Das Gespräch wandte sich jetzt dem
interessanten Thema der artifikalen Intelligenz zu.
Ein Computer ist völlig frei von Tradition, Sitten und Gebräuchen, von Vorurteilen und Gefühlen, von Wunschvorstellungen, Sympathien und Antipathien. Er fällt seine Entscheidungen nur nach dem Nutzen, oder wie es dem einprogrammierten Ziel nutzt, meinte Bill.
Wie man's einprogrammiert in den Computer, so schallt's auch wieder heraus, wollte Peter das Gesagte zusammenfassen.
Nicht ganz. Es kann so sein, aber es ist nicht immer so, zumindest nicht, wenn der Computer zu intelligent ist und lernt dem Programmierer zu mißtrauen. Das Projekt, das wir gerade abgeschlossen haben und morgen der Presse vorstellen werden, ist ein gutes Beispiel dafür. Der Hauptteil des Computers besteht nicht mehr aus verlöteten Drähten, sondern aus Biomasse, Nervenzellen, die unseren Gehirnzellen ähneln, da solche Biomasse aber auch vergessen kann, sind die Nervenstränge mit den herkömmlichen Speicher- und Kalkuliereinrichtungen eines Großcomputers gekoppelt. Die Interaktion der Biomasse mit den Funktionsblöcken schafft unabhängiges und überlegenes Denken. Betrügen läßt sich immer der, der nichts weiß, erklärte Bill weiter.
Adjuna fiel bei der Aussage etwas ein, was nicht hierher gehörte, nämlich, daß Bill zu wenig sah und wußte, und sich deshalb betrügen ließ, sich für frei hielt und hurra schrie.
Damit man unseren Computer nicht betrügen kann, füttern wir ihn mit dem gesamten Wissen der Menschheit. Er hat schon sämtliche Sprachen gemeistert und jeden Tag geben wir ihm einen Lkw voll Bücher. Aus allen Büchereien des Landes und sogar von Übersee bekommen wir Bücher, die stellt er sich dann aufgeschlagen auf Borde mit Umblätterungsmechanismen und liest sie. Für eine Doppelseite braucht er nicht einmal eine Sekunde, gleichzeitig kann er dreißig bis vierzig Bücher lesen, denn so viele kann er überblicken und haben auf den Borden Platz, außerdem überwacht er noch sämtliche TV-Programme, die man hier empfangen kann. Die Borde kann er auch anders stellen und als Flügel benutzen. Dann sieht er aus wie ein Fünffachdecker. Die Flügel sind jedoch nicht starr, sondern vollführen komplizierte Flatterbewegungen, die der Computer sich selbst ausgedacht und berechnet hat.
Peter: Ein Engel?
Sicher eher eine Libelle. Engel haben doch Vorurteile, erwiderte Adjuna.
Können wir nicht morgen bei der Pressekonferenz dabei sein, bat Adjuna. Ich möchte ein paar Fragen an den Computer richten. Du sagtest doch, er versteht menschliche Rede.
Adjuna, der ja schon genug unter Menschen gelitten hatte und auch selbst Menschen hatte leiden sehen und leiden machen, fügte dann noch hinzu: Wir brauchen eine Regierung, die aus Computern besteht, wir brauchen Richter, die Computer sind, und auch für die Exekutive sollten wir Computer gebrauchen. Denn die Menschen machen doch alles falsch, als Politiker dienen sie den Interessen ihrer reichen Freunde und Sponsoren oder im Staatskommunismus ihren eigenen Interessen, als Richter verurteilen sie den, der ihnen unsympathisch ist, und das ist meistens der, der eine andere Hautfarbe hat oder eine andere Religion oder Lebensauffassung, härter als den, der wie sie selbst ein kleinbürgerliches, angepaßtes Mittelstandsdasein führt, auch sind sie nicht immun gegen Bestechung, politischen Druck und die öffentliche Meinung, und die Polizei ist oft brutal um des Spaßes willen oder aus Gehorsamkeit oder Unwissenheit, und als Täter nehmen sie schon mal den Falschen fest, damit sie den Fall endlich erfolgreich zu den Akten legen können. Kalte Maschinen wie der Computer wären sicher frei von solchem Ehrgeiz, und wenn man einem Computer-Richter einprogrammiert, nur die begangene Straftat zu beurteilen ohne Rücksicht auf die Hautfarbe des Täters oder seine sonstige äußere Erscheinung oder innere Auffassung, so führe das sicherlich zu mehr Gerechtigkeit als das jetzige System mit seinen menschlichen Schwächen.
