"Jeder einzelne Mensch ist heilig, und keine Heiligkeit ist höher als der Mensch, darum laßt uns keine Menschen töten. Das Leben ist heilig, ein jedes Lebewesen heiliger als ein Gott. Götter sind das Nicht-Leben. Götter kann man töten. Es ist wie ein Schwert in eine Leiche stecken", referierte Luzifer. "Nein", korrigierte Adjuna, "wie ein Schwert ins Vakuum stecken."
Der leibhaftige Gott knurrte verstimmt.
Im Morgennebel standen unsere drei Heiligen, das antichristliche Kleeblatt, kirchenfeindliche Trifolium, am Eingang zum Freihafen und verteilten ihre dreiblättrige Bibelzusammenfassung an Schauermann und Seeleute und hofften - ja, was hofften sie? - daß Schuppen von den Augen fielen, daß Wunder geschahen. - Ein Wunder geschah. Sie wurden erhört.
Ein Seemann, der ihre Zettel schon gelesen hatte, kam zurück und stellte sich ihnen vor: "Ich bin der fliegende Holländer." "Ich dachte, du wärst schon längst von den Qualen eines ewigen Lebens durch die Liebe einer Frau erlöst worden", entgegnete ihm der Bunte. "Unsinn, die Liebe einer Frau nehm' ich so mit, da sterb ich doch nicht extra für. Ich befahre seit Jahrhunderten die sieben Meere und genieße die Seefahrt. Andere Länder, andere Sitten, andere Kulturen, was meint ihr, wie interessant das ist! Aber in den letzten Jahrhunderten ist mir aufgefallen, daß die Welt immer mehr verseucht wird. Jaja, nicht nur den Dreck, den wir überall machen, ich meine, auch hier oben stimmt's nicht mehr. Länder, die früher ne eigene Kultur hatten, bekreuzigen sich jetzt und machen Bimbam. Und wo's noch nicht so weit ist, da wimmeln wie Ratten die Schwarzbefrackten schwitzend in der Tropensonne herum und es ist nur noch eine Frage der Zeit. Es ist ein Zerstörungswerk, wie jenes Buch ein Zerstörungsprogramm ist. Ihr habt recht. Die Bibel zeigt es deutlich, bloß die Blinden sehen's nicht. Der jüdische Jahweh war eine Art Über-Hitler, der zum Massenmord antrieb, und irgendwann waren die irdischen Leiden nicht mehr genug und ewige Höllenqualen wurden hinzufantasiert. Ich war übigens auf meiner letzten Fahrt in Tel Aviv. Es war für mich eine der größten Enttäuschungen dieses Jahrhunderts, die Gewalttätigkeit von Leuten, die selbst so lange Zeit Opfer von Gewalttätigkeiten waren, zu sehen. Jahwehs Programm macht da offensichtlich immer noch Eindruck. Nun hat man gerade erst vor zwei Generationen das Land, das einem Jahweh mal vor Jahrtausenden versprochen hat, obwohl es ihm ja gar nicht gehörte, zurückgeraubt und nun mordet man auch schon wieder wie in biblischen Zeiten die Beraubten, Frauen und Kinder. Gewaltlos wollten sich die Beraubten jetzt gegen die Räuber wehren. Intifada nennen sie das, und wer sich an diesem gewaltlosen Auflehnen nicht beteiligt, wird umgebracht, tatsächlich bringen die Beraubten mehr von ihren eigenen Leuten um als die Israelis. Trotzdem soll die Intifada von Gandhi inspiriert sein. Das ist für mich übrigens die andere große Enttäuschung, daß das Land, das Gandhi hervorgebracht hat, seine Prinzipien von Gewaltlosigkeit vergessen hat." "Und die Deutschen?" meinte der Bunte entgeistert. "Von denen hatte ich nichts anderes erwartet." "Die Juden sind Jahrtausende gejagt worden, wo sollten sie endlich eine Heimat finden, wenn nicht in Palästina?" sagte Luz. "Natürlich da, wo man ihnen zuletzt die größten Übel angetan hatte, hier in Deutschland. Man hätte für die Juden zum Beispiel Schleswig-Holstein räumen können und noch ein paar Landstriche dazu. Das wäre gerechter gewesen, als den Palästinensern das Land wegzunehmen."
Der Seemann bat noch um einen Stapel Flugblätter und versprach, sie in aller Herren Länder zu verteilen. "Um den schwarzen Ratten was entgegenzustellen. Gut, daß sich Atheisten zusammentun und Mission betreiben." "Atheisten", stieß der lebendige Gott schockiert hervor, das Wort zerging nicht auf der Zunge, sondern blieb im Hals stecken, nach kraftigem Schlucken: "Ob es einen Gott im Himmel gibt oder nicht, interessiert mich nicht. Es reicht, daß ich weiß, er kümmert sich nicht um mich, noch um irgend jemand anders auf dieser Welt. Ist doch egal, ob da am Ende des Universums jemand sitzt und sich die paar Hundertmilliarden Milchstraßen anguckt oder auch wegguckt oder gar nicht da ist."
