Auf in eine neue Welt.
Peter floh, weil er sich in dem Land, das so hart war wie Krupp-Stahl, nicht mehr sicher fühlen konnte. Adjuna saß neben ihm im großen Zugvogel, dem deutschen Kranich, der aber nicht aus Kruppstahl, sondern dünnem Blech, gewalztem Leichtmetall, gefertigt war. Nicht verdrängt wurde er, sondern angezogen. Erwartungsvoll wallte sein Zigeunerblut.
Zigeuner symbolisierten das Abenteuer, Fernweh, die Ruhelosigkeit und eine ganze Reihe von Sehnsüchten, die der abgestumpfte Normalbürger nicht hatte, aber gerne hätte, nicht kannte, nur erahnte, Sehnsüchte wie nach Freiheit, Lebensfreude und Ausschweifendsein. Der Zigeuner symbolisierte all diese Dinge. Wer er wirklich war, interessierte nicht, auch nicht, daß er seine Frau schon schlug, wenn sie nur einen anderen Mann anguckte, oder ihr gar Nase und Ohren abschnitt. Der Beamte, der im Flughafen die Papiere kontrollierte, symbolisierte wie alle Beamten Pedanterie und Spießigkeit, wie der Bauer, der dem Flugzeug nachsann, Bodenständigkeit symbolisierte und der Champagner, den die Drei zum Abschied tranken, Festlichkeit, sowie der Regenbogen, durch den das Flugzeug flog, die Hoffnung. Die Menschen mochten Symbole, besonders die Mystiker unter den Menschen.
Hein folgte der Maschine, in dem die Freunde saßen, mit seinen Augen, und als die Augen nichts mehr sahen, folgte er ihnen mit seinem Herzen.
Das Herz, auch so ein Symbol.
Adjuna, der zum ersten Mal flog, freute sich: Fliegen, in den Augen eines Hinterwäldlers, eines Simpels, für Barbaren und Baumbewohner, für die Religionsstifter, Götter- und Engelerfinder, die außer Vögeln, Fliegen und Mücken nur noch fliegende Schamanen und Götterboten kannten, war Fliegen eine mystische Sache und nur den Göttern und ihren Dienern und Verwandten ersten Grades vorbehalten, ich aber fliege und mir gibt es ein Hochgefühl. Und Adjuna hätte seinen Bogen fester gepackt, wenn nicht die Sicherheitsvorschriften ihn dazu gezwungen hätten, die Waffe vor dem An-Bord-Gehen in Verwahrung zu geben. Ernüchtend schlich sich der Gedanke ein, daß Fliegen für einen Aerodynamiker eine ziemlich nüchterne Angelegenheit war. Schnell rettete er sein Hochgefühl mit Gedanken an zukünftige Abenteuer und Heldentaten.
Hein, der ja zurückgeblieben war, ging einen weniger heroischen Weg: Zähe, hartnäckige Kleinarbeit: Immer wieder Flugblätter, Vorträge, Prozeßtermine und - ja - kleine Anschläge, um ein bißchen Wut abzulassen. Er gewöhnte sich sogar an, seine Unterwäsche regelmäßig zu wechseln. Jetzt war sein Äußeres nicht mehr bloß Schein... (Auch sein Inneres tat nicht mehr, was ihm Spaß machte.) Das Singen verlernte er irgendwann... Das Ende bekam er nicht mehr mit, da er schon vorher in einem der neuen KZs starb, die allerdings nicht mehr KZ, sondern SZ, nämlich Schulungszentrum, hießen, `SZs für das richtige Verhalten in einer freiheitlichen demokratischen GO', aber man machte sich nicht ernsthaft die Mühe, so etwas zu unterrichten, und konzentrieren konnte man sich dort genausowenig wie in den ehemaligen KZs, außer auf den Hunger, den man erlitt, und die Schikanen, die hier mehr waren als draußen und an denen man eben schließlich einging.
Aber was interessiert uns die alte Welt? Unser Held war ja auf dem Weg in eine neue.
Die neue Welt. Wie?
Die neue Welt war auch nicht besser als die alte, wie das Paradies nicht besser ist als das Diesseits und die Hölle wohl auch nicht. Außerdem war die neue Welt auch schon alt geworden und verbraucht.
Der undeutscheste aller deutschen Helden, der Einhodige, hatte einst ein ganzes Volk ausrotten wollen und es nicht geschafft. Hier in der Neuen Welt wurde nicht nur ein Volk erfolgreich ausgerottet, sondern viele. Und die, die überlebten, wurden in Überlebensgebieten zusammengepfercht, sogenannten Reservaten, größere Freigehege, wo sie vor weiterer Ausrottung geschützt sein sollten.
Selbstverständlich repräsentierten solche Reservationen genauso wenig die Kultur der Einheimischen wie ein Zoo die freie Wildbahn.
Statt Indianer und Büffelherden fand man in Amerika jetzt ein Völkergemisch von Afro-Amerikanern, Asien-Amerikanern und selbstverständlich Euro-Amerikanern, so selbstverständlich, daß man das Euro wegließ - man hatte ja schließlich das Land erobert, und es gab keinen Grund, einen richtigen Amerikaner durch eine Vorsilbe zu diskriminieren.
Und was lange Gedanke war, brach eines Tages als Hymne hervor: `This Land is Your Land/ This Land is My Land/ From California to the New York Island/ From the Redwood Forest to the Ghastly Waters/ This Land was made for You and Me.'1 So sangen sich die europäischen Immigranten einander zu und freuten sich.
1 Song by W. Guthrie
Fortsetzung: In eine Neue, bunte Welt mit viele
Göttern und Göttinnen.
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