Wieder in Hamburg, oder endlich wieder in Hamburg, wie die drei Hamburger es nannten.
Das kleine Auto, das so wunderbar den Sturz von der Landstraße überlebt hatte, war natürlich in der Adria mit dem Schiff zusammen ertrunken.
Um ein Auto ärmer, aber um viele Erfahrungen reicher, so kamen sie zurück und ziemlich erschöpft. Sie stampften die Treppe hoch zu ihrer Wohnung und endlich standen sie vor ihrer Wohnungstür.
"Welcher Idiot hat denn vergessen, das Radio auszumachen?" Das war natürlich Aurora, die so schimpfte, als sie Musik aus der Wohnung kommen hörte.
Der Bunte beeilte sich mit dem Schlüssel. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn er war es, der meistens Radio hörte. "Verdammt, es geht nicht auf." "Gib mal her." Aurora entriß ihm den Schlüssel und fummelte damit nervös im Schloß rum. "Wenn du damit so im Schloß rumstocherst, geht es natürlich nicht auf", hatte Orpheus jetzt einzuwenden. Aurora versuchte ruhiger zu sein. Aber es gelang ihr immer noch nicht. "Da. Versuch du es mal!" Sie gab Orpheus den Schlüssel. Orpheus versuchte es mit Schwung und ruckartig, dann mit Kraft. "Paß auf, daß du ihn nicht abbrichst!" ermahnte Luz den Freund, "rohe Gewalt schafft meistens nur Bruch. So was muß man mit Gefühl machen."
Als Luz den Schlüssel hatte, versuchte er es, wie gesagt, mit Gefühl. "Der Schlüssel paßt nicht", stellte er zur Verwunderung der Freunde fest, "versuchen wir es doch mal mit Klingeln."
Er klingelte. Tatsächlich, das war das Sesam-öffne-dich. Die Tür wurde geöffnet. Ein verkommener Typ, fettige Haare, unreine Haut, gelbe Finger, guckte sie ganz dumm an. "Was wollt ihr?" "Das ist unsere Wohnung", sagte Luz und wollte reingehen. Schubs. Da waren noch andere Typen und die stießen ihn zurück. "Quatsch. Das ist unsere Wohnung, die stand leer. Wir haben sie instandbesetzt." Die Tür war wieder zu.
"Adjuna, warum hast du uns nicht geholfen? Du bist der stärkste. Niemand kann dich besiegen." "Entschuldigt, aber ihr standet davor. Wißt ihr was? Das ist ein Fall für die Polizei. Die kann auch mal was für uns tun."
Von der nächsten Telefonzelle aus, meldeten sie der Polizei die Wohnungsbesetzung. Und fünf Minuten später hörten sie Sirenengewirr wie bei einem Großbrand. Wohl zwölf vollbesetzte Polizeibusse mit je zwei bis vier Blaulichtern auf dem Dach sowie zwei Leiterwagen der Feuerwehr kreisten das Eckhaus halb ein. Lautsprecher forderten die Hausbesetzer zur friedlichen Räumung der Wohnung auf, sonst werde man sie mit Tränengas ausräuchern.
"Mensch, die Wohnung stinkt ja schon genug von den Raucherschweinen, die da drin sind. Komm, wir müssen unbedingt mit den Beamten reden."
Adjuna wollte diesmal den Wortführer machen. Er ging zu einem Beamten, der das Kommando zu führen schien, und stieß ihn am Arm an, um seine Aufmerksamkeit zu erwecken: "Wegen der Wohnungsbesetzung..." "Ah, gebt ihr schon auf. Nah, dann kommt mal mit auf die Wache." "Das ist doch unsere Wohnung." "Ja, das bildet ihr euch immer ein, wenn ihr die Wände vollgeschmiert habt und ein paar Sachen vom Sperrmüll reingestellt habt, daß das dann eure Wohnung ist. Nee, nee, kommt mal mit."
Adjuna bemerkte jetzt das Mißverständnis. Der Beamte schien ein ganz bestimmtes Feindbild zu haben, und dazu schienen sie auch zu gehören. Adjuna konnte auch nicht wissen, was für Erfahrungen der Beamte schon zum Thema Hausbesetzung gemacht hatte. Häuser und Wohnungen zu besetzen, war nämlich gerade Mode, einige behaupteten auch, es sei eine Notwendigkeit. Wenn man nicht bereit war, Miete zu zahlen, war es sicher eine Notwendigkeit. Hausbesetzer werden dagegen einwenden, daß die Mieten zu hoch seien, und daß billige Wohnungen zu klein und schlecht seien, und daß sie nicht gern weiter mit ihren Eltern zusammenleben möchten oder zu dritt in einem Zimmer usw. Die wären ja dumm, wenn sie keine Ausrede hätten. So was gibt's doch für alles.
"Wir haben sie angerufen. Das ist unsere Wohnung und jetzt sind da andere Leute drin, denen die Wohnung nicht gehört. Gehen Sie bitte an die Tür und sagen Sie ihnen, daß sie die Wohnung räumen sollen, sonst holen Sie sie daraus. Aber werfen Sie bitte keine Bomben, wir wollen die Wohnung nämlich noch benutzten." Der Beamte schien jetzt verärgert zu sein: "Können Sie das nicht mit ihren Kollegen da oben selbst ausmachen?"
"Das sind nicht unsere Kollegen. Wir kennen die überhaupt nicht." "Die sehen doch genauso aus wie ihr, so langhaarig." "Na und?" regte sich Aurora auf, "Sie haben genauso'n Haarschnitt wie die von der SS." "Na na, nun werden Sie mal nicht frech." "Na, komm, Adjuna", meinte Luz beschwichtigend, "wir schmeißen sie selbst raus. Der Mann hier hat kein Pflichtbewußtsein." Aber jetzt drängelte sich der Beamte doch auf: "Ich mach' das schon. Zeigen Sie mir mal die Wohnungstür", knurrte er.
Die Freunde gingen mit dem Kommissar, der noch einige junge Beamte mit Schutzhelm und Schutzschild zusammengepfiffen hatte, wieder die Treppe hoch zu ihrer Wohnung. "Aufmachen!" brüllte er eindrucksvoll, dabei klopfte er so kräftig an die Tür, die Klingel hatte er wohl übersehen, daß man befürchten mußte, die Tür spränge gleich so auf. Zaghaft öffnete sich die Tür einen Spalt. Bums. Ein kräftiger Stoß des Einsatzleiters und die Tür war ganz auf und der schmächtige Junge, der sie geöffnet hatte, lag am Boden. Das nächste Mal weiß er, daß man für die Polizei die Tür sperrweit aufmachen muß.
