Die fünf Freunde öffneten gleichzeitig ihre Augen. Aber noch ehe sich ihre Augen an die neue Umgebung gewöhnt hatten, hörten sie eine erregte Stimme: "Ein Wunder, ein Wunder!" Nur einer von ihnen merkte, daß die Stimme von einer weißen Gestalt mit einem langen, dünnen Rüssel kam. Jetzt huschte die Gestalt aus dem Sichtfeld. "Das muß ich dem Chef erzählen!"
Orpheus langte vorsichtig nach seinem Kopf. Als seine Finger den Helm berührten, dachte er: Alles in Ordnung. Zufrieden schloß er wieder die Augen. Es war ein schöner Helm, den Aurora ihm da gegeben hatte. Zweifellos hatte Hephaistos ihn geschmiedet.
Hier irrte Orpheus. Nicht den Helm, sondern den Menschen darunter hatte Hephaistos geschmiedet. Denn der Mensch wurde gar nicht aus Lehm geformt, nicht von Prometheus und nicht von Jahwe, sondern Hephaistos, der Gott der Schmiedekunst, konstruierte einen Torpedo, diesen geraden Torpedo hämmerte er als nächstes krumm zu einer Bogenbrücke, die dann als Vierbeiner überall herumlief, als ihm die Bogenbrücke auch nicht mehr gefiel, bog er sie zu einem Zweibeiner-Turm. Der Mensch war also das letzte - kurz vor dem Schrott. Und Rückenschmerzen ließen sich so auch erklären.1
1 Prof. Dr. Rupert Riedl vom Zoologischen Institut der Universität Wien nannte die menschliche Wirbelsäule mal einen Torpedo-Brücken-Turm und erklärte von der evolutionären Entwicklung her die Unzulänglichkeit der menschlichen Wirbelsäule, unter anderem Rückenschmerzen.
Die Augen der Freunde blinkten heftig, krampfhaft versuchten sie wieder klar zu sehen. Acetylcholin heizte ihr vegetatives Nervensystem an und innervierte die Ziliar- und Irismuskeln ihrer Augen, und den parasympathischen Fasern gelang die Verengung der Pupillen und die Kontraktion der Ziliarmuskeln. Der dioptrische Apparat akkommodierte sich. Eine weiß getünschte Decke wurde sichtbar. Kaltes Neonlicht flutete durch die Cornea in die vordere Augenkammer, brach sich an der Sammellinse, wanderte durch den Glaskörper, durchdrang die innere Schicht der Retina und wurde schließlich im Plasma der Sehzellen mit Hilfe des Sehpurpurs im scotoptischen Dominator und mit Jodopsin im photoptischen Dominator absorbiert. Die Sehnerven leiteten den empfangenen Lichtreiz weiter ins Zwischenhirn, um dort die von den Augen stammenden Bilder übereinanderzuprojizieren. Aber die beiden Diapositive mit der Neonröhre fanden im Gehirn nicht zueinander. Sie drifteten hin und her, als ob jemand zwei Projektionsapparate schaukelte. Die Augen mußten erst wieder das stereoskopische Sehen üben. Es ist nicht gut, wenn man zwei Lampen sieht, weil man zwei Augen hat. Die beiden Augen übten, bis sie eine Lampe sahen, weil da eine Lampe war.
Die Augen wanderten von der Lampe zu den scharfen Ecken des geometrisch exakten Raumes, von dort glitten sie runter zu einem weißen Rohrstahlrahmen. Auf dem oberen Bord standen in der Mitte ein Monitor zur optischen Kontrolle der Herzschrittmacherimpulse, dessen Kabel zu einem extrakorporalen Herzschrittmacher, der auf der Brust des Patienten befestigt war, führte, links neben dem Monitor stand ein automatischer Impulsgeber, rechts daneben ein EKG-Langzeitanalysator, auf dem noch ein Magnetbandgerät zur Aufnahme der EKG-Analyse stand, ein Bord tiefer stand ein Monitor zur EKG-Kontrolle und ein Gerät, das die EKG-Rhythmusanalyse auf Papier aufzeichnete, sowie ein Druckmeßgerät für den Rechtsherzkatheter, ein Monitor zur Druckkurvenkontrolle und ein Papierschreiber für die Druckkurven. In einen extra Bord standen ein Faradisiergerät, drunter eine Elektrolunge zur Dauerbeatmung, von der vier dicke Luftschläuche zur Atemmaske der Patienten führten, daneben wieder in einem extra Bord ein Spirometer mit Monitoren zur Messung von Atemfrequenz, Atemvolumen und Reserveluft, sowie ein Spiroergometer zur Messung des Sauerstoffverbrauchs.
