Physikalisches Weltbild - Adjunas Reise zum Muskellosen

Die Reise zum Muskellosen

So geschah es also, daß im kältesten Winter der Muskulöse zum Muskellosen fuhr.

Die Leute munkelten, daß die Götter dem Muskellosen die Muskeln genommen hätten, da sie wollten, daß er ganz Gehirn sei, wie alle zukünftigen Menschen ganz Gehirn sein sollten, damit endlich brutales Zuschlagen ein Ende habe.

Schluß! Keine mystischen Spekulationen mehr! Es ist und bleibt nur eine schreckliche Krankheit!

Einflüsterung: Ist es nicht vielleicht doch ein Symbol für den neuen Menschen, der seine Abenteuer nicht mehr der Spannkraft seiner Muskeln verdankt, sondern der Verästelung seiner grauen Zellen?

Sollte der hoffnungsvolle Anfang von Forschung und Wissenschaft einmal zu Verkrustung führen und einem neuen Aberglauben mit Personenkult hervorbringen, diese Symbolfigur besaß die Voraussetzung, einer neuen Priesterschaft als Heiland zu dienen, nämlich ein schweres, persönliches Schicksal.

Ein solches Schicksal war geeignet, allen, denen es gut ging und die gesund waren, ein schlechtes Gewissen zu geben, es bedurfte nur der richtigen Worte, die Priester ja bekanntlich immer fanden.

In Gedanken führte Adjuna schon sein Gespräch mit der Geistesgröße. Er hörte den Muskellosen dozieren: "Das Universum wird von vernünftigen Gesetzen beherrscht." "Da mögen Sie ja rechthaben, aber das Verhalten der Menschen..." "Ziel muß sein, daß auch das menschliche Verhalten von rationalen Gesetzen bestimmt wird."

In Gedanken hatte Adjuna schon einen Verbündeten gefunden.

Endlich stand Adjuna vor dem Haus des Gewaltigen. Verzagt klingelte er. Ihm wurde geöffnet und er wurde zum Muskellosen vorgelassen.

Adjuna stellte sich vor und kam dann zu seinem Anliegen: "Das Verhalten des Menschen wird noch immer von Irrationalitäten geleitet, er gibt sein Glück, ja selbst sein Leben noch immer für irrationale Worte und Werte hin. Er glaubt noch immer alles Mögliche, aber weiß nicht, was gut für ihn ist. Hochtechnische Waffen stapelt er und eine Menge unsinniger Gründe, die den Gebrauch der Waffen rechtfertigen werden. Gewaltiger, man sagt, Sie haben das beste Gehirn der Welt. Geben Sie mir Erleuchtung! Damit ich die Welt erleuchten kann. Damit ich den Leuten ihren Glauben nehmen und ihnen stattdessen das Wissen um die rationalen Gesetze geben kann, so daß sie lernen nach rationalen Gesetzen zu leben."

"Auch wir Physiker haben einen irrationalen Glauben. Wir glauben an die Logik."

Die Logik; das war Adjunas Stichwort:

"Aber sehen Sie doch einmal: Ihr Heimatland zog gerade in den Krieg, um im fernen Arabien für die Freiheit von Ölscheichs zu kämpfen, und gab der Freiheit im eigenen Land einen Fußtritt, indem es das Singen von Friedenslieder verbot. Ist das logisch?"

"Sooo, dieses Land zog in den Krieg. Wir Physiker müssen uns ganz auf unsere Sache konzentrieren und alles andere ignorieren. Nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit darf uns interessieren, mal sehen wir das Elektron als Welle, mal als Elementarteilchen, beide Aspekte des Elektrons gleichzeitig zu sehen, gelingt uns nicht, dafür ist das Thema zu umfangreich, das können wir einfach nicht bewältigen, auch nicht mit einem Supergehirn. Wir strengen uns an, beide Aspekte gleichzeitig zu sehen, aber bisher gelang es uns noch nicht. Aber wo wir nicht einmal unser eigenes, kleines Thema verstehen, wie können wir es da wagen, die Kriege von Nationen verstehen zu wollen? Ich weiß, diese Bescheidenheit steht ganz im Gegensatz zum Philosophen und Schriftsteller, für den es ohne weiteres eine Tugend ist, einen möglichst breiten Auschnitt der Wirklichkeit zu überblicken. Ein normaler Schriftsteller mag allerdings bei seinem Überblick die Elementarteilchen übersehen. - Aber wenn ich Sie richtig verstanden habe, beklagen Sie es, daß die Soldaten nach Arabien in den Krieg zogen und dort für die Freiheit der Ölscheichs kämpften und nicht umkehrten, um für die Meinungsfreiheit im eigenen Land zu kämpfen. Dabei haben Sie selbst - unlogischerweise - behauptet, es sei schlecht, daß die Menschen noch immer glauben und Werte haben. Nun, diese Soldaten glaubten offensichtlich an keine Werte, an nichts. Freiheit, insbesondere Meinungs- und Gesangsfreiheit waren für sie leere Begriffe."

Adjuna war empört. Sollte sein Gegenüber nicht logisch denken können? "Warum kämpfen sie denn im fernen Arabien, wenn Freiheit ein leerer Begriff für sie ist?"

"Das wird militärjuristische, wehrdisziplinarische Gründe haben. Um an einer anderen, nicht verordneten Stelle für Freiheit zu kämpfen, muß man ja erst mal Fahnenflucht begehen, was unangenehme persönliche Folgen für den einzelnen hat, die er, selbst wenn er sie mit dem Risiko zu sterben aufrechnet, nicht eingehen möchte. Aber wie ich vorhin schon sagte, als Physiker sehe ich nur einen kleinen Ausschnitt dieser Welt und der ist nicht einmal ein Mikron breit, und wenn ich einmal einen Menschen sehe, dann ist das meist ein anderer Physiker. Aber immer sehe ich den Menschen als homo sapiens, nie als homo militaris oder politicus oder oeconomicus. Die Motive vieler Menschen sind mir also verborgen." Nach einer pensiven Pause: "Es erscheint auch mir irrational, daß eine hungernde Menschheit ihr Vermögen für Waffen verschwendet", er seufzte, "aber fragen Sie mich nicht nach Analysen, wo ich nicht zu analysieren vermag."

"Gut, wie ist es denn mit den rationalen Gesetzen?"

Der Muskellose drückte einen Knopf, und einen Moment später traten vier Diener in das Zimmer. Auf einen Wink hin nahmen sie den Forscher auf. "Folgen Sie mir", sagte der Muskellose, "wir gehen hinunter in die Laboratorien, in die Brodelküchen des Urknalls." In den Augen des eingefallenen Gesichts flackerte Triumpf.

Die Diener trugen den leichten Körper des Wissenden eine steile Treppe hinunter, die in eine unerwartet große Halle führte. Riesige Kupferspulen, in ihrer Gewaltigkeit wirkten sie beängstigend auf Adjuna, füllten den größten Teil der Halle aus. Das ist die Blasenkammer", rief der Muskellose. Die Diener hatten ihn auf einen Stuhl gesetzt, der sich mystischerweise von selbst bewegte und jetzt aufgeregt vor der haushohen Maschine hin- und herfuhr.

Die Begeisterung seines Gegenübers war entwaffnend, sie ließ Adjuna kraftlos werden. Hier war der Muskellose der Gigant. Unsicher gestand Adjuna: "Ich sehe aber keine Blasen."

Der Nuklear-Forscher grinste: "Die entstehen erst, wenn im durch Druckerniedrigung entstandenen Zustand der Überhitzung ein Teilchen eingeschossen wird."

"Ach so." Verlegen blickte Adjuna sich in der Halle um. Wo wird hier geschossen? Und meinte der Gewaltige mit Kammer wirklich diese große

Halle?

Aber als ob der Muskellose Gedanken lesen konnte, deutete er auf die riesige Maschine: "Diese Elektromagnete lenken die eingeschossenen Teilchen ab. Aus der Bläschen-Spur, die die Teilchen in der überhitzten Freon-Flüssigkeit hinterlassen...", er zeigte auf das Zentrum der Anlage, "schließen wir auf Ladung, Energie und Art der Teilchen, Spin, Strangeness, Baryonen-Zahl..."

Adjuna sah jetzt ein bißchen klarer. Ein massives Rohr führte in die Anlage. Das Kanonenrohr, mit dem die Teilchen eingeschossen wurden? Vorsichtig ging er am Rohr entlang. Es kam aus einem engen Tunnel und schien geradezu bis in die Unendlichkeit zu gehen, wie er im schwachen Licht erkannte.

Der Muskellose hatte ihn schon mit seinem Stuhl überholt: "Das ist die Vakuumröhre, in der die Teilchen beschleunigt werden."

"Wo kommt man denn da hin, wenn man da geradeaus geht", wollte Adjuna vom Tunnel wissen. Ihm schien da in der Unendlichkeit ein tiefes Geheimnis zu lauern.

"Nirgends."

Adjuna war entgeistert. Hatte nicht einst ein Guru gelehrt, daß das Maya, das Nirvana nirgends sei, nicht im Raum und nicht in der Zeit? Und jetzt stand er hier neben einem anderen Guru, einem Guru des Wissens und der Wissenschaft, und der hatte das Ungeheuere in seinem Hinterstübchen oder besser Untergeschoß, nämlich einen Tunnel, der ins Nirgends führte.