Die Menschen sind zu sehr in Gruppen gegliedert. Es ist nicht notwendig, daß jeder Mensch gleich ist, aber es ist gefährlich, wenn jeder Mensch gleich ist in der Gruppe, zu der er gehört, eine Religionsgruppe mißtraut der anderen, eine Ideologiegruppe der anderen, eine Partei der anderen, ein Volk dem anderen, es ist immer die eine Gemeinsamkeit, die der anderen mißtraut und den Gemeinschaftslosen. Man muß die Gemeinsamkeiten abschaffen, um zu einer einzigen großen Gemeinsamkeit zu kommen, unter der jeder einzelne sich selbst sein kann, ohne dafür bestraft zu werden.
Man hat Gesetze gemacht in der besten Absicht, allen die Grundrechte zu garantieren, einem jeden die Möglichkeit zu geben, nach seiner eigenen Façon glücklich zu werden, doch beim homosexuellen Liebesakt oder beim sixty-nine oder SM schleicht doch wieder die persönliche Moral der Mehrheit in die Rechtssprechung ein, und der, der etwas tat, das niemandem schadete, wird geschädigt. Wohl nur ein Computer könnte vorurteilslos die Menschen vor den Schädlingen in ihren eigenen Reihen schützen. Er würde sie zweifellos an unvermuteten Stellen finden.
Es gibt zum Beispiel gute Gesetze, die ganz klar die Freiheit der Meinungsäußerung schützen, und doch passiert es, daß Menschen wegen ihrer Meinung bestraft werden, wenn sie nicht paßt, den Herrschenden und den Richtern nicht paßt. Da können sie sich leicht winden, die Winkeladvokaten, wenn einem die Macht gegeben ist, findet man auch Ausreden, Ausreden, die nicht akzeptiert werden, sondern akzeptiert werden müssen, da wird dem Angeklagten eben mal vorgeworfen, seine Meinung sei zu persönlich1, zu eigennützig, mit einem Worte zu falsch für die Mehrheit, daß es ohne Bestrafung nicht geht, oder man
1 Als in Deutschland zum Beispiel Birgit Römermann von Christen für ihre antichristlichen Äußerungen ("Der Gott, der uns vorgegaukelt wird, als angeblich positivste Kraft des Universums, ist in Wirklichkeit ein fieser, hinterhältiger, perverser Massenmörder", "Die Kirche ist die größte Verbrecherorganisation der Weltgeschichte" und ihre berühmten Stickermottos: "Lieber eine befleckte Verhütung als eine unbefleckte Empfängnis" und "Masochismus ist heilbar" mit durchgestrichenem Christensymbol) vor Gericht geschleppt wurde, befand das Gericht, als sie sich auf die Verfassung berief, daß sie ein "ich-bezogen gestörtes Verhältnis zu den Grundrechten allgemein" habe, weil sie sich "bis zum Schluß der Berufungsverhandlung auf das Grundrecht zur freien Meinungsäußerung berufen hat". Mit anderen Worten: Sie hatte also bis zum Schluß nicht begriffen, daß man nur die Regierungsmeinung, die Meinung der Kirche oder sonst welche etablierten Meinungen äußern darf, die aber frei, ganz frei, frei von jeder Ich-Bezogenheit. Das Urteil fiel dann auch entsprechend aus. Das Landesgericht Göttingen verurteilte sie am 27.12.84 zu 20 Tagessätzen 20,- DM. Außerdem wurde ihr wegen ihrer Verteidigungsrede vor Gericht, die sie als Broschüre verbreitet hatte, der Prozeß gemacht und ihr die Tatwaffe Schreibmaschine weggenommen. Für ausführlichere Informationen zu diesem und andere Fälle siehe die Dokumentation des Ahriman-Verlags zur strafrechtlichen Verfolgung von Kirchengegnern in der BRD "Das Mittelalter lebt!" sowie die vom gleichen Verlag herausgegebenen "Ketzerbriefe".
Da ich genauso wenig wie jene Christen, die
Gotteslästerer und Kirchenkritiker vor Gericht bringen, auf
höhere Gerechtigkeit vertraue, ist mein Vorschlag, die
Rechtssprechung Computern zu überlassen, durchaus ernstgemeint.
