Am Krankenbett
"Adjuna, die Welt ist zu wirklich geworden. Ich gehe besser. Also mach's gut, alter Freund. Solltest du mich mal brauchen, ruf mich an." So meldete sich Luz aus Fieberträumen mit schwacher Stimme.
"Stirb nicht!" rief Adjuna. Er schickte die andren, feuchtkalte Lappen zu holen. "Stirb nicht! Was soll aus uns werden?"
Luz: "Ich wurde mit moderner Technik konfrontiert. Die Menschen fliegen jetzt zu den Planeten, sie bohren tiefe Schächte in die Erden, sie durchleuchten die ganze Welt, elektrifizieren jede Höhle, tauchen in die tiefsten Tiefen nicht nur des Meeres, sondern auch der Psyche, sie entwickeln Systeme zur Profitmaximierung und Lustvermehrung, sie verpflanzen Organe, spalten Atome und berechnen die letzten Geheimnisse. Da bin ich ein Anachronismus - überaltert. Weine nicht um mich. Es steht dir nicht an, zu trauern, du bist ein Wissender."
"Du hast recht: Dasein ist immer Leiden. Wenn du nicht mehr da bist, bin ich zwar allein und leide, aber du wirst nicht mehr leiden. Vielleicht wird sogar ganz allgemein das Leiden auf dieser Welt weniger werden. Denn seit ich gelernt habe, daß Materie und Anti-Materie sich annihilieren, mag ich wohl die Hoffnung haben, daß mit dem Tod des Teufels auch der Antiteufel stirbt."
"Ist das so einfach?" fragte Luz schwach.
"Wenn du stirbst, muß auch Gott verschwinden, sonst bist du nicht der Teufel gewesen."
"Gott mag ja sterben, aber nicht die, die an ihn glauben. Und auf die kommt es doch an."
"Wenn Gott stirbt, stehen die doch mit leeren Händen da."
"Das merkt doch keiner. Tatsächlich hab' ich den Alten schon lange nicht mehr gesehen. Als sein Söhnchen vergeblich um Hilfe schrie: Eli, Eli, lama sabachthani, hätte man ihn eigentlich schon vermißt melden sollen."
Luz hustete Blut. - Bronchialkarzinom?
Der Sänger und der Bunte brachten gerade die feuchten Tücher. Als sie das Blut sahen, rannten sie gleich wieder raus. Adjuna wischte seinem Freund das Blut ab.
"Ja", sagte Luz, als er das Blut sah, "ich bin Mensch geworden. Für jeden einzelnen von uns kommt irgendwann die Zeit, wo wir sterben müssen, zahlen für unsere Sünden, für übermäßigen Konsum von Leckereien mit Fettleibigkeit und Herzinfarkt, für jede Art von Rauch- und Drecksucht mit Lungenkrebs und was es sonst noch an qualvollen Todesarten gibt, für Religiosität büßt man auf dem Scheiterhaufen oder in der Hölle: Wer seinem Täter nicht entkommt, wird Opfer eines Mordes."
Luz hatte gerade ausgesprochen, da kamen der Bunte und der Sänger mit vier Sanitätern und einem Notarzt ins Zimmer gestürzt. In großer Hektik zerrten die von der Ersten Hilfe an dem Kranken herum, dann riefen sie aufgeregt: "Warum haben Sie nicht früher einen Krankenwagen gerufen? Der Mann muß unbedingt operiert werden."
"So was ist unterlassene Hilfeleistung", drohten sie im Rausgehen.
Dann war Luz weg. Adjuna stand betroffen da.
Als die drei Freunde wieder zu sich kamen, wurde ihnen plötzlich klar, daß keiner wußte, wo man Luz hinbrachte. Schnell liefen sie ans Fenster, aber der Krankenwagen war schon weg. Ans Telefon! Den Notruf.
"Wir hatten eben schon mal angerufen, weil unser Freund krank war. Jetzt hat man ihn abgeholt. Wir haben aber vergessen zu fragen, wo man ihn hinbringt."
"Geben Sie mir bitte seinen Namen."
"Luz."
"Luz was?"
"Bloß Luz."
"Hören Sie, wir haben die Leute hier nicht nach den Vornamen geordnet. Ich brauche den Familiennamen."
"Vielleicht hilft es, wenn wir Ihnen unsere Anschrift geben."
"Nach der Adresse wird bei uns auch nichts geordnet."
"Könnten Sie nicht vielleicht doch mal nachsehen?"
"Tut mir leid, wir haben noch mehr zu tun. Wird ja wohl nicht so 'n guter Freund sein, wenn Sie nicht mal den Familiennamen kennen."
"Aufgelegt." "Dann müssen wir da noch mal anrufen. Was sollen wir sonst machen?"
Beim zweiten Anruf: "Hören Sie, warum rufen Sie nicht bei den verschiedenen Krankenhäusern der Stadt an. In irgendeinem muß er ja sein."
"Ja, danke, das werde ich tun."
Die obige Erfahrung wiederholte sich bei jedem Krankenhaus.
Erfahrung ist gut, wenn sie vorsichtig macht, aber schlecht, wenn sie den Menschen nichts anderes mehr als das bisher Erfahrene erwarten läßt.
"Es hat keinen Zweck. Die wollen alle den Familiennamen."
"Die können oder wollen uns nicht helfen."
"Komm, es sind noch ein paar Krankenhäuser auf der Liste. Die müssen wir auch noch anrufen."
"Es hat keinen Zweck."
Adjuna: "Ich rufe an."
"Hallo. Entschuldigen Sie bitte, ich suche einen Freund. Luz heißt er. Ist er vielleicht eben vom Rettungsdienst bei Ihnen eingeliefert worden."
"Ja, warten Sie. Ich sehe mal in unserer EDV-Anlage nach. - Ja richtig. Ein Luz Luzifer. Bronchialkarzinom. Wird vielleicht schon morgen operiert. Liegt Zimmer 66."
"Wir kommen sofort, um ihn zu besuchen."
Die drei Freunde rannten sofort los, durch Hamburg direkt zum Krankenhaus. Die Stufen hoch krachten sie gegen die Tür.
Wenn früher eine Tür aufging, ohne daß jemand zu sehen war, der sie öffnete, dachte man an Geister, wenn sich heute eine Tür nicht automatisch öffnete, wundert man sich, daß der Laden so altmodisch ist, daß er keinen elektrischen Türöffner hat, oder stößt sich gar den Kopf. Luz hatte recht, die Zeiten hatten sich geändert - oder sollten sich zumindest geändert haben.
Hoffentlich wird in diesem altmodischen Laden, gut für ihn gesorgt.
Luz, krank, Lungenkrebs, im Krankenbett.
War es wegen der verdreckten Luft von den Essen in Birkenau oder die Hamburger Luft, der Dreck von den Rauchsüchtigen in den Kneipen, oder lag die Ursache weiter zurück in der Zeit, als er noch die Feuer der Hölle schürte und dabei verschiedenen Toxiden ausgesetzt war?
Alles hatte wohl an allem ein bißchen schuld.
Was lag ihm bevor? Ein Überleben dank moderner Technik oder nur ein längeres Leiden. Waren die heldenhaften Versuche der modernen Medizin grausam oder gnädig, verlängerten sie das Leben oder das Sterben? Wollte Luz überhaupt ein längeres Leben oder Sterben?
Er sagte nichts mehr.
"Er sagt ja nichts mehr", sagte Adjuna besorgt zum Assistenzarzt.
"Ja, wir mußten ihm eine Beruhigungsspritze geben. Er wollte unbedingt einen Bettnachbarn erstechen."
"Was?"
"Ja, einen Bettnachbarn, der verzweifelt war und immer schrie, man solle ihn töten, den wollte er mit dem Brotmesser erstechen."
"Wo ist der Bettnachbar jetzt?"
"In einem anderen Zimmer."
Adjuna sah seinen stillen Freund traurig an. Er erinnerte sich daran, wie er Luz das erste Mal gesehen hatte, bei den Externsteinen war das gewesen, als Adjuna die Statue des Cheruskerfürsten bewundert hatte. Luz war Mensch geworden, um ihn, Adjuna, zu begleiten. Und jetzt lag er im Sterben.
