Orpheus machte den Vorschlag, für den Rückweg doch die Autofähre von Kerkira nach Brindisi zu nehmen. Alle waren einverstanden, nur Adjuna protestierte heftig dagegen, hatte er doch im Stiefelland einen heftigen Fußtritt bekommen. Das war zwar genauso Teil eines großen Planes gewesen wie ihre Auferstehung aus dem Koma, aber hatte wehgetan. Und Adjuna dämmerte immer mehr die Grausamkeit des großen Planes, sein grausames Sterben- und Lebenlassen, aber er sagte nichts davon.
Und man einigte sich friedlich auf Ancona. Von
dort konnte man schneller aus dem Stiefel kriechen.
Von Igoumenitsa ging eine Autofähre nach Kerkira. In Kerkira wollten unsere Freunde einen Platz auf dem Fährschiff für Ancona buchen. Doch das Fährschiff war ausgebucht. Es war Reisezeit. Es war eine jener friedlichen Zeiten, die man zwischen zwei Kriegen hatte, und es war eine Zeit, in der es einem gut ging, aber es war auch eine Zeit, in der sich jene gefährliche Langeweile entwickelte, die die Kinder hervorbrachte, die ihre gesättigten Eltern verachteten und das entbehrungsvolle Leben in einer zerstörten Welt bevorzugten.
Aber noch war es nicht soweit. Noch reiste man friedlich. Sprach man auch von einer Touristeninvasion. Touristen waren keine Invasoren, sondern zahlende Gästen, und sie meinten es nicht böse. Unseren Freunden aber sagte man, daß sie bis zum Ende des Sommers warten müßten, bevor sie einen Platz auf einem Fährschiff bekommen könnten. So hatten unsere Freunde Zeit, sich umzusehen.
Zur Zeit unserer Freunde lebten auf der Insel die Kerkiräer oder Korfioten, wie sie auch genannt wurden nach dem Hauptort Korfu, der zwischen zwei Brüsten, griechisch Stous Koryphous, lag. In Wirklichkeit war dieser Ort aber nicht zwischen Brüsten eingeklemmt, sondern Hügeln.
Die Insel war auch nicht immer die Heimat der Kerkiräer gewesen. Als nämlich Odysseus' Floß, das er am Strand der Insel Ogygia im Beisein der schönen Nymphe Kalypso gezimmert hatte, im Sturm zerbrach und er nackt nur mit dem Schleier der Meeresgöttin Leukothea als Auftriebskörper und Rettungsring die weite Strecke bis an die Klippen dieser Insel schwamm, lebten hier die gastfreundlichen Phäaken, die Odysseus' Odyssee endlich ein Ende machten und ihn in seine Heimat zurückbrachten. Wahrheit oder Legende, auf jeden Fall hätte Odysseus es nicht gewagt aus der Kardaki-Quelle, die hier auf der Insel entsprang, zu trinken, denn von ihr wurde noch zu Adjunas Zeiten gesagt, daß wer immer aus ihr trinke, niemals in seine Heimat zurückkehre. Aber natürlich, auch wer auf einen Schluck verzichtete, hatte keine Gewißheit, in die Heimat zurückzukehren. Gewißheit, so etwas gab es auf dieser Welt einfach nicht und auch auf keiner anderen.
Odysseus kam zwar glücklich nach Ithaka, aber die Phäaken hatten mit ihrer Hilfe den Zorn des Poseidons auf sich gezogen, und der Meeresgott verwandelte das Schiff der Phäaken gerade noch rechtzeitig, bevor die Besatzung an Land ging, in der Bucht von Chalikiopulo zu Stein. Noch heute steht dieses steinerne Monument göttlichen Zorns nicht weit vom rettenden Festland, wo fromme Mönche am Ende eines schmalen Wellenbrechers das Kloster von Vlachernes errichtet haben und durch tägliche Bußübungen den Zorn eines anderen Gottes von sich abzuwenden hoffen. Pontikonissi oder Mäuseinsel nennt man das Schiff der Phäaken jetzt. Dabei heißt es doch, daß Nagetiere rechtzeitig das Schiff verlassen.
Historiker freilich, wie andere ordentliche Wissenschaftler auch, bezweifeln übrigens, daß auf der Insel die Besatzung des Phäakenschiffes oder auch bloß Mäuse zu Stein wurden. Zwar kennen sie die alten Legenden, doch sie sind mehr daran interessiert, was ihre Spaten ausgraben, da ähneln sie einem Bauer bei der Kartoffelernte. Nun, ihre Spaten kenne keine Phäaken, dafür munkeln sie etwas von Eretriern, den Einwohner der ostgriechischen Insel Euböa, die diesen Ort kolonialisiert haben sollen,1 bis die Korinther sie verjagten. Diese Korinther Kolonialisten entwickelten mit der Zeit einen ebenso großen Haß auf ihr Mutterland Korinth, wie die Teilnehmer der Bostoner Teaparty ihn auf England bekommen hatten, als sie plötzlich durch neue Gesetze englischen Tee zoll- und steuerfrei bekamen. Und wie die Amerikaner die Boston Tea Party als den Beginn ihrer Revolution feiern, so feiern die Historiker den Kampf der Kerkiräer gegen die Flotten Korinths als die erste Seeschlacht in der Geschichte der Menschheit,2 als erstes großes Blutvergießen zur See, doch ganz sicher sind sie natürlich nicht, ob sich Massenabschlachtungen bis dahin wirklich aufs Land beschränkt haben.
Der Sieg der Kerkiräer bedeutete Unabhängigkeit und die Vorherrschaft über das Adriatische Meer. Bis der korinthische Tyrann Periandros sie eine Generation später wieder unterwarf, konnten sie sich darüber freuen. Dann nach Periandros Tod nach neuem Kampf neue Freiheit.3
Man schließt Freundschaft mit Athen, doch kommt zu spät zur großen Seeschlacht zu Salamis gegen die Perser.
Man erfreut sich der Splendid Isolation, dem glanzvollen Alleinsein, doch die anderen Griechen kritisieren mehr und mehr die Selbstisolierung der Kerkiräer. Schließlich gibt es wieder Krach mit Korinth, diesmal wegen der gemeinsamen Kolonie Epidamnos, wieder siegt die Flotte der Kerkiräer, diesmal bei Actium.5
Doch dann machen die Kerkiräer einen großen Fehler, statt andere totzuhauen, hauen sie sich gegenseitig tot: Bürgerkrieg und politisches Aus.
Die Herrscher wechseln jetzt, aber es sind nicht mehr die eigenen Leute, die herrschen, auch Blut fließ noch, aber es fließt nicht mehr für die eigenen Interessen, sondern für die der Fremdherrscher.
Ein Blutfluß bringt Makedonen-Herrschaft, schwemmt dann Agathokles, König von Syrakus, zum Besitzer der Insel auf, dann Demetrios wieder ein Makedonier, auch Pyrrhos, König der Molosser und Hegemon von Epirus, schwappte mit einer Welle auf die Insel, bevor er für den Sieg über die Römer große Teile seines Vermögens und das Blut seiner Soldaten verschwendete. Dann kamen illyrische Piraten und schließlich die glorreichen Römer.
Zur Zeit der Römer kam es zu dem großen Mißgeschick, daß, als Antionius und Octavian ihre Flotten aufeinander hetzten, wieder vor Actium, der römische Gouverneur der Insel auf den Verlierer setzte. Der Gewinner, Octavian, ließ aus Rache die Stadt verwüsten. Daher findet der Besucher kaum antike Bauten auf Kerkira.
