Endlich wieder in Hamburg. Aber auch in Deutschland war man in der Zwischenzeit nicht größer geworden.

Orpheus war noch fleißig dabei, Aufklärung zu betreiben, und hatte während Adjunas Abwesenheit eigene Strategien entworfen für seine antiklerikale Arbeit. Dazu gehörte auch, daß er regelmäßig zum Friseur ging, saubere, unauffällige Wäsche trug, jedenfalls Oberwäsche, und - besonders auffällig - auf seinen prunkvollen Künstlernamen Orpheus verzichtete. Seinen alten Geburtsnamen hatte er aber auch nicht wieder annehmen wollen, da der zu sehr ans Christentum erinnerte. Da er sich möglichst wenig von anderen Leuten unterscheiden wollte, um als Jedermann jedermann zu überzeugen, wollte er wie jedermann heißen. Er hatte sich also eine Statistik vom Standesamt besorgt, um zu erfahren, wie jedermann hieß. Laut Statistik war der gegenwärtig bei Kindtaufen meist benutzte, männliche Vorname René. Das hörte sich zu außergewöhnlich an. Orpheus verließ sich lieber auf seinen Instinkt. Um in Hamburg nicht aufzufallen, muß man Hein heißen, dachte er. Eine Hymne auf Hein.

Hein ist nicht nur norddeutsch, sondern ein Allerweltsname, übersetzte man ihn ins Englische, hieß man Henry, auf Schwedisch Henrik, auf Französisch Henri, dabei mußte man aber bei der Aussprache aufpassen, denn erstens waren die Franzosen zu dusselig das `H' auszusprechen und zweitens mußte das `en' nasaliert werden, was hieß, wenn man sich nicht die Nase zuhalten wollte, man sie von innen verstopfen mußte mittels kleiner Muskel, wenn man sich nicht extra einen Schnupfen holen wollte; die Italiener sagten für Hein übrigens Enrico, sie ließen das `H' weg, weil es sie zu sehr an asthmatisches Keuchen erinnerte; das hochdeutsche Wort für Hein war natürlich Heini.

Der Name hatte auch eine lange Tradition und stammte von so edlen, urdeutschen Namen wie Heinrich, Heimerich, Haganrich, Heimrham, Heimeran, was aus Heim und Raban, Rabe, entstanden sein soll. Latinisiert ergibt Heimeran Emmeram oder Emmeranus, und schon haben wir in unserer Verwandtschaft einen Heiligen, den heiligen Emmeranus von Kleinhelfendorf, aber auch das Gegenteil bietet der Name: einen stattlichen Heinrich den Löwen, er verfiel der Acht und Aberacht.

Auch mit Dichtern und Sängern konnte der Name, neben Königen und Herrschern aufwarten. Um nur ein paar zu nennen: die Minnedichter Heinrich von Rugge, Heinrich von Morungen, Heinrich von Mügeln, Heinrich von Melk, von dem das weltfeindliche Gedicht "Erinnerungen an den Tod" und der Kirchenspott "Priesterleben" stammen, der Reimer Heinrich der Teichner, der in seinen Reimen die Mißachtung der von Gott geschaffenen Ordnung beklagte, Heinrich von dem Türlin, der die Abenteuer des Artusritters Gawan beschrieb, Heinrich von Ofterdingen, der "Den Wartburgkrieg" schrieb, Heinrich der Vogler, der "Dietrichs Flucht" und "Die Rabenschlacht" schrieb, sowie Heinrich der Gleisner, dessen Fabeln um Reineke den Fuchs und Wolf Isegrimm noch heute jung und alt erfreuen. Dann gab es in neuerer Zeit noch Heinrich Heine und schließlich den Sänger Heino.

Fazit: Der Name Hein paßte sogar besser zu einem Dichter und Sänger als der Name Orpheus!

Zur neuen Philosophie des Angepaßtseins gehörte für Hein alias Orpheus auch eine anständige Arbeit. Er hatte zuerst an eine Fabrik gedacht, aber da die Fließbänder alle besetzt waren, und er nichts anderes finden konnte, war er als Schauermann im Hafen gelandet. Das war auch gut so, denn die, die Hein hießen, arbeiteten alle im Hamburger Hafen, während die, die ihre Kinder René tauften, Fließbandarbeiter waren und sich vom Namen Orpheus hätten mehr beeindrucken lassen als vom Namen Hein.

