"Der Sommer steht vor der Tür und alles fährt in Urlaub. Wenn wir uns nicht auch eine Urlaubsreise leisten, werden die Leute uns verachten", sagte Aurora. Diesen Namen hatten die Freunde Elvira wegen ihrer zarten, rosanen Finger gegeben. Und da sie das Bedürfnis hatte, ein neues Leben zu führen, benutzte sie ihren alten Künstlernamen überhaupt nicht mehr. Elvira, der Name gehörte einer verbrannten Hure, wie ihr Taufname Gottholde einem vor Unglück gestorbenem Kind gehörte. Jetzt wollte sie endlich glücklich werden, wo vier Gottlose sie zur Frau genommen hatten - natürlich nicht offiziell, wer geht schon gern für offiziellen Blödsinn ins Gefängnis. Polygamie war in diesen Breiten strafbar, obwohl sie im Gegensatz zur Rechtssprechung niemandem schadete.
"Ja, es ist so üblich, im Sommer irgendwohin zu fahren", bestätigte der Bunte.
"Du meinst, es ist Tradition?" fragte Luz fast ungläubig, "Die Tradition erlaubt nicht, daß man im Sommer zu Haus bleibt?"
"So schlimm ist es auch nicht."
"Wie oft muß etwas geschehen, um als Tradition zu gelten?" fragte Adjuna dazwischen.
"Ich finde es zwar eine gute Idee zu verreisen, aber wenn ihr aus Tradition wegfahrt, bleibe ich zu Hause", wendete Orpheus mißmutig ein, denn er war jeder geistigen Haltung, die an Hergekommenem festhielt, abgeneigt, und bei ihm bestand immer die Gefahr, daß, wenn seine Ideen allgemeine Anerkennung fanden, er als erster sie umschmeißen würde.
Da Aurora ihren Urlaub in Gefahr sah, beruhigte sie sofort: "Es ist keine Tradition wie die Taufe oder das Osterfest, sondern ganz einfach so, daß viele wegfahren und hier dann nichts mehr los ist. Es macht sicher Spaß, gemeinsam irgendwo Urlaub zu machen, was Neues zu sehen, sich entspannen usw."
"Es stellt sich für uns die Frage, wo sollen wir hinfahren", sagte Luz auf Auroras Wunsch eingehend.
Der Bunte, gleich ganz begeistert, hatte schon die Antwort parat: "Wir fahren natürlich zu einem heidnischen Kontinent." "Wohin denn? Zum Südpol?" "Naja, jedenfalls wo das Christentum noch nicht so verbreitet ist. Nach Afrika! Da soll es auch bunt sein."
Stammeskämpfe in Afrikas Schlachterhaus:
Die Ibos schlachteten die Hausas, die Langis
und Acholis die Bagandas, in Burundi fielen die Hutus in
Hunderttausenden, getötet von den Tutsis, in Rwanda war es
anders herum und die Tutsis wurden getötet von den Hutus, und in
Liberia hatte der Stamm der Krahns den Manos und Gios geholfen,
frühzeitig das Zeitliche zu segnen, ein Segen, den die Manos und
Gios den Krahns schon bald zurückgaben und ganz im Süden
Afrikas massakrierten sich die Zulus und Xhosas einander unter
den vereinzelten Schüssen ihrer weißen Herren.
"Und wer sich nicht massakriert, verhungert. Afrika hättest du nicht erwähnen sollen. Wenn ich an Afrika denke, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil wir unser Geld nicht für die Hungernden spenden", sagte Luz.
"Ein schlechtes Gewissen ist nur eine Vorspielung von guten Absichten, die man in Wirklichkeit gar nicht hat", sagte Adjuna, aber du braucht hier weder gute Absichten zu haben, noch sie vorzuspielen. Deine Ersparnisse helfen nicht, noch die von irgend jemand anders. Almosen helfen hier überhaupt nicht, auch keine reichen Gaben, nichts hilft. Die Hungernden dieser Welt sind verdammt. Sie sind zu viele, und würde man sie füttern, sind's morgen noch mehr, und der Almosenspender hat sich schuldig gemacht am vielfachen Hungertod und Elend der zukünftigen Generation. Hab ein gutes Gewissen, lieber Freund!"