Nun, die Welt bringt nicht nur grausame Tyrannen hervor, sondern ab und zu auch mal einen Friedensfürsten. Zwei Jünger des Paulus, Jason und Sosipatros, kamen auf diese Insel, um von einem solchen Friedensfürsten zu predigen. Resultat ein bißchen Christentum. Erst unter dem großen Konstantin konnte sich das Kreuzanbeten richtig durchsetzen. Schwerter von Königen überzeugen halt mehr als leere Worte von schmutzigen Landstreichern.
Ja, Konstantins Hauptstadt, Byzanz, hat uns nicht nur die Byzantinistik und die auch heute noch nicht ausgerottete Seuche des Byzantinismus geschenkt, sondern auch den Christlichen Bazillus in der Welt verbreitet. Die meisten Opfer haben vergessen wie schmerzhaft ein solcher Krankheitsbefall ist, und leiden nur freudlos und schweigend an ihrem chronischen Leiden. Laut werden sie nur, wenn sich ihnen Antibiotika, die unvermeidlichen Stoffwechselprodukte von Bazillen, nähern. Doch die Antibiotika haben keine Chancen, es gibt zu viele Krankheitsherde und Dauerausscheider. Aber auch wenn Krankheiten überleben, heißt es
nicht, daß sie gesund sind.
So zersörte auch der Metropolit Jovianos im Schutze byzantinischer Macht alle heidnischen Tempel auf Kerkira und schlachtete die heidnische Priesterschaft ab. Ob er die Leichen als Schaustücke oder Hundefutter, oder ob er sie überhaupt verwendete, ist nicht überliefert, aber aus den Steinen des Artemis-Tempels und der antiken Agora baute er eine christliche Basilika. Den Eingang zierte eine fromme Inschrift. Nein, kein Gebot, das daran ermahnte, nicht zu töten oder zu stehlen, sondern ein Toast auf den Sieg der neuen Krankheit.
Anderthalb Jahrhunderte später kamen die Goten mit ihren heidnischen Göttern und zerstörten den Ort samt Basilika und der `Sieg des Christentums' lag im Dreck.
Da die Goten ihre Götter überall, besonders aber unter freiem Himmel verehrten, brauchten sie die Steine nicht, und da sie sich auch nicht die Mühe machten, die Reste der ruinierten Kirche in alle Winde zu zerstreuen, eine Plackerei auf die nur ein christlicher Pfarrer kommen könnte, sind die Ruinen dieser Kirche noch heute in Palaiopolis auf Kerkira zu besichtigen.
Knappe sechs Jahrhunderte später, als es schon weit und breit keine Heiden mehr gab, jedoch auf der anderen Seite des Mittelmeeres die Mohammedaner, beherbergten die geschützten Gewässer vor Kerkira die Kreuzfahrerflotte. Die dann von dort direkt nach Byzanz fuhr. Das war aber keine späte Rache für den byzantinischen Bazillus, sondern einfach nur ein Bruderkrieg von Christen gegen Christen und ein gutes Geschäft für den Dogen von Venedig, dem Bräutigam des Meeres.
Manche Christen sagen mir wie zur Entschuldigung, zur eigenen Ent-Schuldigung, daß Christen mehr Christen als Nicht-Christen im Laufe der Geschichte umgebracht hätten, so daß ein Nicht-Christ wie ich doch gefälligst den Mund halten solle, aber wie dem auch sei, zuerst einmal handelte es sich um Menschen, die mit mir das Menschsein teilten. Aus ideologischen Gründen zu sterben, erscheint dumm, doch aus machtpolitischen Gründen ins Gras zu beißen, erscheint nur wenig sinnvoller, aber die Leute wollten's ja nicht anders, selbst so paradiesische Inseln wie die Ionischen lehren uns das.
Die Herrscher wechselten, aber das Blut, das dabei floß, zeigte immer die gleiche frische Farbe Rot: Lateiner, Venezianer, die Herzöge von Anjou, wieder die Venezianer. Und da nicht nur die christlichen Kreuzritter es verstanden, auf Beutefahrt zu gehen, sondern auch die moslemischen Ottomanen sich dem Glaubenskampf, Blutvergießen und Landraub verschrieben hatten: Gallipoli, Adrianopel, sie fingen klein an, dann Thrakien und Makedonien, dann Thessalien, Attika, der Peloponnes, Konstantinopel, Serbien, Trapezunt, Bosnien, die Walachei, Siebenbürgen, Albanien, die Krimtataren, Anatolien, Armenien, Herzegowina, Bessarabien, die Moldau, Syrien, Ägypten, die heiligen Stätten des Islams, Rhodos, Ungarn, Algieren, Tripolis, Tunesien, Kreta, Podolien und die polnische Ukraine, Mesopotamien, Luristan, Aserbeidschan und so weiter, sie hatten fast alles, war es da ein Wunder, daß sie mehr haben wollten, die kleinen Inseln im Ionischen Meer, die manche Leute für das Paradies hielten? Sie klopften mal an mit ihren harten Waffen und übergroßen Kanonen, aber der deutsche Feldmarschall Johannes Matthias von der Schulenburg schlug sie zurück und rettete die Inseln für die Venetianer und das christliche Abendland. Die undankbare Bevölkerung jedoch schob den Sieg ihrem Heiligen Spyridon zu.6
Als im Jahre 1797 in dem kleinen italienischen Dorf Campoformido ein Friedensvertrag zwischen Österreich und Frankreich abgeschlossen wurde, tat Venedig den ersten Schritt von einer Weltmacht zur Touristenattraktion. In dem Vertrag verzichtete Österreich auf die österreichischen Niederlande, Milano, Modena und Mantua und trat die linksrheinischen Besitzungen von Basel bis Andernach an Frankreich ab, dafür bekam es Venetien links der Etsch, Istrein und Dalmatien, Frankreich aber erhielt Kerkira. Doch nur knappe drei Jahre konnte es sich am Besitz der Insel erfreuen. Dann zur Jahrhundertwende eroberten Türken und Russen die Insel. Kein General von der Schulenburg half den Korfioten diesmal. Der wundertätige Aghios Spyridon, dessen Leiche man einst den Konstantinoplern weggenommen hatte, lag in seinem silbrigen Schrein, und es war ein Wunder, daß er sich nicht rührte. Eigentlich war es kein Wunder, wo er doch tot war.
Viermal im Jahr tragen die Gläubigen ihren
Heiligen durch die Straßen ihrer Stadt, zum Palmsonntag, zum
Ostersamstag, zum Geburtstag des Autors dieses Buches, dem elften
August, sowie am ersten Sonntag des Novembers. Vor vielen
Jahrhunderten7 soll er bei so einer Prozession die
Stadt vor der Pest gerettet haben. Wenn das wahr ist, kann man
daraus schließen, daß er solche Ausflüge gern hat.
(Fußnoten)
1 bis 734 vor unserer Zeitrechnung
2 620 vuZ.
3 580 vuZ.
4 480 vuZ.
5 435 vuZ.
6 1716 uZ.
7 1630 uZ.
Vielleicht rührte der Heilige sich nicht, da er wußte, daß der Sieg der Russen und Türken gar nicht schlimm sein würde. Denn unter russischer Schutzherrschaft durch Vertrag mit dem zum kranken Mann am Bosporus verkommenen Ottomanischen Reich entstand der erste neugriechische, freie Staat, die Republik der Sieben vereinigten Inseln.
Aber die Freiheit währte nicht lange. Kleine Inseln im aufgewühlten Weltgeschehen gehen leicht unter. Hatte der zweite Koalitionskrieg die Freiheit gebracht, nur sechs Jahre später war man schon beim vierten Koalitionskrieg, und diesmal erlitt die preußisch-russische Koalition eine Niederlage bei Jena und Auerstedt, und im Frieden von Tilsit im schönen Memelland erzwang Napoleon nicht nur die Verkleinerung Preußens, sondern auch die Ionischen Inseln für sich.