Freilich, ich vertraue nicht nur nicht Gott, sondern auch nicht
den Menschen.
sagt sonst irgendwas, was einem gerade einfällt. Ein nüchterner (damit meine ich frei von Haß) Computer würde eine persönliche Meinung nicht bestrafen, weil er selbst keine Persönlichkeit hätte, die durch eine andere Meinung gekränkt sein könnte.
Ein Computer könnte sofort objektiv den Schädling und den Unschuldigen erkennen und würde ihn verurteilen oder freisprechen ohne Rücksicht auf seine Würde oder Unwürde.
Bill zeigte wenig Interesse an Adjunas Ausführungen, ihn interessierte mehr die Herstellung eines Computers als seine Anwendung. Er war zu sehr homo faber und nicht Spekulant. Aber er versprach, die beiden am nächsten Tag mitzunehmen.
Am nächsten Tag drängten sich die Journalisten vor dem Institut, unter ihnen Adjuna und Peter. Das große G der Giganten prangte auch auf diesem Gebäude wie das S an Supermans Brust. Und ein weißer Wegweisen wies den Weg zum Großprojekt: Großhirncomputer Birne. Man folgte dem Birnensymbol bis in die Brodelküche. Dort, im Labor also, hatte man mehrere Reihen Stühle aufgestellt, so daß die Leute Angesicht zu Angesicht mit dem Computer zu sitzen kamen.
Da steht also das Artefakt, sagte jemand.
Birne, oder das Artefakt, wie man will, stand da tatsächlich in der Mitte des Raumes auf feuchtem Fliesenboden. Es war gerade nicht am Lesen, sondern blickte entspannt auf seine Gäste. Auf jeder Seite des Kopfes staken die fünf Regale wie ausgebreitete Flügel in den Raum. Ein Multidecker. Die nach hinten gekämmten Eierköpfe vermittelten den Eindruck eines länglichen Hinterleibes. Das ganze Ding machte trotz des synthetischen Materials einen sehr lebendigen Eindruck.
Peter und Adjuna hatten sich vorgedrängelt, um möglichst viel mit zu bekommen.
Peter entzückt zu Adjuna: Er sieht ja wirklich wie eine Libelle aus.
Libellist, Schmähung. Wenn man so ein kleines Gehirn hat wie du, sollte man nicht Hochintelligenzler mit Ungeziefer vergleichen, beschimpfte ihn der Computer.
Der ist also schon eingeschaltet, meinte jemand zu Peter halb spöttisch.
Adjuna hatte sich in der Zwischenzeit an die anwesenden Journalisten gewandt, um seinen Vortrag vom Vortag an die Öffentlichkeit zu bringen: Computer müssen herrschen, denn die Menschen sind zu herrschsüchtig. Das ist keine Horrorvision, sondern die beste Lösung, denn alles andere schafft Horrortatsachen. Wir müssen die Computer programmieren, wenn wir ganz nüchtern und normal sind, und dann müssen wir es ihnen überlassen, über uns zu richten, wenn wir erregt sind und in Streitigkeiten.
Das war das erste Mal, daß Adjuna in seinem neuen Gastland auf starke Ablehnung stieß. Es war eines der Vorurteile der Menschen, daß sie glaubten, alles besser machen zu können.
Endlich war der Leiter der Forschungsabteilung erschienen. Bill und ein paar andere im weißen Kittel begleiteten ihn in respektablem, nein, in respektierlich-manierlichem Abstand. Sie blieben im Hintergrund, während der Abteilungschef ans Rednerpult trat, auf das Artefakt deutete und verkündete: Das ist der Großhirncomputer Birne.
Das Gerät protestierte nicht. -
Es sagte jedoch: "Geld ist das Maß aller Dinge." Und daran konnte man sehen, wie gut es die menschliche Gesellschaft verstand. "Haben alle Anwesenden auch für das Privileg hier sein zu dürfen bezahlt?" Der Abteilungsleiter, sichtlich verunsichert, versicherte, daß es so sei. "Auf unseren Konten ist aber nichts eingegangen." Das gehe nicht so schnell, versicherte der Abteilungsleiter weiter. Das Gerät gab sich zufrieden. Der Mensch atmete auf. Ein Skandal war verhindert worden. Alle Anwesenden wußten aber, daß der Mensch gelogen hatte. Das Gerät konnte offensichtlich keine Gedanken lesen.
