Der letzte Schritt von der Gangway zum Erdboden des neuen Kontinents war vollbracht, wie damals vor der Schlacht von Kurukshetra, als Krishna ihm in 18 Gesängen das Bhagavad Gita und die ganze Lehre von Pflicht und Unvermeidbarkeit offenbart hatte, so war auch eben vor dem Auftreten auf neuer Erde, als die Götter des Kontinents und vergangenes Schicksal sich offenbarten, die Zeit stehengeblieben.
Jetzt lief sie wieder.
Adjuna sah zu, daß er sich schnell in der Reihe vor dem Schalter für Immigraten anstellte. Aber viele waren vor ihm. Nur langsam schob sich die Reihe weiter. Man mußte warten. Was blieb einem anderes übrig?
Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Träumte Adjuna?
Was sollte er machen? Sollte er im hohen Norden als Angakoq, als eskimoischer Schamane Blut trinken und wieder rauswürgen, die Augen verdrehen und sprechen, als sei er von Geistern besessen, oder sollte er gleich hier in der Großstadt als Taxifahrer arbeiten und seine Fahrgäste anpöbeln, wenn sie nicht freiwillig, die 20% Trinkgeld zahlten, die einem Taxifahrer zustanden? Oder Telemissionierer? Eine einträgliche Sache. Oder Computerfachmann, Programmierer? Oder Pomade verkaufen? Toilettenpapier?
Die, die Toilettenpapier und Waschmittel verkauften, hatte er sich belehren lassen, belehrten die Nation und informierten die Amerikaner über die Ereignisse der Welt, jedenfalls über die, über die die Leute nach Meinung der Toilettenpapierfabrikanten etwas wissen durften. Für die, die sich nicht nur aus der Glotze informieren wollten, zweigten die Toilettenpapierfabrikanten etwas Papier ab, das sie dann bedruckten. Durch ein besonderes Verfahren bekam das Papier auch mehr Festigkeit, so daß es sich nicht mehr sehr gut zum Abwischen eignete. Wegen des anderes Gebrauches hieß es nicht mehr Toilettenpapier, sondern Neuheitenpapier, obwohl da oft sehr Abgedroschenes drinstand. Aber die Toilettenpapierfabrikanten hatten ja auch gar kein Interesse daran, daß die Leute was Neues lernten oder dachten. Und wenn der Leser glaubte, sein Neuheitenpapier wolle ihn informieren, dann war er einer irrigen Vorstellung erlegen. Seife wollte es ihm verkaufen, Waschmittel, Spülmittel, Möbel, Teppiche, Autos, alles Mögliche, und auf der Rückseite der Anzeigen da drehte es ihm die rechte Gesinnung an, eine rechte Gesinnung, eine Gesinnung, die auch den Toilettenpapierfabrikanten diente. Bis zu 80% der Einnahmen kamen von den Anzeigen, sie waren das Wichtigste an der Zeitung, auf das bißchen Geld, das der Leser für die Zeitung zahlte, hätte man auch ganz verzichten können, bloß ... Kostenloses wurde so leicht unbeachtet weggeworfen, und deshalb ging es nicht.
Die Glotze war zwar auch in Amerika nicht aus Papier, keine Papierglotze, sondern auch ein hochpotentes Verkaufs- und Manipulationsinstrument, wurde aber von den gleichen Leuten finanziert, also von denen, die Toilettenpapier und andere Wegwerfprodukte an den Mann bringen wollten.1
Glotze und Neuheitenpapier zu machen, war eine der amerikanischen Grundfreiheiten.
1 Für eine kritische Beschreibung der Massenmedien in Amerika siehe Michael Parenti `Inventing Reality - The Politics of the Mass Media' and Ben H. Bagdikian `The Mass Media - A startling report on the 50 corporations that control what Amerika sees, hears and reads'.
Da mitzumachen, wäre eine feine Sache. Bloß, wie rankommen, dachte Adjuna, als er sich ein Stückchen weiter vorschob. Da lag nämlich der Hase im Pfeffer. Die Grundfreiheit befand sich in der Hand weniger Auserlesener. Natürlich, es konnte ja nicht jeder Toilettenpapier verkaufen. Es mußte ja auch Konsumenten, Speichellecker, Scheißer und Hinternabwischer, geben.