Als kurze Zeit später Napoleon sein Waterloo erlebte, wurden die Inseln wieder geschubst, diesmal in die Hände der Engländer. Diese äußerten sich zwar sehr unangenehm über den Knoblauchgestank der Korfioten und über deren ungepflegtes Äußere, doch ihre Landesmutter Viktoria erlaubte den Inseln erst 1864 den Anschluß an das schon seit 37 Jahren von vierhundertjähriger türkischer Knechtschaft befreite Griechenland. Vorher ließ sie noch die venezianischen Befestigungsanlagen sprengen, denn sie wären ein großes Hindernis gewesen, wenn die Königin ihre Entscheidung hätte rückgängig machen wollen.
Der erste Präsident des freien Griechenlands war ein Sohn der Insel Kerkira, der als junger Mann die freie Luft der Republik geatmet hatte, Graf Kapodistrias. Seinen Regierungssitz etablierte er auf einem Stück Staub im Auge Piräus1, wie Perikles die Insel Agina genannt hatte, doch der Regierungssitz wanderte schon nach drei Jahren nach Nauplia. Dort wurden des Grafen Hoffnungen zu Staub. Auch ein Grieche konnte es nicht allen Griechen rechtmachen. War nicht schon in der Antike ein jeder gegen jeden? Man ermordete ihn, und er mußte seiner geliebten griechischen Heimaterde zurückgeben, was er ihr einst genommen hatte, die Elemente seines Körpers.
Staub zu Staub, Asche zu Asche. Mehr sind wir auch zu Lebzeiten nicht. Staub, der sprechen kann, der dumme Gedanken denken kann, der eine Waffe in die Hand nehmen kann und dafür kämpfen kann oder auch nicht, was ein kampfloses Ergeben und Verbluten ist.
Blutfließen stoppte nicht mit der Unabhängigkeit. Im Gegenteil jetzt konnte man als unabhängiger Staat im Kampf der Staaten mitmischen, es galt noch oft gegen den Feind der Christenheit und der Zivilisation, die Türkei, zu kämpfen. Zwischendurch gab es die Weltkriege. Griechenland half beide Male den Allierten. Das heißt, im zweiten Weltkrieg halfen die, die mit dem Feind kollaborierten, den Deutschen beim Opfersuchen für die feurigen Monster Birkenau, Treblinka, Sobibor, Maidanek, Chelmno und Belzec.
In dieser Zeit litt unsere kleine Insel Kerkira auch wieder. Da die Menschen fliegen gelernt hatten, kam die Zerstörung aus blauem Himmel. Schwere Bombenschäden. Der heilige Spyridon schützte nur seine eigene Kirche.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden die Griechen noch einen Grund, das Blutvergießen noch ein paar Jahre hinauszuziehen: Bürgerkrieg. Die Meinungsverschiedenheiten sind groß, Kommunisten-Antikommunisten, das ist wie Christ-Antichrist, die Meinung, daß Frieden herrschen sollte, setzte sich nicht durch. Was für einen weiten Weg war man doch gekommen seit Troja! Man kämpfte nicht mehr um schöne Frauen, sondern um Ideen.
Gab es wirklich Fortschritt? so sann Adjuna, als sich das Schicksal der kleine Insel seiner Sinne bemächtigt hatte. Er hatte kein Messer, um sich das Organ, das ihn für alle diese Reize aus der Vergangenheit empfänglich machte, herauszuschneiden. Er stand bewußt auf alldem, auf dem die anderen unbewußt standen. Seine Augen waren immer rot von ungeweinten Tränen.
Andere Urlauber zogen fröhlich durch die Olivenhaine und Zypressen und freuten sich, wenn sie Überreste aus vergangenen Zeiten fanden, Adjuna aber klagte an den Ruinen, denn sie waren ein übermächtiges Symbol.
Gab es wirklich Fortschritt oder nur Illusionen? Adjuna und seine Freunde hatten den südlichsten Punkt der Insel erreicht, das Kap Asprokaros. Zwischen diesem Kap und dem griechischen Festland hatte die Menschheit ihre erste Seeschlacht ausgefochten. Wann wird sie ihre letzte Schlacht schlagen? Die Antwort weiß man schon jetzt: Wenn sie in ihren letzten Zügen liegt.
Vor diesem Felsen hörte der ägyptische Steuermann Tammuz eine Stimme, die rief: "Der Große Pan ist tot!" Es war zur Zeit, da Tiberius Kaiser von Rom war, Pontius Pilatus Landpfleger in Judäa und Herodes Vierfürst in Galiläa, das die falschen Götter starben, und andere falschere Götter an die Macht kamen, die es auch nicht richtig machten. Götter sind zu ungeschickt im Umgang mit Menschen. Die Menschen sollten es endlich selbst machen, jeder einzelne für sich sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen. Hört ihr nicht die Stimme, die da ruft: Alle Götter sind tot!
Tot, das heißt im Jenseits. In dieser Welt erreichen sie nichts mehr.
Es war spät geworden und die Freunde legten sich hier ins Gras, um die Nacht zu verbringen, noch lange lauschten sie der Stimme. Doch nachts träumten sie von Seejungfrauen, denn hier war die Burg der Nereiden, der anmutigen Töchter des Alten Mannes vom Meer und hilfreichen Begleiterinnen des Poseidon. Schlafwandlerisch sprangen unsere Freunde ins Meer und vergnügten sich mit den Halbweltwesen.
Und als sie fertig waren, krochen sie wieder ans Land, stiegen den Hügel halb hoch und warfen sich wieder ins Gras. Da seufzte Adjuna: Steige nicht zu hoch hinauf, und selig sind die, die lieben.
Für seine Anhänger aber sollte dieser Hügelseufzer für immer die Bergpredigt verdrängen, die ja doch nur etwas für Geistigschwache war, nämlich Schmeichelei.
Wir aber wissen, daß Adjuna meinte, was er sagte, und vor allen Dingen auch wußte.
Zu viel Ehrgeiz macht nicht glücklich, und nur in der Liebe, und dazu gehörte für ihn auch ganz bewußt die geschlechtliche Vereinigung, fand er Seligkeit. Sicher, wer das Geschlechtliche als schmutzig empfand und sich mit Folterphantasien bestrafte, dem mochte die Seligkeit ja abhanden kommen, aber das war nicht die Schuld der Sexualität.
Es hatte keinen Fortschritt gegeben. Der Tod der alten Götter hatte nichts verbessert. Poseidon mit seinen fünfzig Nereiden war durch einen keuschen Opa, den Klosterabt von Myra, den Nikolaus, einen christlichen Schutzheiligen der Seefahrer, Händler und Bäcker, einen Knecht Ruprecht und Kinderschreck, ersetzt worden. Und wenn früher Aphrodite oder die Venus auch noch die Seefahrer schützte, so beteten die Seefahrer jetzt zu einem weiblichen Unding, zu Maria. Das war kein Fortschritt. Fortschritt hatte es nur in der Waffentechnik gegeben. Geschosse waren jetzt größer, schneller und machten mehr kaputt. Wenn man auch viele Tricks der Alten verlernt hatte, das Zerstörungspotential war ohne weiteres gestiegen. Bei einer solchen Entwicklung war das Ende wirklich schon in Sicht, das Ende aller Vor- und Rückschritte. Zweifellos das Beste, was uns passieren konnte.
Die Gewässer hier um diese Inseln sind tückisch, ein Mikrokosmos, in dem nicht nur das Plankton von größeren Fischen gefressen wird, sondern eine kleine Welt, die die große widerspiegelt, täuschend ähnlich oder auch nicht, das ist das Tückische:
Im Süden der Insel Lefkas auf dem leukadischen Frauenfelsen stand einst die griechische Lyrikerin Psappho. Ihr Geliebter Phaon hatte sie verlassen. Wer große Gefühle ausdrückt, hat zu viele davon und ist immer in Gefahr von ihnen in die Tiefe gezogen zu werden. So auch Psappho, sie liebte zu sehr und suchte Heilung. Manche Krankheit heilt nur der Tod. Sie stürzte vom weißen Felsen.