Hein freute sich sehr, als er Adjuna von Bord kommen sah. Er lief gleich zu ihm hin. Die Freunde schlossen sich in die Arme. Für den Rest des Tages nahm der Sänger alias Schauermann frei, denn er hatte Adjuna viel zu erzählen.

Da der Sänger zuerst das falsche Wort benutzt hatte, war Adjuna schockiert, als er von der Umtaufe erfuhr und hatte auch danach noch Schwierigkeiten, sich mit der Namensänderung abzufinden. Aber Hein ließ ihm nicht lange Zeit, über Wiedertaufe, Umtaufe und Namensänderung nachzudenken. So blieb eine dumpfe Unzufriedenheit mit der Veränderung, verdrängt, und doch latent vorhanden. Auch war Adjuna, der elitär dachte, nicht klar, warum plötzlich der Pöbel so wichtig sein sollte.

Niemals passe ich mich dem Pöbel an. Der Pöbel muß selbst sehen, daß er nicht mehr Pöbel ist. Außerdem ist es eine Klischeevorstellung, die breite Masse am Fließband oder unter den Tagelöhnern des Hafens zu vermuten. Das ist doch schon wieder ein Außen. Pöbelsein ist in erster Linie eine Gesinnungssache. Pöbel kann sogar über einfache Arbeiter pöbeln.

Aber Adjuna hatte keine Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Hein war zu eifrig dabei, seine Empörung loszuwerden. Da er jetzt manierlich aussah, hatte er sich auf dem Bürgersteig nicht mehr als Außenseiter gefühlt, sondern sicher; selbstsicher sicherlich nicht.

Dieses falsche Gefühl der Sicherheit hatte ihn nicht auf der Hut sein lassen, auch war seine Brust nicht mehr in dem Stolze, Orpheus zu sein, angeschwollen gewesen. Er war ja angepaßt. Angepaßtsein hieß aber auch Kleinsein. Wer klein ist, wird getreten. So schamlos sind Bürger schon. Einem aufgeblasenen Helden tun sie so leicht nichts, manchmal gar beten sie ihn an. Ein wirklicher Held möchte freilich nicht, daß sie ihm so etwas antun, da es ihn beschmutzen würde.

Hein durchschaute die Dinge natürlich nicht. Es war klar, er wußte nichts von der Einsamkeit wirklicher Helden. Auch Adjuna hatte auf dem Bürgersteig gestanden und gepredigt, aber er hatte sich nicht mit dem Pöbel solidarisiert, sondern seinen Kopf aufrecht gehalten, die Erkenntnisse, die er den Leuten wie Brotkrumen hingeworfen hatte, waren Almosen gewesen, nur eine Kleinigkeit aus seinem unermeßlichen Reichtum. Wenn die Narren sie nicht fraßen, auch gut, blieben sie eben Pöbel, jämmerliche, elende Hefe, die immer weiter aufging. Doch was ging es ihn letzlich an, er stand über den Dingen und hatte die Kleinheit gründlich satt. Freilich auch er hatte sie geduzt, aber nicht kumpelhaft, sondern wie ein Gott seine Schäfchen. Wie oft hatte er ihnen zugerufen: Oh, ihr Narren, was wollt ihr ewig schlafen und träumen, wo doch nur die Wachen der Wahrheit gewahr werden. Er hatte versucht, sie wach zu rütteln. Sie hatten den Wecker gehört, aber ihre Entscheidung war gewesen: rumdrehen und weiterschlafen. Sie waren die Dürstenden, er war das Wasser, er hatte sich ihnen angeboten, aber die Dummen ließen ihren Mund verschlossen und dürsteten weiter. Die unfruchtbare Wüste scheut das Wasser. Er hatte die Hand wie ein gnädiger Gott ausgestreckt, um die Leute aus den Kirchen hinauszuführen, sie hatten sie nicht ergriffen. Mehr war von Übel. Wenn man noch mehr von ihm wollte, so müsse man ihm schmeicheln und um seine Gunst werben, wie man es seit Urzeiten den Göttern gegenüber getan hatte.

