Adjuna in Israel

Gäbe es keinen Tod, woher wüßten wir, was Leben heißt?

Schöpfungsgeschichte1

Einst war der Herr allein mit seinem großen Namen. Und er erkannte, wäre das eine nicht da, könnte das andere nicht sein. Zwei heißt die magische Zahl2. Das eine ist das Gegenstück des anderen und seine Ergänzung, und ohne dem3 ist es nichts.

So bin auch ich nur eine fragwürdige Existenz, dachte er und machte sich ans Schaffen: Er schuf das Licht und die Finsternis, den Himmel und die Erde, das Feste und das Flüssige, die Ordnung und das Chaos, die Klugheit und die Torheit, die Armut und den Abscheu, er schuf die Hitze und die Kälte, den Laut und die Stille, er schuf hoch und tief, groß und klein, das Breite wie das Schmale, er schuf die Arbeit und das Ruhen, den Segen und den Fluch, die Barmherzigkeit und die Rachsucht, er schuf die Krankheit und das Gesundsein, das Gehen und das Lahmsein, das Sehen und das Blindsein, das Hören und das Taubsein, das Können und die Unfähigkeit, den Kummer und das Glück, die Lust und die Ernüchterung, das Lachen und das Weinen, die Armut und den Reichtum, den Streit und die Versöhnung, er schuf den Hunger und die Speisen, den Durst und den Trank, den Trieb und die Befriedigung, das Asketische und das Perverse.

1 In Anlehnung an jüdische Sagen entstanden.

2 J. Bronowski benutzte diesen Satz in seinem Werk "The Ascent of Man" als er von Sex, Vererbung und der Zweistrangigkeit der DNA sprach.

3 ohne + Dativ ist veraltetes, Grammatik Duden § 825.

Ist es zu heiß, verbrennt man sich, ist es zu kalt, erfriert man, man mische

das Heiße und das Kalte, so besteht man.

Genauso ist es mit Gut und Böse, wäre die Welt nur gut, sie könnte nicht bestehen, wäre sie nur böse, sie vernichtete sich selbst, so schuf Gott Gut und Böse in vermeintlichem Ausgleich. Aber es dauerte nicht lange und das Böse hatte die Übermacht gewonnen, und alles Gute wäre wohl ganz verdrängt worden, hätte Gott nicht Furcht auf die Geschöpfe des Bösen fallen lassen und sie mit dieser Furcht gelähmt.

So wurden die süßesten Früchte der Erde, als da sind die Exzesse der Liebe, der Macht und des Verbrechens, liegen gelassen aus Furcht vor ewigen Höllenqualen als letzter Ernte.

Gott schuf die reinen Tiere, als da sind der Widder, der Hirsch, das Reh, der Steinbock, die Gemse, die Gazelle und das Elen, und allerlei Gewürm und Ungeziefer, sowie das Schwein und den Hund und die anderen Karnivoren, die da unrein geheißen werden.

Und das Schwein sprach in seiner Weisheit: Ohne Unreinheit ist keine Reinheit möglich. Das reine Vieh ist uns Dank schuldig, denn wären wir nicht da, die wir unrein sind, woher wüßtet ihr da, daß ihr rein seid? Und genauso spricht der Böse zum Gerechten. Aber hat man je gesehen, daß ein Gerechter dem Bösen dankbar ist? Dazu ist er viel zu selbstgerecht.

Und der Herr schuf auch den Menschen als Ebenbild Gottes, Gegenstück und Ergänzung. Er zog gen Morgen, er zog gen Abend, gen Süden und gen Norden. Was tat er an den vier Enden der Welt? Er trug die Erde zusammen für Adams Leib, so daß die Erde allenthalben sagen kann: Von mir bist du genommen.

Und Adam sprach: Ich bin Adam, denn von Adama, Erde, bin ich gemacht.

Und der Herr schuf Eva aus einer Rippe Adams. Warum aus einer Rippe? Weil es ein keusches Glied ist, es hört nichts, es sieht nichts, es denkt nichts und redet nichts, es betritt nicht den Boden und greift nirgends hin und ist bedeckt, selbst wenn der Mensch nackt ist. Und ein keusches Wesen wollte er schaffen.

Er wußte nicht, wie unberechenbar Frauen sind, und daß sie ihrem Herrn noch lange nicht gehorchen.

Nachdem das Menschenpaar nun geschaffen war, verlangte Gott, daß die Engel vor ihnen niederfielen, was sie nur zögernd und widerwillig taten. Der größte von ihnen, Semael, ein Sechspaarflügler, weigerte sich gar, vor dem Menschen niederzufallen, mit der Begründung: Das Wesen sei aus Staub und Erdendreck gemacht. Aber der Herr sprach: Erdenstaub besitzt mehr Weisheit und Verstand als du; und vertrieb Semael aus dem Himmel. So wurde Semael zum Satan.

Satan und einige andere Engel waren voller Eifersucht auf den Menschen, und es kam zu einer Intrige mit der Schlange gegen den Herrn.

Gott hatte in seiner göttlichen Grausamkeit einen Baum ins Paradies gepflanzt, von dem die Menschen nicht essen durften. Das nutzten Satan und die Schlange jetzt aus.

Sie wandten sich an Eva, denn sie wußten, eines Mannes Sinn zu bewegen, war schwer, ein Weib dagegen war leichtgläubig und schenkte jedem Gehör.

Zischelte die Schlange: Warum dürft ihr nicht vom Baum essen? Es ist Mißgunst, es ist Mißgunst Gottes gegenüber dem Menschen. Denn äßet ihr davon, ihr würdet wie Gott. Sieh mich an, ich berühre den heiligen Baum und mir passiert nichts, tue mir nach.

Da faßte auch Eva den Baum an, aber ihr erschien der Totenengel. Und sie dachte, nun müsse sie sterben, und Adam bekäme eine andere Frau. Ein unerträglicher Gedanke für eine eifersüchtige Frau. Lieber sollte ihr Adam mit ihr sterben und sie stellte es an, daß sie beide vom Baum aßen.

Als sie das aber getan hatten, schämten sie sich wegen ihrer Nacktheit, und Begierde und Abscheu formten fortan das Sexualleben der Menschheit.

Einer versuchte die Verantwortung für die böse Tat auf den anderen zu schieben.

Adam sprach: O Herr! Solange ich allein war, habe ich da Sünde getan!

Eva: Die Schlange überredete mich.

Die Schlange: Satan ist schuld.

Und Satan sagte wohl: O Herr! Ihr seid selbst schuld!

Alle wurden sie bestraft, nur der Herr nicht. Oder ist es, wenn Eltern ihre

Kinder prügeln, eine Strafe, die die Eltern erleiden? Sicher nicht, eher ein

Genuß, am ehesten aber ist es eine Schande.

1Der Schlange hackte er die Beine ab und verfluchte sie, daß sie sich alle sieben Jahre unter großen Schmerzen häuten müsse, Otterngalle und Gift sollte ihr Mund bergen, Feindschaft säte der Herr zwischen Mensch und Schlange. Dann verhängte er noch den Tod über die Schlange.

Über die Frau verhängte Gott die Pein des Blutes und die Last der Schwangerschaft, die Wehen der Geburt und die Mühsal und Sorge um das Großziehen der Kinder. Wie eine Trauernde sollte sie ihren Kopf stets bedecken, und er sollte ihr nur entblößt werden, wenn sie gehurt hätte zum Zeichen der Schande; wie die Ohren eines Knechts, so sollten auch ihre Ohren durchbohrt werden; wie eine Magd sollte sie ihrem Manne sein, und ihrem Zeugnis und ihrer Aussage sollte man keinen Glauben schenken. Auch verurteilte er sie wie alle Menschen zum Tode.

1 Der Abschnitt der Bestrafung ist fast wörtlich `Den Sagen der Juden' gesammelt von Micha Jesof bin Gorion entnommen.

Adams Kraft wurde geschwächt, sein Wuchs verkleinert, Weizen sollte er säen, Dornen und Disteln ernten, und vom Kraut des Feldes wie ein Tier sich nähren, im Schweiße seines Angesichts ums Überleben kämpfen und am Ende doch kümmerlich verenden.

Da meinte Adam: O Herr! Ich und der Esel, sollen beide aus einer Krippe fressen? Da erbarmte der Herr sich und sprach: Nun denn, so sollst du dich von Brot ernähren. Da ward Adam wieder ruhigen Sinnes.

Dennoch sprach ein Weiser: Wie wohl wäre es dem Menschen, es wäre bei dem ersten geblieben.

So verfluchte Gott Mensch und Schlange, aber auch die Erde wurde bestraft, denn der um sein Überleben kämpfende Mensch wurde ihr zur Plage.

Siehe, alle Menschen stammen von Adam ab. Warum nur von einem? Damit die Stämme einander nicht befehden, keiner sollte sagen: Mein Vater war größer als deiner, mein Vater war besser als deiner.

Siehe, wo sie alle von einem abstammen, befehden sie einander, rauben, morden und martern, wie wäre es gar, sie stammten von zweien ab.

Jeder ist nach dem Bilde Adams geprägt und doch gleicht keiner dem anderen. Warum ist das so? Damit die Menschen einander nicht betrügen, daß nicht einer das Feld seines Nachbarn unerkannt betrete, daß nicht einer zu dem Weib seines Nächsten ungestraft eingehe.

Als Gott das Feste und das Wasser schied, zog er eine Grenze, die das Wasser nicht überschreiten durfte, doch das Wasser haderte mit dem Herrn, mal trotzt es ihm mehr ab, mal ist der Herr der Trotzigere. So gehen von Zeit zu Zeit ganze Städte und Kontinente unter - und tauchen wieder auf.

Einst badeten alle Wesen im Lichte Gottes, aber da sie überheblich waren, zog Gott sich zurück, was blieb waren Sonne, Mond und Sterne.1

Du meinst also, selbst im Sonnenschein umgibt uns Dunkelheit.

Wir leben in einer Art Nacht und wissen es nicht.

Daß er sich zurückzog, verzeihe ich ihm nie.

Erst schaffen und dann im Stich lassen.

Gib mir eine Taschenlampe!

1 vgl. Sagen der Juden gesammelt von Micha Josef bin Gorion, Insel Taschenbuch S. 14.

Das Zum-in-die-Tiefe-Sinken verdammte Wasser sehnte sich nach Höhe, aber wie es sich auch streckte und schaukelte, es vermochte den Himmel nicht zu erreichen, da erbarmten sich die Lüfte und sogen das Wasser empor und trugen es zu fernen Bergen und kippten es dort wieder ab. Und das Wasser schwängerte die jungfräuliche Erde, bis sie zur Hurenmutter verkam.

Als Gott der Herr die Welt erschuf, schuf er von allem Männlein und Weiblein, auch vom großen Leviathan, aber da er voraussah, daß dieser Riesendrache, würde er sich vermehren, die Welt zerstöre, verschnitt er das Männchen und tötete das Weibchen, so gründlich war Gott; warum versagte seine Weitsicht beim Menschen?

Hätte er nicht wenigstens mehr Seuchen schicken können?

...und der Herr säte in seinem Zorne nicht nur Feindschaft zwischen Schlange und Mensch, sondern auch zwischen die Menschen, ja sogar zwischen Mann und Frau.

Also nur der starke Mensch, dessen Stärke Gottes Zorn nicht brechen kann, führt eine glückliche Ehe.

So ist es.

Und als Gott der Allmächtige am siebten Tag müde war, legte er sich hin und schlummerte.

...aber ich gehe weiter.

Ich ruhe nicht, ich werde mir den Beinamen `der Ruhelose' zulegen, Schlafen ist eine Sünde, dachte Adjuna. Besonders störte ihn, daß sein Widersacher nach neueren Theorien und infolge fortschreitender Abstrahierung anscheinend nach dem siebten Tag gar nicht mehr aufgestanden war, sondern zum Zeitpunkt des Urknalls oder spätestens beim Ursüppchen alles so zurecht gelegt hatte, daß es danach wie am Schnürchen lief. Das war jedenfalls, was einige Leute behaupteten, die beides haben wollten, wissenschaftliche Erkenntnisse und einen Gott, Evolution und Schöpfungsgeschichte.

Apropos Evolution.

Israel war gerade ein guter Ort, um die Richtigkeit des Evolutionsgesetzes `Es überleben die Mörder' zu beobachten. Unversöhnlich verfeindet schienen dort Palästinenser und Juden zu sein, und wer immer für Frieden, friedliches Nebeneinander, gute Nachbarschaft und gegenseitige Tolerierung eintrat - noch gab es solche Leute auch dort wie anderswo, denn Aussterben ist eine langwierige Angelegenheit - der wurde von den eigenen Leuten als Verräter umgebracht. Das Morden ging natürlich nur in eine Richtung, denn es widersprach wirklicher Liberalität, Fanatiker des Hasses zu morden, statt das Gespräch mit ihnen zu suchen, sie durch Appelle zur Friedfertigkeit dämpfen zu wollen. Parole: Ausgleich, Ausgleich anstreben. Durch mörderische Methoden freilich geriet der Ausgleich zwischen den beiden Gruppen ins Ungleichgewicht, die Dornen überwucherten die friedlichen Nutzpflanzen.

Aber die Wölfe rotten doch nicht die Hasen aus!

Ja, sprächen wir hier über Speisen, das wäre was anderes, jeder Esser wird für Nachschub sorgen, aber Andersdenkende sind für Fanatiker ungenießbar, und unser Thema hieß auch nicht Gastrosophie, sondern Politik.

So war Adjuna, indem er nicht ruhte, in das Land jener Kleinviehnomaden gekommen, denen die Menschheit die drei großen Abrahamreligionen zu verdanken hatte, plus zwei sich widersprechende Schöpfungsmythen, sowie die obige Bestätigung der Evolutionstheorie, "Es überleben immer die Mörder", als auch deren Antithese "Auch Opfer können Mörder werden", - unter Menschen auf jeden Fall.

"Was für ein ödes Land!" klagte der Studiosus neben Adjuna mit der Stimme eines Troubadour-Romantikers, als er die fruchtbare Hügellandschaft des verheißenen Landes vor sich sah. Er war üppigere Vegetation gewohnt. "Da", rief er erregt aus, und er zeigte auf ein paar Ziegen, die jemand hütete, "da die Mörder!" "Welche?" "Die Mörder aller kleinen Trieben und Sprößlingen. Jetzt wissen wir, warum das Land so öde ist." - "Und ein Vielleser wie du ist der Mörder ausgewachsener Bäume und Wälder. Es ist leicht einen Schuldigen zu sehen, wenn man es nicht selbst ist."

