Da sie kein Auto hatten, nahmen sie Auroras Ente, eine laaahme Ente. Und ihr Gepäck? Da sie zu fünft waren, konnten sie nicht viel mitnehmen. Ein bißchen Vorfreude auf den Urlaub, die Hoffnung, gut anzukommen und auch wieder zurück, Geld nicht zu vergessen, ohne das kann man heutzutage kaum noch was kaufen, Kamm, Zahnbürste, Klopapier und andere Papiere, ohne die man kein Mensch mehr war, jedenfalls nicht für einige Uniformierte, die zur Schikane der Menschheit überall übers Land verstreut herumlungerten. Was noch? Die Pille für Aurora und andere Tabletten für schwache Mägen. Trotzdem war das Fahrzeug hoffnungslos überladen. Besonders Adjuna war schwer. Selbst wenn er sich klein machte, wog er immer noch soviel wie drei von der Stange. Wegen Adjunas hohem Wuchs und breiten Schultern ging auch das Verdeck nicht zu; tat der Urlaubsfreude aber keinen Abbruch, trotz des kalten Regens, im Gegenteil, das Hallodria steigerte sich noch, denn als Vorbeugung gegen Erkältung nahm man noch dreizehn zusätzliche Gepäckstücke mit: nämlich einen Schirm für die Fahrerin und ein Dutzend Thermosflaschen mit Grog für die Beifahrer - oder sollte man sie Mitfahrer nennen? Beim Schlafen war es einfacher: Wer mit jemandem schlief, war Beischläfer. Das gehörte natürlich auch dazu, daß man es im Urlaub, da ausgeruhter, intensiver trieb. Aber noch war es nicht so weit. Erst mal zuckelte man auf der Autobahn des Einhodigen nach Süden. Die Kasseler Berge waren das schlimmste Stück. Adjuna wollte schon aussteigen und schieben, aber immer wenn er ausstieg, war das Schieben nicht mehr nötig.
Wwwuuummm, Wwwwwuuummm, Wwwwuuummm, die Kraftwagen, die Kraft protzenden Wagen rauschten an ihnen vorbei, leider nicht alle, einige gerieten hinter ihnen ins Aus, Abseits, Stau, Schrittempo, nur Rowdys wagten sich unter Lebensgefahr auf die Überholspur vor die Füße der road runner oder irgendeiner wild hupenden Straßenwildsau, die vorsichtigeren Fahrer blieben lieber hinter der Ente und warteten auf ein Wunder, nämlich, daß auf der Überholspur mal keiner angeflitzt kam. Damit die Zeit nicht zu lang wurde, drehten sie ihre Scheiben runter - es hatte fast aufgehört zu regnen - und riefen ihre Verwünschungen den fünf Freunden zu, leider war deren Motor aber so laut, daß sie sich mit den Gesten zufrieden geben mußten.
Manche Wunder kamen schneller als andere: Die Überholspur wurde frei und die ganze Kolonne fuhr fluchend, drohend und vogelzeigend vorbei, wahrlich eine feindliche Heeressäule, gut, daß sie nicht angriff, sondern es bei Verbalinjurien bewenden ließ! Aurora wurde so eingeschüchtert, daß sie mit ihrer Chausseewanze auf den Seitenstreifen kroch, um all die eiligen Leute nicht wieder aufzuhalten. So quälte man sich die Berge hoch und rollte auch ab und zu mal vergnügt ein Stück runter. Dann das steilste Stück, tuck tuck, ersten Gang, war es zu schaffen? Alle hielten den Atem an.
Es ruckt und tuckert und kommt kaum voran. Vollgas. Aber nichts passiert. Nur ganz langsam kriecht das Schnauferl weiter, es scheint plötzlich uralt zu sein, müde und schwach. Oben vom Rastplatz kommt ihnen ein Polizist entgegen. Polizei, dein Freund und Helfer. Der hat sicher Mitleid und will schieben helfen. Na, die paar Schritte schaffen wir doch auch noch. Helfen. Weit gefehlt. Ein Strafmandat.
"Was will der Kerl?" - "Pimperlinge will der Pimpf." - "Sie dürfen nicht auf dem Seitenstreifen fahren. Das kostet sechzig Mark, außerdem einen Punkt in Flensburg." "Was, sechs Scheine, Scheiße!"
Die Urlaubskasse wurde um den gewünschten Betrag erleichtert, das Auto blieb überladen, Aurora war geladen, man fuhr weiter.
Aurora war sehr wütend wegen des Strafmandats: "Dem pissigen Kerl hätte ich am liebsten in die Eier getreten." Zum Glück ging es jetzt bergrunter und Aurora konnte ihre Wut in der Geschwindigkeit austoben. Den anderen wurde freilich angst und bange, zu sehen wie Aurora mit dem Lenker auch ihr Leben in der Hand hatte.