Auf jeden Fall war Amerika ein Vorbild für die Welt, jedenfalls für die Welt der Unternehmer, für die Unternehmer der Welt - ach nein, Unternehmer hörte sich zu klein an - für Konzerne, Monopolisten. Jeder kleine Krämer war ein Unternehmer und jeder, der nicht Lohnsklave sein wollte, mußte Unternehmer werden, um sein eigener Chef zu sein. Aber genau das zu tun, wurde immer schwerer.
Der Mittelstand war kaputt, am Aussterben. Wer früher einen eigenen Laden hatte, mußte jetzt verkaufen. Und nur wenn er brav war, erlaubte ihm die Einzelhandelskette, weiterhin Chef zu spielen, aber wenn die Gewinne ausblieben, flog er. Ja, die freie Marktwirtschaft hatte für viele Unfreiheit mit sich gebracht. Aber diese Unfreiheit wurde kompensiert durch die übergroße Freiheit der Wirtschaftsgiganten.
Das große "G" der Giganten sah man überall, manchmal in fetten Lettern und manchmal bloß im Kleingedruckten: General Elektric, General Mills, General Dynamics, General Foods, General Motors, General Toilet Articles. Das G war fast immer absolut und ausschließlich. Es waren Giganten, neben denen sich Adjuna trotz seiner gewaltigen Muskeln wie ein Zwerg ausnahm. Sie waren das Schicksal, mächtiger als Könige. Ihre Marionetten regierten die Vereinigten Staaten, und da sie multinational waren, regierten sie auch gleich noch ein paar andere Staaten mit. Sie kauften die bestaussehendsten Schauspieler, die fähigsten Speech writers, die überzeugendsten Demagogen und die verschlagendsten Lügner für ihre Regierungsgeschäfte. Dann verfügten sie noch über ein großes Heer von Skribenten, Schmocks, Gesinnungsjournalisten, die sich ihre Gesinnung gut bezahlen ließen und dafür sorgten, daß auch das Stimmvieh marionettenhaft sein Kreuz an der richtigen Stelle machte. Obwohl es ein sehr großes Land war, mit sehr unterschiedlicher Landschaft und verschiedenen Menschen, ja sogar Rassen, fehlte eine Vielfalt der Meinungen, ja, im ganzen Land schien man nur eine Meinung zu haben. Was die großen Fragen des Lebens, des Zusammenlebens betraf, war man praktisch der gleichen Meinung. Meinungsverschiedenheiten gab es zwar trotzdem, aber sie betrafen nicht die großen Dinge wie Politik oder Gesellschaft, sondern private Dinge, wie wem das Grämmchen Haschisch gehörte oder die Dosis Crack, die man geklaut hatte, oder wem die Kinder nach der Scheidung. Bei solchen Meinungsverschiedenheiten griff man dann leicht zur Schußwaffe. Waffenbesitz war ein ebenso wichtiges Grundrecht wie die Meinungsfreiheit. Man schoß, entweder, wie man es in den Cowboy-Filmen zu high noon gelernt hatte, oder auch einfach auf den unbewaffneten Gegner. Die USA war der Mörderstaat der Welt schlechthin, aber das tat dem Missionseifer der Leute keinen Abbruch.
Hoffentlich hatte Adjuna bei soviel schnellen Schützen mit seinen mittelalterlichen Waffen nicht das Nachsehen.
Ich werde wohl das tun, was ich immer getan habe, wandern und predigen wie ein Johnny Apfelkern. Aber die Toilettenpapierfabrikanten werden mehr Leute erreichen als ich, und ich werde auch hier meine Aufgabe nicht erfüllen können.
Die Massenmedien wollen keinen Messias einer neuen Ordnung. Sie fürchten als Teil der alten Ordnung den eignen Untergang.
Langsam schob man sich weiter, dichter heran an den Beamten der Einwanderungsbehörde. Die Spannung wuchs. Peter hielt wie ein kleiner Junge schutzsuchend Adjunas Hand. Würde man durchkommen oder wird es "Ellis Island" heißen, jenes berüchtigte Gefängnis, in das man die Unwillkommenen abkommandierte? Unbegründet war die Angst nicht, schon manch einer saß da im engen Loch und konnte nicht wieder raus. Das Gefängnis war gleich da, wo die große Dame die Fackel der Freiheit hochhielt, neben Maria die meistvergewaltigste Dame der Welt. Sie hielt sie hoch, die Fackel, damit die Insassen des Immigrationsgefängnisses bei ihrem Blick aus dem Fenster lernten, was Ironie war.1 Sie hielt die Fackel der Freiheit sehr hoch, fast 90 Meter. So hatte Freiheit etwas Unerreichbares an sich.