Der Hirte kam auf sie zu, grüßte, und man kam ins Gespräch. Stolz erklärte der Hirte, daß seine Ziegen menschliches Protein für die Pharmaindustrie produzierte. Die Beiden verstanden zuerst nicht recht, und der Hirte holte weiter aus: "Die Schwarzbunten hier zum Beispiel geben Milch, die menschliches Laktoferrin enthält, ein eisenbindendes Protein, das Menschen bei Blutarmut zugute kommt.1 Die Milch der schwarzen Ziegen enthält menschliches Alpha-eins-Antitrypsyn. Das ist ein Enzyme, das die Bildung von lebensgefährlichen Emphysemen bei Leuten verhindert, die diese Substanz nicht selbst bilden können.2 Die weißen Ziegen schließlich produzieren einen Gewebe-Plasminogen-Aktivator, der weite Anwendung in der Nachbehandlung von Herzanfällen findet.3 All diese Ziegen sind durch gentechnische Eingriffe, bei denen Kopien menschlicher Gene in befruchtete Ziegen-Eizellen übertragen wurden, entstanden. Das heißt, bei den Ziegen hier handelt es sich schon um die dritte Generation. Abends werden die Ziegen in dem pharmazeutischen Institut dahinten gemolken, das auch die Proteine von der Milch scheidet." Er zeigte auf ein großes Gebäude am Horizont, an dem ein Davidstern prangte.

1 Forschungsarbeit an der Universität von Leiden

2 Gentechnischer Erfolg an drei Schafen, Pharmaceutical Proteins Ltd und AFRC Institute of Animal Physiology and Genetics Research in Edinburgh

3 Forschungserfolg an transgenetischen Ziegen der Veterinär-Abteilung der Tufts Universität in North Grafton und der Genzyme Corp. in Cambridge

Der Hirte entschuldigte sich. Für ihn war die Stunde des Gebetes gekommen. Er war Palästinenser und Moslem. Er hob die Hände und verneigte sich Richtung Mekka, zum Würfel. Palästinenser wie er machten in diesem Land jetzt die Drecksarbeit, während ihre jüdischen Herren in Räumen mit Klima-Anlage saßen und sie dirigierten.

"Ist doch großartig", meinte der Student, der beim Anblick des `Magen Dawid' Tränen in die Augen bekommen hatte, daß das jüdische Volk nach fast zweitausendjähriger Diaspora in seine Heimat zurückkommen konnte."

Ein anderes Mal meinte der Student, wo die Juden sich wieder in Israel gesammelt haben, wird das zweiten Kommen von Jesus Christus nicht weit sein, denn in der Bibel wurde prophezeit, daß die Juden über die ganze Welt verstreut würden, doch an einem einzigen Tag würden sie wieder eine Nation sein, dieser Tag war der 14. May 1948.

"Und was machen wir, wenn er wieder da ist?"

"Dann bricht eine Zeit des Friedens an, denn der Anti-Christ liegt gebunden für tausend Jahre. Aber vorher kommt es noch zur großen Schlacht von Armageddon, wo alle Könige der Welt sich schlagen werden. Es wird also zu einem Weltkrieg kommen. Den werden die Auserwählten und Gläubigen aber überleben."

"Armageddon ist ein kleiner Ort südöstlich von Haifa. Hoffentlich ist da genug Platz, damit sich da soviel Leute schlagen können."

"Vielleicht findet die Schlacht auch gar nicht dort statt, sondern über der ganzen Welt verteilt, und der Name ist nur ein Eponym, da der Har-Magedon, also der Hügel von Megiddo, am Schnittpunkt von fünf Handels- und Heerstraßen lag und in früher Zeit der Schauplatz vieler Schlachten war. Wir werden es bald wissen, denn es steht geschrieben, daß es innerhalb einer Generation sein wird."

"Dann wird es ja höchste Zeit."

"Es kann auch sein, daß man nicht von 1948 an rechnen soll, sondern von 1967 an, als am dritten Tag des Sechs-Tage-Krieges Jerusalem, der Tempelberg und die biblischen Gebiete Judea und Samaria erobert wurden, oder vielleicht von 1980 an, als Jerusalem die offizielle Hauptstadt Israels wurde. Es steht auch geschrieben, daß es erst noch den Greuel der Verwüstung einer heiligen Stätte geben wird. Diese heilige Stätte kann nur der Tempel von Jerusalem sein."

"Du meinst, den Salomonischen Tempel auf dem Tempelberg?"

"Ja, auf dem Berg Moriah, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Heute liegt der Berg in der Jerusalemer Altstadt."

"Aber den Tempel haben doch schon die Babyloner zerstört, und als er wieder aufgebaut war, noch mal die Römer. Jetzt steht an der Stelle eine Moschee, nämlich der Felsendom."

"Ja, aber es gibt Bemühungen den Felsendom abzureißen und an seiner Stelle den Tempel Salomons wieder zu errichten."

"Aber das wäre ja Unsinn, wenn man schon jetzt weiß, daß er wieder verwüstet wird."

"Die Juden wissen das ja nicht, nur die Christen."

"Du, ich glaube, du denkst in Umwegen: Wenn es zu Verwüstung an einer heiligen Stätte kommen soll, und du sagst, es gibt Bemühungen den Felsendom, der ja das zweithöchste Heiligtum des Islams ist, zu zerstören, dann ist diese Zerstörung die Verwüstung, von der du redest, denn die Moslems werden die Zerstörung ja nicht so einfach hinnehmen."

"Aber solange die Moslems da beten, ist das doch keine heilige Stätte, sondern eine heidnische."

"Das sagt du, weil Religion für dich nichts Objektives ist."

"Was soll das heißen?"

"Objektiv gesehen, ist Religion Unsinn. Du glaubst, Gott hat alles vorherbestimmt, und jetzt ist Endzeit. Es mag ja wirklich sein, daß es einen Atomkrieg gibt und die Menschheit sich in den ewigen Frieden bombt, aber das ist dann nicht Gottes Werk, sondern eine andere mystische Kraft hat da ihre Hand im Spiel. Es ist offensichtlich, diese mystische Kraft heißt: Dummheit."

Und also reiste Adjuna mit Luz' Asche durch das Heilige Land, um sie zu verstreuen. Er reiste hierhin und er reiste dahin, und er wußte nicht, wohin er sie streuen sollte. Ein jeder Ort sah so profan aus. So profan, wie die restliche Welt.

Adjuna klammerte sich an seine Asche. Er wagte nur ab und zu mal, wo ein einsamer, altehrwürdiger Baum stand oder ein Höhleneingang war oder unberührtes Ödland, eine kleine Prise zu verstreuen, aber besorgt, daß ihm der Wind vielleicht die Asche aus der Urne herauswirbeln würde, schloß er jedes Mal ganz schnell den Deckel des Gefäßes. Er hing an der Asche, aber er war auch bereit, sich von ihr zu trennen, hoffte er doch, daß das Verstreuen dieser teuflischen Reliquie die verdammte Erde heilen würde. Und war hier nicht ihr Nabel. Er mußte nur noch ganz genau den richtigen Platz finden, dann würde die Asche wie Alkali auf saurem Boden wirken. Er müßte nur wissen... Nicht bloß irgendwohin... Das Heiligste? ... Bethlehem, Gethsemane, Golgatha, die Grabeskirche...? Nein, das war ja alles Neues Testament. Der Berg Zion, wo Abraham seinen Sohn opfern wollte, Gott aber seinen Sohn - zumindest der Legende nach - wirklich opferte, oder sollte er vielleicht die Asche in den Jordan schütten?

Die Idee gefiel ihm immer mehr. Es lag wohl auch an der Hitze und Trockenheit und an der Staubschicht, die sich auf seine Haut gelegt hatte. Der Jordan. Ja, das war's. Da würde er die Asche hineinschütten. Und in den Fluten würde er auch selbst baden und sich reinigen.

Und so machte Adjuna sich auf, das Land zu durchqueren. Und er sah sich um dabei und dachte: Das ist also das gelobte Land, das Land des Herrn, das Land, das er verschenkt hat. Dieser eifersüchtige Gott, der zuallererst sich selbst verehrt wissen möchte, dann die Menschen dazu zwingt, am siebten Tag zu ruhen, und erst dann ein paar vernünftige Gesetze erläßt, die das Begehen von Verbrechen verbieten. Aber es waren ja nicht nur die zehn Gebote, die er Moses gegeben hatte, sondern es gab noch eine Unmenge detaillierter Gesetze - man kommt auf über sechshundert, wenn man versucht, sie zu zählen -, die er Moses ebenfalls mitgegeben hatte, wohl nicht alle in Stein gehauen, vielleicht auf Papier oder Papyrus? Oder vielleicht mußte Moses sie auch auswendig lernen, er war ja lange genug da oben. Oder sie sind ihm später eingefallen, ohne Gottes Hilfe: Die Sabbatfeier: Wer an dem Sabbat arbeitet, soll sterben. Ihr sollt kein Feuer anzünden in allen euren Wohnungen.1 Das sind laut Moses Gottes Worte. Angesichts solcher Drohung fällt das Feiern schwer. Ängstlich buddelte man am Freitag Löcher in den Sand und hoffte, es waren genug für die Notdurft am Samstag. Besort stellte man sein Schäufelchen weg, denn am Sabbat durfte es nicht einmal mehr berührt werden, damit man nicht in die Versuchung kam, es zu benutzen. Die Rabbis verfeinerten die Gesetze noch. Keine Fliege wurde mehr gefangen, keine Mücke mehr totgeschlagen am Sabbat, denn die Jagd war verboten am Tage des Herrn, kein Knochen mehr eingerengt, keine Wunde verbunden, wenn es nicht gerade lebensbedrohlich war, hatte es Zeit bis Sonntag. In Adjunas Zeit durften die Flugzeuge nicht fliegen und Filmprojektoren nicht surren. Also selbst die Maschinen mußten die Sabbatgesetze beachten.

Der Gott der detaillierten Vorschriften zeigte sich auch besonders bei der Einrichtung, Beleuchtung und den Vorhängen der Stiftshütte, sowie an der priesterlichen Kleidung, inklusiv Spangen, Schulterstücke und Gürtel, kleinlich; dann die göttliche Nahrung: neben jeder Menge Fleisch, Semmelmehl mit Öl drauf, Weihrauch als Beilage.2 Alles gut gesalzen. Rezept à la Jahwe. Fürs Dankopfer nehme Fett, welches das Eingeweide bedeckt, sowie alles am Eingeweide und die zwei Nieren mit dem Fett, das daran ist, an den Lenden, und das Netz um die Leber, an den Nieren abgerissen.3

Du sollst das Blut meines Opfers nicht neben dem Sauerteig opfern, und das Fett von meinem Fest soll nicht bleiben bis auf morgen.4

(Fußnoten:)

1 2. Moses 35:2-3.

2 3. Moses 2:1-2

3 3. Moses 3:3-4

4 2. Moses 23:18

Aber das interessierte ja wohl alles nicht mehr. Die Stiftshütte war verschwunden und das Leben ging weiter. Bei all dem Viehzeug, das hier rumlief, interessierte aber vielleicht noch, daß Gott sich auch hier seine Gedanken gemacht hatte: Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.1 Wenn jemandes Ochsen eines anderen Ochsen stößt, daß er stirbt, so sollen sie den lebendigen Ochsen verkaufen und das Geld teilen und das Aas auch. Ist er aber stößig gewesen...blabla etc.2 Wenn du deines Feindes Ochsen oder Esel begegnest, daß er irrt, so sollst du ihm denselben wieder zuführen. Wenn du den Esel des, der dich haßt, siehst unter seiner Last liegen, hüte dich, und laß ihn nicht, sondern versäume gern das Deine um seinetwillen.3

1 2. Moses 34:26

2 2. Moses 21:35

3 2. Moses 23:4-5

Adjuna sah weder das eine noch das andere, aber er sah eine hochschwangere Frau, die eilig ein Taxi verließ und in eine gynäkologische Klinik rannte.

Wenn ein Weib empfängt und gebiert ein Knäblein, so soll sie sieben Tage unrein sein, wie wenn sie ihre Krankheit leidet. Und am achten Tage soll man das Fleisch seiner Vorhaut beschneiden. Und sie soll daheim bleiben dreiunddreißig Tage im Blute ihrer Reinigung. Kein Heiliges soll sie anrühren, und zum Heiligtum soll sie nicht kommen, bis das die Tage ihrer Reinigung aus sind. Gebiert sie aber ein Mägdlein, so soll sie zwei Wochen unrein sein, wie wenn sie ihre Krankheit leidet, und soll sechsundsechzig Tage daheimbleiben in dem Blut ihrer Reinigung. Und wenn die Tage ihrer Reinigung aus sind für den Sohn oder für die Tochter, soll sie ein jähriges Lamm bringen zum Brandopfer und eine junge Taube oder Turteltaube zum Sündeopfer dem Priester vor die Tür der Hütte des Stifts. Der soll es opfern vor dem Herrn und sie versöhnen, so wird sie rein von ihrem Blutgang. Das ist das Gesetz für die, so ein Knäblein oder Mägdlein gebiert. Vermag aber ihre Hand nicht ein Schaf, so nehme sie zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben, eine zum Brandopfer, die andere zum Sündopfer, so soll sie der Priester versöhnen, daß sie rein werde.1

1 3. Moses 12, 2-8

Wir haben zwar gesehen, die Zeit hat sich geändert, es gibt moderne Kliniken und die Wissenschaft fängt an, Gentechnologie zu beherrschen, aber da wir schon einmal da sind, und es das ja auch alles immer noch gibt, zitieren wir doch ganz einfach mal weiter.

Von jetzt ab lesen Sie bis zum Ende des Abschnitts nicht mehr nur in irgendeinem Buch, sondern im absoluten Weltbestseller:

Vom großen Gott der kleinen Details.

Vom Master of the Universe.

Über Aussatz.

