten wollen.
Oh, laß den Kelch an uns vorübergehen; Religion und Jenseitsfaszination gemischt mit moderner Waffentechnik ergibt ein tödliches Gesöff.
Adjuna predigte also die Anti-Religion, verglich seine zehn Gebote mit denen der Bibel, erlaubte ausdrücklich das Ehebrechen, oder viel mehr, trat gleich für Freie Liebe ein, ein freies Zusammenleben ohne Zwang und warnte immer wieder vor der Intoleranz der Religion und der Macht der Kirchen. Da stellte jemand die Gretchenfrage: "Willst du die Religion nicht tolerieren?" Natürlich wollte Adjuna das. Wie an jeder Liebesbeziehung so ist auch an einer Liebesbeziehung zu Gott nichts auszusetzen, wenn man nicht seinen Nachbarn stört. Aber das war es ja gerade. Ein normaler Mensch, dem Schweinefleisch nicht schmeckt oder zu ungesund ist, der wird keins essen und damit hat's sich; ein religiöser Mensch aber, dem das Schweinefleisch vielleicht sogar schmecken würde und der sowieso keine Ahnung hat von Sutoxine und Skrofulose, will, allein weil sein Gott es gesagt hat, Schweinefleisch für alle verboten wissen, genauso werden berauschende Getränke, Nacktheit, Sex, ja sogar Sonntagsarbeit unterdrückt, vor allen Dingen aber freies Denken und Glücklichsein, nach eigner Faon Glücklichsein.
Dieses Nach-eigner-Faon-Glücklichsein und Glücklichseinlassen lag Adjuna besonders am Herzen. Wenn die Menschheit das gelernt hat, wird sie sich nicht mehr totschlagen.
"Ja, dürfen die Priester denn nicht mehr predigen?" "Sie dürfen. Aber wir dürfen es auch. Unsere Stimme muß man auch hören. In den Medien und überall. Chancengleichheit. Zwar haben wir es schwerer - die haben ne Hölle, mit der sie drohen können, wir stehen mit leeren Händen da - aber am Ende werden wir siegen. Zunächst aber müssen wir erreichen, daß die nicht mehr ihre Gehirnwäscher auf hilflose, eine Kinder loslassen dürfen, oder zumindest auch der freie Mensch den Kindern lehren darf, damit bei denen nicht das Licht ganz ausgeht. Wenn die nicht die Menschheit Jahrhunderte lang dumm gehalten hätten, wo ständen wir jetzt! Selbst hier und heute ist der Mangel an ehrlicher Information in früher Kindheit das Haupthindernis für eine Verständigung zwischen Euch und mir und mit Andersdenkenden überhaupt. Ja, nicht nur blutige Verbrechen haben die auf dem Kerbholz!" Aber sie wußten nicht, was er meinte.
"Noch eine Gretchen-Frage: Du sagst, du willst alles tolerieren. Willst du etwa auch die Faschisten tolerieren, die neuen Nazis?" "Richtig! Neue, braune Scheiße, oder richtiger Scheißer - wer braun zur Farbe hat, braucht sich über solche Verwechselungen wirklich nicht zu wundern - dürfen nicht ausgegrenzt werden. `Verbot oder gar Tod den Faschisten' ist selbst ein faschistischer Akt. Die sagen, was sie denken, und wir sagen was dagegen. Zwang und Gewalt muß man vermeiden, solange es eben geht. Zwang und Gewalt sind gefährliche Zwickmühlen. Mit jedem Zwicken werden sie schlimmer, bis alles bezwungen ist, ein jeder in Zwangsjacke. Was soll man denn machen, mit den neuen Faschisten? Umbringen kann man sie doch nicht für ihre Meinung, und wenn man sie verbietet, so sind sie trotzdem da, aber weil man sie nicht hört und sieht, erhalten sie keine Antwort mehr und brodeln im geheimen Kämmerlein vor sich hin und werden radikaler und gefährlicher. Die ganze Gesellschaft aber verlernt die geistige Auseinandersetzung. Wo der Geist nicht funktioniert, schlägt man leichter zu. Sehen wir uns doch noch einmal den Einhodigen und seine Horden an. Sicher, sie waren nur schlecht, das sagt heute jeder, und was hat es da noch Sinn, Lehren zu erteilen?
