Neue Welt

"Kurz und gut, es gibt keine neue Welt, aber es gab sie. Wie sah sie aus, als sie neu war?" fragte sich Adjuna, ehe er den letzten Schritt von der Gangway zum Erdboden machte.

Eine Beschreibung der neuen Welt, als sie noch neu war.

Bevor wir uns herablassen zu den Menschen, wollen wir uns den Göttern zuwenden, die über dem Land schwebten, oder besser, verzweifelt in der Luft hingen, weil keiner sie mehr anbetete oder ihnen opferte, und die den Luftreisenden daher als erstes willkommen hießen - und meist auch als einzige, denn die früher gekommenen Immigranten, die Immigrantenkinder und Immigrantenkindeskinder begegneten im allgemeinen den später kommenden Immigranten mit mehr Skepsis, als es einst die Ureinwohner, die Indianer, getan hatten.

Gute, alte Welt. Schöne Neue Welt. Kein großer Unterschied. Auch die neue Welt war damals, als noch alles beim Alten war und unberührt von christlichem Aberglaube und Massenmord, genausowenig schön und gut wie in der heutigen Zeit der Massenproduktion, Massenmedien und Menschenmassen. Die Romantiker seien gewarnt. Wenn von den über zweitausend verschiedenen Indianerstämmen mit eigenständigen, kulturellen Charakteristika wie Sprache, Riten und Götterwelt nur noch etwa dreihundert irgendwie erkennbar waren, so war der Untergang der über eintausendsiebenhundert Kulturen und Religionen nicht bedauerlicher, als es der Untergang des Christentums wäre. Bedauerlich war natürlich all das menschliche Leiden, das die Eroberung der neuen Welt mit sich gebracht hatte, und daß bloß ein Aberglaube durch den anderen ersetzt worden war. Der Mythos von der Harmonie am indianischen Lagerfeuer war genau das, nämlich ein Mythos, genauso wie der Mythos vom unverdorbenen Naturmenschen, vom edlen Wilden und blutrünstigen Barbaren nur ein Mythos war, dafür waren sich die Menschen zu ähnlich, nicht die Einzelwesen, sondern wenn sie in Gruppen rumliefen.

Wenn sie in Gruppen waren, ging alles schief, dann entstand der Unsinn. Und damit wären wir wieder bei den Göttern, die über dem Land schwebten.

Wo bleiben die versprochenen Götter?

Als die neue Welt noch neu war, war im Norden das ewige Eis und es ist auch jetzt noch da. In so karger Umgebung konnten nur wenige Menschen, Inuk, - oder Eskimantsik, `Rohfleischfresser' wie die Athapaska und Algonkia Indianer sie mit Abscheu nannten, leben, und genauso war es mit den Göttern. Die Religion der Eskimos war eine karge Religion. Sie kannte keinen Retter, keine Revelation, keine Riten und keine Lehrsätze. Sie kam ohne eine gelehrte Priesterschaft aus. Jeder Paranoiker und schlechte Jäger, der bauchreden oder Blut kotzen konnte, war eingeladen, auf metaphysischem Gebiet sein Glück zu versuchen. Und ihre Götter waren reine Tiefflieger, Gespenster, die die Troposphäre nicht verließen. Stratosphäre, Mesosphäre, Thermosphäre, Exosphäre und darüber blieben von eskimoischen Göttern verschont. Selbst die Sommersonne brachte es nur ein kleines Stückchen über den Horizont.

Wie tief selbst Himmelskörper wie Sonne und Mond bei den Eskimos gesunken waren, verdeutlicht die folgende Geschichte: Der Eskimo-Mond-Gott Igaluk und seine Schwester, die Eskimo-Sonnen-Göttin, besuchten einmal vor langer, langer Zeit in tiefster, arktischer Nacht die Inuk in Nuuk, welches die Hauptstadt von Kalaallit Nunaat ist. Im großen Gemeinschaftsigloo hatte man das Licht verlöscht für eine Art Ringelpiez mit mehr als bloßem Anfassen. In der Tat, es war eine jeher ausschweifenden Sexparties mit Partnertausch und tiefer Penetration, die später christliche Missionare so empören sollten.

Nach den Freuden der Vereinigung wurden die Fackeln wieder angezündet, um zu sehen, mit wem man das Vergnügen gehabt hatte. Mit Schrecken sah der Mondgott, daß seine Gespielin die eigene Schwester war. Die Sonnengöttin, angewidert vom Inzest, den sie begangen hatten, riß ihre Brüste vom Leib und floh mit flammender Fackel zum südlichen Horizont. Auch ihr Bruder schnappte sich eine Fackel und folgte ihr, aber die Flammen seiner Fackel gingen aus und es blieb nur ein schwaches Glühen. Und noch heute irren die beiden am südlichen Himmel und finden sich nicht.

Noch tiefer in der Geisterwelt, nämlich gleich hier auf der Erde, befand sich das magische Tier, der Tupilak, natürlich eine Robbe, die Eskimos kannten kaum andere Tiere. Mit Hilfe des Tupilaks konnte ein Ilisitsoq, also ein böser Angakoq, einem Schaden zufügen. Dann brauchte man einen guten Angakoq, der einem einen Tornaq besorgte, einen Schutzgeist. Da einem immer alles mögliche zustieß von Krankheiten bis zum Verlassen des Jagdglücks, und es keine andere Erklärung dafür gab als den Tupilak, hatte so ein Angakoq ein gutes Einkommen.

Noch tiefer unter, nämlich auf dem Meeresgrund, lebte die Seegöttin Sedna. Sie herrschte über die, da unten, die Adlivun, die unglücklichen Toten. Sie hatte einen unheimlichen Appetit auf Fleisch, und wenn ein Eskimo aus seinem Kajak fiel, verschlang sie ihn. Früher einmal hatte sie ihre eigenen Eltern im Schlaf auffressen wollen, aber sie waren wach geworden. Wütend über ihre ungeheuere Tochter, waren sie mit ihr weit ins Meer hinausgefahren und hatten sie über Bord geworfen. Sie hatte sich aber festhalten wollen, da hatte ihr Vater ihr die Finger abgehackt. Aus ihren Fingern waren Wale, Robben und Fische geworden, sie selbst aber war hinunter bis zur Unterwelt, ins Adlivun, gesunken.

Das Gegenteil vom Adlivun war das Qudlivun, wo die, die ein sinnvolles Leben gelebt hatten, getröstet wurden.

Die Eskimos kannten sonst weiter kein ausführliches Schöpfungselabotat: Die Erde war einfach von oben runtergekommen und die Menschen aus ihr heraus. Ja, der Eskimo hatte nicht einmal ein Wort für Schaffen. Das Wort, das in seiner Sprache unserem Wort `schaffen' am nächsten kam, hieß `bearbeiten'. Allerdings, seit der Eskimo von christlichen Missionaren bearbeitet worden war, hatte sich viel geändert.

Da der Eskimo überall Geister vermutete, mußte er Hunderte von Tabus beachten. Das Wissen um alle Tabus war fast schlimmer, als das Bürgerliche Gesetzbuch auswendig zu lernen, und verlangte so unsinnige Handlungen wie die jährliche Zerstörung aller Walfangutensilien. Diese religiösen Ge- und Verbote wurden von den christlichen Missionaren im allgemeinen leichter geduldet als die Freude am Sex und Partnertausch, und so kam es, daß es noch viele Tabus in der eskimoischen Gesellschaft gab.

Die südlichen Nachbarn der Eskimos an der Atlantikküste, die Penobscots, deren Siedlungsgebiet das spätere Maine und Neubraunschweig war, kannten einen ausgeschmückten Ur- und Schöpfungsmythos, der wie der Sündenfall der Bibel ihr unmittelbares Leben beeinflußte. Bei ihnen war es der Gigantenfrosch - wohl kaum eine hochfliegende Erscheinung -, der all das Wasser aussoff und so eine Supertrockenheit verursachte, die absolute Dürre, eine Art Sintdürre. Sie hielt so lange an, daß bei heutigem Standard alle verdurstet wären. Damals aber starb man nicht so leicht. Dafür aber litt man unsäglich unter dem Ausgetrocknetsein. Da kam der Held Gluskap, eine Art Noah, der sich wohl rechtzeitig für solch einen Fall ein Fläschchen zur Seite gestellt hatte - oder ein ganzes Basin. Jedenfalls war er noch frisch und konnte den großen Frosch besiegen und das Wasser der Welt befreien. Die Menschen nun, überdurstig, stürzten sich auf das Wasser, um zu trinken, aber die, die zu gierig waren, verwandelten sich in die verschiedensten Wassertiere. Wenn man nun sah, wie sich die eigenen Verwandten in Fische und Kröten verwandelten, - meist waren es die Kinder, die der Verwandlung ihrer Eltern zusahen, denn schon damals hatten die Eltern eher das Recht, gierig zu sein, als die Kinder - dann wußte man, daß dieses Tier zum eigenen Totem geworden war, da in ihm die Ahnen inkarniert waren, und es von nun an besonderen Tabuvorschriften unterlag, also nicht gejagt und gegessen werden durfte oder nur, wenn vorher eine besondere Entschuldigung gesprochen worden war.

Man wundere sich also nicht, wenn ein Penobscot-Indianer sich vor der Mahlzeit bei dem Sculpin auf seinem Teller - das ist ein häßlicher, aber schmackhafter Fisch - entschuldigt und auf die Frage, warum er so etwas tue, mit 'Oh, tote Mann' antwortet. Wir sind zwar in Neubraunschweig, aber der gute Mann spricht gar kein Deutsch, sondern hat Algonkianisch gesprochen: 'Ototeman. = Er ist mein Verwandter.' Lacht nicht. Auch der weiße Mann macht wegen der Erbsünde viele unsinnige Worte und Gebärden.

Der Held Gluskap tat wie Prometheus den Menschen noch viel Gutes. Er brachte ihnen Feuer, Handwerk und Künste. Er ritt wie Eros, Phanes, Dionysos und der Knabe von Iassos auf einem Cetaceen, einem Meeressäuger, allerdings nicht auf einem Delphin, sondern auf dem größeren Wal. Und wie von dem mickerigen Jesus der Christen, dem mächtigen König Artus der Kelten und dem edlen Prinzen Rama der Hindus, so sagte man auch von ihm, daß er eines Tages wiederkommen wird, um den Menschen zu helfen, wenn sie gar zu sehr abgewirtschaftet haben.

Als Adjuna in Amerika ankam, waren freilich die Penobscots und anderen algonkianischen Stämme längst integriert und missioniert, und warteten nicht mehr auf Gluskap, sondern auf die Wiederkunft Jesu, der, wie sie mittlerweile wußten, sie schon einmal von den Folgen der Erbsünde befreit hatte.