Er ist Mensch geworden, dachte Adjuna verbittert, ganz Mensch, menschlicher als der Menschensohn. Er wollte seinen Bettnachbarn vom Leiden erlösen. Sein Widersacher, der Menschensohn aber, den so viele anbeten, erfand für die Menschen, neben den Leiden auf Erden, auch noch ewige Höllenqualen. Wie ungerecht, daß ein so guter Freund - nicht nur von mir, sondern der ganzen Menschheit, denn alles Gute, was sie nicht selbst schaffen konnte, hat sie ja von ihm - hier so unbeachtet im Sterben liegt! Die Menschen achten immer die Falschen.
Während Adjuna den gemeinsamen Erinnerungen nachging, wurde er von dem sterbenden Unfallopfer im Nebenbett gefragt: "Kannst du schreiben?" Adjuna bejahte.
"Kann ich dir mein Testament diktieren?" "Selbstverständlich." Adjuna nahm Stift und Papier zur Hand und der Mann diktierte: "Falls noch Organe heil sind, stehen sie nicht für Transplantationszwecke zur Verfügung. Ich verachte die, die am Leben hängen. - Das ist alles. Gib her, ich unterschreibe. -- Halte es hier ganz dicht an meine Hand, damit ich unterschreiben kann", beschwerte sich der Bandagierte über Adjunas Ungeschicklichkeit. Bevor du weggehst, leg bitte die Kabel und Schläuche in meine Hand, damit ich sie losreißen kann."
Als die drei Freunde am nächsten Tag wiederkamen, wurden sie zuerst ins Wartezimmer gebeten, da Luz noch im Operationssaal war.
Warten im Wartezimmer ist eine langwierige Angelegenheit, weil man nicht weiß, was man machen soll.
Da ein Magazinchen durchgeblättert, hier ein anderes. Bloß nichts Interessantes, man könnte ja das Warten vergessen.
Die Witze des Lebens sind lustiger als die der Witzseiten. Man hörte einen Arzt im Hintergrund, der einem Patienten ein Mittel in die Hand drückte, sagen: "Dieses Mittel wirkt diuretisch." Der Patient protestierte: "Was soll denn das? Wieso wirkt das nur theoretisch? Das hilft mir doch nicht!" "Nein, das wirkt diuretisch, das heißt harntreibend."
Zwei Sanitäter im Gang mit ner Trage, überlaut: "Opa, dich zu operieren, lohnt nicht mehr. Du kommst in den Müllschlucker." Der alte Mann schrie. Die Sanitäter lachten. "April, April."
Adjuna ergriff sich ein Literaturheftchen. Die Zeitschrift hatte einen Literaturwettbewerb veranstaltet und druckte in der jetzigen Ausgabe die drei besten Einsendungen ab.
Der erste Preis handelte von einem japanischen Direktor, der heimlich im Matsch eines Reisfeldes badete. Danach rauchte er in forschen Zügen eine Zigarette. Nach dem Lesen der Geschichte, die den zweiten Preis bekommen hatte, stockte Adjuna, was hab ich denn da gelesen? Wurde da die brutale Vergewaltigung eines schwarzen Mädchens beschrieben oder war das eine Tarantel, die sich über ein Insekt hermachte? Adjuna guckte noch einmal genau hin, aber auch nach dem zweiten Lesen blieb ihm die Geschichte verschlossen. Wenn er bescheiden wäre, würde er sagen: Ich bin wohl zu dumm für die Geschichte! Aber er war nicht bescheiden, er dachte: Reiht Wörter aneinander, aber gebt ihnen keine Bedeutung, werdet Schriftsteller. Ich aber will nicht das leere Wort, sondern die volle Tat suchen.
Wenn man Literatur liest, muß man sich immer den, der dahinter steckt und sich alles zurecht fantasiert, vorstellen, dann verliert man schnell die Ehrfurcht davor.
Ich lobe mir das Werk jenes Bildhauers, der ein Brett an ein Stück Holz nagelte und es Selbstbildnis nannte, da brauche ich mich nicht erst durch lange, leere Text zu quälen und fühle mich doch leer, obwohl dieses Bildnis voller ist als die wortreichen Werke leerer Literaten, denn es ist das Selbstbildnis der ganzen Menschheit. Mehr Bedeutung kann man nicht in zwei Stücke Holz bringen. Ultima reductio.
Das einzig Bemerkenswerte am dritten Text war für Adjuna, daß sich jemand umständlich eine Zigarette anzündete und nachdenklich dem Rauch nachsann. Eine Beschreibung, die Adjuna schon öfters gelesen hatte, aber diesmal nahm er selbst einen Schreiber und wurde zum Po-eten. Er schrieb an den Rand: Raucherschwein, laß das Rauchen sein. So etwas sollte man an jeden Zigarettenautomaten schreiben, dachte er. Als wenig später der Protagonist der Geschichte auch noch das Beten wieder lernte, war Adjuna der Literaturgenuß ganz verdorben.
Ein Leben lang hatte sich der Protagonist nichts aus dem Christentum gemacht. Seit der Gehirnwäsche durch Elternhaus und Schule war es tief in seinem Innern am Schlafen. Aber jetzt, wo es ans Sterben ging, wurden seine Zweifel am Christentum und der Lehre vom Leben nach dem Tode übergroß. Um diese Zweifel zu betäuben, war fieberhaftes Beten von Nöten. Und wie allen religiösen Menschen, die an Jesus und's Paradies glaubten, machte ihm der Widersinn seiner frommen Bitte, noch ein bißchen im irdischen Jammertal bleiben zu dürfen, nichts aus.
Ja, so sind die Menschen. Im Todesaugenblick wird ihnen klar, daß ihr einziges Leben zu Ende geht und das Paradies Humbug ist. Sie werden Atheisten, aber der schlechtesten und unwürdigsten Sorte, denn sie jammern rum, daß ihnen ihr einziges Leben nicht genommen wird. Und ihre Angst läßt sie schreien: Gott, Gott! was eigentlich heißen soll: Ach, gäbe es doch einen Gott, gäbe es doch ein Paradies, in dem ich weiterleben könnte! Aber sie wissen, es gibt beides nicht. Und sie müssen sehr laut schreien, um ihr Wissen zu übertönen, ihr bißchen Vernunft betäuben. Aber Angst und Unwissenheit können nie das Wissen ganz besiegen, das ist unmöglich. Sie mögen ja als bekennende Christen sterben, im Innern sind sie Wissende, wissende Atheisten.
Lippen sind zum Lügen da. Ein Leben lang haben sie's gelernt. Um den Leuten die Wahrheit ein bißchen näher zu bringen - früh übt sich, wie die Kurzgeschichte, das Märchen, unbeabsichtigt zeigte: In den letzten Stunden ist es zu spät dafür -, schrieb Adjuna an den Rand: Wie die Raucher die Luft verschmutzen, so verschmutzen die Christen den Geist. Und Adjuna dachte: Der Protagonist der Geschichte ist zwei Schmutzfinke in einem.
Und das herzzerreißende Ende der Geschichte ließ ihn kalt. Rührselige Christen-Pornolalie.
Adjuna tat das Werk als wenig erbaulich ab.
Wenig erbaulich für einen wissenden Atheisten.
Luz's Tod
Den ganzen Tag hatten Adjuna, Orpheus und der Bunte gewartet. Immer wieder hatte man sie vertröstet. Es würde noch ein bißchen dauern. Die Gesichter der Freunde hatten den leeren, unbefriedigten, ja blöden Ausdruck von Leuten, die einen ganzen Tag vertan oder verwartet hatten, angenommen. Einen Tag ihres Lebens hatte sie verloren. Sie hätten genauso gut tot sein können. Nein, als Tote hätte ihnen die Langeweile nicht so zu schaffen gemacht. Über acht Stunden hatten sie in diesem verdammten Wartezimmer gesessen. Endlich kam der Chefarzt. Auf die Uhr blickend: "Buh, das war ein voller Arbeitstag." Man sah ihm an, daß er was geleistet hatte.
Seine Erregung kontrastierte mit der Lethargie der Freunde. Die fragten, als sie sich mühsam von den Sesseln erhoben: "Wie geht es ihm?"
"Wir haben zuerst den Primärtumor am linken Hauptbronchus entfernt, sowie die sich daran anschließenden Bronchialäste und das Lungengewebe der Umgebung. Er wird erstmal nur mit der rechten Seite atmen müssen. Leider befanden sich auf der Speiseröhre und dem Zwerchfell Geschwüre, die entfernt werden mußte. Er hat jetzt einen künstlichen Mageneingang gleich hier." Der Arzt zeigt bei sich auf die Gegend unterhalb des Brustbeines.