Doch was waren ihre Fehler? Großmacht-Fantastereien zu erliegen, Instinkten und niedrigen Gefühlen wie Haß und Vaterlandsliebe zu folgen, Selbstüberschätzung, ein Mangel an Menschlichkeit.
Man wollte Übermensch sein, aber schaffte nur Untermenschen. Man schaffte es bis zur untersten Stufe des Untermenschen, noch tiefer ging es nicht. Übermensch wird man nur durch seine Humanität, nie durch Bestialität. Um Übermensch zu werden, muß man die kleinen menschlichen Schwächen wie Macht, Ruhm und Gier besiegen, aber auch seine Müdigkeit und Trägheit, man muß mehr arbeiten und denken als menschenmöglich, man darf sich auch nicht selbst Übermensch nennen, denn dann wäre man einer menschlichen Schwäche erlegen, sondern man muß warten, nein, man darf nicht einmal darauf warten, es muß von selbst kommen, daß andere vor Bewunderung `Übermensch' sagen, aber wenn die Zeitgenossen so etwas sagen, dann weiß man, man hat es nicht geschafft, sondern ist eine bloße Mode, es muß schon die Nachwelt sein, nur sie kann diesen Titel vergeben, und da auch nur ihre besten Denker. Nur Denken schafft Übermenschen, nur der Denker kann über seiner Zeit stehen, über Tradition, Religion und selbst über den vom genetischen Kode aufgezwungenen Beschränkungen.
Fantasie ist gut, Fantasieren schon schlechter,
aber das Fantasierte über die Realität zu stellen, ist
Irresein."
Tagtäglich, mit der Zuverlässigkeit eines Apolls, der jeden Morgen den Sonnenwagen vom östlichen Horizont hochzieht, predigte Adjuna den Menschen, um ihnen die Götter zu nehmen und ihre eigene vermeintliche Göttlichkeit oder Göttergleichheit.
"Die Menschen sind Narren und sie danken Gott noch dafür. Sie denken, Gott kümmert sich um sie, ist auf ihrer Seite und hat alles für sie geschaffen, und sie selbst sind ein Image Gottes. Doch schon dem Moses hat Gott nur seinen Arsch gezeigt1, wieviel weniger wird er einem anderen ein freundliches Gesicht zeigen." Da schimpfte jemand aus dem Publikum: "Gott war natürlich schicklich gekleidet.2" Mit anderen Worten: Gott hatte seinen Arsch eingekleidet und das recht ordentlich. Andere schrien: "Gotteslästerung!" Zum Glück lief keiner zur Polizei.
1 Zweites Buch Moses 33:23
2 Diesen Einwand brachte tatsächlich ein baptistischer Missionar vor in einer Auseinandersetzung mit mir in einem Tokioer Wochenblatt, nachdem ich behauptet hatte, daß die Bibel Unschicklichkeiten enthalte, und als Beispiel unter anderem 2. Moses 33:23 vorgebracht hatte. (Tokyo Weekender, 27. Juli 1990)
Ei, bei welchem Schneider läßt ER denn
anfertigen?
"Gotteslästerung ist Blödsinn, Gott kann man nicht beleidigen, Gott ist eine literarische Kreation, es ist klar, daß etwas, was bloß auf dem Papier steht, nicht beleidigt werden kann. Wer Ohren hat, der höre: Papier hat keine Ohren, und was schwarz auf weiß auf Papier steht, auch nicht!"
Dieser Ausflug in die Realität war alles, was sich Adjuna leistete, schon flog er wieder auf und davon, ein Don Quichotte, Windmühlen bekämpfen und doch eine reale Gefahr.