Später wurde der Sturz vom Felsen institutionalisiert - von Priestern natürlich. Man stürzte Verbrecher hinunter. Eine Art Gottesurteil. Schuldig, wenn sie starben. Ein Freispruch, wenn sie überlebten. Damit es dem Gott leichter kam, die unschuldigen zu retten, band man viele kräftige Vögel an den Verurteilten. Die Priester stürzten in einem seltsamen Ritual sich auch selbst hinunter und überlebten dabei regelmäßig, ja, erhielten sogar vom Gott der Heilkunde zusätzliche Kräfte.
Außerdem gab es natürlich bis in die neuste Zeit hinein, auch immer noch die, die wie Psappho sprangen, um zu sterben und Erlösung zu finden von Liebeskummer.
Vor dem Strand von Actium würfelten einst Antonius und Oktavian mit ihren Flotten um die Weltherrschaft. Auch hier war außer Ehrgeiz Liebe und eine Geliebte im Spiel. Antonius zog den kürzeren und floh mit seiner Geliebten, Kleopatra, ins ferne Alexandrien. Aber der Großneffe Caesars landete schon im nächsten Jahr vor der Stadt. Marcus Antonius' Lage war aussichtslos. Angesichts des viel stärkeren Feindes liefen ihm die Soldaten weg. Als er sich selbst hinter der Stadtmauer in Sicherheit bringen wollte, hörte er, daß seine Geliebte Selbstmord begangen hätte, und er stürzte in sein Schwert, um bei ihr zu sein. Kleopatra aber lebte noch. Erst als sie merkte, daß sie Gajus Octavianus, den neuen Herrscher Roms, nicht mit ihren weiblichen Reizen bezirzen konnte und er sie wirklich im Triumpfzug durch Roms Straßen peitschen wollte, entzog sie sich der Demütigung durch den Biß einer Giftnatter und erlebte so einen letzten Triumpf, denn nach ägyptischem Glauben genoß der von der Natter Gebissene Unsterblichkeit.
Man sollte auch erzählen, was sich ein bißchen südlicher von Actium an der Steilküste von Zalongo allerdings wesentlich später, nämlich schon in der Neuzeit, ereignete. Um Umgebung und Zeit zu erklären, schnell ein paar Stichwörter: Die Erdscheibe war zur Kugel geworden, Amerika entdeckt, Emanzipation des Bürgertums, Humanismus, Klassizismus, Staatsräson, industrielle Revolution, Dampfmaschinen, Aufklärung, Säkularisierung, Klassenkampf. Das wesentlichste Merkmal der Neuzeit aber war die Zweckrationalität.
Rationalismus, Aufklärung und Klassizismus brachten als Reaktion und Gegengift die Romantik hervor.
Nationalismus war damals noch ein romantischer Begriff. Kleine Völker wurden von großen Völkern und noch größeren Herrschern unterdrückt, und der Traum vom freien Volk war ein oft geträumter Traum, der auch hier in Epirus wie in anderen Teilen Griechenlands geträumt wurde, und wie wir schon sahen, zu den Befreiungskriegen führte. Doch Befreiungskriege erregen den Zorn der Unterdrücker. Sie schwärmen übers Land: Strafexpeditionen.
Die Freiheitskämpfer lehrten dem Volk ein Lied:
Fische können ohn' Wasser nicht sein,
Blumen können nicht blühen auf Stein,
und wir ohne Freiheit nicht gedeien,
der Tod ist besser als Sklavendasein.
Und während die Freiheitskämpfer in den Bergen kämpften, überfielen die Heere der Unterdrücker die Dörfer, um zu zeigen, daß sie noch Herr der Dinge waren. Und zweifellos hätten sie ihr Ding manch einer Dörflerin reingezwungen. Aber die hatten nun das Lied und sie flohen mit ihren Kindern bis an die Klippen und stürzten hinunter. So starben die Frauen und Kinder aus der Gebirgschaft Suli an den Klippen von Zalongo.
Die Zeit vergeht, vergeht gnadenlos, das wissen wir. Und die, die sich damals geopfert haben, wären heute auch so tot.
Alles, was neu ist, wird alt und vergeht. Doch was wird aus der Neuzeit? Ihr kann doch keine alte Zeit folgen, denn die war ja schon zur Zeit der Urväter. Nun, ihr schließt sich vor dem Ende nur noch die Neuste Zeit an, es sei denn, man dehnt das Ende noch mit Hilfe einer Superneusten Zeit ein wenig aus. Dann aber täten wir uns, wie die Frauen es in diesen Gewässern getan haben. Und es kommt eine Zeit, in der wir sowieso tot wären.
Wir stehen auf der Vergangenheit aller, und wir ertrinken auch in ihr. Alles ist nur eine Frage der Zeit.
Noch stehen wir, und schon vergehen wir, und
dann steht die Gegenwart ohne uns.
Vom Kap Asprokaros gingen unsere Freunde am nächsten Tag wieder zurück und zwar den gleichen Weg. Sie versuchten die Dinge mit anderen Augen zu sehen, sowieso was rechts war, war jetzt links, und die Mäuseinsel, die jetzt vorne rechts war, sah gar nicht wie ein versteinertes Schiff aus. Wer protestiert da und behauptet, alles sei im Laufe der Zeit verwittert, Sand und Schlamm hätten ein Übriges getan? Bah, wer etwas glauben will, findet immer eine Ausrede. Die Felseninsel war etwas Positives, ein Sieg des Lebens über den Stein, erst Moos und Flechten, dann Kräuter und Blumen und schließlich sogar Bäume, tote Felsen waren lebendig geworden, lebendiger waren sie nie.
Unsere Freunde versuchten nicht nur alles mit anderen Augen zu sehen, sondern sie rochen auch mit anderen Nasen als einst die Engländer und genossen den Duft von Pinien, Orangen- und Zitronenbäumen, von Stechpalmen, Myrte, Lorbeer und so vielen anderen Kräutern, deren Namen sie alle nicht kannten.
Da die Zeit keine antik-griechischen Bauwerke auf Korfu hatte stehen lassen, gingen unsere Freunde in den pseudo-griechischen Palast der Kaiserin Elisabeth von Österreich, in das Achilleion. Sissi, wie die Kaiserin liebevoll von den Österreichern genannt worden war, hatte sich hierher zurückgezogen, nachdem ihr einziger Sohn, der Kronprinz Rudolph, in Mayerling Selbstmord gemacht hatte, wodurch Franz Ferdinand von Habsburg-Este Kronprinz wurde, und da sehen wir auch schon die schwarze Hand, die in Sarajevo auf ihn anlegt und abdrückt, Schüsse, die den ersten Weltkrieg einleiten, dem unvermeidlich ein zweiter folgt, Schüsse, die ihr Ziel nicht verfehlten, die Unabhängigkeit Serbiens von Österreich-Ungarn.
Die Kaiserin Sissi aber hörte diese Schüsse nicht mehr, sie war schon 16 Jahre vorher vom Italiener Luigi Luccheni ermordet worden. In ihrem Schloß Achilleion aber hatte sie zu Lebzeiten neben den Statuen ihres Sohnes Rudolph und ihres Lieblingsdichters Heinrich Heine eine Statue von ihrem Lieblingshelden Achill anfertigen lassen: Den sterbenden Achill, wie er am Pfeil zieht, der seine Ferse getroffen hatte, dort, wo seine Mutter, die Nereide Thetis, ihn hatte festhalten müssen, als sie ihn in das Wasser des Styx tauchte, um ihn unverwundbar zu machen. Wie die Nereide Thetis hatte die Kaiserin alles für ihren Sohn tun wollen, und doch war er ihr gestorben, hatte nicht das Leben, sondern den Freitod gewählt, und wie Thetis dachte, hätte ich ihn doch woanders festgehalten, so dachte Rudolph's Mutter, ich hätte vieles anders machen sollen. Doch der Konjunktiv ändert keinen Indikativ.