"Wenn einem Menschen in der Haut seines Fleisches etwas auffährt oder ausschlägt oder eiterweiß wird, als wollte ein Aussatz werden an der Haut seines Fleisches, soll man ihn zum Priester Aaron führen oder einem unter seinen Söhnen, den Priestern. Und wenn der Priester das Mal an der Haut des Fleisches sieht, daß die Haare in Weiß verwandelt sind und das Aussehen an dem Ort tiefer ist denn die andere Haut seines Fleisches, so ist's gewiß der Aussatz. Darum soll ihn der Priester besehen und für unrein urteilen. Wenn aber etwas eiterweiß ist an der Haut seines Fleisches, und doch das Ansehen nicht tiefer denn die andere Haut des Fleisches und die Haare nicht in Weiß verwandelt sind, so soll der Priester ihn verschließen sieben Tage und am siebensten Tage besehen. Ist's, daß das Mal bleibt, wie er's zuvor gesehen hat, und hat nicht weitergefressen an der Haut, so soll ihn der Priester abermals sieben Tage verschließen. Und wenn er ihn zum anderenmal am siebenten Tage besieht und findet, daß das Mal verschwunden ist und nicht weitergefressen hat an der Haut des Fleisches, so soll er ihn rein urteilen, denn es ist Grind. Und er soll seine Kleider waschen, so ist er rein. Wenn aber der Grind weiterfrißt in der Haut, nachdem er vom Priester besehen worden ist, ob er rein sei, und wird nun zum andernmal vom Priester besehen, - wenn dann da der Priester sieht, daß der Grind weitergefressen hat in der Haut, so soll er ihn unrein urteilen; denn es ist gewiß Aussatz. Wenn ein Mal des Aussatzes an einem Menschen sein wird, den soll man zum Priester bringen. Wenn derselbe sieht und findet, daß Weißes aufgefahren ist an der Haut und die Haare in Weiß verwandelt und rohes Fleisch im Geschwür ist, so ist's gewiß ein alter Aussatz in der Haut seines Fleisches. Darum soll ihn der Priester unrein urteilen und nicht verschließen; denn er ist schon unrein. Wenn aber der Aussatz blüht in der Haut und bedeckt die ganze Haut, von dem Haupt an bis auf die Füße, alles, was dem Priester vor Augen sein mag, - wenn dann der Priester besieht und findet, daß der Aussatz das ganze Fleisch bedeckt hat, so soll er denselben rein urteilen, dieweil es alles an ihm in Weiß verwandelt ist; denn er ist rein. Ist aber rohes Fleisch da des Tages, wenn er besehen wird, so ist er unrein. Und wenn der Priester das rohe Fleisch sieht, soll er ihn unrein urteilen; denn das rohe Fleisch ist unrein, und es ist gewiß Aussatz. Verkehrt sich aber das rohe Fleisch wieder und verwandelt sich in Weiß, so soll er zum Priester kommen. Und wenn der Priester besieht und findet, daß das Mal ist in Weiß verwandelt, soll er ihn rein urteilen; denn er ist rein. Wenn in jemandes Fleisch an der Haut eine Drüse wird und wieder heilt, darnach an demselben Ort etwas Weiß auffährt oder rötliches Eiterweiß wird, soll er vom Priester besehen werden. Wenn dann der Priester sieht, daß das Ansehen tiefer ist denn die andere Haut und das Haar in Weiß verwandelt, so soll er ihn unrein urteilen; denn es ist gewiß ein Aussatzmal aus der Drüse geworden. Sieht aber der Priester und findet, daß die Haare nicht weiß sind und es ist nicht tiefer denn die andere Haut und ist verschwunden, so soll er ihn sieben Tage verschließen. Frißt es weiter in der Haut, so soll er ihn unrein urteilen; denn es ist gewiß ein Aussatzmal. Bleibt aber das Eiterweiß also stehen und frißt nicht weiter, so ist's die Narbe von der Drüse, und der Priester soll ihn rein urteilen. Wenn sich jemand an der Haut am Feuer brennt und das Brandmal weißrötlich oder weiß ist und der Priester ihn besieht und findet das Haar in Weiß verwandelt an dem Brandmal und das Ansehen tiefer denn die andere Haut, so ist's gewiß Aussatz, aus dem Brandmal geworden. Darum soll ihn der Priester unrein urteilen; denn es ist ein Aussatzmal.1 Sieht aber der Priester und findet, daß die Haare am Brandmal nicht in Weiß verwandelt und es nicht tiefer ist denn die andere Haut und ist dazu verschwunden, soll er ihn sieben Tage verschließen; und am siebenten Tage soll er ihn besehen. Hat's weitergefressen an der Haut, so soll er ihn unrein urteilen; denn es ist Aussatz. Ist's aber gestanden an dem Brandmal und hat nicht weitergefressen an der Haut und ist dazu verschwunden, so ist's ein Geschwür des Brandmals. Und der Priester soll ihn rein urteilen; denn es ist eine Narbe des Brandmals. Wenn ein Mann oder Weib auf dem Haupte oder am Bart ein Mal hat und der Priester das Mal besieht und findet, daß das Ansehen tiefer ist denn die andere Haut und das Haar daselbst golden und dünn, so soll er ihn unrein urteilen; denn es ist aussätziger Grind des Hauptes oder des Bartes. Sieht aber der Priester, daß der Grind nicht tiefer anzusehen ist denn die Haut und das Haar nicht dunkel ist, soll er denselben sieben Tage verschließen. Und wenn er am siebenten Tage besieht und findet, daß der Grind nicht weitergefressen hat und kein goldenes Haar da ist und das Ansehen des Grindes nicht tiefer ist denn die andere Haut, soll er sich scheren, doch daß er den Grind nicht beschere; und soll ihn der Priester abermals sieben Tage verschließen. Und wenn er ihn am siebenten Tage besieht und findet, daß der Grind nicht weitergefressen hat in der Haut und das Ansehen ist nicht tiefer denn die andere Haut, so soll ihn der Priester rein sprechen, und er soll seine Kleider waschen; denn er ist rein. Frißt aber der Grind weiter an der Haut, nachdem er rein gesprochen ist, und der Priester besieht und findet, daß der Grind also weitergefressen hat an der Haut, so soll er nicht mehr danach fragen, ob die Haare golden sind; denn er ist unrein. Ist aber vor Augen der Grind stillgestanden und dunkles Haar daselbst aufgegangen, so ist der Grind hell und er rein. Darum soll ihn der Priester rein sprechen. Wenn einem Mann oder Weib an der Haut ihres Fleisches etwas eiterweiß ist und der Priester sieht daselbst, daß das Eiterweiß schwindet, das ist ein weißer Grind, in der Haut aufgegangen, und er ist rein. Wenn einem Mann die Haupthaare ausfallen, daß er kahl wird, der ist rein. Fallen sie ihm vorn am Haupt aus und wird eine Glatze, so ist er rein. Wird aber an der Glatze, oder wo er kahl ist, ein weißes oder rötliches Mal, so ist ihm Aussatz an der Glatze oder am Kahlkopf aufgegangen. Darum soll ihn der Priester besehen. Und wenn er findet, daß ein weißes oder rötliches Mal aufgelaufen an seiner Glatze oder am Kahlkopf, daß es sieht wie sonst der Aussatz an der Haut, so ist er aussätzig und unrein; und der Priester soll ihn unrein sprechen solchen Mals halben auf seinem Haupt. Wer nun aussätzig ist, des Kleider sollen zerrissen sein und das Haupt bloß und die Lippen verhüllt, und er soll rufen: Unrein, unrein! Und solange das Mal an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein. Wenn an einem Kleid ein Aussatzmal sein wird, es sei wollen oder leinen, am Aufzug oder am Eintrag, es sei leinen oder wollen, oder an einem Fell oder an allem, was aus Fellen gemacht wird, und wenn das Mal grünlich oder rötlich ist am Kleid oder am Fell oder am Aufzug oder am Eintrag oder an irgend einem Ding, das von Fellen gemacht ist, das ist gewiß ein Mal des Aussatzes; darum soll's der Priester besehen. Und wenn er das Mal sieht, soll er's einschließen sieben Tage. Und wenn er am siebenten Tage sieht, daß das Mal hat weitergefressen am Kleid, am Aufzug oder am Eintrag, am Fell oder an allem, was man aus Fellen macht, so ist das Mal ein fressender Aussatz, und es ist unrein. Und man soll das Kleid verbrennen oder den Aufzug oder den Eintrag, es sei wollen oder leinen oder allerlei Fellwerk, darin solch Mal ist; denn es ist fressender Aussatz, und man soll es mit Feuer verbrennen. Wird aber der Priester sehen, daß das Mal nicht weitergefressen hat am Kleid oder Aufzug oder am Eintrag oder an allerlei Fellwerk, so soll er gebieten, daß man das wasche, worin das Mal ist, und soll's einschließen andere sieben Tage. Und wenn der Priester sehen wird, nachdem das Mal gewaschen ist, daß das Mal nicht verwandelt ist vor seinen Augen und auch nicht weitergefressen hat, so ist's unrein, und sollst es mit Feuer verbrennen; denn es ist Tief eingefressen und hat's vorn oder hinten schäbig gemacht. Wenn aber der Priester sieht, daß das Mal verschwunden ist nach seinem Waschen, so soll er's abreißen vom Kleid, vom Fell, vom Aufzug oder vom Eintrag. Wird's aber noch gesehen am Kleid, am Aufzug, am Eintrag oder allerlei Fellwerk, so ist's Aussatzmal, und sollst das mit Feuer verbrennen, worin solch Mal ist. Das Kleid aber oder der Aufzug oder Eintrag oder allerlei Fellwerk, das gewaschen und von dem das Mal entfernt ist, soll man zum andernmal waschen, so ist's rein. Das ist das Gesetz über die Male des Aussatzes an Kleidern, sie seien wollen oder leinen, am Aufzug und am Eintrag und allerlei Fellwerk, rein oder unrein zu sprechen."2

1 Der weise Autor dieser Zeile scheint also zu glauben, aus Brandwunden kann Aussatz entstehen. Aber es kommt noch besser.

2 3. Moses 13:2 bis 59

Der Master of the Universe, der Herr, dein Gott, der große Medizinmann mit dem unorthodoxen, medizinischen Fachwissen, Voodoowunderwissen, sprach weiter und erklärte Moses die Gesetze zur Reinigung vom Aussatz:

Reinigung vom Aussatz

"Das ist das Gesetz über den Aussätzigen, wenn er soll gereinigt werden. Er soll zum Priester kommen. Und der Priester soll aus dem Lager gehen und besehen, wie das Mal des Aussatzes am Aussätzigen heil geworden ist, und soll gebieten dem, der zu reinigen ist, daß er zwei lebendige Vögel nehme, die da rein sind, und Zedernholz und scharlachfarbene Wolle und Isop. Und soll gebieten, den einen Vogel zu schlachten in ein irdenes Gefäß über frischem Wasser. Und soll den lebendigen Vogel nehmen mit dem Zedernholz, scharlachfarbener Wolle und Isop und in des Vogels Blut tauchen, der über dem frischen Wasser geschlachtet ist, und besprengen den, der vom Aussatz zu reinigen ist, siebenmal; und reinige ihn also und lasse den lebendigen Vogel ins freie Feld fliegen. Der Gereinigte aber soll seine Kleider waschen und alle seine Haare abscheren und sich mit Wasser baden, so ist er rein. Darnach gehe er ins Lager; doch soll er außerhalb seiner Hütte sieben Tage bleiben. Und am siebenten Tage soll er alle seine Haare abscheren auf dem Haupt, am Bart, an den Augenbrauen, daß alle Haare abgeschoren seien, und soll seine Kleider waschen und sein Fleisch im Wasser baden, so ist er rein. Und am achten Tage soll er zwei Lämmer nehmen ohne Fell und ein jähriges Schaf ohne Fell und drei Zehntel Semmelmehl zum Speiseopfer, mit Öl gemengt, und ein Log Öl. Da soll der Priester den Gereinigten und

diese Dinge stellen vor den Herrn, vor der Tür der Hütte des Stifts. Und soll das eine Lamm nehmen und zum Schuldopfer opfern mit dem Log Öl; und soll solches vor dem Herrn weben und darnach das Lamm schlachten, wo man das Sündopfer und Brandopfer schlachtet, nämlich an heiliger Stätte; denn wie das Sündopfer, also ist auch das Schuldopfer des Priesters; denn es ist ein Hochheiliges. Und der Priester soll von dem Blut nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel des rechten Ohrs tun und auf den Daumen seiner rechten Hand und auf die große Zehe seines rechten Fußes. Darnach soll er von dem Log Öl nehmen und es in seine, des Priesters, linke Hand gießen und mit seinem rechten Finger in das Öl tauchen, das in seiner linken Hand ist, und sprengen vom Öl mit seinem Finger siebenmal vor dem Herrn. Vom übrigen Öl aber in seiner Hand soll er dem Gereinigten auf den Knorpel des rechten Ohrs tun und auf den rechten Daumen und auf die große Zehe seines rechten Fußes, oben auf das Blut des Schuldopfers. Das übrige Öl aber in seiner Hand soll er auf des Gereinigten Haupt tun und ihn versöhnen vor dem Herrn. Und soll das Sündopfer machen und den Gereinigten versöhnen seiner Unreinigkeit halben; und soll darnach das Brandopfer schlachten und soll es auf dem Altar opfern samt dem Speisopfer und ihn versöhnen, so ist er rein. Ist er aber arm und erwirbt mit seiner Hand nicht so viel, so nehme er ein Lamm zum Schuldopfer zu weben, zu seiner Versöhnung, und ein Zehntel Semmelmehl, mit Öl gemengt, zum Speiseopfer, und ein Log Öl und zwei Turteltauben oder zwei junge Tauben, die er mit seiner Hand erwerben kann, daß eine sei ein Sündopfer, die andere ein Brandopfer, und bringt sie am achten Tage seiner Reinigung zum Priester vor die Tür der Hütte des Stifts, vor dem Herrn. Da soll der Priester das Lamm zum Schuldopfer nehmen und das Log Öl und soll's alles weben vor dem Herrn und das Lamm des Schuldopfers schlachten und Blut nehmen von demselben Schuldopfer und es dem Gereinigten tun auf den Knorpel seines rechten Ohres und auf den Daumen seiner rechten Hand und auf die große Zehe seines rechten Fußes, und von dem Öl in seine, des Priesters, linke Hand gießen und mit seinem rechten Finger vom Öl, das in seiner linken Hand ist, siebenmal sprengen vor dem Herrn. Von dem übrigen aber in seiner Hand soll er dem Gereinigten auf den Knorpel seines rechten Ohrs und auf den Daumen seiner rechten Hand und auf die große Zehe seines rechten Fußes tun, oben auf das Blut des Schuldopfers. Das übrige Öl aber in seiner Hand soll er dem Gereinigten auf das Haupt tun, ihn zu versöhnen vor dem Herrn; und darnach aus der einen Turteltaube oder jungen Taube, wie seine Hand hat mögen erwerben, ein Sündopfer, aus der andern ein Brandopfer machen samt dem Speiseopfer. Und soll der Priester den Gereinigten also versöhnen vor dem Herrn. Das sei das Gesetz für den Aussätzigen, der mit seiner Hand nicht erwerben kann, was zu seiner Reinigung gehört. Wenn ihr in das Land Kanaan kommt, das ich euch zur Besitzung gebe, und ich werde irgend in einem Hause eurer Besitzung ein Aussatzmal geben, so soll der kommen, des das Haus ist, es dem Preister ansagen und sprechen: Es sieht mich an, als sei ein Aussatzmal an meinem Haus. Da soll der Priester heißen, daß sie das Haus ausräumen, ehe denn der Priester hineingeht, das Mal zu besehen, auf daß nicht unrein werde alles, was im Hause ist; darnach soll der Priester hineingehen, das Haus zu besehen. Wenn er nun das Mal besieht und findet, daß an der Wand des Hauses grünlich und rötliche Grüblein sind und ihr Ansehen tiefer denn sonst die Wand ist, so soll er aus dem Hause zur Tür herausgehen und das Haus sieben Tage verschließen. Und wenn er am siebenten Tage wiederkommt und sieht, daß das Mal weitergefressen hat an des Hauses Wand, so soll er die Steine heißen ausbrechen, darin das Mal ist, und hinaus vor die Stadt an einen unreinen Ort werfen. Und das Haus soll man inwendig ringsherum schaben und die abgeschabte Tünche hinaus vor die Stadt an einen unreinen Ort schütten und andere Steine nehmen und an jener Statt tun und andern Lehm nehmen und das Haus bewerfen. Wenn dann das Mal wiederkommt und ausbricht am Hause, nachdem man die Steine ausgerissen und das Haus anders beworfen hat, so soll der Priester hineingehen. Und wenn er sieht, daß das Mal weitergefressen hat am Hause, so ist's gewiß ein fressender Aussatz am Hause, und es ist unrein. Darum soll man das Haus abbrechen, Steine und Holz und alle Tünche am Hause, und soll's hinausführen vor die Stadt an einen unreinen Ort. Und wer in das Haus geht, solange es verschlossen ist, der ist unrein bis an den Abend. Und wer darin liegt oder darin ißt, der soll seine Kleider waschen. Wo aber der Priester, wenn er hineingeht, sieht, daß dies Mal nicht weiter am Hause gefressen hat, nachdem das Haus beworfen ist, so soll er's rein sprechen; denn das Mal ist heil geworden. Und soll zum Sündopfer für das Haus nehmen zwei Vögel, Zedernholz und scharlachfarbene Wolle und Isop, und den einen Vogel schlachten in ein irdenes Gefäß über frischem Wasser. Und soll nehmen das Zedernholz, die scharlachfarbene Wolle, den Isop und den lebendigen Vogel, und in des geschlachteten Vogels Blut und in das frische Wasser tauchen, und das Haus siebenmal besprengen. Und soll also das Haus entsündigen mit dem Blut des Vogels und mit dem frischen Wasser, mit dem lebendigen Vogel, mit dem Zedernholz, mit Isop und mit scharlachfarbener Wolle. Und soll den lebendigen Vogel lassen hinaus vor die Stadt ins freie Feld fliegen, und das Haus versöhnen, so ist's rein. Das ist das Gesetz über allerlei Aussatzes und Grindes, über den Aussatz der Kleider und der Häuser, über Beulen, Ausschlag und Eiterweiß, auf daß man wisse, wann etwas unrein oder rein ist. Das ist das Gesetz vom Aussatz."1