"Leider sind durch die Lymphbahnen Tochtergeschwüre entstanden, nicht nur an den Lymphknoten unter den Armen, die wir entfernt haben, sondern auch am Mast- und Grimmdarm. Dreißig Zentimeter haben wir da rausgenommen." Der Arzt fuhr sich an der Elle seines Unterarmes lang, um den Freunden eine Vorstellung von der Länge des Stücks zugeben. "Er hat jetzt also auch einen künstlichen Ausgang. Hier vorn, oberhalb des Beckenknochens. Wir wissen leider nicht, ob wir alle Metastasen entfernt haben. Vielleicht müssen wir ihn noch mal operieren."
"Können wir ihn sehen?"
"Sein Blutkreislauf ist zusammengebrochen. Systolische und diasystolische Werte sind beide Null."
Ein anderer Arzt kam ins Zimmer. Der Chefarzt fragte: "Na, wie steht's?" "Immer noch Null zu Null." "Das kriegen wir schon wieder hin", meinte der Chefarzt im Weggehen. Adjuna schlich hinterher.
Luz ging es schlecht. Er lag auf der Intensivstation. Mit Elektro-Schocks versuchte man sein müdes Herz wieder zu starten. Bei jedem Stromstoß zuckte der ganze Körper. Da sein Herz nicht so wollte wie die Krankenschwester, drehte sie mit verbissenem Gesicht höher und höher. Schließlich hatte sie voll aufgedreht. Luz's Körper flog bei jedem Schlag ein paar Zentimeter hoch, Funken sprühten an allen Seiten. Ein zweiter Wiederbelebungsspezialist stülpte ihm eine schwarze Gummimaske über Nase und Mund. Beim Festschnallen stellte er sich so ungeschickt an, daß er einen gewischt bekam. "Verdammt, stell das Gerät mal einen Moment ab!" fluchte er. Die Schwester lachte wie die Domina einer SM-Orgie, aber war wie jene nicht gnädig. Und der Pfleger riß seine nervösen Finger immer rechtzeitig vor einem Schlag vom Kopf des Patienten.
Endlich war er fertig. Luz's Körper zuckte jetzt nicht nur bei jedem Elektro-Schock, sondern seine rechte Brusthälfte hob sich nun bei jedem Atemzug, eigentlich ein Atemstoß oder -druck, sackte aber nach jeder Füllung unnatürlich wieder zusammen. "Ein bißchen mehr Sauerstoff, sonst geht er hopps." Der Sauerstoffanteil an Luz's Atemluft wurde erhöht. Bei jedem Ausatmen entstand ein seltsam hohles, röhrend pfeifendes Geräusch. Die Schwestern mußten kichern. "Der hat auch schon mal besser geröchelt."
Ein Arzt strahlte ihm mit dem Scheinwerfer der OP-Lampe direkt ins Gesicht, seine glasigen Augen reagierten nicht, sie waren völlig leer. "So wird das nichts. Wir müssen die rechte Lunge direkt an den Ventilator anschließen. Schade, daß wir schon zugenäht haben." Er riß die Maske los, kippte den Kopf nach hinten und klappte den Mund auf, dann steckte er einen Plastikschlauch, etwas dicker als einen Daumen, tief hinein, das ging natürlich nicht ohne weiteres, jedenfalls nicht ohne Gewalt.
Der Pfleger von vorhin staunte: "Kriegen Sie keinen Schlag?" "Nee", lachte der Assistenzarzt, "meine Schuhe sind isoliert." - "Den Trick muß ich mir merken."
"Injektionen, Injektionen, Mädchen", der Chefarzt klatschte in die Hände, er wollte die Herausforderung annehmen. So bekam Luz, oder was von ihm übrig war, Adrenalin-Injektionen, die sein Herz stimulieren sollten, außerdem Sodium-Bikarbonat-Injektionen zur Kompensation der Säure, die sich in seinem Blut angesammelt hatte.
"Was macht der Blutdruck?"
"Immer noch Null zu Null."
"Ist er tot?" fragte Adjuna schüchtern aus dem Hintergrund und klopfenden Herzens. In seiner Brust pochte es bis zum Hals auch ohne Herzmittel.
"Nein, nein, das kriegen wir schon hin", sagte einer der Ärzte, ohne ihn zu beachten.
Adjuna kleinlaut: "Aber sein Herz schlägt doch gar nicht mehr."
Der Arzt laut: "Noch steht es Null zu Null, unentschieden. Aber nicht mehr lange. Wir werden gewinnen."
Neuer Befehl: "Dopamin in die Venen träufeln!"
Dopamin ist die Muttersubstanz aller Blutdruck stimulierenden Hormone.
Das Wunder geschah. Eine Schwester rief trumphierend: "Vierzig zu null!"
"Sehen Sie", sagte der Arzt zu Adjuna, "hab ich Ihnen doch gesagt."
Dann gab er neue Befehle: "Festschnallen! Vielleicht kommt er zu sich", meinte der Arzt besorgt.
Adjuna: "Wieso? Was ist denn so schlimm daran, wenn er zu sich kommt?"
"Dann wird er versuchen, sich den Schlauch aus dem Hals zu ziehen und die Dopamin-Schläuche aus den Venen."
Ein anderer Arzt: "Vierzig zu Null. Mehr ist nicht drin. Wir parken ihn jetzt am besten in seinem Zimmer."
Der erste Arzt: "Vergeßt nicht den Katheter! Ist der künstliche After versorgt?"
Eine Schwester machte sich sofort daran ein dünnes Schläuchchen die Penisöffnung hochzuschieben. Dann schob man Luz zusammen mit dem Herzschrittmacher und dem Beatmungsgerät ins andere Zimmer.
Lebte er? Es hörte sich mal kurz so an, als ob er stöhnte. War das ein Lebenszeichen?
Ein Lebenszeichen schon, aber kein Leben.
Als die Freunde am nächsten Tag wiederkamen und dem Chefarzt schon im Korridor begegneten, fragten sie ihn gleich, wie es Luz ginge. "Wir haben noch einen Schlauch in seinen Magen verlegt, um den Magenschleim abzuziehen. Gehen Sie nur zu ihm. Eine Schwester ist bei ihm."
Das Quarz-Manometer zeigte Luz's systolischen Blutdruckwert noch immer mit 40 an. 40 dank Dopamin. Diastolischer Blutdruckwert: Null, noch immer Null.
Luz hatte schon lange vor der Operation an Appetitlosigkeit gelitten und nichts gegessen, so daß sein Metabolismus gezwungen war, auf Hungerstoffwechsel zu schalten und die Energiereserven wie Kohlenhydrate und Fette zu verbrauchen. Doch die geringen Kohlenhydratvorräte sind schnell verbraucht und die Fettreserven des mageren Luz hielten auch nicht lange, schon bald knapperte er an der Körpersubstanz, dem Eiweiß. Die Ärzte wußten das, denn schon am Tag vor der Operation hatten sie Ketonkörperchen in seinem Urin und Blut festgestellt, ein sicheres Zeichen für Glucosemangel, Hypoglykämie.
In der Nacht nach der Operation machte sich der Hunger nach Blutzucker auch in Luz's Gehirn bemerkbar. Es starb, es starb langsam, sehr langsam starb es ab. Es konnte noch Monate dauern, bis es ganz mausetot war. Im Moment machte sich der Schaden am Gehirn nur durch chaotische Nervenfunktionen bemerkbar, die Muskelkontraktionen verursachten, oder allgemeinverständlicher: Krämpfe, Krampfanfälle. Solche Anfälle sehen elend aus und sind es auch, wenn man nicht wie Luz den Segen der Komatose erteilt bekam.
Als die Freunde Luz immer wieder zucken und steif werden sahen, riefen sie verzweifelt aus: "Er hat Krämpfe!"
"Ja", meinte die Krankenschwester lakonisch, "er bewegt sich jetzt."
"Er hat doch nur noch Schmerzen, schalten Sie doch die Geräte ab!" - "Er ist doch ohnmächtig, da tut ihm das nicht weh", gab die Schwester zur Antwort, aber gnädig nahm sie den Knopf der Interphone-Anlage und meldete dem Chefarzt, daß die Besucher ihm einen Wunsch vorzutragen hätten. Sie sah gelangweilt aus.