Bevor sie in die Alpenrepublik einfuhren, mußten sie über die Grenze, das ist ein Strich in der Landschaft, oft fast unsichtbar und doch von Bedeutung. Auf Landkarten ist sie meist rot eingezeichnet wie die Farbe des Blutes. Ein anderer Staat, eine andere Regierung, andere Gesetze, doch soviel anders war das doch auch alles nicht, wie sie bald merken sollten, denn das Auge des Gesetzes, das diesmal bei dem schönen Wetter klar und ungetrübt gucken konnte, hatte sie erspäht. Eins, zwei, drei, vier, fünf zählte es demonstrativ und es half nichts, daß der Bunte sich hinten als Gepäckstück maskierte. "Wir sind doch hier nicht auf der Redoute. Sie sind zu viele. Das ist zu schwer. Da können sie nachher nicht mehr bremsen, wenn's bergrunter geht." "Das Bremsen ist nicht meine Sorge. Wir wollen ja gar nicht bremsen. Wir wollen nämlich weiter. Das Hochkommen ist meine Sorge", erwiderte ihm Aurora. Aber der Wachmann ließ sich nicht davon abbringen, sie mußten auf die Waage. Lange Gesichter. Was konnten sie über Bord werfen? Die Hoffnung, die Vorfreude auf den Urlaub, die gute Laune? Es würde nichts helfen. Das höchstzulässige Gesamtgewicht war überschritten und blieb es. Sollten sie das Auto stehen lassen oder einen von sich? Eigentlich war Adjuna das Problem, wenn immer er im Auto saß, war das Auto überladen. Da machte Aurora einen Vorschlag: "Geh zu Fuß bis an die jugoslawischen Grenze! Wir warten dort auf dich. In einer Woche müßtest du das schaffen." "Was? Ich. Warum gehen wir nicht alle zu Fuß?" "Wir anderen sind dafür nicht gemacht. Du bist doch immer so stolz auf deine übermenschlichen Kräfte. Also, husch, lauf los. Du sagst doch immer, du bist ein Waldmensch. Hier hast du Wald und Berge genug. Wenn du mich mit deinen groben Pfoten abgrabbelst, denk ich immer, ich hab nen Gorilla vor mir. Und guck dir doch mal die Affenhaare auf deiner Brust an. Du paßt besser in den Urwald als auf die Autobahn." "Du schimpfst über mein Aussehen. Sieh dich doch mal im Spiegel an. Für eine Hexe hat man dich gehalten. Am Verhungern warst du. Da hab ich dir angeboten, bei uns mitzumachen und dir zu essen gegeben und ein Dach über dem Kopf. Und was schimpfst du über die Haare auf meiner Brust, du hast ja Haare auf den Zähnen, obwohl du keine Zähne hast, sondern nur Zahnersatz. Deine richtigen Zähne haben dir wohl deine sauberen Freunde von früher rausgeschlagen, diese Verbrecher, denen du immer noch nachtrauerst." "Ach, was wißt ihr Spinner, ihr - Weltverbesserer, schon von Männern."
Jetzt, wo der Frieden so an den Haaren hing oder an einem, sagte Luz: "Kommt, hört auf, geratet euch nicht noch weiter in die Haare!" und er nahm Adjuna bei Seite: "Komm, sei nicht geknickt! Aurora meint das nicht so, sie hat die ganze Zeit gefahren und ist jetzt ein bißchen gereizt. Aber sie hat recht, nur du schaffst es, zu Fuß zur anderen Seite zu kommen, wir anderen würden unterwegs zusammenbrechen und umkommen. Wir werden ganz bestimmt auf der anderen Seite auf dich warten, und wenn die anderen weiterfahren wollen, ich warte bestimmt auf dich. Und wegen Jugoslawien mach dir keine Sorgen, da ist man nicht so streng, da kannst du wieder mitfahren."
So trennte man sich. Adjuna stampfte mißmutig
los, und die Ente, erleichtert um sein Gewicht sowie um die gute
Laune, die noch kurz vorher geherrscht hatte, und einige andere
Illusionen, fuhr zügig an, auf und davon, die Insassen, schwer
belastet durch den Streit, schwiegen; der Wachmann sah ihnen
zufrieden nach, das Gesetz hatte mal wieder das Siegen.
In Österreich war die Welt noch heil, das hieß, man lebte in einer Art Museum oder Mittelalter, die Frauen trugen noch Röcke, die Buben machten brav Diener, die Mädchen einen Knicks, Sonntags ging's in die Kirche und auch sonst passierte nix. Der Teufel war noch böse, Maria hatte ne ungenutzte Möse, der Beichtvater ersetzte den Psychologen, Weihwasser die Drogen. Die Kirchen standn noch in der Stadt und keiner hatte's satt, und auf dem Land liefen neue Ideen erst recht gegen ne Wand.
Man sollte annehmen, daß Engel nur in der Kirche rumflatterten, aber im Land der Äcker und Dome war man nirgends vor ihnen sicher. Adjuna hatte nicht nur heiße Wut im Bauch, sondern auch Heißhunger auf Backhendl und einen Humpen Heurigen, deshalb ging er in das Wirtshaus `Zum Engel'. Das doppelt gemoppelte Wirtshaus `Zum heiligen Sankt Petrus' war noch weniger nach seinem Geschmack.
Mit `Grüß Gott. Hab'n schon gewählt?' kam a Mopsl an seinen Tisch. Im `Zum Engel' gab's koa Backhendl, nur noch Jungfernbraten mit Paradeiser als Beilage und Sautanz auf Platte. Den fragenden Blick auf die mollige Bedienung geheftet, bestellte Adjuna das erste, da er sich nicht sicher war, ob das andere nicht mehr was fürs Auge war. Daß die Jungfer n Schwein war und die Paradeiser aus nem Tomatenfeld kamen, war dann freilich ne Enttäuschung. Gut, daß er keinen Sautanz genommen hatte.
Während Adjuna aß, mehr hochkaute als runterschluckte, und die am Nebentisch über einen Pifkineser lachten, den sie pflanzn wollten, verwandelte sich das Mopsl in oa Engel, oder war es die Ablösung, die da kam?