1 Der in
Österreich geborene Biochemiker Prof. Dr. Erwin Chargaff war
einmal Insasse dieses Gefängnisses, weil der Einwanderungsbeamte
das Doktorprädikat in seinem Reisepaß für unvereinbar hielt
mit seinem Studentenvisum. Selbst als er zwei Tage später vor
ein Tribunal geführt wurde, war für die Vorsitzende der Fall
klar: Er war als doppelter Schwindler entlarvt. Denn wenn er ein
Doktor war, konnte er kein Student sein, und wenn er Student war,
kein Doktor. Da gab es kein Herausreden, er mußte zurück in
seine Minizelle. In seinem Buch "Das Feuer des Heraklit - Skizzen aus einem Leben vor der
Natur" beschreibt er die gute Aussicht: "Aus meinem
Verlies genoß ich die ausgezeichnete Aussicht auf die
Freiheitsstatue. Und da dachte ich mir, daß dieses Nebeneinander
von Gefängnis und Monument doch kaum zufällig sein könne. Es
mußte doch eine Absicht darin stecken. Vielleicht die, den
eingesperrten Immigranten die Vorzüge dialektischer Denkweisen
beizubringen."
Freilich, wenn man von dieser Seite kam, hatte man noch Glück. Auf der anderen Seite der Staaten, wo die Asiaten, hauptsächlich Chinesen, nach der langen Überfahrt über den großen, friedlichen Ozean ankamen, gab es in der Bucht des Heiligen Franz die noch viel berüchtigtere Gefängnisinsel Angel Island, and that was really hell.
Wenn die logistischen und hygienischen Verhältnisse auch menschenunwürdig waren, medizinische Versorgung nicht vorhanden, die Schikanen scheußlich, man durfte nicht vergessen, daß es sich bei den Insassen fast ausschließlich um Asiaten handelte, und die waren ja bekanntlich nicht so zimperlich. Wenn es auch mal passiert sein sollte, daß der eine oder andere starb, weil sich kein Arzt um ihn kümmerte, wäre er in der Heimat geblieben, wäre ihm das vielleicht auch passiert. Und wenn man es auch bedauern mag, daß eine Frau bei einer Fehlgeburt in ihrer Zelle verblutete, so mußte man doch sehen, daß die Asiaten ein anderes Verhältnis zum Leben hatten, es weniger respektierten. Das zeigte sich auch im Vietnam-Krieg, wo sich die Bewohner lieber ermorden ließen, als sich von Amerikanern befreien.
Während sich so in Adjunas Kopf amerikanische Gedanken einschlichen, strich er sich besorgt über die Augenlider. Hatte er nicht eine Mongolenfalte? Überhaupt, wie sah er aus? Hatte er nicht einmal seine eigene Legende gehört: "...und seine Erscheinung, sein Aussehen war etwas Besonderes, da seine Vorväter aus aller Herren Länder kamen und bei ihm so das Blut vieler Völker zusammenfloß, hielt ein jedes Volk ihn für einen der ihren, selbst im Land der Zwerge glaubte man, er sei ein besonders großgeratener Landsmann, obwohl er sich noch im Land der Riese öfters bücken mußte."
Adjuna tastete nachdenklich über sein Gesicht, obwohl er gerade aus Deutschland kam und einen deutschen Paß besaß, seine Gesichtszüge waren nicht wirklich teutsch, nicht arisch, nicht weiß, nur scheinbar. Er dachte an die Rassentrennung, die Segregation, die Martin Luther King jr. und Ralph David Abernathy in den Südstaaten unter großen Opfern so erfolgreich bekämpft und beseitigt hatten. Wie hätte man ihn eingeordnet, er, der er unter Schwarzen ein Schwarzer und unter Weißen ein Weißer gewesen wäre?
"Ich hab's! Das war's!" rief er
plötzlich aus. Er wußte, daß es noch immer Rassenunruhen gab,
und ihm dämmerte eine Lösung. "Was ist los?" fragte
Peter neben ihm. "Um das Rassenproblem zu lösen, sollte man
gemischte Ehen fördern. So soll meine Lehre sein. Wir brauchen
nichts Reinrassiges, keine Rassentrennung, sondern
Rassenmischung. Ein jeder sollte danach streben, seine Kinder mit
einem Partner der anderen Rasse zu machen. Wenn das ein jeder auf
dieser Erde beherzigte, dann gäbe es schon bald keine
Rassenprobleme mehr. In Amerika werde ich mit dieser These einen
Anfang machen."
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