Die vielen Apparate erschienen den Freunden so bedrohlich wie eine Ansammlung von Rachegöttern.
Um von der Bedrohung abzulenken, fing der Bunte ein Gespräch an: "Hast du gewußt, daß Homer und Odysseus ein und dieselbe Person waren?" "Nein", antwortete Orpheus. Da ihre Stimmen wegen der Atemmaske so dumpf und unverständlich klangen, lösten sie die Strapse der Maske und nahmen sie ab.
Der Bunte: "Wir haben wirklich etwas Neues entdeckt. Das müssen wir bekanntmachen."
Adjuna, der sich auch gerade von seiner Gesichtsmaske befreit hatte: "Die geschichtlichen Tatsachen sprechen dagegen. Die große Schlacht um Troja fand etwa um 1230 vor unserer Zeitrechnung statt. Homer aber lebte zwischen 750 und 650 vor unserer Zeitrechnung. Allerdings, die Menschen glauben geschichtliche Falschheiten lieber, als daß sie geschichtliche Wahrheiten akzeptieren, jedoch handelt es sich dabei um liebgewordene Falschheiten."
Der Bunte: "Aber wir haben es doch selbst gehört aus dem Mund Homers."
"Bist du sicher? Hast du seinen Ausweis gesehen? Und selbst wenn das Homer war, vielleicht hat er gemerkt, daß wir Fremdlinge waren und ihm jedes Märchen abnehmen."
"Einen Bären aufgebunden? Ja, aber warum sollte er das getan haben?"
"Um unser Mitleid zu erregen, damit wir ihm mehr Bakhschisch geben. Das nämlich ist der andere Grund, warum soviel Falschheit in der Welt ist."
"In welchem Jahrhundert waren wir eigentlich?"
"Gibt es darüber noch Zweifel! Im gegenwärtigen natürlich."
Im Korridor hallten Stimmen. "Da müssen Sie sich geirrt haben, Herr Assistenzarzt. Das ist ganz ausgeschlossen, daß die die Augen aufgemacht haben. Die sind praktisch gehirntot." "Aber ich sage es Ihnen doch, Herr Professor. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."
Als erstes kam der junge Assistenzarzt hereingestürzt, seine nervösen Finger hielten sich am Stethoskop fest. Als die Freunde neugierig aufblickten, rief er triumphierend aus: "Meine Herren, ich wünschen Ihnen einen wunderschönen, guten Morgen." Und zu Aurora gewandt: "Und Ihnen, mein junges Fräulein, wünsche ich einen ganz besonders schönen, guten Morgen." Er zappelte vor Aufregung: "Gestatten Sie, daß ich Ihnen Ihre Ärzte vorstelle. Herr Professor Doktor Allopathos und Herr Professor Doktor Asklepios."
Die Freunde begrüßten die Professoren. Einige Krankenschwestern, die den Ärzten gefolgt waren, kreischten. "Meine Damen, beruhigen Sie sich! Das ist nicht das erste Mal, daß wir in diesem Fall Wunder erleben." Und während Professor Asklepios den Papierstreifen des Enzephalographen, der die Werte vom Szintillationszähler in Orpheus's Haube aufgezeichnet hatte, ansah, fragte er den Sänger der Gruppe: "Na, wie geht es Ihnen denn?" "Danke, so ausgeruht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt." Luz von der anderen Seite es Raumes pflichtete ihm bei: "Ja, ich habe auch das Gefühl, Wochen lang nichts getan zu haben, dabei hab ich geträumt, meilenweit gewandert zu sein." "Nach unseren Aufzeichnungen dürften Sie eigentlich nicht geträumt haben."