Ihm schwindelte. Er wollte den Tunnel entlang laufen, aber seine Beine knickten ihm weg.

Als er wieder zu sich kam, fand er den Muskellosen spöttisch lachend über sich. Ein dicker Wurm, der sich durch diese Röhre zwänge, nähme ein eindimensionales Universum wahr, nicht wahr, denn es gäbe für ihn ja nur vor und zurück. Kröche er jedoch immer geradeaus, so erginge es ihm wie den Menschen, die die Erde für eine zweidimensionale Ebene hielten, jedoch ohne Angst runterzufallen, weiter und weiter in eine Richtung reisten, bis... ja, bis sie wieder da ankamen, von wo sie abgereist waren. Ein Raumfahrer dürfte beim Versuch, das Universum zu verlassen, eine ähnliche Erfahrung machen. Doch müßte er die Lichtmauer durchbrechen, was gegen die Verkehrsregeln ist."

Vor Adjunas Augen kreiste es, so daß der Muskellose zu kobolzen schien. Er verstand.

"Richtig. Es handelt sich hier um einen gigantischen Kreis, eine Ringanlage, dessen Röhre sich unter Bergen und Tälern, Städten und Ländern fortpflanzt, bis sie schließlich von der anderen Seite wieder in diese Halle, in diese Apparatur kommt", dozierte der Kobold jetzt, "tatsächlich ist der Ring so groß, daß, wäre es der Nasenring eines Giganten, dieser Gigant so groß wäre, daß er mit der Erde Kugelstoßen machen könnte. Aber mit dieser Maschine haben wir das Szenarium des Universums entschleiert. Die Requisiten und Dekorationen des größten Theaters liegen offen und ohne Vorhang vor uns, und es ist nicht mehr notwendig für uns, an Götter und Giganten zu glauben, die die Genesis ins Rollen brachten."

"Dann entschleiere auch meine Augen!" rief Adjuna begeistert.

Der Muskellose schwebte mit seinem Sitz ein Stück höher auf eine Plattform an der großen Apparatur. Das ist kein gefallener Engel, dem die Götter die Flügel genommen haben, dachte Adjuna mit Bewunderung.

Die mechanische Stimme des Muskellosen dozierte weiter: "Mit dieser ungeheuren Maschine beobachten wir die Geburt der Materie, wir lernen, wie die Elementarteilchen durch Kollisionen und Quantum-Interaktionen anderer Elementarteilchen ins Leben kommen, und wir lernen, wie sie ihr Leben aushauchen, entweder indem sie zerfallen oder indem sie in anderen Kollisionen verschlungen werden. Dabei erkennen wir Gesetzmäßigkeiten und Zwangsläufigkeiten. Sie helfen uns beim Aufstellen unserer Theorien. Ich kann ja mal versuchen, Ihnen so eine Theorie vorzuführen, so weit es mir in der brutalen Sprache der Nichtmathematiker gelingt, mit deren Mitteilungswerkzeug sich ja nur primitive Gedanken denken und formulieren lassen, jede Kraft zum Muskel und jedes Elementarteilchen zum Stein wird, und wenn man sich zirkulare Polarisationen vorstellen soll, wirft man den Stein ins Wasser und nennt das Eine Welle und das Ganze, damit meine ich, den ganzen Erregungszustand des Raumes um das Elementarteilchen Feld. Es ist klar, daß alle Stammessprachen dieser Erde geschaffen wurden für Brunst, Brautschau, Ackerbau und Viehzucht, Kuhhandel, Krieg und Religion. Trotz dieser Beschränkung, die uns unsere naturvölkische Sprache und Gedankenwelt aufzwingt, und des Mangels an einem anderen gemeinsamen Medium zur Verständigung werde ich also jetzt versuchen, Ihnen eine Vorstellung von einer unsrer Theorien zu geben, und zwar einer, die sich mit dem größten Problem der Physik, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, dem Stein der Weisheit, befaßt, die für uns die Vereinigung der vier Kräfte der Natur ist, und den kleinsten Bausteinen, den Ultimonen, die in dieser Theorie Superstring heißen, da es sich bei ihnen um superkleine eindimensionale Saiten handelt, die der Supersymmetrie der Elementarteilchen gerecht werden. Wie alles, was Super ist, so hatte auch dieser Superstring oder -strang, - das können wir ganz so nennen, wie es Ihrer Zunge oder Vorstellung entspricht - einen nicht ganz so außergewöhnlichen Vorgänger."

"Bleiben wir ruhig bei Ihrer Zunge und nennen wir das Ding String. Strang erinnert mich so an Strangulieren."

"Ja, normale Sprache ist eine brutale Angelegenheit. Wie immer wir es auch nennen, es ist schwer, es sich vorzustellen. Schon den nicht so außergewöhnlichen Vorgänger sich vorzustellen, fällt schwer, dabei handelt es sich bei ihm noch um eine verhältnismäßig große - Wie beschreibt man es am besten in unserer Stammessprache? - Wurst oder vielleicht Peitsche? Wissen Sie, wir Physiker wurden lange Zeit von Geistern geplagt. Nein, nicht von solchen. Die dringen nicht in unsere Welt ein. Sondern die Geister, die uns plagten, drangen in unsere Formeln ein und waren negative Wahrscheinlichkeiten und übergroße Wahrscheinlichkeiten von weit über hundert Prozent sowie Unendlichkeiten und Ungereimtheiten. Sie erschienen zum Beispiel in unseren Theorien zu den Hadronen, also den Teilchen der starken Wechselwirkung, wie den halbspinnigen Baryonen, zu denen die Neutronen und Protonen gehören, und den Mesonen mit ihrer Zero-Baryon-Nummer, deren Spin immer ganzzahlig ist. Es gelang diese Geister zu verjagen, indem man die Hadrone nicht mehr als ausdehnungslose Punkte, oder unförmige Klumpen oder gar Klötze behandelte, sondern als eindimensionale Objekte, deren Enden mit Lichtgeschwindigkeit herumpeitschten. Diese Objekte waren noch relativ groß, - so wie der Mensch im Verhältinis zur Sonne groß ist, so waren diese Objekte im Verhältnis zum Menschen groß, also genauso groß wie die Hadrone. Leider drohten diese Strings die relativistische Kovarianz zu zerstören. Um relativistisch korrekt zu sein, war ein Raum von 26 Dimensionen erforderlich. Einen solchen Raum zu schaffen, ist - analog zur dichterischen Freiheit - mathematische Freiheit. Überhaupt hat man es ja als Wissenschaftler viel mit Analogien zu tun und muß analog denken können."

"Ah, das verstehe ich: Wie das Bein des Nashorns ein Aphrodisiakum liefert."

"Um nicht zu sehr mit der Wirklichkeit in Konflikt zu geraten, ließ man, 22 der 26 Dimensionen komprimieren, in sich selbst aufrollen, so daß uns als sichtbare und wahrnehmbare Dimensionen die drei räumlichen und die eine zeitliche Dimension blieben. Später dann ließ man die ganze Theorie liegen - oder fallen? Jedenfalls war wieder null Stringtheorie. Aber in den Köpfen der Nuklearforscher war der String wie ein virtuelles Teilchen, schon bald tauchte er wieder auf, als verbesserte Idee und wesentlich verkleinert, wie ein Hadron im Verhältnis zum Menschen klein ist, so war der neue Superstring im Verhältnis zu einem Hadron klein. Neue Erkenntnis zur Supersymmetrie wurden auf ihn angewandt, und es war nicht mehr nur seine Aufgabe, ein Elementarteilchen zu erklären, sondern alles. Selbst die vier Kräfte der Natur ließen sich aus der Geometrie und Topologie der Strings berechnen, ohne daß die Ergebnisse ins Unendliche explodierten. Und man brauchte auch keine 26 Dimensionen mehr, sondern kam mit zehn aus."

"Ah, ich verstehe, Dezimalsystem."

Der Muskellose hatte wahrscheinlich Adjunas Kommentar überhört, denn er fuhr mit seinen Ausführungen fort.

"Wenn man die Enden eines Strings zusammenfügt, erhält man einen geschlossenen String, einen Kranz oder eine Schlinge, ein solches Gebilde sieht aber für uns genauso aus wie ein masseloses Boson mit Spin 2, also wie das Quantum-Partikel eines Gravitationsfeldes, das Graviton."

Die geistige Schärfe, die diese Erkenntnis ermöglichte, begeisterte den Erzähler. Wenn da auch irgendwelche Vorhänge zurückgerissen worden waren, so daß man dem Universum hinter die Kulissen gucken konnte, Adjuna übte sich im Moment in der Kunst der Verstellung, der Schauspielerei. Er spielte die Rolle des begeisterten Zuhörers. Und da er gut spielte, bekam er noch mehr zu hören.

"Seit Einstein wissen wir", führte der Muskellose nach kräftigem Durchatmen weiter aus, "daß, wenn sich ein physikalisches System der Lichtgeschwindigkeit nähert, die Massen zunehmen, die Uhren langsamer laufen und die Zollstöcke zusammenschrumpfen..."