Die Schwarzfußindianer, ein anderer algonkianischer Stamm, hatten nun aber wirklich einen Gott, den man sich ganz oben in der Exosphäre oder noch darüber vorstellen mußte. Er war der Gott des Lichts, also eine Art Photonengott, er war verschieden von und stand rangmäßig höher als der Sonnengott. Er sah aus wie Jahwe und der Weihnachtsmann und hieß Napi, das heißt Alter Mann, denn die Schwarzfußindianer stellten sich vor, daß er schon sehr alt war, außerdem ewig lebte. Ewige Jugend wollten sie ihm nicht andichten, da sie wußten, wie leichtsinnig die jungen Leute waren. Allerdings fand man in dem reichhaltigen Legendenangebot des Stammes auch eine Version, in der Napi nicht als großer Himmelsgott erschien, sondern sich als Einsiedler in die Berge zurückzog, als ein bloßer Fußgänger also. Aber mit solchen Widersprüchen kann eine Religion leben. Auch Jahwe saß einmal in der Kiste und machte das andere Mal eine spektakuläre Landung auf dem Sinai. Diese Einsiedlerversion versprach übrigens auch wie Jesus, Arthur, Rama, Buddha, Gluskap etc. rechtzeitig, wenn Not am Mann ist, zurückzukommen. Aber in Notzeiten laufen auf der Erde ja sowieso immer eine ganze Menge schräge Typen rum.

Dieser Napi hatte übrigens auch die Welt erschaffen und die ersten Menschen aus Lehm geformt, das war jedenfalls, was die Schwarzfußindianer behaupteten. Und wie der Gott der Bibel hatte er die Sache auch nicht richtig durchdacht. Denn, als er sich den Menschen vorstellte, überraschte die erste Frau ihn mit der Frage: "Wie ist es? Werden wir ewig leben oder werden wir sterben?" Napi, der nie darüber nachgedacht hatte, geriet in Verlegenheit. "Also...", sagte er und kratzte sich dabei am Kopf, "darüber habe ich noch nicht nachgedacht." Er war ein ehrlicher Gott, der immer die Wahrheit sprach. "Also, da müssen wir eine Lösung finden..." und er schlug folgende Lotterie vor: "Ich werde dieses Stück Holz ins Wasser werfen. Wenn es schwimmt, sollen die Menschen sterben, aber nach vier Tagen sollen sie wieder atmen und leben. Der Tod wird also nur vier Tage dauern. Geht es aber unter, so soll der Tod endgültig sein." Damals war die Welt noch neu und keiner wußte, wie ein solches Experiment ausgehen würde. Das Holz schwamm und die Frau dachte: "Aha, die Dinge schwimmen!" Sie war nicht zufrieden mit einem Vier-Tage-Tod. Sie packte einen Stein und rief: "Nein, wenn dieser Stein schwimmt, werden wir ewig leben, wenn er aber untergeht, müssen wir Menschen sterben." Und sie warf den Stein ins Wasser und der Stein ging unter. Der Gott aber sagte im Weggehen nur: "Du wolltest es so!"

Also auch die Schwarzfußindianer hatten einen Grund, der Frau böse zu sein.

Das Licht trennte sich von der Lichtquelle, aber es blieb hell, Napi zog sich ganz zurück und ließ die Welt vom Sonnengott Natos und dessen Gattin Mondgöttin Kokomikeis verwalten. Die Beiden warfen von oben ein wachsames Auge auf die Schwarzfußindianer, meist in Schichtarbeit.

Ein anderer Indianerstamm, der zwischen dem Strom des Heiligen Lorenz und dem Atlantik lebte, die Irokesen, verehrten Ataensic, eine Himmelsfrau und Erdgöttin, aber sie erwarteten von ihr keine Hilfe in ihrem alltäglichen Kleinkram, denn die Göttin starb schon vor langer Zeit bei der Geburt ihrer Zwillingssöhne Hahgwehdiyu und Hahgwehdaetgah. Hahgwehdiyu schuf aus der Leiche seiner Mutter die Erde, ihr totes Gesicht hängte er an den Himmel als Sonne, aus ihren Brüsten formte er den Mond und die Sterne. Gut sorgte er für die Geschöpfe, die vom fruchtbaren Leib seiner Mutter lebten, den weisen Raben Gagaah schickte er zur Sonne, daß er vom dortigen Reich des Wohlstands ein Maiskorn hole, das Hahgwehdiyu dann in den Leib seiner Mutter pflanzte. So gab er den Irokesen ein Grundnahrungsmittel, aber auch die weißen Neuankömmlinge aßen es später gern als Pop Corn. Damals war die Schöpfung perfekt, die Menschen waren gut und glücklich, alles war hell und heil, aber Hahgwehdiyus Zwillingsbruder Hahgwehdaetgah war ein böser Dämon, der die Helligkeit und das Glück nicht ertragen konnte. Er schuf daher Dunkelheit, Erdbeben, Schneestürme, Krankenheiten, Leiden und Haß.

Lange konnte Hahgwehdiyu die Leiden seiner Geschöpfe nicht mit ansehen. Er wurde ärgerlich und forderte seinen Bruder zum Kampf heraus. Leider verlor er diesen Kampf. Er wurde von seinem Bruder in die Unterwelt verbannt. Die Geschöpfe dieser Welt aber müssen weiter leiden und Hahgwehdaetgah erfreut sich daran.

Schon früh hatten die Weißen Kontakt mit den Irokesen, über deren ordentliche Dörfer, saubere Gärten und Felder sie sich wunderten und deren verfeinerte Umgangsformen und ausgeprägte Gefühlswelt sie immer wieder lobten, aber im Irokesen war auch ein Stück Hahgwehdaetgah, dem der langsame Tod der Gefangenen am Marterpfahl nicht grausam genug und nicht lange genug sein konnte. Man erfrischte Kriegsgefangene, die am Abklappen waren, mit Wasser, Speisen und Ruheperioden - aus purer Unmenschlichkeit. Es passierte aber auch, daß Kriegsgefangene, besonders junge, adoptiert wurden und dann die gleichen Rechte besaßen wie die anderen auch. Besonders in späterer Zeit passierte das oft, als die fünf Irokesenstämme Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneca sich zusammengeschlossen hatten zu einer Föderation - noch später kamen dann auch noch die Tuscarora hinzu - und gegen die Weißen kämpften. Es war Dekanawidah, ein Prophet, der von einer Jungfrau geboren wurde, der dem Krieg unter den Stämmen ein Ende machte und den Großen Frieden ausrief, der den Großen Krieg gegen die Weißen ermöglichte.

Dekanawidah hatte im Traum einen riesigen Immergrünbaum gesehen, der

bis in den Himmel wuchs. Es war der Baum der Schwesternschaft. (Die Irokesen waren eine matrilineale Gesellschaft.) Seine Wurzeln waren die fünf Stämme. Diese Vision gab Anlaß zum Zusammenschluß der fünf Stämme. Die Ratsversammlung der Sachems, so nannten sich die Abgesandten der Stämme, machte auf die Weißen einen großen Eindruck, der sich wahrscheinlich in der föderativen Verfassung der USA, wo der Senat mit dem Repräsentantenhaus den Kongreß bildete, niedergeschlagen hatte, auch eine Ratsversammlung der Vereinigten Nationen ähnelte einer Sachemsitzung.

Den Irokesen erging es trotz allem und trotz metaphysischer Unterstützung wie den anderen Indianerstämmen auch: Sie wurden, als die Weißen ihr Land brauchten, aus ihren angestammten Siedlungsgebieten verjagt. Der Stammesgott der Weißen war einfach stärker, zumal er von so genialen Feldherren wie Lord Jeffery Amherst Unterstützung fand. Lord Jeffery Amherst ließ in einer großzügigen Geste an die Indianer Decken und Tücher verteilen, die er den Pockenkranken der Isolierstation des Krankenhauses von Fort Pitt hatte abnehmen lassen. Bei solchen Mitteln mußte die überlegene Zivilisation der Weißen den Sieg davon tragen.

Die Irokesen hatten noch Glück. Rechtzeitig, das heißt, vor der totalen Vernichtung, fand sich ein neuer Prophet, Schöner See mit Namen, er lehrte die friedliche Anpassung an die Welt der Weißen.

Sein Gesetzbuch `Der alte Weg' oder `Das gute Wort', obwohl nicht direkt christlich, enthielt christliches Gedankengut, besonders von den Quäkern, die ihn aufgezogen hatten, es beschrieb Himmel und Hölle, verschiedene Riten, und was ein gutes Leben ist, es verdammte Alkohol, Diebstahl, üble Nachrede, Hexerei, Ehebruch, das Schlagen der Ehefrau und die Eifersucht, es ermunterte dazu, den Ehepartner und die Kinder liebevoll zu behandeln und denen, die in Not sind, zu helfen. Der Respekt, den die Weißen vor der neuen Religion der Irokesen hatte, gab den Irokesen Sicherheit, Immunität.

Zu Adjunas Zeiten lebten sie in Reservaten in Ontario, Oklahoma und New York.

Auf der anderen Seite der neuen Welt lebten auf dem schmalen Küstenstreifen zwischen den Rocky Mountains und dem Stillen Ozean von der Bucht des Heiligen Franz bis zu den Elias Bergen im Norden eine große Anzahl verschiedener Stämme angenehm und in großem Wohlstand, denn das Land war so fruchtbar, daß sie, ohne zu säen und ackern, ernten konnten. Periodisch schwollen die Flüsse an von Fischen, die vom Ozean zu ihren Laichplätzen am oberen Flußlauf wollten. Bis zu sieben Mal im Jahr passierte es. Wenn die Lachse kamen, wurde das Gedränge im Fluß so dicht, daß man auf ihren Rücken zum anderen Ufer laufen konnte. Und der Kerzenfisch erst. Er war so fett, ölhaltig, daß man nur einen Docht in ihn zu stecken brauchte und schon hatte man eine Kerze. Nur besser riechen hätte er können.

Was für Götter hatten nun diese Völker, die in so einer Schlaraffenlandschaft lebten? Großzügige Götter sollte man annehmen.

Die Haida-Indianer verehrten Dzelarhons, eine Froschprinzessin und Vulkangöttin, für deren auserwähltes Volk sie sich hielten. Die Froschprinzessin hatte sie angeblich mit ihren Kanus zur Königin-Charlotte-Insel gebracht. Die Fröschin war mit dem bärenstarken Bärgott Kaiti verheiratet. Wie die Ehe von Frosch und Bär glücklich sein konnte oder überhaupt vollzogen wurde, ist nicht überliefert.

Sicher ist nur, daß die Haida-Indianer selbst in ihrer Gesellschaft weder Ehen noch Ehebruch zwischen den verschiedenen Arten oder Rängen duldeten. Wenn zum Beispiel ein hochrangiger Hahn und erfolgreicher Krieger die Frau eines am Ende der Hackordnung hockenden Hahnreis besprang, so mußte der Hahnrei dem großen Krieger ein Geschenk zur Versöhnung geben. War es aber umgekehrt, daß ein armer Teufel und gehackter Tölpel der unteren Schicht ein hochstehendes Huhn gesprang, so zeigten die Hochgeborenen erst einmal ihre Empörung, indem sie zwei männliche Mitglieder aus dem Klan des unterschichtigen Ehebrechers umbrachten. Der Klan des Ehebrechers mußte dann noch dem beleidigten Klan ein weiteres männliches Mitglied zur Hinrichtung übergeben, sowie üppige Geschenke, um die Schande abzuwischen. Der Ehebrecher selbst wurde dann Schuldsklave seines Klans, um für die Geschenke und die Arbeitskraft der drei Toten einen Ersatz zu bieten. Er konnte auch verkauft oder umgebracht werden.