Später erwarb dann der deutsche Kaiser Wilhelm II. das Schloß. Wie alle großen Kriegsherren haßte er Niederlagen. Deshalb ließ er eine große Bronzestatue des siegreichen Achills aufstellen, aus dem gleichen Grunde mußten die Zeitungen seine Soldaten in Sieger- und Heldenpose zeigen und nicht als zerrissene und entstellte Leichen. Doch auch das änderte nichts an den Tatsachen. Tatsache nämlich war, daß sie kurz nach ihrem Fototermin zerschossen oder vergast in den Gräben verendeten, oder falls sie nur verkrüppelt wurden, den Rest ihres Lebens, - für die meisten ein langer Rest, da sie junge Leute waren -, mit einer unzureichenden Invalidenrente durchs Leben humpelten. Sie konnten sich etwas hinzubetteln. Das hieß aber Schläge von der Polizei riskieren.
Der Kaiser überlebte die Niederlage des Krieges besser. Er wurde zwar arbeitslos, aber das bedeutet bei Kaisern nicht gleich Brotlosigkeit. Es mangelte ihm an nichts. Wilhelm der Letzte hätte den Rest seiner Tage friedlich im Exil auf Schloß Doorn verbringen können, doch mit der Zwanghaftigkeit eines Sisyphus trieb es ihn zum Holzhacken, und mit der gleichen Bessenheit, mit der er vorher Fehlentscheidungen gefällt hatte, fällte er nun Bäume.
Durch den Rücktritt des Kaisers aber war das Volk endlich frei und konnte seine eigenen Fehlentscheidungen treffen. Es stellte sich heraus, daß sie noch schrecklichere Folgen haben sollten.
Jetzt bewunderten unsere Freunde die Statue des siegreichen Achills. Kaiser Wilhelm hatte eine Inschrift anbringen lassen: Dem Größten der Hellenen, der Größte der Deutschen.
Neben unseren Freunden stand ein Waffensegner und Letzte-Worte-Sprecher, der ein Beffchen umgebunden hatte. Dieses durchaus magere Männchen erklärte empört seinen Schülern: "Was für ein Narr, dieser Kaiser! Der dachte, wenn jemand dicke Muskeln hat und kräftig zuschlägt, dann besitze er Größe. Der Kaiser wußte von nichts. Wie Gott über der Welt steht und die Idee über dem Ding, so steht auch der Geist über dem Körper. Muskeln sind nur ein Hindernis für den Geist. Sie machen eitel, dumm und gewalttätig und am Ende, wenn man seinen Körper zurückläßt und ganz Geist ist, steht man mit leeren Händen da. Nein, man muß den Geist über den Körper stellen."
Adjuna sah betroffen seine Muskeln an. Es war der Körper mit seinen Organen, der dem Geist die Möglichkeit zur Wahrnehmung gab.
"Nicht Achill war der größte Grieche", fuhr der Pfarrer fort, "sondern Aristoteles."
Und ehe er noch weitersprechen konnte, sagte Adjuna: "Aha, da liegt der Hund begraben!" Die Augen der Schüler richteten sich auf Adjuna. Sie zollten ihm die Verachtung, die jemand verdiente, der noch mehr Muskeln als Achilleus hatte. Aber Adjuna sprach ungerührt weiter: "Tatsächlich war Aristoteles ein großer Geist, allerdings ohne den Körper zu verachten. Und sicher wäre dieser Denker sehr erstaunt gewesen, wenn er gesehen hätte, wie seine Gedanken zur Zwangsjacke für jegliches Denken wurden. Wißt ihr, daß er in Athen der Gottlosigkeit angeklagt wurde und in seine Heimat Euböa floh? Leute, die zu ihrer Zeit wegen ihrer Gedanken verfolgt werden, dazu gehören auch Sokrates, dem Pietätlosigkeit vorgeworfen wurde, und die Gotteslästerung eines Jesus von Narzareth, sind Non-Konformisten, die ihrer Gesellschaft gegenüber kritisch eingestellt sind, und wären auch zu jeder anderen Zeit Kritiker gesellschaftlicher Mißstände und Irrtümer. Wenn Leute wie Albertus Magnus und sein Schüler Thomas von Aquin Aristoteles so bearbeiten, daß er sich in die kirchliche Lehre der christlichen Offenbarung einfügen läßt, und dabei doch nur vorherrschendes katholisches Wissen durchkauen und systematisieren, dann gehen sie nicht in den Fußstapfen dieses großen Lehrers, denn hätten sie seine Fähigkeit philosophischer Spekulation besessen, wären sie wie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen geendet, denn zu einer anderen Zeit hätte auch ein Aristoteles anders gedacht, und durch Galileis Fernrohr hätte er allemal geguckt, und wenn ihr euch große Lehrer zum Vorbild nehmen wollt, dann verehrt ihr eure Lehrer nicht, sondern stellt sie in Frage."
"Warum soll man nicht, was gut war an Aristoteles Lehre, übernehmen?" protestierte der Pfarrer.
"Warum soll man es nicht verbessern? Oder eine bessere Erkenntnis finden? Aristoteles schrieb zu vielen Themen, über Zoologie, Pflanzenkunde, Anatomie, Physiologie, Embryologie, Geographie, Geologie, Astronomie, Meteorologie, Physik, Metaphysik, Rhetorik, Ethik, Ästhetik, Politik, Ökonomie, Pädagogik, Dichtkunst, Soziologie, Verfassungsrecht, er schrieb über Athen und über die Sitten der Barbaren, insgesamt schrieb er über 170 Bücher. Auch wenn man bedenkt, daß er Gehilfen hatte, die Daten für ihn sammelten, eine großartige Leistung. Wohl nie wieder in der Geschichte der Menschheit hatte ein Mensch ein so umfangreiches Wissen, weder Goethe noch Hegel, und euer Religionsstifter mit seinen Flüchen und paar guten Ratschlägen nimmt sich daneben schon ganz wie ein Waisenknabe aus, als der er ja dann auch starb, nämlich verlassen von Gott, seinem Vater."
Zwischenruf aus der Menge: "Er hat Gott gelästert!" wobei nicht klar war, ob nun Jesus oder Adjuna gemeint war. Der Pfarrer führte gerade seine Schüler durch die Menschenmenge, die sich angesammelt hatte. Es war eine Touristengruppe aus Galiläa angekommen, und sie drängten Adjuna weiterzusprechen.