Alle stürmten in die Wohnung. Etwa ein Dutzend junge Leute hatten die Wohnung der Freunde in einen Rauchsalon verwandelt und Adjuna hielt sich ein Taschentuch vor den Mund. An den Parolen, die sie an die Wände geschmiert hatten, konnte man erkennen, daß es sich bei ihnen um Weltverbesserer handelte: "Die bürgerliche Demokratie ist nichts anderes als die kapitalistische Diktatur." "Lang lebe die soziale Revolution!" "Wollt Ihr die totale Revolution, wenn möglich totaler und radikaler als Ihr Euch sie überhaupt vorstellen könnt?" "Erschlage ich den nächstbesten Bürger, so treffe ich keinen Unschuldigen. Proudhon 1774" "Zeitweilige Verbesserungen im Leben kleiner Gruppen von Menschen helfen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur, den konservativen Geist intakt zu halten. Kropotkin, 1873" "Permanente Revolte durch das gesprochene und geschriebene Wort, durch Dolch, Gewehr, Dynamit... Uns ist alles recht, was sich außerhalb der Legalität bewegt. `Le Revolt' Dez. 1880" "Macht kaputt, was Euch kaputt macht." "Arbeit ist Verrat am Proletariat" "Ist der Ruf erst ruiniert, lebst du frei und ungeniert." "Lieber instandbesetzen als kaputt rumsitzen." "Lieber krank feiern, als gesund arbeiten." "Moral ist nur eine Schwäche des Gehirns." "Stoppt die Überbevölkerung, werdet schwul!" "Wenn es euch schon nicht gelang, eure Mütter zu vergewaltigen, dann erschlagt wenigstens eure Väter!" Da mußte neu tapeziert werden.
Aber bei den Instandbesetzern schien es sich nicht nur um Weltverbesserer zu handeln, sondern auch um Umweltverbesserer, wie eine andere Wand verriet. "Freie Republik Wendland", "Atomenergie - nein danke!" und "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann." Zigaretten auch nicht. Obwohl Orpheus, der wegen seiner schönen Stimme Luftverschmutzung am meisten fürchtete und haßte, immer behauptete, man solle die Raucher mit ihren Zigaretten zwangsernähren, das sei die sauberste Lösung, die Welt von Rauchern und Zigaretten zu befreien. Auch jetzt schimpfte Orpheus: "Nicht rauchen, fressen, ihr müßt den Dreck fressen!"
Aurora zum Bunten: "Mach doch mal die Fenster auf! Man kriegt ja hier gar keine Luft mehr." Und der Bunte machte sich daran zu lüften.
Der Kommissar zu Adjuna: "Nah, sonst alles in Ordnung? Fehlt nichts?" "Das kann ich noch nicht sagen. Es scheint, daß ein paar alte Stühle und Kisten hinzugekommen sind." Beim Inspezieren der Wohnung wunderte Adjuna sich über die vielen Schallplatten, die herumlagen. So viele hatten sie doch gar nicht. Er wollte eine in die Hand nehmen. "Faß die nicht an! Die gehören mir!" schrie da einer der Besetzer.
Der Kommissar erklärte jetzt weiter: "Wir nehmen die mal alle mit aufs Revier. Und wenn Sie hier aufgeräumt haben und wissen, was fehlt, und was zu viel da ist, dann kommen Sie doch bitte auch, damit wir ein Protokoll aufnehmen können. Sie wollen doch einen Strafantrag wegen Hausfriedensbruch stellen, oder?" "Tja, am einfachsten wäre es ja, wenn wir selbst die Typen kräftig durchprügelten, aber dann hätten wir ja wohl 'ne Anzeige am Hals, also bleibt wohl nichts anderes als der Umweg über Polizei und Gericht. 'ne lästige Angelegenheit! Wieviel kriegt man denn für Hausfriedensbruch?" "Och, 'ne Geldstrafe, Gefängnis höchstens bis zu einem Jahr. Die Richter und auch die Gesellschaft zeigen immer mehr Verständnis für Hausbesetzer. Allerdings haben die bisher auch nur Häuser besetzt, die richtig leerstanden, und nicht, wo die Leute bloß in Urlaub waren." "Aber auch leerstehende Häuser haben doch einen rechtmäßigen Besitzer, oder?" "Einen Eigentümer? Ja, natürlich. Aber etwas zu besitzen, Eigentum also, das ist es, was die Leute so ärgert." "Sie meinen, die Leute, die selbst alles verschwenden und deshalb nichts haben. Sehen Sie, was hier verqualmt und versoffen wurde." Adjuna zeigte auf die vollen Aschenbecher und die leeren Wein- und Schnapsflaschen, die auf dem Boden standen.
"Übrings", sagte der Beamte,
"heute abend gibt es eine Sendung über Hausbesetzungen. Sie
haben doch da einen Fernseher. Wenn der noch funktioniert,
sollten Sie sich das mal ansehen. Vielleicht zeigen die auch ein
Interview mit mir, und wie unsere Leute von Hausbesetzern mit
Molotow-Cocktails beworfen wurden." "Das schaue ich mir
natürlich an", versprach Adjuna. "Ja, das hört sich
spannend an", meinte Aurora spitz. Sie fand es gar nicht
gut, daß Adjuna sich mit dem Beamten anfreundete, schließlich
war sie mal Prostituierte gewesen, und die Polypen hatten sie und
Johnny oft genug schikaniert.
Fernsehabend
Die Medien sind eine Gabe Gottes, hatte der Papst einmal gesagt1, ignorant der Tatsache, daß die Glotze eine Erfindung der Menschen ist, also einem Gotte nicht unähnlich.
1 vgl. Kathpress, Tagesdienst der österreichischen katholischen Presseagentur, Wien, 25. Jänner 1991, Seite 8.
Aus dieser Gabe Gottes läßt sich übrigens ganz leicht ein Teufelswerk machen, indem man der Kirche den Zugang zu den Medien versperrt, und statt dessen Kirchenkritiker und Atheisten zu Wort kommen läßt. Man könnte auch noch Krimis und Kriegsfilme durch eindeutige Liebesszenen ersetzen.
Man versuche, sich das einmal vorzustellen: Die Schwarzröcke wollen ihre Hetzkampange starten, aber man nimmt ihnen die menschlichen Erfindungen wie Mikrophon und Kamera weg. Die würden sich ja schwarz ärgern, wenn sie nicht schon so schwarz wären. Und glaubt mir, kein Gott würde ihnen eine neue Anlage schenken. Ob sie dann nach alter Art die elektronischen Medien in effigie auf dem Marktplatz verbrennen werden?
Aber wir wollten uns ja nicht das Wort zum Sonntag ansehen.
Die Sendung über Hausbesetzungen war dann eine große Enttäuschung. Das erwartete Interview mit dem Kommissar fiel aus, Molotow-Cocktails wurden auch nicht gezeigt, Hausbesitzer wurden auch nicht befragt, statt dessen gab es jede Menge Interviews mit Hausbesetzern. Warum gab man nur ihnen Gelegenheit, bei der Öffentlichkeit um Sympathie zu werben? War der Gerechtigkeitssinn der Bevölkerung schon so verkommen, daß sie nicht mehr wußte, was Eigentum war, nämlich, das Ehrlich-Erworbene, und was gestohlen war? Wollte sich das Fernsehen bei der Bevölkerung anbiedern, oder wußten die vom Fernsehen das selbst nicht besser?
"Wie der da redet von all der Arbeit, die er in die Wohnung investiert hat! Und wie er sich beklagt wegen all der Angst, die er haben mußt, daß die Polizei die Wohnung räumt!" "Ja, und selbst seine Mutti ist auf seiner Seite!" Die Mutter hatte gerade gesagt: "Ich habe Vertrauen zu meinem Sohn. Ich weiß, daß er nichts Unrechtes tut."
"Und die blöde Reporterin erst. Statt ihn mal zu fragen, ob er auch Kaufhausdiebstähle begeht und Autos knackt, bedauert sie ihn!"
Die Hilflosigkeit brachte die Freunde in Rage. Man sagt, das Fernsehen macht passiv, schlimmer noch, es macht machtlos.