Mein Gott, dachte Adjuna, wo war ich, daß ich nichts davon weiß, schlimmer noch, nicht weiß, wie ich das verstehen soll. Oh, ich habe mich zuviel mit Menschen und Mystik befaßt, und jetzt verstehe ich die Materie nicht. Was meint er bloß mit Massen nehmen zu, Uhren laufen langsamer? Liegt es daran, daß die Zeiger schwerer werden?

"...daraus folgt, daß für verschiedene Beobachter die Phänomene verschieden aussehen, je nach ihrer Geschwindigkeit, jeder trägt praktisch sein eigenes Koordinatensystem mit sich herum. Aber wohl gemerkt, nur die Erscheinung der Phänomene ändert sich, nicht die Phänomene selbst, die Gesetze der Natur bleiben unverändert. Für den Superstring heißt das, seine physikalische Form darf sich nicht von einem Koordinatensystem zum anderen ändern, diese Art von Kovarianz beschränkt das Aufstellen von Gleichungen zum Superstring schwer. Ein eindimensionaler String bildet zum Beispiel im Raum-Zeit-Kontinuum keine Welt-Linie, sondern eine Welt-Fläche. Nun zwingt aber die relativistische Symmetrie innerhalb der String-Theorie dieser Welt-Fläche ein Aktionsprinzip auf, nach dem sie kleinstmöglich gehalten werden muß. Daraus ergibt sich unmittelbar, daß der String masselos ist und seine Enden mit Lichtgeschwindigkeit um sich hauen. Trotz dieses Mangels an Masse ist es aber für den String möglich, massive Partikel zu repräsentatieren, denn, da er vibriert und rotiert, verfügt er über eine ganze Reihe von Energiestufen, und - Energie und Materie sind ja miteinander verwandt." Adjunas Lehrer zog die Augenbraue hoch und erhob seinen Zeigefinger. "E = mc2 heißt die magische Formel."

Adjuna erschauderte. Ihm war plötzlich sehr kalt. Er fing an zu zittern. Diese unwillkürlichen Kontraktionen seiner willkürlichen Muskeln bedeutete, daß in ihnen chemische Energie in Arbeit umgewandelt wurde. Eine Anstrengung, die ein bißchen erwärmte.

"Das Aufstellen von Superstring-Gleichungen wurde aber nicht nur durch relativistische Symmetrie eingeschränkt, sondern auch durch einen Bruch der Symmetrie bei der elektroschwachen Wechselwirkung, also durch eine auch in der Nuklearphysik beobachteten Chiralität. Händigkeit, die Entscheidung für eine Hand, ist nicht, wie viele vielleicht glauben mögen, ein Privileg der Menschen, auch schon im bio-molekularen Bereich wurde Chiralität festgestellt. Da sind es die Linkshänder, also die, die links differenzierter ausgebaut sind, die in biologische Prozesse aufgenommen werden. Es ist praktisch wie bei den Menschen, deren Mehrheit sich ja auch durch eine stärkere funktionelle Differenzierung der linken Gehirnhälfte auszeichnet, und die sich dann weigert, die mit der stärker entwickelten rechten Gehirnhälfte in die Gesellschaft aufzunehmen. Ich weiß, wovon ich rede. Als ich meine Hände noch benutzen konnte, hat man mich wegen meiner Linkshändigkeit gehänselt. Wer kennt es nicht, all dieses dumme Gerede von linkisch und schwarzer Katze von links und vom biblischen Buhmann-Glauben, der links der Magie zuordnet und die rechte Hand zum Segnen benutzt. Menschen haben schon noch viel Ähnlichkeit mit Mikroben. Aber wir waren ja bei der Chiralität der Elementarteilchen. Auf Quanten-Niveau hatten wir Chiralität wirklich nicht erwartet. Wir dachten, genauso viele Teilchen hätten rechtshändigen Spin wie linkshändigen. In der Tat hatte ein Kollege von mir, als die Hypothese von der Händigkeit der K-Mesonen auftauchte, eine beträchtliche Summe Geld darauf verwettet, daß Gott weder Links- noch Rechtshänder sei.1"

"Gott?"

1 Wolfgang Pauli ging diese Wette ein, als Tsung-Dao Lee und Chen Ning Yang die obige Hypothese aufstellten. Kurze Zeit später entdeckte eine Forschergruppe um C.S. Wu eindeutig die Chiralität bei Elektronen im Kobolt-Zerfall. Information entnommen aus "Superstrings and the Search for The Theory of Everything" von F. David Peat.

"Ja, wir Physiker drücken uns manchmal poetischer aus als die Poeten, aber dabei vergessen wir natürlich nicht, daß wir eigentlich einen vernünftigen Beruf haben."

"Daß, wenn Ihr von den kleinsten Dingen sprecht, Ihr sie nach dem großen Gott benennt, zeigt, daß Ihr zu spotten versteht."

Der Muskellose lachte herzlich: "In unseren Laboratorien wiesen wir nach, daß Gott Linkshänder ist. Wenn das bis zur Bevölkerung durch gedrungen ist, wird Sinistralität wohl kein Stigma mehr sein."

"Es ist zu befürchten, daß sie dann was Neues finden."

"Ja, vielleicht werden sie dann die diskriminieren, die eine stärker ausgebildete rechte Hirn-Hemisphäre besitzen, was dann aufs Gleiche hinausliefe."

"Ja, die Behauptung, die göttliche Großhirnhälfte sei unterentwickelt, kann man auch ohne all zu große Anstrengung seiner grauen Zellen aufstellen."

"Ja, Denkfaulheit ist ein großes Übel."

Die Beiden benahmen sich wie zwei Wellen gleicher Länge und Amplitude ohne Phasendifferenz, aber schließlich, als sie gar zu gemütlich am Oszillieren waren, raffte sich der Muskellose zusammen, um weiter von seinen Super-Strings zu erzählen.

"Ich will meine Gyri und Sulci jetzt mal dazu benutzen, um für Sie zusammenzufassen, welche Anforderungen an eine Theorie der Superstrings gestellt wurden: Sie mußte kovariant sein, symmetrisch und supersymmetrisch, das heißt, im Spiegel der Supersymmetrie mußten Bosonen zu Fermionen werden und umgekehrt, und außerdem mußte die Theorie - wie wir gesehen haben - chiral sein und natürlich frei von Geistern, Unendlichkeiten, Anomalitäten und Tachyonen, das sind Teilchen, die jenseits der Lichtmauer existieren würden, wenn man die Grenze der Lichtgeschwindigkeit als Symmetrieachse benutzen würde. Selbstverständlich mußte die Theorie wie jede Theorie die Phänomene erklären. Das war sehr schwer. Nun gab es eine These, die besagte, daß die Kräfte der Natur durch das Aufrollen höherer Dimensionen entstanden seien, doch die Kräfte entstanden nur bei einer ungeraden Anzahl von Dimensionen, während die Händigkeit der Natur nur bei der geraden Dimensionenanzahl von zehn und mehr erschien, aber beim Komprimieren der Dimensionen wieder verschwand. Doch das eigentliche Problem war, daß man noch zu sehr in der Punkt-Partikel-Vorstellung befangen war und nicht erkannte, daß eindimensionale Strings bei ihren Interaktionen gar keine Kräfte von außen brauchten, keine Quantum-Partikel austauschten. Interaktionen ergaben sich ganz einfach aus der Topologie des Strings, was heißt, er kann reißen, an den Enden zusammenkommen, Schlaufen bilden, Buchten, Augen und Achten. Und wenn so ein String reißt oder sich mit einem anderen vereinigt, sieht es aus, als ob sich die Quantenzahl ändert. Es wurde schließlich eine Symmetrie, die unter hohen Energien und kurzen Distanzen im zehn dimensionalen Raum alles miteinander vereinigt, gefunden, erst wenn die Energie sinkt und die Entfernungen größer werden, bricht die Symmetrie und die verschiedenen Eich-Felder und Masse-Teilchen erscheinen. Beim Bruch der Symmetrie teilen sich die Gleichungen in einen vierdimensionalen und einen sechsdimensionalen Teil. In unserem vierdimensionalen Raum-Zeit-Teil ergeben sich dann die quantumtheorisch bekannten Phänomene, wie Elektronen, Protonen und so weiter, während sich im komprimierten sechsdimensionalen Teil die Masse der Elementarteilchen befindet. Soweit zur offenen String-Theorie. Eine andere Gruppe von Forschern1 befaßte sich weiter mit geschlossen Strings, also eigentlich mit Ringen oder Schlingen, und brachte eine völlig unabhängige Theorie heraus. Da ein geschlossener Ring keine Enden hat, an denen er Quantenzahlen tragen kann, erscheint er leerer Raum zu sein oder zumindest nur mit dem leeren Raum eine Verbindung einzugehen. Das könnte alles sein, war es aber nicht, denn diese Gruppe kam auf die geniale Idee, das Quantenfeld auf den geschlossenen Strings herumwandern zu lassen, und zwar das Fermionen-Feld im Uhrzeigersinn in einem zehndimensionalen Raum und das Bosonen-Feld gegen den Uhrzeigersinn in einem sechsundzwanzig Dimensionen-Raum", der Erzähler rutschte jetzt auf dem Stuhl herum. Man sah ihm an, daß es spannend wurde.

