Am nächsten Morgen stürzte Adjuna sich gleich auf das Neuheitenblatt. Er suchte natürlich eine Meldung über den neuen Computer, der unabhängig denken konnte, und mehr noch hoffte er, seine Rede zu Gunsten einer von Computern regierten Welt veröffentlicht zu finden.

Alle Seiten des Blattes - egal wie man es drehte - hatten wie immer in übertriebenen Lettern das allzeit beliebte Thema FREIHEIT IN AMERIKA aufgedruckt bekommen. Da man nie eine Gelegenheit ausließ, dieses Thema dick aufzutragen, überschatteten die fettgedruckten Buchstaben dieser Überschrift alle Medienberichte, selbst wenn der Bericht sich selbst gar nicht mit dem Thema befaßte. Dieser Schatten war sozusagen auch dann vorhanden, wenn die Schattenspieler nichts in der Hand hatten.

Als zweites warfen all jene Buchstaben, egal, ob vorhanden oder nicht, die sich mit der Unsinnigkeit der anderen, also dem Ausland, befaßten, einen Schatten auf alles Geschriebene und strahlten so eine wohlige Wärme aus, ein Gefühl der Gemeinsamkeit und Superiorität.

Zwar mag die Verbreitung chauvinistischer Werte für einige Leute Grund genug sein, einen Medienkonzern zu besitzen, für den Mann auf der Straße war das aber noch lange kein Grund, die Zeitung auch zu kaufen. Dafür vollbrachten die Buchstaben noch eine dritte Verrenkung, sie wurden skandalös.

Skandale! Was war interessanter! Was mehr Ausdruck der unglaublichen Freiheit, die man in diesem Land hatte! Skandale gab es nur da, wo es auch Freiheit gab! Da war der Millionär, der es mit homosexuellen Liebesknaben trieb, da der Politiker, der die Ehe gebrochen hatte, da der Supersportler, der jede Nacht ne andere hatte und jetzt mit der Seuche im Bett lag. Aber es gab auch skandalöse, menschenverachtende Praktiken im Ausland, die es galt anzuprangern, sowie politische Entscheidungen im Inland, die so dumm und ungerecht waren, daß ihre Enthüllung einen Unterhaltungswert bekam, ihr Verschweigen aber Zweifel am Neuheitenblatt oder gar am ganzen System hervorgerufen hätte.

Adjuna wußte um die Liebe der Zeitungen zu Skandalösem und Provozierendem. Er rechnete sich daher gute Chancen aus, daß die Zeitungen berichten würden über so etwas Besonderes wie einen Computer, der unabhängig denken konnte und das Dasein der Menschen in Frage stellte und sich selbst sogar noch über Gott stellte. Auch seine eigene Forderung, die Menschen sollten abdanken und die Verantwortung den Maschinen überlassen, hielt Adjuna für skandalös genug, um nachrichtenwürdig zu sein, eine Provokation, die, wenn sie nicht ernstgenommen werden würde, immer noch als Fingerzeig gedacht werden konnte, um dazu anzuregen, einmal darüber nachzudenken, was man eigentlich falsch gemachte hatte und immer wieder falsch machte.

Adjuna vertiefte sich immer tiefer in das Neuheitenpapier. Im Innern gab es einige Artikel, die nicht so aufdringlich amerikanische Werte versprühten. Ein Kommentator, der nicht müde wurde, die amerikanische Pressefreiheit zu loben, brachte einige interessante Hintergrundinformationen über politische Machenschaften. Eigentlich wärmte er eine schon lange zurückliegende Enthüllung wieder auf, einen Abhör- und Einbruchskandal des Präsidentschaftskandidaten der edlen Elefantenpartei in das Hauptquartier des Präsidentschaftskandidaten der Eselpartei, zwischendurch brach er immer wieder verzückt in Ausrufe aus, wie `In welchem anderen Land wäre so etwas möglich!'

Adjuna stellte sich vor, wie der Präsidentschaftskandidat auf allen Vieren durch die fremde Wohnung kroch und sich hinter dem Sofa versteckte, um alles mitzuhören, und schüttelte den Kopf. Erst später, als er weitergelesen hatte, merkte er, daß der Schreiber eigentlich gemeint hatte: In welchem Land wäre eine solche Enthüllung möglich! Ein normaler amerikanischer Leser, der mit der Lobpreisung der Medien als unabhängige Vierte Kraft im Staate vertraut war, hätte das natürlich sofort richtig verstanden.