Der Engel Lulu, der ein langer Lulatsch, lullte den traurigen Adjuna mit lustigen Liedern und Laxativa zum Thema Leben, Labsal, Liebe, Ladys und Lametta, gegen Langeweile von Land und Leuten, von Landpommeranzen und anderen Pflanzen mit Lust, mit Lust von Lust und Lustration und das mit laut lallender Lippe libidinös, lausig. Hier eines seiner lustigen Lamentos:
Ach, Adjuna, lieber Freind,
du hast schon zu viel geweint.
Es ist Zeit zu lachen
über schöne Sachen,
Zeit sich zu erfreun an Kunst.
Mein Lied besitzt diese Gunst.
Was nützt Enttäuschung dir?
Siehst du die Tür?
Durch sie kannst du nach draußen traben,
und wirst du erst gegangen haben,
der Wälder und Welten Luft geschnuppert,
läuft das Herz wieder wie - gebuttert,
ach nein, wie gezuckert.
Lab dich an der Ladys Liebe im Saal,
du hast keine Wahl,
bist doch kein Aal,
und auch nicht so - kahl
äh, - so glatt.
Du hast es doch noch nicht satt?
Aber auch mit einem Mädchen vom Lande
bist du imstande
zu einer Liaisohn,
sei gewiß, mein Sohn,
das ist sehr schon.
So blas ich meine Lure denn
und hoffe das beruhigt deinen - Senn.
Wo kämen wir denn hin,
wenn jede Krise brächte gleich - Ruinn.
Die Götter freuten sich gar sehr,
daß Menschenschicksal ist so schwer.
Doch Traurigkeit bringt keine Ehr,
Ladys und Lametta muß her.
Was Menschen brauchen, ist Liebe keine Kriege.
Herbei, herbei: Wein, Weiber und - Musieke.
Kling's nicht gescheit,
das Lied so weit?
Jetzt will ich dir noch gutes Essen ---- servieren,
Du sollst davon... --- probieren.
Es sind frische Langusten,
die haben viel - gekuusten.
Gefischt hat sie Fischer Bosten
auf seiner Fahrt in den --- Westen.
Er fischt nur vom Besten.
Du solltest auch kesten
vom weißen Weine,
der steht gleich hinter deine...
--- Rücken;
du brauchst dich nur...
--- umzudrehen.
Nach dieser kleinen Vorstellung war Adjuna fertig mit dem Essen, zahlte und ging.
Auf seinem Weg in den Süden mußte Adjuna zuerst einmal wieder bergrauf, bergrunter; wo Berge sind, sind auch Täler; wo gehobelt wird, fallen Späne. Verdammte Alpentäler, die Leute lebten hier so abgeschlossen wie in hermetischen Glasröhrchen und verstanden sich daher gut auf Hermeneutik, wie wir gleich sehen werden.
Im dunklen Hochgebirgswald traf Adjuna auf einen scheuen Schrat, einem ausgestoßenen Waldheini, ausgestoßen wegen Jugendsünden, ach nein, Sünden sind ja nur was für religiöse Menschen, Verbrechen waren es. Sünden für Gott, Verbrechen gegen Menschen, ihr versteht? Aber der Waldheini hatte einen Trost: Er war ein Stimmwunder. Er war der einzige, dem es gelang, seine Stimme die Grenzen der Galaxis verlassen zu lassen, also nicht nur jenseits der Oort-Wolke ein Ohr zu suchen und nicht zu finden, sondern auch im intergalaktischen Raum, wo es noch leerer und öder ist als auf der Erde.
Aber er konnte auch flüstern. Diese kleine Einflüsterung, Erkenntnis flüsterte er Adjuna ins Ohr:
In einer mörderischen Umgebung nicht zum
Mörder zu werden, ist schwer, genauso schwer, wie unter
Tugendhaften als einziger dem Laster zu frönen. Gewisse Menschen
dulden keine Außenseiter. Doch das versteht heutzutage keiner
mehr. Die Zeiten haben sich geändert, jetzt ist es leicht, alles
besser zu wissen. Ich habe mich immer nur anpassen wollen, ein
Ikonoklast bin ich nie gewesen, aber ewige Anpassung ist in der
Menschenwelt schwerer als für ein Chamäleon im Urwald, man muß
Dinge voraussehen können. Ich bin der Menschenwelt entflohen und
lebe jetzt hier im Hochwald. Meine Haut ist schon grün.
Aber es waren nicht nur grüne Männchen, die ihm Schrecken einjagten, sondern auch die unruhigen Seelen Dahingemorderter von Serbien bis Saloniki, ganze Generationen. Wenn man nicht blind war oder zumindest hartherzig, konnten sie zum Alp werden, zum Nachtmahr, der einen noch am Tage verfolgte. Gab es ein Entkommen?
Adjuna war froh, als er auf halbem Weg halbwegs heil dem behexten Horrorwald entkam und auf eine Bushaltestelle traf. Er nahm den Bus nach Villach. Von dort würde es nicht mehr weit sein zur Grenze.
Bus, Bussl, Busserl, Bussi. Die Steigerung fand ihren Höhepunkt im Bettl des mollerten Mädels. Muschi, Gschpusi. Beim Abschied morgens hörte er noch die Nachbarinnen tuscheln: "Die Sissi hat a schlampertes Verhältnis." Leider war's schon zu Ende, denn Adjuna wollte weiter. Geheilt.
