Adjuna in der Antike

Wir hatten ja schon gesehen, wie aus der Ente in den Kasseler Bergen ein müdes Schnauferle wurde, doch als es in der Nähe der Meteora-Klöster von der Straße abkam und in eine Schlucht fiel, wurde aus dem Schnauferle eine Zeitmaschine, ein Fahrstuhl in die Antike. Um wie viele Jahrhunderte man pro Stockwerk zurückfiel, können Archäologen besser ausrechnen als ich. Sicher ist nur, daß alles anders war. Alles? Das nun doch wieder nicht. Alles Äußere vielleicht, aber mehr sehen wir Menschen ja auch nicht. Um zu erkennen, daß es immer der gleiche törichte Irrsinn ist, der uns treibt, müßten wir außerhalb stehen, aber das gelingt nicht, da wir gerade erst laufen gelernt haben und die Schranke zwischen Wahn und Wahrnehmung weit ist und außerdem unüberwindbar, zumindest für uns - noch.

Man sollte nicht denken, daß unsere Helden einfach gestürzt waren und sich den Kopf gestoßen hatten und Sternchen sahen und auf einem Planeten der Fantasie im eigenen Innern auf Abenteuer gingen, sondern alles war so wirklich wie die schwarze Schrift auf dem weißen Papier vor den Augen des Lesers, was sich schon durch den Kneiftest, also durchs Zwicken und Aua-Sagen, beweisen ließ, wobei noch hinzukam, daß Aurora so den Abhang hinuntergerutscht war, daß ihr Kleid am rauhen Geröll haften geblieben war und ihren Hintern entblößte, und das Kneifen an der Stelle sie nicht nur Aua schreien ließ, sondern bei den Männern auch eine Erregung erzeugte, die ihnen ganz deutlich bewies, daß sie am Leben waren, ein Gefühl, daß der eine oder andere bei der Visualisierung der Vorgänge vielleicht nachempfingen kann, bloß keine falsche Scham, natürlich auch nicht, wenn's nicht klappt.

Hinzu kam auch noch, daß bei dem Zeitsprung auch ihre Kleidung gewechselt worden war. Wir hatten schon gehört, daß bei Aurora einfach die Unterhose verschwunden war, aber auch die Männer standen in kurzen Röcken da ohne Unterhose. Das mag an Schottland erinnern, hat aber nichts damit zu tun, erstens waren die Röcke beige und hatten nur einfache geometrische Muster an den Rändern, zweitens waren sie aus einem weiten, lockeren Stoff, der so kurz war, daß leicht mal etwas hervorblitzen konnte.

Die Freunde standen am Boden der Schlucht und klopften und putzen sich ab und prüften, ob nichts gebrochen sei. Die scharfen Felsen hatten ihnen tiefe Wunden gerissen und Blut lief ihnen an Armen und Beinen herunter. Aurora, deren Kleid so geschnitten zu sein schien, daß es die Brust gar nicht oder nur an einem schmalen Streifen über den Nippeln bedeckten sollte, hatte Schürfwunden vom Rippenansatz bis zur Unterseite ihrer üppigen Brüste erlitten. Langsam war das Blut hervorgesickert und Staub und Dreck, die Aussonderungen von Mutter Erde, klebten an ihr. Ganz starr stand sie da in ihrem Elend, vor Dreck starrend hielt sie ihre Arme hilflos von sich. Alle blickten sie die Felswand hoch, die Spur, die ihr Sturz hinterlassen hatte, verlor sich irgendwo. Von der Straße, die in die Felswand gemeißelt worden war und auf der sie gefahren waren, war nichts mehr zu sehen, der Fußweg hier unten am Bach schien der einzige Weg zu sein, der durch das Tal führte, es war also keine ausweglose Situation. Während Adjuna noch darüber nachdachte, was sie machen sollten, fing Aurora an zu schreien, denn eine Armee von Skorpionen schien an ihrem Bauch hochzumarschieren und in den Rundungen ihrer Brust sich festzukneifen: "Igitt, wo kommen die denn her?" Auch der Bunte fing an zu schreien, hatte er doch eine Kreuzotter bei seinem Fuß bemerkt. Jetzt sahen's die anderen auch, der Ort wimmelte von Schlangen und Ungeziefer. Sie hopsten, um den Schlangenbissen zu entgehen, ein Veitstanz, wie bei Von-Teufeln-Besessenen. Mit einer Handbewegung fegte Adjuna die widerlichen Viecher von Auroras Brust und rief: "Bloß weg von hier!" Sie alle liefen ein Stück den Pfad hinunter, weil das schneller ging als berghoch, obwohl sie früher einmal aus der Richtung gekommen waren. "Laßt uns durchs Wasser und dann auf den Felsen da!"

Erleichtert standen sie keuchend im Wasser und fingen an, ihre Wunden auszuwaschen. Das tat gut.

Orpheus war der erste, der schrie. Dann hopsten auch schon wieder alle. Sie flüchteten zum Felsen. "Das gibt's doch nicht. Piranhas leben doch nur in Südamerika."

Beängstigt saßen sie auf dem Felsen. Alle schauten sie auf ihre Füße und deren nähere Umgebung, nur der Bunte hielt in die Ferne Ausschau und folgte mit seinen Augen dem Talweg, der in einer Ebene auszulaufen schien. Jemand schien heraufzukommen mit einer kleinen Trägerkolonne. Der Bunte hielt automatisch seine Hand vor seinen Scham. "Da kommt jemand. Mensch, ist mir das peinlich, so ein Röckchen zu tragen. Lieber wäre ich ganz nackt. So komme ich mir vor wie ein Kleinkind, das man mal im Garten ohne Windeln rumlaufen läßt." Luz meinte tröstend: "Sieh mal, die scheinen hier doch alle so rumzulaufen." Tatsächlich wurde die kleine Karawane von einem würdig aussehenden älteren Herrn mit weißem Bart angeführt, der ebenfalls ein kurzes Röckchen trug, allerdings vielleicht aus einem etwas festeren Stoff.

Als der Mann mit seinen Leuten dicht genug rangekommen war, streckte er die Hand zum Gruß aus und rief: "Erfreut euch!" "Warum denn?" zischte der Bunte bissig. "Sei ruhig! Das ist deren Gruß", zischte Adjuna zurück, und mit lauter Stimme: "Freude sei auch mit Euch, edler Wanderer." "Leider gibt es nur wenig Grund zur Freude", winkte der Wanderer ab. "Gestattet, daß wir Euch warnen", rief Adjuna wieder mit lauter Stimme, "ein Stückchen weiter, dort, wo wir den Abhang runterstürzten, wimmelt es von Giftschlangen." "Was lauft ihr, Barbaren, auch die Berge hoch und versucht die Götter." Der Fremde trat jetzt näher heran. "Ihr blutet ja. Wißt ihr nicht, daß Gaya sich wieder gegen die himmlischen Götter erhoben hat und ihre Söhne, die Titanen, von den seligen Inseln, wo sie nicht selig werden konnten, denn nur die Herrschaft über die drei Welten macht sie selig, zurückgeholt hat, und sie gemeinsam die Giganten wieder zum Leben erweckt haben, diese blutrünstigen, durch Blut gezeugten Ungeheuer, und wo immer heute Blut auf den Boden fällt - und ist's nur ein Tröpfchen - wächst die ungastliche Mutter einen Kollaborateur, Nattern, Echsen, und anderes widerliche Gewürm, Skorpione, Blutsauger, Wanzen und Malaria verbreitende Moskitos. Ich war gerade in Delphi, wo ich auf dem Rückweg von Handelsgeschäften in Itea vorbeikam. Dort sagte die Priesterin des Apollos selbst, daß wir den Phöbos und die Olymper nicht länger anbeten sollten, denn die Zukunft gehöre den Titanen. Stellt euch vor, die Orakelpriesterin des Apollon! Das Volk hat sie sofort wegen Blasphemie gesteinigt. Aber die neue Priesterin - eine Jungfrau, die dem Apollon ergeben war -, als sie die Weihen erhalten hatte und der göttliche Geist über sie gekommen war, sagte genau das Gleiche. Niemand wagte mehr, ihr etwas zu tun. Es ist zum Verzweifeln. Wen soll man denn jetzt noch anbeten?" "Warum wartet ihr nicht einfach ab und betet niemanden an?" wollte der Bunte jetzt wissen. "Und dann ohne überirdischen Schutz leben? Nur Mensch sein? Nein, das geht nicht. Das Staatswesen würde zerfallen, den Fürsten würde nicht mehr gefolgt werden, der Kaufmann seiner Waren beraubt, der Bauer seiner Ernten, der Philosoph seines Themas, die Priester ihres Tempels, die Soldaten ihres Trostes, die Schiffer ihres Schutzes, die Sklaven ihrer Ketten. Kurzum, in Kürze hätten wir ein Chaos, wie das, dem wir gerade erst entkommen sind durch den Aufstieg zur Kultur und den ihr, Barbaren, ja immer noch nicht geschafft habt." "Warum nennt ihr uns immer Barbaren?" "Das merkt man doch an eurer Denkweise und auch an eurer Aussprache. Wo habt ihr überhaupt so gut Griechisch gelernt, meistens seid ihr doch noch schlimmer am Radebrechen?" "Im humanistischen Gymnasium", meinte Aurora hier, denn an das fühlte sie sich gerade erinnert, obwohl die anderen ihre Sprachbegabung wohl bei der Zeitverschiebung kostenlos zugekriegt hatten.

Plötzlich rief der Händler in panischer Angst: "Paß auf, da am Ellbogen ein Bluttropfen. Der fällt gleich runter." Während Adjuna aber den Ellbogen noch ein bißchen anhob, um das Blut besser sehen zu können, tropfte es auch schon auf den Bogen. Da zischte es auf dem Felsen und bubbelte und einen Moment später wand sich da eine Schlange und sprang ihn an. Adjuna packte sie beim Genick und böse lachend zerriß er sie und warf die beiden Enden verächtlich in den Sand des Ufers. Doch schon griffen ihn zwei Schlangen an. Einer der Träger sprang hinzu und schleuderte die beiden Schlangen mit seinem Stecken weit in den Busch.

