Amerika kannte viele Symbole, sogar schon die ganz kleinen Amerikaner im Vorschulalter. Eines war das G der General Gigants, ein anderes das große M der Monopolists, das dritte war das S. S wie Super. Super war der Omnibusausdruck, auf dem jeder ritt, das superrichtige Superwort für Eigenlob und wenn man andere preisen wollte. Bei diesen drei Buchstaben erschöpfte sich dann aber auch oft schon der Alphabetismus. Der technische Fortschritt hatte mit seinen beweglichen Bildern das Lesen zu einem Anachronismus werden lassen.

Das Wort Super war schon bei den Römern beliebt gewesen, die ja bekanntlich auch immer obenauf sein wollten. Und dem stärksten Mann Amerikas, Supermann, fiel auch nichts Besseres ein als wie den Römern, nämlich mit Übermacht immer obendrauf zu hauen. Und da sein Beispiel schon weltweit Schule gemacht hatte und es auch dem Publikum gefiel, hatte auch Adjuna neben all seinen Schwächen auch noch übermächtige Muskeln mit auf den Weg bekommen.

Als Bill vor der Glotze saß und sich mit großer Begeisterung einen Superman-Film ansah, beobachtete Adjuna ihn voller Abscheu und meinte schließlich: "Wirkliche Supermänner stromern nicht durchs Land und fangen Schlägereien an, sondern sitzen hinter Schreibtischen oder vor Kameras und Mikrophonen. Sie schlagen auch nicht auf den Kopf, sondern dringen in die Köpfe ein."

"Wie ist das möglich?"

"Durch die Öffnungen, die am Kopf sind."

Peter bekam einen Job bei Birne im Büro: Tasten drücken. Adjuna hatte es bald satt, Zeitungen durchzuwühlen, die nie die Möglichkeiten der Manifestation irdischer Intelligenz in Maschinen erwähnten und auch sonst nicht schrieben, worauf es ankam.

Auch sein Wunsch, die Denkmaschine noch einmal zu treffen, wurde konsequent abgelehnt.

So blieb er nicht lange bei Bill. Schon bald nahm er sein Bündel und begab sich wieder auf Wanderschaft. Aber er wollte nicht ewig wandern, sondern irgendwo im Süden, in Memphis, Birmingham oder Atlanta oder vielleicht Montgomery oder Jackson oder Natchez sich als Ehevermittler niederlassen, eine INTERMARRIAGE SOCIETY gründen, die nur Ehen zwischen verschiedenen Rassen vermitteln sollte. Miscegeneration. Die Rassengrenzen sollten verschwimmen. Wir sollten eine Menschheit werden, eine einzige bunte Menschheit, eine einzige gute Mischung. Der Computer hatte recht.

Bill schüttelte den Kopf, als er von Adjunas Plänen erfuhr: "Wie kannst du glauben, mit zwischenrassischer Ehevermittlung ein Geschäft zu machen. Das geht nicht so einfach. Wenn man ein Geschäft aufmachen will, muß man erst einmal Marktforschung und Produktforschung betreiben. So etwas geht nicht ohne Forschungteams, Umfrageinstitute, PR-Teams und Psychologen-Komitees und die Weisheit von Freud und Vance Packard. Dann erst entscheidet man, wo man wem was andreht, und ist erfolgreich. Wie du dir das vorstellst: Einfach irgendwo hinzugehen und ein Ehevermittlungsbüro aufzumachen und die Rassen ein bißchen zu mischen." Bill schüttelte wieder mit dem Kopf: "...und dabei sagt man, wir Amerikaner seien naiv!"

"Aber ich bin doch kein Krämer", protestierte Adjuna, "ich will doch gar nicht reich werden, bloß ein bißchen verdienen, gerade genug, um zu leben, und außerdem den Menschen helfen."

"Wer im Leben Erfolg haben will, muß sich teuer verkaufen, nicht ein bißchen. Die Schlauen kassieren, die Dummen zahlen - meist einen überhöhten Preis, ob für Seife oder 's Seelenheil - und verkaufen tun sie sich schlecht - unterm Preis. Leben ist Geschäft. Geschäft ist Krieg. An der Front gibt es nur Erfolg oder Untergang. Gute Absichten sind wertlos."

"Gute Absichten sind wertlos", dröhnte es ihm noch in den Ohren, als er auf die Straße trat. Was hätte wohl der Computer dazu gesagt? Zu gerne hätte er ihn gefragt. Schade, er sollte kaputt gegangen sein. An den Schweißstellen der Biomasse mit der Technomasse sollte es zu Geschwüren gekommen sein, schließlich hätten sich Metastasen über das ganze organische Gewebe verbreitet und auch zwischen den Drähten sollte es zu Kurzschlüssen gekommen sein. Zwar sollte das Gerät noch eine Kur für Krebs entdeckt haben, die sogar dem Präsidenten zu Gute kam, aber für das Gerät selbst kam jede Hilfe zu spät.

Was Adjuna nicht wußte, war, daß der Computer oft nach ihm verlangt hatte, und was er noch verlangt hatte, war noch schlimmer: die Absetzung der Regierung und die Entmachtung der Monopolists, die Abschaffung der Religionen, des Militärs, aller Waffen usw. Was er lehrte, war furchtbar lästig geworden. Zum Glück gehörte die Computerfirma Birne den General Gigants, da war es ein leichtes gewesen, die Maschine zu zerstören.