Als Adjuna an der Grenze seine Freunde wieder traf, war er erleichtert. Der Streit war vergessen. Und als ob es etwas nachzuholen galt, zog ihn Aurora in ein angemietetes Hotelzimmer und war stürmischer und leidenschaftlicher und liebenswürdiger als sonst. Adjunas Gedanken aber wanderten ab, zurück in jene Zeit seines früheren Lebens, die er mit seinen Brüdern im Kamyaka-Wald im Exil verbracht hatte. Auch damals, als er zurückgekommen war von Indras Thron, wo er um göttliche Waffen gebeten hatte, war Draupadi besonders stürmisch gewesen. Damals hatte er die Frau mit seinen vier Brüdern geteilt, jetzt teilte er sie mit drei Freunden. Wie ähnlich doch alles war, trotz aller äußeren Andersartigkeit!
Sowieso, Grundlegendes ändert sich nicht, Blut ist rot und Samen sind salzig. Und es dauert noch lange, bis blutlose Geschöpfe ohne Geilheit und Leidenschaft auf dieser Welt umherstreifen. Dann freilich wird alles anders sein. Es kann nur besser werden.
Am nächsten Tag fuhren sie auf kurvigen Wegen die Adria entlang. Die vier Männer stellten immer mehr Auroras Fahrkünste in Frage, zumal sie darauf bestand, daß es in Jugoslawien nichts ausmachte, wenn man Wein trank und Auto fuhr, da die Polizei nicht so streng sei. Ans Unfallrisiko dachte sie nicht. So etwas tun immer die Mitfahrer.
Trotz der Ängste der Insassen kam das Auto glücklich bis nach Griechenland. Aurora bestand darauf, daß auch die Griechen ein tolerantes Volk seien, und sprach weiter dem Alkohol zu. Sie mochte ja recht haben, schon die alten Griechen hatten fleißig gesoffen, bis ihre Leber zu Tode geschrumpft war. Was für moderne Mediziner das Gehirn war und für unsere Großeltern das Herz war, war für die alten Griechen die Leber, nämlich das Organ, das über Leben und Tod entschied, man denke nur an den armen Prometheus, zum Ruhme Zeus gekreuzigt im Kaukasus; in einer modernen Version des Märchens würde der Adler ihm das Gehirn rauspicken.
Auf einem Rastplatz der E 90 nahmen unsere Helden ihr erstes Mahl auf griechischem Boden ein: Weißbrot, Gurken, Tomaten, Feta-Käse dazu Oliven, in den Gläsern ein opalenes Ouzo-Quellwasser-Gemisch und als Tafelwein, eine Flasche Retsina, ein terpentinartiger Tropfen, den man sich gleich so in den Hals goß ohne scheußlichen Umweg über die Zunge. Von hier aus sahen sie auch in der Ferne den Olymp. Kein Zweifel, sie waren in Griechenland.
"Auch wenn man da hochklettert und feststellt, daß der Olymp leer ist, der himmlische Olymp, der weder aus sichtbaren Elementarteilchen noch aus meßbaren Energien besteht, kann bevölkert sein, so daß man die Existenz des Zeus und der anderen der zwölf Duodezgötter..." "?" "Ja, damals hatte man das Doudezimalsystem, und man glaubte daher, daß dort oben zwölf Götter an der Tafel säßen, wir würden heutezutage glauben, daß es nur zehn seien, wenn wir nicht an drei Drittel glaubten. Aber wo war ich? Ach ja, ich wollte sagen, daß man die Existenz bzw. Nicht-Existenz der Götter des griechischen Pantheons genauso wenig beweisen kann, wie die An- oder Abwesenheit des christlichen Gottes oder irgendeines anderen Gottes mit Ausnahme des lebendigen Gottes und der sitzt neben mir. Nur, daß es keinen lieben Gott gibt, kann man beweisen durch die Leiden auf dieser Welt, wo nicht nur jede Mahlzeit ein Mord, sondern Mord eine Allzeitbeschäftigung ist. Habe ich auch noch nie sieben Fliegen auf einen Streich erschlagen, so doch schon über zwanzig Mücken an einem Tag. Und denken wir nur einmal an die Menschen. Wieviel Leiden sie erleiden. Liebeskummer, der Tod eines nahen Verwandten, ein Versagen, ein Verlust und schon halten sie sich für den unglücklichsten Menschen auf dieser Welt, wenn sie freilich das erleiden müßten, was der unglücklichste Mensch der Welt wirklich erleidet und was dann der nächst unglücklichste und der übernächst unglücklichste und so weiter, was alle, die unglücklicher sind, als man selbst, erleiden, wenn man das - nicht erleiden, sondern nur sehen müßte, wäre man noch viel unglücklicher, denn wenn man ein menschliches Herz und kein Monsterherz hat, kann einem das nicht gleichgültig sein. Wir sind nicht wie Gottes Sohn oder die Heiligen, die sich im Himmel vergnügen und nicht das Bedürfnis haben, die helfende Hand denen auszustrecken, die ewige Höllenpein erleiden. Wir wären im Himmel unglücklich, denn wir leiden mit. Menschen sollten immer menschlicher sein als Gott und nicht nach Göttlichkeit streben."