Andere Indianer der Nordwest-Küste, wie die Maidus, Chinooks, Klickitats, Yakimas und Nez Percés, die mit der zerstochenen Nase, kannten interessante Geschichten um den verschlagenen Schwindlergott Kojote. Er war für sie der wichtigste Gott. Nicht, daß er der Schöpfergott wäre, oder sonst irgend etwas Gutes. Der Schöpfergott war Wonomi, Kein-Tod, der Himmelsvater und oberste Gott, und wie der christliche Gott eine Heilige Dreieinigkeit: Kodo-yapeu, Welt-Schöpfer, Kodo-yanpe, Welt-Benenner, Kodo-yeponi, Welt-Beherrscher. Also keine Vater-Sohn-Geist-Dreiheit. Auch sonst hatte er wenig Ähnlichkeit mit dem Gott der Bibel. Als Wonomi aus Lehm Kuksu, den ersten Mann, also den indianischen Adam, geschaffen und gleichberechtigt aus dem gleichen Lehm Laidamlulum-kule, die Morgensternfrau, also die indianische Eva, da kam Kojote und wollte auch Menschen machen. Er fand das Rummatschen mit Lehm aber so spaßig, daß er bei seiner Arbeit lachte und lachte, sich halb totlachen wollte. Und weil er soviel lachte und Tränen in den Augen hatte vor Lachen, sahen seine Leute blöde aus und hatten glasige Augen. Als Kojote dann sah, wie die klaräugigen und die glasigäugigen Menschen so friedlich und glücklich vor sich hin lebten, da dachte er, es wäre für ihn als Beobachter doch viel interessanter, wenn er der Schöpfung ein bißchen Krankheit, Sorge und Tod beimische, außerdem Haß, Neid, Mord und Totschlag, sowie Religion.

Als Großer Schwindler, der er war, zauberte er den Menschen etwas vor, reine Tricks, bloße Gaunereien, aber die Menschen fielen darauf herein.

Als Wonomi nun sah, daß die Menschen lieber einem Gauner folgten als ihrem wahren Schöpfer, da zog er sich zurück. Es war nicht, daß er schwacher war als Kojote, oh nein, er wollte sich nur nicht aufdrängen. Dem christlichen Niemand-sei-neben-mir-Göttchen wäre das nie passiert!

Nachdem Kojote den Tod in die Welt gebracht hatte, war der erste, der starb, sein eigener Sohn. Aber Kojote war nicht traurig, er verlangte von Kuksu, daß er den Jungen wiederbelebe, wie er es von Wonomi gelernt hatte. Und Kojote paßte auf, denn er hoffte, dabei selbst das Wiederbeleben zu lernen. Aber als Kuksu den Leichnam in den See der Verjüngung tat, passierte nichts, denn durch Kojotes eigenen Einfluß, war die Welt bereits so verdorben, daß sie Geschehenes nicht mehr ungeschehen machte.

Kuksu begrub dann den Leichnam und sprach: "Dieses tuet mit den Toten, bis sich die Welt ein zweites Mal ändert und Geschehenes wieder ungeschehen macht."

Später tötete sich der große Gaunergott selbst, nicht aus Trauer um seinen Sohn, sondern aus Spaß, und weil er als Geist der Welt noch mehr schaden konnte. Alles Böse, Gemeine und Zerstörerische kam von ihm, alles Mysteriöse und Monströse war sein Werk, und die Menschen mußten viele Tabus beachten und viele Opfer bringen, um ihn versöhnlicher zu stimmen.

Als Adjuna in Amerika ankam, schwebte Kojote bereits irgendwo in der Thermosphäre, wenig beachtet, darüber in der Exosphäre waltete Wonomi in seinem Blumengarten, noch weniger beachtet.

Auf der Erde aber herrschte das Böse, Gemeine und Zerstörerische, das Mysteriöse und Monströse auch ohne Kojote. Gauner gab es auch so unter den Menschen genug und unter Göttern und Gottesgesellen.

Nicht weit von den Haida wohnten die Snohomisch. Sie kannten den dilettantischen Deus Dohkwibuhch. Wie alle Dilettanten hatte auch er es nicht richtig gemacht. Sein Schöpfungswerk war noch unvollkommener als das des Jahwes. Jedem Menschen hatte er eine eigene Sprache gegeben, aber was noch schlimmer war: Der Himmel hing zu tief. Er hing sogar sehr tief, sehr, sehr tief, so tief, daß man sich ständig daran den Kopf stieß, und wenn man auf einen Baum kletterte, war man schon auf der anderen Seite.

Wenn die Menschen sich auch nicht verständigen konnten, da sie keine gemeinsame Sprache hatten, so hatten sie doch eins gemeinsam: ihre Unzufriedenheit mit der Schöpfung. Diese gemeinsame Unzufriedenheit wurde der Ursprung der Verständigung. Man bereitete lange Stangen vor. Und auf `Ya-hoh', dem ersten gemeinsamen Wort, gleich ein Befehls- und Anfeuerungswort, schob man den Himmel hoch. Man schob ihn so hoch, bis er die heutige Höhe erreichte.

Da Stangen nicht sehr hoch reichen, würde ich sagen, sie brachten es nicht bis zur Stratosphäre, sondern der Himmel blieb dicht bei, in der Troposphäre.

Die Angst, daß er eines Tages wieder runterrutscht und wir uns wieder alle den Kopf stoßen, hatten christliche Missionare mittlerweile durch andere Ängste ersetzt.

Es gab Indianerstämme, die glaubten, wie wir schon gesehen hatten, daß der Mensch das Ursprünglichere war und die Tiere erst später gekommen waren, aber es gab auch Stämme, die, wie die Weißen, sich erzählten, daß die Tiere zuerst waren und die Menschen erst später auf die Welt kamen. Eine solche Geschichte erzählten sich auch die Salishan-Leute der Skagit- und Stillaguamish-Flußtäler, wie die Stämme Nisqualli, Puyallup, Snoqualmie, Suquamish, Swinomish und die Quinault-Indianer am Puget-Sund, am Fuße des amerikanischen Olymps. Sie erzählten sich, daß die Welt zuerst von riesigen Tieren bewohnt wurde, von Riesenratten, -füchsen und -kojoten, von Riesenraupen, -spinnen, ­ameisen und anderen Insekten, von Riesenschlangen, -schnecken, ­echsen und -fröschen und vom Leviathan. In dieser Welt des Gigantismus hätte der Mensch nicht leben können. Da kam Kivati, so erzählten sie sich, Kivati, Der-Mann-Der-Die-Dinger-Ändert. Er wanderte umher im Land und bereitete das Land vor für die Ankunft der Menschen. Die großen Tiere aber mochten ihn nicht. Sie wußten, was für eine Gefahr von ihm ausging. Eine Gefahr für sie, die Giganten. Sie suchten ihn zu töten. Darauf hatte Kivati nur gewartet. Wenn immer sich so ein gigantisches Tier an ihn herandrängte, um ihn zu morden, verkleinerzauberte es Kivati. So wurden aus den gefährlichen Giganten der Urzeit die harmlosen Tiere der heutigen Zeit. Trotz Zauberei war der Kampf mit den riesigen Tieren nicht leicht. Kivati schwitzte und der Staub und Dreck der aufgewühlten Erde klebte an ihm. Es war diese Mischung von Schweiß und Schmutz, aus der Kivati Bälle formte. Und aus diesen Bällen machte sein Wandelzauber die ersten Menschen. Auch hier also das bekannte Motiv: Der Mensch war Staub und Dreck mit ein bißchen Verstand, in seine Rohstoffe zerlegt, keine drei Dollar wert, fünf Pfennig der Verstand, selten mehr.

Aber Kivati hatte auch noch ein Abenteuer zu bestehen, ein tragisches Abenteuer. Das war, als das Ungeheuer von Quinaulter See den kleinen Bruder von Kivati verschlang. Da war Kivati nämlich zuerst in Verlegenheit und schwieg und grübelte. Dann platzte er vor Wut und warf heiße Felsen in den See. Vulkanverdächtig.

Er warf heiße Felsen in den See, bis das Wasser kochte und das gekochte Monster auf der Oberfläche schwamm. Kivati nahm ein Messer und schnitt dem Monster den Bauch auf, um den Bruder zu befreien. Der Bruder aber hatte sich schon in den Ahn aller Einsiedlerkrebse verwandelt.

Und irgendwann war Kivati alt, müde und erschöpft. Er sah, daß die Menschen sich nun selbst helfen konnten und seiner Hilfe nicht mehr bedurften.

Es war traurig, nicht mehr gebraucht zu werden. Er saß auf einem Felsen und sah der im westliche Wasser sterbenden Sonne zu. Als sie tot war, zog er sich eine Decke über den Kopf. Eine letzte große Verwandlung. Er wurde Stein. Der Vulkan war erloschen. Der große Zaubergott war tot. Wir haken ihn ab: Braucht nicht mehr angebetet zu werden.

Eine andere Vorstellung, wie sie auf die Welt gekommen waren, hatten die Modoc-Indianer, Adresse: Nord-Oregon, Süd-Kalifornien. Bei ihnen war es Kumush, Der-Alte-Mann-Der-Urzeit, der mit seiner Tochter aus der Unterwelt einen Korb voll Knochen heraufschleppte. Die Knochen wollten aber nicht aus der Unterwelt heraus und entflohen ihm zweimal, denn in der Unterwelt war es Sitte, des Nachts zu singen und zu tanzen und fröhlich zu sein, und nur bei Tage war man ein langweiliger, trockener Knochen.

Beim dritten Mal aber erzählte Kumush den Knochen von der schönen, sonnigen Welt, die sie da oben erwartete, und die Knochen entflohen ihm diesmal nicht, sondern warteten geduldig und erwartungsvoll, bis Kumush und seine Tochter den Korb bis nach oben getragen hatten.

Und als die Beiden ins grelle Licht der Oberwelt traten, riß Kumush den Deckel des Korbes auf und schüttete den Inhalt aus.

"Indianerknochen!" rief er begeistert. Dann wandte er sich den einzelnen Knochen zu. Jeden Knochen warf er übers Land und aus jedem Knochen entsprang ein Indianer-Volk. Den letzten Knochen aber, den liebkoste er, denn es war der beste und schönste Knochen. Er hatte ihn sich bis ganz zuletzt aufgehoben. Aus ihm machte er die Modoc-Indianer, das mutigste Kriegervolk der ganzen Nordwest-Küste. "Seid ihr auch nur ein kleiner Stamm und sind eure Feinde mächtig und viele, ihr werdet alle besiegen, die die Waffe gegen euch erheben, denn meine schützende Hand soll ewig über euch und euren Samen sein." Das auserwählte Volk: die Modoc-Indianer.