Der ältere Mann, über ein Bündel gekniet, aus dem er einige Stoffe zog, meinte jetzt: "Am besten verbindet ihr schnell eure Wunden." Und er reichte ihnen Verbandsstoffe. "Ich habe auch Salben, die die Heilung ganz außergewöhnlich beschleunigen, aber ich kann sie euch nicht kostenlos überlassen, denn sie waren sehr teuer. Es handelt sich bei ihnen um ägyptische Importware. Und gerade in letzter Zeit sind viele Schiffe untergegangen, wie ihr sicher wißt, was einen enormen Preisanstieg für alle überseeischen Produkte mit sich gebracht hat. Ich überlasse sie euch jedoch für meinen Einkaufspreis." "Wir haben kein Geld." "Ich überlasse euch diese Salbe für nur drei attische Eulen." "Wo sollen wir denn hier Eulen fangen?" "Ich meine natürlich drei attische Tetradrachmen aus Laurium-Silber", erklärte der Kaufmann jetzt verärgert über soviel Begriffstutzigkeit. "Ach so", entgegnete Adjuna ihm, Verstehen vortäuschend, "aber ich sagte ja, wir haben kein Geld." "Wie kann man nur ohne Geld unterwegs sein!" meinte der Händler mißmutig, "was habt ihr denn da in euren Ledergürteln", mit dem Stock darauf deutend. Die Freunde wurden sich erst jetzt bewußt, daß in ihren Gürteln was sein könnte, und sahen neugierig nach. Da ihre Überraschung zu groß war, als ihre Finger die runden, groben Dinger fühlten, riefen sie begeistert aus: "Geld", was ihre peinliche Lage noch verschlimmerte. Waren sie auch nicht mehr in Geldverlegenheit, so waren sie doch in Verlegenheit: Was mußte dieser fremde Mann von ihnen denken, wenn sie nicht einmal wußten, was sie in ihren eigenen Taschen hatten. Jetzt sahen sie es, das runde Silberstück mit dem quadratischen Bild, in dem eine Eule war. Jeder mochte wohl eine gute Hand voll davon haben. Die wenigen Goldstücke, die sie auch im Gürtel bemerkten, ließen sie lieber im Verborgenen. Ihr Portemonnaieinhalt hatte die Reise in eine andere Zeit also auch mitgemacht, nur konnten sie nicht so schnell überblicken zu welchem Wechselkurs. Aber sie waren zufrieden, es schien eine Menge zu sein.

Adjuna gab dem Händler drei Eulen. An dessen aufleuchtenden Augen erkannte er sofort, daß er nicht den Selbstkostenpreis, sondern den höchstmöglichen Verkaufspreis zahlte, wenn nicht noch mehr.

Beim Abschied sagte Adjuna noch: "Wir werden selbst nach Delphi gehen und dort nach dem Rechten schauen. Wenn wir den Pfad entlang gehen, kommen wir hin?" "Da kommt nachher eine Hinweissäule, da müßt ihr wie indiziert nach rechts abbiegen. Der Weg ist gut ausgesäult. Könnt ihr gar nicht verfehlen." Und mit dem Stock die Schlangen vertreibend, ging der Mann mit seiner Trägerkolonne weiter.

Auch unsere Freunde machten sich auf den Weg. Ihre Wunden schmerzten ihnen kaum noch, die Salbe hatte offensichtlich eine heilende und lindernde Wirkung. "So eine gute Salbe hätte ich mal damals nach meinem Unfall haben sollen, dann sähe mein Gesicht jetzt bestimmt nicht so schrecklich aus. Sieh mal hier unter der Brust. Die Schürfwunden sind schon fast geheilt." "Du mußt die Träger deines Kleides auseinander machen, damit die Brust frei wird, dann sieht man dein Gesicht nicht so." "Warum verschleierst du dein Gesicht nicht?" "Womit denn? Mit deinem Röckchen, Bunter?" "Ja, wir haben einen großen Mangel an Textilien. Aber mein Röckchen gebe ich dir gern. Hier, aus Liebe zu dir." "Danke. Beim nächsten Textilwarengeschäft sollten wir uns mal ein paar bessere Kleider kaufen." "Du meinst Markt."

In der nächsten Ortschaft gab es vor dem Tempel des Hephaistos tatsächlich einen Markt, aber es wurden nur Eisen- und Bronzeerzeugnisse angeboten und nackte junge Männer. Schon bald hielt ein kleiner, älterer Grieche mit dickem Bauch und schmierigem Grinsen, eine typische Unternehmertype, die Hoden des Bunten abwiegend in der Hand. "Was soll der kosten?" fragte er den daneben stehenden Adjuna.

Adjuna an den Bunten gewandt: "Was willst du haben?" "Bist du verrückt! Ich bin nicht zu verkaufen. Du hast wohl vergessen, daß wir auf Urlaub sind!" schimpfte der Bunte, gleichzeitig versuchte er, seinen Hodensack dem Griff der fetten Finger zu entziehen, was aber wegen des delikaten, schmerzempfindlichen Inhalts mißlang.

Adjuna meinte zum Dicken gewandt: "Der ist auf Urlaub." Aber der Dicke schien nicht gleich zu verstehen. Es dauerte eine Weile, dann erst schien ihm etwas zu dämmern: "Du willst nicht verkaufen?" "Nein", sagte Adjuna der Einfachheit halber. Der Dicke schüttelte noch einmal kräftig und verschwand dann mißmutig in der Menge.

Zwar hatte Aurora keine Stoffe gefunden, aber unter den Waffen und Rüstungen, die hier neben Töpfen und Handwerkszeug angeboten wurden, war ein Helm mit Gesichtsmaske aus goldener Bronze, der ihr außerordentlich zusagte. Die großen mandelförmigen Augen der Maske mit ihren schlichten Rändern, die an Lidschatten erinnerten, und die glatte Kopfhaube mit dem angedeuteten Haar mit Mittelscheitel gaben ihr, wie sie nach einem Blick in den polierten Bronzespiegel meinte, das unschuldige Aussehen eines Bambis, der Verkäufer jedoch meinte, sie ähnelte eher dem Ares.

Das Problem war nun, daß der Verkäufer ihr den Kopf- und Gesichtsschutz nicht so verkaufen wollte, sondern darauf bestand, daß sie den ganzen Satz nehmen müsse, wozu auch der Brustharnisch und der Lendenschutz gehörten. Und wie oft sie ihm auch demonstrierte, daß der Brustpanzer viel zu flach war für ihre Brust, der Verkäufer blieb stur. Am liebsten hätte sie ihm die Augen ausgekratzt, aber da sie einsah, daß das nur Scherereien mit sich brachte, lief sie zum Troubadour der Gruppe, denn der Panzer schien gerade die richtige Form für Orpheus zu haben. Widerwillig ließ sich der Sänger beschwatzen, gutmütig teilte er mit Aurora die Kosten und zog dann das bronzene Hemd an. Ein bißchen hart. Der Verkäufer riet ihm noch etwas Weiches darunter zu tragen. Leicht gesagt.

Aurora lief begeistert zum Bunten, dessen Röckchen triumphierend schwenkend. Als sie ihn erreicht hatte, band sie ihm sein Röckchen wieder um: "Wie findest du mich?" "Unwiderstehlich, wie die Morgenröte."

Auf ihrem weiteren Weg fanden sie Begleitung. Ein junger Schäfer, dessen Schafe lauter schwarze Schäflein warfen, wollte auch nach Delphi, um die Priesterin nach der Bedeutung dieses Omens zu fragen. Unterwegs stellte sich heraus, daß er ein guter Unterhalter war, eine lebendige Zeitung, die alle Skandalgeschichten der Götter aus dem Effeff kannte:

Da war die Hekate, die es mit Hunden trieb, die Eos, die für das Gleiche Menschen benutzte, und immer wieder Zeus, dem alle recht zu sein schienen, wenn sie nur hübsch waren, Sterbliche oder Unsterbliche, Mädchen oder Jungen. Da war der egotistische Hermes, der nicht nur seine eigene Geburt besang, sondern auch gleich zum Viehdieb wurde. Wegen seiner Verschlagenheit, er band sich zum Beispiel die Sandalen falschrum an, und wegen seines frechen Leugnens wurde er der Schutzgott der Diebe. Apollon, dem Hermes die Viehherde gestohlen hatte, hätte ihn schwer bestraft, aber Hermes betörte den erhabenen Sohn des Zeus mit der von ihm erfundenen Leier. Und als Tausch für das wohlklingende Instrument gab Apollon ihm die gestohlene Herde. So wurde der Dieb zum Beschützer der Herden. Der Schäfer verriet, daß auch er dem Hermes ab und zu ein Jungtier opferte, obwohl doch alles so lächerlich erschien und seine eigene Familie manchmal nicht genug zu essen hatte.

Da war Plutons Entführung der Persephone und der sadistische Trick mit dem Granatapfelbaum, von dem sie nicht essen durfte, da war Dionysos, den es nur von Orgasmen, Orgien, rauschenden Festen und Saufereien zu andren Saufereien, rauschenden Festen, Orgien und Orgasmen trieb, und dessen Gefolge, die ewig saufenden Satyrn, der glatzköpfige Zecher Silenos und der mit Bockshörnern und Bocksbeinen unserer Teufelvorstellung am ähnlichsten kommende, jedoch völlig harmlose Hirtengott Pan, der Erfinder der Hirtenflöte Syrinx, dessen Töne unser Hirte auch schon selbst vernommen hatte. Sein Liedchen soll sehr lustig gewesen sein.

Und immer wieder Zeus... Nach Meinung des Schäfers litt er an Satyriasis, eine Art Gonadengigantismus, der den Geschlechtstrieb ins Unermeßliche steigerte.

Mittlerweile hatten sich ihnen noch andere Schäfer angeschlossen, die gleiche oder ähnliche Probleme mit ihren Tieren hatten. Auch sie hatten viel zu erzählen. Einer begann so: "Man kennt ja Zeus. Mit Sterblichen und Unsterblichen und selbst mit Jünglingen treibt er es", und der Schäfer wußte weiter zu erzählen, daß der Zeus auch im Osten in das Bett der Morgenröte gestiegen sei, was die anderen noch nicht vernommen hatten. "Doch, und die nächste Nacht schlief Eos mit Ares, obwohl sie doch mit Astraios verheiratet ist, danach schlief sie mit Orion, dem sterblichen Sohn des Poseidons, darauf mit Kephalos, der erst nicht wollte, weil er seine Frau nicht betrügen mochte, erst als Eos ihn in einen hübschen Jüngling verwandelt hatte, von dem sich seine Frau gerne verführen ließ, drang er in die Göttin ein, dann verführte sie Keitos, den Enkel des Melanos, der als erster Wein mit Wasser panschte und erfolgreich verkaufte, hierauf liebte sie für längere Zeit die beiden Söhne des Königs Tros, des Gründers der Stadt Troja, Ganymedes und Tithonos, bis Zeus auf den schönen Ganymedes aufmerksam wurde und sich in einen Adler verwandelte und ihr den Ganymedes entriß. Eos bat den Zeus dann, doch dafür ihrem anderen Geliebten wenigstens Unsterblichkeit zu verleihen, damit sie sich mit ihm bis in alle Ewigkeit vergnügen könne. Ohne Widerrede gewährte der Göttervater der Eos ihren Wunsch, doch schnell wurde Tithonos alt und unansehlich, denn Eos hatte vergessen, auch um ewige Jugend für ihn zu bitten. Für Altenpflege war sich Eos zu fein und sie bat den Gott, den Tithonos doch lieber sterben zu lassen, doch dieser Wunsch wurde ihr nicht gewährt."

"Hera hat übrigens für Zeus' Beziehung zu Ganymedes und anderen Jünglingen viel mehr Verständnis, als wenn er sich andere Frauen sucht. Wahrscheinlich versteht sie, daß die ihm etwas bieten können, was sie nicht kann", wußte ein anderer Schäfer zu berichten.