Adjuna erzählte dann auch noch griechische Schöpfungsgeschichten: "Ihr wißt, die Bibel kennt zwei Schöpfungsmythen, einmal steht der Mensch am Ende der - nein, nicht Evolution, denn von Evolution war nicht die Rede, sondern von tagtäglichem, mühsamem Neuschaffen bis zur Erschöpfung des Gottes, und in dem anderen Bericht von der Schöpfung wird der Mensch zuerst einmal aus Lehm geformt und dann wie ein Frosch ins Terrarium ins Paradies gesetzt, das dann von Gott mit lustigen Bäumchen und Pflänzchen ausgeschmückt wird, auch Tiere werden hineingesetzt und der Gott beobachtet mit Neugierde, welche Namen sich der Mensch wohl für all die Sachen einfallen läßt. Die Dressurversuche zu Gehorsam und Unselbständigkeit des Menschen scheitern dann kläglich an der Ungeduld des Gottes. Die alten Griechen kannten nicht nur zwei, sondern, da sie über eine blühendere Phantasie als die alten Juden verfügten, viele Schöpfungsmythen. Ich will euch mal ein paar erzählen. Zunächst einmal glaubten auch sie, daß die Menschen aus Lehm und Wasser geformte Abbilder der Götter seien, aber im Gegesatz zur jüdischen Vorstellungen waren sie nicht vom Obergott Zeus geschaffen worden, sondern von einem Außenseiter, Prometheus, dem Sohn des erdgeborenen Uranossohnes Japetos, also von einem Sprößling des alten Göttergeschlechts der Titanen, das Zeus entmachtet hatte. Dieser Prometheus liebte Himmel und Erde, er erfreute sich an den Vögeln in den Lüften und den Fischen in den Fluten des Meeres, er liebte die Pflanzen, Blumen, Bäume und Tiere, aber er bedauerte, daß es auf Erden kein Geschöpf gab, dessen Leib so beschaffen war, daß der Geist in ihm Wohnung nehmen konnte. Er wußte, daß im Erdboden der Same des Himmels schlummerte, und deshalb nahm er Lehm, befeuchtete ihn, und formte daraus ein Ebenbild der Götter. Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, bewunderte seine Schöpfung. Da es Prometheus nur gelungen war, tierische Seelen mit all ihren guten und bösen Eigenschaften in die Brust seiner Menschen zu stopfen, stellten sie sich ziemlich dumm an, hatten Schwierigkeiten mit dem aufrechten Gang und konnten ein A nicht vom O unterscheiden. Athene bot sich nun an, diesen Halbbeseelten göttlichen Atem einzublasen, und die Menschen standen aufrecht wie die Götter, aber traumwandlerisch wandelten sie auf der Erde und wußten doch von nichts. Der eingeblasene göttliche Funke zündete nicht. Nichts fiel den Menschen in den Schoß, alles mußte Prometheus ihnen mühsam beibringen. Da sie vergraben hausten in Gruften wie wimmelnde Ameisen, sonnenlos, lehrte er ihnen Zimmerwerk und den Bau ziegelgewebter Häuser. Da sie keine Zeichen kannten für Wintersturm, noch die Vorzeichen des Frühlings zu deuten wußten und ohne Einsicht Kälte und Wärme ertrugen, lehrte er sie zu unterscheiden die schwer zu unterscheidenden Gestirne und aus ihrem Lauf den Lauf des Lebens herauszulesen. Er zählte ihnen die Zahlen vor, eine vorzügliche Erfindung, die Wiegen und Messen ermöglichte, und erfand auch gleich die Fügungen der Schrift dazu, das Denkmal aller Dinge, der Musen Mutterwerk. Er jochte den Stier unters Joch, daß er frone am Pfluge, er ließ die Esel Lasten tragen und die Rosse Wagen ziehen. Dem Schiffer erfand er sein linnenbeflügeltes Gefährt, und dem Bergmann zeigte er, wie er aus der Erde Erz, Silber und Gold zu gewinnen vermochte. Kurz, alles Gute hatten die Menschen nicht von den Göttern, sondern von Prometheus. Als er ihnen dann auch noch das Feuer brachte, dachte Zeus, jetzt wird's brenzlich, und er ließ Prometheus mit gespreizten Gliedern in der Bergwildnis des Kaukasus an einen Felsen schmieden, wo ihm, dem Unsterblichen, tagtäglich der Adler die nachwachsende Leber entreißt. Die Menschen hatten Augen und sahen nichts, die Menschen hatten Ohren und hörten nichts, ich half ihnen und jetzt weiß ich mir selbst nicht zu helfen, so klagte Prometheus schließlich gekreuzigt am Kaukasus. Ich gab dem Menschen die blinde Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode, die wohl größte Wohltat für sterbliche Geschöpfe, die ich mir ausdenken konnte, und nun hänge ich Unsterblicher hier über dem Abhang und wünschte, ich wäre tot, so mag Prometheus wohl in seiner hoffnungslosen Situation gedacht haben. Aber die Griechen kannten nicht nur gekreuzigte Helden und lehmgebackene Leutchen, sondern auch eine Sintflut. Das kam so. Zeus hatte das Gerücht vernommen, daß die Menschen böse Frevler seien, und in Menschengestalt ging er nieder auf die Erde, um das Gerücht zu überprüfen. Er fand, daß die Menschen sogar noch schlimmer als ihr Ruf waren, Mord und Totschlag herrschte unter ihnen, der König Lykaon wollte sogar den Gott selbst umbringen. Da wollte Zeus nicht nachstehen; in seinem Zorne ergriff Zeus gleich ein ganzes Bündel von den Donnerkeilen, die ihm die Zyklopen geschmiedet hatten, und wollte sie runter zu den ruchlosen Menschen schicken, doch die anderen Götter hielten ihn aus Furcht, daß bei soviel Feuer der Äther selbst in Flammen aufgehen könnte, zurück, und so kam die Ersatzidee mit den Regenfluten zustande. Der Himmel verfinsterte sich, Wolkengüsse stürzten nieder und verwüsteten die Fluren, Poseidon half von unten mit Quellwasser kräftig nach und befahl den Flüssen über die Ufer zu treten. Alle Menschen ertranken damals, nur Deukalion und Pyrrha nicht, denn sie waren rechtzeitig gewarnt worden und hatten sich eine Arche gezimmert und die dann verproviantiert. Es versteht sich von selbst, daß diese beiden, was Rechtschaffenheit betrifft, vorbildlich waren, das zeigt sich schon daran, daß sie, als die Welt wieder trocken war und alles ermordet, sie als erstes dem Zeus ein Opfer darbrachten. Erst danach wurde ihnen bewußt, wie öde die Welt geworden war und sie baten um neue Menschen. Der herkömmliche Weg über den Geburtskanal schien ihnen zu langwierig und mühsam zu sein. Eine Stimme riet ihnen: Verschleiert euer Haupt und werft die Gebeine eurer Mutter hinter euch! Das war nun wirklich ein merkwürdiger Vorschlag, denn weder hatten sie eine gemeinsame Mutter, noch deren Gebeine bei sich. Doch es kam ihnen die Idee, daß mit Mutter Mutter Erde gemeint sein könnte, und sie taten, wie ihnen verheißen, und warfen die Gebeine der Erde, nämlich Steine hinter sich, und siehe da, aus den Steinen, die Deukalion hinter sich warf, wurden Männer und aus denen, die Pyrrha hinter sich warf, wurden Frauen. Und als sie am Abend müde wurden, hörten sie auf. Am nächsten Tag funktionierte der Trick nicht mehr. Sie waren auch schon genug."