In den Nachrichten, die sich der Sendung anschlossen, mußten sie sich dann auch noch anhören, wie ein Sprecher seiner Heiligkeit, die gerade mal wieder irgendeinem Land mit hohem Analphabetenanteil einen Besuch abstattete, schmeichelte. Und dann sahen sie's alle. Das Prunkmännchen kam die Gangway herunter, fiel auf die Knie und küßte den schmutzigen Asphalt des Flugplatzes.
"Igitt. Ein anderes Mal küßt er kleine Kinder!"
Der Alltag beginnt.
Zwar hatte man Adjuna mal prophezeit, daß er als Sohn seiner Zeit, was heißen sollte, als Naivling, in die Geschichte eingehen würde, aber er blieb seltsam unberührt vom Zeitgeist, wie man seiner neuen, skandalösen Flugschrift entnehmen konnte:
RASENBETRETEN VERBOTEN!
Man hat sich lange genug darüber lustig gemacht, daß in Deutschland die Revolution ausfällt, weil das Betreten des Rasens verboten ist. Mittlerweile wurden viele Fensterscheiben eingeworfen, Telefonzellen zerstört, Autos umgekippt und sogar Schlimmeres getan, nämlich Menschenleben beendet. Es wird also Zeit, daß man wieder lernt, die Rechte und das Eigentum des anderen zu respektieren, und ja, auch den Rasen nicht zu betreten, wenn der Eigentümer es nicht möchte.
Eine bessere Gesellschaft kann nur durch das Respektieren der Rechte des anderen entstehen, Mißachtung von Rechten führt nie zu einer Vermehrung des Glücks.
Doch was für Rechte hat der Mensch? Ich sage Euch: Er tat alle Rechte, nur nicht das Recht, anderen zu schaden.
Als die Monarchien abgeschafft wurden, setzte sich die Idee von der Gleichheit der Menschen durch, trotz aller Widrigkeiten, die sich aus der Wirklichkeit ergaben. Extreme Situationen schaffen extreme Reaktionen. Aber die Menschen sind nicht gleich. Alles, was man ihnen bieten kann - und sollte, sind gleiche Rechte.
Früher schrie der Pöbel Hurra, wenn er den Prunk seines Kaisers sah, heute schreit er Buh, wenn er den Wohlstand eines Menschen, der mehr hat als er selbst, sieht. Warum kann er sich nicht freuen, daß es seinem Mitmenschen gut geht, sondern muß so neidisch werden, daß ihm sogar die Freude am eigenen, kleinen Wohlstand vergeht?
Neid macht erfinderisch, Rache auch. Um die natürliche Ungleichheit zu beseitigen, nahm der Pöbel sich einen Verbrecher zum Vorbild: Robin Hood, und seit der Pöbel bestimmt, wer regiert, muß jede Regierung á la Robin Hood, den Reichen nehmen und den Armen geben. Das hat man mittlerweile zu solcher Perfektion gebracht, daß wer immer viele Überstunden macht, trotz aller Zuschläge letzten Endes pro Stunde weniger hat, als wenn er sich nach der normalen 8-Stunden-Schicht einen guten Abend gemacht hätte. Aber den Reichen nützt es nichts, daß sie auf Grund der progressiven Versteuerung einen wesentlich höheren Beitrag zum Gemeinwohl beitragen, solange sie noch ein paar Mark mehr haben, neidet es ihnen der Pöbel.
Der Pöbel ist unreif. Freiheit und Gerechtigkeit sind zu anstrengend, Vernunft erfordert Denken, da tut der Kopf weh. Der Pöbel möchte umhegt und gepflegt werden, er braucht soziale Einrichtungen von Vater Staat, selbst würde er sie nie finanzieren.
Wenn er zum Beispiel die Wahl hätte zwischen einer privaten Alters- und Krankenversicherung und der Befriedigung seines Konsumrausches, würde er das letztere wählen, aber das ist nicht seine Schuld, sagt er, Schuld hat der Konsumzwang. Das ist sowas, wie wenn man mich wegen meiner alten Jacke anpöbelt.
Ja, der Pöbel hat die Reife eines Babys und den Verstand einer Eintagsfliege. Das Problem ist bloß seine lange Lebensdauer. Es ist zu befürchten, daß er durchhält bis zum letzten Tag der Menschheit, der allerdings dank des Pöbels nicht lange auf sich warten lassen wird.
Aber selbst für seine großen Massenmorde will der Pöbel keine Verantwortung tragen, es waren immer andere, die ihn verführt haben, er hat bloß Hurra geschrien und mitgemacht.
Nun bringt der Pöbel auch jene hervor, die auf die schiefe Bahn geraten. (Als ob der Pöbel je auf der richtigen war!) Denen ist entweder ein Rübe-Ab oder Mitleid von Seiten der Hefekultur, der sie entstammen, gewiß. Selbst betteln sie natürlich nicht ums Rübe-Ab, obwohl es manchmal für alle Beteiligten das beste wäre, sondern um Mitleid und Verständnis. Die Gesellschaft hat schuld, die Eltern, die Schule, nur man selbst nicht. Aber es ist natürlich egal, wer schuld hat. Mitleid ist hier fehl am Platze, sondern es bedarf der nüchternen Überlegung: Wie kann die Gesellschaft geschützt werden?
Im Moment ist es so, daß der Straftäter durch seine Straftat für einige Zeit ausgesorgt hat, da er frei Kost und Logis bekommt, die Gesellschaft aber durch die Unterbringung des Verbrechers meist mehr geschädigt wird als durch die Straftat, da sie die Kosten tragen muß. Das ist natürlich eine unsinnige Situation, sinniger wäre, die Straftäter verdienten sich ihren Unterhalt, die Gefängnisse arbeiteten kostendenkend, auch wenn der Komfort leidet.
Schutz vor Verbrechern und Schutz vor äußeren Feinden sind Aufgaben des Staates, aber ist es nicht eine Schande, daß er bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen mitmischen will? Können wir nicht
das meiste viel besser selbst regeln? Wir brauchen einen Nachtwächter und keinen Großen Bruder, der alles sieht und überall eingreift. Ich sage Euch, die Menschen waren noch nie so unfrei wie heutzutage: Wo früher ein Nachtwächter diensttat, da terrorisieren uns heute Hundertschaften der Polizei. Wenn nicht soviel verboten wäre, brauchten wir sie nicht.
In einem Nachtwächterstaat, in dem die Leute aber endlich gelernt hätten, keine Nachtmützen, sondern freie Bürger zu sein, ließe es sich besser leben. Ein solcher Staat sollte langsam angestrebt werden, indem man den Bürgern langsam mehr Reife zu- und Freiheit anvertraut und die vielen unverständlichen Gesetzbücher langsam durch einige wenige vernünftige Regeln ersetzt. Leider gibt es in der gegenwärtigen Gesellschaft keine Tendenz in diese Richtung. Im Gegenteil der Bürger wird immer mehr entmündigt. Der Weg in die Freiheit wäre der würdigere Weg. Alles liegt bei Euch. Ihr braucht nur zu schreien: Wir wollen Freiheit, wir wollen nicht mehr unmündig sein, wir wollen kein Pöbel mehr sein! Ihr seid viele. Eure Stimme kann man nicht überhören.
Adjuna verteilte sein Flugblatt und sprach engagiert von seiner Vorstellung vom Staat. Er suchte den Gedankenaustausch und hörte viele Gegenstimmen, was wegen der Neuheit seiner Idee nicht ungewöhnlich war. Aber es gab auch Leute, die seine Vorstellungen vom Staat richtig fanden. Jemand wollte noch einmal auf die Steuern eingehen: "Du meinst also, es wäre gerechter, wenn jeder - egal ob arm oder reich - zum Beispiel 10 Prozent seines Einkommens als Steuer bezahlte." Und er fügte noch schnell hinzu: "Das fände ich auch besser."