"Ja, erinnert ihr euch noch, als Zeus die Io nehmen wollte, wie eifersüchtig sie da war?" Alles schüttelte sich vor Lachen.

"Ja, als Hornisse hetzte sie das Hornvieh durch die ganze Welt!" platzte jemand lachend heraus. Abrupt stoppte bei einigen Hirten das Lachen. "Nein, als Bremse!" protestierten sie. "Nein, als Hornisse!"

"Nein, als Bremse!" "Nein, als Hornisse!"

"In der Form einer Hornisse!" "In der Form einer Bremse!" "Sie war eine Breme!" "Eine Bremsfliege!" "Nein, sie war eine Hornisse, eine Riesenwespe!"

Wie doch aus heiterem Himmel ein Streit losbrechen konnte! Adjuna erinnerte sich an das große Schisma der christlichen Kirche, als Christen sich gegenseitig die Köpfe einschlugen, um festzustellen, ob Jesus wesensgleich oder wesensähnlich mit dem Herrn sei, homousios oder homoiusios, Gott, der Fleisch trägt, oder ein Stück Fleisch, das Gott trägt1. Die paradiesischen Zustände auf dieser Erde zwingen uns ja dazu, wegen Trivialitäten zu streiten, denn sonst ist es hier vor lauter Sorglosigkeit nicht auszuhalten. Weit gefehlt, die Lüfte bergen die Saat der Stürme, die die Meere peitschen und auch das Land noch quälen, sie bergen die Keime für Krankheit und Tod, bringen Dürre und Fluten, und auch die Erde gibt ihre Schätze nicht freiwillig her, das Gold ist tief verborgen, und der Acker vom Unkraut bedroht, und Arbeiten und Ackern ist der Menschen Los - und ewige Gefahr, ausgesetzt den Gewalten der Natur. Ein Stück Fleisch, ein Stück Gott, ist das wichtig, wo der Rücken wehtut vom Ackern? Hat die Menschheit nichts Wichtigeres zu tun? Zum Beispiel, ihre Rückenschmerzen zu behandeln?

1 vgl. Karlheinz Deschner " Kriminalgeschichte des Christentums" Band 1, S. 356ff.

Adjuna gab sich alle Mühe, den Streit zu schlichten. Das Geschrei war aber zu groß, man trat sich mit Füßen und riß sich in den Haaren, mit Güte konnte man sie nicht von der Nichtigkeit ihres Streitens überzeugen. Erst als Adjuna an der Sehne seines Bogens Gandiva zog und sie schwirren ließ, so daß allen das Blut in den Adern erstarrte, erkannten sie ihn als Halbgott oder zumindest als Autorität und waren still.

"Es war eine Mücke", entschied Adjuna.

Voller Ehrfurcht vor dieser Offenbarung sogen sie die neue Erkenntnis tief ein: "Aaaaaaaaaaaah, eine Mücke."

Ein Licht ging ihnen natürlich nicht auf.

Nach einiger Zeit faßte der eine Erzähler wieder Mut und begann kleinlaut zu erzählen: "Auch Hera geht fremd. Und zwar wenn Zeus sich mit seinem Ganymedes vergnügt. Natürlich. Denn wenn er sich ein Mädchen nimmt, läuft sie ja hinterher." Diesmal nur zarthaftes Gekicher. "Und zwar geht sie fremd mit dem Atlas, der ja sehr stark sein soll. Aber Atlas hat keine Zeit, er muß den Uranos stützen, den Himmel, das wißt ihr ja. Denn seit Uranos entmannt wurde, hat er ja keine Kraft mehr und kann nicht einmal mehr selbst stehen, sondern muß von jemandem gestützt werden, und diese Aufgabe hat ja Atlas übernommen, so steht er da, Füße auf dem Boden, den Himmel mit Armen, Kopf und Genick tragend. Wenig Freude gibt es in seinem Leben, und die Liebe der Göttin ist gar wohl verdienter Lohn. Sie streichelt und liebkost ihn, aber er hat keine Hände frei für sie. Beim eigentlichen Liebesakt schiebt sich die Göttin rückwärts auf sein Glied. Und wenn er einen Orgasmus kriegt, bekommt er weiche Knie und der Himmel hängt besonders tief. So wie jetzt." Die Griechen nickten ergriffen, aber die anderen sahen nur Regenwolken.

Jemand, der sich der Gruppe gerade erst angeschlossen hatte, ein richtiger komischer Kauz, dessen Hut und Sandalen mit Entenflügeln geschmückt waren, sprach jetzt vorsichtig Adjuna an: "Ihr kommt sicher von weit her und habt andere Götter, die nicht in solchen Skandalgeschichten verwickelt sind, oder seid gar selbst ein Gott oder Halbgott. Sicher findet ihr es unanständig, was diese Schäfer hier von den Göttern erzählen." "Nein, nein, ganz und gar nicht", Adjuna schüttelte abwehrend den Kopf, ich finde diese Streitereien, Liebeshändel und diese all zu menschlichen Probleme eurer Götter gar nicht so anstößig, eher amüsant. Von Göttern habe ich schon Gehirnverbrannteres gehört, zum Beispiel, daß sie eine verheiratete Jungfrau durchs Ohr schwängern und ihren Sohn für die Sünden anderer Leute zu Tode quälen. Göttern traue ich alles zu. Vom Menschen sollte man allerdings einen gesunden Menschenverstand erwarten."

Erleichtert flatterte der Fremde davon.

Trotzdem sollte man vielleicht auch hier etwas gegen die Götter unternehmen - wegen der Menschen, dachte Adjuna noch.

Die Regenwolken entluden sich - nicht nur Regen auch Starkstrom. Die Menschen suchten Schutz. Oh, Zeus Soter, oh, Athena Sotera, Erbarmen! Erbarmt euch unser! Doch die baumlose Ebene blieb ohne Schutz. Oh, rettender Zeus!

Die Leute liefen den matschigen Weg hinunter, bei jedem kräftigen Blitz warfen sie sich auf den Boden, einige sicherheitshalber auch beim Donner. Oh, Zeus, rette uns, die Titanen sind los!

Durchnäßt kamen sie eine Weile später in einer Herberge an. Dem Zeus sei Dank!

Die Herberge glich zwar mehr einem Schuppen mit Kuhstall und Heuboden, doch fürs erste war man in Sicherheit und im Trockenen, wenn man sich nicht gerade unter eine lecke Stelle im Dach setzte. Friedlich saß man um das warme Feuer und schlürfte eine einfache Suppe. Erst als die Erde anfing zu rumpeln, als ob mit den fernen Bergen gewürfelt wurde, fingen die Griechen wieder an zu Jammern und beteten zu ihrem Erlöser. Adjuna und seine Leute gingen trotz des Lärmes zu Bett, denn sie waren furchtbar müde, das heißt, Betten gab es nicht, sie mußten auf den Heuboden. Aber das war auch egal.

Bevor Adjuna ganz eingeschlafen war, hörte er den Bunten sagen: "Laß das!" und er sah, daß jemand gekommen war. Immer machen die sich an den Jungen ran, dachte er verärgert, aber dann flüsterte der Fremde auch schon: "Adjuna, Adjuna, der Himmel schickt dich."

Nanu, wer kennt mich denn hier und glaubt an den Himmel, wunderte sich Adjuna. Der Fremde flüsterte: "Ich bin Zeus. Die Giganten stürmen den Olymp und wollen mich vom Thron stoßen. Du mußt mir helfen. Kronos will mich in den Tartaros werfen und ich kann ihn nicht stoppen, denn er hat sich vom Allerhöchstenwesen den Segen erfleht, daß Götter ihn nicht besiegen können. In seinem Hochmut hat er aber vergessen, sich auch Schutz vor Menschen zu erbeten." Adjuna dachte noch verwundert, selbst die Götter sind nicht gegen den Glauben an ein höchstes Wesen gefeit, dann schlief er ein.

Aber der Fremde ließ nicht nach, sondern rüttelte ihn wieder wach: "Du mußt mir helfen. Seit Herakles' schändlichem Tode gibt es unter den Sterblichen keinen mehr, der stark genug ist. Deshalb ist Kronos auch so zuversichtlich. Aber jetzt bist du, wie durch ein Wunder in unsere Welt eingedrungen. Nur du bist stark genug. Du wirst mir doch helfen." "Erst mal gehen wir morgen nach Delphi und dann wollen wir mal sehen, was wir für dich tun können", versprach Adjuna im Halbschlaf.

Der Gott weckte ihn nicht wieder.

Nachts hörte Adjuna die Mutter Erde schreien: "Gehet hin und rächet die alten Götter und ihre Kinder! Uranos wurde kastriert und Atlas muß ihn stützen, an Prometheus frißt der Adler, die Titanen sind verbannt, die Giganten tot. Ich belebe die Giganten von neuem. Kommt, meine Kinder, tut euch zusammen, gehet, rächet euch, reißt dem Tyrannen Zeus Zepter und Blitz aus der Hand, bemächtigt euch der Meere und des Himmels, verjagt Poseidon, Helios und das Orakel zu Delphi!"

Und Adjuna träumte von Herakles, wie er die Götter beschützte und die Giganten besiegte und von seinem schrecklichen Tod: Als nämlich der Zentauros Nessos Deianira, die Frau des Herakles, über einen Fluß tragen sollte, versuchte der Zentauros, die Frau zu entführen, um ihr Gewalt anzutun. Ohne zu zögern, töte Herakles den Zentauros mit einem vom Blute der lernäischen Schlange vergifteten Pfeil. Im Sterben jedoch versprach der Zentauros der Frau: Wenn du die Kleidung deines Mannes in mein Blut tauchst, so wird er nur dich lieben können und niemals eine andere Frau. Heimlich sammelte sie das Blut in einem Gefäß. Und als sie glaubte, Grund zur Eifersucht zu haben, ließ sie ihrem Mann ein in dem Blute des Zentauros getauchtes Gewand bringen. Er zog es an und das Gift der lernäischen Schlange fraß sich in seine Haut und unter entsetzlichen Schmerzen starb er. Ein grausamer Tod. Wo waren die Götter? Mal wieder nicht da, wenn man sie brauchte? Warum warnten sie ihn nicht? Undank ist der Götter Lohn. Sei besser auf der Hut!

Als die Griechen am nächsten Tag die Verwüstungen sahen, wußten sie, daß die Titanen los waren, und sie schworen alle, dem Zeus zu helfen.

"Was wollen die nur mit ihrem Zeus?" fragte der Bunte Adjuna, "Zeus ist doch nur eine liebgewordene Idee, wenn er besiegt wird, ändert sich da soviel?" "Das hängt von den Menschen ab. Wenn die Menschen die Entmachtung Zeus' zum Anlaß nehmen, ihr Leben anders zu organisieren, dann ändert sich schon etwas." "Vielleicht sollten wir auch hier etwas Aufklärung betreiben." "Und was machen wir mit den Bluttropfen, die auf den Boden fallen? Nein, mein Lieber, die Zeit ist hier noch nicht reif dafür. Wo man das wahrnimmt, was man wahrnehmen will, und nicht was wahr ist, wird man mit Aufklärung wenig erreichen, Kopfschütteln vielleicht. So etwas wie Wahrnehmung sollte es überhaupt nicht geben, das schließt immer die Täuschung mit ein. Wir glauben, es ist still, in Wirklichkeit aber sind die Töne mit zwanzigtausend Schwingungen pro Sekunde nur zu hoch für uns." "Du bist mit unseren sechs Sinnen nicht zufrieden?" "Mir erscheint alles Unsinn zu sein. Wir werden immer getrieben. Und unsere Sinne - wie viele es auch sein mögen, drei, vier, fünf oder sechs - sind nur ein perverser Trick unserer Treiber."