Als der Chefarzt kam, und die Freunde ihm vorwarfen, daß Luz weder essen, noch selbst atmen und auch seinen Blutdruck ohne starke Drogen nicht selbst halten könne, also praktisch tot sei, wenn man nur diese verdammten Maschinen abschalte, protestierte der Arzt: "Oh nein, der Neurologe hat eindeutig festgestellt, daß sich in seinem Gehirn noch etwas tut." Und belehrend, als sei er ein weiser Mann: "Noch hat ihr Freund was vom Leben! Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos!" Er winkte ab. "Wenn sein Gehirn in ein paar Monaten ganz tot sein sollte - was nicht sicher ist, da wir ihm fleißig Glucose geben, - wenn es nur zu seinem Gehirn gelangen würde! - also dann könnten wir mal darüber reden. Aber das ist ein heikles Thema. Gern tun wir das nicht. Wenn wir abschalten sollen, dann müssen sie Beweise bringen, daß es der Wunsch des Patienten ist, und so weiter. Offizielle Papiere. Das Recht zu entscheiden, daß abgeschaltet wird, müssen Sie wohl erst einklagen. Sie sind ja nicht mal mit ihm verwandt. Hat er keine Angehörigen?"
Auf dem Rückweg fragten sich die Freunde: Was wäre, wenn man ihn nicht operiert hätte? Wäre er jetzt tot? Oder auch im Koma? Oder wäre er bei Bewußtsein? Vielleicht unter großen Schmerzen am Sterben? Oder schmerzlos unter dem Einfluß von schmerzstillenden Mitteln dabei, benommen ein paar dumme Abschiedsworte zu sprechen? Vielleicht hätte er sich auch rechtzeitig selbst getötet. Eins war sicher, Ihnen drohte in jedem Fall eine Verfolgung wegen Totschlags durch Unterlassung.
Adjuna meinte: Die Sozialfürsorge ist zu fürsorglich, daß sie dieses sinnlose Lebenverlängern bezahlt. Dafür könnte man vielen leidenden Menschen helfen.
Es dauerte gar nicht so lange, da kam ihnen bei einem Besuch im Krankenhaus der Chefarzt mit den Worten "Er ist jetzt leider gehirntot!" entgegen. Waren diese Worte der Kondolenz Gewohnheit, Zynismus oder ehrliches Bedauern? - Sadismus?
Alle gingen in Luz's Zimmer. Die Drei sahen ihren Freund an, sie waren nicht trauriger als sonst. "Radioaktive Untersuchungen unseres Neurologen haben festgestellt, daß sein Gehirn jetzt abgestorben ist." - "Dann können Sie ja jetzt abschalten." - "Aber er lebt! Puls schlägt. Sein Blutdruck ist stabil. Naja, vierzig zu null." - "Nur dank Dope und Belüfter." Mit einem zornigen "Abschalten!" schaltete sich der Bunte in die Auseinandersetzung ein. "Euthanasie? Wissen Sie, die Pastoren sind dagegen, und wir haben eine christliche Grundhaltung." - "Wie können Sie als Arzt das ernst nehmen, was die Waffensegner und Hexenverbrenner sagen?" schimpfte Orpheus dazwischen.
Ein anderer Arzt, der inzwischen eingetreten war, schaltete sich jetzt in die Ausschaltdebatte ein: "Wir Ärzte", sagte er und holte tief Luft, "wir wissen, daß der Mensch, wenn sein Gehirn aufgehört hat zu funktionieren, eigentlich kein Mensch mehr ist, sondern nur ein menschenähnliches Gemüse, eine lebende Leiche, aber -", zweites Luftholen, "- und das habe ich auch schon vor dem parlamentarischen Ausschuß gesagt - rein gefühlsmäßig finden wir, daß solange das Herz klopft oder am Klopfen gehalten werden kann, der Mensch nicht tot ist." "Mein Gott", schrie Orpheus verzweifelt, "diese Ärzte sind ja fast gehirntot. Sie verzichten freiwillig auf Gehirnfunktionen und fällen ihre Entscheidungen lieber mit Hilfe ihrer Gefühle!"
"Ich reiße den Stecker raus", entschied der Bunte. Nicht minder eine Gefühlsentscheidung. "Umh-umh", Adjuna hielt ihn zurück.
"Wenn Sie uns zum Abschalten zwingen wollen, dann müssen Sie prozessieren. Das ist ein langer Weg. Wenn das Gericht entscheidet, daß wir abschalten müssen, dann schalten wir natürlich ab", belehrte einer der Chirurgen die Freunde jetzt.
Die Auseinandersetzung zog sich noch eine ganze Weile hin mit Appellen, Vorwürfen, Ermahnungen, Drohungen und Anfeindungen, denn sowohl der Bunte als auch der Sänger waren sehr erregt. Adjuna aber hielt sich jetzt zurück.
Plötzlich rief eine Schwester: "Der Patient ist ja ganz kalt und ohne Puls!" Ein Blick auf den Monitor bestätigte das.
"Mysteriös." "Ein Wunder." "Was kann bloß seinen Tod verursacht haben?" So kommentierten die Ärzte Luz's Tod. Sie hatten doch alles getan, warum war er nur gestorben?
Ein solcher Glücksfall ist außerordentlich selten, ja geradezu unwahrscheinlich. Die im weißen Kittel schüttelten ihre Köpfe.
Orpheus und der Bunte hatten ihren Willen.
Und Adjuna? Warum war er so indifferent geworden? - Eine neue Erkenntnis: "... Freilich ist ein solches Überleben im Gemüse-Zustand weniger mit Leiden verbunden, als ein Leben bei vollem Bewußtsein."
Und er erklärte dem Bunten, daß er ihn zurückgehalten hatte, weil es sich nicht lohnte, sich von irgendwelchen Menschenfeinden wegen Mordes verfolgen zu lassen, bloß um einen Freund aus einem nicht-leidenden Zustand zu erlösen.
Abschalten oder Nicht-Abschalten, das war eigentlich egal geworden. Wenn es Leute gab, die so sinnloses Überleben erzwingen konnten, ...
Auf Unsinn mit Unsinn zu reagieren, war
unsinnig.
Merkwürdiges passiert merkwürdigerweise immer wieder. Durch irgendein merkwürdiges Versehen, einen mystischen oder mysteriösen Umstand oder Zufall - wie des Fehlen eines Testamentes - kann es passieren, daß ein Anti-Christ ein christliches Begräbnis bekommt. Sicher, merkwürdigen Zufällen wird oft mit dummen Einfällen nachgeholfen. Das macht Merkwürdiges oft weniger würdig, als weithin angenommen wird. Die unwürdige Zeremonie, der Luz nach seinem Tode unterworfen wurde, war dem Eingriff eines Amtsstubenschreiberlings und -schimmelreiters zu verdanken. Unter dem Schimmel des Einwohnermeldeamtes hatte er zwar eine Eintragung gefunden, daß Luz in der Stadt gemeldet war, aber sonst nichts, keine Angehörigen, keine persönlichen Daten, nichts, nur ein Vermerk: früherer Wohnsitz: Ubierstadt.
Die Gewissenhaftigkeit des Amtsstubenschreiberlings bestand nun in der Wahrhaftigkeit und Schritthaftigkeit seiner nächsten Schritte.
Schritt eins: Auskunft einholen beim Bundesgrenzschutz GSG9. Der kleine Beamte staunte nicht schlecht, als er erfuhr, daß der Bundesgrenzschutz Luz gar nicht beschattet hatte, obwohl er doch mit so gefährlichen Leuten zusammen war. Schnitzer, Schnitzer erlauben sich manche Leute. Immer die anderen.
Dann Anruf beim Verfassungsschutz. Aber auch dort konnte man dem guten Mann nicht helfen.
Schritt zwei. Keine Angehörigen. Ohne Begeisterung konstatierte der Schreiberling, daß er und seinesgleichen, der Fiskus, als einziges erbberechtig waren. Die Erbmasse war auch nur ein mäßiges Sparguthaben.
Schritt drei. Schrittfest, trittsicher, mit Schuhen die drei Nummern zu groß waren, begab sich der Schreiberling nun auf das Glatteis eines umfangreichen Paragraphenwerkes. Bald fand er, was er suchte: Nachlaßverbindlichkeiten. Beerdigungskosten. Der Erbe trägt die Kosten der standesmäßigen Beerdigung des Erblassers.