1 3. Moses 14:2 bis 57

"Ein schlechter Witz", fluchte Adjuna. Er war in ein Café gegangen, um sich in dem klimatisierten Raum ein bißchen zu erholen. Dort hatte er auch den Studenten wiedergetroffen. Der wollte in die gleiche Richtung, nämlich auch zum Jordan. Da war es unvermeidlich, daß man sich traf.

"Was ist denn los?"

Adjuna kam gerade von der Toilette: "Auf dem Toilettenpapier waren Dollarnoten gedruckt, außerdem funktionierte die Spülung nicht, und irgendein Witzbold hat unbenutzte Scheine über den ganzen Fußboden verstreut. Was für eine Papierverschwendung!"

"Du hast es mit der Papierverschwendung."

"Und du hast dir schon wieder ein neues Buch gekauft?"

"Was hast du gegen Bücher? Ein Buch trägt dich zu Orten, die du sonst nie sehen würdest, läßt dich Abenteuer erleben, die du zu feige wärest zu erleben, läßt dich zum Helden werden, obwohl du eigentlich ohne Mut bist. Ein Buch konfrontiert dich mit Gedanken von Leuten, die du anders nie das Glück hättest zu treffen, Gedanken, die du nie denken würdest, wenn dir nicht jemand auf die Sprünge hülfe."

"Ja ja, Bücher enthalten auch am ehesten Informationen, die du nicht wissen sollst und daher nicht in den Nachrichten oder in der Zeitung findest. Bücher lehren dich zu fragen und zu hinterfragen. Bücher enthalten aber auch Lügen. Ich habe etwas gegen Lügen. Aber ich habe nichts gegen Bücher, wenn sie ehrlich sind. Ich habe etwas gegen Leute, die sich, meist sind es Bestseller, kaufen und sie dann ungelesen im Schrank stehen lassen. Das ist Papierverschwendung. Ich lese übrigens selbst oft und studiere, aber eigentlich suche ich nicht das Wort, sondern die Tat in meinem Leben."

Jetzt entschuldigte sich der Student seinerseits und ging zur Toilette. Eigentlich mußte er gar nicht. Er hatte sich nur daran erinnert, daß auf den amerikanischen Geldscheinen "In God We Trust" stand. Stand das wirklich auch auf diesen Bogus-Scheinen? Das Greuel zog ihn an.

Blasphemie?

Blasphemie ein Verbrechen ohne Opfer.1

1 Bumpersticker der American Atheists

Als der Student zurückkam, sah er betroffen aus. "Noch ein Witz", pustete Adjuna heraus. Und der Student sah noch betroffener aus. Aber Adjuna hatte in der Zwischenzeit bloß in der Zeitung gelesen, daß irgendwelche Rabbis den Sabbat noch mehr heiligen wollten, deshalb forderten sie, daß alle öffentlichen Ämter und privaten Unternehmen, Wasserwerke, E-Werke, die Transportmittel am Sabbat dichtmachen und ruhen sollten. "Daß die Spülung nicht funktioniert, gibt einem den richtigen Vorgeschmack darauf. Das hat doch furchtbar gestunken, nicht wahr?" Aber erst jetzt, wo Adjuna es sagte, wurde dem Studenten bewußt, daß es auf der Toilette furchbar gestunken hatte.

"Es ist schade, daß die Juden nicht Jesus annehmen. Durch seinen Opfertod am Kreuz hat er das mosaische Gesetz aufgehoben. Wie Paulus in einem seiner Briefe schreibt, durch Christus sind wir beschnitten mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen gemacht ist, mit Christus sind wir begraben durch die Taufe und auferstanden durch den Glauben. Mit ihm wurden wir lebendig gemacht, die wir tot waren in Sünde. Getilgt hat er den Schuldbrief, der wider uns war, und an das Kreuz geheftet. Nie wieder brauchen wir ein schlechtes Gewissen zu haben, wegen Speise oder Trank, oder bestimmter Feiertage, Neumonde oder Sabbate.1 Die Juden warten auf einen Erlöser, dabei war er schon längst da. Der Menschen Sohn ist Herr über den Sabbat.2 Einige seiner größten Wunder tat er am Sabbat und bald wird er die Menschheit zu geistiger und körperlicher Perfektion auferstehen lassen und ein Millennium herrschen,3 das wird der wahre Sabbat sein für Erde und Menschheit."

1 vgl. Brief an die Kolosser 2. Kapitel

2 Matth 12:8

3 Off. 20:6

"Das Millennium, in dem der christliche Unsinn unumschränkt herrschte, ist hoffentlich mit dem Mittelalter für immer vorbei."

Als Adjuna weiterging traf er irgendwo in der Wildnis der dreimal heiligen Stadt den Rabbi.

Nicht den, der ist schon lange nicht mehr, sondern...

Rabbi Eliezer Schach

In Israel, wie in anderen Demokratien auch, entschied die kleinste Partei, wer regierte. Diesmal war es die Partei des frommen Rabbis Eliezer Schach, die aus einem Patt ein Schach machte, das für die Bevölkerung zum Eigentor wurde. Aber Regierungen schnitten ja meist den eigenen Leuten ins Fleisch, da sich ihnen eine Möglichkeit, den Nachbarvölkern zu schaden, nicht so leicht bot.

Aber zurück zum Rabbi. Der Rabbi hatte die Thora nicht nur studiert, sondern er nahm sie auch ernst. Daher war sein größtes Anliegen ein Gesetz gegen den Verzehr von Schweinefleisch. Auch anderes Fleisch war ihm zuwider, Menschenfleisch, genauer zartes Mädchenfleisch, rund und fest. Pornografie wollte er verboten wissen, oder was er dafür hielt. Bei spärlich bekleideten Badenixen wurde ihm schon heiß, er brauchte sie gar nicht ganz nackt zu sehen.

Der Rabbi folgerte, wenn Nebukadnezar die Juden in die babylonische Gefangenschaft geführt hatte, weil Gott die Juden dafür bestrafen wollte, daß sie religiöse Toleranz geübt, Sonnensäulen, Ketzeraltäre und Götzenkapellen in ihrem Lande geduldet und die Thora vergessen hatten, dann war die Endlösung der Nazis eine Strafe Gottes für das Schweinefleisch-Essen der europäischen Juden. Wie sonst hätte Gott die Säkularisierung der Juden verhindern können, wenn nicht mit einer Heimsuchung? Der Holocaust, das Brandopfer des Einhodigen, war eine heilige Handlung gewesen, Hitler ein Gottgesandter.1 So lehrte der Rabbi. Deutsche Touristen, die ihn hörten, atmeten erleichtert auf. Aber viele Juden schüttelten traurig den Kopf. Die meisten wollten die Lehre des Rabbis nicht akzeptieren, aber gottlos wollten sie auch nicht sein. Sie erfanden sich Ausreden für einen Mittelweg.

1 Informationen wurden dem American Atheist Newsletter Vol. 30, Nr. 2, Febr. 1991 entnommen. Die Herausgeber, Jon Murray und Madalyn O'Hair, beziehen sich ihrerseits auf Artikel der folgenden Zeitungen: Indianapolis Star v. 28.12.90, Pittsburgh Post Gazette v. 29.12.91, Williamsport Sun-Gazette v. 28.12.91 und Columbus Dispatch v. 28.12.91.

Entscheidungen, die die eine Generation nicht fällte, mußte eine spätere Generation fällen. Mittelwege gabelten sich irgendwo. Hoffentlich nahm man dann nicht den Weg, der ins Mittelalter führte, in die geistige Umnachtung der Religion.

Adjuna ließ den frommen Rabbi hinter sich und ging weiter Richtung Ölberg. Vor dem Ölberg bog er nach rechts in die Straße nach Jericho. Die goldene Kuppel des Felsendomes leuchtete hoch hinter dem Löwentor, das rechts in die Altstadt führte. Adjuna ging vorbei, weiter an der alten Stadtmauer entlang. Linker Hand lagen jetzt die Grabeskirche der Maria und die Grotte von Gethsemane, rechts kam dann ein Weg zum Goldenen Tor, hinter dem eine breite, aber steile Treppe zur Moschee anstieg. Auf der anderen Straßenseite versuchten christliche Gotteshäuser, Mohammeds Gott den Platz streitig zu machen, sie drängten sich und strahlten ihre Heiligkeit aus: direkt an der Straße Gethsemane mit der Kirche aller Nationen, dahinter auf einem Berg sehr eindrucksvoll die Kirche der hysterischen Frau, Maria Magdalena. In der Nähe befanden sich auch noch die Himmelfahrtskirche, die Paternoster-Kirche und ein russisches Kloster. Näher an der Straße, aber auch auf der linken Seite lagen die Propheten-Gräber und der jüdische Friedhof. Rechts führte ein Weg in das Kidrontal hinein zur Davidstadt, wo sich die Quelle der Heiligen Jungfrau Maria befand. Namengebung der Quelle erfolgte durch die Kreuzritter. Am Ende des jüdischen Friedhofes machte die Jerichoer Straße einen Bogen nach links, also nach Osten. Die breite Straße, die geradeaus ging, führte auf den Berg des Ärgernisses. Aber Ärgernisse gab es ja für Adjuna schon genug. Obwohl, es schien gerade dieser Berg, soweit Adjuna es überblicken konnte, ohne Gotteshäuser und frommer Stätten zu sein. Aber die Aussicht wäre sicher Ärgernis genug und die eigene Unfähigkeit, diese dreimal heilige Stadt von ihrem dreifachen Aberwitz zu befreien. Verdrossen folgte er den Wegweisern Jericho, Totes Meer, Jordan.

Bald machte sich noch ein anderes Ärgernis bemerkbar: Vorbei flitzende Autos. Die Trockenheit des Landes ließ furchtbar viel Staub entstehen.

Adjuna dachte: Wenn man wie ich auf Schustersrappen reist, sollte man die Hauptstraße meiden. Nichts verleidet einem das Zu-Fuß-Gehen mehr, als sehen zu müssen, wie andere mit ihren Autos schnell vorwärts kommen.

Streng genommen, befand sich Adjuna jetzt nicht mehr in Israel, sondern auf besetztem Gebiet. Eigentlich gehörte es den Arabern, aber das war schon so lange her, daß man es fast nicht mehr glaubte, es vergessen hatte; es war schon nicht mehr wahr. In Wahrheit gehörte sowieso alles dem, der es besaß. Wäre es nicht so, gehörte kaum einem Besitzer etwas. Wären wir Naivlinge und glaubten an Rechte, Anrechte, gehörte dann nicht ganz Israel den Palästinensern? Halt, nein, den Kanaanitern, denn die lebten doch hier, bevor Jahwe das Land unrechtmäßigerweise den Israeliten schenkte. Aber ob die Kanaaniter das Land unschuldig erworben hatten, war auch fraglich. Amerika gehörte auf jeden Fall den Indianern, Australien den Aborigines, Neuseeland den Maois, die Antarktis den Pinguinen, der Vatikan den Anhängern des Mithras, die Kaaba den Verehrern von Lat, Manat und Uzza - ach, von denen hatten die Neugläubigen ja auch keinen am Leben gelassen -, die Moschee von Ayodhya und Taj Mahal den Hindus und so weiter. Gerade Gotteshäuser standen gerne auf gestohlenem Grund, bewies doch das Stehen auf den Ruinen der Konkurrenz die eigene Überlegenheit - zumindest den Geistigschwachen.

Überhaupt Gewalt bewies immer Überlegenheit.

In einem der Dörfer abseits der großen Straße traf Adjuna Ahasver, den Dampfwalzenfahrer. Er war dabei Häuser niederzuwalzen. Schwarz vermummte Frauen flohen mit Kleinkindern und armseliger, schnell in schwarze Tücher geraffter Habe kreischend aus den Häusern. Sie waren ohne Männer. Die Männer des Dorfes hatte man schon lange vorher verhaftet.

Einer Mutter, die neben ihren großen Gepäckstücken und drei Kleinstkindern noch ein kleines Mädchen an der linken Hand baumeln hatte, entglitt dieses kleine, schreiende Häufchen Unglück. Das Kind fiel auf den staubigen Boden. Es lag direkt in Fahrtrichtung der großen Walze. Die Walze wälzte sich pfeifend und zischend näher. Das kleine Mädchen war starr vor Schreck. Die Mutter hatte schnell die anderen Kinder und das Gepäck an der Seite abgesetzt. Aber auch sie wagte sich nicht mehr zur Tochter. Die Walze war schon zu dicht. Sie türmte schon fast über dem Kind. Aus den aufgerissenen Augen schrie die Angst, der aufgerissene Mund brachte keinen Laut mehr hervor.

Adjuna war ins Führerhaus gesprungen und hatte eine Notbremsung gemacht, gerade noch rechtzeitig. Der zur Seite gedrängte Fahrer, amüsiert wegen soviel Eifer, bemerkte ganz ungezwungen: "Nanu, kennen wir uns nicht?" "Warum sollte ich dich kennen?" "Na, von Auschwitz." Jetzt sah es Adjuna auch.