"Aristoteles hatte, wie ich gerade ausführte, ein sehr umfangreiches Wissen. Wenn es nun nach den Dogmatikern gegangen wäre, wäre dieses Wissen eingefroren worden. Zum Glück ging es nicht nach den Dogmatikern, sondern Fachwissenschaftler haben auf den verschiedenen Gebieten weitergeforscht und im Allgemeinen den Wissensstand Aristoteles hinter sich gelassen. Das große Verdienst von Aristoteles ist, daß er mit der Vorstellung, daß das Universum dem blinden Zufall unterworfen ist oder der Zauberei und den Launen irgendwelcher Gottheiten, aufgeräumt hat, und dem Menschen für die Analyse seiner Umwelt sein System der formalen Logik, die Syllogistik, die Lehre vom logischen Schließen, hinterlassen hat. Daß Aristoteles aus der kleineren Gestalt der Frauen logischerweise schloß, daß Frauen weniger Zähne als Männer haben, oder daraus, daß sich alles bewegt, daß am Anfang ein unbewegter Beweger, ein Gott, stehen mußt, zeigt nur, daß auch dieser große Denker nicht vor Irrtümern gefeit war. Aristoteles lehrte auch, daß das Geschlecht eines Kindes von der vorherrschenden Windrichtung bei der Zeugung abhängt, daß innerirdische Winde Erdbeben erzeugen, daß im Vakuum keine Bewegung möglich ist, da da ein unbewegter Beweger nicht ankommen kann, außerdem behauptete er, daß schwere Objekte schneller fallen als leichte, was ja Galilei durch seine Experimente widerlegte, und erfüllte den Wunsch aller und ließ das Univerum um uns kreisen. Wer möchte nicht, daß sich alles um ihn dreht! Aristoteles glaubte auch, daß das Herz zum Denken dasei, und daß das Gehirn das Blut kühle, wo doch in Wirklichkeit das Gehirn dazu beiträgt, daß wir uns erhitzen. Tja, wir haben alle unser Fachwissen und unser Unwissen, selbst Aristoteles war da keine Ausnahme. Ausnahmen gibt es nicht, und deshalb sollten wir Menschen auch nie einem Menschen uneingeschränkt Glauben schenken. So etwas wäre nämlich Dummheit. Ein anderer Irrtum Aristoteles war übrigens, den Menschen als ein gemeinschaftsbildendes Lebewesen, das sein Wollen und Denken für die Gemeinschaft und ihre gemeinsamen Ziel einsetzt, hochzuschätzen, dabei ist es doch gerade das größte Problem der Menschen, daß sie eine Hundementalität haben. Aristoteles hielt auch die Sklaverei für ein natürliches Recht. In Wirklichkeit ist Sklaverei natürlich nur ein natürliches Unrecht. Aber denkt nicht schlecht von Aristoteles. Wer immer eine Meinung hat, begibt sich in Gefahr, und wer behauptet, er wisse etwas, macht sich lächerlich. Wissen ist immer etwas Ungewisses. Nur eins ist gewiß: Dummheit. Dummheit ist überall, aber am meisten da, wo Religiosität und Frömmigkeit herrscht. Freilich, die Frommen geben zu, daß sie nichts wissen, sondern nur glauben. Und es ist dumm genug, den Ablauf seines Lebens von einer so fragwürdigen Sache bestimmen zu lassen, und dumm, wenn die, die es nicht tun, das Opfer eines dummen Menschen bewundern, es ist dumm, sich zum Sklaven der Dummheit zu machen, sei es als Staatsbürger, Stimmvieh, Rindvieh, Hornvieh oder Kanonenfutter. Wenn ihr Intelligenz sucht, sucht sie nicht bei anderen, sucht sie bei euch selbst, sonst drängt ihr euch zu dicht an den vermeintlich Intelligenten, und Aristoteles hat recht mit seiner Behauptung von der Natürlichkeit der Sklaverei, weil ihr euch freiwillig dem bewunderten Schlaumeier unterwerft und zum Widerkäuer, Handlanger, Speichellecker, zum Sklaven verkommt. Dummheit ist überall und auch ihr seid nicht frei davon und oft ist es gerade das Dümmste, das am längsten überlebt, ein Jude, der zur Ursache für Judenmorde wird, ein Paulus, der Jesus nie kannte, aber seine Lehre besser kennt als Petrus, ja, sogar besser als Christus selbst, Jesus heilte Frauen, die Kirche verbrennt sie, die Frauenverbrenner und - etwas aktueller - Feinde der Syphilisbehandlung wollen ungeborenes Leben schützen und begehen so neue Frauenmorde, aber nennen sich selbst im Schutz der allgemeinen Dummheit Experten der Menschlichkeit, es gab Gegner der Todesstrafe, die nicht genug aufs Schafott schicken konnten, Kriege zur Befreiung der Sklaven, die keine Sklaven befreiten, Freiheitskriege, die keine Freiheit brachten, proletarische Revolutionen, die das Proletariat nur noch mehr versklavten, Lügen von Freiheiten und Rechten aus dem Mund von Leuten, die das Gegenteil wollten und verwirklichten, und alles nur, weil die Dummheit es ermöglichte, daß die Widersprüche nicht gesehen, verstanden und aufgedeckt wurden, und auch heutzutage gibt es noch zuviel Herdenvieh, daß sich frei nennt, aber nicht einen einzigen Gedanken selbst denken kann."
Jemand flüsterte: "Der hält sich für schlau."
"Ich habe mich über die menschliche Dummheit lustig gemacht. Jetzt möchte ich noch für die, die zu dumm sind, zu sehen, daß ich nicht zu dumm bin, mir meiner eigenen Dummheit bewußt zu sein, versichern, daß ich nicht zu dumm bin, meine eigene Dummheit nicht zu sehen. Ja, auch ich bin dumm. Wir haben also eine gemeinsame Aufgabe, nämlich die Dummheit zu überwinden."
So sprach Adjuna nicht nur zu den Anwesenden, sondern auch zu einer eventuellen Nachwelt, denn wenn man den Mund aufmacht, kann man nie sicher sein, ob nicht die Nachwelt einen aufs hohe Podest stellt, oder gar aufs Höchste. Ein paar gute Ratschläge, ein bißchen Verdammnis und schon ist es passiert. Adjuna fürchtete sich davor. Er wollte nicht aus großer Menschenferne heraus verfluchen und segnen, denn er wußte um die Gefahr von Religionen. Er war Mensch geworden, ganz Mensch, mit all seinen Dummheiten und Mängeln. Und als Mensch hatte er nur eine Möglichkeit, seine Mängel zu überwinden, da half kein Beten, Knierutschen oder Glaube, da gab es nur eins, Arbeiten, Sich-Anstrengen-und-Mühe-Geben, Lernen, Denken, Kopfgebrauchen. Die Hoffnung, daß einem ein Gott seine braune Masse unter die Schädeldecke drückt und man dann omnipotent und omniscient wird, besteht nicht. Es ist Traum-Stopp-Zeit."
Nimm den Leuten ihre Träume und sie töten dich! "Kreuzigt ihn!" Hat man je daran gedacht, daß Jesu Schlottern und Nicht-die-Zähne-Auseinanderkriegen vor den Hohenpriestern und Schriftgelehrten so ernüchternd wirkte, daß die Leute ihren Traum zerstört sahen und böse wurden? Damals hatte Jesus den Traum selbst den Leuten in den Kopf gesetzt. Adjunas Publikum hatte den Traum schon im Kopf, genau genommen viele Träume, nicht nur von der eigenen Intelligenz und Besserwisserei, vom rationalen Ablauf der Welt, dem Sieg der Vernunft und Gerechtigkeit, Fortschritt und Demokratie, sondern auch immer noch oder mal wieder den alten Traum, den Jesus phantasiert hatte.
Die Touristen, die eigentlich hierher gekommen waren, um etwas Erbauliches zu hören, fühlten sich sehr pikiert, denn wenn sie ihn richtig verstanden hatten, hatte er ihnen doch Dummheit und Träumereien vorgeworfen. Daß er selbst dumm war und träumte, mochte ja stimmen, aber sie doch nicht, sie hatte ihre Augen offen, und was wahr war, hatte man ihnen schon zur kleinsten Kindheit beigebracht.
Tatsächlich, sie ähnelten jenen Zeitgenossen Darwins, die, als sie dessen Lehre von der Abstammung der Menschen vernahmen, sich am darwinschen Ohrhöcker kratzten, einen kleinen Moment überlegten, um dann aber um so bestimmter zu sagen, daß Darwin ja von den Affen abstammen mochte, sie aber nicht. Bei einigen freilich hatte die Behauptung von der Affenverwandtschaft der Menschen sofort primatische Primitivität freigesetzt, so daß Darwin damit rechnen mußte, gebissen zu werden.