Schritt vier. Mit Geistesschärfe schlußfolgerte er: Die Ubierstadt ist der Hochaltar des katholischen Hochburgenlandes. Jeder Ubier wird also Katholik sein. Der Tote kam aus der Ubierstadt... Ein katholischer Priester muß her!
Als Adjuna, der Sänger und der Bunte aufs Amt gingen, um gegen die geplante christliche - noch dazu katholische - Beerdigung zu protestieren, wurden sie abgewiesen: Es gibt keine Papiere und kein Testament. Und da er aus der Ubierstadt kommt und die Mehrheit der dortigen Bevölkerung Christ und Katholik ist, müssen wir annehmen, daß er auch Christ und Katholik ist. Und zumal er genug Geld gespart hat, um für die Predigt und die Trauerfeier zu bezahlen, ist nicht einzusehen, warum wir ihm das vorenthalten sollen.1
Zeugen? Sie wollen was bezeugen? Sie sind doch gar nicht glaubwürdig! Sie sind doch ganz unnn---glaubwürdig. Beinahe hätte der Beamte sein Gefühl sprechen lassen und 'unsympathisch' gesagt. Die Notbremsung war ihm noch mal gelungen. Aufwiegler, Volksverhetzer, Revoluzzer, dachte er verächtlich. Der Tote sollte seine fromme Beerdigung kriegen. Auf Biegen oder Brechen. Allein um diese Mistkerle zu ärgern.
"Tut mir leid, aber ich kann wirklich nichts für Sie tun. Wir haben unsere Vorschriften", sagte er aalglatt. Er grinste ein Lächeln. Wie oft hatte er diesen Satz schon in seinem Leben gesagt! Er war das Symbol all seiner Macht, seiner Allmacht. Während die Drei verärgert rausgingen, streichelte er liebevoll über seinen Satz.
(Fußnote)
1 Das Leben selbst schreibt oft die komischsten Geschichten und einem phantasielosen Schriftsteller bleibt oft nichts anderes, als das Leben zu plagiieren. Manchmal wird er die geklaute Idee ein bißchen tarnen, verkleiden, ihr ein anderes Gewand geben. So ist es auch bei mir. Das wirkliche Leben schrieb die folgende Geschichte: Mein Großvater, ein Kölner Polsterer, fand eines Tages vor seiner Werkstatt ein Findelkind. Da er sich schon seit Jahren ein Kind wünschte, seine Ehe aber bisher kinderlos geblieben war, wollte er das Kind gerne adoptieren. Diese Adoption verhinderte die katholische Kirche mit der Begründung, daß die überwiegende Mehrheit der Kölner katholisch sei, man also davon ausgehen könne, daß das ausgesetzte Kleinkind auch katholisch* sei, mein Großvater aber, obwohl selbst katholisch, die Schandtat, eine evangelische Frau zu ehelichen, begangen habe, so daß nicht sichergestellt sei, daß das Kind eine ordentliche katholische Erziehung bekomme. Zwar hatte meine Großmutter vor ihrer Trauung in einer katholischen Kirche, dem Priester schwören müssen, daß sie ihre Kinder im katholischen Glauben erziehen werde, doch dieses Versprechen war der Kirche in diesem Fall nicht genug. Das Kind kam in ein katholisches Waisenhaus. Man kann nur hoffen, daß ihm dort das Überleben geglückt ist, denn in der damaligen Zeit waren die Überlebenschancen in solchen Häusern nicht zu rosig. Aber es galt ja die Seele zu retten. Mein Großvater hat dann später aus Protest, all seine Kinder, sieben an der Zahl, evangelisch erziehen lassen, ignorant der Tatsache, daß die Evangelischen genauso intolerant sind.
PS.: Daß es in den ersten Jahren seiner Ehe nicht geklappt hat... Die Wege des Herrn sind doch wirklich mysteriös.
* Fußnote zur Fußnote! In Wirklichkeit sind Kinder natürlich, bevor sie das Opfer religiöser Indoktrination werden, Atheisten.
(Ende der Fußnote)
So wurde Luz mit katholischem Hokuspokus beerdigt.
Predigt des Predigers mit Null-Wissen über Luz: Ein treuer Diener vor dem Herrn... blabla... Amen. Er sagte viel Nichtssagendes.
...und Luz drehte sich nicht einmal um. Er lag ja auch noch nicht im Grab.
Erst kam es noch auf dem Friedhof zur Asche-zu-Asche-Staub-zu-Staub-Zeremonie. Und während sie dem Zeremonienmeister zusahen, sagte Adjuna zum lebendigen Gott, dem Bunten, neben sich: "Was meinst du, ob es leichter ist, die Menschen davon zu überzeugen, daß Staub glücklich ist, als von einem Glücklichsein im Paradies?"
"Warum?"
"Weil die Menschen, wenn sie vom Glücklichsein des Staubes überzeugt sind, vielleicht leichter sterben. Vielleicht gehen sie dann sogar freiwillig. Was für ein Glück wäre das!"
"Naja, Staub kann man immerhin sehen. Man kann sogar sehen, daß er sich weder ärgert noch traurig ist."
Staub ist glücklicher als wir.
Der Glaube ans Paradies schließt immer die Hölle mit ein, also Angst. Die Bevölkerung des Abendlandes mußte Jahrhunderte gefoltert werden, bis sie endlich die Religion mit dem Paradies im Jenseits kapierte, und jetzt, wo nicht mehr gefoltert wird, kapieren sie's schon wieder nicht mehr.
War es zu frevelhaft, dem Teufel ein christliches Begräbnis zu geben?
Jedenfalls kam es noch zu einem sehr denkwürdigen Ereignis, als der Zeremonienmeister ein letztes Mal sein Dreckschäufelchen in das offene Grab schütten wollte: Ein kleines Hündchen, wohl eine Promenadenmischung, ein Bastard, mit verfilzten, klebrigen Haaren, geradeso wie Luz's Haare einst gewesen waren, hatte sich durch die Büsche geschlichen und war nun in die Nähe des Priesters gekommen. Mit aggressivem Gekläffe fuhr es den Priester an. Und als der, statt das arme Tierchen zu segnen, es mit dem letzten Dreck, den er auf seinem Schäufelchen hatte, bewarf, sprang ihm das kleine Teufelchen - an die Kehle. Doch Glück im Unglück - katholische Schutzengel müßte man haben! - das kleine Hündchen schaffte es nur halb so hoch.
Ob ihm der Durchbiß gelang, die Kastration also, die dem Priester zweifellos die Einhaltung des Zölibats erleichtert hätte, oder ob es nur zu einer Vasektomie kam, oder gar noch harmloseren Verletzung wurde auch später nie von kirchlicher Seite offenbart. Sicher ist nur, daß dem Priester das letzte Amen, mit dem die Dreckschaufelzeremonie abgeschlossen werden sollte, nicht mehr über die Lippen kam.
Als der Priester im Krankenwagen weggebracht wurde, meinte Orpheus der Sänger, dem in der Zwischenzeit der Hund zugelaufen war, während er das Tier hätschelte: "Gelzen nennt man sowas wohl. Ich werde dieses denkwürdige Ereignis in einer Ballade verewigen."
Auch Adjuna sagte: "Braves Hündchen, wieviel Weihwasser wurde doch schon ungläubigen Menschen aufgezwungen!"
Die drei Freunde lockten das Hündchen, aber das Hündchen blieb beim Grab.
Am gleichen Abend. Der Sänger schrieb an seiner Ballade. Der Bunte machte einen Lokalbummel, um - wie er es nannte - sich einen seriösen Job zu suchen. Als leibhaftiger Gott immer seinen Leib hinzuhalten, besonders die Rückseite, sei auf die Dauer zu anstrengend. Im Stillen fragte er sich, ob Analverkehr wohl das Hämorrhoidenrisiko erhöhe, oder ob nicht im Gegenteil eine solche Massage des Afters die Möglichkeit, Hämorrhoiden zu bekommen, verringere und er selbst nur ausnahmsweise mit diesem Leiden geschlagen worden sei. Die Wissenschaft sollte da mal epidemiologische Untersuchungen anstellen. Er fragte sich auch, ob andere Götter, die Menschen geworden waren, wohl auch unter solchen Beulen gelitten hatten.