Christen, die alles mit angehört hatten, - es gab sie in Griechenland wie überall auf der Welt - unterbrachen Adjuna hier.
Einer meinte: "Daß neben den Juden auch die alten Griechen - und sie waren nicht die einzigen - eine Sintflut kannten, beweist doch, daß es wirklich eine gab. Also hat die Bibel recht, wie so oft." "Wenn du die Sage von Deukalion und Pyrrha so erst nimmst wie die Bibel und so die Richtigkeit der Bibel beweisen willst, so verstehe ich dich nicht. Für mich beweist das höchstens, daß die Bibel wie so oft unrecht hat, wenn sie behauptet, daß die Insassen der Arche Noah die einzigen Überlebenden waren."
Wenn und Aber...
Da dichtete Orpheus: Wenn und Abber, oh, ihr Christen, laßt doch das
Gelabber.
Adjuna aber fuhr fort: "Bisher haben wir nur gehört, wie die Menschen erschaffen wurden nach Meinung der Griechen, jetzt wollen wir noch weiter zurückgehen, zum ersten Kapitel, etwa da, wo das Johannes Evangelium sagt, am Anfang war das Wort, also das Gebelle der Menschen, oder dahin, wo die Genesis die Tat Gottes setzt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist des Herrn schwebte über dem Wasser." "Gut, daß es Wasser gab. Da hatte er wenigstens was zu trinken." "Ja. Auch die Griechen kannten diese Art philosophischer Spekulation. Am Anfang war das Chaos, die grenzenlose, gähnende Leere, heißt es da zum Beispiel. Wie die Leere chaotisch sein konnte, wurde nicht erklärt. Bei Hesiod heißt es: Aus dem Chaos entstanden die Nacht und des Erebos Dunkel. Die Nacht gebar das Schicksal, das grausige, das finstere Ende, sie gebar den Tod, den Schlaf, die Mühen und die Drangsal, die Moiren und Keren, die Rache, die Vergehen und Frevel, Hunger und Kummer, Lug und Betrug, Hader und Widerrede, Schlachtgetümmel, Männergemetzel und den gemeinen Mord, Rechtsverletzung, Verblendung und Engstirnigkeit und selbst den Meineid. Und wahrlich, all diese Dinge gibt es noch heute auf dieser Welt. Eine andere Geschichte erzählt: Aus dem Chaos entstanden Gaya, die Erde, und Eros, die Liebe. Gaya gebar Pontos, das Meer, und Uranos, den Himmel. Aus der geschlechtlichen Vereinigung mit ihrem Sohn Uranos entstanden die zwölf Titanen: der Weltstrom Ozeanos und seine Schwester und Gattin, die Tethys, von ihnen entspringen alle Gewässer; Hyperion, der Vater des Helios; Japetos, der Vater des Vordenkers und des Nachdenkers sowie des Atlas; Themis, die Gerechtigkeit; Kronos und Rhea, ein Geschwister- und Ehepaar, und so weiter, sie gebar auch drei einäugige Zyklopen. Nach einer volktümlicheren Version gebar die aus dem Urchaos aufgetauchte Urmutter Erde den Uranos ganz einfach im Schlaf, aus Liebe ließ der dann Regen auf ihre Liebesöffnung rieseln, woraufhin sie alle Lebewesen der Welt zur Welt brachte, und wahrlich, ich sage euch, noch heute besitzt der Regen die Fähigkeit, öde Wüsten zum Leben zu erwecken, ich habe es selbst einmal erlebt."