Doch Kumush reiste später mit seiner geliebten Tochter die Sonnenstraße entlang. Auf halber Strecke, also genau am Zenit, baute Kumush ein Mitte-Himmel-Haus, dort lebte er in glücklicher Inzest-Ehe mit seiner Tochter, angeblich bis in alle Ewigkeit.

Sein auserwähltes Volk wurde also im Stich gelassen. Die weißen Eroberer, die eines Tages ins Land kamen, als Kumush gerade wieder mit seiner Tochter im Bett lag und das Vergnügen der geschlechtlichen Vereinigung mit ihr genoß, erwiesen sich als unbesiegbar und konnten nicht vertrieben werden bis auf den heutigen Tag.

Die Modocs mußten also wie so manch ein auserwähltes Volk die bittere Erfahrung der Gottverlassenheit machen. Hatte Kumush seine Modocs nicht fast so stiefväterlich verlassen, wie Jahwe seine Juden?

Welcher Rabbi protestierte denn da? Die Juden nicht verlassen? Wer betete denn so heiß in Auschwitz? Half Jahwe? Nein. Wer half? Eine gottlose Armee aus dem Osten, die Heere des Stählernen.

Sich für auserwählt zu halten, war ein Ausdruck der Verlassenheit. Wer sich für auserwählt hielt, den hatte sein gesundes Urteilsvermögen verlassen. Es sollte eigentlich zurückkommen, wenn die Wirklichkeit einem seine Gottverlassenheit zeigte. Passierte aber nicht immer.

Weiter im Südosten, im trockenen Inland von Arizona und Utah befand sich ein anderes, auserwähltes Volk, Kleinviehnomaden wie die Juden, die Navajos. Ihr Gott hieß Nayenezgani, das hieß Schlachter-Aller-Fremden-Götter. Nayenezgani war also eine Art indianischer Jahwe.

Zusammen mit Tebadzistsini, dem Kind-Des-Wassers, schlug er auf die fremden Götter ein. Und wie Jahwe und das Christkindchen so fungierten diese beiden Brüdergötter auch gleichzeitig als Kriegsgötter des Stammes, wenn Bedarf bestand. Und Bedarf bestand oft. Wer mochte schon friedlich mit seinen Nachbarn leben?

Nayenezgani war zwar wie Jahwe ein großer Schlächter und eifersüchtiger Gott, aber da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Während Jahwe sich seinen Bauchnabel wegoperierte und seine Eltern verleugnete, verstanden sich Nayenezgani und Tobadzistsini als Produkte der Liebesvereinigung von Estsanatlehi, der Frau-Der-Veränderung, und Tsohanoai, des Sonnengottes. Und Nayenezgani erbte von seinem Vater den Glanz des steifen Gliedes und gilt daher auch als Überlord des Lichts. Die unwissenschaftliche Trennung von Licht und Lichtquelle ist uns ja schon aus der biblischen Genesis bekannt. Sein Bruder Tobadzistsini erbte die dunkle Feuchtigkeit der mütterlichen Vagina und galt daher als Überlord dieser beiden Eigenschaften, dunkel und feucht. Natürlich stand auch dieser Vererbungsmythos in eklatantem Widerspruch zur Wissenschaft, und zwar zu der der Genetik. Durch Mendel lernte die Menschheit, daß, wenn sich zwei reinerbige - was man bei Göttern wohl voraussetzen konnte - Individuen kreuzten, die Charaktereigenschaften der Filialgeneration von den Genen der Parentalgeneration bestimmt wurden, und zwar gab es für jede Charaktereigenschaft zwei Gene, nämlich von jedem Parentalindiviuum eins. War eines der beiden Gene dominant und das andere rezessiv, hatte man einen dominanten Erbgang: Die Filialhybriden der ersten Generation zeigten dann alle die dominanten Erbeigenschaften, im Fall der beiden Götter also entweder Helligkeit, oder was wahrscheinlicher wäre: Dunkelheit. Hätte man aber einen intermediären Erbgang gehabt, lägen die hybriden Merkmale der ersten Filialgeneration genau zwischen denen der reinerbigen Eltern. So waren die Hybriden der ersten Generation von roten und weißen Wunderblumen rosa, und die Vereinigung von Helligkeit und Dunkelheit hätte wohl Dämmerung ergeben. Merke: Die Bastarde der ersten Generation waren immer einander gleich, erst bei den Enkelkindern machten sich Unterschiede bemerkbar. Doch Religion war nicht mit Wissenschaft zu vergleichen. Religion war etwas Höheres: Lunatismus, ein Ausscheidungsprodukt nicht des Darmes, dann wäre es ja als Dünger nützlich gewesen, sondern des Geistes - und das Gegenteil von Dünger. Religion machte steril.

Doch solche Erkenntnisse hielten weder die Welt an, noch die Religionen auf, und auch Adjunas Leben in einer widersprüchlichen Welt ging weiter.

Die beiden Götter Nayenezgani und Tobadzistsini machten sich auf, ihren Vater zu suchen. Auf ihrem Weg kamen sie an ein räucheriges Erdloch. Sie stiegen in das schwarze Innere. Dort trafen sie Naste Estsan, die gütige Spinnenfrau. Sie erzählte ihnen von den Gefahren, die auf dem Weg auf sie lauerten, wie dem Stein, der alle Vorbeiziehenden erschlug, und dem Kaktus, der sie zerriß, und dem kochenden Sand und dem scharfen Schilf. Und sie gab ihnen zwei Federn, eine, die das Leben schützte, und eine, die half, die Feinde zu überkommen.

Nur mit Hilfe dieser Federn gelang es den beiden, das Haus ihres Vaters zu erreichen. Zwei schöne Frauen empfingen die Helden und versteckten sie in Bündeln auf einem Regal, denn sie fürchteten die Wut des Sonnengottes, wenn er merkte, daß sich Fremde in sein Revier gewagt hatten. Aber er witterte sie trotz allem. Er verlangte von ihnen, daß sie sich einem Krafttest stellten, wenn sie seine Söhne sein wollten, und er stach auf sie ein mit seinen Strahlen und versuchte sie zu brennen, aber dank der Federn konnte er sie weder erstechen noch verbrennen. Nur der letzte Test wäre zuviel gewesen für die beiden, da nämlich sollten sie eine giftige Pfeife rauchen.

Das Gift wäre selbst für die Federn zu stark gewesen, aber eine Raupe half die Pfeife zu verstopfen, und so bestanden die Helden auch diese Aufgabe. Tsohanoai erkannte sie als seine Söhne an. Und er fragte, was sie wollten. Sie erzählten ihm von den Anayes, den Bösen-Göttern, und baten ihn um göttliche Waffen, genauso wie Arjuna einst Indra um göttliche Waffen gebeten hatte, um in der Schlacht mit den Kauravas nicht zu unterliegen.

Tsohanoai sagte ihnen, daß auch der Hauptgott der Anayes, der gigantische Yeitso, ein Sohn von ihm sei. Aber trotzdem gab er ihnen mächtige Waffen: einen Dauerblitzbogen, ein Flächenblitzfeuer, Sonnenstrahlpfeile und Regenbogenwaffen.

Zufrieden kletterten die Helden durch das Yagahoka, das Himmelsloch, hinunter auf die Erde. Gleich stürzten sie sich auf Yeitso, töteten und skalpierten ihn. Als nächstes tötete Nayenezgani den vierfüßigen Teelget mit dem Gigantengeweih, indem er durch den Tunnel, den ein Ziesel für ihn grub, bis an das Herz des großen Gottes vorstieß und dann das Herz des Giganten mit seinem Dauerblitz bearbeitete, bis der große Anaye so wütend war, daß er, bloß um Nayenezgani zu töten, seinen eigenen Körper mit seinem Geweih aufrieß, um den Peiniger zu erwischen. Gerade bevor er ihn erwischte, war er tot.

Die nächste Großtat: Nayenezgani zerriß mit seinen Blitzen den großen Adlergott Tsenahale und schuf aus den Stücken all die Vögel, deren Federn für den Kopfschmuck der Navajos notwendig waren.

Nayenezgani schlachtete auch die Binaye Ahani, das Volk-das-mit-den-Augen-mordet. Böser Blick. Ein Verdienst, das auch die Christen auf ihrem Konto buchen konnten, denn das Abschlachten oder Abbrennen der mit dem bösen Blick, war ja eine ihrer Großtaten.

Eines der letzten Taten Nayenezganis war der Sieg über Tsenagahi, einem bösen Steingeist, der sich von Bergen herab auf Reisende stürzte. Und auch in Alpentälern sollten Kreuze den Wanderer vor Erdrutsch schützen. Und sie standen damals noch da, wenn sie nicht abgerutscht waren.

Es gab Vielgötterei im neuen Land, und viele Götter schwebten in den verschiedensten Höhen über dem Land, aber nicht alle waren Polytheisten. In der Tat gab es eine ganze Reihe, die sich für die einzigen hielten, oder die einzigen wichtigen. Selbst Jahwe hatte ja Kinder, Gotteskinder.1 Von den Kindern Gottes sollte man aber erwarten, daß sie selbst Götter waren. Offensichtlich waren sie aber so unwichtig, daß man sie spätestens seit der Sintflut unbesorgt übersehen konnte. Erst ein anderer Sohn Jahwes, der mit einer Menschenmutter gezeugte Hybrid Jesus, ein Eingeborener - Kleinasiens, brachte es neben Jahwe zu beträchtlicher Wichtigkeit, und außerdem wußten christliche Lehrer von zweihundertsechsundsechzig Millionen sechshundertdreizehntausenddreihundertsechsunddreißig Engeln,2 die auf neun Stratosphären oder himmlischen Hierarchien lebten, schwebten oder herumflatterten und den Menschen halfen durch Fürbitte beim Höchsten, angeblich bis in alle Ewigkeit oder zum letzten Tag. Aber sowohl diese Träger göttlicher Attribute im Himmel als auch die gläubigen Christen auf Erden hielten ihre Religion für monotheistisch.

1 Genesis 6

2 vgl. Gustav Davidsons "A Dictionary of Angels" (Glencoe, Ill., The Free Press, 1967)

Weiter im Inland als die Navajos lebten die Pawnees, deren Stammesgebiet sich in der Prärie am mittleren Lauf des Platte-Flusses befand. Sie verehrten den Schöpfergott Atius Tirawa, den, dem die Sterne gehorchten. Das war nun nicht mehr nur Monotheismus, Eingottglaube, sondern sogar ein Einhorneingottglaube, Monokerosmonotheismus, denn Atius Tirawa besaß ein Horn, war also ein Einhorn, ein Monokeros, ein Unicorn und Unikum. Für die Monomanen der katholischen Monokultur, die ja schon bei Monotheletismus1, Monophysitismus2 und Monopsychismus3 Ketzerei schrien, war Monokerosmonotheismus natürlich höchstes Heidentum und sie verhökerten den Heiden schon bald ihren eigenen Henotheismus aus der christlichen Monolatrie - ne, hebräischer Hochgott und den Unigenitus.