Ja, es sah trostlos aus.

Je näher sie an Delphi herankamen, desto mehr häuften sich die Schreckensmeldungen vom Ausbruch der Giganten. Kurz vor Delphi hieß es dann, die Giganten hätten die Berge Athos, Pelion, Rhodope, Ossa und Öta samt Wurzeln ausgerissen und aufgehäuft, um den himmlischen Olymp zu stürmen.

Und immer wieder hieß es, die Orakelpriesterin heiße die zögernde Menge, Kronos und die Titanen anzubeten. Adjuna versprach den verzweifelten Menschen zu helfen. Irgendwie mußte doch auch aus einer Priesterin die Wahrheit herauszufinden sein, dachte er.

In Delphi ging Adjuna zunächst wie ein demütiger Orakelbefrager zur Pythia. Er sagte: "Pythia, edle, geweihte Jungfrau des Apollon, vor einem Monat, als ich von Handelsgeschäften in Itea durch Delphi kam und ihr noch die edle Tochter des Amphorenhändlers Anastasius waret, habt ihr mich vertraulich, als ich zu Gast in eures Vaters Hause war, um hundert Drachmen gebeten, um einen zur Sklavenarbeit verurteilten Freund freikaufen zu können. Diesen Ring gabt ihr mir damals zum Pfand." Und er zeigte einen Rind, den er gerade erst auf dem Markt gekauft hatte. "Ihr seid jetzt die edle Dienerin des Apollon und es ist ungehörig von mir, euch mit solch einer Bagatelle zu belästigen, aber meine Karawane wurde überfallen und ausgeraubt, und ich bin selbst mittellos geworden. Diesen Ring, der für euch persönlich zweifellos einen hohen Wert hat, da liebe Erinnerungen mit ihm verbunden sind, auf dem Markt aber leider nur zehn Drachmen bringt, möchte ich euch zurückgeben, mit der Bitte, mir doch mein Geld - oder zumindest 80%, den Rest spende ich gerne dem Gotte - zurückzugeben. Jetzt, da ihr all die Votivgaben bekommt, braucht ihr doch sicher das geliehene Geld nicht mehr."

"Lieber Freund, ihr habt mir in großer Verlegenheit geholfen. Gebt mir den Ring, ich gebe euch zweihundert Drachmen dafür." Während sie noch in ihrer Schatzkiste nach dem Geld suchte und Adjuna ermahnte, nicht mehr zum Apollon und zum Zeus zu beten, denn diese würden in Kürze abdanken: "Sie kämpfen schon ihr letztes Rückzugsgefecht und sind hier unter gar nicht mehr", und ihm sagte, er solle nun zum Kronos und seinen Titanen beten, da packte er sie am Hals und würgte sie: "Du falsche Lügnerin. Du bist nicht die wirkliche Tochter des Anastasius. Was habt ihr mit ihr gemacht?" Und er schüttelte sie. Sie versuchte, sich zu wehren, aber das nutzte nichts, Adjuna war stärker. Selbst als sie sich in eine Schlange verwandelte, half ihr das nichts. "Solange du einen Hals hast, drücke ich zu. Und solange du mir als Schlange erscheinst, drücke ich sogar fester zu, als wenn du ein zartes Mädchen bist. Also sag mir schon, wo ist die richtige Pythia?"

So in höchste Not gebracht, zeigte die Priesterin unter sich. Nun muß man wissen, daß die Orakelpriesterin in Delphi auf einem dreibeinigen Hocker über einer tiefen Erdspalte saß, aus deren Tiefe sie die göttlichen Offenbarungen zugeflüstert bekam. Adjuna sah hinunter, konnte aber wegen der Dunkelheit nichts erkennen. "Hast du sie da hinuntergeworfen?" Die wieder zur Jungfrau gewordene Schlange nickte.

Adjuna rief, daß man ihm Stricke geben solle, damit er das Mädchen an einer Säule festbinden könne, außerdem wollte er ein langes Seil und Fackeln, um in der Erdspalte nachsehen zu können.

Als ihm die Sachen gebracht worden waren, band er dem Mädchen die Hände auf dem Rücken zusammen, stellte sie dann an eine Säule und band sie noch dreimal an der Säule fest, einmal am Hals, einmal an der Brust und einmal an der Taille. Dann nahm er das lange Seil und knotete es an einer anderen Säule fest und ließ es in die Tiefe, um daran hinunterzuklettern. Doch er mußte schnell einsehen, daß er zu breit war für den schmalen Schlitz. Als er sich wieder aus dem engen Loch herausgezwängt hatte, fand er die Welt in großer Aufregung vor, denn die falsche Pythia hatte sich wieder in eine Schlange verwandelt und war ihrer Fesselung entglitten.

Schnell sprang Adjuna hinzu, um sie wieder zu ergreifen. Sie wand sich und wand sich und rang mit ihm und versuchte ihn zu beißen, und es dauerte eine ganze Weile, bis Adjuna sie wieder überwunden hatte. Diesmal lasse ich sie aber nicht wieder los, nahm sich Adjuna vor.

Nach Adjunas Anweisungen bereiteten sich jetzt Aurora und der Bunte vor, um in die Erdspalte zu klettern. Da Adjuna sie für ungeschickt hielt, mußte sich jeder noch eine Sicherheitsleine um den Bauch binden, die dann oben von griechischen Helfern gehalten wurde.

Langsam kletterten die beiden in die dunkle Erde. Aurora nahm noch schnell ihren Helm ab, bevor sie in der Tiefe verschwand. Jeder leuchtete mit seiner Fackel eine Seite der Spalte aus. Die Wände waren trocken und rauh. Ein wenig enger wurde es mit zunehmender Tiefe. Als sie das Ende des Seils erreicht hatten, konnten sie sich gerade noch drehen. Sie wollten schon wieder zurück, hoch an die Oberfläche. Und sie wären auch beinahe losgestürmt, nichts Unheimlicheres konnten sie sich vorstellen als diese Enge und Tiefe, "nichts wie los, raus aus diesem Loch", jeder Muskel ihrer Körper hätte ihnen gerne beim Hinausklettern geholfen, aber da war plötzlich dieses Klagen, das hielt sie zurück. Sie waren Helden, die ihre persönlichen Wünsche zurückstellten. Jetzt zählte nur noch ihre Aufgabe.

Dem Bunten gelang es, einen Span von der Fackel abzumachen. Den ließ er in die Tiefe fallen. Und irgendwo da unten sahen sie die Tiefe unterbrochen. Vielleicht war es nur ein Stein oder ein Bündel, das dort eingeklemmt war, vielleicht war es aber auch das, was sie suchten, die richtige Pythia.

Sie riefen, daß man ihre Sicherheitsleinen loslassen solle, damit sie noch tiefer gehen konnten, denn sie hätten dort etwas gefunden. Die Leinen prasselten dann auch prompt wenig später ungeschickterweise auf ihre Köpfe. Mit Auroras Sicherheitsleine verlängerten sie das Seil, und das freie Ende von der Leine des Bunten banden sie zur Sicherheit auch um Auroras Taille. Aber bald bestand keine Gefahr mehr, in die Tiefe zu stürzen, da der Spalt so eng geworden war, daß sie einklemmten, wenn sie sich nicht schmal machten.

Schließlich ging's nicht mehr weiter, jedenfalls nicht für den Bunten. "Ich dachte immer, ich wäre ein schmales Hemd und würde weiter runter kommen als du mit deiner üppigen Brust, aber jetzt hänge ich fest. Es gibt für mich nur noch einen Weg: Nach oben." "Ich habe schmalere Schultern. Ich gehe weiter. Wir haben's ja bald geschafft." Doch nach fünf Metern war auch für Aurora Schluß.

"Was machen wir jetzt?" fragte sie. "Ich weiß nicht. Umkehren?" "Sieh mal! Da unten ist es", und sie leuchtete runter. "Es ist gar nicht weit, aber ich schaffe es nicht", keuchte sie, "es ist das Zeremonienkleid der Pythia, es ist jemand, es steckt jemand in dem Kleid. Es ist die richtige Pythia. Sie bewegt sich. Sie lebt. Schnell binde die Leine von deinem Bauch los. Vielleicht kann sie sich daran hochziehen."

Aurora ließ das freie Ende des Seiles runter zu Pythia und ließ es vor deren Gesicht spielen, aber sie reagierte nicht. "Sie hat keine Arme", schrie Aurora erschrocken und zog das Seil wieder ein. "Ich versuche es mal mit einer Schlinge."

Als sie die Schlinge in die Tiefe gelassen hatte, rief sie der Pythia zu: "Strecke deine Beine aus, damit ich die Schlinge darum machen kann. Wir ziehen dich dann an den Beinen raus."

Tatsächlich bewegte Pythia sich und streckte ihre Füße von sich, doch es dauerte lange, bis es Aurora gelang, das Seil so zu drehen, daß die Schlinge über die Füße rutschte. Eigentlich war sie ungeschickt.

Aber dann klappte es doch und sie zog vorsichtig, und langsam kam das ausgemerkelte, zitternde Mädchen näher. Furcht und Schrecken standen im Gesicht des Mädchens, obwohl Aurora ihr freundlich zusprach. Und Aurora war schon enttäuscht, denn sie dachte zuerst, daß das Mädchen so dumm war und sie wegen ihres verbrannten Gesichts für ein Ungeheuer hielt, aber dann wurde ihr klar, daß das Mädchen wohl genug Schreckliches erlebt hatte, um erschreckt auszusehen, und sie trug das arme Ding hoch zum Bunten.

Hier merkten sie, daß das Mädchen die Arme auf dem Rücken zusammengebunden hatte, und lösten ihre Fesseln. Die klammen Arme legten sie dann über die Schultern des Bunten, damit er sie besser hochtragen konnte. Aurora kletterte gleich hinter ihnen und sicherte den

Aufstieg.

Daß die Erde selbst auf die Befreiungsaktion der richtigen Pythia aufmerksam geworden war, muß auch noch erwähnt werden.

Adjuna hatte die falsche Pythia, die nach dem verlorenen Ringkampf wieder die Form der Jungfrau angenommen hatte, wieder an der Säule festgebunden, diesmal fester und strammer als beim ersten Mal, außerdem hielt er ihr locker die Hand an die Kehle, um im Falle eines neuen, schlüpfrigen Verwandlungstricks gleich fest zupacken zu können.