Adjuna: "Es wäre gerechter als das jetzige System, aber noch nicht gerecht. Ich weiß nicht, wie ich es rechtfertigen soll, daß einer mehr Steuern bezahlt als der andere, bloß weil er mehr verdient. Der Verdienst eines Menschen ist seine Privatsache, entscheidend ist nur, daß er ein einzelner Mensch ist und als einzelner Mensch dem Staat angehört und seine Leistungen empfängt. Jeder sollte mit dem gleichen Betrag zum Staat beitragen, sagen wir mit hundert Mark, mehr ist von Übel, das meiste läßt sich privat und von Interessengruppen verwirklichen."
Ein Proletarier schmipfte: "Das ist unrecht. Die Kapitalisten mit ihren dicken Wagen fahren ja viel mehr kaputt."
Adjuna: "Die Kraftfahrzeugversicherung und einen Beitrag für Straßenbau und Verkehr würden auf den Benzinpreis aufgeschlagen werden. Das wäre das gerechteste, viel gerechter als das jetzige System, denn das Versicherungsrisiko sowie der Gebrauch von Straßen hängt von den gefahrenen Kilometern ab. Und das Gute an diesem System ist auch, daß die Autofahrer gleich beim Tanken merken, wie teuer ihnen das Fahren kommt und so hoffentlich weniger fahren. Autofahren ist ja ohnehin kriminell und kann im Stadtinneren wohl kaum geduldet werden. Solange die Abgase der Autos so giftig sind, kann man mit gutem Gewissen sagen: Die Autofahrer haben Menschenleben auf dem Gewissen. Statt beim nächsten Sexualmord mit dem Kopf zu schütteln, geziemt es sich für einen Autofahrer eher zu sagen: Ja, auch ich bin, als ich Befriedigung suchte, zum Mörder geworden. Denn als er sein Bedürfnis nach Bequemlichkeit befriedigte, vergiftete er die Luft, was unweigerlich einigen Leuten den Tod brachte. Auch wenn das Morden anonymer ist, das eine Opfer ist so tot wie das andere."
Ein anderer Fragesteller: "Du sprachst von Interessengruppen. Wie stellst du es dir vor, daß Interessengruppen Aufgaben des Staates übernehmen?"
"Interessengruppen oder privat. Fangen wir mit privat an. Wer zum Beispiel ein Kind bekommt, muß privat für die Kosten der Geburt aufkommen, ebenso wer eine Abtreibung haben möchte, muß sie privat bezahlen, wer krank ist, muß privat die Arztkosten tragen, wenn er sich nicht privat krankenversichert hat. Warum soll jemand, der seine letzten Tage nicht an Schläuchen hängen möchte und lieber durch eigene Hand rechtzeitig geht, gezwungen werden, eine solche Versicherung zu haben. Und es gibt ja auch solche Leute, die durchschaut haben, daß zum Arzt zu laufen und dort in dem mit Bazillen verseuchten Wartezimmer zu sitzen, genauso dumm ist wie in früher Zeit das gemeinsame Beten in der Kirche anläßlich Seuchen und anderer Heimsuchungen. Es gibt nur wenige Krankheiten, die ein Arzt wirklich heilen kann, man hat nur vergessen, daß der Körper die meisten Krankheiten selbst heilt, da jede Selbstheilung dem behandelnden Arzt gutgeschrieben wird. Oft braucht ein kranker Körper Ruhe mehr als Medizin, und einen anstrengenden Vormittag beim Arzt braucht er schon gar nicht. Manch ein heldenhafter Versuch der Chirurgie, einen von Krebs zerfressenen Körper noch zu retten, hat nur den Patienten gänzlich zerstört. Hätte er sich ohne Operation langsam dem Tod genähert, so wurde er durch die Operation nur schlagartig zum Krüppel gemacht.
Wenn die Leute Arzt- und Krankenhauskosten selbst tragen müßten, würden sie diese Institutionen nur in Anspruch nehmen, wenn es sinnvoll ist. Heutzutage wird da eine Unmenge Geld verschwendet. Weiter. Was alles ist Privatsache: Wer rauschgiftsüchtig ist und eine Entziehungskur machen möchte, muß privat dafür aufkommen. Wer Künstler ist, muß Kunst machen, die sich verkaufen läßt, oder einen Nebenberuf ausüben, aber darf nicht erwarten, daß der Staat sein Hobby subventioniert. Auch Bauern, Theater und viele andere Wirtschaftszweige müßten ohne Subventionen auskommen.
Eltern müssen die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren. Es ist ungerecht, daß Geld von ewigen Junggesellen und natürlich auch von ewigen Jungfrauen oder überhaupt von kinderlosen Leuten für Schulen verwendet werden. Wer sich Kinder anschafft, hat eine Verantwortung für diese Kinder, bis sie selbst Verantwortung für sich tragen können, und zu dieser Verantwortung gehört auch die Ausbildung. Dafür ist es nötig, daß sich die Eltern zusammentun und Schulen unterhalten, oder sie müssen ihre Kinder in Privatschulen schicken. Für Kinderspielplätze, Parks und Zoos und dergleichen bedarf es immer Initiativgruppen. Wer will, gibt eine Spende, wem es nicht am Herzen liegt, der läßt es bleiben."
"Und wer keine Spende gegeben hat, der darf nicht in den Park?" "So kleinlich sollte man nicht sein. Man läßt ja auch jetzt Leute, die wegen ihres geringen Einkommens keine Steuern zahlen, in den Park. Aber vielleicht könnten Parks auch durch Eintrittsgebühren erhalten werden."
"Um noch einmal auf die Steuern zu kommen", fing jemand an, der es vorhin versäumt hatte, zu dem Thema seinen Kommentar abzugeben, "es ist nicht das Problem, daß reiche Leute dicke Autos fahren, sondern daß sie als Fabrikanten dicke Fabrikanlagen besitzen, die der Allgemeinheit viel wegnehmen: Menschen, Rohstoffe, Wasser, ja sogar Luft, und was sie ausstoßen, ist Dreck, Gift, ein Schaden für alle."