"Richtig, richtig!" rief der Sänger zustimmend.
...und das Gespräch nahm eine neue Wendung. Von den Urlaubsplänen wandte man sich ab, Luz und der Sänger diskutierten jetzt das Thema:
Hunger und Überbevölkerung.
Stammtischniveau?
"Wie würdest du denn das Problem lösen?"
"Erstens würde ich in unseren reichen, fortschrittlichen Breiten eine strikte Geburtenkontrolle einführen, das heißt, all den Leuten, die unfähig und ungebildet sind, gierig, grausam, asozial, verbrecherisch, keine Verantwortung und kein Streben in ihrem Leben kennen, würde ich die Samenleiter durchtrennen oder zur Abtreibung zwingen, damit sie sich nicht vermehren können und spätere Generationen nicht gezwungen sind, solche Leute auf andere Art auszurotten, die grausamer und schrecklicher sein wird, da es dann Schon-Lebende trifft. Zweitens würde ich die armen, unentwickelten Länder, deren Einwohner sich so stark vermehrt haben und immer noch weiter vermehren, daß die Erde so kahl gefressen wurde, daß dort kaum noch etwas wächst und je wieder wachsen wird, so daß dort, wenn nichts getan wird, wahrscheinlich Wüsten entstehen werden, erobern und dann mit unseren modernen Waffen die dortigen Menschen mit Ausnahme der Intelligenz beseitigen, bei dieser Vernichtung müßte man aber behutsam vorgehen, um nicht der Ökologie noch mehr zu schaden."
"Das hieße ja über die Hälfte der Menschheit auszurotten."
"Ausrotten ist immer hundertprozentig, sonst ist es kein `aus-'."
"Dann eben `umbringen'."
"Umbringen? Ja, das ist richtig. Aber sie sind ohnehin Totgeweihte. Und je länger wir damit zögern, desto mehr müssen nachher sterben, denn täglich kommt eine Viertelmillion und mehr hinzu, für die weder Platz noch Brot da ist."
"Gibt es denn keinen humaneren Weg?"
"Das ist der humanste, mein Freund. Die Humanisten mit ihren Spenden schaden nur, indem sie widerliche Schmarotzer am Leben halten, die zu dumm sind, ihre Lektion zu lernen. Die Lektion heißt: Wenn ich mich nicht ernähren kann, kann ich meine Kinder erst recht nicht ernähren, also darf ich keine Kinder machen. Würden diese Humanisten einmal sehen, was sie damit erreichen, daß sie solchen Leuten, bei denen durch die permanente Unterernährung das Gehirn schon zu beschädigt ist, als daß sie je eine Chance hätten, auf der Evolutionsleiter weiter aufzusteigen statt runterzufallen, noch Almosen geben, nämlich nicht, daß sie daran arbeiten, ihre Situation zu verbessern, oh nein, weitgefehlt, daß ihnen als Futter hingeworfene Brot gibt nur ihrem Pimmel ein bißchen Auftrieb, gerade genug Kraft, um ein Weibchen zu schwängern, und schon wirft das Weibchen neue Schmarotzer, und weder Männchen noch Weibchen kann den Wurf ernähren, da sind sie unfähiger noch als die Tiere; und wieder findet sich ein gnädiger, mitleidiger Humanist, der glaubt ein gutes Werk tun zu müssen, und wirft ein Stückchen Brot und wieder steht die Pfeife und wieder wirft das Weibchen, doch die Humanisten vermehren sich nicht so schnell, und täten sie's, wären sie bald selbst am Verhungern. Auf jeden Fall aber müssen die Schmarotzer früher oder später elend verenden, da läßt sich nicht dran rütteln, doch sowieso sind sie das Widerlichste, was die Welt je hervorgebracht hat. Auch der Humanist würde sich angewidert abwenden, würde er den Leuten begegnen, aber sein Spenden ist ja so anonym."