1 griech. "allein" und "wollen", theologische Theorie, nach der zwar Jesus Christus als Behälter sowohl göttliche als auch menschliche `physis´ (=Natur) in sich trage, jedoch nur ein Wollen kenne, also einen einzigen Willen habe, auf dem 6. ökumenischen Konzil in Konstantinopel im Jahre 681 christlicher Zeitrechnung als Ketzerei verurteilt.

2 theologische Theorie, nach der es in der Person Jesu Christi nur eine Physis (=Natur) gebe, nämlich die göttliche, da die göttliche Physis die menschliche wie ein Schwamm aufgesogen habe, auf dem 4. Ökumenischen Konzil von Chalkedon im Jahre 451 christlicher Zeitrechnung als Ketzerei verurteilt.

3 theologische Theorie des Philosophen Averroes, nach der es nur eine einzige überindividuelle Seele gibt. Individuelle Unterschiede hier unten auf unserer Erde sind lediglich leiblich bedingt. Da diese Theorie die Unsterblichkeit der Einzelseele ausschließt, wodurch natürlich auch ewige Folterqualen in der Hölle ausfallen, kam es 1195 zur Verdammung dieser Lehre wegen Religionsfeindlichkeit.

Warum hatte Atius Tirawa den Kampf mit Jahwe nicht bestanden? Man sagte, er sei sehr potent gewesen. Seine Kraft war im Horn, und er sah aus wie die Krieger des Stammes, die auch alle ein Horn auf dem Kopf trugen.

Aber dieses Horn war genauso wenig Horn wie das Horn eines Nashorns Horn war. Es war verfilztes und verklebtes Haar. Wenn das Rhinozeros Keratin absonderte zum Verkleben seines Nasenhaares, die Pawnees verfügten nicht über die notwendigen Drüsen am Kopf und mußten daher für ihre Haarkunstwerke, ihre Haartracht und -pracht Schmiere aus ihrer Umgebung nehmen, oder Pomade, Spray oder Brillantine.

Mit Potenz hatte zum Horn geformtes Haar natürlich nichts gemeinsam - außer dem Aufrechtenstand natürlich. Ein aufrechtes Glied hätte die Potenz viel besser symbolisiert, nein, verifiziert. Ihn immer steif zu halten, das will schon was heißen. Aber wer weiß, was den armen Pawnees dann noch passiert wäre. Schon als die christlichen Eroberer ihnen die Haare schnitten, ihnen also endlich mal einen ordentlichen Haarschnitt verpaßten, und sie in Missionsschulen schickten, verloren sie ihre Kraft und beteten schon bald die üblichen kretinen Monolatrie-nenparolen: Vater unser der du bist im Himmel... Ja, das ist wirklich ein Gerücht, daß er da oben ist.

Schade, daß nicht mehr Leute gute Riecher haben.

Über dem Mississippi schwebte der traurige Geist des Sonnengottes der Natchez, einem Stamm der muskogeanischen Sprachfamilie. Er beweinte sein Volk.

Einst hatte er seinem auserwählten Volk... Wir wissen ja schon, daß die neue Welt genauso wie der Rest der Welt mit auserwählten Völkern nur so übersät war. Später, nachdem die meisten auserwählten Völker der neuen Welt ausgerottet oder eines anderen belehrt waren, kam freilich noch das auserwählte Volk der Juden, die der Verfolgung im alten Europa überdrüssig waren, nach Amerika, wo sie ihr neues Jerusalem gefunden zu haben glaubten. Daß sie auch in Amerika neue Enttäuschungen erlebten, war eine andere Geschichte, die hier nicht erzählt wird. Außerdem war diese Geschichte selbst schon Geschichte als Adjuna das Land erreichte. Denn da erlebten die Juden ja gerade Triümpfe, neue Triümpfe, die sie zweitausend Jahre nicht gekannt hatten: Das alte Jerusalem.

Der Sonnengott der Natchez hatte seinem auserwählten Volk einst seinen Sohn geschickt. Anders als die Juden hatten sie ihn angenommen und von ihm ihre Gesellschaftsstruktur, Sitten und Gebräuche gelernt, Zeremonien, Kunst und Waffenkunde, Ackerbau und Kalenderkunde. Ihm verdankten sie ihre tägliche Maismahlzeit, und er lehrte sie die dreizehn Namen der Mahlzeitmonate: Reh, Erdbeere, Kleinkorn, Wassermelone, Pfirsich, Maulbeere, Großkorn, Truthahn, Büffel, Bär, Kaltemahlzeit, Kastanie und Nüsse, und er setzte die erste Weiße Frau ein, die Gebärerin des ersten Sonnenkönigs, der ersten Großen Sonne, des ersten, absoluten Herrschers über den Stamm. Er schuf auch die vier Kasten unter der Großen Sonne und regelte mit weisen Gesetzen die Beziehungen unter den Kasten. Die vier Kasten waren die Sonnen, die Edlen, die Geehrten und die Stinker. Die Gesetze verlangten, daß jedes Kind der Oberklassen einen Stinker heiratete. Über die Kastenzugehörigkeit entschied der Status der Eltern. Die Sonnen hatten Sonnenmütter und Stinkerväter, während die Edlen edle Mütter und Stinkerväter hatten, oder Sonnenväter und Stinkermütter. Die Kinder aus der Zwangsehe von Männern aus den Oberkasten und Stinkerfrauen wurden eine Kaste tiefer eingestuft als ihre Väter. Es gab noch eine dritte Möglichkeit, nämlich in den Rang der Edlen aufgenommen zu werden, dann mußte man aus einer Schlacht mit zwanzig Skalpen nach Haus kommen.

Nach dieser Gesellschaftsordnung hatten die Geehrten also geehrte Mütter und Stinkerväter oder Stinkermütter und edle Väter, und ein Stinker, ja, ein Stinker hatte entweder eine Stinkermutter und einen geehrten Vater oder ... oder sie waren beide Stinker.

So zirkulierte das Blut, oder wie man will, die Chromosomen, durch die vier Kasten, selbst königliches Blut war davon nicht ausgenommen, denn selbst die Große Sonne mußte als Sonne eine Stinkerfrau ehelichen und seine Kinder wurden bloß Edle, die Kindeskinder also Geehrte und deren Kinder endeten als Stinker am Bodensatz der Gesellschaft. Von da unten konnte freilich wieder der gesellschaftliche Aufstieg beginnen.

Zwar konnte man durch Heldentaten gesellschaftlich aufsteigen, gesellschaftlichen Abstieg gab es nicht. Das wäre damals auch schwer zu bewerkstelligen gewesen, denn je höher die Kaste desto mehr Tätowierungen trug man am Körper und im Gesicht, verschlungene Sonnen- und Schlangenmotive.

Aber wie wurde man in solch einer Gesellschaft Sonnenkönig?

Dazu mußte man Sohn der Weißen Frau sein. Der älteste Sohn der Weißen Frau wurde Große Sonne, der zweitälteste Kleine Sonne. Die Kleine Sonne war immer der Chef der Kriegsführung. Die älteste Tochter der Weißen Frau wurde ihrerseits Weiße Frau, wenn die Mutter starb.

Es war Pflicht der Weißen Frau, zu sterben, wenn die Große Sonne starb. Wenn die Große Sonne starb, starb auch seine Leibwache und eine ganze Reihe seiner Bediensteten. Es fanden sich so gar Freiwillige, die den großen Sonnenkönig auf seiner letzten Reise begleiteten, hatte doch einst der Sonnensohn den Natchez-Indianern von der Unsterblichkeit der Seele erzählt und einem Jenseits, wo die Treuen jeden Genuß genießen würden; wer schlecht war aber, würde Mangel erleiden.

Zur Todesfeier wurden alle Feuer im Dorfe erlöscht und die Hütte des Häuptlings verbrannt. Der Tote wurde begraben. Nach einigen Monaten, wenn er schön durchgefault war, wurde er wieder ausgegraben. Sein Fleisch war jetzt locker und ließ sich leicht von den Knochen entfernen. Die Knochen wurden in einer Zeremonie dem Tempel überführt. Einige Priester wurden bei diesem feierlichen Anlaß erwürgt. Damit das Erwürgen nicht weh tat, tranken sie wie die Freiwilligen der ersten Totenfeier ein Tabakgebräu, das sie ohnmächtig werden ließ.

Es war die Aufgaben der Schamanen, den für diesen Anlaß benutzten Tabak zu weihen. Schamanen galten als der Sonne besonders nahestehend, denn der Sonnengott hatte sie selbst berührt: Es waren Leute, die vom Blitz getroffen worden waren und die es überlebt hatten. Ein großes Glück, so von Gott gestreichelt worden zu sein. Aber die Hand Gottes konnte auch strafen. Dann zündete der Blitzschlag ein Haus an oder tötete. Als Zeichen größten Zornes galt es, wenn der Tempel, den man dummerweise auf einem Hügel und nicht in einer Grube gebaut hatte, vom Blitz entzündet wurde. Dann half nichts mehr. Um den Gott zu besänftigen, mußten die Eltern ihre kleinen Kinder in die Flammen werfen.

Im Jahre 1699 der christlichen Zeitrechnung erschien der erste christliche Missionar. Er ärgerte sich über diesen dummen Stamm, der nicht begreifen konnte und wollte, daß über den Himmelskörpern ein großer, mächtiger, jedoch mit bloßem Auge (und auch mit Fernrohr) nicht sichtbarer Gott thronte, er spottete über den Häuptling, der morgens mit Geheul die Sonne begrüßte und ihr dann mit ausgestrecktem Arm den richtigen Weg übers Firmament wies, aber sich standhaft weigerte, sich selbst vom Missionar den richtigen Weg ins Heil zeigen zu lassen.

Dreißig Jahre später als die Weißen dem Stamm nicht mehr nur mit salbungsvollen Worten auf die Pelle rückten, sondern mit Gewalttaten, entschied die Große Sonne zurückzuschlagen. Der große Kampf der Weißen gegen die Natchez-Indianer begann, weil die Indianer zurückschlugen. Daß sie sich wehrten, hatte die Weißen endgültig von der Minderwertigkeit und Bestialität dieser Heiden überzeugt. Nichts als die totale Vernichtung des Stammes war geboten. Es war nicht schwer, dieses auserwählte Volk zu vernichten. Es umfaßte nur viertausend Seelen. Das einige doch entkamen, haben ein paar schlechte Schützen zu verantworten. Die wenigen Flüchtlinge wurden von den Chickasaws, Creeks und Cherokees aufgenommen und dort wohl assimiliert. Doch im zwanzigsten Jahrhundert, als sich unter den weißen Völker gerade zum zweiten Mal die Mordlust austobte, ganze Städte in Schutt und Asche versanken, Gaskammern sich füllten und Krematorien, da entdeckte man unter den Cherokees zwei alte Leute, die Nachkommen der Natchez waren und unter sich noch immer die alte Sprache sprachen, die nur sie beide verstanden. Als Krankheit und Alter sie dahinraffte, war nicht nur der Tod zweier alter Leute zu beklagen, sondern auch das endgültige Ende eines eigenwilligen Volkes. Es blieb nur eine von Weißen beherrschte Hafenstadt Natchez am Mississippi.