Adjuna: "Sie nehmen viel und geben viel. Zuerst einmal geben sie dem Menschen Arbeit und nehmen so dem, dem es nicht liegt, die Mühe ab, sein eigener Unternehmer zu sein. Dann geben sie dem Menschen noch die Produkte, nach denen er so gierig verlangt. Für die Produktion dieser Produkte braucht er Rohstoffe, er nimmt sie sich, aber er bezahlt sie auch. Nur die Luft ist kostenlos. Sie gehört allen. Und es ist richtig, sie darf nicht verschmutzt werden, es ist ein Verbrechen. Aber nicht nur der Unternehmer macht sich dieses Verbrechens schuldig, sondern auch der Konsument, er ist Mittäter, seinetwegen geschieht das alles, er ist der Auftraggeber, auch wenn er den Mist erst hinterher kauft, seine Geisteshaltung hatte er schon vorher, und die ließ den Unternehmer überhaupt erst produzieren. Also bis auf wenige Ausnahmen - Konsumverweigerer - sind alle schuldig. Nun darf man daraus aber nicht folgern, daß, weil eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung sich der Umweltverschmutzung schuldig macht, sei es in Ordnung, die Umwelt zu vergiften, - das wäre deutsche Logik: Wenn die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die Juden umbringen will, werden sie umgebracht, - sondern jede Minderheit hat das Recht, von der
Mehrheit keinen Schaden zu empfangen. Der Grundsatz, nicht zu schaden, muß alle leiten. Gegenwärtig ist es so, daß der Staat da oft ein Auge zudrückt, einmal, weil er nicht von dem Grundsatz, nicht zu schaden, geleitet wird, sondern von einer Fülle von Gesetzen irregeleitet, zum anderen, weil die Industriellen so gute Steuerzahler sind und daher bevorzugt behandelt werden oder werden müssen. In dem Staat, den ich mir vorstelle, zahlt der Industrielle nicht mehr und nicht weniger Steuern als jeder andere auch, und er muß sich wie jeder andere auch an den Grundsatz, anderen nicht zu schaden, halten, und es darf dabei auch keine Rolle spielen, daß eine noch so große Zahl von Konsumenten nach seinen Produkten giert und sie billig haben möchte. `Filter sind zu teuer, ich verzichte lieber auf die Lachse.' Diese Meinung eines Fabrikanten ist nicht nur bei Fabrikanten kriminell. Die Werte dieser Welt für kurze Konsumlustbefriedigung in wertlosen Mist umzuwandeln, ist kein Kunststück, sondern ein Selbstmordprogramm1, denn es sterben nicht nur die Lachse am sauren Regen, wir lassen ihnen nur den Vortritt. Aber Selbstmörder haben nicht das Recht, andere, die leben wollen, mitzunehmen, weder Mitmenschen noch Mitgattungen. Es ist Verbrecherdenk, zu denken, daß die eigene Lustbefriedigung den Schaden eines anderen rechtfertigen kann. Nach unserer neuen Definition ist, wer immer schadet, ein Schädling, ein Verbrecher, und es ist Aufgabe des Staates - eines seiner wenigen Aufgaben -, Schaden von uns fernzuhalten, und wenn es nicht anders geht, den Schaden wenigstens so gering wie möglich zu halten, und da darf er sich nicht bestechen lasssen und auch nicht selbst in Form von Strafen Bestechungsgelder fordern, sondern es gilt nur, den Schaden so gering wie möglich zu halten. In unserem konkreten Beispiel heißt das: die besten Filter oder dichtmachen. Wobei noch zu beachten ist, daß, wenn das Produkt der Firma nur ein sinnloses Spielzeug ist, ohne das die Welt ganz gut auskäme, daß dann selbst der Rest-Dreck, der auch bei Filtern noch entsteht, nicht zu vertreten wäre, denn die Lust hat immer weniger Ansprüche als die Geschädigten. In so einem Fall, wo es ohne Dreck nicht geht, muß auf die Produktion des Spielzeugs ganz verzichtet werden oder sonst halt etwas Nützliches produziert werden. - Und wer Selbstmord machen will, der kann das ja immer noch auf andere Art."
"Zum Beispiel: Sich an einem umweltfreundlichen Sisal-Seil aufhängen."
"Richtig."
1 Ich dachte
hier an das Buch `Selbstmordprogramm' von Gorden Rattray Taylor,
dem Autor des Weltbestsellers `Die biologische Zeitbombe', auch
sein späteres Buch `Zukunftsbewältigung' zeigt in die gleiche
Richtung. Wer sich allerdings für das Abrollen des
Selbstmordprogrammes in seiner unmittelbaren Gegenwart
interessiert, muß die Tagespresse konsultieren.
Während Adjuna auf der Straße stand und sein neues Gebot "Alles ist erlaubt, was nicht schadet!" verkündete, - jetzt fing es auch noch an zu regnen. Oh, Adjuna, warum tust du das?
"Ex nihilo nihil fit", antwortete er das Griechische noch frisch im Kopf, "aus nichts wird nichts." Dieser Grundsatz einer griechischen Philosophie diente freilich ursprünglich nicht als Ermahnung an Tageträumer, Fortschritt und Verbesserungen nicht nur zu erträumen, sondern sie auch zu erarbeiten und zu erkämpfen, sondern drückte die Vorstellung von der Ewigkeit einer Welt aus, die nie erschaffen, sondern nur von den Göttern geordnet und verwaltet wurde. Doch die neue Bedeutung, die Adjuna diesen Worten gab, machte eigentlich noch mehr Sinn.
Also während Adjuna im Regen sein Gebot vom Nicht-Schaden verkündete, waren Luz und der bunte Schönling zu ihrem Arbeitsplatz, dem sado-masochistischen Treff, gegangen. Aber sie konnten da nicht wieder arbeiten. Der Direktor der Heiligen Stadt Sodom bedauerte es sehr, aber: "In der letzten Zeit hat es Schwierigkeiten mit gottesfürchtigen Kirchgängern gegeben. Einstweilige Verfügung und so. Wir machen jetzt keine SM-Shows und auch keine Homo-Shows mehr, sondern nur noch Soft-Porno. Der Zuschauerraum ist immer voll mit Beamten in Zivil. Das merken wir daran, daß die für jedes Bier ne Quittung haben wollen. Die warten nur auf so was wie eure Show."
Luz: "Was? Wer will, soll in eine SM-Show gehen können, genauso wie die Gottgläubigen in die Kirche gehen können. Wenn wir uns die Welt ansehen, erkennen wir, daß Gott den perverseren Geschmack hat. Das gegenseitige Quälen und Abschlachten, das er geschaffen hat, ist viel ekliger, als die genüßlichen Auspeitschungen in unseren SM-Shows."
Direktor: "Ja, aber ihr müßt verstehen, die Christen..."
Luz: "Die Christen?! Bah! Christus kam aus dem Hause Davids, also aus dem Hause eines Mörders und Ehebrechers."
Der Bunte: "Und außerdem ließ er sich selbst auspeitschen! Er ließ sich sogar schlimmer martern, als ich es je zulassen würde, und die Kirchengänger gucken sich den Zu-Tode-Gefolterten sogar noch an, wie er am Holz hängt."
Luz: "Nicht nur das. Keiner hat so wild gepeitscht und gefoltert wie die Christen. Und Schuld daran war ihre Keuschheit."
Direktor: "Schon gut. Ich weiß ja, wie ärgerlich das für euch ist. Natürlich ist es dumm, was die Christen machen. Denkt nur einmal an die christlichen Temperenzler, die in Amerika die Prohibition durchgesetzt hatten, und bei uns gibt es ja auch immer mehr solche Idioten, obwohl ihr Held Jesus eigenhändig für die Besoffenen auf der Hochzeit zu Kana Wasser zu Wein gemacht hatte, damit sie weitersaufen konnten."
Luz: "Richtig. Das stellt Jesus glatt mit Al Capone auf eine Stufe."
Direktor: "Aber bedenkt auch, daß die Prohibition nicht nur den Alkoholkonsum ankurbelte und eine neue Ära blühenden Verbrechertums den Weg bahnte, sondern daß sich plötzlich auch mit Alkohol ne Menge Geld verdienen ließ. Wählt bei der nächsten Wahl konservativ. Wenn die dann die Pornografie ganz verbieten, dann mache ich hier oben nen Saftladen auf und unten im Keller nen illegalen SM-Schuppen, da könnt ihr dann ein Vielfaches von dem verdienen, was ihr bisher bekommen habt."
Die Christliche Partei wählen? Nein, so unanständig wollten unsere Freunde dann doch nicht sein.
