Granitinsel Manhattan, Betonwüste-Kliffs.

Im frühen siebzehnten Jahrhundert segelte der für die Holländer fahrende Henry Hudson den nach ihm benannten Fluß hinauf. Vom Strom des Heiligen Lorenz kam der Franzose de Champlain in die gleiche Gegend, um das Land für seinen König zu beanspuchen. Der in diesem Gebiet beheimatete Irokesenstamm Mohawk, ein Name, der Kannibale bedeutete, hatte mit anderen Stämmen die Hodenosaunee, die Liga der fünf Nationen, gebildet und wehrte sich hartnäckig gegen die bleichen Eindringlinge.

Trotz des Widerstandes gründeten die Holländer ihre kleine neue Welt, die Neu-Niederlande, mit Fort Orange, der späteren Hauptstadt Albany, und Neu-Amsterdam. Das Indianerproblem versuchte der Gouverneur der Kolonie, Kommandante Kieft, dadurch zu lösen, daß er für jeden toten Indianer ein Kopfgeld zahlte. Doch ganze Leichen waren ihm wohl zu sperrig, und selbst ganze Köpfe zu handhaben, war noch zu unhandlich, da verfiel er auf einen Trick. Er erinnerte sich nämlich daran, daß ein kleiner Indianerstamm am Golf von Mexiko, die Natchez, dieses Problem schon einmal auf elegante Weise gelöst hatten. Bei den Natchez mußte man, um in den Rang der Edlen aufgenommen zu werden, zwanzig feindliche Krieger besiegen. Da aber selbst ein Mann, der so stark war, daß er zwanzig Männer erschlagen konnte, nicht stark genug war, um sie auch nach Hause zu tragen, und es Pferd und Wagen nicht gab, gaben sich die Stammesältesten mit den Skalpen als Beweis zufrieden. Und genau das war auch, was Kommandante Kieft tat, sich mit den Skalpen zufrieden geben. Sicher, der eine oder andere Kopfgeldjäger hätte betrügen können, indem er einem Lebenden die Kopfhaut abzog und ihn dann weiterleben ließ, doch so etwas lohnte sich ja nicht, da kein neuer Haarschopf nachwuchs. So säuberten die Holländer also erfolgreich ihr Gebiet von Indianern.

Und ihr Beispiel machte Schule. Noch hundert Jahre später zahlte man in Massachusetts $60 für einen Indianerskalp. Mitte des 18. Jahrhunderts war in Pennsylvania die Belohnung für einen männlichen Indianerskalp $134 und für einen weiblichen $50. Auch die Franzosen benutzten Skalp-Prämien für geopolitische Maßnahmen; der harte Konkurrenzkampf im kanadischen Fellhandel machte es notwendig: Sie zahlten den Mikmak-Indianern ein Handgeld für jeden Skalp der Beothuk-Indianer. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts fand man nicht einen einzigen überlebenden dieses einst zahlreichen und stolzen Volkes.1

1 Peter Farb, `Man's Rise to Civilisation', S. 115f.

Im Jahre 1664 schenkte der König Karl II. seinem Bruder, dem Herzog von York und späteren König Jakob II., weite Gebiete in Nordamerika als Eigentümerkolonie, einschließlich der Neu-Eroberung Neu-Amsterdam. Natürlich wollte der Engländer im Namen der geschenkten Örtlichkeit nicht die Heimat der Holländer geehrt wissen. Und so wurde die Stadt auf der kargen Granitinsel Manhattan zur Stadt Neu-York und die Kolonie Neu-Niederlande zur Kolonie Neu-York, und später nach der Unabhängigkeitserklärung, als der Rekatholisierer Jakob II. schon lange von seinem eigenen Volke für sein verfassungswidriges Handeln mit Hilfe des Prinzen Wilhelm von Oranien in der Glorious Revolution abgesetzt und vertrieben worden war, sogar schon verschieden und vergessen war, da wurde aus der Kolonie Neu-York einfach der Staat Neu-York, und so ist es immer geblieben bis auf den heutigen Tag, da sich kein neuer Eroberer fand, der hier seine Heimat geehrt sehen wollte.