"Das ist ein Verbrechen, was du da predigst. Aber dafür wird sich niemand hergeben. Wir werden versuchen, auch die armen Völker der Dritten Welt zu belehren und zu ernähren."
"Sieh dir die Geschichte an! Die Geschichte lehrt etwas anderes, sieh sie
dir gut an! Die, die sich selbst Weiße nennen, und dazu gehörst ja auch du, haben die Indianer Amerikas nahezu ausgerottet, und das waren stolze, edle Völker, in ihrer Zeit in vieles besser als die technisch fortgeschritteneren Bleichgesichter, denn sie lebten den harten Gesetzen der Natur angepaßt. Aber nicht nur hat man Völkermord begangen an harten, fremdartigen Wilden, sondern auch im Herzen der alten Welt war man dazu bereit, sogar an denen, die die eigene Kultur mittrugen, die mit zum Fortschritt und zum Wohlstand beigetragen hatten. Und warum tat man das? Weil sie den Lehren des Talmuds folgten und Anders-Sein ein Verbrechen in den Augen des Pöbels ist, und mehr noch, weil man mit neidischen Augen nach ihrem Vermögen gierte. Rassentheoretiker verschleierten diesen Hauptgrund nur auf für die Massen sehr schmeichelhafte Weise. - Doch jetzt geht es um den Fortbestand der menschlichen Rasse. In den überbevölkerten Ländern wird die Welt so kahl gefressen, daß ein nicht wiedergutzumachender Schaden entsteht. Da wächst kein Baum mehr. Diese hungrigen Völker werden sich eines Tages weigern, ihr Elend weiter zu ertragen, Menschenmassen werden über die Kontinente wallen, hungrige, verzweifelte Menschenmassen, - wir wollen nicht sagen, sie haben selbst schuld, niemand hat schuld an seiner Geburt, der Grund ist immer ein anderer. Diese Menschenmassen werden die letzten menschlichen Züge verlieren, zu Kannibalen werden, und schlimmer als das letzte Vieh ihre eigene Brut fressen und die Schwachen in den eigenen Reihen. Sie haben ein Ziel; sie wollen dorthin, wo Milch und Honig fließt, wo Verschwendung und Überfluß herrschen. Und eines Tages werden sie an die Türen der reichen Nationen pochen, aber man wird ihnen nicht auftun, natürlich nicht, wer läßt schon gerne Not und Elend in sein Haus, da werden sie versuchen, die Türen aufzubrechen, doch solange der Brennstoff für die Flammenwerfer und anderen Waffen reicht, haben sie keine Chance und verbrennen nur wie Insekten, die ins Feuer fliegen. Doch der Schaden, den diese Überzahl an Menschen in ihrer Heimat und auf ihrer Wanderung angerichtet hat, zusammen mit dem Schaden, den die Übersättigten in ihrer Gier nach ewig Neuem, neuem Überfluß, anrichten, wird die Welt zu einem unbewohnbaren Planeten machen. Mein Vorschlag ist die humanste Lösung, denen, denen sowieso der Untergang gewiß ist, geben wir noch einen ehrbaren Tod, bevor sie ganz vertieren, und die überflüssigen Massen unserer eigenen Länder, die zum Weltenlauf nichts anderes beitragen als die riesigen Müllhalden ihrer zerbrochenen Spielsachen, erklären wir für unmündig und nehmen ihnen das Recht, frei über den Nachwuchs zu entscheiden. Es ist falsch mir Grausamkeit vorzuwerfen. Es ist ein chirurgischer Eingriff, der den befallene Körper noch retten kann. In unserer Zeit vollziehen sich die Veränderungen sehr schnell, wir müssen uns an der Zukunft orientieren und nicht an den Moralbegriffen und Wertvorstellungen der Vergangenheit. Aber die Wollüstigen, Gierigen, Süchtigen, Gefräßigen und Dummen haben nie zur Evolution beigetragen, sondern nur zu Dreck und Verbrechen, aber erst heute erreicht ihr Dreck Megatonnen und ihre Verbrechen auch. Wenn wir uns diese Leute nicht vom Hals schaffen, werden wir ersticken. Es gibt nur ein Streben und das heißt Bewußtheit. Wer sich kurzzeitigen Vergnügungen hingibt oder in den Schoß der Religionen flüchtet, ist weit von diesem edlen Ziel entfernt, ein Klotz nur am Rande der Evolution, möge es über ihn hinwegrollen! Ein gröberer Fettfleck, nein, ein Dreckfleck bliebe nur an der ohnehin nicht weißen Weste der Geschichte."