Es gab nur eine Sonne, aber es gab viele Sonnengötter.

Es gab viele Völker und es gab viele Augen.

Und viele Augen sahen die Sonne anders.

Und jeder dachte, die Sonnen scheine für ihn, nur für ihn. Daß sie für sich schiene und er egal war, dachte man nicht.

Die Angst um die Gnade des Sonnenscheins schuf die Frömmigkeit und brachte die Religionen in die Welt.

Wenn man über Religionen sprach in der neuen Welt, konnte man da das frömmste aller Völker übersehen? - Man konnte es nicht.

Tiefe mittelalterliche Frömmigkeit zeigten die Azteken. Täglich opferten sie ihren Göttern blühende Menschenherzen. Freilich, im Mittelalter der alten Welt hatte man dem Gott keine Menschenherzen geopfert, man hatte Menschen nur so Folterqualen ausgesetzt, Frauen nur so verbrannt, Leute zerrissen etc., und auch die Konquistadoren, die die aztekischen Menschenopfer so verabscheuten, hatten keine Menschen geopfert, sondern nur so zerrissen und die kleinen Indianerkinder nur so - zack, bumm - am Felsen zerschmettert. Zwei Frömmigkeiten stießen aufeinander. Eine klassische Begegnung.

Wenn man über Götter der neuen Welt sprach, mußte man unbedingt den mächtigsten aller Götter erwähnen.

Huitzilopochtli war der Mächtigste gewesen, denn er hatte sein Volk am besten im Griff gehabt.

Sein Volk, die Azteken, waren Verwandte der Schoschonen, ein Volk, das noch Jahrhunderte nach dem Untergang der Azteken im Staub um den großen Salzsee von Utah nach Wurzeln wühlte, und von denen die Weißen geglaubt hatten, daß sie lebende Fossilien wären, Übergänge von Tier zu Mensch, ja, man hatte sie sogar für Winterschläfer gehalten, da man mal apathische, halbverhungerte Schoschonen in einem Nest unter Schnee und Zweigen gefunden hatte.

Wenn Sprachforscher und Anthropologen auch die Heimat der Azteken oder Tenochcas oder Colhua-Mexicas, wie sie auch genannt wurden, im Utah-Hopi-Schoschonen Bereich wußten, so sollte doch auch erwähnt werden, daß Fantasten die Azteken lieber als Nachfahren der Bewohner Atlantis sahen, und so auch hier durch ihre Neigung, das Nächstliegende durch das Abwegiste zu ersetzen, dazu beitrugen, daß die Welt fantastischer wurde, als sie ohnehin schon war.

Fantastisch war das Leben der Azteken nun gar nicht und für Höhenflüge der Fantasie war bei ihnen kein Platz. Elende Abkömmlinge, die sie waren, einfacher Völker aus dem Norden, wollten sie alles besser machen, als sie sie antraten die Erbschaft der Erben, die Erbschaft der Colhuacan, der Erben der mächtigen Tolteken von Tule. Zunächst einmal zerstörten sie die schriftlichen Aufzeichnungen ihrer Vorgänger, damit an der Einzigartigkeit der Größe der eigenen Vorfahren kein Zweifel entstehen konnte, später denn taten christliche Konquistadoren das Gleiche mit den Aufzeichnungen der Azteken. Beide Zerstörungen erleichterten es den Fantasten, ihre Atlantislegende zu spinnen. Doch das war harmlos.

Was nicht harmlos war, waren die Legenden, die die Azteken gesponnen hatten. Daß sie sich für auserwählt gehalten hatte, die Sonne vor dem Sterben, besonders vor dem Ertrinken, aber auch vor dem Ausblasen durch starken Wind und Ersticken durch runtergefallenen Himmel, zu bewahren, konnte man ja verzeihen, solange dazu nur die eigene Nüchternheit und Enthaltsamkeit notwendig war, aber ihre Religion war so erstickend, so absolut, so unmenschlich, daß sie sich nur mit tiefer christlicher Frömmigkeit vergleichen ließ. Die Spinnräder ihrer Fantasie schufen komplizierte Zyklen, die sich um Götter rankten. Nur vordergründig erschien ihr Kalender modern, hintergründig erforderte seine Erhaltung permanente Schlachtfeste, Menschenopfer: Sonnenjahreszyklen mit 365 Opfertagen, 18 Opfermonaten zwanzig Tagen plus fünf gefährlichen Tagen mit besonders fleißigem Opfern, die sich mit Ritualjahreszyklen von 260 Opfertagen verhakten, und so 52jährige Opferzyklen ergaben, die sich ihrerseits mit noch größeren Zeitaltern und Erdzeitaltern verhakten. Aber auch im Kleinen tickten die Opferzyklen der Zeit, die dreizehn Sonnenlichtstunden und die neun Nachtstunden waren noch in Minuten unterteilt. Und jede Minute, jede Stunde, jeder Tag und jeder Monat war einer Gottheit gewidmet, der es zu opfern galt, opfern, opfern, opfern.

Wenn die Natchez ihre Monate nach Früchten, Pflanzen und Tieren benannt hatten, so weil sie sie aßen in der entsprechenden Zeit. Die Azteken hatten ihre Zeitunterteilungen nach den Göttern benannt und es waren die Götter, die aßen, oder besser aasten.

Im Innern von Mexiko, dem Nabel-Des-Mondes, auf der Insel des Sees Texococo fanden die umherirrenden Azteken einst das gesuchte Symbol: einen auf einem Kaktus sitzenden Adler, der eine Schlange verzehrte, und sie gründeten ihre Stadt Ternochtitlán, Kaktus-Felsen. Es wurde schnell eine der schönsten und größten Städte der Welt. Viele prächtige Pyramiden zierten die Stadt, jede einer Gottheit gewidmet.

Fünftausend Priester mußten Akkordarbeit leisten, um all die Götter, die über der Stadt wachten, versöhnlich zu stimmen, und um die absolute Wahrheit beim Volk lebendig zu erhalten. Besondere Lehrer mußten es - das mit der Wahrheit - schon den Kleinkindern beibringen. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Was bei Religion ausnahmsweise stimmte.

Schamanen, also von Gott Angehauchte, waren in so einem Gottesstaat natürlich genauso wenig willkommen, wie der Außenseiter Jesus - wenn man mal der Bibel Glauben schenkt - es bei den Pharisäern und Schriftgelehrten gewesen sein soll und wie er es zweifellos beim katholischen Klerus wäre, wenn er sich bei denen blicken ließe.

Angehauchte und Eingehauchte waren Berufsreligiösen äußerst suspekt und unangenehm. Das zeigte sich daran, daß man sie als Sektierer und Ketzer verschrie, und wenn sie dann genug beim Volk verschrien waren, man dem Volk den Gefallen tat und sie umbrachte.

Doch auf in das Gewimmel des aztekischen Pantheons!

Die Opferpyramiden standen schon lange nicht mehr, christliche Kirchen standen an ihrer Stelle, doch die blutrünstigen, aztekischen Götter ließen sich nicht von Kreuzen und dem Gekreuzigten abschrecken, im Gegenteil Blut und Marterholz zog sie an. Sie waren noch da. Nostalgie. Nur vom Kelch des Priesters nippten sie schon lange nicht mehr. "Betrug, der Priester ist ein Betrüger! Das ist gar kein richtiges Blut", so riefen sie der ignoranten Gemeinde schon lange nicht mehr zu.

Der oberste Gott war der Blaue-Hummelkolibri-Zur-Linken-Seite, Huitzilopochtli, in der Verballhornung auch Vitzliputzli, Zur-Linken-Seite, weil die Azteken immer der untergehenden Sonne nachtrauerten und sich nach Westen hin orientierten. Links war also Süden. Im Süden stand die Sonne des Mittags.

Auf Huitzilopochtlis Pyramide wurden Zigtausende manchmal an einem einzigen Tag geopfert, manchmal Freiwillige, meist Kriegsgefangene; der Hauptgrund für Kriege, war Nahrung für die Götter - und für sich selbst. Die gefesselten Gefangenen wurden an den Haaren die Stufen der Pyramide hochgezerrten. Oben wurden sie über die Opfersteine gelegt, die Brust zum Himmel gewölbt, nach kurzer Hokuspokus- oder hoc-est-corpus?-Zeremonie des Priesters, zur Sonne gestreckte Arme usw., wurde die Brust aufgeschnitten, voilà das blühende Herz, so nannte man es, wenn das Blut herausquoll, hervorsprudelte, rot blutig blüte.

Die Überfälle auf andere Stämme, um neue Opfer zu machen, nannte man folgerichtig Blumenkriege. Nachdem das Herz herausgerissen und das Blut verspritzt war, warf man die Getöteten einfach die Stufen hinunter. Unten wurden sie zerhackt und an die Stadtbevölkerung verteilt. Adlige hatten Vorrang, sowie der, der den Gefangenen gemacht hatte. Mit Tomaten und Pfeffer gekocht, ergaben die Stücke einen leckeren Gulasch. Außer dem kleinen, haarlosen Hund Chihuahua und dem Truthahn hatte man ja sonst auch weiter kein Fleisch.

Aber nicht nur herausgerissenen Herze ließen das Herz des Huitzilopochtli höher schlagen, sondern es freute ihn genauso, wenn sich die Gläubigen mit Kaktusstacheln peinigten, oder mit Hartriegel ihre Zungen und Ohren durchstachen, wie es Jesus freute, wenn ein Christ sein Kreuz auf sich nahm. Wie viele Gemeinsamkeiten Todfeinde doch oft hatten!

Es gab viele Götter und alle verlangten ihre Opfer. Das aztekische Pantheon hatte phantastische Ausmaße:

Der abgebalgte Frühlings- und Fruchtbarkeitsgott Xipetotec, Unser-Schindermeister, verlangte, daß der abgezogene Balg der Opfer vom Priester getragen wurde. Der Umhang aus blutiger Haut sollte das neue Blätterkleid der Bäume im Frühling symbolisieren.

Xipetotec war auch der neugepflanzte Sprößling und auch die reifende Saat und wie der Maiskolben die umgebende Haut abschälte und der Menschheit zu essen gab, so gab dieser Gott dadurch, daß er sich die Haut abzog, der Menschheit Nahrung; es war schreckliche Selbstquälerei, die höchste Bußübung, die absolute Verneinung des Körpers, die geistige Befreiung total. Wem danach war, der folgte dem Gott in diese geistige Freiheit.

Auch der rotgesichtige Gott der Blumen und Seelen, Xochipilli, hatte sich die Haut abgezogen, um seine Verachtung für alles Irdische und Fleischliche auszudrücken. Er half den Kriegern, im vierten Todesjahr üppig mit Federn geschmücktes Geflügel zu werden.