Der Schreiber des Artikels war offensichtlich um weitere Beispiele sehr verlegen und bewies bei der Auswahl seiner nächsten Enthüllung eine sehr unglückliche Hand, denn als nächstes feierte er die Enthüllung, man mußte schon sagen, die kaum bekannte Enthüllung, daß die Medienkonzerne mal alles daran gesetzt hatten, einen Moraltheologen, der es zum Präsidenten gebracht hatte, zu diskreditieren. Dieses Enthüllungsbeispiel wirkte auch heute enthüllend. Denn nur wenige erinnerten sich noch an jene kleine Meldung auf bedrucktem Papier, die verriet, daß ein Redakteur gefeuert worden war, weil er sich geweigert hatte, die schrecklichen Bilder eines Massenselbstmordes mit den Bildern der Frau des Präsidenten auf der ersten Seite seines Blattes zu vermischen. Diese Vermischung war aber notwendiger Bestandteil einer Kampagne der Monopolisten, vorweg der Toilettenpapiermonopolisten, den Präsidenten zu diskreditieren.1

1 (Fußnote) 1979 entließ der Mediengigant Newhouse einen seiner Zeitungsredakteure, weil er sich geweigert hatte, ein Foto auf die erste Seite zu setzen, das Mrs. Carter und den Kultführer Jim Jones, der gerade zusammen mit 911 Jüngern Selbstmord begangen hatte, zeigte. Der Redakteur, der sich natürlich darüber im klaren war, daß Jimmy Carter fertiggemacht werden sollte, begründete seine Weigerung damit, daß Mrs. Carter keine Beziehung zum Kult und zum Massenselbstmord hatte. Es half nichts. Die Pressefreiheit ist nicht die Freiheit der Schreiberlinge, sondern der Besitzer. (Ende FN)

Als Monopolist hat man ganz andere Möglichkeiten, sich eines Moraltheologen zu entledigen, dachte Adjuna, schade, die wollten sich nur eines Moraltheologen entledigen, aber die Leute religiös erhalten. Denn wer an die Religion glaubt, glaubt auch ihre Werbespots und das Rundherum, mit dem die Werbespots an den Mann gebracht werden. Von den Monopolisten ist keine Hilfe zu erwarten, mit Stock und Gott, Mohrrübe und Peitsche wollen sie die Menschen beherrschen und Jahwe ist ihnen gar Vorbild.

Der Schreiberling aber rettete seinen Artikel mit: Wenn... und Aber... und ...aber letzten Endes... Was sollte er auch sonst machen? Er hatte fünf Kinder. ...und käuflich waren wir doch alle.

Der nächste Artikel war über Toiletten. In Santa Monika in Kalifornien hatten die Stadtväter gerade1 eine Verordnung erlassen, die es den Frauen verbot, Männertoiletten aufzusuchen, und den Männern, Frauentoiletten, außer im Falle einer dringlichen Notwendigkeit. Feministen, pardon, Feministinnen liefen Sturm gegen diese Verordnung, weil sie darin eine Diskriminierung der Frau sahen. Frauen brauchten dreimal solange wie Männer zum Pissen, daß aber die Anzahl der Toilettenplätze in öffentlichen Toiletten für Männer und Frauen gleich sei, sei es für Frauen manchmal notwendig, Männertoiletten zu benutzen. In Texas gäbe es schon ein Gesetz, daß den Frauen die Benutzung der Männertoiletten kategorisch verbiete, und es sei zu befürchten, daß die Verordnung von Santa Monika nur die Vorstufe zu einem noch strengeren Gesetz sei.

1 Dezember 1991. Der Protest der Feministinnen ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß die Stadtväter diese Verordnung erließen, weil einige Männer die Aufschrift "Ladies" am Toiletteneingang für ein Angebot gehalten hatten und hineingegangen waren und Frauen Gewalt angetan hatten.

Wessen Schuld ist es, daß die Frauen so langsam pischen, fragte sich Adjuna, und außerdem, hat man bei der Statistik wirklich berücksichtigt, daß Frauen wegen ihrer größeren Blasen weniger häufig müssen als Männer?