Manch einer mag freilich sagen, der Wunsch, geschmeichelt zu werden, ist ein weibischer Wunsch. Recht hat er, es ist die Anima1 im Manne sowie im Gotte.

1 Nach der Lehre C. G. Jungs das Seelenbild der Frau im Unbewußten des Mannes, eigentlich das lateinische Wort für Seele.

Adjuna hatte gepredigt und war mit Steinen beworfen worden, aber jeder Stein und jeder Treffer hatte ihn mit neuen Erkenntnissen gesegnet, und immer hatte er sich wieder erhoben, stolzer als vorher.

Adjuna hatte gepredigt, aber Hein hatte einen Informationsstand aufgestellt gehabt. So über seine Bücher und Informationsschriften gebeugt, war er fast kleiner als die Bürger um ihn herum gewesen.

Hein war die große Erkenntnis abhanden gekommen, oder vielleicht hatte er sie auch nie besessen, aber eine Erkenntnis dämmerte ihm jetzt, daß er in der Erregung zu durcheinander erzählt hatte und der Freund noch immer nicht wußte, was vorgefallen war. Er holte also tief Luft, um endlich der Reihe nach zu erzählen:

Erstens oder besser zweitens, Hamburg ist dabei, einen Heiligen zu bekommen. Denn eine Seligsprechung, welche ja als Vorstufe zur Heiligsprechung gilt, steht bevor. Und zwar die Seligsprechung eines vom Teufel kastrierten Priesters. Und da sich dieses Märtyrium nicht unter Nero, Domitian, Valerian, Decius oder Diokletian abspielte und auch nicht aus der Heidenmission oder der Nazi-Zeit stammte, sondern hier und heute unter den Augen der jetzigen Menschen, bringt die Kirche die Sache ganz groß raus.

Wir haben jetzt Nachforschungen angestellt. - Ja, ich habe ein paar Gleichgesinnte gefunden, die mir ab und an helfen. - Also, unsere Nachforschungen haben bestätigt...

Ah, ich kann mir schon denken... Das ist der Typ, der bei Luz's Beerdigung vom Hund gebissen wurde.

Eben nicht. Dann hätte der ganze Spuk ja noch ein bißchen Berechtigung. Dieser besagte Priester hat viel schlimmere Vergewaltigungen auf dem Gewissen, als der, der dem toten Luz das christliche Begräbnis aufzwang. Deshalb hat er auch keine Hoden mehr.

So? Was hat er denn gemacht?

Er hat Chorknaben vergewaltigt. Wir haben die Aussagen von einigen Chorknaben. Wir haben uns damit an die Staatsanwaltschaft gewandt, aber man hat uns mit einer Anzeige wegen böswilliger Verleumdung gedroht. Ein Versuch, die Zeitungen an diesen Aussagen zu interessieren, ist ebenfalls gescheitert. Die Zeitungen schreiben nur Gutes über den Priester. Es ist ein richtiges Medienspektakel, hier Heiliges, dort Heiliges. Salbungsvolle Gesichter überall. Um die Öffentlichkeit zu informieren, haben wir dann unseren Informationsstand gemacht. Da sind sie dann von hinten gekommen, evangelische Christen, die aus Solidarität mit ihren katholischen Glaubensbrüdern uns zusammengeschlagen haben. Jemand von uns hat die Polizei gerufen. Jetzt werden wir noch wegen Körperverletzung verklagt, obwohl wir uns gar nicht wehren konnten. Die waren ja in der Übermacht.

Ach so, und jetzt möchtest du, daß ich mit euch zu denen hingehe und die verprügel, damit wir sie auch wegen Körperverletzung anzeigen können.

Daran habe ich gar nicht gedacht. Aber ich werde auch immer radikaler ---- (kleinlaut) wie du. Zusammenschlagen ist gut, denn vom Gericht haben wir kein Recht mehr zu erwarten. Bei unserer Gerichtsverhandlung hat er Richter beim Plädoyer unseres Verteidigers die Zeitung gelesen.1 Der Prozeß wird sich wohl noch ein bißchen hinziehen, obwohl man den Eindruck hat, daß man mit uns kurzen Prozeß machen will. Sicher werden wir am Ende eingelocht. Wir überlegen gerade, ob wir nicht türmen sollten. - Es kommt übrigens noch schlimmer: Wir haben den Jungen.