Der verkrüppelte Hundegott mit den nach hinten gehenden Füßen, Xototl, war der Überlord des Abendsterns und als solcher, da er die Sonne hinunterschubste in die Dunkelheit der Nacht, auch gleich der Verteiler allen Unglücks. Seine Losgelöstheit vom Diesseits drückte er durch ausgestochene Augen und einer Bußübung in kochendem Wasser aus, und auch er fand Nachahmer unter den Menschen, die nicht ihr Kreuz, sondern ihren Kochtopf auf sich nahmen.

Xiuhtecuhthi war der Feuergott der Azteken, eine große Säule, die das ganze Universum durchmaß, vom Lagerfeuer in Mictlan, dem Totenreich, durch die häuslichen Herde hindurch, das Reich der Schlangengöttin Coatlicue und ihres Gatten Tlatecuhtli, des Frosches mit den gigantischen Zähnen, des alles verschlingenden Grabes, bis hinauf zum Himmel. Xiuhtecuhtli mochte natürlich wie Jahwe Brandopfer am liebsten. War ja sein Element.

Der Regengott Tlaloc, dem die Menschen außer Wolken und Regen auch Gewitter und Gebirgsquellen zu verdanken hatten, spendete je mehr kostbares Naß, je mehr die Opfer vor dem Tode weinten. Man spendete ihm also vorwiegend kleine Kinder, die ja, wie jeder weiß, am tüchtigsten weinen konnten. Um diese Fähigkeit noch zu steigern, röstete man sie bis kurz vor ihrem Tod unter einem gelinden Feuer. Erst im letzten Moment riß man ihnen das Herz heraus. Tlalocs Reich war auch das Reich der Wassersucht und Beulenpest, von Aussatz und anderen ansteckenden Krankheiten, und wen es erwischt hatte, der befand sich im irdischen Paradiese Tlalocs, im Tlalocan.

Im Sommer, wenn die aztekische Frauen und Mädchen sich mit Blumen schmückten und das Fest der Salzgöttin Uixtocihuatl mit Tanz und ausgelassenen Spielen feierten, stellte der Regengott Tlatoc seine Pyramide für den Höhepunkt der Festlichkeit, der Tötung einiger Mädchen, zur Verfügung.

Chalchihuitlicue war die Frau-Des-Kostbaren-Grüns, eine Wassergöttin, die dargestellt wurde als Fluß, an dem Feigenkakteen wuchsen. Die rotleuchtenden, birnenartigen Früchte dieses Kaktusstrauches ähnelten menschlichen Herzen. Um zu nehmen, war es auch bei dieser Göttin nötig, erst einmal zu geben.

Um die Maisernte zu sichern, beträufelten die Azteken Riedgräser mit ihrem eigenen Blut und stellten sie vor ihrer Tür für den Maisgott Cinteotl auf, der sie ableckte. Sie durften dabei nicht zu geizig sein, das hätte den Gott verärgert. In nach-aztekischer Zeit leckte er manchmal von unter der Dornenkrone ab. Da er schwachsichtig war und eine Holzfigur nicht von einem richtigen Menschen unterscheiden konnte, wurde er meistens enttäucht, nur in der Karwoche gab es hier und da noch mal den echten Saft.

Xochiquetzal war die Kostbarste-Blume, die Göttin der blühenden und früchtetragenden Erdoberfläche. Sie war auch die Geberin von Kindern. Neben Kindern wurden ihr Marienrosen gespendet.

Tlazolteotl war die Göttin des Unrats. Jede Art von Dreck, Schmutz, Ekel, Anstandslosigkeit und Unflätigkeit ging auf ihr Konto, doch besonders Sex, Pornographie und Obszönität. Junge Mädchen, die man aus den Familien der Stadt rekrutierte, wurden für den Dienst an dieser Göttin besonders trainiert und dann in den Kasernen losgelassen. Nachdem sich die sexuell total ausgehungerten Krieger auf sie gestürzt hatten, wurden sie wieder eingefangen und feierlich getötet. Zwar war Enthaltsamkeit für machthungrige Herrscher schon immer ein guter Trick, die Leistung ihrer Soldaten zu steigern, doch ihnen ab und zu, wenn auch zu selten, mal zu zeigen, was sie da eigentlich versäumten, erhöhte die kämpferische Leistung und Blutrünstigkeit noch einmal enorm.

Ein anderer schmutziger Gott war Tezcatlipoca, der Rauchige-Spiegel. Er hatte mehrere Aspekte, einmal war er der schwarze Obsidianspiegel, aus dem die Zauberer die Zukunft lasen, andererseits war er auch die ursprüngliche Sonne, die Quetzalcoatl aus dem Himmel geschlagen und in einen Koyoten verwandelt hatte. Er war der große Betrüger, der sich mit Hexen, Dieben und Bösewichtern einließ. Er war wie das Böse allmächtig. Ein Jahr lang durfte ein auserwählter Jüngling bei den Azteken den trickreichen Tezcatlipoca spielen, dann jeweils im Frühling wurde er in einer Zeremonie auf der Tempelpyramide getötet und sein Herz der jetzigen Sonne entgegengestreckt.

Die Götter mochten schrecklich sein, doch der schrecklichste von allen war für die Azteken der alte Lebegott Ueuecoyotl, das hieß alter, alter Koyote. Die Azteken sprachen mit bayrischem Akzent. Das Schreckliche an diesem Gott war seine Spontanität und sexuelle Aufgeschlossenheit. Er hatte nicht nur Lust, sondern befriedigte sie auch. In jedem Gottesstaat ein Verbrechen.

Auch die Legende, die sich um die Schlangen-Dame Coatlicue rankte, wand und spann, handelte von Sex, außerehelichem Sex oder nicht gehabtem Sex, wie bei Maria und Joseph. Diese Erdgöttin war eine der Frauen der Wolkenschlange Mixcoatl. Eines Tages, als sie bei der Hausarbeit war, schwebte ein Federball zu ihr herunter. Da er hübsch war, nahm sie ihn und steckte ihn sich in die Bluse. Als sie ihn aber nach der Arbeit wieder herausnehmen wollte, war er weg. Auf magische Art war der Federball in ihren Körper eingedrungen und hatte sie geschwängert. Aber wie sie auch beteuerte, sie sei schwanger geworden ohne Sünde, ihre vierhundert Kinder waren empört, daß sie die Familienehre beschmutzt hatte, und wollten sie töten.

Natürlich gelang es den vierhundert Kindern nicht die Mutter Erde zu töten; das war eine Tat zu groß für sie; diese Tat sollte erst viel viel später gelingen, als die ganze Menschheit mit vereinten Kräften dazu antrat und kein Verräter den Plan vorzeitig zunichte machte. Damals aber war unter den vierhundert Kindern eine Verräterin, Coyolxauhqui, Die-Der-Goldenen-Glocken, die die Mutter liebte und ihr von der bösen Absicht der anderen erzählte. Leider erschlug der neugeborene Held Huitzilopochtli sie, als er die anderen Sternenkinder erschlug, gleich mit. Als er von seiner Mutter auf seinen Fehler aufmerksam gemacht worden war, schnitt er Coyolxauquis Kopf ab und warf ihn an den Himmel, von wo er als Mond herunterschien, bis er eine Kraterlandschaft wurde und bloß noch Sonnenlicht reflektierte.

Die Mutter Erde war für die Azteken eine Schlange und hatte wenig von dem, was man sich allgemeinhin unter Mütterlichkeit vorstellte. Nicht nur, daß sie selbst Schlange war, sie trug auch einen Rock aus Schlangen. Ihr Halsband war aus menschlichen Herzen, ihre Armbänder aus Knochen und Schädeln, ihre Hände und Füße hatten Krallen, ihre Hängebrüste waren wohl das Mütterlichste an ihr. Sie war zugleich Uterus und Grab. Ihre Diet bestand aus menschlichen Leichnamen. Da sich Leichname mit Leichtigkeit aus lebenden Menschen machen ließen, hatten die Priester keine Schwierigkeiten Coatlicue zu füttern.

Da die Erde Göttin war, konnte bei den Azteken kein Mensch Land besitzen. Die Priester der Göttin bestimmten, wer wo den Boden bearbeiten durfte und für wie lange, und wann der Boden brachliegen mußte. Die Göttin selbst kümmerte sich um solchen Verwaltungskleinkram nicht. "Mein Leib gehört mir", doch sie paßte nicht auf und die Priester entschieden.

War Huitzilopochtli auch Sonnengott, Tonatiuh war der Gott der vierten Sonne, die für die Azteken die gegenwärtige war. Es war notwendig gewesen, den Durst und Hunger dieses gefräßigen Gottes täglich mit menschlichen Herzen und Menschenblut zu befriedigen, damit der große Gott nicht bei seiner anstrengenden Reise und bei seinem Kampf mit der Dunkelheit ausbrannte. Erlösung von Qual, Schmerz und Massenopferungen sollte es erst geben, wenn die vierte Sonne zu Ende war und der weiße Quetzalcoatle von hinten zurückkehrte. Er kam tatsächlich und hieß Hernardo Cortés und war ein Raubmörder, Goldsucher und Marienverehrer.

Als Kaiser Moctezuma die Gerüchte von der Ankunft Quetzalcoatls hörte, war er beunruhigt. Er sehnte sich nach der Ruhe von Mictlan, dem unendlich friedlichen und geruhsamen Reich der Toten; er machte dem Fürsten des Todes Mictlantecuhtli ein üppiges Geschenk, einen ganzen Stapel von der Haut gehäuteter Menschen, um in sein Reich eingehen zu dürfen. Aber sein Tod kam erst in spanischer Gefangenschaft.

Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, war der alte Atem- und Windgott der Tolteken gewesen, aber auch ein Volkheld und König, der den Menschen Maisanbau, Weben, Steinmetzen und die Herstellung von Federmänteln gelehrt hatte, sowie das Messen der Zeit und die Berechnung der Sternbewegungen, aus denen er einen Kalender entworfen hatte mit all den dazu gehörigen Zeremonien und Gebeten, aber erst die Azteken verbanden diese Feiertage mit Menschenopfern.

Der Legende zu Folge schwächte Tezcatlipoca den König Quetzalcoatl, indem er ihm einen Körper gab, was hieß, er hatte ihn zu Trunkenheit und Sinnlichkeit verführt. Es schmerzte Quetzalcoatl so sehr, daß er sich zu Schwäche hatte verführen lassen, daß er seinen Palast verbrannte und sich an die Küste der Landesrückseite begab, wo er entweder sich selbst verbrannte und aus seiner Asche seltene Vögel aufstiegen oder aber auf einem Floß von Schlangen zum hinteren Horizont fuhr. Ganz sicher, so wußte die Legende, werde er am Ende der Zeit von dahinten zurückkommen und sein Volk vom Leben am Rande der Verdammung erlösen und eine neue Zeit mitbringen. Ja, man sprach sogar davon, daß sich in seinem Reisegepäck eine humanere Religion befinden würde. Und tatsächlich der neue Opferzyklus begann nicht, indem man alle Feuer löschte und in der aufgeschnittenen Brust eines Opfers ein neues entfachte, sondern indem man sich taufen ließ.