Luz und Adjuna, die ja Ausrottungspolitik mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib gespürt hatten, schüttelten den Kopf. War ihr Freund Orpheus hier nicht übergründlich, zu deutsch vielleicht, gefährlich deutsch.
"Man braucht niemanden zu töten", wandte Adjuna ein, "das Abbinden der Samenleiter reicht auch, ist zwar ein bißchen teurer..."
"Das Überbevölkerungsproblem kann man in einer Generation lösen ", meinte auch Luz, " wenn man kaum noch Kinder machen würde. Zu töten braucht man niemanden, denn auch ohne Töten kommt ja der Tod zu jedem, der natürliche Tod."
"Du bist ein Idealist. Nur Idealisten können so reden. Ich aber bin Realist."
"Nein", protestierte Luz, "ich bin Realist. Du willst für eine Idee die halbe Menschheit umbringen. Du bist Idealist."
"Es ist humaner... - es ist vernünftiger... - es ist richtiger...", so rang Adjuna danach in den Dialog einzugreifen, "ja, richtig ist das richtige Wort, es ist richtiger, das Kinderkriegen zu unterbinden als die Kinderkrieger zu bekriegen."
"Humaner ist das richtige Wort", mischte sich der Bunte jetzt ein, aber davon wollten Luz und Adjuna wieder nichts wissen, weil sie nicht soviel von den Menschen hielten und das Wort human von Mensch abgeleitet worden war.
Die Schicksalsgötter aber hielten beide Lösungen nicht für richtig, für zu human vielleicht oder für zu wenig menschlich. Sie wollten den Homines und Homunkuli ihre eigene Lösung, Endlösung, überlassen.
Wieder Urlaubspläne
"In dieser ewig neblig nieselige Nekropole ist meine Haut schon ganz weiß geworden. Ich bin bald so blaß wie Schneewittchen", fing Aurora wieder an zu klagen, laßt uns an die Cte d'Azur oder Cte Vermeille fahren, da soll es sogar FKK-Strände geben und wir können uns ganz nackt in die Sonne legen und uns von den Sonnenstrahlen küssen lassen."
Adjuna: "Ich würde mich ja auch nackt in die Sonne legen, wenn ich nicht wüßte, daß die Sonnenstrahlen schädlich wären, und ich keine anderen Interessen hätte. Wo Orpheus gerade von den Blutflecken an der Weste der Geschichte gesprochen hat, wir anderen könnten, während Aurora nackt in der Sonne liegt, die Stadt Bziers besichtigen, die das erste Opfer des Kreuzzugs der katholischen Kirche gegen den Gral wurde. Als sowohl die Katholiken als auch die Ketzer der Stadt vor den Kreuzfahrern in den beiden Kirchen Schutz suchten und die Kreuzfahrer nicht wußten, wie sie die Rechtgläubigen von den Falschgläubigen unterscheiden sollten, riet ihnen der Erzabt von Ctreaux, der für das geistliche Wohl der Angreifer zuständig war: Bringt sie alle um, Gott wird die Seinen schon herausfinden! Natürlich hatte man, wie bei anderer Gelegenheit auch, den frommen Mördern das ewige Leben versprochen. Die anderen Schauplätze dieser Totalvernichtung sollten wir uns natürlich auch ansehen. Als nächstes zog das Heer der Rechtgläubigen, also das katholische Heer, Champion der einzigen richtigen Lehren des Friedensfürsten und seiner Nächstenliebe, mordend und brandschatzend nach Carcassonne. Diese noch von Alarich, dem Westgotenkönig, befestigte