"Der Mensch hat Gott nicht zu danken, der Mensch hat sich alles selbst zu verdanken, alles selbst erarbeitet. Die Haie, ja, die mögen Gott danken, daß er Schiffe untergehen läßt, so daß sie leckeres Menschenfleisch bekommen, und sie schütteln berechtigt den Kopf über die Menschen, die so eifrig im Sturm gebetet hatten. Gott ist ein Hai, das ist doch klar, sagen die Haie. - Selbst die Darmwürmer haben ihren Darmwürmergott, der die Mastdarmöffnung der Menschen so empfindlich gemacht hat, daß, wenn die Darmwürmer dort ihre Eier ablegen, es juckt und die Menschen sich dort kratzen und die Eier an ihren Händen bleiben, von wo sie dann irgendwann durch den Verdauungstrakt wieder ins Darmparadies kommen. Selbst das kleine Jesus Kind, als es im schmutzigen Stall lag, wurde von Darmparasiten heimgesucht. Die Evangelisten haben es nur versäumt zu überliefern."
Jetzt wurde Adjuna wieder sachlicher: "Schon Xenophanes von Kolophon, und der lebte lange, lange Zeit vor der Verdummung durch das Christentum, lehrte: Afrikanische Götter haben platte Nasen und dunkle Haut, die Götter der nordischen Völker sind bleich und haben blondes Haar und blaue Augen. Wenn die Ochsen und Esel malen könnten, dann würden sie ihre Götter als Ochsen und Esel malen."
An dieser Stelle griff ein Pfaffe belehrend ein: "Voraussetzung ist nicht nur, daß sie malen können, sondern auch, daß sie denken können."
Adjuna: "Wenn sie freilich denken könnten, dann hätten sie gar keine Götter."
So behielt er das letzte Wort, eine Seltenheit in christlicher Umgebung, wo man sonst rechtzeitig ausschaltet, die Mikrophone zum Beispiel, oder sonst wie das Wort abschneidet oder nicht mehr druckt. Früher, jedoch vor nicht zu langer Zeit, hat man freilich die Zunge abgeschnitten und das Leben ausgehaucht, vergeßt das nicht!
Glaubt, was ihr wollt, aber vergeßt nicht,
Religionsfreiheit gibt es nur da, wo keine Pfaffen einem einen
Glauben aufzwingen.
Und Adjuna wiederholte in seinen Predigten Erkenntnisse, die er schon früher erkannt hatte, schon lange gekannt hatte. Und er wiederholte seine Predigten und wiederholte die Wiederholungen. Menschen muß man immer alles wiederholen, immer wieder wiederholen, sonst lernen sie es nicht, behalten es nicht, vergessen's.
"Was unterscheidet Mensch und Tier voneinander? Wenn sich der Mensch schneidet, blutet er, und wenn sein Herz steht, ist er tot, und wenn er ein Heilserum braucht, so benutzt er im Körper eines Tieres, sei es Ratte, Pferd oder Karnickel, gebildete Antikörper, Antitoxine, und wenn der Mensch wissen will, ob sein Weibchen schwanger ist, prüft er die Wirkung seiner Hormone auf die Eierstöcke eines Frosches. Aber der Mensch besitzt doch Verständigung, Kommunikation, sagen die einen. `Sooo', sage ich dann, und ziehe dabei das O ordentlich lang, `fast möchte ich das Gegenteil behaupten, wenn uns irgend etwas von den Tieren unterscheidet, so mußt es das Unverständnis sein, mit dem wir unseren Artgenossen begegnen.' Die Tiere haben ihr Weltverständnis und eine gesunde Verständigung untereinander, etwas, das uns verloren gegangen ist. Die Tiere würden noch lange weiterexistieren, wenn wir nicht wären. Wie einmal ein Geflügelzüchter, der seine Viecher gut beobachtet hatte, sagte: Reinen Unsinn zu glauben, ist ein Privileg der Menschen.1 Und tatsächlich wie die Hühner ihre Körner pickten und die Enten ihr Entenflott schnatterten, so glaubten sie doch nicht, daß der andere für sein befremdliches Benehmen in die Hölle, sie selbst aber ins Paradies kommen. Der Mensch aber macht aus seinem Mögen und Nicht-