Die versuchte es aber diesmal mit Betören und Bezirzen, doch da Adjuna sie als Schlange gesehen hatte, kamen ihre weiblichen Reize bei ihm nicht an. Jedoch einige einheimische Männer schienen sich gefährlich zu verlieben. Adjuna hatte sich schon von Luz einen Dolch bringen lassen, um etwaige Befreiungsversuche abwehren zu können. Aber zum Glück wagte sich keiner ran.

Als nächstes versuchte die falsche Pythia es mit irdischen Gütern, die sie Adjuna versprach. Als er darauf auch nicht reagierte, murmelte sie nur noch unverständliches Zeug vor sich hin. Sie murmelte Mantras und machte Adjuna damit nervös, denn er verstand die Mantras nicht und konnte daher keine Gegenmantra sagen.

Die Helfer am Seil waren inzwischen aktiv geworden. Sie erkannten jetzt deutlich den Bunten mit seiner Last. Der rief auch schon hoch: "Wir haben sie!" Um sie schnell hochzuholen, zogen alle am Seil. "Nicht so wild. Wir zerkratzen an den Wänden."

Plötzlich gab es einen Erdstoß, und noch einen, und noch einen. Die Griechen schrien: "Der Spalt schließt sich!" Schnell sprang Adjuna in den Spalt und stemmte mit dem Rücken und den Beinen den Spalt auseinander. Das ist natürlich eine ungeheure Leistung, wenn man bedenkt, daß schon kleine Erdbeben die Energien von Hunderten von Atombomben besitzen. Ob Adjuna doch eine Gegenmantra gefunden hatte, oder ob der Spalt sich gar nicht schließen wollte, wurde nicht überliefert.

Unter diesen plötzlich so bedrohlich gewordenen Umständen zogen die Helfer natürlich die Drei doch ganz schnell ohne Rücksicht auf Verletzungen aus dem Loch. In panischer Angst drückten sich Aurora und der Bunte mit ihren Füßen von den rauhen Wänden ab. Oben angekommen warfen sie sich erschöpft auf den Boden. Die richtige Pythia lag neben ihnen. Die falsche aber hatte den Tumult genutzt und war verschwunden. Einige Griechen suchten noch im Gestrüpp nach einer größeren Schlange, aber fanden nichts. Naja, Hauptsache die richtige Prophetin war gefunden.

Um die kümmerte man sich jetzt. Adjuna bestrich ihre geschundenen Glieder mit der guten Wundsalbe, die er vom Händler hatte. Einige Griechen flößten ihr Ziegenmilch ein. Und die Diener und Dienerinnen des Tempels rannten beschäftigt hin und her, brachten Früchte und Speisen, und wußten nicht, was sie noch alles tun sollten. Auch die Eltern des Mädchens waren nervös, als sie ihre Tochter so verhungert und bleich da liegen sahen. "Schnell, hol feines Gebäck von Zuhause!" fuhr der Vater die Mutter an.

Alle aber wunderten sich über Adjuna, nicht so sehr, weil er den Spalt aufgehalten hatte, der war immer noch auf, sondern weil er den Betrug der falschen Pythia aufgedeckt hatte. Wie war das möglich?

"Nun", erklärte Adjuna, "zunächst einmal bin ich davon ausgegangen, daß bei der Weihung zur Orakelpriesterin gar nichts Besonders vor sich geht, das eine Persönlichkeitsveränderung rechtfertigt. Daraus folgte für mich, daß es sich um eine andere Person handeln mußte. Also erfand ich die Geschichte mit dem geliehenen Geld und dem Ring. Die falsche Pythia kannte natürlich nicht solche Details aus dem Leben der richtigen Pythia, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als meine Geschichte zu glauben und mitzuspielen. Dadurch war sie entlarvt." "Daß sie auf eine so plumpe Geschichte reinfiel, wo sie doch über übernatürliche Kräfte verfügte", die Leute schüttelten unverständlich den Kopf. "Alles Trug und Täuschung", winkte Adjuna ab.

Der Bunte nahm Adjuna traurig zur Seite: "Ist es wirklich so, daß man Lügen nur mit Lügen besiegt?" "Nicht immer, aber oft", antwortete Adjuna ein wenig tröstend.

Adjuna wollte nun aber doch etwas Aufklärung betreiben und fragte die Umstehenden mit lauter Stimme: "Ist es nicht befremdlich, daß ein Gott wie Apollon nichts getan hat, um seiner Priesterin zu helfen?" Protest von allen Seiten. Man erklärte ihm, daß jetzt, wo die Titanen den Aufstand probten, Apollon alle Hände voll zu tun habe. Jemand wußte sogar genau, daß Apollon gerade jetzt mit seinem Vater Zeus am Ätna das hundertköpfige Ungeheuer Typhon am Rauskriechen hinderte. Die Pythia sagte dazu sogar mit schwacher Stimme: "Das ist richtig."

In der Nacht hatte Orpheus einen Traum. Er träumte, daß Gaya ihn zu einem Wettkampf herausfordere. Und zwar wollte sie mit ihm um die Wette ein Landschaftsbild malen. Nun malte die Erde wohl die schönste Landschaft, und jeder Maler, der glaubte, er könne es besser, war ein Narr. Doch da Gaya ihm in der menschlichen Gestalt einer reifen Frau erschien, nahm Orpheus die Herausforderung an, und da seine Freunde die Richter sein sollten, machte er sich sogar Hoffnungen zu gewinnen.

Beide malten sie ein Bild mit Bergen, Blumen, Bäumen und vielen Tieren. Beide Bilder waren so naturgetreu wie Fotos. Und die Preisrichter taten sich schwer. Schließlich entschieden sie, daß Beide gleich gut gemalt hätten.

"Dann wollen wir singen", sagte Gaya. Und während sie sang, wurden die Tiere auf ihrem Bild lebendig und sprangen heraus und verteilten sich auf der Welt. Aber als Orpheus sang, passierte nichts.

Am nächsten Morgen, als Orpheus seinen Traum erzählte, meinte Adjuna zu ihm: "Wenn du die Erde besiegen willst, dann mußt du eine Landschaft zeichnen, in der die Bäume nicht mit großen Kronen ihren Nachbarn die Sonne wegnehmen wollen, und in der es weder Raub- noch

Beutetiere gibt." "Was denn? Eine moderne Stadt? Wüste oder den Mond?" "Vielleicht etwas Neues. Gaya hätte mich nicht mit ihrem Trick beeindruckt. Ihre Tiere hätten sich gebissen und zerrissen, wenn wir sie länger beobachtet hätten. Das Ende aller gayaischen Produkte ist Tod und Todesangst ist überall. Nichts, was einen Preis verdient."

Nach dem Frühstück gingen sie alle zum Tempel der Pythia. Sie sah zwar noch immer blaß aus, aber auf dem hohen Hocker sitzend strahlte sie schon wieder Autorität aus. Sie bedankte sich noch einmal bei Aurora und den anderen für ihre Rettung und erzählte von ihren Qualen in der Erdspalte. Zum Glück hatte ihr, wenn immer sie durstig war, ein Quell Wasser gegeben, sonst hätte sie es wohl nicht überlebt, meinte sie.

Pythia bot den Freunden dann noch an, ihnen kostenlos die Zukunft zu sagen. Adjuna war aber skeptisch, ob es wirklich die Zukunft sein würde, da sie ja selbst nicht ihren eigenen Reinfall rechtzeitig vorhergesehen hatte. Doch als sie ihm sagte, daß der Donnerer sich ihm gezeigt hätte, weil er Hilfe brauchte, war Adjuna doch stutzig.

"Wie machst du das? Aus der großen Tiefe kann dir doch nicht wirklich jemand etwas zuflüstern." "Die gähnende Tiefe hilft nur beim Konzentrieren wie vergossenes Blut oder die Eingeweide der Vogelschau oder der Kaffeesatz in der Tasse. Letzten Endes sind alle Stimmen und alle Vision nur im eigenen Innern." "Also etwas Subjektives?" "Hast du schon mal einen Menschen gesehen, der objektiv sein kann?"

Dann wurde Pythia ganz feierlich: "Adjuna, wir haben keine Zeit für Plaudereien. Die olympischen Götter sind in Gefahr. Nur ein Sterblicher kann sie retten. Unter den Sterblichen aber gibt es seit Herakles' Tod nur einen, der sie retten kann. Dieser eine bist du. Ich weiß, du wirst deinen Auftrag erfolgreich durchführen. Fürchte nichts! Gehe gleich los! Besteige den Olymp und helfe den Göttern!"

Wie hypnotisiert ging Adjuna los. Da es unter Zwang geschah, sah er

mißmutig aus.

Zu Aurora gewand, sprach Pythia ebenfalls feierlich: "Auch für dich habe ich etwas. Komme heute nacht in der stillsten Stunde zu mir, dann sollst du von Apollon selbst eine Belohnung empfangen dafür, daß du mich gerettet hast."

Adjuna ließ also seine Freunde zurück am Nabel der Welt, aber er dachte an Nietzsche: Wahrlich auch die Welt hat einen Hintern, woher kämen sonst all die Hinterweltler?

So wanderte er einsam durch die griechische Landschaft. Überall hörte er die Leute jammern: "Zeus ist in Gefahr!" und er dachte: "Wie kann ich dem Zeus helfen?" Zwar hatte er seinen Bogen Gandiva bei sich und einen vollen Köcher, aber weder war er einem Giganten noch einem Titanen begegnet, und einfach ins Leere zu schießen, erschien ihm unsinnig.

Während er den steilen Hang des Olymps hochkraxelte, immer wieder langte seine Hand in Dornen und Brennesseln, fluchte er: "Der Olymp wird leer sein, keine Götter werden sich dort oben dem Auge der Sterblichen zeigen, die olympischen Götter sind unsichtbar, unsichtbar wie andere Götter auch, ihre Existenz läßt sich nicht beweisen - oder bestreiten wie man will. Ihre Existenz ist so fragwürdig wie die Existenz eines Jahwehs oder Shivas oder Thors oder Ahura Matsuda oder Huitzilopochtli oder Vitziliputzli. Und dieser irdische Berg ist nur das Gegenstück zu einem himmlischen Olymp, der ebenfalls unsichtbar ist für Sterbliche, wie Meru überall und nirgends ist, außerhalb von uns und doch in uns - mit anderen Worten: Eine Projektion. Religion eine Zwangshandlung. Und ich? Ich, Idiot, bin religiös geworden!"

Oben angekommen, wußte er, wie er dem Zeus helfen konnte. In die friedliche Bergwelt hinein rief er dem Zeus seinen Rat zu: "Verzichte auf die Unsterblichkeit! Wenn man sterblich sein muß, um die Giganten zu besiegen, dann werde sterblich, opfere dich für die anderen Unsterblichen, opfere dein Leben für deine Freunde, opfere dein Leben, wie Menschen so oft ihr Leben für die Götter geopfert haben!"

Da brach der Fels, auf dem Adjuna stand und Adjuna stürzte mit dem Fels in die Tiefe.