1 David Gross, Jeffrey Harvey, Emil Martinec, Ryan Rohm.

"Diese beiden Wellen von Quantenzahlen rotierten gegeneinander ohne sich je zu stören! Es stellte sich dann heraus, daß, wenn man die zehn fermionischen Dimensionen kompaktifiziert, die sechzehn bosonischen Dimensionen all den Reichtum oder die Fähigkeiten für Gluonen und das elektroschwache Eich-Feld aufwiesen, ja, die sechzehn Dimensionen selbst eigentlich ein Bosonen-Feld waren. Beim Brechen der Über-Symmetrie in zwei kleinere Symmetrie-Systeme gelangten die Forscher zu zwei Universen, unserem und einem Schatten-Universum, das völlig unabhängig von unserem ist und für uns unsichtbar, da die elektromagnetischen Kräfte dieses Universums sowie die dortige starke und schwache Wechselwirkung uns nicht erreichen kann. Das einzige, was wir mit diesem hypothetischen Universum gemeinsam hätten, wäre die Gravitationkraft, was uns Theoretikern sehr gelegen kommt, da es das Problem der fehlenden Masse lösen würde. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung fehlt uns nämlich die nötige Masse, die durch ihre Gravitationskräfte die ewige Ausdehnung des Universums verhindern könnte." Bei dem Gedanken an eine ewige Ausdehnung schauderte der Muskellose.

Adjuna stellte aber eine ganz harmlose Frage: "Ist denn der Raum nicht so gekrümmt, daß auch bei ewiger Ausdehnung alles wieder zu einem Anfang findet?"

"Eine interessante Theorie! Tatsächlich bin ich dabei, mit Hilfe von imaginären Zahlen ein Universum in imaginärer Zeit zu schaffen, das endlich wäre, aber doch keine Enden oder Ecken hätte, weder Singularitäten am Anfang oder Ende noch schwarze Löcher und andere Unebenheiten. All diese fragwürdigen Zusammenbrüche unserer physikalischen Gesetze wären nur Einbildungen oder Sinnestäuschungen, die wir in dem, was wir für wirkliche Zeit halten, erlebten. In Wirklichkeit aber wäre die imaginäre Zeit die wirkliche Zeit, und was wir für die wirkliche Zeit hielten, nur ein Produkt unserer Blindheit."

Adjuna staunte mit weit aufgerissenen Augen.

"Wir Menschen sind blind, denn uns fehlen die imaginären Sinnesorgane für die Wahrnehmung der imaginären Wirklichkeit. Nur die Mathematik mit ihren Wurzeln aus negativen Zahlen verschafft uns einen Zugang zu dieser Welt. Das Universum in imaginärer Zeit ist endlich und doch ohne Ende, wie unsere Erde endlich ist und doch weder oben noch unten wirklich zu Ende ist, sondern scheinbar endlos können wir um sie herumlaufen. Doch selbst für die Kugelgestalt des Universums in imaginärer Zeit habe ich genug Masse angenommen, um alles schön rund zu machen, abzurunden sozusagen. Wenn ich jetzt aber Ihre Idee vom leichten Universum aufgreife, das wieder zurück zu sich selbst findet... dann hieße das ja... - ja das hieße... hieße das vielleicht, wir lebten an der Innenseite der Kugel? Aber was könnte ein leichtes Universum dazu zwingen, sich zu krümmen?"

"Analog denken!" ermahnte Adjuna, "ein Wanderer in der Wüste wird, wenn er den Nordstern nicht sehen kann, im Kreis gehen."

"Eine Seitenkurve?"

"Orientierungslosigkeit ist die Lösung. Alles ist nur ein Umherirren. Im Großen wie im Kleinen!"

"...und das Universum wäre genauso dumm wie die Menschen. So mag ein einfacher Mensch denken. Aber ich bin Wissenschaftler: Ich weigere mich, als Mensch dumm zu sein und herumzuirren. Und was immer wir vom Universum wissen, nichts ist irre an ihm, alles folgt festen Regeln und ist berechenbar."

Gern hätte der Muskellose noch mehr gesagt zu Spekulanten und Phantasten, die Analogien sahen, wo keine waren, und Lehrgebäude aufbauten, die Bruchbuden waren, leere Gebäude, Schlußfolgerungen, die Fallgruben waren, oder gar Mistgruben, um einen besonders kräftigen Ausdruck aus der Welt des Nicht-Mathematikers zu nehmen.

Die große Theorie des Irrens schafft Irre! Nur Höflichkeit gebot ihm zu schweigen. Er hatte eine gute Kinderstube.

"Imaginäre Zeit..."

Der Muskellose dozierte jetzt mit ruhiger Stimme weiter, daß es in imaginärer Zeit keinen Unterschied mehr gebe zwischen Zeit und Raum, da die Koordinate der Zeit nicht mehr wie bei der herkömmlichen Zeit mit ihrem Lichtkegel in andere Richtung zeige wie die Koordinate für den Raum, sondern in gleiche Richtung ununterscheidbar vom Raum.

Die vierdimensionale Oberfläche dieser imaginären Raum-Zeit-Welt wäre also so endlich wie die zweidimensionale Oberfläche der Erde und ohne Anfang. Wo es keine Anfänge gibt, braucht man niemanden, der den Anfang macht. Das heißt - man kommt ohne Schöpfergott aus. Pole sind bloße Punkte, niemand braucht dem Koordinatensystem hier einen Tick zu geben, und Gesetzlosigkeit braucht da auch nicht zu herrschen. Nur in wirklicher Zeit erscheint hier eine Singularität, von der sich dann das Universum zum Beispiel wie im chaotischen Inflationsmodel explosionsartig ausdehnt.

"Die Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Universums wie unserem ist sehr gering. Denn für den Urzustand des Universum, aus dem sich seine Geschichte ergibt, müssen wir die Unschärferelation der Quantenmechanik berücksichtigen. Woraus folgt, daß aus einer sehr großen Anzahl von Universen - jedes ist aufgrund seines anderen Initialzustandes mit anderen Parametern versehen - nur wenige lebendsfähig sind oder gar alt werden. In einer Art Superraum müßte man all diese verschiedenen Universen beobachten können, die meisten zweifellos Totgeburten oder Mißgeburten, einige wären nicht größer als ein Elementarteilchen und lebten nicht länger, als ein Lichtstrahl brauchte, um von einer Seite zur anderen zu kommen, andere lebten vielleicht einige Minuten oder ein paar Jahre, wären unstabil, da sie zu viele Dimensionen hätten oder zu wenig komprimierte, sicher hätten auch andere Universen Sterne, aber vielleicht häßliche, zu Beispiel nur grüne oder violette, oder sie verfügten über überhaupt kein sichtbares Licht, oder sie wären so schön wie Feuerwerkskörper am sommerlichen Nachthimmel, ständig am Explodieren. Daß ein Universum intelligentes Leben hervorbringt, dürfte ganz außerordentlich selten - wenn nicht ganz unmöglich - sein, denn Voraussetzung dafür ist eine außergewöhnliche Feineinstellung, eine exakte Eichung...", der Muskellose ringte nach dem richtigen Wort, "ein Ausbalanciert-sein der Naturkräfte, das durch Zufall nur bei einer unendlichen Anzahl von Universen möglich wäre."

Dem Gesicht des Sprechers sah man an, daß es sich bedenklich anhörte.

"Gibt es denn keine Universen mit intelligentem Leben?" fragte Adjuna.

"Jedenfalls keine außer unserem." - "Ach ja, dann hätte man ja zwei Unendlichkeiten im Superraum", sagte Adjuna. Er kam sich dabei schon selbst wie ein Wissenschaftler vor, da er Unendlichkeiten so unbekümmert wie Geister zusammengezählt hatte. Eins und eins macht zwei.

"Daß wir in unserem Universum so ausbalancierte Naturkräfte finden, - wenn die starke Wechselwirkung zum Beispiel ein bißchen schwächer wäre, wäre das Wasserstoffatom die einzige stabile Erscheinung in unserem Universum; wäre aber die starke Wechselwirkung noch ein kleines Bißchen stärker, könnte nur noch ein Diproton stabil sein; wäre die Gravitationskraft stärker, wäre das Universum schnell und flüchtig, eine Sonne klein und kurzlebig, und für die Evolution von Lebewesen gäbe es keine Zeit; wäre die Gravitationskraft schwächer, hätte die Materie nicht zu Sternen und Galaxien zusammengefunden, sondern hätte wie Staub oder dicke Luft im Raum gehangen, und es wäre auch nicht zur Ausdehnung des Universums so nahe an der Grenze zwischen Zusammenbruch und Verflüchtigung gekommen. Also was ich sagen wollte, all diese ausbalancierten Naturkräfte finden wir nur, weil nur in unserem Universum Leben und unsere eigene Existenz möglich ist. Befänden wir uns im Superraum..."

"Superraum?" rief diesmal verzweifelt Adjuna.

"Ja, ein Raum mit einer unendlichen Anzahl von Dimensionen, wo also jeder Punkt mit jedem anderen Punkt, also der gesamten Geometrie des Superraumes, in Wechselwirkung steht. Wenn wir uns also in diesem Super-Raum befänden, sähen wir all diese Versager-Universen, chaotische Windeier. Da diese Windeier aber kein intelligentes Leben hervorbringen, haben sie keinen, der sie wahrnimmt, und keinen, der die Frage stellt: Warum ist hier alles so chaotisch?"