Die neuen Heilsbringer, die das Opfern und den Kannibalismus der Azteken so barbarisch fanden, machten dann freilich kurzen Prozeß, der Angeklagte bekam keine mildernden Umstände: Die Zerstörung war total, und nach hundert Jahren Heilsgeschichte lebten von 11 Millionen Mexikanern nur noch 1,5 Millionen,1 und das auch nur, weil man sie als billige Arbeitssklaven brauchte. Die alte Religion wäre für die Bevölkerung billiger gekommen.

1 Karlheinz Deschner: `Ein Papst reist zum Tatort', S. 20

Und intellektuell brachte die neue Religion auch keinen Fortschritt: So glaubte man doch jetzt sage und schreibe, daß die ersten Menschen einen Akt der Ungehorsamkeit vor Gott begangen hatten, und zwar noch bevor sie die Bedeutung von Gut und Böse überhaupt kannten und wissen konnten, daß Gehorsamkeit gut und Ungehorsamkeit schlecht war. Trotzdem wurden sie bestraft, und nicht nur sie, sondern alle ihre Nachkommen, egal was für ein gutes Leben sie führten. Mit modernem Strafvollzug hatte das Ganze natürlich nichts zu tun. Doch der Ungerechtigkeit nicht genug. Nachdem Tausende von Generationen für Adams und Evas Sünden bestraft worden waren, kam jemand daher, der perfekt war, völlig ohne Schuld, und weil dieser Ganz-Ganz-Unschuldige für schuldig befunden wurde und am Marterholz starb, wurde den anderen Durch-Erbsünde-Schuldigen ihre Schuld vergeben, ganz ohne ihr eigenes Zutun. Die Vorstellung von Gerechtigkeit, die mit der Aufklärung in die Welt gesetzt worden war und die seitdem demokratische Rechtsstaaten prägte, stand im grellen Widerspruch zu dieser These von Erbsünde und Sündenabwasch durch unschuldiges Blut, trotzdem erhielt sich dieser Glaube bis zum Ende der Zeit, was allerdings nicht zu lange war, da mit dem Untergang derer, die die Zeit messen konnten, auch die Zeit als meßbare Größe verschwand.

Freilich gab es vorher noch eine Vergeistlichung, als die ursprünglichen, religiösen Inhalte zu primitiv wurden, doch die hätte man auch im aztekischen Pantheon haben können. Ometecuhtli, der duale Lord, wäre ein guter Kandidat dafür gewesen. Ein bißchen umlügen müßte man allerdings können, aber, mochte das auch schwerer sein, als Brustkörbe mit schwarzen Obsidianmessern aufzutrennen oder fiktive Kreuze zu schlagen, Priestern fiel diese Gabe ja im allgemeinen rechtzeitig in den Schoß.

Ometecuhtli war der Meister der Dualität, der Ursprung allen Daseins, außerhalb von Raum und Zeit, jenseits der Sterne, eine Vereinigung aller Gegensätze, männlich und weiblich, hell und dunkel, Bewegung und Stillstand, Ordnung und Chaos, Sein und Nichtsein, und so weiter und so fort und auch nicht. Tief unter ihm waren Quetzalcoatl und sein Rivale Tezcatlipoca, war die zurückgekehrte Gefiederte-Schlange mit ihrer neuen Religion. Er da oben, noch jenseits des interstellaren Raumes, er konnte nur über so viel Winzigkeit lachen. Neue Religion. Lächerlich. Auch sie würde ihr Ende haben und andere über ihre Blödheit lachen.

Und manchmal, aber ganz selten, kam schon bald ein Funke von Ometecuhtlis Weisheit in einen gläubigen Mexikaner: Wenn er dann die Füße des Schmerzenmannes küßte und das Blut aus der Nagelwunde fließen sah, fragte er sich: Warum immer Blut?

Und das nächste Mal war der Gläubige schon eine Stufe weiter und weniger gläubig, er trug seine Augen nicht mehr so niedergeschlagen, er blickte höher und sah die ganze Figur am Kreuz und dachte: Immer hängt er nur am Kreuz; hat er nichts anderes gekannt? Freude zum Beispiel?

Und schließlich sah er noch höher und sah den Heiligenschein und jetzt durchschaute er's: Nicht heilig, bloß scheinheilig, deshalb trägt er auch einen Heiligenschein, damit es ordentlich scheint, erscheint. Er ordentlich scheint, strahlt, prahlt. Alles Prahlerei, sich so ein Ding aufzusetzen oder aufsetzen zu lassen, alles Prahlerei, - nein, Prellerei, Menschenprellerei.

Und er ließ sich nicht mehr prellen, der Heiligenschein hatte ihn erleuchtet. Er brauchte keinen Schein mehr, die Wirklichkeit war ihm genug.

Sollte er der Verräter werden, der den großen Religionskrieg, der der Erde bevorstand, verhinderte? Oh nein, alles, was er tat, war: nicht mehr in die Kirche zu gehen.

Dem Niemand-sei-neben-mir-Göttchen störte jetzt das eine entlaufene Schaf genauso wenig wie 'ne ganze blökende Herde, er schlief, er wollte rechtzeitig für das Armageddon ausgeschlafen sein. Er hatte wieder Vertrauen bekommen in seine Vertreter auf Erden. Sie würden es schon richtig vorbereiten.

Der mächtigste Staat auf Erden war eine Nation unter Gott.

Da, wo all die großen Waffen waren, war eine Nation unter Gott christlich.

Hier ist der Glaube an mich noch lebendig, dachte der Gott, der laut Paragraph eins seiner eigenen Satzung der einzige war, und er streckte sich geruhsam über den ganzen Kontinent aus. Und wie sich seine weißen Marionetten geweigert hatten, die roten Menschen des Kontinents als Menschen wahrzunehmen, so weigerte er sich, die Götter, die über dem Erdteil schwebten, als Götter wahrzunehmen.

Es waren ihrer noch viele: Agwé, Ah Puch, der katzenschnäuzige Ai Apaec, Asgaya Gigagei, Bochica, Chac, die großtittige Mutter der Menschheit Bachue und ihr Sohn Chiminigagua, der Vater der Menschheit, Chibchacum, der die Welt auf Schultern trug, Coyote, der sie mit Füßen trat, Ek Chuah, der sie mit Krieg überzog, Dzoavits, der in einer Höhle eingesperrt war und deshalb nicht angebetet zu werden brauchte, El-lal, der den Menschen half, aber irgendwann genug hatte und die Erde verließ und meinte, die Menschen sollten sich um sich selbst kümmern - er erforderte also auch keine Anbetung mehr - , Enumclaw, Spezialist im Steinewerfen und Lärmmachen, die gepuderte und parfümierte Voodoo-Liebesgöttin Erzulie Ge-Rouge mit den drei Hochzeitsringen, je einen für den Schlangengott Damballah, den Meeresgott Agwé und den Krieger Ogon, Tränen fließen über ihre Wangen, sie beweint die Kürze des Lebens und die Vergänglichkeit der Liebe, eine andere Göttin: die Frau der Veränderung Estsanatlehi, sie war die Tochter von Naestan, der horizontalen Frau, und Yadilyil, der oberen Dunkelheit, ihr Pflegevater Tsohanoai zog sie mit Pollen auf, der phallische Gott Ghede, der Herr der Menschen Guinechen, der Herr der Atmung Hisakitaimisi, der der da oben sitzt, Sonnengott Ibofanga, Huitaca, der Gott der Begierde, Trunkenheit und Zügellosigkeit, der Spezialist für Verrat und Betrug Ictinike, die Inka-Sonne Inti, der zahnlose Itzamna, die wütende Ixchel mit dem Gorgonenhaupt, die Maya-Göttin des Selbstmordes Ixtab, die Korngöttin Iyatiku, der Schöpfer und Feuerbringer Kanassa, Kukulcan, Kururumany, der Pfortensteher Legba, Manco Capac, Ayar Cachi, Ayar Oco, Ayar Ayca, Ayar Manco, Cuzco, Mama Ocllo, Masewi, Mavutsimin, Ogoun, ein haitischer Rumsäufer mit kalten Hoden, der Erdmacher Pachacamac, der vergaß, seinem ersten Menschen zu Essen zu geben und ihn verhungern ließ, die Erdgöttin Pachamama, deren Eigenschaften später Maria angedichtet wurden, die Tagessonne Page Abe und die nächtliche Sonne Nyami Abe, die die Frau der Tagessonne vergewaltigte, der Assistent der Tagessonne, die siebenköpfige Schlange Pamuri-mahse, der Erdmann und Weltbesitzer der Schwarzfüßler Punotsihyo und der Kaltmacher Aisoyimstan, ein Schneemann, Si, der Mondgott der Mochicas, Sinaa, die Raubkatze mit den Augen am Hinterkopf, die eines Tage den Pfosten, der den Himmel trägt, wegreißen wird, so daß die Welt unter dem großen Bettlaken erstickt, Sta-au, die bösen Schatten in der Seele eines jeden Menschen, der böse Geist der Huronen Tamiscara und sein Gegenspieler Ioskeha, der alte Mond Tecciztecatl, das Wassermonster der Navajos Tieholtsodi, das die Menschen in die Tiefe zog, und die Retter Regengott Tonenili und Feuergott Hastsezini, die Venus Tlauixcalpantecuhtli, Tonapa, dessen Symbol ein Kreuz war, was Missionars Herzen höher schlagen oder eine Täuschung des Teufels vermuten ließ, je nach dem, aber ein Kreuz ist natürlich ein zu einfaches Symbol, um einzigartig zu sein, der Wasserspritzer Tonenili, Tsohanoai, der die Sonne auf seinen Schultern trug, aber nachts an einen Haken hängte, der Herr der Tiere Vai-mahse, Viracocha, der, als ihm die erste Schöpfung nicht gelang, eine Sintflut weinte, der Herr der Wälder mit der fliehenden Stirn, Yum Kaax, die weiße Muschelfrau Yolkai Estsan und ganz im Süden der Aller-Älteste, Watauinaieiwa. Auch allmächtige Obergötter, die wie Jahwe auf gleicher Stufe keinen anderen duldeten, gab es, wie der Wakonda der Sioux, der Orenda der Iroquois, der Amotken der Selish und der Kici Manitu, der Große Manitu der Algonquins.1

Rettögnerawsad, Emynanaerhitztejdnu, Utinamicik, Nektoma, Adnero, Adnokaw, Awieianiuataw, Nastseiakloy, Xaakmuy, Ahcocariv, Eshamiav, Iaonahost, Ilinenot...

1 Für die Auflistung der amerikanischen Götternamen und deren Bescheibung, sowie für die Nacherzählung ihrer Legenden diente mir hauptsächlich: Oxford Reference: A Dictionary of World Mythology von Arthur Cotterell, Oxford University Press.

Für die Beschreibung der Stämme, ihrer Rituale und ihrer Schicksale diente mir Peter Farb's äußerst engagiert geschriebene und höchst empfehlenswerte Buch "Man's Rise to Civilization: A Cultural Ascent of the Indians of North America", E. P. Dutton Obelisk Paperback.

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