Bum, bum, bum, hopp! bum, bum, bum, hopp! bum, bum, bum, hopp! So ging es über Stock und Stein, bum, bum, bum, hopp! hopp! Manchmal flogen sie auch gleich gegen zwei Steine hintereinander. Bum, bum, bum, bum... Adjuna rollte mit dem Fels den ganzen Berg hinunter. Bum, bum, bum, bum... Adjuna mußte an Sisyphos denken, der wenigstens gemütlich den Berg hinunterspazieren konnte, während der Fels in die Tiefe stürzte.

Bum, bum, bum, schrummfidebum!

Dies irae.

Adjuna war zornig. Er lag am Fuße des Berges. Der schwere Fels war auf ihn gefallen.

"Zeus ist ein Idiot", schrie er, "Sollen die Titanen ihn holen! Prometheus schuf uns. Prometheus lehrte uns jede Kunst und brachte uns das Feuer. Prometheus ist ein Titanensohn. Laßt uns die Titanen verehren! Zeus ist nur ein Mörder mit Sintflut. Sollen die Titanen ihn doch in den Tartaros werfen oder besser noch im Kaukasus an die Felsen schmieden, daß die Vögel an ihm picken!"

Adjuna hatte Pech. Die Leute hier am Fuße des Olymps waren besonders fromm und hielten besonders treu zu ihrem Zeus. Statt daß sie nun Adjuna halfen, unter dem großen Fels hervorzukommen, verfluchten sie ihn wegen seiner Gotteslästerung, und ein Einäugiger mit der Tätowierung des Urfeuers an der Stirn schmiedete sein Bein an eine Kette. Diese Kette schmiedete er dann auch am Felsen fest: "Klettere mit diesem Felsen noch einmal den Berg hoch und bitte die Götter um Vergebung. Wenn sie dir vergeben, werden sie diese Kette sprengen. Wenn nicht, wirst du beim Hinabsteigen zu Tode stürzen."

Adjuna hatte gar nicht gedacht, daß er den Fels allein hochstemmen könnte, aber als die Gläubigen ihm mit brennenden Fackeln die Fußsohlen kitzelten: "Wird's bald!" drückte er den Fels zur Seite. Vergeblich versuchte er die Ketten zu zerreißen. Auch gegen die Leute, die seinen Bogen hatten, konnte er nichts ausrichten. Mit ihren Lanzen und Fackeln trieben sie ihn den Berg hoch. Übereifrig wie sie waren, paßten sie auf, daß er nicht zur Seite entwich.

Da Adjuna nichts anderes übrigblieb, quälte er den Fels den Berg hoch. Ihr, Idioten, dachte er, Götter sind nicht auf Bergen, sondern im Kopf, was mache ich bloß?

Nach langen Strapazen endlich wieder oben auf dem Berg, wurde Adjuna - wie es ja so typisch für Gebirge ist - von einem plötzlichen Gewitter überrascht. Ein Blitz fuhr direkt neben ihm nieder und sprengte die Kette dicht an seinem Fuß.

Adjuna ließ den Fels los und in die Tiefe fahren.

Der Fels aber trudelte dem Kronos an den Kopf. So war der Führer der Titanen doch noch von Adjuna besiegt worden. Daß der Fels weiter unten auch noch den Kreisäugigen und die anderen Zeloten erschlug, mußte in Kauf genommen werden. Kein Sieg ohne Opfer. Nichts wird einem geschenkt, nicht einmal einem Zeus.

Stieg Adjuna nun so erleichtert wie Sisyphos oder erleichterter als ein Sisyphos den Berg hinunter? Nun, Sisyphos erwarte die Gewißheit seines Steines, aber auf Adjuna wartete eine neue Ungewißheit.

Ungewiß ist unser Schicksal. Man muß schon am Fließband arbeiten, um die Gewißheit eines Sisyphos haben. Alles andere fließt zwar auch, aber zerfließt in unseren Händen, und wir sind immer nur die Narren, die danach greifen wollen. Wahrlich auch eine sisyphos'sche Sinnlosigkeit, Unfaßbares fassen zu wollen, immer wieder fassen zu wollen.

Mit leeren Händen erreichte Adjuna den Fuß des Berges. Dort hingen sein Bogen und sein Köcher an einem Baum, unversehrt, ungebrochen. Adjuna nahm sie in die Hand. Ja, das Leben war Beides: Kampf und doch sinnlos.

Adjuna machte sich auf den Rückweg zu seinen Freunden in Delphi. Zu Fuß ist man ja immer ein bißchen langsamer, als wenn man über andere Mittel zur Fortbewegung verfügt. Besonders, wenn die Füße angebrannt wurden und dann noch über scharfe Felsen steigen mußten, wird das Laufen zur langsamen Qual. "Ach, hätte ich doch bloß die gute Wundsalbe mitgenommen! Wie weit ist es denn noch bis zum Nabel der Welt, oder welcher Gott verdammte Körperteil das auch immer ist? Schon merkwürdig, daß da so ein tiefes Loch ist."

Daß der Nabel noch nicht zugewachsen war, zeigt, daß die Welt noch jung war. Wer kennt nicht die Liebe der Jungen für Märchen und Mythen! Und das Erwachsenwerden ist so ein langwieriger, mühsamer Vorgang, aber notwendig! Notwendig für eine erfolgreiche Zukunft.

Ein Erwachsener sieht nur, was ist, und auch seine Hirngespinste, falls er welche hat, erkennt er, als was sie sind, nämlich Hirngespinste, also etwas ähnlich Lästiges wie Kopfläuse. Ein reifer Mensch wird die Existenz Gottes schwarz auf weiß beweisen! Mit schwarzer Tinte auf weißem Papier. Eine literarische Erscheinung. Wenn man freilich einen Radiergummi nimmt, dann ist die Tintenkleckserei schnell beseitigt. Besser ihr beseitigt auf diese Art schnell die Götter, bevor sie Euch beseitigen. Handlanger finden die genug unter den Kindern. Ihr seid gewarnt! Vergeßt das nicht!

Nach der langen und wegen der wunden Füße schmerzhaften Wanderung durch Thessalien und am Parnaß vorbei kam Adjuna endlich wieder am Nabel an. Er ging zuerst zur Pythia, die er auf ihrem Arbeitsplatz, also dem dreibeinigen Hocker über dem Omphalos, antraf. Er wollte sich beschweren, weil er meinte, seine Reise sei sinnlos gewesen, alles, was passiert sei, sei gewesen, daß er Schikanen ausgesetzt gewesen sei, denn daß der große Fels dem Kronos auf den Kopf gefallen war, hatte er gar nicht mitbekommen. Er hatte nur gesehen, daß die Narren, die sich so eifrig für Zeus eingesetzt hatten, vom Fels erschlagen worden waren.

Der süße Charme der Pythia ließ seine Wut schnell verfliegen und er hörte sich in Ruhe an, wie er dem Zeus geholfen hatte, indem er den Fels hinunter auf Kronos gestoßen hatten. Er wunderte sich nur, daß er den Kronos gar nicht gesehen hatte, aber das war jetzt auch egal, jetzt sahen seine Augen die hybschen Augen der Priesterin des Apolls. Schönere Augen gab es nicht. Die Augen schienen Dinge zu versprechen, die Jungfrauen nicht halten können.

"Naja, also - äh - ja, ich will dann mal nach meinen Freunden sehen." "Erschrick nicht, wenn du Aurora siehst!" "Warum sollte ich erschrecken?" "Apollon war hier und er hat ihr wahrlich ein schönes Geschenk gemacht. Er hat all ihre Branntwunden geheilt. Sie ist jetzt eine der schönsten Frauen der Welt!"

Voller Erwartung lief er zum Haus, in dem seine Freunde hausten. "Wo ist sie?" rief er statt eines Grußes begeistert aus. "Wer?" "Na, Aurora!" "Psst", Luz legte den Finger an den Mund und deutete auf eine verschlossene Tür, "der Gott ist bei ihr." "Welcher Gott?" "Na, Zeus."

Eine Weile wartete Adjuna geduldig, doch dann wurde ihm klar - da es schon spät war, daß der Gott wohl die ganze Nacht bleiben würde. Und er ging wieder zum Tempel des Apolls. Dort war Pythia gerade mit der Arbeit fertig, sie wartete nur noch auf ihn, daß er sie abholte.

Während sie einander tief in die Augen sahen, erkannten sie beide die Zukunft: Diese Nacht würde nicht nur für Zeus und Aurora, sondern auch für sie beide eine wunderbare Liebesnacht werden. Sie streichelten und küßten sich. "Tut mir leid, daß sie dir so weh getan haben. Ich hätte dich warnen sollen. Du, Armer. Mein Schatz, ich will alles wieder gut machen. Mmmmh. - Du bist so stark. - Du bist so schön." "Auch du bist schön. Du hast so schöne Augen, einen so schönen Mund, so zarte Haut, ich liebe dich." "Liebling, du bist so fremd, so exotisch. Wie bist du in unsere Welt gekommen? Woher kommst du überhaupt?" "Aus der Zukunft." "Ich glaube dir." Sie küßten sich. "Wie ist es in der Zukunft?" "Die olympischen Götter werden schließlich besiegt werden, aber nicht von großartigen Giganten und Titanen, sondern von einem armseligen Arme-Leute-Kind, einer Personifizierung des Elends." "In so einer Zukunft möchte ich nicht leben." "Ich auch nicht, aber es ist schwer eine bessere Zukunft zu schaffen." "Ja, man muß wie Herakles am Scheideweg die Anstrengung wählen, den unbequemen Weg gehen, um der Armut zu entkommen." "Ja, das gilt besonders für die geistige Armut."

Die Liebesnacht erlebte nach und nach intimere und geheimere Stunden. "Wer hat bei dir nur überprüft, daß du Jungfrau bist?"

"Psst, so was überprüft man doch nicht."

Aurora war am nächsten Morgen mächtig stolz, daß Zeus Soter mit ihr geschlafen hatte. Adjuna verschwieg sein eigenes Abenteuer und sagte nur, er hätte auf einem nahen Hügel meditiert.

Die Belohnung des Apolls: Schönheit für Aurora. Das war wirklich gelungen. Sie war schön, schöner als Apolls eigene Priesterin. Doch Schönheit ist nicht alles. Als Adjuna dann wenigstens zur Mittagsruhe mit ihr schlafen wollte, meinte sie, sie wolle sich aufsparen für Zeus Soter, der nachts wiederkäme. Überhaupt hatte ihre neugewonnene Schönheit sie hochnäsig und herablassend werden lassen. Wie einige Menschen es zur Personifikation des Elends bringen und andere die Personifikation des Glücks sind, wurde sie zur Personifikation für des Lebens Auf und Ab, für Hoch und Tief und wieder Hoch. Ein neuer Aufstieg, ein Sonnenaufgang, eine neue Nase, eine hohe Nase.

Adjuna ging nachts immer zu seiner Pythia, die anderen hatten allerdings kein Glück bei den lokalen Schönheiten und machten deshalb immer längere Gesichter, wenn Aurora sich einschloß, um mit ihrem Zeus Soter allein zu sein.

Quod licet Jovi, non licet bovi.