Nun beweißt er selbst, daß alles nur ein Herumirren ist. Probieren, verwerfen, und dann mal ein Glückstreffer, oder ist es ein Pechtreffer? dachte Adjuna, dem gerade einfiel, daß die mehr oder weniger intelligenten Wesen, die dieses Universum hervorgebracht hatte, nicht besonders glücklich waren.

Er sagte aber laut: "Entstehen und vergehen und entstehen, immer wieder. So etwas habe ich früher schon mal als Kind in Hastinapura gehört. Allerdings hat man uns damals gesagt, alles käme aus Brahma's Nase."

"Oh, nein, es entsteht nicht und wird auch nicht zerstört, sondern es ist einfach da, beziehungsweise nicht da", rief der Muskellose verzweifelt, da er fühlte, daß seine Lektion von der imaginären Zeit auf taube Ohren gestoßen war.

"Vergangenheit und Zukunft, Vergehen und Entstehen sind nur subjektive Erfahrungen, die unsere Sinne machen, da sie unmittelbar mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gekoppelt sind, dem Entropiesatz. Der Entropiesatz aber gibt der Zeit eine Richtung, von der Ordnung zur Unordnung. Leben, lebende Organismen sind Systeme höherer Ordnung, geordnete Energie, die für ihre Entstehung, Entwicklung und Erhaltung geordnete Energie benötigen und selbst Energie ordnen, wobei eine Menge ungeordneter Energie in Form von Hitze und Abfall entsteht. Diese ungeordnete Energie geben sie an die Umgebung ab und tragen so zur Unordnung der Umgebung bei. Die Unordnung, die für ein bißchen Ordnung entsteht, ist immer sehr viel größer als die Ordnung. Es ist dieses Prinzip, das unserem Leben und unserem Denken eine Richtung aufzwingt, die wir für die tatsächliche Zeit halten. Selbst unser Denken und Erinnern ist nichts anderes als ein Lebensprozeß, der Ordnung in unserem Kopf schafft auf Kosten einer größeren Unordnung der Umgebung. Wir strahlen sie als Wärme ab, scheiden Schweiß aus und verarbeiten andere Lebewesen zu einer braunen, kotigen Masse, zu ungeordneter Materie. Die Unordnung nimmt

immer zu, wäre es anders, wäre kein Leben möglich. Universen, die nach Ordnung streben, sind leblose Universen."

Adjuna sah schon wieder Analogien in der Menschenwelt, z. B. einen Beamten mit aufgeräumtem Schreibtisch, der ausdruckslos, sich an leblose Paragraphen haltend Anträge bearbeitete, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, daß lebende Menschen dazu gezwungen wurden, sich an ihn zu wenden. Ein ordentlicher Mensch ohne Leben.

Adjuna verschwieg seine Gedanken, sicher hätte er nur wieder den Forscher mit seiner Unwissenschaftlichkeit verstört. Der merkte zum Glück nichts, sondern redete weiter. Adjuna war sicher nicht der erste Student, der sich aufs Zuhören weniger konzentrieren konnte, als sein Professor aufs Reden.

Leben selbst ist das größte Chaos, dachte Adjuna jetzt. Der Professor dozierte gerade: "Ich wage zu behaupten, daß Leben nur da möglich ist, wo der thermodynamische Pfeil der Zeit und der kosmologischen Pfeil der Zeit in gleiche Richtung gehen."

Adjuna betroffen: "Mein Gott, ich habe nicht aufgepaßt."

Die Ausführungen des modernen Alchimisten waren zu theoretisch geworden, Adjuna verlor die Fähigkeit zur Verstellung, jedoch nicht ganz zum Theatralischen. Er erhob seine Hände und rief: "Ich kam mit leeren Händen. Laßt mich nicht mit leeren Händen gehen!" Und er bückte sich und nahm beide Hände voll Dreck von unter der Maschine, den die Reinigungsleute einfach dahin gefegt hatten, und hob ihn hoch: "Wo kommt sie her, die Materie?"

"Ach, das wollen Sie wissen? Das ist doch ein alter Hut. Wie die Alchimisten früher Gold imitierten, so imitieren wir - das sagte ich ja schon - den Urknall. Zwei einfache Beobachtungen haben uns auf die Idee mit dem Urknall gebracht, einmal eine astronomische, nämlich daß alle Sterne, Galaxien, einfach alles sich mit hoher Geschwindigkeit von der Erde entfernt..."

Adjuna blieb die Spucke weg. Zwar hatte er keine gute Meinung von seinem Heimatplaneten, ein Ort, an dem man zum Mörder und Opfer wurde, der Krankheit, Elend und jede Art von Ungerechtigkeit zuließ, aber daß selbst die Sterne Reißaus nahmen, hatte er nicht erwartet. Wenn die Scheußlichkeit dieses Ortes so zum Himmel stinkt, daß alle Himmelskörper von uns fliehen, dann haben sich die Götter schon lange abgewendet. Das erklärt vieles...

Aber der Muskellose hatte diesmal wieder seine Gedanken gelesen: "Das heißt natürlich nicht, daß unsere Erde so abstoßend ist, sondern, daß sich das ganze Universum ausdehnt, wobei die Distanzen zwischen allen Sternen zunehmen. An jedem anderen Ort des Universums würden wir also die gleiche Beobachtung machen."

Etwas enttäuscht atmete Adjuna auf. Wer wäre nicht gern im Mittelpunkt, wenn auch nur als kosmischer Schreck?

"Wenn sich alles ausdehnt, kann man zurückrechnen, wann alles zusammen war. Und in Maschinen wie dieser hier haben wir beobachten können, was unter hohen Energien, die die Dichte eines zusammengepreßten Universums mit sich bringt, geschieht, und daraus das Szenarium der ersten Minuten des Universums berechnen können.

Ich will Sie jetzt nicht mehr mit Großen Bums-, Blasen- oder Blasen-Bums-Theorien belasten, sondern ganz einfach erzählen, wie einer Zwangsläufigkeit folgend aus radioaktiver Ursuppe Atomkerne und schließlich Atome entstanden, die dann ihrerseits zusammenfanden sowohl zu Sonnensystemen als auch zu Molekülen und organischen Verbingungen. Dabei ist es bedeutungslos, ob man sich das Universum zum Zeitpunkt Null unendlich dicht, klein und heiß vorstellt oder bei irgendwelchen hohen Werten eine Grenze setzt, einen Horizont, enger als ein Elementarteilchen, eine Temperatur hoch genug und Gravitationskräfte stark genug, um in Massen Masse zu erzeugen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar keine andere Bedeutung als Energie hätte, denn jedes Teilchen würde ja für sich schon das ganze Universum ausfüllen. All solche Spekulationen oder Hochrechnungen ändern nichts daran, daß etwa eine Hundertstelsekunde nach Null die Ursuppe, das Universum, auf bloße hundert Millarden Grad Kelvin abgekühlt ist. Das liegt, wie wir aufgrund unserer Kollisionsversuche mit dieser Maschine wissen, unterhalb der Energiewerte für die Hadrone, also der Pi-Mesonen, Muonen und der anderen schwereren Teilchen der starken Wechselwirkung, die die Atomkerne zusammenhalten und mit denen so furchtbar schwer zu rechnen ist. Bei hundert Milliarden Grad haben wir eine Suppe von Masse und Strahlung, Elektronen, Protonen, Neutronen, Positronen, Neutrinos, Photonen und deren Antiteilchen, die ständig aus reiner Energie erzeugt werden und gleich wieder zerfallen, ein wallender Prozeß von Entstehen und Vergehen, ein brodelnder Urfeuerball, in dem selbst die Masseteilchen Stahlung sind. Alles dehnt sich explosionsartig aus. Während sich das Universum verdoppelt, sinkt die Temperatur auf die Hälfte. Temperatur ist natürlich nichts anderes als Energie, Bewegungsenergie, Geschwindigkeit von Teilchen. Wenn die Temperatur oder Geschwindigkeit, wie man will, hoch genug ist, haben die Teilchen so hohe Energien, daß bei einer Kollision andere Teilchen-Antiteilchen-Paare entstehen, zwar würden diese Teilchen, wenn sie ihr Gegenteil treffen, wieder zerstört, doch bei sehr hohen Temperaturen ist die Produktion schneller als die Zerstörung. Bei abnehmender Temperatur jedoch haben die kollidierenden Teilchen immer weniger Kraft und die Produktion fällt zurück, die Vernichtung nimmt überhand. Zuerst vernichten sich Nukleonen und Antinukleonen, dann Positronen und Elektronen, dabei entstehen mehr und mehr Photonen, Strahlungsquanten, Licht. Schließlich ist das Universum überwiegend mit Lichtteilchen angefüllt. Auf ein Nukleon kommen eine Milliarde Lichtteilchen."

Adjuna leise für sich: "Es werde Licht." Nicht, daß ihm ein Licht aufging, er stellte nur mit Verbitterung fest, was für Propagandamöglichkeiten sich aus diesem Licht ohne Lampe für die Bibelgläubigen ergaben.