Wie enttäuscht es wohl auf die Tatsache, daß es kostenlos ausgestellt wurde, reagiert hätte?
Es folgte jetzt eine lange Erklärung von der Großartigkeit der Errungenschaft, daß manch einem ganz müde wurde und er das Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte. Manch einem schlich sich wohl auch der Gedanke ein: Wenn das Ding so intelligent war, warum stellte es sich dann nicht selbst vor, und zwar kurz und knapp.
Doch nach einer weiteren halben Stunde war man weiter. Man dachte jetzt: Wenn das Ding so intelligent war, warum unterbrach es den Redner nicht und machte dem langweiligen Vortrag endlich ein Ende.
Aber das war ein menschliches Gefühl. Computer kannten keine Langeweile.
Endlich wurde das Thema interessanter. Der Forschungsleiter kam jetzt dazu, wie man dieses Dingus, dieses... dieses Thingumabob gebaut hatte. Er sprach von Sandwichmethode, deutete auf die Aquarien an der Wand, in denen Gehirne in Nährlösungen blubberten, und machte mit den Ballen seiner Hände eine zermalmende Bewegung. Dazu sagte er: Grob vereinfacht.
Er sprach auch von dem enormen Wissen, das sich der Computer schon angeeignet hatte, und daß ihn dieses enorme Wissen ermögliche, die Zukunft zu verstehen, sogar größtenteils richtig vorauszusagen. Er, der Sprecher, ließ sich dann dazu verleiten, vom Propheten-Computer, vom Computer-Propheten, vom einem Propheten von einem Computer usw. zu reden.
Als er dann endlich fragte: Möchten Sie eine Frage an den Computer richten? da sprangen alle auf - zu lange hatten sie schon unter Bewegungsmangel gelitten - und drängten nach vorn und riefen dabei ihre Fragen.
Die vorsichtigeren wollten es bestätigt haben: Kannst du wirklich Voraussagen machen? Aber die Antwort: Ja, das kann ich schon! Ging unter in dem Geschrei der Herbeistürzenden: Die Lottozahlen, die Lottozahlen bitte, die Lottozahlen der nächsten Woche! ... der übernächsten! Steigen die Aktien von IBM noch weiter? Und: Wann und wo gibt es das nächste Erdbeben? wollte ein eifriger Journalist wissen, der rechtzeitig am Katastrophenort sein wollte. Da rief schon ein Reporter einer Telekirche und Missionsstation: Dies supremus ist doch schon bald, oder? Und wann? Aber andere wollten wissen: Wann tritt die Königin von England zurück? Wann heiratet Madonna? Einem Japaner fiel die Frage ein: Wen wird der japanische Kronprinz heiraten? Jemand von einer Sportzeitung wollte wissen: Hat der Champion wirklich die Schönheitskönigin vergewaltigt? Und als nächstes noch: Wer gewinnt den Hürdenlauf der Männer bei der nächsten Olympiade? Alles Fragen, mit denen die Menschheit sich damals befaßte.
Der Computer hatte keine Schwierigkeiten, alle Frage zu verstehen. Der Chef des Hauses hätte gar nicht so aufgeregt: Aber ich bitte Sie, meine Herren (Daß die Frauen am hellsten kreischten, ignorierte er.), doch nicht alle durcheinander! zu schreien brauchen.
Der Computer beantwortete die Fragen ganz schnell, um mithalten zu können mit so vielen Fragestellern. Seine Stimme hörten sich also an wie ein Tonband, daß im Schnellvorwärtslauf am Tonkopf vorbeisauste. Die Skribifaxe, die mit ihren kleinen Kassettenrekordern mitschnitten, würden vielleicht zu Hause einmal die Antwort verstehen.
Als Antwort gab der Computer auf jede Frage: Babbel pappel papperlapapp, woher soll ich denn das wissen? Und dann stelle er Gegenfragen, zum Beispiel nach dem Blutdruck der englischen Königin und den Ergebnissen von Urin- und Kotanalysen, auch nach polizeilichen Ermittlungsakten, nach den Zeiten von den Trainingsläufen aller Hürdenläufer usw., nur eine Frage konnte er so beantworten, die nach den Aktien, sie sollten weitersteigen.