Nach einigen Tagen oder richtiger Nächten des Glücks wurden die Götter auf Adjunas Verhältnis mit der Orakelpriesterin des Apollons aufmerksam, und die Beiden sahen ihr Liebesspiel abrupt von einem Eindringling unterbrochen. Vor ihnen stand Artemis, die keusche Zwillingsschwester des Apolls, die mit weiblichen Reizen überreich gesegnete Beschützerin der Tiere und des edlen Weidwerks, in ihrem kurzen Jagdrock, ihre zwanzig Brüste wogten unter einer grobmaschigen Bluse. Ihr inneres Licht erleuchtete nicht nur die Göttin, sondern den ganzen Raum, aber besonders die nicht zu Ende gespielte Liebesszene.

So in flagranti erwischt, riß sich Pythia schnell die Bettdecke vor die Brust und das Gesicht. Das andere Ende konnte sie nicht bedecken, da Adjuna immer noch ihre Beine festhielt und bei ihr drin war. Sie hatte furchtbare Angst, wußte sie doch, wie streng und grausam keusche Leute sein konnten, ganz zu schweigen von Göttinnen der Keuschheit. Hatte Artemis nicht den Jäger Aktaion, der, als er seine Hunde im schattigen Tal Gargaphia an der Parthenionquelle hatte erfrischen wollen, versehentlich die Göttin beim Baden überraschte, in einen Hirsch verwandelt, der dann von seinen eigenen Hunden zerrissen wurde? Wieviel schlimmer mußte es ihr ergehen, wo sie etwas absichtlich tat?

Adjuna sah die Göttin furchtlos an. Er konnte sich nichts Widersinnigeres vorstellen als eine jungfräuliche Fruchtbarkeitsgöttin, die außerdem noch Jagd und Tiere gleichermaßen schützte. Da die Göttin zornig aussah und offensichtlich Streit wollte oder zumindest strafen - sie langte nach den Pfeilen in ihrem Köcher, zog Adjuna seine Rute aus der Scheide und stürmte zum Angriff. Doch die Göttin kannte faule Tricks: Während Adjuna die Illusion der Göttin zu greifen versuchte und nicht fassen konnte und sich dieses Trugbild auch noch vermehrte und er schließlich einer Vielzahl von Trugbildern erlag, stand die richtige Göttin hinter ihm und löste den Knoten in seinem Haarband, dann riß sie ihn an seinen Haaren zu Boden und stellte sich selbst so auf seine Haare, daß sein Gesicht dicht am Boden klebte.

Adjuna konnte nicht aufstehen. Die Göttin war schwerer als jede Frau aus Fleisch und Blut, ja selbst schwerer als die üppig mit Gold und Silber verkleidete Bronzestatue mit den zwanzig Brüsten in Ephesos. Besiegt und gedemütigt lag er vor ihr. Sie aber verfluchte ihn: "Dein Same soll für immer unfruchtbar sein. Und wenn immer du deinen Samen in eine Frau spritzt, so soll sie ebenfalls für den Rest ihres Lebens unfruchtbar werden, wenn du deinen Samen aber auf die Erde tropfen läßt, so soll die Erde unfruchtbar werden."

Während sie sprach, schlug sie ihm mit einem Bündel ihrer langen Riedpfeile über den Rücken. So unter ihren Schlägen leidend, explodierten seine Hoden und er schäumte über. Schnell hielt er die hohle Hand vor sein Glied, um den Samen nicht auf die Erde fallen zu lassen. Dann trank er die Flüssigkeit in seiner Hand und leckte die Hand sauber. Er war sich noch nicht bewußt, was für ungeheure Möglichkeiten ihm Artemis mit ihrem Fluch in die Hand gelegt hatte. Adjuna dachte zunächst nur: Ich muß regelmäßig mit einer Frau schlafen, sonst habe ich vielleicht mal einen feuchten Traum. Was für schreckliche Konsequenzen...! Lieber eine einzige Frau wird unfruchtbar als die ganze Erde.

Wir sehen, der Schock hatte Adjuna zum Durchschnittsbürger degradiert, der ja auch, wenn er so vor die Wahl gestellt wird, das Leben erhalten will, und all seine Morde nur begeht, wenn man ihn dazu aufgehetzt hat, dann allerdings ganz besonders gründlich ist und auch bereit, das eigene Leben wegzuwerfen sowie das aller anderen.

Diese Tatsache ist die Grundlage für die Behauptung, daß der Mensch im Grunde gut sei, ich aber leite daraus ab, daß der Mensch im Grunde wertlos ist, zumindest der, der sich aufhetzen läßt, also die meisten. Um Ausnahmen ist es immer schade. Die werden immer zermalmt - besonders wo Hetzer und Aufgehetzte sind.

Nach dieser Begegnung mit der Göttin wagten Adjuna und die Orakelpriesterin natürlich nicht mehr, miteinander zu verkehren.

Es traf sich, daß auch Aurora nicht mehr mit ihrem Zeus Soter zusammen war. Nicht daß Zeus' Ehebruch von Hera entdeckt worden war. Das Schicksal Ios, von einer Bremse gejagt zu werden, blieb Aurora erspart. Es war ganz einfach, daß ihr Seelentröster die Nase voll hatte. Es war ihm zu langweilig geworden bei Aurora. Sowieso blieb er nie lange bei einer. Schnell ödete ihn eine Frau genauso an wie seine eigene Hera. Außerdem war dem Donnerer nicht verborgen geblieben, daß Aurora ziemlich ausgeleiert war, trotz ihres frischen, unverbrauchten Gesichts. Und trotz seines dicken, göttlichen Gliedes blieb zu viel Spiel und das störte ihn. Was für ein menschlicher Gott! Er war auf und davon und ließ sich nicht mehr blicken: Man hatte ihm Äthiopierinnen empfohlen wegen deren Saugmuschis. Kabbazah werden später arabische Sklavenhändler diese wunderbaren Orgasmuskünstlerinnen nennen, die das männliche Glied mit ihrer Vagina so kräftig packen wie ostfriesische Melkerinnen die Zitzen ihrer Kühe. Kabbazah heißt wörtlich übersetzt Halterin.

Wir aber wollen uns hier nicht noch länger aufhalten.

Wie gesagt, der Gott hatte sie fallen gelassen, und ihre vier sterblichen Freunde mußten wieder das besorgen, was der Gott vorher allein geschafft hatte. Zwischendurch fand Aurora allerdings auch einheimische Männer, die auf ihre Reize ansprachen. Die vier Männer hatten allerdings Pech bei den lokalen Schönheiten. Keine war bereit, mit einem Barbaren ins Bett zu gehen.

Die Freunde drängten zum Aufbruch. Der Urlaub war bald zu Ende. Man wollte sich noch die Akropolis in Athen ansehen, wie man es sich schon in Hamburg vorgenommen hatte. Da das Auto ja abgestürzt war und man zu Fuß gehen mußte, würde der Ausflug nach Athen ja ein paar Tage dauern. Sowieso wußte man noch nicht, wie man wieder zurückkommen würde. Man wollte erst mal die Stelle suchen, an der das Auto von der Straße abgekommen war, und dann weitersehen. Vielleicht konnte man das Auto doch noch finden und reparieren.

Auf dem Weg nach Athen trafen sie einen blinden Bettler, der bat, ihnen folgen zu dürfen, da der Klang ihrer Fußstapfen es ihm leicht mache, auf dem Weg zu bleiben. Tatsächlich gelang es dem Alten, mit den eilig durch die attische Landschaft wandernden Freunden Schritt zu halten. Bei den Mahlzeiten teilten sie mit ihm Brot und Käse und nach dem Mittag, wenn die Freunde sich im Schatten ausruhten, spielte er auf seiner Kithra und sang dazu in klassischen Hexametern von menschlichen und göttlichen Leidenschaften, die sich im trojanischen Krieg ausgetobt hatten, über Achilleus' übermäßigen Zorn, als Agamemnon die schöne Sklavin Brises von ihm nahm, und davon, wie Patroklos im Siegen jedes Maß vergaß und sich an Hektor vergriff, der ihn durchbohrte und auf dem Schlachtfeld verenden ließ. Aber auch Hektor vergaß im Siegestaumel seine eigene Verwundbarkeit und beging außerdem den Frevel, sich mit einer göttlichen Rüstung zu schmücken, die nicht für ihn bestimmt war.

Achilleus hetzte ihn dafür, wie ein Hund einen Hirsch hetzt, viermal um die Heimatstadt, bis er weidwund geschossen zusammenbrach. Dann durchbohrte Achilleus die Sehnen der Füße zwischen Knöchel und Ferse und zog einen Riemen hindurch, den er an seinem Wagen festband, und schleifte den Toten durch den blutigen Matsch des Schlachtfeldes.

Aber auch auf Achill wartete ein Pfeil, der ihm schließlich in die berühmte Sehne des dreiköpfigen Wadenmuskels fahren sollte und ihn verbluten ließ.

Trotz des Todes dieses großen Helden besiegten die Griechen Troja mit Hilfe eines Tricks, den sich der schlaue Odysseus ausgedacht hatte, und den der alte Sänger nicht versäumte zu loben.

Der Haß eines zehnjährigen Kampfes zerstörte Troja total, das heißt, eigentlich waren es Menschen, die dieses Zerstörungswerk ausführten.

Von den griechischen Helden kehrten trotz des Sieges nur wenige in die Heimat zurück, die meisten verschlang das Meer im Sturm wie den Lokrer Ajax, andere erwartete ein schreckliches Schicksal bei der Heimkehr wie den Agamemnon, der im eigenen Hause von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Geliebten Ägistos ermordet wurde. Menelaos und Odysseus aber mußten noch lange in der Ferne umherirren, besonders Odysseus, aber das war eine andere Geschichte.

Auch die Geschichte der Irrfahrten des Odysseus verstand der Alte, gut vorzutragen. Und am Ende, als Odysseus das heimatliche Ithaka erreicht hatte, die Burg von den Freiern befreit und auch den letzten Test mit dem zum Bett gewordenen Olivenbaum bestanden hatte und endliche seine Frau Penelope in die Arme nehmen durfte, da rief der Bunte erleichtert aus: "Und dann lebten sie glücklich, bis an das Ende ihrer Tage!" Er hätte auch sagen können: `Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute', aber so etwas sagte man nicht auf Griechisch. Der alte Mann aber sagte traurig: "Nein!"

Die Freunde horchten auf. "Dann erzähle uns, was danach geschah." Der Alte murmelte etwas davon, daß er das noch nicht in Versform gebracht hätte, daß er sich schon sehr alt fühle und oft nicht genug zu essen habe, und daß ihm das Dichten auch nicht mehr so leicht von der Hand gehe, es könne noch Jahre dauern, bis das tragische Ende des Odysseus auch in Hexameter gebracht sei. Wenn Zeus ihm, dem armen Dichter, die Gnade gewähre, überhaupt so lange zu leben.

Wie viele Dichter sind wohl schon gestorben, bevor ihre Werke geboren wurden? Wie viele Werke wurden mit ins Grab genommen! Der Dichter ist der einzige, der Werke mit ins Grab nimmt, die man nicht wieder ausbuddeln kann, wir anderen haben höchstens persönliche Erfahrungen, aber nach denen kräht kein Hahn.