Beim Primitiven ist die Primitivität nicht so schlimm. Schlimm wird sie erst beim Modernen Menschen, weil sie unseren Abgang zu einem allzu schmerzhaften Schritt und blutigen Gemetzel macht und nicht zu Psapphos erlösenden Sprung, der alle Krankheiten heilt.
Die Zuhörer waren zwar sehr ärgerlich geworden und hatten seiner Traum-Stopp-Zeit eine Rede-Stopp-Zeit entgegengestellt und ein Hör-auf-zu-Quatschen, aber es fehlte ihnen ein Primarius als Aufhetzer und sie forderten deshalb nicht seinen Tod. Es war auch gar kein römischer Statthalter da, der leichtfertig dem Pöbel seine Mordwünsche hätte erfüllen können. Übrigens auch Pontius Pilatus starb - einen Freitod, nicht, weil er Jesus auf dem Gewissen hatte, nein, den hatte er schon fünf Minuten später wieder vergessen, wenn der überhaupt je existiert hatte, sondern weil ihm die grausamen Hinrichtungen nicht mehr so recht Spaß machten und er fühlte, daß er alt geworden war und sowieso nicht mehr viel zu erwarten hatte. Ja, die Römer wußten, was das Leben wert war, wenn die Leiden die Freuden überwogen. Nämlich nichts.
Adjuna und seine Freunde waren froh, als sie die böse gewordene Menschenmenge hinter sich gelassen hatten.
Als sie ein paar Tage später endlich einen Platz auf dem Fährschiff hatten, waren sie immer noch froh, diesmal, weil es endlich nach Hause ging. Das heißt, Adjuna und Luz war es als alten Herumtreibern eigentlich ziemlich egal, wo sie waren. Sie empfanden nur wenig für die Elbmetropole. Adjuna, der das Extreme liebte, bemängelte plötzlich, als es nach Hause gehen sollte, daß es in Hamburg weder zu heiß noch zu kalt sei, sondern nur überall mittelmäßig. "Die Stadt ist nicht hyperboräisch, kein Eiswind weht durch die Köpfe der Hamburger und räumt mit Überkommenem auf, sondern nur eisige Grimassen mißtrauen allem Fremden." "Ja, wenn man in der Kneipe jemanden anspricht, weil es allein doch zu langweilig ist, dann kriegt man zur Antwort nur ein unfreundliches Kennen-wir-uns?, und wenn man einem Kollegen die Duz-Freundschaft anbietet, erregt der sich und fragt zurück: Haben wir zusammen Schweine gehütet?"
Während Adjuna noch von Luz unterstützt seine Wahlheimat verfluchte, nach Rom und der mystischen Stadt am Meer, in der er mal Konsul war, die dritte Stadt, die ihm in diesem Leben ein Zuhause gegeben hatte, fingen die drei Hamburger mit den exotischen Namen an zu singen, von Hamborger Aalsuppe, vom Hamborger Veermaster und vom Hamborger Jung und d' Pinneberger Deern, dann besangen sie noch den Michel von Hamburg und die Reeperbahn bei Nacht. Alles Lieder, die sie in Hamburg nie gesungen hätten. Als sie dann auch noch den Schweinetango anstimmten "Da wackelt so manches Kilo Fett" und den
Wattenmarsch, ein Eingeborenen-Gestammel, bei dem "die Füße immer
pitschi-patsch" machten, fingen Adjuna und Luz an, sich um die geistige Gesundheit ihrer heimwehkranken Freunde zu sorgen. Wie konnte sich nur jemand, der sich Orpheus nannte, für so etwas Niedriges hergeben! Luz und Adjuna standen an der Reling und schüttelten die Köpfe. Sie schämten sich, daß ihre Freunde so laut waren.
Statt verlegen daneben zu stehen, gingen die Beiden lieber die Promenade entlang und den Niedergang runter ein Deck tiefer. Bloß nicht dazu gehören!
Das Fährschiff legte endlich von der Kaimauer ab und die drei Hamburger sangen zur Freude der anderen Fahrgäste endlich mal was Schöneres, nämlich das Seemannslied "Zwei weiße Möwen". Da kam eine Taube angeflogen und setzte sich vor Adjuna auf den Handlauf des Schanzkleides. Sie trug ein Lorbeerblatt im Schnabel und reichte es Adjuna. "Na, was hat das denn zu bedeuten?"
Adjuna nahm das Blatt und sah, daß etwas darauf geschrieben stand, und zwar:
Dein Same wird zum Gift,
was er auch trifft,
doch willst du beenden die großen Plagen
zu der Welten letzten Tagen,
wirst du versagen.
Adjuna erriet den Absender sofort. Die Taube war Artemis heiliger Vogel, selbst in der Neuzeit sah man in ihr noch etwas Heiliges, ein Gott-Geist-Emblem, und auch der Lorbeer war der Artemis heilig, sie schrieb schon in der Antike ihre Orakelsprüche darauf.
Luz, der alles mit gelesen hatte, meinte: "Was für ein schrecklicher Flucht! Hast du keine Angst?" "Bah, die Göttin hat das falsche Papier gewählt. Weißt du nicht, daß der Lorbeer der heilige Baum der Dichter und Propheten ist? Ich aber sage dir..." Und Adjuna nahm einen Füllfederhalter aus seiner Westentasche und schrieb auf die Rückseite des Lorbeerblattes, während er sprach, "dichten und prophezeien, wo ist da der Unterschied? prophezeien und lügen, wo ist da der Unterschied? lügen und dichten, wo ist da der Unterschied?" Er schrieb das natürlich nicht alles aus, sondern zweimal bloß "dito". Dann gab er das Lorbeerblatt der Taube zurück und scheuchte sie weg. Nachdem er so alle Dichter, Lügner und Propheten nicht nur in einen Topf geworfen hatte, sondern wie er meinte, auch in die Pfanne gehauen, fühlte er sich wohler.
Auf dem Schiff hatten die fünf Freunde nur eine Doppelbettkabine reserviert. Drei von ihnen hatten billige Deckskarten. Bei dem schönen Wetter war das Übernachten unter freiem Himmel kein Problem. Beim Übernachten an Deck gab es jedoch ein anderes Problem, an dem der freie Himmel keine Schuld hatte, wohl aber die unfreie Sexualmoral der Zeitgenossen: Die Freunde konnten biblisch ausgedrückt ihre Frau Aurora nicht erkennen, also nicht intim mit ihr verkehren. Und deshalb hatten sie eine Doppelkabine gebucht für Aurora, die sie dann dort hintereinander für ein paar Stunden besuchen wollten. Die Reihenfolge wurde ausgeknobelt. Stein, Schere und Papier. Adjuna war erster geworden.
Das war gut, denn er konnte kaum noch warten. Tagelang hatte Aurora nämlich an allen herumgenörgelt und keinen zu sich gelassen, erst jetzt in freudiger Erwartung auf Hamburg war sie wieder bereit, sich hinzugeben oder her-.
Sie war schon ausgezogen, als Adjuna eintrat, und half ihm sofort, sich auch auszuziehen. Sie war offensichtlich selbst ausgehungert. Ihr gieriges Vorspiel schloß ein kräftiges Fellatio mit ein. Das war zuviel für Adjuna. Ihre zarten Fingerspitzen bemerkten das Pulsieren sofort, und sie hielt sein Ding schnell zur Seite, daß es an ihr vorbeisprudelte. Sie lutschte zwar gern auf den Dingern, aber Samen im Mund oder gar runterschlucken war nicht nach ihrem Geschmack.