Am Abend kam dann auch Adjuna zur Heiligen Stadt Sodom. Er wollte seine Freunde treffen und sich eventuell die Abendvorstellung ansehen.
Er war müde. Den ganzen Tag hatte er die Leute davor gewarnt, zu viele Kontrollen in ihrem Leben zuzulassen. "Wo früher ein Nachtwächter kontrollierte, ob alles in Ordnung war, sind heute Hundertschaften der Polizei", wie oft hatte er das heute gesagt! Und was sie nicht alles kontrollierten, kontrollieren mußten! Selbst hier in der Heiligen Stadt Sodom waren sie tätig. Sie mußten die Minderjährigen von den Volljährigen aussortieren!
Minderjährige dürfen nur im Kopf haben, was Volljährige auf der Bühne haben. Gesetze, Gesetze...
Sexualität von den Kindern fernzuhalten, schafft die Perversen der nächsten Generation, ob sie sich dann wie beim Bunten, den die Mutter, wenn sie ihn beim Masturbieren erwichte, versohlte, offen äußert, oder ob sie sich durch Spießigkeit, Menschenhaß, also Gottesliebe, zeigt, ist nur eine Frage persönlicher Ehrlichkeit.
Sollte die Knospe Freie Liebe und Freie Sexualität sich wirklich schon wieder schließen? Sollte die Gesellschaft wirklich so dumm sein und im Rückwärtsgang fahren wollen, wo es vorwärts doch viel besser ginge?
Erinnert sich denn keiner daran, was sein wird?1
Das alles ist doch nicht neu.
1 Diese
ungewöhnliche, aber sehr treffende Formulierung verdanke ich
einem Artikel von Vicky Franzinetti `Come si difende la libertà
di un bambino - Wie man die Freiheit eines Kindes verteidigt', in
dem sie die Schwierigkeiten und Anfeindungen beschreibt, die sie
erlitt, als sie versuchte, ihr Kind vor religiöser
Indoktrination im Schulunterricht zu schützen. Der Artikel endet
wie folgt: `Jedoch: unsere Zukunft geht in Richtung des
düstersten Kapitels unserer Vergangenheit. Erinnern Sie sich
noch, was sein wird?' Die deutsche Übersetzung des Artikels
erschien im Ketzerbrief Nr. 19, herausgegeben vom Ahriman-Verlag,
Stübeweg 60, 7800 Freiburg.
Nichts gibt dem Menschen soviel Freude wie der Geschlechtsakt, darum haben auch alle Menschenfeinde, zum Beispeil die Religionen, dagegen gekämpft. Wie die Kirche heute dem Sexspiel durch Verbot von Pille und anderen Verhütungsmitteln und durch Austragungszwang die Unbeschwertheit nimmt und durch Missionarsstellung und Stellungswechselverbot Lustminderung erreicht, so haben schon in vorgeschichtlicher Zeit - und sie tun's immer noch, da, wo noch Vorgeschichte herrscht - die Medizinmänner und anderen religösen Buhmänner, die Beschneidung durchgesetzt: Die freie männliche Eichel rieb sich an der Hose gefühllos, aber bei der Beschneidung der Frau erreichten und erreichen die Buhmänner ihren größten Erfolg, denn alles wird abgeschnitten, was schöne Gefühle bringt, und da es gilt eine alte Tradition zu wahren, nimmt man nicht etwa ein steriles Skapell, sondern einen scharfen, schmutzigen Stein, bestenfalls die Scherben einer Flasche. Diese traditionelle Beschneidung bringt dann so furchtbare Vereiterungen mit sich, daß der Unterkörper dieser Frauen, wenn sie nicht an Blutvergiftung gestorben sind, so häßlich gezeichnet ist mit Narben und Verwucherungen, daß ein Mann daran keinen Spaß mehr finden kann, sondern es nur noch tut, wenn's gar nicht anders geht, und mit Todesverachtung, etwa wie man halb am Verhungern sein muß, um in angeschimmeltes Kommißbrot zu beißen.
Nachdem Adjuna, Luz und der Bunte sich die biederen Entkleidungsszenen auf der Bühne der Heiligen Stadt Sodom angesehen hatten, gingen sie nach Hause. Im Treppenhaus hörten sie schon die keifende Stimme von Aurora: "...ihr Idealisten, ihr, idiotischen Spinner,..."
Ein Wunder? Sah sie die Drei schon durch die geschlossene Tür kommen? Nein, Orpheus war bei ihr, ihm galt ihr Wutanfall.
Was ist denn nun schon wieder passiert? wollte der Bunte, der als erster eingetreten war, gerade fragen, da zischte Aurora ihn schon verächtlich an: "Ah, der Homo. Was willst du denn schon hier?" Das tat ihm sehr weh. Neulich hatte sie ihm noch gesagt, daß er der einzige sei, zu dem sie sich noch hingezogen fühle. Ich bin wie du, eine Gottheit, hatte sie gesagt. Das hatte ihn sehr gefreut, obwohl sie ihn falsch verstanden hatte, denn er nannte sich wohl Lebendiger Gott, aber nicht, weil er sich für einen Gott hielt, sondern weil er schlecht von Göttern dachte und sich außerdem von seinen Freiern wie ein Gott von seinen Gläubigen mißbraucht fühlte. Er und Gott, sie hatten beide Anbeter, die nichts vom Angebeteten wissen wollten, sondern nur sich selbst sahen. Aurora aber sah Götter, wo keine waren: im Himmel, im Bunten und in sich selbst! Er mochte ihre Schmeicheleien, doch jetzt sah alles anders aus.
Adjuna stellte dann die Frage: Was ist los? Und Orpheus antwortete ihm: "Auroras frühere Freunde waren hier. Freunde, die auch Freunde von Johnny waren. Die waren so laut, daß ich mich nicht auf die Texte, die ich für unseren Rundbrief am Zusammenstellen war, konzentrieren konnte. Da hab ich gesagt, sie sollen leiser sein oder rausgehen. Da haben sie zwar erst noch ordentlich Stunk gemacht, aber dann sind sie gegangen, und jetzt macht Aurora Stunk." "Ach, ihr habt immer nur eure Bewegung im Kopf. Ihr seid doch Memmen und keine Männer. Ihr habt Angst und wollt irgendwas verhindern. In euren Köpfen spukt es doch. Ihr wollt eine bessere Welt schaffen und Adjuna selbst ist ein Mörder." Au, das war sein wunder Punkt.
Das Abendbrot nahm man dann schweigend ein. Aurora war dran mit Abwaschen. Da der häusliche Ehefrieden ohnehin schief hing, platzte Aurora mit dem heraus, was ihr noch am Herzen lag: "Ihr solltet mich richtig heiraten, jedenfalls einer von euch."
Dazu hatte natürlich jetzt, wo sie sich so von der biestigen Seite zeigte, keiner Lust. Aber sie hatte einen guten Grund: "dann steht mir wenigstens ein Hausfrauengehalt von 450 Mark zu."
Auweh, der Staat hatte nicht genug Gesetze, jetzt hatte er noch eins dazu gemacht, das sagte, wieviel der Mann seiner Frau als Taschengeld geben soll.
"Aber Aurora, du machst doch gar keine Hausfrauenarbeit. Wir essen entweder im Restaurant, oder wenn wir zu Hause essen, dann essen wir bloß Brot. Und abwaschen tun wir Reih' um."
"Egal. Außerdem lasse ich mich bumsen."