Adjuna: "Du hast überlebt?"

Ahasver: "Ja, ich bin dazu verdammt, alles zu überleben."

Adjuna: "Das hier hättest du sicher überlebt, aber die nicht."

Ahasver erklärte Adjuna dann noch, daß diese Häuser Terroristen beherbergten und von palästinensischen Scharfschützen als Deckung benutzt würden. Außerdem müsse die Straße verbreitert werden, und brauche man ein freies Schußfeld.

Aber noch ehe Adjuna alles verstanden hatte, rief einer von den Planierraupenfahrern herüber: "Achaschwerosch, weitermachen!" Auch die Soldaten, die neben der Walze standen, fuchtelten schon ganz nervös mit ihren Maschinenpistolen.

Es war noch nicht Feierabend und Plauderstündchen.

Menschen lebten zwar im allgemeinen nicht gern frei und unabhängig, im Rudel und als Gefolgschaft von großen Führern, als Stiefellecker und Arbeitssklave, Handlanger und Kanonenfutter, angepaßtes Stimmvieh und Hurra-Schreier fühlten sich die meisten am wohlsten, und Untertan zu sein, war für sie das Natürlichste, und Nein-Sager zu sein, das Schwerste, diese Flucht vor der eigenen Unabhängigkeit war etwas Althergebrachtes, Artspezifisches und verwandt mit der Faulheit und dem Sich-Nicht-Anstrengen-Wollen. Es wurde daher von der Allgemeinheit akzeptiert, wenn man vor der etablierten Autorität kroch und nur das Nachplapperte, was alle nachplapperten, und so ein richtiger,

elender, dummer Untertan war, es wurde eigentlich nicht nur akzeptiert, sondern geradezu gefördert und gefordert. Dieses System erlebte aber Erschütterungen, wenn plötzlich von außen Fremde kamen und den Herrenmenschen spielen wollten. Da konnte sich der Untertanengeist der Menschen nicht schnell genug umstellen, und statt den neuen Herren möglichst schnell die Stiefel zu lecken, erwachte in den ehemals gehorsamen Untertanen etwas Konservatives, das sich nach der alten Unfreiheit sehnte und nicht die neue wollte, und statt den Status des Untermenschen unter fremder Herrschaft im ehemals eigenen Land zu akzeptieren und die neuen Herren als Herrenmenschen zu verehren, wollten die Untertanen lieber von den alten, eigenen Herren untermenschlich behandelt werden. Das war ein rebellischer Wunsch. Die Sklavenseele wurde ein Rebell. Der brave Untertan wurde unter der Fremdherrschaft störrisch, - aufständisch, - griff zu Steinen oder gar zur Waffe. Freiheitskämpfer nannte er sich jetzt stolz. Die Herren und ihre Freunde nannten ihn einen Terroristen. Und sie nannten ihn immer wieder so und man kam über ein, daß er sehr, sehr böse war. Und so lenkte man von der Verzweiflung ab, die ihn trieb, und von seinem rechtlosen Zustand und dem Unrecht, das ihm angetan worden war - von den neuen Herren, das Unrecht der alten Herren war ja egal, selbst den Opfern.

Da die Untertanen in der westlichen Welt mit Untaten der Palästinenser überfüttert worden waren, waren sie pro-Israel und palästinenserfeindlich. Angewidert von soviel Unmündigkeit erinnerte sich Adjuna der israelischen Verbrechen: Das größte Verbrechen des israelischen Staates war zweifellos seine Existenz auf gestohlenem Territorium, hinzu kamen willkürliche Enteignungen, Zerstörungen, Verhaftungen, Folterungen, Morde, sogar Morde an Frauen und kleinen Kindern.

Am 4. März 1994 tötete der israelische Major Baruch Goldstein mit einer Uzi-Sub-Machine-Gun etwa 50 betende Palästinenser in der Grabeshöhle der Patriarchen von hinten, laut israelischen Angaben waren es nur 30; die zählten anders. 8 weitere Palästinenser wurden von den israelischen Sicherheitsbeamten erschossen, als sie nach der Bluttat zu aufgeregt aus der Höhle gestürmt kamen. Weitere 6 wurden erschossen, als sie vor dem Hebron Hospital, wo die etwa 200 Verletzten des Attentats behandelt wurden, gegen dieses Verbrechen demonstierten.

Im Juli 1993 hatten palästinensische Freiheitskämpfer, 9 israelische Soldaten, die im besetztenten Gebiet die Leute terrorisierten, erschossen, also Leute, die den Tod allemal verdient hatten. Als Rache dafür griffen die Israelis aus der Luft Dörfer im Süden Libanons an und töteten über 100 Bewohner, Männer, Frauen und Kinder, völlig willkürlich, Hunderte erlitten schwere Brandverletzungen von den Phosphorbomben, 300 000 Zivilisten flohen Richtung Beirut. 33 Millionen Dollar ließ sich Israel die Rache kosten. Es erlitt keine Geldnot dank der USA.

Im Oktober 1990 mähten israelische Soldaten in Jerusalem 19 Palästinenser nieder. Die westliche Welt sprach von einer Tragödie, als ob das Schicksal zugeschlagen hätte, ein Unwetter oder Erdbeben oder gar Gottes Zorn, und nicht die hochgezüchteten Hasser eines Verbrecherstaates. Es zahlte sich für Israel auf jeden Fall aus, mit den USA unter einer Decke einen glossalanalen Liebesakt zu vollführen: Jeder hielt ihn mal hin und jeder bekam ihn mal geleckt. Feuille de Rose nannte sich so etwas, wenn anständige Menschen, die sauber waren, so etwas taten, sonst nannte sich so etwas schlicht und einfach eine Schweinerei.

Am 20. Mai des gleichen Jahres waren israelische Soldaten schon einmal so schicksalhaft von ihrem Haß überwältigt worden, daß sie nicht anders konnten, als sieben palästinensische Tagelöhner, die ihnen auf dem Weg in Rishon Lazion begegneten, zu befehlen, sich in einer Reihe aufzustellen. Und als die Soldaten dann die bösen Rücken der arabischen Arbeiter sahen, konnten sie nicht anders, sie schossen hinein. Auch das war Schicksal gewesen - nach Meinung der westlichen Presse.

Anfang Juni 1982 flog die israelische Luftwaffe massive Angriffe gegen Beirut, angeblich gegen Terroristen, aber sie töteten nur über 200 Zivilisten.

Im gleichen Jahr sahen die israelischen Truppen zu, als ihre Falangisten-Freunde in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Chatila über 2 000 Palästinenser, keine kämpfenden Freischärler, einfache Flüchtlinge, systematisch wie die SS ermordeten; die Weltöffentlichkeit sah ebenfalls zu, allerdings mit weniger Freude und mehr Gleichgültigkeit. Laut israelischen Angaben gab es bei diesem Massaker bloß magere 800 Tote, also verhältnismäßig weniger als im Hebron-Massaker: 800 : 2000 < 30 : 50.

Oktober 1956, 43 palästinensische Zivilisten wurden in dem Ort Kafr Kashem umgebracht, weil sie sich zur Ausgangssperre noch irgendwo draußen aufhielten.

Am 9. April 1948, also fünf Wochen vor der Gründung Israels, überfielen jüdische Terroristen der Irgun Zwai Leumi das arabische Dorf Deir Yassin und verübten ein Massaker an der Bevölkerung. Besonders die Frauen, da sie wegen ihrer körperlichen Schwäche ungefährlicher waren, fanden einen langsamen, grausamen Tod. Ihnen wurden nur die Bäuche mit dem Bajonett aufgeschlitzt. Dann wurden sie sich selbst überlassen.

Verbrechen. Aber den Verbrechern der Irgun- und Hagana-Organisation verdankte der Staat Israel seine Existenz.

Adjuna schlug dem Ewigen Juden seine Faust ins Gesicht und sprach einen Fluch aus: "Du sollst nicht mehr ewig sein. Du sollst nicht mehr Jude sein, du sollst Mensch werden, wie andere auch."

Ob es ein frommer Wunsch blieb, oder ob es zur Erlösung wurde für alle Betroffenen, war abzuwarten.

Er hätte wohl auch den ewiggestrigen Anti-Semitisten die überzeugende Faust ins Gesicht schlagen müssen.

Als Adjuna von Jericho hinunter in die Jordansenke ging, wurde ihm immer heißer, denn die Luft stand und die Sonne brannte. Selbst im Altertum schon waren sich die Menschen bewußt, daß die Erde hier ein tiefes Loch hatte. Und manch einer fürchtete wohl damals, hier der Hölle am nächsten zu sein. Das Wasser des Jordans ließ hier zwar eine paradiesische Oase entstehen, aber der Wunsch der Menschen, sie zu besitzen, hatte ewige Kriege zur Folge. Ödland hätte weniger Tränen und Blut gefordert.1

1 Für eine Beschreibung der dramatischen Ereignisse um den Jordan siehe Gerhard Konzelmann `Der Jordan'.

Es war gerade ein berühmter Tele-Missionar aus der Neuen Welt zugegen. An der Jordanfurt hatte er eine große Tauf-Aktion gestartet wie einst Johannes. Um genau zu sein, es war eine Wiedertauf-Aktion, er war also ein Wiedertäufer. Langgestreckte Limousinen parkten am Ufer, die Menge drängte sich, TV-Kameras der missionseigenen Sendestation versuchten das dramatische Geschehen einzufangen. Der Missionar hatte den Wiedergetauften ein seltsames Entrücken im Falle eines Atomkrieges versprochen.

In einfachen Worten sprach er, denn er sprach, wie ihm der Kopf gewachsen war und den anderen auch: "Du fährst zum Beispiel gerade in deinem Automobil. Du bist der Fahrer. Du bist ein Christ. Da sind noch andere Leute im Auto, jemand ist vielleicht kein Christ." Weiter mit fortissimo, der Arm schlenkerte, als ob die Faust auf eine unsichtbare Pauke haut sollte: "Und wenn dann die Trompete ertönt, werden du und die anderen wiedergeborenen Christen ganz plötzlich entrückt, schwupp, weg seid ihr. Nur eure Kleidung und andere persönliche Dinge, die nicht fürs ewige Leben taugen, bleiben zurück. Der Ungläubige in eurem Wagen wird einen Schreck bekommen, wenn er sieht, daß das Auto ohne Fahrer ist. Das Auto wird irgendwogegen knallen. Andere Autos, an deren Steuer Christen gesessen hatten, geraten ebenfalls außer Kontrolle. Es gibt eine große Karambolage. Die Hölle ist los auf jeder Autobahn der Welt, wo Christen plötzlich vom Steuer entrückt werden.1"

1 fast wörtlich aus Jerry Falwell (kein Satiriker, sondern amerikanischer Tele-Missionar) `Nuclear War and the Second Comming of Christ'.

Als sich dieser Missionar auch auf die Offenbarung des Johannes berief, widersprach Adjuna laut hörbar. Schnell wurden die Kameras ausgeschaltet und die Mikrophone natürlich erst recht.

Dies aber war, was Adjuna sagte: "Das ist keine göttliche Offenbarung, sondern etwas zutiefst Menschliches. Wenn man sein Leben lang lehrt und dafür verspottet wird, ja sogar im Gefängnis landet, dann entstehen solche Rachephantasien. Das ist ganz menschlich. Selbst ich bin nicht frei von solchen Phantasien, aber letzten Endes bin ich mir doch bewußt, daß meine Gegner Menschen sind, verwundbare Menschen, die leiden wie ich. Ich wünsche ihnen nichts Schlechtes, nur Gutes, nämlich Vernunft. Und meine Wunschwelt ist nicht die Welt der Apokalypse, sondern eine vernünftige Welt ohne die Irrationalität des Hasses und der Religion."

Der Menge dämmerte wohl irgendwie, daß er sie für unvernünftig hielt und ihre Religion der Liebe mit Haß assoziierte. Jedenfalls fing sie an, Steine zu werfen und ihn zu vertreiben.

Das war aber nicht so schlimm, denn Adjuna hatte ohnehin vor, seine Asche weiter flußaufwärts in den Jordan zu schütten, da, wo das Wasser wilder floß, die Strömung reißender war.

Man kann nicht erwarten, im unruhigen Wasser sein Spiegelbild klar zu sehen. Nur ein verzerrtes Stück der Wirklichkeit bietet sich einem da. Aber was Adjuna im gurgelnden Wasser sah, war sein Spiegelbild und war es doch nicht: Er sah die Welt, wie sie ein Kampfplatz war von Vernunft und Unvernunft. Er schämte sich plötzlich der Urne in seiner Hand und der Unvernunft, die ihn mit ihr verband, und er ließ sie betroffen fallen. In allen Menschen war dieser Kampfplatz. Die Urne aber trieb gegen einen Felsen und zerschellte. War es der heilige Geist, der sich seinem Kopf bemächtigte? Oder war es bloß Zufall? Irgendwas traf ihn im selben Augenblick. Ein überwältigendes Ereignis. Er wurde ohnmächtig.

Daß Adjuna schwarz vor den Augen wurde, ließ sich natürlich mit Bewußtlosigkeit erklären, denn er war nicht weiter entrückt worden als von seinen eigenen Sinnen, und die Schwärze war nicht das Nichts, das dadurch entstanden war, daß die Schöpfung, die ja - wie man manchmal annehmen könnte - nur aus einer Spannung von gut und böse, teuflischen und göttlichen Elementen ihr Dasein erlitt, sich aufgelöst hatte. Auch blieb es nicht schwarz vor Adjunas Augen, sondern es verfärbte sich schon bald ins Rosane und von dort ins Grüne. Ein Urwald aus Weiden. Dickes Gestrüpp umgab Adjuna. Die Plantagen und Bewässerungskanäle waren verschwunden. Der Fluß führte mehr und vor allen Dingen saubereres Wasser. War das nun die Zukunft nach dem Armageddon oder ferne Vergangenheit? Um sich zu erkundigen, schwebte er zwischen den Weidenstämmen hindurch und stieg aus der Senke auf, der untergehenden Sonne entgegen. Ein Blick zurück zeigte ihm ein riesiges Heer schmutziger, abstoßend und brutal aussehender Krieger, die am Ostufer lagerten. Es waren nicht die Steinewerfer von vorhin, sondern die hier benutzten Lanzen und ritten auf Eseln. Sie trugen keine Business-Suits, sondern Tücher, grobe Gewebe oder Felle, oder waren halbnackt, auch die Mütter.