Stadt hatte einst sieben Jahre lang Karl dem Großen widerstanden. Doch für den Abt von Ctreaux bot sie kein großes Hindernis. Erst half Gott mit, mit einer Dürreperiode, die die Brunnen der Stadt versiegen ließ. Als dann alle verzweifelt waren, bat man den Viscomte Ramon-Roger zu Verhandlungen ins Kreuzfahrerlager und schwor bei Gott dem Allmächtigen, daß ihm nichts geschehen würde. Der Viscomte ging darauf ein und wurde dann festgenommen. Die Kreuzfahrer hofften, die Stadt würde sich ohne Führer ergeben. Und tatsächlich verteidigte am nächsten Tag niemand die Stadt. Als man die Tore eingerannt hatte, fand man die Stadt leer vor. Ihre Einwohner waren in der Nacht von der Erde verschluckt worden und durch unterirdische Gänge ins schwarze Gebirge entkommen, nur etwa fünfhundert Alte, kranke Frauen und Kinder waren zurückgeblieben. Hundert schworen der Ketzerei ab, die restlichen Vierhundert hat man bei lebendigem Leibe verbrannt, dazu das Tedeum gesungen. Aber der Blutdurst des Papstes ist
unstillbar. Die Languedoc und die Provence, sowie die Grafschaft Toulouse und die Gascogne, diese einst heiteren Inseln der Poesie und hohen Minne im dunklen Meer des Mittelalters, wurden weiter zur Ader gelassen, kein Gralanbeter sollte überleben. Als die Bewohner des eroberten Minerve vor die Wahl gestellt wurden, Katholizismus oder Scheiterhaufen, stürzten sie sich selbst in die Flammen des bereitstehenden Scheiterhaufens, man brauchte sie nicht einmal zu jagen. Terms wurde wieder mit Hilfe des Herrn erobert, denn der Herr, der ja bekanntlich ein Analfetischist ist, schon die Ägypter hatte er mit Hämorrhoiden geschlagen, ließ die Ruhr in der Stadt ausbrechen. Dann Lavaur. Der fromme Gesang der Kreuzfahrer lähmte die Verteidiger. Alles wurde niedergemacht, die hochschwangere Kastellanin von Lavaur, Donna Geralda, in einen Brunnen geworfen und mit Steinen bedeckt. Für das Freudenfeuer nach dem Sieg fing man sich noch ein paar Leute aus der Umgebung. Wer nicht das Ave Maria aufsagen konnte, kam ins Feuer. Aber die Freuden der Märtyrer waren größer als die der Mörder. Sie küßten sich und starben leichten Herzen. Mütter hielten ihren Kindern die Augen zu, bis das Feuer sie ihnen für immer schloß.1 Den letzten Ketzern blieb schließlich nur noch, in die Pyrenäen zu fliehen. Zwei Silbermark waren sie wert, tot oder lebendig. In den Höhlen von Sabarths fand das letzte Massaker statt, unblutig, die Opfer starben eingemauert. Die Evolution hatte mal wieder ihr Ziel erreicht: Die Mörder überlebten."
1
Informationen über die Vernichtung der Albingenser wurden dem
`Kreuzzug gegen den Gral' von Otto Rahn entnommen, der letzte
Satz wörtlich.
Orpheus: "Du meinst, wenn die Evolution anderen Gesetzen folgen würde, gäbe es jetzt keinen Papst?" "So ungefähr."
Luz: "Ein Naturgesetz, daß jeder Angreifer sofort tot umfällt, wäre doch zum Beispiel gut." Adjuna spöttisch: "Du kannst das ja mal dem Gesetzgeber vorschlagen."
Aurora: "Ich habe es schon oft gehört, aber noch nie verstanden; was ist das, das heilige Gral?"