Auf der Suche nach dem Computer-Artikel fand Adjuna noch Meldungen a.) über einen Medizinstudenten, der in einem Vortrag die Homosexualität als eine heilbare Krankheit bezeichnet hatte, und deshalb hatte Selbstkritik üben müssen und in der Studentenzeitung einen Artikel hatte schreiben müssen, um zu zeigen, daß er seine Lektion, nämlich nicht zu diskriminieren, gelernt hatte,

b.) über einen Motorradfahrer, der Selbstmord gemacht hatte. Der achtundvierzigjährige Gerald Marotta hatte sich in Los Angeles erschossen, weil er mit seinem Motorrad nicht mehr frei durchs Land brausen konnte. Das neue Helmgesetz zwang Motorradfahrer, einen Helm zu tragen. Gerald Marotta fühlte sich mit so einer Kiste auf dem Kopf fuchtbar eingeschränkt, seiner Freiheit beraubt. In seinem Abschiedsbrief hieß es: "Jetzt kann ich nicht einmal mehr Motorrad fahren."

Der Kerl hat mein Mitgefühl, dachte Adjuna traurig. Und er ärgerte sich so über die Einschränkungen, die sich da schon wieder einige Gesetzemacher ausgedacht hatten, daß er angewidert durch die Wohnung

spuckte. Da er hier aber nicht zu Hause war, wischte er es schnell wieder auf. Schade, daß er die Verantwortlichen nicht treffen konnte!

c.) Diese Meldung kam aus der Hauptstadt von Texas, Austin. In Bastrop gab es einen kleinen Jungen, acht Jahre alt, Zachariah Toungate mit Namen, der wegen seines 24cm langen Pferdeschwanzes nicht mehr in sein Klassenzimmer in der Mina Grundschule gelassen wurde, sondern während der Unterrichtszeit in eine drei mal vier Meter große Einzelzelle gesperrt wurde. Sein Pferdeschwanz verstieß angeblich gegen die Kleidungsvorschriften der Schule.1

1 AP-Meldung 15.2.91

Adjuna faßte sich an den Kopf, genauer an seine aufgerollten Haare. Seit wann sind Haare denn Kleidung? Und verstößt nicht das Verhalten der Schule gegen irgendwelche Gesetze, nämlich Menschenrechte?

Tatsächlich hätte Texas noch mehr zu bieten gehabt, bloß die Zeitungen berichteten nicht darüber, weil es sich um die Tochter einer berühmten Atheistin handelte1. Sie war nämlich zur Schöffenpflicht gerufen worden, war auch bereit, Schöffin zu werden, hatte sich aber geweigert, `so helfe mir Gott' zu schwören. Sie wurde ins Gefängnis geworfen, strip-searched, natürlich, wer sich den Gottesschwur einer Schöffenvereidigung verweigerte, verbarg auch Waffen in seinen Intimteilen. Trotz dieser ekligen, sexuellen Variante, die ja auf jeden Menschen unter Gott, und im WASPen-Land war ja jeder schon allein, weil die Nation offiziell unter Gott stand, ein Mensch unter Gott, also trotz dieser ekligen, sexuellen Variante, die bei jedem gottesfürchtigen Menschen so eine anziehende Abscheu hervorrief, und die bei richtiger Aufmachung die Verkaufszahl der Zeitung erhöht hätte, berichtete die Zeitung nicht davon.

1 Es handelt sich Dr. Madalyn Murray-O'Hairs Tochter Robin Murray-O'Hair. Die Vereidigung war am 15. Dezember 1987. Das gerichtliche Nachspiel zog sich über mehr als vier Jahre hin. Die überregionalen Medien erwähnten die Angelegenheit kaum.

Zum weiteren Schicksal der Atheistischen Freiheitskämpfer Madalyn Murray O'Hair und ihrer Kinder Jon und Robin: Seit August 1995 sind sie verschollen, plötzlich aus ihrem Haus in Texas verschwunden.

Wenn man weiß, wie einige Christen Atheisten, noch dazu aktive Atheisten, hassen und was sie schon alles Atheisten angetan haben, dann muß man befürchten, daß sie irgendwo in irgendeinem Kirchenhinterstübchen zu Tode gefoltert wurden.

Ich hoffe aber, daß sie lediglich erschöpft waren von den Aufregungen und Anfeindungen, die ihr engagiertes Leben mit sich gebracht hatten, und jetzt irgendwo inkognito das friedliche und angenehme Leben führen, daß sie nach all ihren Leistungen wirklich verdient haben. (12.2.97)

Obwohl Adjuna nichts vom Schicksal der Atheistin wußte, kam er zu dem Schluß: Ihr habt nicht viel Freiheit in eurem Land. Und er sagte es auch zu Bill.