Adjuna war an diesem Abend sehr traurig. Er vermißte seinen Freund. Schließlich stand er auf, warf sich einen Umhang um und ging hinaus in die mistig feuchte Nacht.
Er ging zum Friedhof. Das große, gußeiserne Tor war schon abgeschlossen. Ungesehen sprang Adjuna hinüber. Dann ging er zum frischen Grab. Das Pfaffenbeißerchen kam ihm entgegen. Es war schwarz, von oben bis unten mit Schlamm bedeckt.
Am Grab sah Adjuna dann die Bescherung. Der Hund hatte die Erde aufgewühlt und den Ort in ein Matschloch verwandelt. Verbissen tauchte der Hund auch gleich wieder in eine Pfütze und strampelte und scharrte und spritzte Schlamm um sich, offensichtlich um tiefer zu kommen.
Das macht er doch nicht, um an Luz's Knochen heranzukommen. Einen Moment zögerte Adjuna. Dann beugte er sich vor und half mit seinen großen Händen dem Hund, Luz auszugraben.
Es war schon weit nach Mitternacht, als der Sarg endlich frei lag. Adjuna packte ihn und hievte ihn aus dem Loch. Er legte ihn dann auf zwei Grabsteine, so daß er die bequeme Höhe eines Tisches hatte. Vorsichtig öffnete er den Deckel. Durch die Deckelfugen war Wasser und Matsch eingedrungen. Luz sah abstoßend aus, trotzdem riß Adjuna den Freund hoch und drückte ihn an die Brust. Stumm weinte er. Dann untersuchte er die Leiche. Keine Lebenszeichen, nur frühe Zeichen der Verwesung. Der Freund war tot. Kein Zweifel. Adjuna überlegte. Was sollte er jetzt mit der Leiche machen?
Dann nahm Adjuna den Sargdeckel und machte ihn über einem Grabstein zu Kleinholz. Er riß auch die Seitenwände des Sarges herunter und brach sie über seinem Knie in kleine Stücke. Luz's Leiche lag jetzt auf dem Sargboden wie auf einem Tisch.
Adjuna legte all seine Holzstücke, sowie ein paar Zweige und Totenkränze, die er in der Nähe auf einem Haufen gefunden hatte, unter den Tisch. Dann machte er Feuer.
Das Feuer fraß sich langsam den Haufen entlang, bis alles von Flammen umhüllt war. So bestattet man in Indien, dachte Adjuna plötzlich zufrieden.
Der Hund saß neben ihm. Er breitete seinen Umhang aus, damit auch der Hund darunter Schutz finden konnte vor der nieselig feuchten Witterung. Beide starrten sie in die Flammen.
Die hellen Flammen stürzten sich auf den Leichnam, um ihn zu verzehren. Funken sprühten, das Holz knackte und zischte, das Leichenfleisch brodelte, die Haut spannte sich, bildete Blasen, zerriß. Zwei ohrenbetäubende Knalle kurz hintereinander. Die beiden Grabsteine waren von der Hitze zerborsten. Die Tischplatte mit der Leiche rutschte tiefer in die Flammen. Adjuna legte schützend die Hand auf das nasse Fell des Hundes. Da, als die Flammen gerade am höchsten waren, sprang das Tier von unter seiner Hand direkt ins Feuer.
Adjuna sprang auf, um das Tier wieder aus den Flammen zu retten. Er ging ganz dicht an die Hitzewand und starrte hinein. Seine Augen brannten und tränten. Mit den Füßen stieß er hinein. Die Finger verbrannte er beim Tasten. Es hatte keinen Zweck. Er fand den Hund nicht wieder.
Adjuna ließ sich auf den Boden fallen. Er war mein Freund, weinte er mit zitternden Lippen.
Adjuna warte, bis das Feuer heruntergebrannt war. Dann sammelte er die Knochen und Luz's Schädel aus der Glut heraus, kühlte sie in einer Pfütze ab und legte sie auf seinen Umhang. Er nahm auch die Asche von Luz und die unverbrannten Fleischstücke. Dann verschnürte er seinen Umhang zu einem Bündel und ging fort.
Bald würde es dämmern.
Wohin? Wohin mit dem Bündel? Adjuna zog es nicht in die gemeinsame Wohnung. Er nahm es seinen Freunden übel, daß sie weltlichen Dingen nachgingen. So früh, so schnell, mit so viel Elan. Ein Musikstück schreiben. Bah. Jobben. Bah. Geld. Bah. Verachtung stieg auf. Mist.
Dieser Tag stellte sich an, sonnenlos zu bleiben. Schwere Wolken verlängerten die Nacht. Schauer und Kälte hielten die Menschen von den Straßen fern. Adjuna irrte durch das kalte Hamburg. Hier habe ich mit Luz gestanden, da habe ich mit Luz... und dort...
Er ging hinunter ans Elbufer. Der Wind war hier stärker. Eine Bö spritzte ihm Gischt ins Gesicht. Adjuna packte sein Bündel fester. Er hielt es mit beiden Händen vor seinem Bauch und blickte hinaus auf die kleinen Schiffe, die da draußen im Kabbelwasser stampften. Für einen Moment fiel ihm der Seemann ein, der ihnen mal von Israel und anderen fernen Ländern erzählt hatte.
Plötzlich stieß Adjunas Fuß gegen ein Kneuel.
Er verliert das Gleichgewicht. Und während er im Sturz instinktiv die Arme ausstreckt, fällt sein Bündel mit den Überresten von Luz in die Gosse. Noch ehe er sich selbst erhebt, hat er besorgt sein Bündel auf den hohen Kantstein gerettet. Das hat man davon, wenn man in der Gosse und nicht auf dem Bürgersteig geht, flucht er über sich selbst.
Erst nachdem er sich ein bißchen abgeputzt hatte, machte er sich die Mühe nachzusehen, über was er denn da gestolpert war. Angeschwemmte Plastiktüten... Ein schwarzer Damenmantel... Adjuna zieht den Revers hoch. Ein bleiches, ausgemerkeltes Gesicht: Aurora. Der Engel des Todes war selbst tot.
Bei Adjuna krampften sich die Gedärme zusammen und seine Zähne bissen aufeinander, als wollten sie sich selbst zermalmen. Er trat wütend gegen den Kantstein, ergriff sein Bündel und lief davon.
Besinnungslos.
Doch er war noch keine fünfzig Meter gelaufen, da riß ihn schon wieder die Sirene eines Streifenwagens aus seiner Besinnungslosigkeit. Die Beamten hatten die Leiche gesehen und hielten ihn nun für einen Verdächtigen. Sie fuhren ihm vor die Füße, sprangen aus ihrem Wagen und zielten mit ihren Pistolen auf ihn. "Hände hoch, oder ich schieße!"
Sie waren wohl so darauf fixiert, daß er die Hände hochnahm...
Er ließ sein Bündel abermals in den Dreck fallen und entriß ihnen ihre Pistolen.
Er erwürgte sie beide.
Die Flucht ging weiter.
Wie leer und sinnlos ist das Dasein. Adjuna tat alles leid. Luz's Tod, Auroras Tod, Evas Tod, der Tod des Papstes, der Tod der Polizeibeamten, und waren da nicht auch noch Tote aus einer Stadt, deren Konsul er mal war? außerdem war da noch der Tod der Juden, den er mit angesehen hatte, der Tod aller auf Feldern und in Gräben Geschlachteten, der unvermeidliche Tod eines jeden! Warum sterben wir? Wie sinnlos macht der Tod unser Leben!
Eine große Leere machte sich bei ihm breit und Furcht vor der Leere. Und ganz langsam machte sich bei ihm noch etwas anderes breit, nämlich ein religiöses Gefühl. Wenn er sich darüber klargeworden wäre, hätte er sich nicht darüber zu wundern brauchen, denn er hatte selbst oft genug gelehrt, daß die Religion ein Lückenbüßer ist und die Basis aller Religion die Furcht, besonders die Furcht vor der Leere und dem Weltchaos, in dem so sinnlos gestorben und zu kurz gelebt wird.
Bisher hatte Adjuna mehr oder weniger vernünftig gelebt. Und wenn wir mal davon absehen, daß Indra, zu dem er ja von seinem vorherigen Leben her eine Kumpel-Beziehung hatte, mal seinen Bogen Gandhiva für ihn aufbewahrt hatte, kann man sagen, daß er nie die Gunst der Götter suchte, sie anbetete oder um was bat.