Mögen eine Glaubens- und Gesinnungsfrage. Eßt doch mal Schweinefleisch in einem moslemischen Land und trinkt einen Schoppen
Wein dazu, oder nehmt Rauschgift auf einer Spießerparty, habt eine krumme Nase unter lauter Hochnäsigen, lauft nackt herum, liebt als Mann Knaben oder tragt Frauenkleider unter Normalbürgern und ihr werdet lernen, daß Hassen das Normalste für Menschen ist. Der Mensch ist auch nur ein Tier und nichts Göttliches ist an ihm, denn er hat einen Unterkörper, aber der Mensch hat einen steilen Aufstieg hinter sich, einen steileren als er nach dem Gesetz der natürlichen Auslese hätte hinter sich haben dürfen, das macht ihn überheblich. Und in seiner Überheblichkeit glaubt er sich auf einer größeren Höhe, als er wirklich ist, und hält sich für unüberwindlich. Er widmet sein Ohr den süßen, schmeichlerischen Reden von bezahlten Leuten, die ihm eine ewige Seele andichten und einen zu hohen Wert. Und die Menschheit in ihrer Mehrheit hört es gerne und glaubt es, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollte, denn ihr eigenes Hirn hat ihnen die Evolution vorgespielt und interpretiert, ihr eigenes Auge hat ihnen tagtäglich ihre Verwandtschaft mit den Tieren gezeigt, aber sie wollen es nicht hören, sehen und wahrhaben, genauso wenig, wie sie ihren noch fantastischeren Abstieg wahrhaben wollen."
1 Konrad
Lorenz
Nach seinen Predigten ging Adjuna meist zum Eros-Tempel, da er keine Lust hatte, allein in der großen Wohnung zu sitzen, denn seine Freunde und Mitstreiter waren noch nicht zurückgekehrt, wahrscheinlich krochen sie immer noch auf Kornfeldern herum, ihre Version von antiklerikalem Kampf.
Wir wissen, Adjuna hatte nichts gegen Eros und seinen Tempel und doch hatte er jedes Mal ein ungutes Gefühl, etwa wie bei seiner letzten Reise zur großen Kirche. Der Grund war der Blick aus den Augen des Mädchens, das aus der gehörnten Stadt kam, ein Blick, der von Mal zu Mal gebrochener wurde. Warum solche Niedergeschlagenheit? Geschichte wiederholt sich im Großen wie im Kleinen, befürchtete er.
Stierig strahlte Lolita ihn an, Superweib, das sie war; `meinen besonderen Kunden' nannte sie ihn und bei ihr fand er die Entspannung, die er so notwendig brauchte, aber beim ersten Mal nicht bekommen hatte. Erst wenn er aus ihrem Zimmer kam und das andere Mädchen an der Säule stehen sah, überfielen ihn wieder die Depressionen, an denen er litt, seit er die Welt erkannt hatte, den ganzen Mist durchschaut, aber den einfachen Zauber nicht schaffte, aus Mist Dünger zu machen.
Als Adjuna an diesem Abend wieder kam, fiel sein Blick gleich wieder auf das Mädchen aus der gehörnten Stadt. Ein blaues Auge! Ein schiefer, geschwollener Mund! Leidender Blick! Verzweiflung! Es war offensichtlich: Geschichte wiederholt sich!
Adjuna bedeckte seine Augen und wandte sich ab. Er kehrte dem Tempel
der Liebe seinen Rücken zu.
Ich komme nie wieder, schwor er sich, nie wieder, genauso wenig, wie ich nach meinem Tode noch einmal versuchen werde zu leben.
Als er dann allein in der leeren Wohnung saß, klopfte es irgendwann nachts. Luz und der Leibhaftige waren zurückgekommen. Beschmutzt, verdreckt, verstört sahen sie aus und wie geprügelte Hunde. Aber sie waren mit einem blauen Auge davon gekommen, das heißt - da sie zwei waren - einer hatte gar kein blaues Auge abgekriegt.