Man sagte, der Holländer Peter Minuit hätte die ganze Insel Manhattan einst von einem Indianer für Schickimicki, wertlosen Plunder im Werte von 60 Gulden, umgerechnet $24, erworben. Wenn das stimmt, wäre die Insel der einzige Ort Amerikas, den die Bleichgesichter ehrlich erworben hätten.

Doch Manhattan war schon lange keine wertlose Granitlandschaft mehr. Es war eine Betonwüste mit den tiefsten von Menschenhand geschaffenen Schluchten. Eingeschüchtert standen Peter und Adjuna in diesen engen Schluchten und blickten die blanken Wände hinaus, da oben kratzte irgendwas an den Wolken, nein, am Himmel, skyscraper.

Der Beamte der Einwanderungsbehörde hatte sie durchgelassen, ohne weiteres. Alle Ängste waren umsonst gewesen, hatten nur Schweiß gekostet.

Da standen sie jetzt, die ersten Asylanten aus dem Vierten Reich. Sie blickten sich ängstlich um. Sie hatten sich noch nicht daran gewöhnt, daß der Gedanke `Viertes Reich' hier nicht bestraft wurde. Ja, es war traurig, in Deutschland durfte man schon wieder nicht mehr sagen, was man dachte, und `Viertes Reich' war schon ganz und gar tabu: Das neue Deutschland war nicht das Reich von Einhodigen oder Hodenlosen, sondern es war das Reich der bodenlosen - Freiheit.

Politikersprech: `Noch nie waren wir so frei wie heute.'

Verbrecherdenk, was anders dachte. Bodenlose Freiheit.

Die Freiheit fiel mal wieder durch.

Freiheitlichdemokratische GO.

Doch was nun? Wohin? Schlafen schien kein Problem zu sein. Einige Leute lagen gleich auf dem Bürgersteig, den man hier einfach Seitenweg nannte. Amerika war wirklich tolerant. Kein Bürger trat die Schlafenden.

Adjuna und Peter legten sich auf einen warmen U-Bahnschacht. Die schwarzen und weißen Fremdlinge des Koninents gingen an ihnen vorüber. Sie fühlten sich hier zu Hause.

Am nächsten Tag war der vierte Juli. Der Vierte Juli. Das war ein besonderer Tag. Da tanzten die schwarzen und weißen Fremdlinge des Kontinents auf der Straße, warfen mit den bunten Inhalten von Bürolochern um sich und freuten sich.

Peter und Adjuna mischten sich unter die Leute. Sie mischten sich unter die Tanzenden und tanzten mit. Ei, war das ein Tanzen und Hopsen und Ausgelassensein.

Peter fragte einen hopsenden Schwarzen neben sich: "Was ist denn los? Was feiert you?"

"Independence Day."

"Was? - Wat?" korrigierte Peter sich schnell.

Der Schwarze merkte jetzt am Akzent, daß er einen Fremden vor sich hatte, und sprach langsamer: "My Name is Wilhelm. You cannst me aber Bill nennen", und er streckte ihm die Hand entgegen.

Nach dem Händeschütteln erklärte er: "Wir feiern unsere freiheit von England. Alles began mit der Boston Tea Party."

Peter: "?"

Bill: "Die Engländer machten tu viel toll auf den tea. Da wurde der tea tu teuer. Und die leute warfen den tea ins hafenwater."

"No, der tea wurde tu billig", mischte sich Adjuna ein, der etwas gegen Legendenbildung hatte.

"Heh, wo commst you denn her, fellow?" Bill klopfte Adjuna kameradschaftlich auf die Schultern, "you sagst me, der tea wurde tu billig. Warum sollte man billigen tea in den Boston Harbor kippen?"

"Aus dem gleichen grund, aus dem man billige und gute autos aus Zipangu kaputt schlägt: Weil einige leute in America profit machen wollten."