Und wenn wir ihn jetzt durch das flache Schleswig-Holstein laufen sehen mit seinem Bündel - angefeindet und verachtet von den Einheimischen, die ihn für einen Landstreicher halten - auf der Suche nach einem Berg, auf dem er Tapas machen kann, Bußübungen, mit denen er die Gunst der Götter vom Berg Meru zu erflehen hofft, damit er die, die ihn ja möglicherweise auf die Erde geschickt haben, nach dem Sinn fragen kann, dann müssen wir seine tiefe Verzweiflung verstehen, seine Trauer um seinen Freund, die Reue wegen seiner Morde.
Schleswig-Holstein war ein flaches Land. Es konnte nicht groß mit Bergen dienen. Nachdem Adjuna schon ein paar Mal über ihn hinweggeirrt war, merkte er erst, daß der Bungsberg der höchste Höcker war, den ihm das Land zur Verfügung stellen konnte, kaum höher als eine Hamburger Kirchturmspitze.
Adjuna zog seine Kleider aus, streute sich ein bißchen von seiner Asche aufs Haupt, nahm dann noch eine Hand voll Asche und rieb seinen Körper damit ein. Er sah jetzt wie ein richtiger, indischer Tapasvi aus. Dann stellte er sich mit einem Bein auf einen spitzen Stein, das andere Bein zog er zu sich hoch und verklemmte es. Dann legte er die Handflächen aneinander und nahm eine demütige Positur ein. Er dachte an seine Sünden. Selbst kleine Insekten, die er als Kind zerdrückt hatte, fielen ihm ein.
In dieser Stellung wollte er verharren, bis die Götter ihm alles vergeben hatten und ihn obendrein noch mit Wissen und Intelligenz beschenkt hatten. Er war ganz entschlossen, und sollte es Jahrhunderte dauern. Solange er die Yoga-Atmung beherrschte, konnte er nicht sterben.
Nun, die Götter hatten sich schon lange von dieser Insel, diesem Inselchen in der äußersten Ecke der Unendlichkeit, abgewandt und sie bekamen natürlich von nichts was mit.
Adjunas Buße war so streng, seine Konzentration so stark, daß sich sein Körper immer mehr erhitzte. Bald verbreitete sein Körper den pestilenzartigen Gestank von verkohltem Protein und Keratin. Wenn in der ersten Zeit nur die Kinder der Anwohner des Berges nicht zu ihm kamen, da sie ihn meiden mußten wegen ihrer Eltern, die sie vor der Nacktheit des Fakirs, wie sie ihn nannten, gewarnt hatten, jetzt kam niemand mehr. Die Leute hatten Angst. Leise fluchend flohen sie mit Taschentüchern vor Nasen und Mündern aus ihren Behausungen. Die Kirchen in Schleswig-Holstein hatten noch mal Hochkonjunktur. Aber ihr Christen-Gott war genauso in Verlegenheit wie sie und konnte nicht helfen.
Adjunas Buße aber ging noch weiter. Sein Körper wurde immer schwarzer, verkohlte, ein röchelnder schwarzer Klumpen wurde er. Er wußte, er konnte nicht sterben, nicht jetzt, nicht während seiner Tapas. Dicker, schwarzer Rauch quoll hervor. Dicker, schwarzer Rauch.
Diese Art von Buße, von Selbstquälung für oder wegen einer großen Sache ist zwar für den Abendländer etwas Besonderes, im Hinduismus jedoch eine alte Tradition. So stellte sich zum Beispiel der teuflische Asura Hiranyakashipu, der älteste Bruder von dem Asura Hiranyaksha, dem Vishnu in seiner Varaha Avatar, also derweil er als Eber unsere Bhoomidevi, die Mutter Erde, vom Ozeanboden heraufholte, mit einer Klaue die Schläfe zerschlug, in Kranichpositur, das heißt wie Adjuna auf ein Bein, auf den Berg Mandara für viele Jahre und bewegte sich nicht, trotz Ameisen, Moskitos, Ratten, Disteln und Schlingpflanzen. Auch seine Buße war so streng, daß seinem Kopf schließlich Rauch entstieg - und er gab noch immer nicht auf. Endlich beschwerten sich umweltbewußte Bürger beim Schöpfer Brahma, der der Umweltverschmutzung bald dadurch Einhalt gebot, daß er Hiranyakashipu mit dem heiligen Wasser seiner Kamandalu besprenkelte, daher den Brand löschte und den Asura verjüngte. Demütig stand der Teufel vor dem vierköpfigen Schöpfergott und erbat sich eine Bitte: Nicht zu sterben durch Gott, Mensch oder Biest, nicht bei Nacht noch bei Tag, weder innen noch außen, weder im Himmel noch auf Erden, und die Herrschaft über die materielle Welt. Brahma erteilte ihm diesen Segen, und damit gewappnet, machte sich Hiranyakashipu auf, Himmel und Erde zu erobern. Menschen und Götter erzitterten vor ihm. Erst Vishnu in seiner Narasimha Avatar machte seinem bösen Treiben ein Ende. Er tötete ihn in abendlichem Zwielicht auf der halboffenen Terrasse als löwenköpfiges Mensch-Tier-Monster und zwar weder im Himmel noch auf Erden, sondern auf seine Schenkel gelegt.
Auch Adjuna ließ nicht von seiner Buße ab. Er dachte an Hiranyakashipu. Der war ein böser Teufel, aber ich bin ein Mensch, ich will eigentlich doch das Gute, dachte Adjuna, warum kommt der Gott nicht?
Er hatte mittlerweile soviel Hitze entwickelt, daß der Erdboden unter ihm zu schmelzen begann und er ein Loch in den Berg brannte.
Die Hitze wurde immer größer, der ganze Berg wurde weggefressen, und das Loch war noch immer hungrig, fraß immer mehr vom Land, die nördlichen Eismeere drohten zu schmelzen, eine Klimakatastrophe stand bevor. Bhoomidevi schrie auf. Ihr Schmerzensschrei war so laut, daß es auch die Götter auf Berg Meru hörten.
Sie erschienen.
Brahma sprenkelte wieder Wasser aus seiner heiligen Kamandalu um sich. Alles heilte wieder: die Wunden der Erde, der Bungsberg, Adjuna, alles war wieder so wie es vorher war. Adjuna war wie die anderen Menschen auch froh darüber.
"Was willst du?" fragte der vierköpfige Gott. Alle blickten neugierig auf Adjuna. "Eine Waffe?"
"Ich will keine Waffen mehr, oh, ihr Götter. Gebt mir..., gebt mir mehr Intelligenz und Wissen."
"Oh nein, das ist zu gefährlich."
"Ich bitte Euch, gebt mir Wissen und Intelligenz. Ich sehe wie die Menschen sinnlos leiden, sterben, morden. Ja, ich selbst habe gemordet, sinnlos gemordet. Morde sind immer sinnlos. Ich bin verzweifelt. Laßt mich verstehen. Ich ertrage die Sinnlosigkeit nicht!"
Götter: "Sinnlos zu leben, zu sterben und auch zu morden ist normal für Menschen, ja, das normalste. Menschen morden aus Hunger und aus Geldgier, was ja nur eine Art größerer Hunger ist."
"So weit wäre Morden ja noch ein bißchen verständlich."
"Richtig, Aber sie morden auch für ihr Nicht-Wissen, für ihren Glauben. Alles menschliche Wissen ist nur Nicht-Wissen, Glaube."
Die anderen Götter nickten zufrieden.
"Vernunft, Unvernunft, Rassenlehre, internationale Solidarität, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Nächstenliebe, Sitten, Sittenverstöße, Sex, alles Mordgründe."
Härmisches Grinsen bei den Göttern.
"Sie morden, damit das Vaterland lebt, sie morden sogar für ein besseres Leben."
Lächerlich.
"Aber das ist doch sinnlos", schrie Adjuna dazwischen, "das muß man doch stoppen können. Befreit uns von der Sinnlosigkeit. Oder gebt mir das Wissen, damit ich die Menschen von der Sinnlosigkeit befreien kann."
"Wir können weder dir noch den Menschen Sinn geben. Aber wir versprechen dir, daß du, bevor du stirbst, den Sinn begreifen wirst, den beschränkten Sinn menschlicher Aggressivität. Der Sinn des Universums wird dir nie offenbart."