Sie berichteten von ihren Schwierigkeiten. Da sie die Halme natürlich nicht am hellichten Tag runtertreten konnten, hätten sie es nachts versucht, aber es sei ihnen nicht gelungen, einen vernünftigen Kreis zu machen, immer sei es eierig geworden, so oft sie es auch versuchten. Nächte lang seien sie von Feld zu Feld gezogen und hätten geübt. Irgendwann dann hatten die Bauern sie erwischt und waren angelaufen gekommen mit Sense und Dreschflegel. Einer hatte sogar einen Schießprügel. Es war wie im Bauernkrieg oder bei der Hetzjagd. Da hätten sie sich ergeben müssen, berichteten sie weiter, aber bevor man sie zu gründlich durchgeprügelt hatte, hatten sie durch einen Knick wieder entkommen können.
Da sprach Adjuna: Die Bauern hatten recht. Hatte ich euch nicht gesagt: Schadet nicht und niemandem, außer den Schädlingen! Die Bauern aber sind keine Schädlinge, sondern der nützlichste Teil der Bevölkerung. Und wenn ihr seine Felder runtertretet, da soll er sich wohl wehren, das ist sein gutes Recht.
So kam es, daß Luz und der Bunte nach dieser bitteren Erfahrung nicht mehr eigene Wege gingen, sondern mit Adjuna in die Einkaufsstraße. Das traf sich gut, denn es hatte sich unter den Frommen der Stadt, die normalerweise dieses sündige Konsumbabel mieden, herumgesprochen, daß ein Gotteslästerer hier predigte, und viele kamen und brachten Tomaten, faule Eier und andere ungenießbare Sachen, einige hatten sogar Methylalkohol (Benzin war wegen seiner Schadstoffe gerade verpöhnt.) in Flaschen mit brennendem Korken. Weiß doch jeder, daß man Methylalkohol nicht trinken darf. Mmmmethylalkohol - Mmmeiden! Eeethylalkohol - Eeinnehmen okEee!
Die Beiden waren ganz außergewöhnlich gut im Fangen und Zurückwerfen sowie im Fangen und Flamme-Ausblasen; doch als die Geschosse überhandnahmen, unterlief dem leibhaftigen Gott eine Verwechselung: Er warf den Methyl-Molotow-Cocktail zurück und pustete auf die überreife Tomate in der anderen Hand.
Adjuna: "Ich sag ja immer: Götter sind nicht perfekt."
Im Feuermeer vor ihnen hopsten die Christen - oh, Feuer, du Geschenk Gottes!
Aber hören wir uns das Ende von Adjunas Predigt an: "Nie gab es schlimmere Menschenschinder als die Christen. Andere Menschenschinder haben sich immer mit dem zufrieden gegeben, was sie einem Menschen in dieser Welt antun konnten, was ja verdammt viel ist. Wer immer sich mal die Finger verbrannt hat, kann sich leicht die schrecklichen Qualen, die rot-glühende Foltereisen oder der Scheiterhaufen verursachen, vorstellen. Aber die Christen waren damit nicht zufrieden, sie fantasierten für ihre Gegner ewige Höllenqualen, wobei jeder Moment um viele Male schrecklicher sein sollte als auf dem Scheiterhaufen. Hopst, ihr Christen, hopst, genießt für einen Augenblick, was ihr euren Feinden für alle Ewigkeit wünscht!"
Plötzlich ertönten Sirenen, nicht jene griechischen Fabelwesen mit Mädchenkopf und Vogelleib, die jeden mit ihrem wunderbaren Gesang betören, sondern das nervöse Auf und Ab von Polizeisirenen. Unsere drei Helden suchten das Weite. Besonders der leibhaftige Gott, der ja am menschlichsten von den Dreien war, hatte es eilig.
Am nächsten Tag konnten sie in der Zeitung lesen, daß religiöse Fanatiker, die die Menschheit zu einem neuen Glauben mit neuen Zehn Geboten, unter anderem dem Gebot `Schadet nicht und niemandem!' bekehren wollten, in der Einkaufsstraße mit Molotow-Cocktails geworfen hätten.
Und vor ihrem geistigen Auge sahen sie die
Leser den Kopf schütteln: Leute gibt's, das gibt's gar nicht.
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