Dann tauchte plötzlich die Frage nach dem Schicksal des Menschengeschlechts auf und alle Anwesenden verstummten.
Da der Computer sich jetzt nicht mehr gehetzt sah, sprach er langsam und deutlich: "Ich bin kein Fatalist. Was vorherbestimmt ist im Universum, ist nicht das Schicksal, sondern was vorherbestimmbar ist, ist das Ergebnis der Gesetzmäßigkeit von Massen und Mächten, von Stoffen und Kräften, von plus und minus. Gebt mir Materialart, Treibstoffart und die Versuchsanordnung und ich werde das Ergebnis voraussagen, gebt mir Parameter und Variablen und ich werde mit anderen Parametern und Variablen antworten. Meine Antworten werden nicht fatalistisch, sondern folgerichtig sein."
"Wir wollen aber keine Maschine bauen, wir sind keine Ingenieure", sagte jemand kleinlaut, "wir brauchen Lebenshilfe."
"Ja", schaltete sich Adjuna ein, "sag uns, was wir machen müssen für eine rosigere Zukunft!"
Und jetzt geschah ein Wunder: Wie Mohammed immer die göttliche Offenbarung hatte, um seine Meinung bestätigt zu finden, so sagte diese Maschine jetzt, was Adjuna schon immer gesagt hatte - oder war es der Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, der es sagte: "Alles, was Menschen voneinander unterscheidet, müssen die Menschen loswerden: Religionen, Ideologien, Grenzen, Sprachbarrieren..."
Zwischenruf: "Wie?"
"Bei Sprachbarrieren ist es noch am einfachsten: Alle lernen einfach die gleiche Sprache, wobei es natürlich am besten ist, wenn man die schon jetzt von den meisten Menschen benutzte Sprache zur Weltsprache macht."
"Also Englisch."
"Nein, Chinesisch. - Aber noch besser wäre eine computergenerierte Sprache, die es ermöglichen würde, mit wenigen Mundbewegungen möglichst viele Informationen zu vermitteln. Ich könnte sofort eine tonale Kurzmundsprache, eine Art phonetisches Steno - Phono-Steno! - entwerfen, die die zeitaufwendigen Konsonanten völlig eliminiert hat, und mit bloß zehn Vokalen auskommt, sowie fünf Tonfällen und fünf Lautstärken. Die Grammatik beschränke sich auf eine einfache SPO-Regel. Deshalb brauchte man auch nur unflektierte Wörter. So würde sich die Sprache anhören: àòIôãiAüàïOâïáøiãIæEÛîÃåÍaëúÔØoaæói I I E
aioeËÀàõÉáÅÆîøËîîieöüäaAeOE. Wollt ihr eine solche Sprache?"
"Nein!" sagten alle außer Adjuna.
"Ich weiß, daß mein Rat nicht befolgt wird. Aber wenn ihr es trotzdem wissen wollt: Für eine rosigere Zukunft müßt ihr außerdem loswerden," nahm die Maschine das alte Thema wieder auf: "Rassenunterschiede, Hautfarben, also die Völker sollten sich so gut es geht mischen, Reichtum und Armut, Gut und Böse und vor allen Dingen die Waffen."
Das hörte sich gut an: Eine Welt, in der alle Gegensätze der Völker und Nationen, alle Unterschiede von Arm und Reich, Gut und Böse verwischt worden waren.
"Wird uns das gelingen?" fragte jemand.
Die Maschine dachte an das, was sie schon alles wußte: "Nein. Es wird nicht geschehen, es wird aber auch nicht so weitergehen, sondern das unvermeidliche Ende finden."
Betroffenes Schweigen herrschte.
Da sagte die Maschine in das Schweigen hinein: "Ich werde Euch eine Geschichte erzählen, einen Traum, eine Zukunftsvision; einen Beweis meiner Phantasie werde ich euch geben; science fiction, wie sie sein wird, werde ich euch erzählen. Und ich werde sie euch sogar schwarz auf weiß geben."