Die Freunde drängten weiter, er solle ihnen doch in einfachen Worten erzählen, was noch mit Odysseus geschehen sei.

Da rückte der Alte dichter an die Freunde heran und erzählte leise, als gelte es, ein Geheimnis zu bewahren: "Die Leichen der toten Freier wurden von ihren Angehörigen weggetragen und begraben und bei seiner Grabrede hetzte Eupeithes die Cephallenier gegen Odysseus, um den Tod der Freier zu rächen. Um der feindlichen Armee etwas entgegen zu setzen, versuchte Odysseus auf Ithaka eine eigene Armee auszuheben, aber beim Rekrutieren der Bauernjungs wurde er von seiner eigenen bäuerlichen Bevölkerung überwältigt, denn man hatte es ihm nicht verziehen, daß er schon einmal junge Leute zum Kriegsdienst verpflichtet hatte, aber nicht einer davon zurückgekommen war." Der Alte seufzte. "Wißt ihr, einen Krieg verlieren immer zwei: der Sieger und der Besiegte."

Der Bunte: "Ja, ich habe auch mal gehört, daß die Bomben manchmal teurer sind als das, was sie kaputt machen."

"Psst." Finger an den Mund.

"Odysseus' Sohn Telemachos und der treue Schweinehirt Eumäos kamen damals unter den Sensenhieben der aufgebrachten Bevölkerung um, nur Odysseus hatten sie verschont, um ihn den Verwandten der Freier auszuliefern und sich so ihr Wohlwollen zu erkaufen."

Enttäuscht sagten die Freunde: "Oh, dann starb Odysseus schließlich in den Händen dieser Verwandten?"

"Nein, man fand, daß der Tod zu schade für ihn sei. Man folterte ihn schwer. Unter anderem..." Der Alte zitterte plötzlich furchtbar. "...stach man ihm die Augen aus."

"Ihr seid...", die Freunde rissen vor Staunen ihren Mund auf.

"Ja, Odysseus alias Homer."

Als unsere Freunde in Athen den Tempelberg hochstiegen und den Parthenon, den ganzen gewaltigen Tempelkomplex vor sich sahen, drängte sich dem lebendigen Gott ein Gedanke auf: "Vielleicht wurden die Religionen nicht von Priestern erfunden, sondern von Baumeistern, Architekten." Adjuna: "Auf jeden Fall von Sterblichen."

Noch nie zuvor hatten moderne Menschen die Akropolis in ihrer antiken Pracht gesehen. Alles glänzte in bunten Farben; die Karyatiden und Götterstandbilder waren übertriebener geschminkt als die Teenager; überall auf kleinen Altären und Dreifüßen schmorrten Weih- und Räuchergaben; auf halbem Weg zwischen dem Nordflügel und dem Haupttempel stand die wohl gerüstete, alles überragende Athene in bronzener Rüstung mit Helm und Lanze als Promachos, als Vormarschiererin; zu ihren Füßen wurde diskutiert, politische Propaganda betrieben, und neue Gesetze wurden verkündet; Schmiedesklaven, denen ihre Herren die Sehnen durchgeschnitten hatten, damit sie von der scheußlichen Arbeit nicht weglaufen konnten, wurden von Priesterinnen mit Hinweisen auf das ähnliche Schicksal des Hephaistos getröstet; ein Gelehrter erklärte seinen Zuhörern, daß die blonde Demeter, die große Mutter der Natur mit dem wie reife Getreidefelder wallenden Haar in Wirklichkeit eine Heilige Dreifaltigkeit in weiblicher Gestalt sein, nämlich Kore, Demeter und Hekate; religiöse Narren priesen Athena Sotera und die anderen Athanatoi, Unsterblichen. Doch Götter leben nur so lange, wie man an sie glaubt. Schon bald - was sind ein paar Jahrhunderte für die Unendlichkeit? Selbst das Universum ist schon an die 15 Milliarden Jahre alt und das ist bei weitem nicht unendlich, und wenn ein ewiger Gott bei seinem Ausflug ins irdische Jammertal mal sechs Stunden am Kreuz leidet, was ist das schon? Jeder Sterbliche, den mal ne Mücke gestochen hat, hat mehr erlitten - also es war von der Unendlichkeit aus betrachtet nur ein winzigkleines Augenblickchen später, daß christlische Graffiti die Säulen des Parthenons verunzierten und ein kleiner mickeriger Menschenhasser und Gallespucker auf dem Areopag, wo einst Athene den Orestes von der Schuld des Muttermordes freisprach, einen neuen Gott proklamierte und von der Sünde predigte, einen Begriff, den die Griechen, so wie der Apostel ihn benutzte, nämlich als Sünde wider den heiligen Geist etc., gar nicht kannten. Sie kannten nur eine Sünde, die der Hybris. Aber sie irrten, wenn sie glaubten, daß Hybris bestraft würde. Der Gott des Paulus brachte es jedenfalls trotz seiner Überheblichkeit recht weit. Natürlich aus der Sicht der Unendlichkeit, und selbst wenn man nur den Zeitraum zwischen Big Bang und Big Crunch zugrunde legt, ist auch dieser hybride Gott, ein Bastard allen mystischen Unsinns seiner Zeit, ein Augenblickchen später schon wieder von der Bildfläche verschwunden, auch wenn die, die gerade zwischen diesen beiden Augenblicken leben, es nicht wahrhaben wollen.

"Na gut, dann haben wir die Akropolis auch gesehen. Wollen wir uns endlich auf den Heimweg machen?" drängte der Bunte. Als leibhaftiger Gott unter lauter Steingötzen wohl die unglücklichste Figur am Ort der Reisegruppe.

Aber Aurora hatte etwas gehört, nämlich die Prophezeiung, daß die große Muttergöttin Hera in Kürze zur Erde herunterkommen würde in ihr geliebtes Königreich Argolis, wo auf halbem Wege zwischen Tiryns und Nauplion, also noch jenseits der von den Zyklopen erbauten Stadtfestung Mykene, eine Quelle entsprang, in die sie von Zeit zu Zeit, aber selten häufiger als dreimal pro Äon, meist samstags, tauchte, um ihre Jungfräulichkeit zu erneuern. Natürlich wußte man nicht, ob es wirklich geschah. Man schaute ihr einfach nicht zwischen die Beine, ja, man sah ihr nicht einmal beim Bade zu. So etwas Unanständiges tat man einfach nicht. Und nicht auszudenken, was passierte, wenn sie es merkte!

Am Tage, an dem die Göttin erwartet wurde, sperrten die Priester einfach den ganzen Bezirk um die Heilquelle ab, so daß die Göttin ungestört war.

Auch Aurora hatte nicht die Absicht, die Göttin beim Baden zu beobachten, sondern nur den unbescheidenen Wunsch, ihre eigene Jungfräulichkeit zu erneuern, den aber sehr stark. Niemand hatte ihr gesagt, daß es nur bei der Göttin funktionierte, und sie hatte auch nicht gefragt, sondern wie so typisch für Menschen Göttliches einfach als wahr und wunderwirksam vorausgesetzt.

Die Freunde aber protestierten. "Was nützt dir neu gewonnene Jungfräulichkeit! Sie würde bei dir sowieso nicht lange vorhalten. Und ohnehin, was liegt an Jungfräulichkeit! Für Nonnen ist es vielleicht eine Tugend, ein intaktes Hymen zu haben, aber doch nicht für eine Frau, die den Klauen der Kirche entkommen ist. Ein neues Jungfernhäutchen bringt auch nur neue Schmerzen mit sich. Laß das!"

So redeten die Freunde auf sie ein.

Nur widerwillig ließ sie sich überzeugen. Sie schien sich noch immer Hoffnungen zu machen, wegen ihres Zeus Soters.

Man ersparte sich also den vergeblichen Weg zur Quelle, was eigentlich schade war, denn damals war der Ort noch nicht von Marienstatuen entstellt, verschandelt, entehrt, und die freudlosen Gesichter der Bewohnerinnen des nahen Frauenklosters sah man damals auch noch nicht.

Da es bewölkt war und sie die Richtung nicht finden konnten, erkundigte sich der Bunte, bei dem sich schon längst Heimweh bemerkbar gemacht hatte, beim nächstbesten Passanten: "Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo es hier nach Norden geht?" "Nach Norden? Wohin wollen Sie denn? Ins Land der Hyperboräer?" "Nach Hamburg." "Nach Hamburg? Nie gehört. Das liegt wohl im Land der Hyperboräer?" "Hyperboräer?" "Ja. Ihr verehrt doch Apollon, nicht wahr? Ihr blondhaarigen Hyperboräer seid doch Apollons auserwähltes Volk. Seit die Meereswogen die Truhe, in die Apollons Mutter Semele den kleinen Apoll ausgesetzt hatte, an eure Küste trieben, seit ihr Apolls auserwähltes Volk."

Aber der Hamburger hatte keine Ahnung, wovon sein Gegenüber sprach, er kannte nur ein auserwähltes Volk, nämlich das des Jahwes, die Juden. Aber war es nicht eigentlich so, daß die Völker sich die Götter aussuchten und nicht umgekehrt?

Sein Gegenüber fuhr fort: "Ihr haust in Hainen, tötet keine Tiere und kennt keinen Krieg. Richtig? Und es ist immer neblig bei euch, nicht wahr?" "Ja, das ist richtig." "Siehst du. Nebel sind Numen sind Orakelträger." Der Fremde machte große Augen wie ein Magier und verschwand dann in der Menschenmenge. Der Bunte stürzte ihm nach: "Ja, wo ist jetzt Norden?" Aber der Fremde war schon in der Menschenmenge verschwunden. Auch Menschenmengen sind Numen sind Orakelträger, hier enthalten sie einen Hinweis auf Vergangenes und da einen Wink auf Zukünftiges und immer das Nicken und Kopfschütteln der Gegenwart und dein Schicksal.

Hilfesuchend blickte der Bunte sich nach seinen Freunden um. "Adjuna, sind wir Hyperboräer?" "Natürlich, wir kommen doch aus Hamburg. Wir sind moderne Menschen. Wir leben am Rande des Eises. Das Glück ist da, wo es die Wärme der Lügen nicht gibt."

Der Bunte: "Und welchen Weg müssen wir gehen?"

Adjuna: "Den unvermeidlichen."

Luz: "Und ohne zu jammern."

Orpheus: "Also, dann auf in die Zukunft."

Der Bunte: "Ich will aber in die Gegenwart."

Ein Ausnahmemensch! Wer ist schon mit der Gegenwart zufrieden, diesem unzugänglichen Scheusal zwischen den beiden Stühlen Erinnerung und Hoffnung? Wer weiß schon, daß diese beiden Stühle Scylla und Charybdis heißen, und alle Gegenwart nur ein Hindurchschlängeln zwischen vergangenen und zukünftigen Gefahren ist mit einem Abgrund unter sich?

Aber wie dem auch sei, der Bunte hatte das richtige Stichwort gegeben.



Back to Holger Hermann Haupt's Home Page.


Back to Literatur-Seite.