Als Adjuna die Stelle erreicht hatte, von der er wußte, daß sie Jericho hieß, fand er einen heruntergekommenen Ort, der von einer morschen Ringmauer aus sonnengetrockneten Lehmziegeln umgeben war. Eine beklemmende Atmosphäre herrschte in der Stadt. Abfälle wurde einfach liegengelassen, nichts wurde mehr repariert oder gereinigt, die Klärgruben nicht mehr entleert, obwohl sie überliefen. Die Kinder, auf die die Stimmung der Erwachsenen abfärbte, waren ständig am Heulen. Sie suchten den Schutz der Mutter. Aber die Mütter saßen nur da, hilflos. Manch eine legte hilflos ihre Hand aufs Kind, aber keine fand die Kraft, ein Kind hoch zu sich an die Brust zu nehmen, es zu liebkosen und zu trösten. Manch eine Mutter fuhr auch auf, wenn ein Kind zu anhänglich war. Die Leute des Orten fuhren überhaupt leicht auf, um dann wieder in Resignation zu versinken. Kindern, die sich vergessen hatten beim Spiel mit Kameraden, und dann begeistert zur Mahlzeit heimkamen und angesichts des freudlosen Breis fragten: "Warum essen wir nicht wie früher leckeres Gemüse und schlachten mal eine Ziege?" wurde nicht geantwortet. Der wortkarg gewordene Vater knurrte nur keuchend und machte eine schwache, abweisende Handbewegung und die unbeschwerte Stimmung des Kindes war gewichen.

Es gab auch Leute in dem Ort, die noch sprachen. Adjuna sah auch sie. Wie der Vater am Familientisch waren auch sie bedrückt, verzagt, am Ende.

Der König von Jericho stand neben dem Baal-Priester, der gerade dem Gott eine bescheidene Mahlzeit geopfert hatte und auch ein bißchen Räucherwerk. Der früher mal prächtige, ausgestopfte Stierkopf war von Parasiten zerfressen, das Backenfell hatte sich gelöst und war tiefer gerutscht, was dem Gottesgesicht ein wehleidiges Aussehen verlieh. Betrübt blickte es auf die nicht einmal halbvolle Opferschale.

"Der hat schon seit Tagen nichts bekommen", sagte der Priester, "aber das ist auch egal. Er wird uns nicht helfen können. Er ist ein friedlicher Gott. Eine Kuh. Er hat nur Gutes getan. Wie eine Kuh Milch gibt, so hat er den Menschen dieses Tales lebenspendendes Wasser gegeben, vom morgendlichen Tautropfen bis zu den Fluten des Jordans. Von seinem leuchtenden Palast auf dem nördlichen Schneeberg hat er dieses Land mit Fruchtbarkeit gesegnet. Sein einziger Kampf war mit Mot, dem Gott der Trockenheit und Unfruchtbarkeit, aber es war ein kamaradschaftlicher Kampf wie unter Stieren zur Zeit der Brunft. Und selbst wenn Mot mit seiner Stirn Baal zurückdrängte und wir uns an den Pumpen sputen mußten, aus Überfluß Mangel wurde und der Gürtel immer enger, selbst dann brauchten wir nicht zu verzagen, denn üppige Opfer stärkten Baal, Mot aber war schon bald der Anstregnung nicht mehr gewachsen. Jetzt ist alles anders: Gegen den blutrünstigen Anti-Gott der Fremdlinge haben Mot, haben Baal und seine erotische Schwester Anat, haben andere Götter keine Chance. Der Anti-Gott ist Mordmonster total, der größte Moloch, der je losgelassen wurde."

"Auch du siehst keine Rettung", sagte der König traurig.

"Nein, die da kommen, kennen keine Gnade, sie wollen auch nichts, außer Mord. Man kann sein Leben bei Ihnen nicht kaufen. Selbst auf Liebe reagieren sie mit Mord. Ihre eigenen Leute haben sie an Pfähle gehängt und in der Sonne verderben lassen, weil sie sich Moabiterinnen zur Frau genommen hatten."

"Du meinst, wir können sie nicht um Schonung bitten?"

"Jeder, der sich bei ihnen auch nur der kleinsten Verfehlung schuldig macht, ist es Todes. Selbst wenn ein Priester es sich leicht macht, wie ich eben, und fremdes Feuer von draußen für das Opfer nimmt, tötet ihn der Gott.1 Wie kann man sich von einem solchen Gott Schonung erhoffen - oder von Menschen, die einem solchen Gott folgen. Schon allein aus Angst vor den Heimsuchungen ihres Gottes werden sie uns alle töten, wie sie es mit anderen Völkern getan haben."

1 3. Buch Moses 10. Kapitel

Der König atmete schwer und ging mit hängendem Kopf davon. Warum, warum mußten alle Orte dem Erdboden gleichgemacht werden, alle Völker ausgetilgt, alles Leben vernichtet werden, selbst der Tiere? War das Land nicht fruchtbar? Konnte es nicht noch viele Völker ernähren? Wenn man das Dickicht rodete, wie es unsere Vorväter getan hatten, da unten am Fluß könnten noch Hunderttausende vom Ackerbau leben.

Eine schwere Depression machte sich beim König breit, als er zurückdachte an die lange Zeit, die er den kleinen Ort mit Liebe und Milde regiert hatte. Jeden seiner Untertanen hatte er so lieb, wie seine eigenen Kinder. Er dachte an die schlaflosen Nächte, die er mal bei schwerer Trockenheit, als die Leute an den alten Brunnen vor Erschöpfung zusammenbrachen, damit zugebracht hatte, das Bewässerungssystem zu verbessern. Oder die Heuschreckenplage, als selbst er als König mit angefaßt hatte, um noch vor den Heuschrecken möglichst viel zu ernten, und dann seine Idee, die Heuschrecken selbst in Säcken zu sammeln, um sie getrocknet, gekocht, gebraten, gepfeffert zu verspeisen. Wie das Volk damals im Erfinden von Heuschreckenrezepten gewetteifert hatte! Die Hauptsache war natürlich, daß eine Hungersnot vermieden worden war. Der König schmunzelte, bevor er wieder der Resignation verfiel. Wie egal war das jetzt alles! Wenn man keine Zukunft mehr hatte, spielte da nicht auch die Vergangenheit keine Rolle mehr?

Man hatte Fremde in der Stadt gesehen, sicher Spione, aber sie waren entkommen. Nichts klappte mehr. Sicher kamen die Fremden bald über den Fluß. Der König seufzte: Meine Schwäche ist meine Gutmütigkeit. Hab' ich nicht jedem Bürger, der mal fehlte, eine neue Chance gegeben, weil mir Auspeitschungen und Todesstrafen zuwider waren? Aber war nicht gerade dadurch Jericho zur friedlichen Insel geworden. Hatte sein Beispiel nicht die Bürger sanftmütig gemacht? Wie sollte ein guter Onkel wie er mit Bürgern, die nie Blut vergossen hatten, den kriegerischen Widerstand gegen die mörderischste Streitmacht, die je auf Erden wütete, führen?

Lautes Weinen drang von der engen Straße her an sein Ohr. Die Fremden hatten den Fluß überschritten. Und gleich einige Kinder, die da unten am Beerenpflücken waren, erschlagen. Nur zwei hatten sich verstecken können und waren in die Stadt zurückgeschlichen. Sie beschrieben, wie die Fremden mit den Kindern des Ortes ihren Mutwillen getrieben hatten, bevor sie sie zerstückelten. Der Bericht entflammte aber nicht den Zorn der Bevölkerung; sie waren aus anderer Materie, es machte sie nur noch trauriger.

Sie waren Lämmer, die zur Schlachtbank geführt wurden und auf den Todesstoß warteten. Lämmer auf der Schlachtbank haben keine Chance. Sie sterben. Es überleben immer die Mörder.

Und die Mörder kamen. Sie kamen die Senke hoch. Von Gilgal, so hieß ihr Lager. Sie ließen sich Zeit. Sie genossen das Zittern der Lämmer vor dem Schlachtfest.

Jeden Tag ließen sie es mehr zittern. Sie kündigten ihrem Gott das Opferlamm Jericho mit Posaunenstößen an.

Jeden Tag machten sie eine Runde um die Stadt und bliesen dabei ihre Widderhornposaunen.

Jeden Tag lugten die Bewohner der Stadt ängstlich über ihre morsche Mauer: Kommen sie noch nicht, uns zu ermorden? Was ist die Bedeutung der Posaunen? Ein Zauber?

Es geschah nichts. Jeden Tag nur eine Runde Posaunenmusik. Erst am siebten Tag änderte sich etwas, die Posaunenspieler machten noch eine Runde, und noch eine und noch eine. Die, die Waffen in der Hand hatten, griffen sie fester und fester und noch fester. Ihre Hände waren feucht, glitschig, verkrampft, ihre Nerven angespannt, am Zerreißen oder schon zerrissen. Als nach dem siebten Rundgang die Feinde auf die Mauer zustürmten und mit Balken gegen sie krachten und Breschen schlugen und alles zusammenbrach, da kauerten sie nur neben ihren Lanzen wie Wachsfiguren. Selbst die Angreifer fühlten, daß sie keine Heldentat begingen, als sie die wehrlose Bevölkerung abstachen.

Keinen einzigen ließen sie am Leben. Nur die Hure Rahab mit ihrer Familie wurde verschont, weil sie einmal den Spionen der Fremden geholfen hatte.

Jericho wurde nicht erobert, sondern verwüstet. Alles Lebende abgestochen, selbst die Esel, Schafe und Ochsen. Sie wurden aber nicht gegessen, sondern wie die Leichen der Menschen liegengelassen, allein das wenige Gold und Silber und andere eherne Metall des Ortes raubten sie für ihren Herrn. Sie rissen sogar den Toten die Mäuler auf bei ihrer Suche nach Gold.

Weder bewohnten die Angreifer den Ort, noch nutzten sie die Äcker oder Gerätschaften der Erschlagenen. Wie sinnlos! Was für ein Frevel! Adjuna wollte ihn rächen und nach seinem Bogen greifen, aber da merkte er, daß er nur einen Hauchkörper hatte und hilflos war. Er fluchte: Gibt es denn niemanden, der diese Tat rächt!

Die Zeitmaschine in seinem Kopf ruckte an und riß ihn vorwärts. Er sah sie kommen und gehen die Angreifer, in atemberaubendem Tempo. Waren das da Menschen an Angelhaken? Schon vorbei das Bild, wo die Juden gefesselt in Babylonische Gefangenschaft geführt wurden; an großen Haken, die in ihre Unterkiefer getrieben worden waren, wurden

sie von den Kamelen ihrer Aufseher oder von ihrem Vordermann gezogen. Halt, halt, rief Adjuna, aber die Zeitmaschine riß ihn weiter. Kreuze flogen an seinen Augen vorbei, hier und da, Menschen hingen dran, immer wieder Gekreuzigte, sie krampften sich zu Tode, Aufständische, säumige Steuerzahler, Provokateure; es war römische Herrschaftszeit.

Christliche Priester hätten hier gedroht: Diese Ereignisse sind nicht nur damals geschehen, sie sind ewig wahr! und hätten auf den Gekreuzigten gezeigt. Welchen meinten sie denn? Halt, halt, rief Adjuna.

Als sie zum Stehen kam, die Zeitmaschine, hatte Adjuna da seinen Wunsch? Er schwebte über Jerusalem, großes Jammern erfüllte die Luft, ein größeres Jammern, als er gerade in Jericho gehört hatte, und es lag nicht daran, daß die Bewohner Jerichos das Leiden besser hatten ertragen können, oder daß dieser Ort größer war, sondern das Leiden war größer. Das ganze Feld vor der Stadt war mit Kreuzen übersät, an denen Juden langsam zu Tode kamen. Tausende waren es, die da Todesqualen erlitten. Sie hatten versucht, aus der belagerten, hungernden Stadt zu fliehen, und waren von den Römern erwischt worden, die jeden gnadenlos kreuzigten, der in ihre Hände fiel. Die meisten lebten noch, denn der Tod kam am Kreuz erst nach mehreren Tagen, wenn man jung war und gesund, manchmal sogar erst nach über einer Woche. Nur die, denen man auf der Suche nach Gold den Bauch aufgeschlitzt hatte, starben schneller. Aber da die Römer nie etwas gefunden hatten, gab es diese Erleichterung nicht mehr. Der römische Feldherr Titus hatte das Bauchaufschlitzen auch als für eine zivilisierte Nation unwürdig verdammt und verboten, außerdem, dachte er, müsse sich nach der Eroberung der Stadt, wenn man mit der Plünderung fertig war, immer noch genug Zeit finden, die Leiber der Gekreuzigten nach Wertsachen zu durchsuchen.

Auf der Stadtmauer von Jerusalem klagten die Leute angesichts der Leiden der Am-Kreuz-Hängenden. Wie viele von ihnen waren schon diesen schändlichen Tod gestorben, seit die Römer ins Land gekommen waren? Das Kreuz, klagten sie, ist das Symbol unseres Leidens. Sie hatten nicht nur recht, sie sollten auch recht behalten.

Adjuna hatte ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Seine Geschichtskenntnisse reichten aus, zu wissen, wo er war und in welcher Zeit, und daß auch dieser Metropole eine Blutorgie bevorstand, doch diesmal forderte er keine Rache, sondern verdammte die Gewalttätigkeit, die auf den Menschen lastete.

Die Stadt, in der es schließlich mehr Verhungerte gab als Lebende - Fanatiker hatten die Getreidespeichern angezündet, um einer gegnerischen Fraktion zu schaden oder um das Erscheinen eines Erlösers zu beschleunigen, genau wurde das nie geklärt -, fiel in die Hände der römischen Soldaten und wieder einmal zeigte sich, wozu Menschen in der Lage sind. Zu Mord nämlich.

Die Rache der Römer war komplett, nicht ein Fünkchen Freiheit sollte den Juden bleiben und schon gar keine Festung. Zu der schwer einnehmbaren Felsenfestung Masada bauten die Römer mühsam eine Rampe, um auch die letzten Aufständischen über die Klinge springen zu lassen, aber das Mordfest fiel diesmal aus, der Massenselbstmord von Masada vereitelte es. Warum es nicht selbst tun, wenn andere es sowieso tun werden?

Zwei Generationen lang hatte das Land Frieden, römischen Frieden. Dann kamen wieder die, die Rache liebten, auf ihre Kosten. Bar Kosiba, der Sohn der Lüge, log, um seinem Namen alle Ehre zu machen, ihn um zu Bar Kochba, Sternensohn, und trat auf die Bildfläche. Es gelang ihm, eine ganze Menge Römer totzuschlagen, was als Bar-Kochba-Aufstand in die Geschichte einging. Dann freilich schlug das Pendel wieder zur anderen Seite aus und die Rächer waren wieder die Römer und die Toten die Juden.

Aber auch die fürchterlichsten Monster sterben einmal und die größten Reiche zerfallen. Das römische Reich freilich wurde erst noch christlich, seine letzte Rache am Menschen.

Unsinn verdrängt man am besten mit Unsinn. Die neue Erfindung Islam verdrängte das Christentum. Jahwe und sein Söhnchen Jesus machten Platz für Allah. Große moslemische Krieger schlugen sich um das heilige Land, zwischendurch gaben auch christliche Kreuzritter kurz mal ein blutiges Gastspiel. Dann galt es wieder Muslim gegen Muslim, Mamelucken gegen Ottomanen, Beduinen gegen Handelskarawanen, Krieger gegen Krieger, Mensch gegen Mensch, der Starke gegen den Schwachen, und wenn er tollkühn war, auch umgekehrt.