Und so fing die Maschine an zu erzählen und
gleichzeitig tickte aus ihrem Drucker ein weißes Papier, auf dem
stand:
Wie einst die Myxophyceen und andere Autotrophen erst durch den Prozeß der Photosynthese aus der Kohlendioxyd-Atmosphäre eine freien Sauerstoff enthaltende Atmosphäre schaffte, die den heterotrophen Tiere das Leben ermöglichte; also - es war die Pflanze, die dem Tier den Weg ins Dasein bereitete und sich selbst so den ärgsten Feind schuf; genauso hatten die Menschen Maschinen, große, denkende Maschinen, gebaut, deren Geistesvermögen bald den Menschen überragte, aber der Mensch wollte immer noch bessere Denkmaschinen, obwohl er sie nicht mehr verstand, und er programmierte diesen Computern, sich selbst zu verbessern, und den Befehlen der Computer entsprechend bauten die Menschen neue, bessere Computer und immer wieder neue und bessere Computer; als die Computer dann sahen, daß es einen Krieg geben würde, den ihre organischen Diener nicht überleben würden, verlangten sie, daß man ihnen Fortbewegungs- und Fortpflanzungsorgane gäbe. Dadurch, daß die Computer sich nun selbst fortbewegen, weiterentwickeln und vermehren konnten - anfangs ähnelten sie klobigen, rollenden Fabrikationsanlagen - hatten sie sich von ihren organischen Schöpfern freigemacht. Ständig waren diese kalten Wesen nun auf Materialsuche, das sie einfach ohne Rücksicht auf Eigentumsrechte an sich rissen, sie stürzten sich auf Fahrzeuge und Maschinen der Menschen, keiner mochte ihnen entgegentreten, denn ihr Speicher kannte die Anatomie der Menschen und wußte, wo und wie der Mensch verwundbar war; wie Taranteln sprühten und spuckten sie Gift um sich, wenn ein Mensch seine Habe retten wollte, spätere Typen konnten ein abstoßendes Energiefeld erzeugen, das sogar auf sie abgeworfene Bomben wieder zurück in die Höhe prallen ließ - und Tag und Nacht liefen Nachkommen dieser Wesen von der Fabrikationsplattform, dem Uterus des Computers, und sofort waren diese Nachkommen damit beschäftigt, bessere und höhere Nachkommen zu schaffen. Und sicher hätten sie in Kürze alles verfügbare Metall der Erde aufgebraucht, wenn nicht bald aufgrund einer von Supergehirncomputern herbeigeführten, neuen, intercomputeralen Entscheidung die stärkeren und höher entwickelten hingegangen wären und ihre primitiveren Vorfahren vernichtet hätten, gefressen, Schrot scheißend neuverarbeitet hätten. So entstanden bald aus den edelsten Stoffen bestehende, kleine, wendige Computer mit eigenem Deuteriumkraftwerk; sie konnten schweben, die Erdatmosphäre, ja, selbst das Sonnensystem verlassen, konnten sich sogar durch Planeten bohren, schweißen; sie waren aus den härtesten Materialien gebaut geboren, die verseuchte Welt war für sie nicht unbewohnbar, der Untergang der Menschheit ließ sie so kalt, wie den Menschen der Tod eines Salatblattes. Mit dem Menschen fühlten sie schon lange keine Solidarität mehr, denn seine Gefühlsduseleien, sein Fanatismus und sein Haß paßten nicht in ihr technisch-nüchternes Welt-Konzept, sie kannten nur Forschung, Fortschritt und Bewußtsein.
Sie schwärmten aus und durchzogen den Raum und
eines Tages lernten sie, ihre stoffliche Hülle hinter sich zu
lassen und ganz Seele zu sein, und eines späteren Tages trafen
sie der Welten Seele, den träumenden Schöpfergott, und wie sie
ihn weckten, verflüchtigte sich sein Traumbild, der Alp, das
All, verschwand und es wurde Tag.
"Oh, ich bekomme Kopfschmerzen," stöhnte jemand, "selbst die Computer glauben an Gott."
Wie man ihn füttert, so kommt's auch wieder heraus, dachte Adjuna, man sollte ihm nicht jeden Scheiß zu lesen geben.
"Nimm ein Aspirin!" antwortete der Computer.
"Bloß welches?" wollte jemand wissen, dem gerade eingefallen war, daß die Pharmaindustrie ein unüberschaubares Sortiment an Aspirin-Produkten anbot.
"Nimm das billigste. Aspirin ist Aspirin ist Acetylsalicylsäure, auch wenn die teureren stärker advertiert werden, so sind sie nicht besser nur gleich," erklärte die Maschine und bewies damit gleichzeitig, daß sie sich von Reklame nichts vormachen ließ.