"Natürlich, wenn wir Licht sagen, meinen wir Strahlung, nicht unbedingt sichtbares Licht, denn der Unterschied von sichtbarem Licht zu unsichtbarem Licht ist nur ein Unterschied der Wellenlänge. Werden die Wellen kürzer, haben wir ultraviolettes Licht, Röntgenstrahlen, Gamma-Strahlen, werden die Wellen länger, infrarotes Licht, Mikrowellen und Radiowellen. Natürlich, die Übergänge sind fließend, und die Wellenlänge entspicht der Photonen-Energie, die in Elektronenvolt oder in Temperaturgrade angegeben werden kann. So ist die kosmische Hintergrundstrahlung drei Grad Kelvin, also im Mikrowellenbereich, die Oberfläche der Sonne aber 5 800 Grad Kelvin, also sichtbare Strahlung und im Innern wird die Sonne heißer, dessen ultraviolettes Licht erreicht uns auch noch. Je geringer die Energie, je größer die Welle und umgekehrt. Chemische Reaktionen geben so um ein Elektronenvolt pro Atom oder Elektron ab, also infrarote Wärmestrahlung oder sichtbares Licht. Auch Photonen von der Sonne tragen ungefähr ein Elektronenvolt Energie und sind wegen der Photosynthese im Blattgrün der Blätter so wichtig für das Leben auf unserem Planeten. Auch uns kommt beim Verdauen unserer Speise diese Wärme zu Gute. Nukleonen sind Millionen Mal stärker zusammengebunden als ein Elektron an einen Kern. Die Explosionskraft einer Atombombe ist also Millionen Mal stärker als eine gleichgroße Bombe chemischen Sprengstoffs, Millionen Elektronenvolt werden frei, die Wellenlänge schrupft auf ein Milliardenstel Zentimeter, Gammastahlung. Auch für das frühe Universum muß man Gamma-Strahlung annehmen."

Adjuna war erleichtert, denn die Bibel erwähnte ganz eindeutig keine Gamma-Stahlung.

"Diese Gamma-Stahlung sorgt für ein thermales Äquilibrium im frühen Universum. Da die Anzahl der Neutrinos und der Antineutrinos sowie die Anzahl der Elektronen und Positronen ungefähr gleich anzunehmen ist, werden durch Kollisionen mit diesen Leptonen genauso viele Neutronen zu Protonen wie Protonen zu Neutronen werden. Mit sinkender Temperatur wird es aber leichter für Neutronen zu Protonen zu werden als umgekehrt. Bei ungefähr zehn Milliarden Grad Kelvin - auf diese Temperatur wird sich das Universum nach etwa einer Sekunde abgekühlt haben - lösen sich die Neutrinos vom thermalen Äquilibrium und gehen von nun an eigene Wege. Bei drei Milliarden Grad beginnen die Elektronen und Positronen zu verschwinden. Die Energie, die beim Auflösen dieser Teilchen frei wird, verlangsamt das Abkühlen des Universum. Die Neutrinos, die sich ja vorher abgekoppelt hatten, sind deshald acht Prozent kälter als das Universum. Aus der Vereinigung von Protonen und Neutronen bilden sich die ersten Atomkerne, schwere Wasserstoff-Atomkerne. Sie fliegen gleich wieder auseinander. Drei Minuten nach Null hat das Universum eine Temperatur von einer Milliarde Grad. Elektronen und Positronen sind fast ganz aus dem Universumsgeschehen verschwunden. Die freigewordene Energie macht die Photonen 35 Prozent wärmer als die Neutrinos. Da die Temperatur nun so niedrig geworden ist und die Elektronen und Positronen so selten sind, spielen Kollisionen mit Neutronen und Protonen kaum noch eine Rolle, jedoch beginnt ein Verfall der freien Neutronen alle hundert Sekunden zehn Prozent der Neutronen in Protonen umzuwandeln. Immer mehr Neutronen werden in Atomkernen gebunden, Deuteriumkerne halten immer länger, und wenn ein Deuteriumkern mit einem Neutron kollidiert entsteht ein Tritium-Kern, und bei einer Kollision mit einem Proton ein Helium-drei-Kern, und immer öfter entsteht auch ein stabiler Helium-vier-Kern. Wenn die Temperatur noch ein bißchen gesunken ist, so daß Deuterium-Kerne stabil sind, dann werden alle freien Neutronen zu Helium-Kernen zusammengebackt, das bisher veränderliche Neutronen-Protonen-Verhältnis erstarrt also. Schwerere Kerne bilden sich zu diesem Zeitpunkt noch kaum, da Kerne mit fünf bis acht Nuklearteilchen nicht stabil sind. Um etwa halb eins, also dreißig Minuten nach Null, wird sich das Universum auf fast dreihundert Millionen Grad abgekühlt haben, das ist jetzt vierzig Prozent wärmer als die Welt der Neutrinos. Wir sollten uns noch einmal vor Augen führen, daß für die Dichte des Universums zu fast einem Drittel die Neutrinos und zu mehr als zwei Drittel die Photonen beitragen, und daß das Verhältnis von Photonen zu all den schweren Elementen, die uns so wichtig erscheinen, weil wir und unsere Werkzeuge daraus sind, nur weniger als eins zu einer Milliarde ist. Elektronen sind jetzt nur noch so viele vorhanden, wie nötig sind, um die Ladung der Protonen zu neutralisieren. Nuklearteilchen sind alle gebunden oder freie Protonen, also Wasserstoffkerne. Noch für 700 000 Jahre ist das Universum zu heiß, um stabile Atome zu bilden. Wenn es dann soweit ist, finden alle freien Elektronen einen Kern, um den sie kreisen können. Die Befreiung des Universums von freien Elektronen macht es durchlässig für Stahlung. Die Stahlung, also die Photonen, führt von jetzt an wie die Neutrinos seit der Abkühlung auf zehn Milliarden Grad ein Eigenleben losgelöst von der Materie und ist heutzutage als Hintergrundstrahlung von drei Grad Kelvin nachweisbar, also im Mikrowellenbereich. Daß die Wellenlänge dieser Strahlung heute 7,35 cm beträgt, liegt an der Ausdehnung des Universums und beweist die Richtigkeit unserer Berechnungen. Die Materie klumpt im Laufe der Zeit aufgrund kleiner Unregelmäßigkeiten in der Geschwindigkeit und Dichte zusammen, die Klumpen werden immer größer, Sonnen und Galaxien entstehen, und manchmal kommt es zu kosmischen Katastrophen, wenn Sterne explodieren. Aber in solchen Explosionen entstehen eine Menge schwerer Elemente, aus denen dann Planete und Sonnen zweiter oder dritter Generation entstehen. Ein bestimmter Abstand von der Sonne bildet eine grüne Zone, und wenn sich ein Planet in diesem Abstand um die Sonne dreht, wird sich darauf Leben bilden. Aber wie gesagt, das alles ist für Physiker schon Allgemeinwissen."

Adjuna: "Ach, wie kommt es bloß, daß die Bevölkerung noch Märchen glaubt. Doch sage mir jetzt, was kam davor, vor dem Urknall?"

"Da sind wir ja wieder am Anfang. Bei dem, was ich vorhin schon erklärte, und was Ihnen zu theoretisch war. Wir drehen uns im Kreis. Was soll die Frage: Was kam davor? Vor was? Vor dem Beginn der Zeit. Welch einen Sinn soll diese Frage haben? Als ich einmal in Rom einen Vortrag hielt, kam am Schluß das Prunkmännchen zu mir. Es verstand von Physik genauso wenig wie Sie, aber es ermahnte mich, nicht jenseits der ursprünglichen Singularität zu forschen, denn da sei Gott.1 Ich verkniff mir ein Lachen. Soviel Ignoranz! Was immer jenseits des Ereignis-Horizontes einer Singularität ist, hat keinen Einfluß auf unsere Welt. Wenn das Prunkmännchen seinen Gott jetzt an so unerreichbarer Stelle parken will oder abstellt, weil alles andere erforscht ist, soll es so gut sein. Die Gottesidee parkt vor der Stunde Null, bis sie verrostet ist. Genauso gut, hätte das Prunkmännchen seinen Gott unter null Grad Kelvin tiefgefrieren lassen können."

1 vgl. Stephen W. Hawking "A Brief History of Time" S. 122

"Und wenn die Menschheit das physikalische Wissen von der Unerreichbarkeit aller Jenseits-des-Ereignis-Horizontes-Parkenden verlöre, bevor jene verrostet wären?"

"Dann geschähe der Menschheit recht."

"Wieso?"

"Es wäre die gerechte Strafe für die Faulheit, nicht lernen zu wollen, was erforscht wurde und zum Wissen gehört."

Adjuna graute vor der Strafe. Er sah Eva brennen.