Das französische Babygesicht machte mit seiner kleinen Truppe einen Abstecher von Ägypten ins heilige Land. Ihm gelangen große Siege, bevor er alles stehen und liegen ließ und ins Vaterland zurückeilte.

Auch andere europäische Mächte zeigten Interesse am heiligen Land.

Und schließlich geschah ein Wunder. Die Geschichte wiederholte sich. Das Land wurde wieder den Juden geschenkt, diesmal nicht von Jahwe, aber auch wieder von jemandem, dem das Land nicht gehörte, nämlich den Vereinigten Nationen. Die Generalversammlung der UN stimmte am 29. November 1947 mehrheitlich für die Bildung eines jüdischen Staates. Die englische Mandatsregierung räumte das Land am 14. Mai des nächsten Jahres.

Hatte es vorher Massaker gegeben, jetzt stiegen sie gewaltig an. Wie zu Joshuas Zeiten machten die Juden sich wieder daran, das Land von Nicht-Juden zu befreien, durch Morde, Terroranschläge, Einschüchterungen, Enteignungen, Vertreibungen. Riesige Flüchtlingslager entstanden rund um das heilige Land. Aber es war den neuen Bewohnern nicht genug, die alte Bevölkerung vertrieben zu haben, sie wollte ihnen auch noch den Wunsch austreiben, jemals wieder zurückzukommen, und was ihnen gehörte, zurückzuverlangen, dafür eigneten sich nach Meinung der neuen Herren des Landes am besten Einschüchterungsangriffe aus der Luft. Man bombadierte bei den kleinsten Anzeichen von Unzufriedenheit mit der Enteignung die Lager der Enteigneten, mal mit großen Bomben, mal mit kleinen Bomben, manchmal warf man auch nur Spielzeug ab. Wenn ein kleiner Lagerjunge

das Spielzeug anfaßte, explodierte es und riß ihm seine Hände ab. So wurde der nächsten Generation die Kämpfer genommen, denn nie würde der Junge eine Waffe in die Hand nehmen können.

Da die Verjagten manchmal Rache übten, wurde sie als böse Verbrecher hingestellt, doch das Bild von einem kleinen David, der mit seinen Steinchen nur harmlose Dellen in die Rüstung eines schwer bewaffneten und brutalen Goliaths schoß, paßte eigentlich viel besser. Dieser David war zu klein zum Siegen, und außerdem lebte er gerade in einer Zeit, in der die Weltöffentlichkeit sich angewöhnt hatte, alles Große zu verehren, besonders aber die Mächtigen. Den Schmächtigen blieb nur Spott und den Schmachtenden erst recht.

Wenn man die Geschichte der Menschheit vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen ließ, mochte man sich wohl an den Kopf fassen, doch dem einen fehlte das geistige Auge, dem anderen der Kopf, dem dritten das Bewußtsein, nur an einem mangelte es nie, an blutiger Geschichte, auch nicht in der Gegenwart.

Adjuna war wieder angekommen. Er lag am Jordanufer. Er faste sich an den Kopf. Eine Beule. - Blut. Es war klar, einer von den Steine werfenden Jüngern des Tele-Missionars hatte ihn doch noch erwischt.

Mit dröhnendem Kopf erhob sich der angeschlagene Held, ein Ohrwurm beherrschte ihn: "Oh, Haupt voll Blut und Wunden..." Eine Assoziation, oder waren die Lüfte wirklich angefüllt mit den Gesängen einer evangelisch-lutherischen Andacht? Ach, wie schwer war es doch, Wirklichkeit von Trug zu unterscheiden, wenn man nicht voll bei Bewußtsein war! Den Stein aber hob er auf und steckte ihn in die Tasche. Er sprach: "Das ist der Eckstein!"

Nachdem Adjuna sich mit Jordanwasser frisch gemacht und sich auch die Ohren gesäubert hatte, ging er mißmutig den Weg zurück, den er gekommen war. Die Bilder der Vergangenheit bedrückten ihn noch.

Er litt dreifach. Erstens litt er an den Leiden der Leiden schaffenden Menschheit, zweitens erinnerte er sich des Freundes, dem er bis hierher das letzte Geleit gegeben hatte zur Wasserbestattung im Jordan. Bei Exequien, da war man nicht fröhlich. Drittens schmerzte seine Kopfwunde, aber das war das geringste Übel.

Adjuna stieg wieder aus der Senke herauf. Weit hinter ihm unten am Fluß streckte noch immer der TV-Missionar seine Hände beschwörend zum Himmel, zarte Seelen wurden ohnmächtig, die robusteren aber schmolzen bei vollem Bewußtsein dahin in Sehnsucht nach dem Weltende. Vor Adjunas Augen aber wurde das Weltende schon Wirklichkeit. Er kam in einen zerstörten Ort. Es war nicht Jericho. Bei genauem Hinsehen sah er auch, daß der Ort nicht ganz, sondern nur teilweise zerstört war, und daß noch Leute in dem Ort wohnten, wohnen durften.

Die Leute waren laut, sie tobten, nicht aus Übermut, sondern aus Wehmut, Rage und Trauer. Ihr "Weh! Wehe!" klang bedrohlich. "Wehe euch!" "Weh mir!" "Weh mir, die ich Kinder in die Welt setzte!" "Ich verfluche den Tag!" "Allah, warum hast du es zugelassen?" "Weh!" "Weh!" "Ach, wie entsetzlich!" "Ach, wie schrecklich!" Die Bewohner beerdigten gerade die Kinder des Dorfes, Kinder der Steine.

In den offenen Särgen sah man noch ihre Gesichter, wie kleine, unschuldige Engelchen sahen die jüngeren von ihnen aus. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß sie noch vor wenigen Tagen die verhaßten Besatzungstruppen mit Steinen beworfen hatten. Todesstrafe fürs Steinewerfen.

Als die Deckel auf die Särge geschoben wurden, wurde das Klagen noch lauter. Dieses laute Ach und Weh, Stöhnen, Klagen und Weinen war so anders, so wütender als das stille Sterben der resignierten Jerichoer der alten Zeit, daß sich Adjuna der Gedanke aufdrängte: Wehe den Siegern, wenn sie Besiegte werden.

Im Moment mögen Ahasver und seine Kollegen es vielleicht nicht für möglich halten, daß sie einmal wieder die Besiegten sein könnten, aber da sind sie nur wie alle: Täter versetzen sich nicht in die Lage der Opfer. Erst wenn sie Opfer geworden sind, schreien sie. Selbst von Gott Auserwählte sind da nicht anders.

Auch waffenstarrende Überlegenheit - den Palästinensern stand sicher ein übermächtigerer Gegner als einst den Jerichoern gegenüber - bedeutet keine ewige Sicherheit. Ewige Sicherheit gibt es genauso wenig wie andere ewige Werte. Ein kleiner Stimmungsumschwung in der Weltöffentlichkeit, vielleicht eine Übersättigung, weil das Bild des geschundenen und gepeinigten Juden einmal zuviel aufgetischt wurde, und schon ist alles anders: Es fehlt die Unterstützung des Auslandes, oder noch schlimmer: Das Ausland hat Mitleid mit den Geschundenen und Besiegten und hilft ihnen, Sieger zu werden. Und wenn das Volk der Juden dann wieder verjagt und geschunden wird, so wird man sagen: Selbst Schuld hat es, hätte es nicht in Frieden das Land mit der ansässigen Bevölkerung teilen können! Erst wenn es wieder viel gelitten hat, wird es wieder viel bedauert werden. Der Herrscher dieser Welt ist eine Herrscherin: die Irrationalität.

Plötzlich hatte Adjuna es eilig. Israel, das heilige Land, erschien ihm wie eine Sackgasse zu sein, er wollte da raus, zurück nach Deutschland.

Für die Juden freilich, die Alijah machten, wurde Israel nicht zur Sackgasse, sondern zum Sack, der sich schließen sollte.

Mit großen, festen Schritten schritt Adjuna die staubige Landstraße entlang, das Bild der kleinen Engel in ihren Särgen noch frisch in Erinnerung. Er strich über sein Haar und fühlte seine Beule. Todesstrafe fürs Steinewerfen noch dazu an Kindern. - Nein, dafür war er nicht. Er war kinderlieb, auch wenn Kinder, wenn man ihnen mit Haß begegnete, mit mehr Haß als ein Erwachsener erwiderten, er war kinderlieb und wollte es bleiben.

Haß auf Kinder und der Mord an ihnen war eine alte judeo-christliche Tradition, mit der wollte er nichts zu tun haben. Ein gottesfürchtiger Verbrecher wie Elisa mochte kleine Kinder, die ihn Glatzkopf nannten, von wilden Bestien zerreißen lassen,1 er, Adjuna, hätte darüber gelacht. Und wie konnte man einem Vater nur das Recht geben, seine eignen Kinder zu töten, wenn sie anderer Meinung waren, noch dazu in bloßen, weltanschaulichen Dingen?2 Und all die Massenmorde bei der ersten Besiedlung des heiligen Landes, wo die männliche Bevölkerung bis zum kleinsten Baby ausgerottet und nur die Jungfrauen fürs eigene Vergnügen am Leben gelassen wurden! Und dann später Jesus! Was forderte er! Daß man unter anderem seine eigenen Kinder im Stich läßt,3 um ihm und seiner schwachsinnigen Lehre vom Weltuntergang zu folgen. Ging die Welt auch wider Erwartung, wider Jesus' Erwartung4 bis jetzt nicht unter, so doch sicher für all die Kinder, deren Väter auf der Suche nach dem ewigen Leben die Familie vergaßen. Oh, was für furchtbare Sachen nahmen doch ihren Ausgang von diesem Land! Adjuna holte mit seinen Beinen noch kräftiger aus.

1 2. Könige 2:23-24

2 5. Moses 13:7-12

3 Lukas 14:26, Matth. 14:29

4 Markus 9:1, 1:15, 13:30; Matth. 4:17, 10:7, 10:23, 16:28

In der Hitze des trockenen Weges flimmerte ihm die Fee Morgana etwas vor und das war nicht nur Wasser, sondern da saß auch jemand an der Wasserstelle, ein Lahmer, und ein anderer Mann näherte sich ihm. Es stellte sich heraus, daß dieser andere Mann Jesus war. War es wirklich Jesus? "Ja, ich bin's!" Seine Hautfarbe war aber viel dunkler als bei der Erscheinung, die Adjuna mal im blonden Nordeuropa erschienen war. War Jesus ein Chamäleon? Er war in der Tat sehr dunkelhäutig, außerdem klein und häßlich, aber das Auffälligste an ihm waren die magischen Buchstaben, mit denen sein Gesicht und seine Hände tätowiert waren, Zauberhieroglyphen.1 Hatten seine Gegener doch recht damit, daß er in Ägypten in die Zauber-Lehre gegangen sei? Hier im heiligen Land bot sich einem doch zweifellos ein ursprünglicherer Jesus als im fernen Anderswo.

1 Ein Hinweis, daß Jesus möglicherweise ebenso wie Paulus tätowiert war, findet sich in "Jesus the Magician" von Morton Smith.

"Rabbi, hab' erbarmen mit mir", stöhnte der Lahme. Da Jesus ihn aber ignorierte, variierte der Lahme sein Thema und jammerte: "Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Ach, Messiah, Sohn Gottes."

Jesus aber weigerte sich, den Lahmen zu heilen. Der Lahme liefe zu weit, hätte er gesunde Beine und sähe wie ein Blinder, dem man sein Augenlicht wieder gegeben habe, zu viel. Drum hat auch die Schlange keine Beine, daß sie nie die Kulissen erreiche und dahinter schaue.

Adjuna wußte, daß sich die Evangelisten darum bemüht hatten, das jeweilige Jesus Bild zu steigern, aber hatte es nicht gerade hier in der Vision am staubigen Weg seine höchste Vollendung gefunden? Hatte dieser Jesus nicht etwas gelernt? War er nicht zu einer ähnlichen Erkenntnis gekommen, wie die Kirchen, die in seinem Namen gut lebten?

"Heilte ich ihn, er würde mich wohl möglich für seine Heilung verfluchen." Adjuna wollte Jesus gerade zu seiner neuen Erkenntnis gratulieren und es dann - wie es sich für den neuen Messias geziemte - selbst auf sich nehmen, den Lahmen zu heilen, als der Vorhang riß.

Da war der Trug, die Gaukelei verschwunden, zumindest an diesem sterilen Stück der Straße. Freilich, an anderen Teilen der Welt gab man sich immer noch Illusionen hin, und auch die Religionen hatten noch nicht ausgedient, selbst Jesus war noch der alte, und bei den wenigsten bestand die Gefahr, daß sie zu weit gingen und es bis jenseits der Kulissen schafften, und bei kaum einem Sehenden bestand die Gefahr, daß er die Augen zu weit aufriß und sah, daß die Päpste und anderen Papis keine Kleider anhatten oder bloß des Kaisers neue Kleider. Die In-Pomp-und-Purpur-Gekleideten merkten es natürlich selbst am allerwenigsten, daß sie nackt waren.

Sie bekämpften die Nacktheit und waren selbst nackt, dachte Adjuna mit Verachtung. Er ließ die Hose runter und masturbierte. Er erinnerte sich an den Fluch der Diana und ließ seinen Samen auf den Boden fallen. Nichts geschah. Er hatte gehofft, daß die Welt entvölkert würde, aber das staubige Stück Weg war nicht der Ort, an dem Illusionen, denen man sich hingab, wahr wurden. An diesem Stück Weg blieb Staub Staub. Und da sich nichts veränderte, erkannte Adjuna nicht, daß ihm die Zukunft gezeigt wurde.

Im Weitergehen dachte Adjuna an das Irrlicht, das er gesehen hatte. Dieser Ignis Fatuus war Jesus Christus gewesen, der Agnus Dei vom Anus Mundi. Ach, wäre er doch da geblieben, wo er herkam! --- Im Dorf Bethlehem. Blendwerk löst keine Welträtsel.

Aber wir sind dumm und werden immer dumm bleiben - ignoramus et ignorabismus. Trotz unserer Blindheit werden wir uns immer blenden lassen.

Ach nein, wegen unserer Blindheit werden wir uns immer blenden lassen.

Der Jesus am staubigen Wegrand war der einzige, der das begriffen hatte!?

Und er wollte nicht helfen, weder damals noch heute1, und wie im Himmel also auch auf Erden und umgekehrt. Und wenn die Blinden im Jenseits die Augen aufmachen und glauben, sie sind erwacht, so bricht für sie nur ein neuer Tag der Dunkelheit an.

1 Markus 4:11, 12. Man könnte sagen, Jesus' Aussage an dieser Stelle beinhaltet, daß er wenigstens seinen Jüngern die Augen geöffnet habe. Wer jedoch so hinterhältig ist, dem würde ich nicht so leicht über den Weg trauen. Wenn Götter offenbaren, dann meist nur ihre eigene Herrlichkeit, also bloßes Blendwerk.