"Du bist noch nicht mal im Bett und hast schon einen Abgang, was ist denn los mit dir?" "Oh, tut mir leid. Eine kleine Verschnaufpause. Dann machen wir weiter."
"Oh, du Schlingel, in fünf Minuten bist du schon fertig", schimpfte sie verspielt, während sie Adjuna aufs Bett schubste und auf ihn sprang. Wild rieb sie ihr feuchtes Fötzchen an seinem Körper. Adjuna versuchte ein bißchen hilflos, sie abzuwehren. Er brauchte wirklich ein wenig Ruhe, wenn er noch mal kommen sollte.
Vielleicht konnte man sie in ein anregendes Gespräch verwickeln. "Erzähl mal, wie war es mit Zeus Soter?" "Es war himmlich. Er war so unwirklich", flötete sie.
Bums, setzte sie sich auf sein Gesicht und drückte ihm lachend ihre Schamlippen wie einen Stempel auf die Nase. Puh, er bekam keine Luft. Er zwängte seinen Kopf höher und schnappte nach den Lippen, damit sie endlich Ruhe gab. Als er den gewürzigen Geschmack ihrer Pibacken auf der Zunge spürte, mußte er unwillkürlich überlegen, wann sie denn das letzte Mal gebadet hatte. Da es am gleichen Morgen gewesen war, staunte er, wie schnell so etwas doch nicht mehr sauber schmeckte. Aurora liebte sein Saugen und Kauen ganz außerordentlich, besonders mochte sie es, wenn ihre Schamlippen so richtig in seinem Mund waren, ein bißchen eingeklemmt von seinen Zähnen, so daß sie Angst haben mußte, er würde sie abbeißen, was er ihr zu Liebe auch immer wieder andeutete. Sie war begeistert, es sprudelte aus ihr hervor wie aus einer Fontäne. Adjuna liebte diesen Liebessaft etwa genauso viel, wie Aurora seine Samen liebte. Sein Bart war schon ganz naß. Seine Gedanken wanderten ab. Er erinnerte sich daran, wie er einmal bei feuchtkalter Witterung durch Moor- und Heidelandschaft gewandert war und sein Bart von der Atemluft, die kondensiert war, genauso feucht geworden war. Vorsichtig schob er die Finger hoch, um Auroras Muschi damit weiterzumassieren, dabei atmete er kräftig in ihre Richtung, um bei ihr die Illusion eines oral-genitalen Kontaktes zu erhalten. "Heute mache ich euch alle mit dem Mund fertig", keuchte Aurora. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie oral-genital lieber mochte als genital-genital. In einer Frauenzeitschrift hatte sie mal eine Statistik gesehen, nach der nur ein Drittel der Liebespaare orale Befriedigung praktizierte, und daß einige das zwar gern auf Bildern sahen, aber nicht nachmachten. Sie konnte es nicht glauben, daß sich so viele Leute solch einen Spaß entgehen ließen. Nach meiner Statistik, scherzte sie immer, liebt jeder so etwas: ...und ich kenne viele Männer, aber keinen, der sich nicht über Mund-Schwanz-Besaugung freut. Sie wollte alle besaugen. Besaugen und besaugen lassen, das war keine Frage.
Das feuchte Geschlechtsteil, das Adjuna entgegen gestreckt wurde, fing an, ihn anzuekeln. Jetzt hatte sie auch noch seinen schlappen Schwanz in den Mund genommen. Er war immer noch weich und klein und rollte in ihrem Mund hin und her. Ab und zu zog sie daran, als ob sie ihn länger ziehen wollte. Er mußte an ein Vögelchen denken, das versuchte, einen Wurm aus seinem Erdloch zu ziehen. Das wird heute nichts mehr, dachte er schuldbewußt, ich bin einfach nicht in der richtigen Stimmung.
Plötzlich hielt er inne. "Sei mal ruhig!" "Was ist denn los?" "Ruhe!" Beide setzten sich auf und lauschten. Stille. Nur das Plätschern der Wellen. Aurora flüsterte leise: "Was ist denn?" "Die Wasserwaage in meinen Ohren sagt mir, daß etwas schief steht", flüsterte Adjuna zurück. Dann warf er ihr ihre Kleidung hin, "das Schiff!", er ergriff seine eigene Hose und packte Aurora beim Arm und zog sie nackt in den Gang und rannte mit ihr die Treppen hoch. Jetzt hatte es auch Aurora gemerkt, daß sich das Schiff zur Seite neigte. Einen Moment später ertönten Sirenen. Andere Leute stürzten in die Gänge, und sie waren nicht mehr die einzigen, die nackt waren.
Aurora stolperte hinter Adjuna her, als hätte sie keinen eigenen Willen zu laufen, sie schrie immer nur: "Scheiße, Scheiße", und "Wären wir doch zu Hause geblieben!" Es war schlimm. Eine Panik war ausgebrochen. Leute waren hingefallen, andere darüber gestolpert und wieder andere über die, und alle, die lagen, versuchten zum Ausgang zu robben oder wieder aufzustehen. Es war nicht möglich, die verzweifelt Zappelnden zu überschreiten, man mußte auf sie drauf treten.
Als sie endlich an Deck ankamen, hatte das Schiff schon beträchtlich Schlagseite. Man konnte kaum noch stehen. Die Deckpassagiere hatten sich schon in die Rettungsboote gerettet und warteten jetzt in sicherem Abstand vom Schiff auf die anderen: "Kommt! Kommt doch!" Doch das war tief. Einige ältere Leute, die nicht wußten, wie hart Wasser sein konnte, wenn man vom zehnten Stock drauf sprang, trieben jetzt unten im Wasser mit verrenkten Gliedern, wahrscheinlich bewußtlos oder gar tot.
Adjuna zeigte den Leuten dann, wie sie an den Manntauen, die von den Davits der Rettungsbootaufhängung herunterhingen, am besten runterklettern konnten. Er selbst kletterte vor mit Aurora auf dem Rücken. Als ihm einige, die ihnen nachklettern wollten, auf den Kopf fielen, tat es ihm leid, daß er extra die Leute zusammengerufen hatte, damit sie ihm nachtaten.
Das Rettungsboot, in dem Luz, Orpheus und der Bunte saßen, kam näher, um Aurora und Adjuna, und wer sonst noch Hilfe brauchte, an Bord zu nehmen. Dann beobachteten sie, wie das Schiff langsam versank.
Der Seenotrettungsdienst arbeitete vorbildlich, mit Hubschraubern und Suchfahrzeugen wurden auch die letzten Überlebenden ausfindig gemacht und aus dem Wasser gefischt.
Wer verwundet war oder zuviel Wasser geschluckt hatte, kam in Brindisi ins Krankenhaus. Die Gesunden wurden in Hotels oder bei Privat untergebracht, bevor sie ihre Reise mit der Bahn fortsetzen konnten.
Allen erschienen, als sie die weißen Bettlaken ans Kinn zogen, die schrecklichen Ereignisse auf dem nächtlichen Meer wie ein böser Traum, so unwirklich. Oder war die Erlösung das Unwirkliche? Doch, man war gerettet.
Und in wenigen Tagen, wenn man wieder zu Hause war, würde der Alltag einen wieder haben, und man würde vor seinen Freunden, damit prahlen, was man alles durchgemacht hatte. Ja, wenn sonst nichts Aufregendes im Leben passierte, würde man sein ganzes Leben davon erzählen, es immer besser ausschmücken, seine eigene Geistesgegenwart angesichts der Panik immer mehr betonen usw. Ein kleiner Dichter steckte ja in jedem.
Usw. Happy End.
Das Seeschiffahrtsamt konnte übrigens nie
feststellen, warum die Fähre unterging. Nur Adjuna drängte sich
natürlich eine Lösung zu diesem Rätsel auf: Sollte es
vielleicht doch sein, da mein Same...?
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