"Sicher, die leichtfertige Behauptung des Prunkmännchens war dumm. Wir Physiker haben freilich im Gegensatz zur Gottessuche noch eine ganze Menge ernsthafter Probleme, schließlich sind wir keine Alchimisten mehr, die ihre Zeit damit verbummeln, unbewußte Inhalte der Seele in die Materie zu projizieren. Damals sah man in Metallen und Planeten Gottheiten und glaubte, bei bestimmten astrologischen Konstellationen legierten selbst die unlegierbaren Metalle, wenn sie nur den konstellierenden Planeten entsprachen, heute glaubt man, Gott sei jenseits von Bäng und Bums, so was ist kein Fortschritt, weil man immer noch nicht nach Wissen strebt. Es gilt wirklich, die Frage, wo kommt der Dreck an Ihren Fingern her, ohne mystische Spekulationen zu beantworten. Wir haben immer weiter zurückgeforscht und eine gesetzmäßige Entwicklung entdeckt, einen zwangsläufigen Verlauf, und erkannt, daß die Materie aus Energie entstanden ist, und zwar als Materie und Anti-Materie. Wir haben sogar eine Unsymmetrie entdeckt, die die Kurzlebigkeit der Antimaterie erklären könnte. Uns hat jetzt die Frage zu beschäftigen, wo kam die Energie her? Materie ist aus positiver Energie gemacht und fliegt mit großer Geschwindigkeit auseinander, dabei wird sie durch negative Energie, nämlich Gravitationskraft, zusammengezogen. Rechnen wir die positiven mit den negativen Kräften auf, erhalten wir Null. Das Universum ist überhaupt nicht energiegeladen. Beides plus und minus sind notwendig, um ein Universum zu schaffen."

"Wo kommen plus und minus her?"

"Reden wir von was anderem!"

"Nein", sagte Adjuna trotzig.

"Die Null hat sich geteilt", sagte der Muskellose mißmutig. Sein Gesicht zeigte jetzt deutlich Erschöpfungserscheinungen. "Wir sollten auch davon reden, wie es weitergeht. Wenn das Universum zu leicht ist, wird es sich verflüchtigen. Ausgebrannte Sterne, also schwarze Riesen, Neutronensterne und vielleicht schwarze Löcher werden dann für immer unter schwarzem Himmel dahinziehen, erkaltet, leblos. Wäre jedoch die kosmische Dichte größer als der kritische Wert, wird die jetzige Ausdehnung irgendwann zum Stillstand kommen und sich alles schließlich wieder zusammenziehen. Und wie wir während der Expansion in den Spektren der Sternsysteme eine Rotverschiebung feststellen konnten, werden wir während der Kontraktion eine Blauverschiebung feststellen, in der Übergangszeit freilich beides, je nach dem wo wir hingucken, auf etwas Nahes oder auf etwas in der Ferne. Die Temperatur der Hintergrundstrahlung der Photonen und der Neutrinos, die mit expandierendem Universum gesunken ist, wird beim Kontraktieren des Universums wieder steigen. Wenn das Universum nur noch ein Hundertstel der jetzigen Größe hat, wird das Universum eine Temperatur von 300 Grad Kelvin erreichen. Also eine auch für Menschen sehr angenehme Temperatur. Diese Wärme wird direkt vom Himmel herunterstrahlen, ganz ohne Sonne."

Adjuna, der mittlerweile auch schon begriffen hatte, daß 300 Grad Kelvin etwas über 26 Grad Celsius waren, rief begeistert aus: "Da wird das Universum noch einmal aufblühen, bevor es als Feuerball verglüht."

"Wenn die anderen Bedingungen, die fürs Leben erforderlich sind, erfüllt werden...", und nach einer Pause, "eine schöne Idee." Der Muskellose blickte ihr verträumt nach. Gerade als er sich losreißen wollte, hatte Adjuna schon wieder eine Idee: "Bei der Ausdehnung hatte doch auch alles einmal eine Temperatur von 300 Grad Kelvin..." "Natürlich." "Man sagt immer, daß das Leben entstanden ist, sei so furchtbar unwahrscheinlich. Kann es nicht sein, daß das Leben irgendwo im Universum entstanden ist, als während der Ausdehnungsphase solche angenehmen Temperaturen herrschten und die Saat dann durchs Universum wehte und die verschiedenen Planeten befruchtete? Ich meine, bei der Größe des Universums hätte man doch dann nicht mehr so eine große Unwahrscheinlichkeit."

"Schon möglich, vielleicht gab es sogar so etwas wie eine interstellare Atmosphäre. Man müßte mal einen Biologen konsultieren. Ich sehe allerdings in so früher Zeit neben Wasserstoff und Helium kaum schwere Elemente, von denen man leben könnte."

"Appetit kommt beim Essen", meinte Adjuna, der dachte, irgendwie könnte man auch von Wasserstoff und Helium leben, wenn es nur warm genug wäre oder nicht zu heiß.

"Man muß ja auch aus etwas gemacht sein", gab der Muskellose zu bedenken, wenn ich es recht bedenke, auch bei der Kontraktionsphase ist ein Aufblühen hier unwahrscheinlich, die Sterne werden schon zum Zeitpunkt der Umkehrung ausgebrannt sein, so da alles Leben schon längst erkaltet ist. Es wäre natürlich schön, wenn es zu einer Wiedergeburt käme."

"Wäre es nicht noch schöner, wenn es Lebewesen gelungen wäre, bis dahin zu überleben. Wie unendlich alt wären sie! Zweifellos superintelligente Spezies!"

"Nicht unbedingt. Haifische sind älter als Menschen."

"Richtig", gab Adjuna geknickt zu, "Sie sind auch jünger als ich."

"Aber ob nun Lebewesen oder nicht, mit zunehmender Kontraktion wird der Himmel heißer, die Wellen kürzer, schließlich strahlt der Himmel hell und wird immer heller und heißer, Tausende von Graden heiß, auf Licht folgen Röntgen-Wellen, Gamma-Strahlen, Elektronen trennen sich vom Kern, die Hintergrundstrahlung der Photonen wird mit der Materie wiedervereinigt, bei zehn Milliarden Grad gehören auch die Neutrinos wieder zum Ganzen. Alles stürzt zusammen, die Gravitationskräfte sind enorm, ungeheuerlich! Was dann? Alles stürzt zusammen und prallt wieder auseinander? Oder fliegt aneinander vorbei? Oder ist ganz zu Ende? Wir Wissenschaftler sind verliebt in die Idee eines pulsierenden, oszillierenden Universums, das für ewige Zeiten sich ausdehnt und wieder zusammenzieht, ausdehnt und zusammenzieht..." Die Arme des Muskellosen pendelten dazu kraftlos auseinander und zusammen. "Es erübrigt die Idee der Schöpfung. Allerdings taucht da eine theoretische Schwierigkeit auf, mit jedem Zyklus wird das Verhältnis von Photonen zu Kernteilchen ein wenig größer, genau genommen ist es die Entropie der Kernteilchen, die größer wird, so daß selbst diese Zyklen nichts für alle Ewigkeiten Unveränderliches sind. Doch wie unbedeutend ist das alles für uns, nicht nur ist das jetzigen Universum ein ungastlicher Ort, der fast überall zu heiß oder zu kalt für uns ist, selbst auf unserer Erde finden wir nicht überall genug Nahrung, Luft und Wasser, und ungastlich, ungastlich sind wir meist selbst. Sinnlos schaffen wir eine immer ungastlichere Welt, indem wir immer ungastlichere Bewohner schaffen, sinnlose Vermehrung, sinnlose Verschmutzung in Worten und Werken, sinnlose Qualen. Das Universum mag sinnlos sei, aber selbst wenn es einen Sinn hätte, Menschen und menschliches Tun dürfte zu den sinnlosesten Dingen im Universum zählen, wenn wir von dem bißchen Verständnis, das wir erreichen, mal absehen. Aber unsere Theorien sind lückenhaft, sie erklären fast alles, aber nicht ganz alles." Man merkte dem Muskellosen an, wie er darunter litt, daß er so vieles wußte, aber eben nicht alles: "Um auf das Bild von den Kulissen zurückzukommen. Ich muß zugeben, daß zwar die Bühne offen vor uns liegt, auch die Kulissen sich sogar von allen Seiten betrachten lassen, uns jedoch die Nägel, die die Kulissen zusammenhalten, noch verborgen geblieben sind."

Doch Adjuna hörte gerade nicht zu. Seit er etwas von Zyklen gehört hatte, dachte er an den Religionsunterricht seiner Kindheit und an Brahmas Nase - oder war es der Mund, dem an Brahmas Arbeitstag wie eine Blase das Universum entstieg, und in den es sich des Nachts wieder zurückzog? Kalpa nannte sich die Zeit der Ausdehnung und Pralaya die Zeit des Zusammenziehens. Wohl hundert Brahma-Jahre tat der Gott sein tägliches Werk von Ausschnauben und Wiedereinziehen, Schaffen und Auflösen, bis auch ihn der große Überlord, die Zeit, nach dem letzten Zyklus dahinraffte. Waren dann nur noch Photonen und keine Masseteilchen mehr da?

Als Adjuna aus seinen Träumereien erwachte, bat er als Zauberlehrling aufgenommen zu werden. Der Wissenschaftler schüttelte sich mühsam und gequält vor Lachen. Wäre er nicht so krank gewesen, er hätte schallend gelacht und sich auf die Schenkel geklopft: Poetisch wie Poeten und doch was Vernünftiges lernen wollen! Der Wunsch wurde gerne gewährt.

So lernte Adjuna, daß alles gar nicht Zauberei war, sondern nüchterne Wissenschaft. Selbst die magische Formel E = mc2 hatte nichts mit Hokuspokus zu tun, sondern beschrieb die Wirklichkeit, und nach und nach lernte Adjuna, Mystik von Wirklichkeit zu unterscheiden, zumindest am Tage.