Nazarener navigieren immer nachts und finden den Tag nicht, wie der Einfältige immer reinfällt und nicht rauskommt. Wären sie nicht so, wären sie andere.

Auf dem Rückweg gab er noch ein paar Geschichten zum Besten:

Seid nicht wie Bäume mit übergroßen Wurzeln, die sich festklammern am Boden, um ihn auszusaugen, aber weder gute Früchte noch Blätter hervorbringen, sondern nur trockene Äste, an denen Galgenstränge hängen.

Selig sind die, die sich nicht anklammern wie die Babys am Mutterleib, sondern leichtfüßig über die Erde gehen und offen sind für neue Weisheiten, für Höhenflüge und Untergänge.

Ich warne Euch vor dem Baum mit der großen Wurzel. Es ist der Blutbaum, den der Würger-Engel gepflanzt hat. Und laßt euch nicht täuschen! Wenn an seinen Galgenarmen eingraviert ist: "Richte nicht, auf daß du nicht gerichtet wirst!", so nur, weil der Henker nicht gehenkt werden möchte. Eine Vorsichtsmaßnahme, weiter nichts. Er kennt alle Tricks, um nicht zu fallen und nicht zu hängen. Seine Tricks sind seine Wurzeln. Sie sind tief und durchziehen die ganze Welt und geben ihm Halt. Kein leichter Wind kann ihn umblasen, nicht einmal ein Sturm. Keine Naturkatastrophe befreit euch von dem Übel, ihr müßt selbst die Säge nehmen und ihn umlegen, wenn ihr nicht mehr gehängt werden wollt. Und wenn ihr die gute Tat vollbracht habt, dann verbrennt das Holz und grabt auch noch den Stumpen und die Wurzeln aus und verbrennt sie auch. Laßt nichts fürs Museum übrig, damit nicht jemand, der die schönen Verzierungen bewundert, auf die Idee kommt, den Richtbaum neuzupflanzen.

Pflanzt nie wieder Richtbäume, auf daß keiner von euch je wieder hingerichtet wird, pflanzt Obstbäume, deren Früchte sind genießbar.

Und an anderer Stelle eine andere Ermahnung:

Seid nicht wie Schafe, die gutmütig bähen und blöken, wenn sie den Schäfer sehen. Der Schäfer haut euch beim Wollgeschäft übers Ohr und am Ende überliefert er euch dem Fleischproduzenten. Seid auch nicht die Hunde des Schäfers, denn Hundsein heißt Handlangersein, und das ist noch schlimmer als Schafsein, denn Schafsein heißt Opfersein.

Seid lieber schreckliche Wölfe und zerreißt den Hirten, und wenn ihr dann noch weiter reißen müßt, dann reißt die Hunde, die nicht Wolf werden wollten, und wenn ihr dann noch weiter reißen müßt, dann reißt die Hunde, die schon wieder mit den Wölfen heulen, und wenn ihr noch mehr reißen müßt, dann reißt die Schafe, die auch ohne Hirte blöde Schafe geblieben sind. Wenn ihr aber soviel gerissen habt, wird euer Blutdurst nicht mehr zu stillen sein, denn ihr seid in Wirklichkeit ja eben doch keine Wölfe, sondern Menschen, ihr werdet euch gegenseitig zerreißen, und das ist auch gut so, denn ihr habt das Format eurer Gegner angenommen, eure einzige Überlegenheit gegenüber den Hirtenämtern und Fleischverarbeitern liegt im geistigen, doch groß ist eure Überlegenheit nicht, es ist die Überlegenheit des Wolfspiels gegenüber dem Hirtenspiel, oder die der Ideologie gegenüber der Religion. Doch was will man erwarten? Auch die Gleichgültigkeit und die Das-geht-mich-nichts-an-Einstellung hat keinen höheren Stellenwert. Und welches Tier könnte in einer Fabel schon die ruhige Überlegenheit eines denkenden Wesens übernehmen? Eine Rolle, die in dieser Welt eigentlich dem Menschen zugedacht war, wenn überhaupt von Denken die Rede sein kann - konnte.

Ein ruhig denkender Mensch erreicht nur nichts, wenn um ihn herum lauter Schaf- und Wolfmenschen in Rage sind. Darum gibt es ihn auch nicht! - Na gut. Fast nie. Ein solcher Mensch, wenn er nicht überhört wird, wird immer zerrissen. Darum rate ich euch das zweitbeste zu sein: Wölfe, die dem Reißen treu bleiben bis zur Selbstzerfleischung. Und wenn die ganze Menschheit dann auf dem Schinderanger liegt und pestilenzartig stinkt, dann hat sie ihre Bestimmung erreicht.

Fliegen und Würmer werden genußvoll seufzen: "Welch ein Festmahl!" Und die Geier aasen am überreichen Tisch und verkleckern den Segen übers ganze Land, und wo sich Leichenteile mit Erde mischen, da blühen die Blumen strahlender und sie jubeln: "Hmmm, Naturdünger! Er war doch zu was nütze, der Mensch."

Das drittbeste nur sind Wölfe, die Reißaus nehmen.

Ja, ich begehe nicht nur Gotteslästerung, sondern auch Menschenlästerung. Es wäre ja auch ungerecht, nur über Götter schlecht zu reden, wo doch die Menschen genauso schlecht sind.

Er gab noch ein paar mehr Fabeln und Märchen zum Besten, Predigten, Segnungen, Ermahnungen, Gleichungen, die nicht aufgingen, etc.

Gleichungen, die nicht aufgingen? Er war ja auch kein Mathematiker, sondern...

Ja, er hielt sich für den Messias. Ganz plötzlich war ihm das passiert. Es mag sich überspannt anhören, geistesgestört, verrückt, irre, oder da wir im Jüdischen sind: meschugge, aber er war nicht der einzige, der von solcher Selbstüberschätzung befallen war. Nein, ich meine nicht Jesus. So gemein bin ich nicht, daß ich ihm soviel Realitätsverlust unterstelle. Das waren andere, die ihm den Messiah-Job angedichtet haben. Sondern ich meine all die, die sich in den letzten zweitausend Jahren wirklich für den wiedergeborenen Jesus Christus hielten. Neben denen, die glaubten, sie verfügten über den direkten Draht nach oben, und denen, die meinten, sie seien dazu erkoren, die Bibel auszulegen und zu ergänzen, gab es nämlich immer auch solche Leute, die sich für den Menschensohn persönlich hielten. Heutzutage werden solche Leute meistens belächelt, früher wurden sie grundsätzlich gefoltert und verbrannt. Falls es das eine oder andere Mal der richtige Erlöser gewesen sein sollte, der sich da zu Worte gemeldet hatte, so hatte man ihn mit verbrannt. Ob echt oder unecht, egal, unbequeme Leute waren es allemal.

Adjunas Fall war allerdings ein bißchen anders. Im allgemeinen waren solche Jesus Imagines oder Imaginisten nämlich damit beschäftig, analog zur Tempelreinigung eine Kirchenreinigung durchzuführen und einen reineren Unsinn zu predigen als die hauptberuflichen Prediger. Adjuna dagegen hielt sich zwar für einen Messias, aber nicht für Jesus. Er war ja nicht einmal Christ. Ja, seine Aufgabe sah er ja gerade darin, die Welt vom Christentum oder sogar vom ganzen Religionsspuk zu säubern. Seine Aufgabe war also eine viel größere, als die des Tempel- und Kirchenreinigungspersonals. Wenn die Religiösen in schönster Rodomontade Berge versetzten, er hatte den ganzen Planeten zu versetzen.

Sein Fall war auch noch aus einem ganz anderen Grund anders: Wir hatten ja am Anfang des Buches gesehen, daß er tatsächlich - mehr oder weniger - von den Göttern selbst als Erlöser geschickt worden war. Wenn er also jetzt predigte, dann tat er das mit einer gewissen Autorität - göttlichen Autorität.

Gott ist ein Produkt der Furcht.1

Gott ist ein Ding der Unmöglichkeit.2

Gott ist nur ein erdachtes Wort, uns die Welt zu erklären.3

Gott ist ein leeres Wort für den vollen Bauch der Priester.4

Gott ist nur ein Hampelmann in den Händen seiner Priester.

Aber auch die Priester sind Hampelmänner - paradoxerweise in den Händen ihres Gottes. Mit ihrer Religion haben sie sich selbst überlistet.

Gott ist nur ein Angestellter im Dienste der Ungerechtigkeit, Sünde nur ein Lügenwort dieses Angestellten, Hölle sein Handwerkszeug.

Gott ist unbegreiflich, mit dem Verstand nicht zu fassen, sagen die Priester. Sie haben recht: Gott ist etwas für die Dummen. Wenn man jedoch die Dummen begreift, begreift man auch Gott.

Gott heißt die große Lebenslüge aller religiösen und schwachen Menschen, sie macht zwar nicht wirklich glücklich, aber sie bewahrt wie Dummheit und Blindheit vor allzugroßem Unglücklichsein, und gibt den Gläubigen noch dazu das selige Gefühl der Überlegenheit, mit der es sich so ganz ohne Gewissenbisse andere unglücklich machen läßt.

1 Statius

2 abgeleitet aus Lukas 1:37

3 Lamartine

4 Holger Hermann Haupt

Adjuna beendete seine bewußt plakativ gehaltene Predigt bewußt optimistisch mit dem Slogan: Der Mensch hat die Religion erfunden. Der Mensch muß sie sich auch wieder vom Hals schaffen!

Er wußte, er hatte eine durch Werbespots gebildete Menschheit vor sich und mußte sein Produkt klipp und klar und einfach und jenseits aller Zweifel anbieten. Wer dem Volke nicht aufs Maul schaut, redet an ihm vorbei. Ein bißchen Übung und Überwindung gehörte allerdings dazu, besonders wenn so ein Pöbelmaul, zu dumm war, die Unterlippe hochzuziehen.

Adjunas Gedanken dazu waren komplizierter, ambivalenter und für Pöbelohren ganz und gar nicht geeignet. Er dachte nämlich, der globale Konflikt zwischen Wissenschaft einerseits und Aberglauben andererseits, zwischen Vernunft und Religion, entspricht einem Konflikt im Kopf des Menschen, einem Kampf des rationalen Großhirns gegen die tierischen Instinkte der unteren Schichten. Ängste und Gefühle haben eine lange Geschichte und waren schon bei den ersten Tieren vorhanden. Objektives, rationales Verhalten ohne Eigensucht und Revierverhalten ist ein Spätkommer der Evolution, ein Zuspätkommer. Die, die das Tierische im Menschen wollten, hatten sich schon eingerichtet, institutionalisiert. Jetzt treten sie bereits zum letzten Aufstand an, der in den Untergang führen wird. Aber den Untergang zu wollen, ist vielleicht das Vernünftigste, das man tun kann, wenn die Vernunft nicht den Sieg erringt.

Lieber ein kurzes Leiden als ein langes. Lieber wir bringen jetzt das halbe Dutzend einer Milliarde um, das jetzt lebt, als Dutzende von Milliarden über die nächsten Jahrtausende verteilt.

Bei Mücken und anderen Insekten wächst das Gehirn um die Kehle. Wenn sie intelligenter werden, schnürt das Gehirn ihnen den Hals zu. Beim Menschen passiert das nur im übertragenen Sinne.

Die Welt war immer der Schauplatz der verschiedensten Kämpfe und sie wird es wohl auch noch auf unabsehbare Zeit bleiben. Wenn Philosophen uns lehren, die Gegenwart sei ein Augenblick zwischen der Ewigkeit des Vergehens und der Ewigkeit des Werdens, so stimmt uns das nicht nur nicht zufrieden, weil Vergehen und Werden augenblickliche Erscheinung sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft sind und eben keine dualistischen Ewigkeiten, deren Rücken in der Gegenwart aneinanderreiben, die Aussage also ganz falsch ist, sondern auch weil sie keine tiefe Erkenntnis enthält. Wir korrigieren also: Die Gegenwart ist ein Augenblick zwischen den Vergehen der Vergangenheit und den Vergehen der Zukunft.

Aber welche Vergehen bisher auch immer vergangen sind, es waren noch

nicht die Vergehen, die ihren Ursprung hatten in einem Kampf des Großhirns gegen die Instinkte der unteren, tierischen und reptilischen Schichten. Aber wäre ein solcher Kampf nicht noch immer ein ungleicher und aussichtsloser Kampf, schwerer zu gewinnen als der Kampf des Däumlings gegen die Riesen? Mußte das Großhirn nicht noch wachsen, bevor es den Kampf mit den übermächtigen Instinkten aufnehmen konnte, bis der Kampf Vernunft gegen eine Meute Wölfe gewonnen werden konnte?

Und wenn beim Menschen nichts mehr wuchs, hatte er nicht das Werkzeug geschaffen, das seine eigene Dummheit besiegen konnte, den Computer? Zwar war es eine populäre Horror-Vision, daß Computer die Welt beherrschten, aber wenn sie nicht herrschten, gab es nur die bekannte Horror-Gegenwart-Wirklichkeit. Nicht die Werkzeuge sind den Menschen schädlich, sondern die Menschen sind es allein. Wenn der Mensch nicht bereit ist, sich selbst durch gentechnische Manipulationen zu verbessern, dann möge er abdanken und die Entscheidungen einer von ihm geschaffenen, vernünftigen Maschine überlassen. Es ist zu seinem eigenen Besten. Nur eine Maschine kann seine Streitigkeiten unparteiisch und gerecht schlichten.

Adjuna wußte, wie dünn die Großhirnrinde war. Wollte er doch immer vernünftig sein und logisch denken und handeln, und geriet er doch immer in Verwirrung! Erging es anderen nicht genauso? Und Heilung war nicht in Sicht.

Es hatte allerdings noch doch eine Heilung gegeben, wenn auch nur eine ganz kleine. Es war in der Hafenstadt, da traf Adjuna wieder den Studenten. Er wartete wie Adjuna auf ein Schiff, das ihn zurückbringen würde.

Seine Heilung hatte ironischerweise etwas mit Adjunas Beule zu tun. Etwas war ihm wie Schuppen von seinen Augen gefallen.

Und zwar war das Wunder gerade in dem Augenblick geschehen, als er mit gefalteten Händen in den Jordan eintauchte, um von Helfern des Telemissionars das heilige Sakrament der Wiedertaufe zu empfangen. Da nämlich, als das heilige Wasser gerade auf seinen Kopf geträufelt wurde, hatte Adjuna seine Stimme gegen die Predigt des Telemissionars erhoben; zwar bewirkten die Worte nichts, und auch das Wasser bewirkte nichts, aber als die ersten Steine flogen, fielen auch die ersten Schuppen von den Augen, und als dann noch einige Hilfspriester hetzen: "Das ist der Anti-Christ, verfolgt ihn!" da war der Blick klar für die neue Erkenntnis. Es ging dem Studenten also nicht anders als so vielen anderen Leuten: Nicht die Lehren der Atheisten, sondern die Taten der Christen bringen sie zur Vernunft.


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