Adjuna dachte an den Sankt-Nimmerleins-Tag, und fühlte sich betrogen. Er hatte nichts bekommen. Und die Götter waren weg.
Jetzt, wo er durch Brahmas Wasser erfrischt war und auch seine Umgebung wieder frisch und grün aussah, hatte Adjuna keine Lust mehr, noch ein zweites Mal durch seine Übung zu gehen, um die Götter noch einmal zu zwingen, ihm Rede und Antwort zu stehen.
Er hätte gerne noch mehr nachfragen wollen.
Menschen, die an der Sinnlosigkeit der Welt verzweifeln, tun oft das aller Sinnloseste: Sie suchen die Götter.
Enttäuscht nahm Adjuna wieder sein Bündel und ging auf Wanderschaft.
Während Adjuna wieder durch Schleswig-Holstein wanderte, fragte er die Leute, ob sie das große Feuer gesehen hätten. Aber keiner hatte es gesehen. Es war wie ein Wunder. Die Götter hatten nicht nur die Welt geheilt, sondern ihren Bewohnern auch jede Erinnerung an die Wunde genommen.
Adjuna war noch immer von der Sinnlosigkeit fasziniert. Als er wieder in Hamburg war, kaufte er für die Asche und die Knochenreste eine Urne und schwor, damit ins heilige Land zu reisen und dort den Inhalt zu verstreuen.
Wir sehen, er war noch nicht geheilt. Brahmas Wasser hatte nur äußerlich gewirkt.
Es ist schon was Wahres dran: Wer die Sinnlosigkeit besiegen will, tut oft das Sinnloseste.
In Hamburg schiffte Adjuna sich ein auf einem Nah-Ost-Fahrer und auf ging's in die Levante.
Auf dem Vorderdeck erzählte man sich die Geschichten von den Barbaresken und Korsaren, die einst das Mittelmeer als Piraten unsicher gemacht hatten, von den Seeräubern Horudsch und Chaireddin, die einst mit einer einzigen Galeot zwei der größten Galeeren der päpstlichen Flotte aufgebracht und riesige Mengen Beute gemacht hatten. Man freute sich über die Siege dieser Kämpfer im Namen Allahs, die immer einen frommen Mann, den Marabut, mitnahmen, der ihnen den Segen des Gottes garantierte, und daher großzügig an der Beute beteiligt wurde. Das Schiff fuhr zwar unter deutscher Flagge, aber hatte türkische Gastarbeiter angeheuert - für die Dreckarbeiten versteht sich. Nun ja, sie hatten ihren Trost, ihre berberischen Seeräuber. Daß Frankreich diesem Raubgesindel mit der Eroberung und Kolonisierung Algeriens ein für allemal den Garaus gemacht hatte, daran dachten sie nicht.
Italiener erzählten dann noch von ihren Lupi di Mare, und Deutsche von den Viktualienbrüdern und Klaus Störtebeker. Und als sich dann das Gegrölle der Möchte-gern-Seeräuber gelegt hatte, meldete sich ein mitreisender Student zu Worte, der bisher abseits gesessen hatte und gelesen: "Ich möchte Euch einmal eine Geschichte vorlesen, die auch sehr gut in diese Gegend paßt." Und er hielt sein Buch hoch. Es war von Alfred Döblin und hieß `Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende'. Der junge Mann fing anzulesen: "Es lebte vor langer Zeit in Frankreich, in der Provence, ein Troubadourritter mit Namen Jaufie Rudel de Blaia. Er liebte, obwohl er sie nie gesehen hatte, die Prinzessin von Tripoli, wegen ihrer Tugend und ihrer Schönheit, von der alle Pilger aus Antiochien sprachen. Er machte Verse auf sie und besang sie. Und es begab sich, als er das einige Zeit auf heimischem Boden getrieben hatte, daß ihn solche Sehnsucht nach der Prinzessin packte, ein so unbändiges Verlangen, ihr seine Liebe darzubringen, daß er - es war die Zeit der Kreuzzüge - das Kreuz nahm und ins Heilige Land wanderte, zu ihr. Er dachte nicht an das Heilige Grab. Zur Prinzessin von Tripoli zog es ihn, die er nie gesehen hatte, er, Jaufie Rudel de Blaia. Aber wie er nicht an das Heilige Grab noch an die Moslem gedacht hatte, so auch nicht an die lange Seefahrt. Er wurde unterwegs krank. Und als man schließlich ankam, da lag er krank, stumm und wie tot. Man trug ihn in die Stadt in einen Gasthof. Und dies war Tripoli, und hierher hatte er die langen Jahre gewollt und hatte gesungen und sich vor Liebe nach der himmlischen, tugendhaften Prinzessin verzehrt, deren Namen er nicht wußte, aber deren Bild in seinem Innern stand und die er finden mußte, um zur Ruhe zu kommen - und lag nun in einem fremden Raum, von Unbekannten umgeben, schloß die Augen, öffnete sie und fragte: `Wo bin ich? Was ist mir geschehen?' Die Prinzessin erfuhr von ihm. Sie hörte von dem Pilger, dem Rittertroubadour, der das Kreuz genommen hatte und über das Meer gefahren war, nicht um das Heilige Grab zu erobern und die Sarazenen zu massakrieren, sondern um ihrer Schönheit und Tugend willen, um ihr seine Liebe zu Füßen zu legen. Sie kam in seinen Gasthof. Man trug ihn auf ihr Schloß. Ihre Ärzte traten an sein Bett. Sein Augenlicht kam wieder, seine Stimme wurde hörbar. Er sah die Angebetete: Griselda Barbe von Tripoli. Er flüsterte seine Verse. Sie hielt den sterbenden Mann. Sie küßte seinen Mund. Sie schloß seine Augen, in die noch ihr Bild getreten war. Im Templerhaus von Tripoli ließ sie ihn begraben. Der Kuß und die feierliche Beerdigung waren das einzige, das sie ihm gewähren konnte. Aber wie er zu ihr gehalten hatte die langen Jahre, bevor er aufbrach, und sie nicht ließ, bis er sie gefunden hatte, so hielt sie zu ihm und ließ ihn nicht los. Sie trat in ein Kloster ein. Da wartete sie auf den Augenblick, wo ihr die Sinne schwinden und er aus dem Schatten an ihr Bett treten würde, um sich über sie zu beugen und sie zu küssen."1
(Fußnote)
1 Alfred Döblin, 'Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende', Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 45/46. Die Legende von provenzalischen Troubador Jaufré Rudel de Blaya, der nach langer Reise zu Füßen seiner Angebeteten stirbt, wurde auch in Balladen von Heine, Swinburne, Uhland, Carducci und in Rostands Drama `La princesse lointaine' dichterisch dargestellt.
Alfred Döblin ist mein liebster, deutschsprachiger Dicher, und seine Art zu erzählen, war mir oft Vorbild. Daß ein so phantasievoller, visionärer Schriftsteller mit scharfem Witz und Verstand und großem Wissen wie Döblin im Alter den Glauben der Mörder seiner Väter - er kam aus jüdischer Familie - annahm und Katholik wurde, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.
Alle waren betroffen. Nur die Moslems blickten verächtlich um sich. Der Gedanke an die Kreuzzügler ließ sie sauer aufstoßen. Auch Adjuna hatte Tränen in den Augen. Er streichelte seine Urne. Die Liebe. Es war faszinierend, welche Sinnlosigkeiten den Menschen umgaben.
Auch er liebte, auch er glaubte, auch er war nicht unterwegs, um das heilige Land von den Sarazenen zu befreien, aber dafür war er ja auch im falschen Jahrhundert. Jetzt waren andere Gründe vonnöten, wenn man Arabern schaden wollte. An den heiligen Stätten lag den Christen nicht mehr viel, sie gaben sich jetzt mit einem himmlischen Jerusalem oder besser: imaginären Jerusalem zufrieden, überhaupt, alles war ja viel abstrakter geworden.
Nur für die Juden galt es jetzt wieder, dafür zu sorgen, daß das Geschenk des alten Jahwes nur ihnen gehörte und keinem anderen. So wiederholt sich Geschichte. Geschichte wiederholt sich, das sollte uns zu denken geben, dachte Adjuna. Aber er wollte ja die Asche verstreuen. Er glaubte, daß sie dahin gehörte. Glaubte er, daß Gegensätze sich anzogen? - Und am Ende gar auflösten?
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