Vieles geschah und doch zu wenig.
Die Vier hatten jetzt ein Büro und nannten sich `Gesellschaft zum Schutze des Geistes und der Umwelt', viel Kleinarbeit: Vorlesungen, eine Zeitung, die unregelmäßig erschien, Informationsstände und dergleichen.
Das Thema Umweltschutz hatten sie mit aufgenommen. `Unsere Gegner machen auf Umweltschutz. So auch wir.' Die Kirchen hatten sogar schon bei dicker Luft um Regen und frischen Wind beten lassen, allerdings manchmal auch schon mit seriöseren Sachen aufgewartet wie mit Demonstrationen und Forderungen an Industrielle und Politiker.
Als die Vier einmal eine Demonstration gegen Luftverschmutzung gesehen hatten, bei der sogar schwangere Frauen eine Zigarette im Mund hatten, wußten sie, daß hier was nicht stimmte. Wenn man Sauberkeit fordert, muß man bei sich selbst anfangen.
Rauchen produziert nur Dreck, Sucht, Krankheit, die Industrie dagegen Gebrauchsgüter, selbst im schlimmsten Fall halbwegs brauchbare Sachen: Video-Spiele zum Beispiel, bei denen man nicht nur die Welt vergißt, sondern auch Geist und Reaktion trainieren kann, elektrische Zahnbürsten, die durch feine Vibration die Zähne viel sauberer kriegen als manuelle Zahnpflege, oder der neuste Schrei, die Spritz-und-Wisch-Poporeiniger fürs häusliche Klo, der die Analöffnung nach Gebrauch wieder kußfrisch saubermachten. Alles nützliche Sachen!
Aber Rauchen nützt nur dem Tod. Zum Raucher kommt der langsame Tod gekrochen, der feige Tod, der unwürdige Tod, der Drecktod, durch das Verfaulen der eigenen Innereien. Nehmt lieber ein Messer. Erspart euren Mitmenschen den widerlichen Gestank eurer Schnuller.
Die Vier hatten also konsequenterweise den Rauchern den Kampf angesagt. Besonders der Bunte hatte einen großen Haß auf die Raucher. Nicht nur, daß sein Vater einst ein starker Raucher gewesen war und ihn als Kind, wenn ihm bei Papas Qualmerei schlecht wurde, als Schwächling verspottet hatte, sondern er hatte selbst auch in späteren Jahren, dem Beispiel seines Vaters folgend und in der Hoffnung, ein richtiger Mann zu werden, das Rauchen angefangen und es in kurzer Zeit zu großer Sucht gebracht. Mit achtzehn war er zu einem bleichen, mageren, zitternden Skelett abgemagert. Als er sich im Spiegel besah, spuckte er sich selbst an: Was für ein Schwächling bist du! Die Zigarette regiert dich. Du bist unfrei. Du wolltest erwachsen sein und jetzt bist du ein Schnulleraffe, ein Nuckelmann. Die Erwachsenen, die rauchen, sind gar nicht erwachsen, das sind unreife Schnullerkinder; falsche Vorbilder. Wer wirklich Reife besitzt, wird nicht Zeit, Geld und Gesundheit für so eine dreckige Sucht opfern. Undsoweiter. Der Bunte hatte damals die Sucht und sich selbst so mit Verachtung überhäuft, hinzu kam auch noch der Haß auf einen dummen und brutalen Vater, der jetzt allerdings schon an der gewünschten Belohnung Lungenkrebs eingegangen war, daß er als
unvermeidliches Nebenprodukt seiner Entwöhnung in jedem Raucher zunächst einmal nur ein Stück Dreck sah. Nur wenn ein Raucher so geduldig war, mit ihm ein langes Gespräch zu führen, wobei er natürlich nicht rauchen durfte, war der Bunte eventuell bereit, einzugestehen, daß Raucher auch Menschen waren - wenn auch die dreckigsten. Bei seiner Arbeitsstelle, dem heiligen Sodom, hatte das Management seinetwegen schon einmal ein allgemeines Rauchverbot eingeführt. Man hatte damals so getan, als handelte es sich bei den Darstellern der Sex-Show um eine Art Sportler, die fitt sein müßten. Aber mittlerweile hatte das Management dem Murren des Publikums wieder nachgegeben und es wurde wieder gequalmt, was dem Haß auf die Raucher neues Feuer gegeben hatte.
Mit Genuß pinselte er an die Tür der Gesellschaft zum Schutze des Geistes und der Umwelt:
Raucherschwein
darf nicht rein.
Obwohl die Vier viel Aufsehen erregten mit ihren provokanten Ideen, fanden sie keine Unterstützung in der Bevölkerung. Man begegnete ihnen mit äußerster Skepsis, nannte sie schlechte Bürger, wohl weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machten. Die Jan Hagels wußten es mal wieder am besten. Sie kamen mit dem Einhoden- oder Einhodigen-Vorwurf. Hitler war ein schlechter Staatsbürger, und mit gestrecktem Zeigefinger: wie ihr. Obwohl doch alle gesehen hatten, wie Adjuna das Volk ermahnte: "...aber man hüte sich auch vor dem Rassismus, der hat noch nie zu etwas geführt, auch wenn er manchmal berechtigt erscheint, die erhobene Rasse legt nur ihre Tugenden schlafen und benimmt sich wie primitive Barbaren. Und dadurch, daß man andere erniedrigt, ist man noch längst nicht erhoben und erhaben erst recht nicht."
Immer hieß es gleich: Du bist einhodig. Egal,
ob man Sterbehilfe für alte Leute forderte, oder legale
Abtreibung für Frauen, die keine Kinder wollten, oder
vernünftige Vorschläge zur Seuchenbekämpfung unterbreitete,
selbst die Ablehnung der Gewalt: "Wenn man plant, die Welt
zu verbessern, wenn man sich also entschieden hat, die Welt statt
zu zerstören, zu verbessern, so wird man die Gewalt ablehnen.
Gewalt schafft nur neue Höllen, das haben frühere
Weltverbesserer zu genüge bewiesen", selbst diese Ablehnung
der Gewalt also wurde mit dem Einhodigen-Vorwurf begrüßt. Seit
der Einhodige gelebt hatte, wurde jedes Anderssein als einhodig
beschimpft. Einhoden-Syndrom, der Einhodige litt schon daran.
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