"Wie alle Mysterien ein Mysterium; einige sagten, es sei die Schüssel, in der man das Blut von Jesu aufgefangen habe, andere, es sei der Stein der Weisen, der Lapsit exillis oder Lapis ex coelis, mit dessen Hilfe aus minderwertigem Metall Gold wird, wieder andere hofften, damit statt Gold Gott zu finden, es wurde auch geglaubt, daß der Gral ein Stein aus Luzifers Krone sei." "Was, ich hab doch keinen in der Krone." "Für einige war es ganz einfach der Wunsch nach dem Paradies, andere wieder sahen darin ein Emblem, das die Nacht des Irrtums erleuchtet und die Menschen von ihrer Blindheit erlöst. Forscher wollen auch einen Zusammenhang mit dem Goldenen Vlies der Argonautensage oder gar mit den Babyloniern sehen, die ihren Sonnengott Gott der Schale nannten. Es ist auch möglich, daß die Albingenser Ideen der Apolloverehrer übernommen hatten, denn Apollo fuhr in einem heiligen Kelch, dem Symbol ewiger Wiedergeburt, zu den Hyperboräern und eine Vase oder sakrale Schale, die Cista mystica, diente beim Apollodienst, aber auch die Ideen des Pythagoras, der ja eine Inkarnation des Apollos gewesen sein soll, dürften sie beinflußt haben. Cicero behauptete übrigens, daß Pythagoras seine Lehren von den keltischen Druiden abgekupfert hatte, so daß es auch möglich ist, daß die Albingenser durch direkteren druidischen Einfluß auf Ideen kamen wie der, daß die Erde ein Produkt des Dispaters, also eines teuflischen Wesens, sei. Solche Ideen vermischt mit johannitischem oder priscillianischem Christentum, dem ersten Todesopfer für christliches Falschglauben, gewürzt mit iranischem Mazdaismus und buddhistischer Seelenwanderung und Glückseligkeit im Nichtsein dürften in der Stadt Albi zur Geburt des Albingismus geführt haben. Und wir lernen, daß Ideen immer mit Ideen verbunden sind, aber leider nicht immer mit Ideen überwunden werden. Und was noch den Gral betrifft: Eine Legende will wissen, der Gral entferne sich um so weiter von dieser Welt, steige um so höher gen Himmel, als die Menschheit seiner unwürdig geworden sei.1 Und was das Glück betrifft: Nach Meinung der Reinen, so nannten sie sich selbst, liegt es jenseits der Sterne." "Das ist freilich eine weite Reise." "Ja, wo nichts schneller sein kann als Licht." "Das wußten die aber damals noch nicht." "Dahin wäre die Seele ja zig Milliarden Jahre unterwegs!" "Ja, wenn sie ankäme, hätten die Sterne aufgehört zu existieren."
1 Informationen zum Gral gesammelt bei Otto Rahn. Der letzte Satz
wurde wieder wörtlich übernommen.
Luz kopfschüttelnd: "Daß die Erde das Produkt des Teufels sein soll, ist wirklich häretisch."
Aurora: "Warum galten die Albingenser eigentlich als Ketzer? Sie waren doch Christen."
"Oh, ihr Christentum hatte einige gute Seiten, deshalb."
"Zum Beispiel?"
"Zum Beispiel lehrten sie im Gegensatz zum mosaischen Märchen von Adam und Eva, daß die Beiden bereits im Himmel gleichberechtigt als Engel existierten, und so wie Eva vom Stigma, eine Nachgeburt zu sein, befreit wurde, wurde sie auch auf Erden ihrem Adam gleichgestellt. Sie galt daher nicht als Männin Adams, sondern als Herrin, als seine Domina. Hier spielten natürlich alte keltische Vorstellungen mit, die in den Frauen etwas Göttliches und Prophetisches sahen. Die Beiden stürzten übrigens mit dem Teufel von Stern zu Stern ins irdische Exil, das für die Albingenser alles andere als ein Paradies war. Der Mensch als gefallener Engel sehnt sich zum Himmel zurück, darum die Berge Meru, Sinai, Olymp, Tabor, Oeta, der Parnaß und die Pyrenäen. Auf Bergen glaubte man sich der Gottheit nahe. Die Cathari, also die Reinen, lebten in einer schwarzweißen Welt: Gott ist gut, der Teufel ist böse, der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach, die Seele ist göttlich, der Körper wie alles Stoffliche teuflisch. Sie kannten eine Hölle, aber diese Hölle war die Erde, und sie hatten recht, damals war es den Katholiken tatsächlich gelungen, die Erde in eine Hölle zu verwandeln, zumindest für andere. Gott, dessen Kinder wir nach Meinung der Albingenser sind, kann als liebender Vater seinen Kindern nichts abschlagen, so daß die Seelen, die sich in stofflichen Körpern wohlfühlen, immer wandern von einer Geburt zur andern, solange sie wollen, bis auch sie sich nach den Sternen sehnen."