Adjuna gab jetzt ein bißchen Geschichtsunterricht: "Auf grund des Townshend Acts wurden alle waren, die in die kolonien gebracht wurden, hoch vertollt. Spezialerweise tea wurde hoch vertollt. Deshalb bauten die Americaner ein smuggelnetz auf für tea aus Holland. Weil die Britischen exporters dann auf ihrem tea sitzenblieben, verabschiedete das Britische parlament, dann den sogenannten Tea Act, der Britischen tea von allen tariffs befreite und so billiger machte als den gesmuggelten, Holländischen tea. Einige teadrinker hätten sich vielleicht über den billigeren tea gefreut, aber die smuggler und businessmänner hetzten die bevölkerung gegen die einflußnahme Great Britains auf die geschäfte der kolonie auf. Und als mitglieder der geheimorganization Söhne der Freiheit als Rote Inder verkleidet den tea über bord kippten, da applaudierten die beistehenden, oder wie ihr Americans sagt, sie gaben ihnen eine große hand, und die Americanische Revolution began." "Na, dann habe Ich ja wenigstens das richtig hingekriegt, daß der freiheitskampf der Americaner von England an dem tag began."

"Ja, das war am 16. von December 1773. Nebenbei, wo waren deine vorfahren zu der zeit?"

"Die waren sklaven", sagte Bill jetzt ernst und ernüchtert.

"Siehst you, und es waren die sklavenhalter, die nach freiheit schrien."

"You bist smart, I mag you. Comm, we müssen uns mal unterhalten." Bill nahm die beiden und sie verließen die lärmende Menge.

Peter und Adjuna waren so froh, jemanden gefunden zu haben. Bill war sehr nett, und als er hörte, daß die beiden gerade erst am Vortag in Amerika angekommen waren, und wie sie ihre erste Nacht verbracht hatten, da bot er ihnen seine Hilfe an und lud sie zu sich nach Hause ein.

"Comm, we gehen zu meinem haus." Nur zu bereitwillig folgten ihm Peter und Adjuna. "Da, steigt ein!" Bill öffnete ihnen die Tür seines Pickups. Ein Pickup war ein Hybrid zwischen Pkw und Lkw und wurde im allgemeinen benutzt, um Pickups zu machen, also um kleinere Sachen von irgendwo abzuholen. Da das Ding nur eine Sitzbank hatte, mußten sie vorne zusammenrücken, aber das war kein Problem.

Während der Fahrt erzählte Bill von Amerika und von der großen Freiheit, die man hier hatte, wenn man sich anpaßte. Etwas, das sie noch öfter hören sollten. Er gab aber auch zu, daß noch zu seiner Jugend in den Südstaaten Rassentrennung herrschte und Schwarze für den bescheidenen Wunsch, wählen zu dürfen, umgebracht wurden.

Ja, das war alles noch gar nicht so lange her. Damals schickte man Truppen nach Vietnam, in den Kongo, nach Europa... überall half man, in Biafra ebenso wie in Griechenland oder der Junta der Dominikanischen Republik, aber wenn die Schwarzen in Montgomery, Atlanta, Birmingham, Selma oder Memphis niedergeknüppelt wurden, wenn sie ihre bürgerlichen Rechte einforderten, dann tat Washington nichts, um sie zu schützen.

Bills Eltern waren Teil dieses blutigen Kampfes um Anerkennung gewesen, "damit er es einmal besser hatte." Und tatsächlich hatte er es besser. Er war den Slums entkommen und lebte in einem Vorort für feine Leute, und an seinem Arbeitsplatz schüttelten ihm sogar die weißen Kollegen die Hand, ohne sie danach abzuwischen.

Er gehörte einem Forschungsteam an, das für eine große Computerfirma künstliche Intelligenzen entwerfen sollte, die völlig unabhängig denken und arbeiten konnten. "Von denen wird also mehr verlangt als von einem menschen." Da er die Materie besser beherrschte als einige seiner weißen Kollegen, wurden seine Vorschläge meist angenommen und auch ausgeführt, auch wenn der eigentliche Leiter der Abteilung ein Weißer war. Bill hatte außerdem, wie andere hochbezahlte Wissenschaftler auch, drei Sekretärinnen unter sich. Alle waren sie weiß und keiner machte es etwas aus, für einen Schwarzen zu arbeiten.

Er dachte eigentlich auch gar nicht über seine Hautfarbe nach. Und so sollte es auch sein in einer rassengemischten Gesellschaft. Wenn Peter und Adjuna nicht aus Solidarität mit den Unterprivilegierten und Diskriminierten mit dem Thema angefangen hätten, hätte er nie davon gesprochen. Für ihn war die Welt in Ordnung. Der amerikanische Traum von Freiheit war jetzt auch für die Schwarzen Wirklichkeit geworden, fand er. Aber er war geduldig mit den Neuankömmlingen.