Der zweite Professor stand noch immer hilflos in der Mitte des Raumes und schüttelte den Kopf: "Unglaublich, unglaublich. Und wir wollten die Maschinen schon abschalten. Ihr ward doch nur noch Gemüse. Es ist doch unethisch, einen Menschen einfach am Leben zu erhalten, wenn es keine Hoffnung mehr auf Genesung gibt."
"Ja, eure Auferstehung ist wirklich ein Wunder. Völlig unbegreiflich", meinte jetzt auch Professor Asklepios, ihr müßt einen besseren Schutzengel haben als andere Menschen. Schon daß man euch da unten im Gestrüpp überhaupt gefunden hatte, war ein Wunder. Ein junger Mönch vom Meteora-Kloster, Athanasios hieß er, hatte euch gefunden, als er sich eine bessere Stelle suchte zum Fischeangeln. Normalerweise kommt da jahrelang keiner lang. Trotz des tiefen Sturzes war weder euer Auto richtig kaputt noch ihr selbst. Ihr lagt zwar wie tot da, aber hattet nur leichte Schürfwunden, und das Auto hatte neben ein paar kleinen Beulen und Lackschäden nur noch ein verkohltes Amaturenbrett, wahrscheinlich von einem Kurzschluß. Ein Wunder, daß es bei der Trockenheit keinen Waldbrand gegeben hat. Aber das größte Wunder war, daß der kleine Brand zwar der jungen Frau das ganze Gesicht verbrannt hatte, aber die Brandwunden schon alle vernarbt waren, als man euch fand." Zu Aurora: "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie die Bandnarben Ihr Gesicht entstellt haben. Wir haben gedacht, vielleicht ist es wirklich besser so, daß Sie nicht wieder zu sich kommen. Sie hätten den Anblick nicht ertragen können. Dann, nachdem Sie etwa vierzehn Tage hier im Krankenhaus waren, hatten Sie eines Morgens plötzlich Ihr schönes Gesicht wieder, als ob..." Aurora berührte ihr Gesicht. "Wirklich!" rief sie jubelnd aus.
"Aber was nützt ein schönes Gesicht, wenn das Gehirn tot ist. Wenn nicht einige von euch immer wieder feuchte Träume gehabt hätten, was in der Abwesenheit von Gehirnwellen an sich schon ein Wunder oder -
wie soll ich sagen - ein Widerspruch ist, dann hätten wir die Maschinen abgeschaltet und euch auch keine Infusionen mehr gegeben. Naja..." der Professor machte eine Pause, "...sonst ist eigentlich nichts passiert."
"Bloß, daß beim Großen mal die Füße
bluteten und er sich außerdem am Rücken so furchtbar
durchgelegen hatte", ergänzte der Assistenzarzt den Bericht
seines Chefs.
Als die Freunde ein paar Tage später als geheilt entlassen wurden, meinte der Chefarzt zu ihnen: "Na, als erstes geht ihr wohl in die Kirche, um Euch bei Gott zu bedanken für Eure wunderbare Auferstehung." Adjuna: "Oh nein, genauso wenig, wie wir den Altar bespucken, wenn uns was Schlechtes passiert. Wir möchten uns jedoch bei Ihnen und den anderen Ärzten Ihrer Klinik sowie bei der modernen Technik für unser Überleben bedanken." Ja, Rachegötter waren die nützlichsten Götter. Luz: "Einen so geruhsamen Griechenland-Urlaub hatten wir im Traum nicht erwartet." Orpheus: "Wenn wir auch nicht beten, wir bewerten unser wundersames Überleben als einen Wink von höchster Stelle, daß unsere Mission die richtige ist." Der leibhaftige Gott: "Ja, wir haben der Menschheit noch etwas zu geben." Und er dachte schon wieder an seine Arbeit und den Leib, den er gab. Er war das Brot. Aber er dachte auch daran, daß seine Freunde den Geist gaben, den die Menschheit so dringend benötigte.
Aurora aber gab den Professoren einen Kuß. Der
Kuß, den sie dann dem jungen Assistenzarzt gab, dauerte ein
bißchen zu lange. Das war aber nicht weiter peinlich. Die alten
Herren freuten sich für den jungen Mann mit. Sie sah ja so
unschuldig aus.
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