1 Noch Zukunftsmusik. Noch scheinen nur die Staatsanwälte bei solchen politischen Prozessen die Zeitung zu lesen, so laut "Ketzerbrief" auf einer Verhandlung am 23. Oktober 1991 in Mainz gegen Mitglieder der Bunten Liste Freiburg, gegen die wegen Körperverletzung vorgegangen wurde, weil sie Plakatezerstörer bis zum Eintreffen der herbeigerufenen Polizei festhielten.

Welchen Jungen?

Na, den Jungen, der dem Priester das Geschlechtsteil abgerissen hatten, woran er dann verblutet ist.

Was? Ein Junge war das!

Ja, was dachtest du denn, der Teufel? Der Priester hatte es wirklich verdient, er hatte den Jungen geschlagen und dann gezwungen, ihn oral zu befriedigen. Da hat ihm der Junge dann mit Händen am Sack und Schwanz im Mund das ganze Glied herausgerissen. Und so ein Sittenstrolch wird jetzt als Heiliger aufgebaut. Und der Teufel hat mal wieder schuld.

Das geht ja noch. Das ist nur ein kleiner Sittenstrolch. Sexuelle Befriedigung suchen wir ja alle, bloß die meisten von uns leben in einer gesünderen Umgebung und finden leicht einwilligende Partner. Aber denk doch einmal, daß selbst der kroatische Erzbischof Stepinac, der als Chefideologe der Ustascha Hunderttausende von Morde in KZs wie Jasenovac mit zu verantworten hat, als Kandidat für die Heiligsprechung gilt. Oder nehmen wir Dominik Guzman. Er und seine Spürhunde Gottes haben Millionen auf dem Gewissen. Wenn der neue Heilige nur ein bißchen sexuell was mit Chorknaben hatte, dann sollte man der katholischen Kirche dazu gratulieren, daß sie diesmal einen so harmlosen Menschen auserkoren hat.

Gut, vielleicht können wir ein ironisches Flugblatt verfassen. Aber was machen wir mit dem Jungen? Der ist doch hier seines Lebens nicht mehr sicher. Ich bin sicher, die Schergen der Kirche sind hinter ihm her und wollen ihn umbringen. Der könnte ihnen doch, das ganze Medienspektakel vermasseln.

Deutschland ist voller Asylanten. Dieser Junge wird einer der ersten sein, der Schutz vor Verfolgung im Ausland suchen muß. Viele werden folgen, denn ein neuer Wahnsinn macht sich breit, das alte Verbeugen vor leeren Werten wie Religion, Nationalismus und anderen Ideologien und Lebenslügen. Viele werden folgen. Das sieht man schon jetzt. Ich war gerade im Land der Zwerge. Eng war es da und muffig. Ich hatte mich nach Hamburg zurückgesehnt, aber ich merke schon, daß es mir hier auch zu eng und muffig ist, ich muß weg, ich muß eine neue Welt sehen, ich werde den Jungen mitnehmen.

Du willst schon wieder gehen, sagte Hein enttäuscht.

Ist es nicht eine große Hilfe, wenn ich den Jungen in Sicherheit bringe?

Doch, schon.

Wo ist eigentlich der Bunte?

Der hat jetzt eine ordentliche Arbeit und kommt nicht mehr. Er hat auch wieder seinen alten Namen angenommen, habe ich gehört.

Wie war der noch?

Gottlieb, und an Heins Kopfschütteln erkannte man, daß er meinte: Wie kann man nur.

Adjuna aber blieb unberührt.

"Na, mein Junge, wie heißt du denn?"

"Peter."

"Oh, du hast aber einen häufigen Namen."

"Kein Mensch heißt heutzutage mehr so", belehrte Hein Adjuna.

"Weißt du, daß wir zusammen auf Reisen gehen werden?"

"Ja."

"Hast du keine Angst?"

"Nein."

"Tut es dir nicht leid, daß du so lange nicht deine Eltern sehen konntest und sie vielleicht auch nie wiedersehen wirst."

"Ich hasse meine Eltern. Sie haben mich immer zu dem Priester geschickt", schrie der Junge unter Tränen.


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