"Die Kinder treiben's aber oft mit den Eltern", bemerkte Aurora, und Orpheus, wie bestätigend: "Ja, ein bißchen viel Inzest in den griechischen Sagen." Die Griechen kannten zwar Ödipus, aber keinen Ödipuskomplex, obwohl sie wahrscheinlich daran litten. Ihr wißt sicher, daß Freud festgestellt hatte, und zwar mit der von ihm für das Sichtbarmachen unbewußter Inhalte erfundenen Methode, der Psychoanalyse, daß die Menschen als Kind den jeweils andersgeschlechtlichen Elternteil sexuell begehren und daher den gleichgeschlechtlichen Teil fürchten, hassen und ihm gar den Tod wünschen, was Schuldgefühle und Ängste mit sich bringt. Da beide Vorstellungen, der Geschlechtsakt mit dem einen Elternteil und der Mord am anderen, tabu beziehungsweise schrecklich sind, werden sie verdrängt, tauchen aber später in selbstquälerischen Ritualen wie Religiosität, freiwilliger Unterwerfung, Frigidität oder zumindest einem schlechten Gewissen bei geschlechtlichen Handlungen wieder auf. Ist nicht die beste Art, solchen Neurosen zu entgehen, das Ausleben der geschlechtlichen Wünsche mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil unter wohlwollender Tolerierung von Seiten des gleichgeschlechtlichen Elternteils? Denkt bitte nicht schlecht vom Inzest! Blutschande ist keine Schande, sondern die beste Lösung, seelischen und gesellschaftlichen Übeln vorzubeugen, wozu eben auch die Religion gehört. Es ist natürlich auch ganz leicht einzusehen, daß es am besten ist, wenn die Kinder ihre ersten sexuellen Erfahrungen bei wohlwollenden Eltern sammeln, anstatt bei Fremden, die das in sie gesetzte Vertrauen viel eher mißbrauchen und aus dem Liebesakt einen egoistischen Ausbeutungsakt machen. Neben der Freudschen Theorie, daß die zürnende, lustfeindliche Gottvaterfigur in Wirklichkeit eine auf Grund des Ödipus-Komplexes verdrängte Vaterfigur ist, gibt es noch die volktümlichere Version, die behauptet, daß sich in der Gottvorstellung die Erinnerung an den eigenen Vater erhalten hat, und zwar als Beschützer, Aufpasser und Erzieher."
"Adjuna", sagte Aurora jetzt, "du hast wohl recht, wenn ich je ein Kind bekomme, soll es, wenn es ein Sohn ist, mich auch geschlechtlich lieben dürfen, und wenn es eine Tochter ist, den Vater."
"Das ist gut. Doch wohl gemerkt, wenn sie wollen, denn erzwingen darf man so etwas nicht, das wird dann nämlich wieder zum Trauma. Aber wir waren ja bei den griechischen Schöpfungsgeschichten. Laßt mich also schildern, wie es in der esoterischeren Version oder Vision weitergeht: Die Zyklopen, die der Schmiedearbeit nachgingen, entwickelten vom vielen Hammerschwingen so gewaltige Muskeln, daß Uranos fürchtete, sie würden bald stark genug sein, um ihn vom Thron zu schubsen. Um dem zuvorzukommen, warf er sie in den Tartaros, das ist ein Abgrund unter der Erde. Es war also eine Art Unter-den-Teppich-Kehren. Uranos dachte, nun wären sie aus der Welt. Doch die Erde ärgerte sich über die schlechte Behandlung ihrer drei Zyklopen-Kinder und hetzte ihren jüngsten Sohn Kronos gegen den Vater auf. Dieser nahm die scharfzahnige Sichel, die seine Mutter geschmiedet hatte, und beraubte damit den Vater seiner Männlichkeit und seiner Macht." "Starb er an seinen Wunden?" "Aber nein, natürlich nicht. Der Himmel ist doch immer noch da! Als Uranos Bluttropfen auf die Erde fielen, befruchteten sie Gaya und Gaya gebar die furchtbaren Furien und die grausamen Giganten. Kronos saß nun auf dem Thron, aber er fürchtete, daß die Kinder, die Rhea ihm gebar, vielleicht nach dem Vater geschlagen seien und ihrerseits eines Tages ihm das Gemächt abschneiden könnten, deshalb fraß er sie. Halt, nein, er kaute nicht, er verschlang sie. Später kitzelte sein Jüngster, nämlich Zeus, den Rhea auf Kreta bei Nymphen versteckt hatte aufwachsen lassen, ihn so gemein von hinten, daß ihm sein Mageninhalt hochkam, also Zeus' ältere Geschwister. Das waren die zukünftige Gattin und Mitregentin des Zeus, Hera, der Unterweltler Hades, die Naturmutter Demeter, die zukünftige Göttin des häuslichen Herdfeuers, also die Hesta, und dann noch Poseidon, den ja jeder kennt. Vom Olymp aus organisierte Zeus dann den Kampf gegen Kronos. Die Zyklopen, die Kronos schon wieder verbannt hatte, wurden von Zeus endgültig befreit, und aus Dankbarkeit schmiedeten sie ihm seine Donnerkeile, mit denen besiegte Zeus dann Kronos und die Titanen und kehrte sie unter den Tartaros. Später versuchten sie noch einmal mit Hilfe der Giganten gegen Zeus zu motzen. Aber Zeus, zusammen mit den anderen Göttern und seinem sterblichen Sohn Herakles, tötete die Giganten und fegte die unsterblichen Titanen wieder zurück unter den Tartaros. Noch später versöhnte er sich aber mit ihnen und setzte sie in das Elysium, auf die westlichen Inseln der Seligen, das griechische Paradies. Nach der Gigantomachie gebar Gaya unter großen Wehen ein hundertköpfiges Drachenungeheuer, ihren letzten Verbündeten gegen Zeus. Doch Zeus besiegte auch dieses Biest