Bill zeigte ihm eine Statistik, die er in der Zeitung gefunden hatte. Danach sollten es schon 50% der Bevölkerung einmal oral getrieben haben, 3% anal, 1992 waren es nur 33% oral und 1% anal.

Und wieviel Prozent nasal? fragte Adjuna keck.

"Ich finde das schrecklich", brauste Bill auf, "wir haben zuviel Freiheit. Die Tendenz soll steigend sein. Bald lutschen sie alle an den Geschlechtsteilen herum."

"Nja, lieber mit einem Partner mehr als mit mehreren Partnern das eine", faßte Adjuna die Situation zusammen.

"Aids, heh."

"Spielt sicher eine Rolle."

"All diese sexuellen Freiheiten. Die Leute sollten lieber wieder anständig sein und tun, was sich gehört. Ich bin da eher konservativ."

"Ein Schwarzer und konservativ? Als Schwarzer sollte man nicht konservativ sein. Die Konservativen waren die, die die Sklaverei erhalten wollten, und später die Rassentrennung, die, die den Schwarzen gleiche Bezahlung verweigerten und den Zugang zu höheren Ämtern usw. Nein, als Schwarzer darf man niemals konservativ sein."

Adjuna wollte Bill noch eine längere Lektion in Freiheit und Progressivsein erteilen. Er hätte sie bitter nötig gehabt, wie so viele Schwarze, die es zu was gebracht hatten. Aber da erhob sich plötzlich draußen ein fürchterliches Gezeter. Die Nachbarn waren am Keifen.

Was war geschehen? Peter war draußen. Hatte er irgend etwas angestellt? Einen Schabernack?

Peter war draußen. Er hatte eine Leine genommen und im Hinterhof zwischen zwei Bäumen aufgespannt. Dann hatte er Adjunas und seine eigene verschwitzte und verdreckte Wäsche gewaschen. Jetzt war er dabei, sie aufzuhängen.

"Stecken Sie Ihre Wäsche gefälligst in den Wäschetrockner!" schrie der Nachbar vom Zaun herüber.

"Aber es ist doch das schönste Sonnenwetter!" protestierte Peter.

Bill kam herausgerannt und entschuldigte sich bei seinen Nachbarn, daß seine Gäste vom Ausland kämen und nicht wüßten, daß sie hier keine Wäsche hätten aufhängen dürfen. Das war nämlich verboten, damit es nicht wie in den Slums aussähe und die Immobilienpreise entsprechend sänken.

Frau Nachbarin, noch immer erregt, zischte zu ihrem Männe herüber: "Was hat der Schwarze sich denn da schon wieder für ein Gesocks ins Haus geholt?" Ihre Gesichtshaut war bei einer Schönheitsoperation so stramm gezogen worden, daß sie Schlitzaugen wie eine Chinesin bekommen hatte. Denn auch Altsein war in diesem Land verboten.

Nach überstandener Krise saßen Bill und Adjuna wieder im Wohnzimmer, während Peter die Wäsche im Wäschetrockner trocknete. Adjuna nahm gelangweilt wieder die Zeitung in die Hand. Es war klar, daß weder über ihn noch den Computer etwas drin stand.

Er las noch das historische Zitat der Woche:

Four Freedoms for all Mankind

freedom of speech and worship

freedom from want and fear

F. D. Roosevelt

Do people really want to sleep on the sidewalk? fragte er sich.

Zur Aufheiterung las er auch noch die Comics: Ein kleiner Junge, Calvin1, sprach mit seinem Stofftiger Hobbes. Er fragte ihn: `Glaubst du an den Teufel? Weißt du, jenes übernatürliche Wesen, daß darauf aus ist, die Menschen zum Bösen zu verführen, und sich dem Verfall und Untergang der Menschheit widmet.'

Hobbes Antwort war: `Ich bin nicht sicher, ob der Mensch seine Hilfe braucht.' Als Adjuna so weit gelesen hatte, fühlte er sich ein bißchen mit dem Meinungsblatt versöhnt, denn das war es ja eigentlich auch gewesen, was der Computer hatte sagen wollen: Der Mensch wird es schon schaffen.

1 by Bill Watterson

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