"Auch nur wenn du willst."
"Egal. Ich hab da neulich mit Feministen..."
"Ach, von der verde-rot-kleinkarierten Opposition, was?"
"...gesprochen, die wollen als nächstes durchsetzen, daß Ehefrauen für jedes Bumsen einen Mindestlohn von 25 Mark bekommen."
Adjuna: "Warum denn nur die Ehefrauen?" Und fast gleichzeitig Luz: "Oh, daß ist aber billig. Was kostet denn Schwanzlutschen?"
"Darüber wurde nicht gesprochen."
Adjuna: "Aurora, wir haben dich damals aufgenommen, als es dir schlecht ging. Wir wollten dir nur helfen und dich nicht ausnutzen. Wir haben alles mit dir geteilt, das heißt, du konntest dir eigentlich nehmen, was du brauchtest. Denk an all die Kleider, die du dir gekauft hast, an den Kleinwagen, an den Urlaub. Nie haben wir dir irgendwas vorgeworfen oder vorgerechnet..., aber wenn du so weitermachst, setzen wir dich gleich vor die Tür."
"Eben vor so etwas muß man als Frau... Was rede ich denn da? Mann als Frau! Eben vor so was muß frau geschützt werden."
"Ach, die Männer sollen wohl nach eurer Meinung vor die Tür gesetzt werden?"
"Warum denn nicht?"
Kurz, die Ehe der Freunde hatte jenes Niveau erreicht, das ja auch für viele Zweierbindungen so typisch ist, besonders da, wo die Frau zu Hause bleibt und sonst nichts zu tun hat.
Mit Aurora aber war es nicht mehr leicht auszukommen. Das schöne Gesicht, das sie bekommen hatte, sah jetzt immer öfter böse und gereizt aus und der häusliche Frieden hing jeden Tag schiefer. Die Freunde brachten es aber doch nicht übers Herz, sie auf die Straße zu setzen.
Um Aurora auf andere Gedanken zu bringen, rieten ihr die Freunde eines Tages, doch arbeiten zu gehen. Einen Vorschlag, den Aurora sofort aufgriff.
Es gab nur eine Arbeit, die sie tun konnte.
Sie lief gleich zu Johnnys früheren Freunden. Die hatten ja schon einmal Auroras neue Schönheit bewundern können. Wer so gut aussieht, muß gut anschaffen können. Johnnys Freunde waren praktische Menschen, sie akzeptierten das Wunder der Heilung, die Verschönerung der Fassade, mit dem gleichen Defizit an Verwunderung, mit dem gläubige Katholiken Marias unversehrtes Hymen akzeptierten, und wie die Kirche aus jenem Stabilitätswunder, das selbst bei der Geburt eines Gottessohnes nicht riß, ihren Profit zog, so zogen Johnnys Freunde aus Auroras neu gewonnener Schönheit Profit, und ansonsten freuten sie sich, ein Rennpferd mehr laufen zu haben, das sich natürlich auch von ihnen bespringen lassen mußte. Verweigern gab's nicht, da setzte es Prügel.
Aurora kehrte nie wieder in das Haus ihrer vier Ehemänner zurück. Spinner, Idealisten! Ihre Verachtung für Adjuna und seine Freunde stieg in der Abwesenheit noch.
Sie nannte sich auch wieder Elvira. Der Sonnenaufgang war zu Ende, aber ihre neue Welt war nicht die der grellen Mittagssonne, von der hatte sie nur die Brutalität, sondern die sonnenlose Halbwelt, dessen bleiche Akteure in die Flammen der eigenen Lust stürzten wie vom Licht geblendete Motten, dort war man blind für das eigene, sowie für das Unglück anderer, man suchte nur das eigene Glück, Glücksgefühle, momente, man sah es vor sich, zum Greifen nah unerreichbar, man war Tantalos, aber man sah nur die Trauben, nicht die Brühe, in der man saß, man war auch nicht verzweifelt, denn man sah ja die eigene verzweifelte Lage nicht, wie Tantalos schwebte man in ständiger Todesgefahr, aber wenn Tantalos noch insgeheim den Tod als Erlösung herbeisehnte, hier wollte man leben, leben, leben, man hatte ja noch soviel zu genießen. Diese Sucht zu leben, solange man noch lebte, ließ die Helden der Halbwelt über Leichen gehen. Elvira alias Aurora alias Elvira alias Gottholde wollte wieder leben, leben, leben. Ach, wenn sie es sich doch mit den Händen einstopfen könnte, das Leben, dieses Leben, dieses unbeschreibliche Prickeln in den Fingern! Vielleicht war es da oder dort, vielleicht hatte man es übersehen, nicht zugegriffen, wo man hätte zugreifen sollen! Oh, es war aufregend, nicht mehr Ehefrau, nicht mehr Hausfrau zu sein, nicht mehr mit Weltverbesserern Gutes wollen zu müssen! Leben, rohes Leben, Ausbruch total! War es im Keuchen der Freier, im gebrochenen Blick beim Orgasmus? War es in der Demütigung, wenn er nicht zahlen konnte, da seine Brieftasche gestohlen war? Oder im Triumpf? In der eignen Demütigung? Im kräftigen Griff der brutalen Umarmung? In der Verachtung aller Werte? Im Zynismus? Ihre neuen Freunde gingen an keinem Schwachen vorbei, ohne ihn nicht zu treten. War das Leben nicht greifbar, indem man nach dem Geld griff, dem leichten Geld, dem Reichtum, besonders wenn man damit protzte und das Leben anderer vernichtete? Lag das Geheimnis des Lebens im weißen Pulver, das sie verkauften? Im Kokain? Im LSD? Im Blut, das sie in diesem Handel vergossen und investierten? Wirkte es nicht belebender, als irgendein Rauschgift, dieses Blut, dieses Blut, das an allen krummen Dingen hing? Brauchte man nicht das Blutopfer der anderen für sein eigenes Leben? Sie war trunken, berauscht, aus den Fingern geglitten, von Magie besessen: Sie mischte ihr weißes Pulver mit
Blut. Leben und Tod.
Adjuna und die Freunde aber warteten vergeblich auf Auroras Rückkehr. Sie hätten froh sein können, aber sie waren traurig.
Das mag bei manch einem Leser auf Verwunderung stoßen, aber wer nicht zu verwundern weiß, kann weder Schriftsteller noch Religionsstifter sein. Sind nicht die Schöpfung und das Leben selbst voller Verwunderung? Und wenn der Schriftsteller den Verirrungen des Lebens nachirrt, all dessen Schlichen nachschleicht, die Phantasie von Religionsstiftern nachphantasiert, Zauber vorzaubert, über Denker nachdenkt, die Zukunft vorwegnimmt und sich auch die Vergangenheit vornimmt, beschreibt er da nicht das Leben - und seine eigene Verwunderung mit dem Leben?
Der Schriftsteller möchte, daß sein Leser nicht so sehr in ein Buch schaut, als viel mehr in einen Spiegel. Er würde, wenn es nicht so unpraktisch wäre, sein Buch in Spiegelschrift schreiben, denn dann wäre der Leser gezwungen, in beides zu schauen, Spiegel und Buch, und sähe wohl möglich gar sich selbst. Was fände der Leser da, in seinem eigenen Gesicht? Alle geleiteten und irregeleiteten Gefühle: Übereinstimmung mit dem Gelesenen, Glück, Freude, Trauer, Spannung, grasse Ablehnung, Zorn, Haß, Empörung, bei einer geilen Szene vielleicht eigene Erregung oder Verletzung seines Sittlichkeitsgefühls, Scham, Protest: Der schreibt wohl mit dem Schwanz! - Seid versichert: Mein Schwanz ist Analphabet! - Nicht nur ich bin der Leiter seiner Gefühle, sondern er hat viele Leiter vor mir gehabt. Wer ist schon sich selbst? Hier sind wir, was wir sein sollen, und da sind wir das Gegenteil von dem, was man aus uns machen wollte. Uns selbst zu sein, gelingt uns wenn überhaupt nur selten.