"Ja, früher konnte man sich das ja vielleicht mal vorstellen, einen Gott, der vornübergebeut über einer Glaskuppel, die über der Erdscheibe gewölbt war, gespannt die Menschen beobachtete, aber sich heute einen Gott vorzustellen, der sich hundert Milliarden Galaxien unter ner Glaskuppel oder was auch immer anguckt und sich dabei um jeden Mensch', ja sogar um jeden Pimmel und sein Sexualleben kümmert, sich das vorzustellen, fällt schwer, sollte unmöglich sein."
Eine heitere Vorstellung. Selbst der Himmel heiterte auf und der Nebel verduftete.
Mit "Wir stechen bald in See, also macht's gut!" verabschiedete sich der fliegende Holländer.
Im Sonnenschein und mit Optimismus im Herzen setzten die Drei ihr Aufklärungswerk fort.
Am Nachmittag schlug sich eine eiskalte Luftströmung von oben auf die warme Stadtluft, und was vorher Luftfeuchtigkeit war, kondensierte zu winzigkleinen Wassertröpfchen und verband sich mit dem Ruß der Stadtluft zu einem dicken, undurchdringlichen Nebel, der alle hellen und hektischen Klänge erstickte und eine ängstliche Stille aufkommen ließ, wie sie wohl Hänsel und Grete allein im Wald empfunden hatten. Ab und zu kamen Gesichter zu nahe ran, wurden sichtbar und verschwanden wieder, Durchschnittsgesichter, eins unbekannter als das andere, alle erschraken, wenn man ihnen die Blätter hinhielt.
Plötzlich ein schiefes, geschlagenes Gesicht, blaue Augen, von Fäusten traktiertes Kinn, ein Gesicht, das sie kannten. "Nanu, was machst du denn hier?" begrüßten sie ihn freudig und, "was ist dir denn passiert?" Es war ihre Konkurrenz aus der Einkaufsstraße, der Zeuge Jehovas. Er berichtete: "Nachdem der Pöbel euch weggejagt hatte, sah er mich. Und ich war ihnen auch nicht recht, aber ich bin ein alter Mann und schwach und nicht so fix wie deine Leute, Adjuna, da haben sie mich gepackt und verprügelt." Er hatte wohl Grund zum Jammern, aber tat es nicht.
Drei Gestalten zeichneten sich an der Nebelwand ab, sie sahen wohl befremdlich aus. "Beeil dich, sonst kommst du zu spät!" Nur einer trat an sie heran, hob den Zeigefinger und sprach: "Es kann keinen Zuckerbäcker geben, der einen Bonbon bäckt, der jedem schmeckt."
"Wer bist du?" fragte Adjuna. "Der Weise aus dem Morgenland." "Du meinst, einer von den Dreien, die zu Jesu Geburt gekommen sind?" "Ja." "Glaubst du, es war weise, dahin zu gehen?" "Nein, wir sind damals einem Irrlicht gefolgt."
Und er verschwand wieder in Nebel und Nichts, wie damals auch, und ward nie wieder gesehen.
"Hast du das gesehen?" wandte sich Adjuna wieder an den Zeugen Jehovas. "Ja, Gotteslästerer. Hätte ich nicht erwartet von denen."
"Na, erzähl mal, was machst du denn hier in der Gegend. Hast du keine Angst vor den leichten Mädchen und schweren Jungs hier?" fragte Adjuna, den Arm um seine Schultern legend. "Jetzt suche ich mir ne neue Stelle und hab ans Hafenviertel gedacht. Die Leute hier haben Gottes Wort vielleicht am nötigsten. Hoffentlich passiert nicht wieder so etwas wie in der Einkaufsstraße..." und kleinlaut, "...jetzt, wo ihr hier seid." Lachend klopfte Adjunas Hand auf seiner Schulter: "Es scheint, Bibelforscher und Bibelfeinde haben etwas gemeinsam. Wir haben übrigens auch ein bißchen Bibelforschung betrieben." Und er gab dem alten Mann eins von ihren Pamphleten und der revanchierte sich mit einem Wachturm-Heftchen.
Beim Abschied wünschte er dann noch "Viel Erfolg", und Adjuna erwiderte: "Danke, wünsch ich dir auch, viel Erfolg!"
Das Leben war voller Widersprüche - und Gedankenlosigkeit.
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