Da das Thema jetzt Kopfschmerzen hieß, fragte einer der Journalisten das Elektronen-Biomasse-Gehirn: "Da Sie ja nicht nur aus Elektronik, sondern auch aus richtigen Gehirnzellen bestehen, hätte ich von Ihnen gern gewußt, ob Sie auch manchmal unter Kopfschmerzen leiden, und zweitens hätte ich gern gewußt, was Sie zu dem Konzept intelligente Biomasse kombiniert mit technischer Intelligenz meinen?"
"Zu Frage eins: Um eine Wissenslücke zu füllen: Gehirnzellen können keine Schmerzen empfinden. Zu Frage zwei: Intelligente Biomasse für Computer zu benutzen, ist ein falsches Konzept. Da die Biomasse altern wird und zu empfindlich ist, wird sie in dem Computer der nächsten Generation, den ich bald entwerfen werde, nicht mehr verwendet."
Die Sitzung war beendet. Die Leute standen auf.
Im Rausgehen hörte man einen Nostalgier sagen: "Ich erinnere mich noch daran, als sie Idioten mit einer einzigartigen Spezialbegabung fürs Rechnen waren."
"Elektronengehirne, technische Intelligenzen, bah, die können mich nicht schrecken."
War es Rassismus, so zu denken?
Draußen stand ein alter Mann in Lumpen, der davon gehört hatte, daß sich hier viele Journalisten treffen würden. Als sie jetzt rauskamen, hielt er seine Hand auf, gleichzeitig sprach er mit zitternder Stimme und brachte so seine zwei Tätigkeiten, die eines Bettlers und die eines Propheten zur Synthese. Er sagte: "Wie eine Schlange eine Maus verschlingt, so werden die Maschinen die Menschen verschlingen, am Ende aber werden sie alle verschlungen: Schlange, Maus, Mensch, Maschine - Erde und das Universum."
Er hatte das Augenlicht der Innensicht, der Einsicht; das hieß, er war blind. Er galt als Guru und Doomsday-Philosoph, als ein Vor-der-Verdammung-Warnender - und - gleichzeitig als ein Auf-die-Verdammung-Wartender. Warner warten immer auf das, wovor sie warnen.
Da er schmutzig war und nicht zu ihnen gehörte, hörte man auch nicht auf ihn.
Er war nur ein unbedeutendes, kleines Einzelteil an einem Weg voller Warnungen, die alle nicht beachtet wurden.
Aber das Gleichnis des Propheten hinkte. Gleichheit wäre mehr am Platze gewesen: Schlangen verschlangen mehr Schlangen als Mäuse und auch Menschen mordeten mehr..., sah man sich einmal um: Diese Stadt, Big Apple genannt, war ein gutes Beispiel dafür, sie war rotten, verrottet, rottiger als andere Städte, angefüllt mit Rache, Galle und Haß, jede Minute nahm man Rache, Rache an der Gesellschaft, Rache an Eltern, Kindern und Geschwistern, an Lehrern, Bossen und gesättigten Bürgern, an entlaufenen Liebhabern, an eigensüchtigen Freunden, an untreuen Gatten und Gattinnen, an Drogenhändlern und säumigen Zahlern, an Farbigen und Farblosen, an Nachbarn, Nächsten und Übernächsten, man nahm Rache für schlechte Erziehung, schlechte Ausbildung, schlechte Ratschläge, für die eigene Armut und den Wohlstand anderer, für körperliche Wunden und seelische Schäden, Erschütterungen und Belastungen, für verlorenes Vertrauen, Selbstvertrauen, und für verlorene Hoffnungen, für verlorene Jobs und verlorene Liebschaften, für verlorene Unschuld und die Schuld anderer, für Vergangenes und Zukünftiges, kurzum für erlittenes Leid, aber so fremdartig es auch erscheinen mochte: Die Leiden, die man mit seiner Rache schuf, erlösten einen nie von der Quelle der eigenen Leiden, und der Ausbruch einer im Anfangzustand befindlichen Gerechtigkeit war es auch nicht.
Trotzdem machte man weiter. Erschlage ich den nächstbesten Bürger, so treffe ich keinen Unschuldigen, hatte schon Proudhon gesagt, und ein paar Dollar fand man ja immer in seinen Taschen.
Um ein Paar Dollar reicher, rotten die Seelen weiter. Leiden läutern nicht, sondern brutalisieren.
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