"Warum ist alles Stoffliche teuflisch", wollte Luz jetzt wissen.
"Oh, die Reinen lehrten, Gott ist vollkommen, unveränderlich, ewig und gerecht, absolut gut, also das Gegenteil von Materie. Unvollkommenes kann nicht von Vollkommenem kommen. Vollkommenes schafft nichts Unvollkommenes, ergo: Gott hat die Welt nicht geschaffen. Schlechte Wirkung kommt nur von schlechter Ursache, also vom Teufel."
"Ja und wer war ihrer Meinung nach der Teufel? Nicht ein gefallener Engel, also ein Kind Gottes, sein unvollkommenes Produkt?"
"Doch, aber soweit konnten sie nicht denken."
"Aha, das wundert mich nicht. Denken ist nämlich eine teuflische Erfindung."
"Das Alte Testament wurde übrigens nicht von ihnen anerkannt. Jehova war für sie der Teufel, denn Jehova verflucht ständig, der wahre Gott aber segnet. Daß die Welt Teufels Werk ist, bewiesen sie mit dem Neuen Testament, denn dort steht, daß der Teufel Jesus auf einen Berg trägt, ob huckepack oder auf dem Arm wird nicht gesagt, und dann verspricht: `Das kriegst du alles, wenn du mich anbetest.' Wie kann er die Welt verschenken, wenn sie ihm nicht gehört? Wie kann sie ihm gehören, wenn er sie nicht geschaffen hat? Wenn er sie geschaffen hat, dann ist er Jehova. Steht doch im Alten Testament, daß der die Welt erschaffen hat. Jehova equal Teufel. Quod erat demonstrandum. Auch die Albingenser konnten denken."
Während Luz noch nach Ausflüchen oder zumindest einer halbwegs intelligenten Antwort suchte, rief der Sänger lachend: "Womit bewiesen wäre, daß die Albingenser teuflische Fähigkeiten besaßen, was wieder nach katholischer Logik ihren Untergang rechtfertigt."
"Nach unserer Logik war ihr Untergang aber nicht gerechtfertigt, denn sie waren friedliche Menschen und schadeten niemandem, außer durch ihr friedliches Verhalten vielleicht der katholischen Kirche. Sie hatten versöhnliche Ideen und glaubten, daß am jüngsten Tag alle, selbst Satan, zu Gott zurückfinden. Kein ewiges Braten in der Hölle. Sowieso, einen schlimmeren Ort als die Erde kannten sie nicht."1