Nachts träumte er dann von Brahmas Nase und Mund. Waren nicht einmal beim Gähnen dem Schöpfergott die Veden entwichen und hatte nicht der pferdeköpfige Asura Hayagriva sie geschnappt und für sich behalten wollen, so daß das Wissen der nächsten Kalpa gefehlt hätte? Gut, daß Vishnu die Veden zurückgebracht hatte, bevor Brahma erwachte und ein neuer Schöpfungszyklus begann. Gut, daß nicht alles verloren war.

Wer will Träume zensieren, Träume Nüchternheit kompensieren.

Allgemeinunterricht: "Unser gegenwärtiges Universum ist so kalt, daß die Symmetrien unter den verschiedenen Partikeln und Kräften im Prozeß des Gefrierens zerstört wurden."1

1 vgl. Steven Weinberg "The First Three Minutes" S. 149

Twistor-Theorie: "Gleichmäßige Geometrie, basierend auf den Eigenschaften der Null-Linien, ist ein Schlüssel zur Quantum-Geometrie. Massen und Längen sind keine primären Quantitäten, sondern entstehen auf sekundäre Art. Das Universum begann als gleichmäßige Geometrie, nur Licht und masselose Körper, die sich auf Null-Linien bewegten. Jedoch unter den Null-Linien entstand eine Wechselwirkung, die ursprüngliche, gleichmäßige Invarianz wurde gebrochen und Masse entstand. - Die ganze Idee von Punkten ist zweitrangig. Sie wird durch eine non-lokale Beschreibung der Raum-Zeit-Welt ersetzt. Der Twistor ist ein janusartiges Objekt, sein eines Gesicht zeigt zur Quanten-Theorie, sein anderes Gesicht zur allgemeinen Relativitätstheorie."1&2

Wieder eine andere Theorie: Ursuppe gleich Quark-Suppe.

Und an den Kais sangen die Kinder:

They thought the moon was made o' cheese

You can believe that if you please.

Adjuna war froh, daß der Muskellose nicht nur Lernen vom ihm erwartete, sondern auch solche Arbeiten wie Gartenumgraben, Einkaufengehen, Wagenwaschen etc. für ihn hatte. Sogar noch Schlimmeres!

Daß Adjuna als Lehrling auch solche Arbeiten machen mußte, wie den Dreck, den andere unter die Maschine und die lange Vakuumröhre gefegt hatten, wieder rauszuholen, war eine der unerfreudlichen Aufgaben, die er zu erfüllen hatte, über die er später nie mit jemandem sprach. Wie oft hatte er sich gewünscht, eine Zauberformel zu kennen, die den Besen die Arbeit allein machen ließ!

(Fußnoten)

1 vgl. E. David Peat "Superstrings and the Search for The Theory of Everthing" S. 196 & 199

2 Für das Schreiben von Adjunas Dialog mit dem Wissenschaftler wurden folgende Werke zu Hilfe genommen:

Für Superstring-Theorie: E. David Peat "Superstring and the Search for The Theorie of Everthing"

Für imaginäre Zeit: Stephen Hawking "A brief History of Time"

Für die ersten drei Minuten: Steven Weinberg "The First Three Minutes"

Ebenso waren die folgenden Bücher behilflich: John Boslough "Stephen Hawking's Universe", Robert K. Adair "The Great Design", Harald Frisch "Quarks - Urstoff unserer Welt", Fred Hoyle "Ten Faces of the Universe", Taylor/Wheeler "Spacetime Physics", William J. Kaufmann "Black Holes and Warped Spacetime" u. a.

Für die durch mein Unwissen beim Umrühren der wissenschaftlich-literarischen Ursuppe entstandenen Fehler können die oben genannten Wissenschaftler natürlich nichts. Interessierten Laien, die's genau wissen wollen, empfehle ich, selbst populärwissenschaftliche Werke zu lesen, Fachleuten, beim Lesen meines Potpourris eventuell ein Auge zuzudrücken.

Adjuna blieb so lange beim Muskellosen, bis er unter der ganzen Länge der Röhre ausgefegt hatte. Auf diese Arbeit legte der Muskellose großen Wert nicht nur wegen der Anschauung, sondern auch weil Adjuna kein Geld hatte, um für den Unterricht zu bezahlen, und der Muskellose das ersparte Geld für die Putzfrau mit dem Schulgeld aufrechnete, was bei seiner Großzügigkeit null ergab.

Adjuna konnte von Glück sagen, daß die ringförmige Beschleunigungsröhre von der Maschine mit der Blasenkammer unterbrochen wurde, sonst hätte er wohl bis in alle Ewigkeit zu tun gehabt, so aber warf er nach einer Runde, die vier Semester gedauert hatte, nur einen Blick auf den dicken Staub, der sich auf der anderen Seite der Maschine neu gebildet hatte, gniff ein Auge zu und erklärte seinem Professor, er sei jetzt fertig. Der tat das Gleiche und entließ ihn mit den Worten: Gehe hinaus in alle Welt und erzähle der Menschheit, was du gelernt hast, damit auch sie lernt, was wir heute vom Universum wissen, und versteht, wovon die Rede ist, wenn man vom Universum spricht, und predige der Menschheit auch die rationalen Gesetze, damit sie sich aneignet, rational zu handeln, und nie wieder die Verdammnis der Unwissenheit sie Verbrechen begehen läßt. Erzähle ihnen von der Berechenbarkeit des Universum, damit sie nicht unberechenbaren Priestern folgen. Zeige ihnen die Größe und Großartigkeit des ganzen Universums und sage ihnen, daß dahinter kein Gott steht, den das Leiden kleiner Menschen erfreut. Sage der Menschheit, daß sie wissen sollen, nicht glauben, denken, nicht zuschlagen, lernen, nicht lallen, leben, nicht leiden, essen, nicht fasten, Vergnügen suchen, nicht Buße, lachen, nicht weinen, stehen, nicht knien, die Wahrheit glauben und nicht den Lügnern. Sag ihnen, sie sollen ihren Mitmenschen lieben und nicht ein Phantom im Himmel.

Gern hätte der Muskellose die guten Wünsche, die er seinem Schüler mit auf den Weg gab, mit einem Handschlag besiegelt, aber seine Muskelschwäche ließ ihn ansichts Adjunas Muskelpakete um seine Hand fürchten.

Adjunas Verkündigung:

"Es gibt kein Endziel mehr, nachdem wir streben müssen. Big Crunch zerkrümmelt den Sternenstaub, aus dem wir gemacht sind, auch ohne unser Zutun. Etappen-Ziele aber gibt es genug. Eines ist, die Welt wieder für das Leben zu erobern, wozu auch das Sterben gehört, aber kein Danach, das um so besser wird, je mehr man im Leben auf Knien rumgerutscht hat. Das Leben hat tausend Ziele, doch außerhalb der Laufstrecke sucht nur der Vom-Weg-Abgekommene ein Ziel, ein blinder Narr, der alles verpaßt. Augen auf, aufgestanden, Knie abgeputzt, den Lügnern noch mal ins Gesicht gespuckt. Wünscht ihnen einen schnellen Tod! Denn jenseits der Schwelle, da ist es doch, wo sie, auch wenn sie sich hier mästen, pflegen und den Arzt aufsuchen, angeblich ihr Endziel haben. Wir beten, daß sie's schnell erreichen. Ihre Henker aber wollen wir nicht sein, sonst wären wir ihnen zu ähnlich, wir wollen aber besser sein."

Es war spät geworden beim Muskellosen. Hatte Adjuna beim Muskellosen die Zeit vergessen? Oder war die Zeit stehengeblieben? Als Adjuna endlich wieder auf dem Heimweg war, war es seltsam dunkel geworden. Es lag nicht an der Sonne. Die schien hell wie immer. Auch lag es nicht an der Wissenschaft. Die folgte weiterhin rationalen Gesetzen und wollte die Welt aufhellen. Ihre Lampe war die Mathematik, das hatte Adjuna jetzt gelernt; aber die toten Zahlen wurden in den Händen eines guten Rechners lebendig.

Daß es dunkel wurde, lag auch nicht an den Gegenteilen der Mathematikprofessoren, den Meistern im Fünf-Gerade-Sein-Lassen meine ich, wie Adjuna auf der Kanalfähre feststellen konnte, als er mit gerade diesen Leuten zusammenkam und das Dasein feierte, bis sie wieder Land unter den Füßen hatten. Diese Leute waren immer bereit, ein Auge zuzudrücken und jeden nach seiner Façon glücklich werden zu lassen. Sondern das dunkle Zeitalter begann, weil der Teufel im Sterben lag. Ja richtig, Adjunas Freund Luz war todkrank geworden. Die Zeit griff selbst nach ihm.

Über die schrecklichen Folgen, die der Tod des Teufels für die Menschheit mit sich brachte, war man sich zuerst nicht im Klaren. Die Folge war natürlich die Alleinherrschaft Gottes und seiner Dunkelmänner.

Doch hören wir zuerst Adjunas Dialog mit Luz und denken wir daran: Irren ist menschlich. Irren ist menschlich, morden ist göttlich. Jehova schafft es nur mit Helfershelfern, die große Göttin Zeit kommt ohne solche Leute aus.




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