mit seinen Blitzen und warf es in den Ätna, wo es sich zwar noch manchmal bemerkbar macht, aber nicht rauskann. Seitdem herrscht Friede und Gaya gebiert nur noch mehr oder weniger harmlose Pflänzchen. Zeus teilte den anderen Göttern ihre Jobs zu, und Ordnung und Gesetzmäßigkeit regierten fortan die Welt und man hatte Zeit, dem Leben auch schöne Seiten abzugewinnen. Zeus umarmte in Liebe seine Schwester Hera und nahm sie zur Frau. Sie gebar ihm den Hephaistos, den Ares und die Hebe. Da Zeus ein großes Herz hatte, liebte er auch auswärtig. Auch diese Liebe trug Früchte: Die Titanentochter Leto gebar ihm Apollo und Artemis, die Nymphe Maya Hermes, die Ozeanostochter Dione Aphrodite, die Demeter Persephone. Auch die Töchter der Sterblichen liebte er, sehr zum Leidwesen der Hera, die schon von Berufs wegen so etwas nicht dulden konnte, sie war Wächterin über die heiligen Gesetze der Ehe. Aber Zeus war erfinderisch und näherte sich seinen diversen Gespielinnen in verwandelter Form, zum Beispiel der Europa als weißer Stier. Als sie so unvorsichtig war und sich auf den Rücken des zahmen Tieres setzte, rannte er mit ihr davon. In Europa angekommen - der Erdteil bekam seinen Namen allerdings erst nach diesen Ereignissen - nahm er sie sich dann vor in Form eines Mannes. Er zeugte drei Söhne, bevor er sich nach einer anderen umsah: Minos, der König von Kreta wurde und nach seinem Tode wegen seiner Gerechtigkeit Richter in der Unterwelt, Rhadamantys, der ebenfalls Totenrichter wurde, sowie Sarpedon. Schlimmer erging es der bildschönen Tochter des Königs von Argos, Io war ihr Name, um sich mit ihr zu vergnügen, verwandelte Zeus sie in eine Kuh, aber ehe Zeus noch sein brünstiges Bedürfnis an ihr abreagieren konnte, hetzte die eifersüchtige Hera das arme Mädchen oder die arme Kuh, wie man will, in Form einer Hornisse durch die ganze damals bekannte Welt, bis sie am Nil am Zusammenbrechen war. Jetzt endlich gestand Zeus seiner Frau den geplanten Seitensprung und versprach beim Styx, fortan von dem Mädchen zu lassen, trotzdem gebar sie ihm den Epaphos, der die Stadt Memphis gründete und Ägypten beherrschte. Schwerenöter, der er war, trieb Zeus es noch mit vielen Frauen. Aus der Vereinigung mit Leda gingen Hellena und Pollux hervor, aus der mit Alkmene Herakles, aus der mit Danae Perseus und so weiter. Die sterbliche Semele gebar ihm den Gott Dionysos, erlitt aber leider den Hochspannungstod, als Zeus ihr den Wunsch erfüllte, sich in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Und so weiter. Auch Jünglinge liebte er, zum Beispiel den schönen Ganymedes, den er der Eos wegnahm. Er hat seine überlegene Position wohl bis zum Schluß ausgenutzt, bis seine Firma abgewirtschaftet war und dichtmachen mußte."
"Das ausschweifende Leben der Götter rechtfertigte natürlich die Ausschweifigkeit der Menschen", meinte Luz.
"Zweifellos."
Orpheus: "Es gibt eine Sache, die schlechter ist als Geilheit, und das ist, Geilheit zu unterdrücken."
Als sie alle wieder im Auto saßen, erzählte Adjuna: "Neben dem olympischen Schöpfungsmythos, den ich eben erzählt habe, gab es noch einen homerischen Mythos, demzufolge alle Lebewesen und auch alle fragwürdigen Wesen, wie die Götter, aus der Liebesbeziehung des Ozeanos mit seiner Mutter Tethys hervorgingen, und einen pelasgischen Schöpfungsmythos, wahrscheinlich aus matriarchalischer Frühzeit, demzufolge die Urgöttin Eurynome sich mit der von ihr aus Wind erschaffenen Urschlange Ophion paarte, und dann in der Gestalt einer Taube das Weltei legte, aus dem alle Himmelskörper sowie die Erde mit all ihrem Drum und Dran entsprangen. Und...", zu Orpheus gewandt, "...last but not least, einen orphischen Schöpfungsmythos, demzufolge die Nacht vom Wind begattet wurde und ein silbriges Ei legte, aus dem ein zwittriges Wesen hervorging, der Beweger des Alls."
"So viele Götter, so viele Mythen", klagte Aurora.
"Mit ihren Schöpfungsmythen haben die Griechen aber ein Ei gelegt."
"Ja, ein Windei."
"Aber glaubt mir, Priester würden selbst heute noch solchen Flatus mit größter Inbrunst vertreten, wenn sie nicht ein noch windigeres Ei gefunden hätten, ein Ovum, das mit dem Hauch Gottes befruchtet wurde und ausnahmsweise nicht wie andere ova subventanea in die Hose ging."
"Ja, die sind wahre Windhunde. Zu verschlagen für ehrliche Wissenschaft."
"Deren Windbeuteleien ist schwer beizukommen."
"Wir können von Glück sagen, daß es noch Windschatten gibt."
"Wie lange noch? Die Enttäuschungen, die die Technisierung und die Atomenergie mit sich gebracht haben, lassen die Zeit sich wieder zurückdrehen, statt neue Lösungen werden alte gesucht, denn man hat vergessen, wohin es führt, Rückschritte zu machen."
"Ja, ein modernes Mittelalter klopft an unsere Tür."
Während sie sich so unterhielten, passierte
es, aber zum Glück wußten sie auf Grund Adjunas gründlichen
Ausführungen, als sie landeten, wo sie waren.
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