1 Informationen zu den Glaubensvorstellungen der Albingenser wurden Otto Rahns Buch entnommen.
Mit "Wenn ich Frankreich höre, denke ich natürlich an die französische Revolution" meldete sich jetzt der Bunte zu Wort, laßt uns lieber Paris besichtigen und die Schauplätze der Revolution aufsuchen." "Und feiern, wie aus einer Monarchie eine moderne Diktatur wurde? Das Schafott steht übrigens nicht mehr an seiner Stelle", entgegnete ihm Adjuna, "Revolutionen sind nichts Gutes, langsame Entwicklungen sind gesünder. Gewalt, schrieb Rousseau, schuf den ersten Sklaven, das mag ja stimmen, auf jeden Fall schafft Gewalt Unterdrückung und Wunden, aber Bewunderung schuf die ersten Häuptinge. Könige sind langsam an die Macht gekommen, zunächst einmal waren sie Häuptlinge, denen die Leute ihr Vertrauen geschenkt hatten. Langsam wurden sie machtbesessen, langsam erstarrte das System, langsam löste es sich auf, auch die Heilung braucht Zeit. Das Dazwischen-Hauen von Jan Hagel und Konsorten, Pöbel und Sansculotten, hat nur die gerade genesende Gesellschaft wieder krankenhausreif geschlagen und die guten Idealvorstellungen der Zeit mit Blut beschmiert und unappetitlich gemacht. Es wäre wünschenswert gewesen, man wäre bedachteren Führern gefolgt als Danton, Marat und Robespierre. Aber das Volk glaubt so gerne an Unsinn, so glaubte es auch an Robespierres `Despotie der Freiheit' und sah keinen Widerspruch. Die ursprüngliche Idee der Menschenrechte und der Freiheit, die jede Tätigkeit erlaubte, die anderen nicht schadete, war schnell vergessen worden, jetzt mußte man nach Robespierres Wunsch `aktiv tugendhaft' sein. Die Revolutionäre waren Deisten. Das Christentum hatten sie erfolgreich abgeschafft, aber ohne Verehrung kamen auch sie nicht aus. Sie verehrten die Natur, diese wahllose Mörderin, als Göttin und glaubten sie sei gut. Als junger Anwalt hatte sich Robespierre für das Recht der Leute, sich der himmlischen Strafe zu entziehen, daher Blitzableiter auf ihren Dächern anzubringen, eingesetzt, als Tyrann kannte er keine Gnade und seinen Gegnern war die irdische Strafe gewiß und am Pfingstsonntag 1794, der nun kein Pfingstsonntag mehr war, da das Christentum ja abgeschafft worden war, beging er mit ganz Frankreich zusammen als Höhepunkt der Revolution das Fest des höchsten Wesens, und er erklärte, daß das französische Volk an ein höchstes Wesen glaube und an die Unsterblichkeit der Seele, und daß das höchste Wesen die Revolution fördere, daß das Volk die Tyrannei hasse, sowie alle Feinde von Tugend, Gerechtigkeit und Moral, wozu seiner Meinung nach alle Atheisten gehörten, die er dann auch folgerichtig aufs Schafott schickte. Gott wurde mit Hilfe der Vernunft bewiesen. Etwa so: Wenn Gut und Böse existieren, und... - ist doch logisch, daß sie existieren! - dann muß es logischerweise auch ein Wesen geben, das das Gute belohnt und das Böse bestraft, und wer das Gegenteil behauptet, verführt das Volk zur Unmoralität und wird geköpft. So wurden aus Atheisten wieder Todesopfer, aber aus Kirchen Tempel der Vernunft. Es war natürlich unvernünftig, die Kirchen in Tempel der Vernunft umzuwandeln, vernünftig wäre gewesen, sie in Ställe und Lagerschuppen umzuwandeln oder Fabrikhallen. Vernunft hat nur einen Sinn, wenn man sie vernünftig nutzt. Unvernünftige Rituale im Namen der Vernunft sind ein Widerspruch wie Morde im Namen der Nächstenliebe oder Nächstenliebe im Namen eines mörderischen Gottes."
"Also gut, fahren wir nicht nach Frankreich. Ich kann sowieso kein Französisch."
"Ich auch nicht." "Ich auch nicht." Es schien, daß nur Adjuna, dem ja bei seiner Geburt die Gabe, polyglott zu sein, mitgegeben worden war, sich dort hätte verständigen können.
"Warum fahren wir nicht nach Griechenland
und fragen das Orakel in Delphi, was die Zukunft bringen wird?
Außerdem sind ja zwei von uns mit dem griechischen Kulturkreis
zumindest durch ihren Namen verbunden, nämlich Orpheus und
Aurora, denn die römische Aurora ist ja nichts anderes als ein
Plagiat der griechischen Göttin der Morgenröte. Und
Sonnenschein findet unsere sonnenhungrige Morgenröte in
Griechenland auch genug", schlug der Bunte vor. Aurora
wußte zwar nicht, was ein Plagiat war, aber sie stellte sich
etwas Wunderbares darunter vor und fühlte sich der Pallas Athene
verwandt. So fand der Vorschlag allgemeine Zustimmung.
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