Endlich waren sie vor seinem Haus. Jetzt kam es zu einer fremdartigen Zeremonie. Bill hatte eine tiefe Garage. Darin stand ein großer, weißer Cadillac. Bill stieg nun aus, fuhr den Cadillac heraus, fuhr den Pickup ganz tief in die Garage und stellte dann den Cadillac davor, so daß der Pickup nicht mehr zu sehen war. Peter und Adjuna dachten natürlich, daß er eitel sei. Bill aber erklärte ihnen die Zeremonie anders - halb entschuldigend: "Ich darf den pickup nicht in der straße stehen lassen und mit dem guten wagen wollte Ich nicht in die stadt fahren, weil er da so leicht zerkratzt wird."

"Warum darf man denn den pickup nicht auf die straße stellen?" "Das ist eine gemeindevorschrift. So ein pickup hinterläßt so einen billigen eindruck, die ganze gegend hätte darunter zu leiden, so daß die grundstückswerte sinken täten. Aus dem gleichen grund ist es verboten, sich auf der straße zu knutschen. Aber kommt doch rein."

Vorsichtig betraten Peter und Adjuna das Haus. Sie hatten Angst etwas schmutzig zu machen. Übertrieben lange putzten sie ihre Schuhe ab.

Die mit prächtigen Möbeln eingerichtete Wohnung schüchterte die beiden ein und wenn sie jetzt `you' sagten, so hörte sich das nicht mehr wie ein kameradschaftliches Du an, sondern wie das formale Sie, was es ja eigentlich auch war. "Sind you verheiratet?"

"Yes, aber my frau is gerade in oversee. She arbeitet in der gleichen firma wie Ich. Aber in der verkaufsabteilung. She is auf promotionstour in den Fernen Osten, wo she ein paar präsentationen macht. Fühlt you wie zu hause. Soll Ich uns einen drink machen? Wie wär's mit einem Martini?" "Nein, danke. Lieber ein beer. Tun you haben kinder?"

"Unser ältester geht ins college und die zwillinge sind bei der grandmutter. Die sind erst elf und dürfen nicht allein im haus sein."

"Is das eine regel, die der papa gemacht hat, oder hat das auch was mit den immobilienpreisen zu tun?"

Bill mußte lachen. "No, das hat was mit der sicherheit der kinder zu tun. Ich glaub' zwar auch nicht das ihnen was passiert, wenn sie allein zu haus sind, aber das is gesetz, und wenn der sheriff das sieht, kriegt man ärger. Bloß babysitter sind so teuer und schwer zu bekommen..."

"Is man in America mit elf noch baby?" fragte Peter, "in Germany bin Ich schon mit elf alleine campen gegangen."

"In America is das nicht erlaubt."

"Tun you wohnen jetzt ganz alleine in diesem großen haus?" fragte Peter weiter. In dem Wohnzimmer hätten zehn Straßenkreuzer Platz. Was das kostet, all die Luft warm zu halten! dachte er dabei.

"Yes," bejahte Bill die Frage, "für die nächsten vier wochen, bis meine frau wiederkommt, könnt you im kinderzimmer über der garage schlafen. Da gibt es ein etagenbett. Ich will mal sehen, was ich für you tun can. Vielleicht can Ich you einen job bei uns besorgen."

"Das wäre super", sagte Peter schnell, "Ich bin übrigens selbst programmierer und hobby hacker. Sicher können you mich gebrauchen", log er noch schnell hinzu. In Wirklichkeit hatte er sich nur in seiner Freizeit mal ein wenig mit Computern befaßt.

"Wir werden sehen", sagte Bill, der eigentlich an einen Job in der Verpackungsabteilung oder bei der Maintenance des Fuhrparks gedacht hatte.

"Künstliche intelligenzen interessieren mich. Könntest you mich mal einer vorstellen?" bat Adjuna, der die anfängliche Scheu, die ihn beim Betreten der Wohnung überfallen hatte, jetzt endgültig abgelegt hatte, überwunden und verschwunden.

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