Aber ich spüre, die Verwunderung des Lesers, daß diese Predigt gerade an dieser Stelle steht. Auch das hat System. - Und außerdem mußte es mal gesagt werden.
Jetzt aber zurück zu Adjuna. Es zieht ihn nach
Sankt Pauli. Diesmal predigt er nicht, sondern interviewt die
Leute. Alles ist gegenwärtig:
In Sankt Pauli sind Mädchen, und wo Mädchen
sind, sind Männer. In Sankt Pauli sind viele Männer. Viele
verschiedene Männer.
Adjuna stellt Fragen:
An den Schriftsteller:
Warum schreibst du?
Um nach dem Tod noch ein bißchen zu leben.
An den Arbeiter:
Warum arbeitest du?
Um mir mehr zu kaufen.
An den einen Verbrecher:
Warum stiehlst du?
Um nicht arbeiten zu müssen.
Und an den anderen Verbrecher:
Warum verbrichst du?
Wenn man ein Gesetz übertritt oder ein Verbrechen begeht, soll man es nicht des Geldes wegen machen, das wäre Krämerart, sondern der Aufregung und Begeisterung wegen.
Der eine angelt für den Kochtopf, der andere als Sport.
An den Politiker:
Warum bist du Politiker geworden, hältst laute Reden und versprichst leere Versprechen?
Das kann man an den Fingern abzählen. (Er tat es.) Macht, Geld, Prestige, Freunde in der Industrie, die mich brauchen und gut bezahlen --- man wird bewundert -- die Massen mögen einen - Angst vor Idealisten, die die Gesellschaft verändern.
Adjuna für sich:
Ist es so, daß Arbeiter, Verbrecher und
Politiker in dieser Welt leben, aber die Schriftsteller wie die
Gläubigen dieser Welt entsagen für eine fragwürdige Nachwelt?
Aber warum schreibt man Tragödien?
Weil die Menschen Trauer und Leiden zu
genießen wissen. - Und vor allen Dingen täglich neu schaffen.
Adjuna näherte sich dem Eros-Centre. Tempel der Liebe, Tempel der Triebe, wo ist da der Unterschied? dachte er verächtlich. Da sah er Aurora. Sie wandte sich ab, es war klar, sie wollte ihn nicht.
Sie war ihm überlegen: Ihre Ablehnung war größer.
Nur einen Moment hatte Adjuna ihr Gesicht gesehen. Sie war schöner denn je. Bleich, unnahbar. Auch wenn sie für ein paar Mark zu haben war, es war klar, man hatte sie nie, niemals, niemand.
Sie, die das Leben zu fassen suchte und unerreichbar fand, war selbst anziehend und unerreichbar zugleich geworden. Vielleicht war das anziehendste an ihr, daß man an ihr so überdeutlich sah, sie war wie die Königin der Nacht nicht angesetzt, lange zu blühen.
Wie kam man darauf? Es waren die Augen. Sie waren so anziehend kalt, der kalte Blick des Todes. Was zog mehr an als der Tod? Nichts. Selbst der Feigling im Bett, der nicht sterben will, läßt sich anziehen und stirbt. Sie war die Göttin des Todes: Wenn man glaubte, die eigene Sinnlichkeit habe sie erreicht, schwanden einem die Sinne, das Lebende an einem vermoderte und es blieben nur bleiche, sinnlose Knochen.
Die Göttin des Todes verkaufte sich teuer. Billige Quickies waren bei ihr nicht drin. Wer sie freien wollte, mußte tief in die Tasche greifen und Zeit mitbringen, erst saß man sich gegenüber, sprach ein wenig über dieses und jenes, ließ sich bezaubern, rauchte etwas gemeinsam, hatte ein paar Drinks, Magic Potion, weißes Pulver mit rotem Blut, man trank ahnungslos, aber gierig... Man versprach wiederzukommen, denn man war ja noch nicht satt. Sie machte nicht satt.
Eine Göttin des Todes.
Sie zeigte Adjuna den Rücken, aber ihr Zauber wirkte auch hinter ihrem Rücken. Adjuna wollte sie freien. Doch bevor er sie erreichte, war da schon ein anderer Freier. Nach kurzer Verhandlung gingen die beiden davon. Sie weg, der Freier weg, der Zauber weg.
Wenn sie nichts von mir wissen will, dann eben
nicht. Erlöst verließ Adjuna den Tempel.
Am Morgen beim Frühstücksei.
Es war immer noch sehr still bei ihnen, besonders am Frühstückstisch, obwohl Aurora jetzt schon mehr als sechs Wochen weg war. Sie vernachlässigten ihre Arbeit und selbst ihr Idealismus litt. Da sie wenig Pläne machten, brauchten sie nur wenig miteinander zu sprechen.
Schweigend klopften sie mit ihren Eierlöffeln am Frühstücksei und brachen die Schale. Mit Daumen und Zeigefinger entfernten sie dann die Schalenstücke, Adjuna und Luz an der Spitze des Eies, der Lebendige Gott und der Sänger an der Breitendseite des Eies.
Adjuna unterbrach das Schweigen: "Ich hatte einen Traum." Alle blickten auf. "Ich träumte, ich ging durch einen Wald von Ja-Sagern..." "`Ja' wozu?" "Ja zum Untergang. Es gab niemanden, der Nein sagen wollte." "Hatten sie vielleicht ein Buch." "Kann schon sein." Ihre Stimmen klangen so verloren, als saßen sie in einer großen, leeren Halle. "Sie hatten bestimmt ein Buch."
Alle: "----"
"Was wollte ich sagen? - Ach ja, Kampf aller gegen alle, homo homini lupus, der Mensch dem Menschen ein Wolf. Ja, sie hatten bestimmt ein Buch." "Es sind immer die Bücher. Darin finden sie ihre Religionen und Ideale." "Nein, die Natur ist stärker als Ideale, und im Menschen ist die menschliche Natur allemal stärker als seine Ideale. Es ist daher nur zu menschlich, daß der Mensch für seine Ideale mordet, da es seiner Natur entspricht." "Ach, hätte er doch keine Ideale, so hätte er schon einen Grund weniger, ein Unmensch zu sein." "Oder keine Natur."
"----" "Wir müssen die
Irrationalität bekämpfen." "Rationalität contra
Irrationalität." "Rationalität contra Religion"
Ihre leeren Stimmen hauten auf den Tisch.
An diesem Punkt fällte Adjuna eine seiner schrecklichen Entscheidungen: Er wollte wieder auf Reisen gehen, diesmal allein. Er wollte Erleuchtung suchen. Er fühlte, er wußte immer noch zu wenig.
Er, der Muskulöse, wollte den Muskellosen aufsuchen.
"Willst du sofort losfahren?" "Nein, erst nach den beiden Märthyrergedenktagen im Dezember. Wer weiß, für viele ist das noch ein Familienfest, und ich störe da vielleicht."
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