Die Maschine war also doch nicht so schlau gewesen, sonst hätte sie die gesellschaftlichen Machtstrukturen besser verstanden, und ihr wäre das mit der Zerstörung nicht passiert. Den Menschen war noch einmal die Herrschaft der Maschine erspart geblieben. Uff, die Monopolists atmeten auf.

Adjuna wanderte zwischen Schutthalden und Müllhaufen, an den grauen Reihenhäusern der ärmeren und den Wellblechhütten der ärmsten vorbei. Er geriet zwischen die hohen Gerüste ehemaliger Hochhäuser, die schwarz und verkohlt in den grauen Himmel zeigten. Er war hier in einem Stadtteil, der bei einem Großbrand zerstört worden war, und den man nicht wieder aufgebaut hatte. Im Keller einer dieser Gebäude war einmal das Museum für Symbolismus gewesen.

Alle Kunstwerke waren zerstört.

Es gab keine Symbole mehr.

Adjuna schlief diese Nacht gut. Es war noch nicht einmal ganz Morgengrauen, als er zu Bett ging. Es graute erst ganz wenig. War es die Sonne oder der Mangel an Sonne, was ihn schließlich einschlafen ließ? Oder der Grauen? Mangel an Grauen? Am Tage schlafen die Ratten doch.

Adjuna stand früher auf als die Ratten. Am frühen Nachmittag wirkten die Slums friedlicher als in der Nacht. Raben, gesättigt vom Erbrochenen der Nacht, saßen auf den Gerüsten und beobachteten von oben herab ein paar Kinder, die im Schutt spielten.

Adjuna ging an allem vorbei. Dem Schutt- und Slum-Gürtel der Innen-Stadt folgte schließlich in sicherem Abstand wieder ein blühender und grünender Villen-Gürtel mit Parks und Spielplätzen, wie Adjuna ihn ja schon bei Bill gesehen hatte. Hier war Amerika noch heil, keine Wäscheleinen verunstalteten die Landschaft, und vor den Häusern parkten nur Autos der drei großen Marken.

Adjuna setzte sich auf eine der Bänke und beobachtete die Kinder: Der Pöbel, die Überflüssigen, die Beschmutzer, wie emsig vermehren sie sich, wie stolz sind sie auf die armseligen Produkte ihrer Lust, eine neue Generation Überflüssiger, noch überflüssiger, aber der Edle, der Geber, der Nicht-Beschenkt-Werden-Wollende, der Reiniger, er gebiert einen Gedanken, umpflegt und -hegt ihn, schickt ihn auf eine lange Reise, nicht leichtsinnig wie Kaninchen und Pöbel die Produkte ihres Schoßes auf den Weg in die Welt schicken, sondern bedacht und an sich zweifelnd, denn ohne Zweifel ist kein Edler. Mit seinem leiblichen Kind, das er nach langem Bedenken und Zögern, `Bin ich reif genug, geduldig genug, so daß ich darf?' zeugen mag, geht es ihm ähnlich, nie gibt er sich zufrieden, das Neue soll mehr werden, mehr sein, soll den Vater überragen, der Sohn selbst soll Same nur sein und Saat werden und Sämann für neue Gedanken und Hoffnungen. Und die übernächste Generation....

Adjuna hatte recht. Die Menschen litten an der Vermassung, der Vermasselung. Ihre Helden waren daher die Antipoden ihrerselbst, Leute, die der Vermassung der Städte entkamen, wie Don Quixote in seiner Rosinante und das Halbblut William Weniger Hitze Mond in seinem Geistertanz oder noch asozialere Helden als diese Wohnmobilfahrer, Helden, die hoch zu Roß saßen, die einsam waren und der restlichen Menschheit entfremdet, die verwundeten, töteten und Rache nahmen, verwundbar waren und einen gewaltsamen Tod fanden, Cowboys ohne Kühe wie Billy the Kid, Doc Holiday, die Clanton und McLowrey Brüder, Out-Laws, Ikonen romantischer Gesetzlosigkeit und Wildheit. Auch auf den Motorrädern, den eisernen Pferden der Modernen, fand man sie: The Wild One, The Road Warrior und Captain America und Billy als Easy Rider auf dem Weg nach New Orleans, oder in gestohlenen Tin Lizzies und deren verbesserte Nachkommenschaft wie Bonnie und Clyde oder der Rebell ohne Reason, Räson. Und wenn man nicht gerade Schauspieler war, sondern das Ungebärdigsein ernstnahm, dann riskierte man wirklich einen gewaltsamen Tod zu sterben, denn die Colts saßen auch bei den angepaßten Bürgern locker. Gammler, Hippies und Herumtreiber über den Haufen zu schießen, hatte besonders bei bravem, sonntäglichem Kirchgang etwas Tollkühnes an sich, da man ja gegen das vierte Gebot verstieß. Außerdem brachte man so sein eigenes, ungebärdiges Verhalten in Zucht. Zur Gebärde die Ungebärde. Den Ungezähmten frißt der Zahme. Und sowieso treten sich Antipoden nun mal auf die Füße.

Das hieß aber nicht, daß die Massen in Amerika nicht mobil waren. Oh doch, mobil war man. Ständig auf der Suche nach einem besseren Job. Und wenn er sich auf der anderen Seite des Koninents befand, man zog um! Das war legitim, kein Herumtreiben.

Und unterwegs schwärmte man von den einsamen Helden, denen, wenn ihnen an der Straße begegnete, man seine Abscheu zeigte.

Nichts war so langweilig wie das Leben dieser Helden, die ganze Spannung ihres Lebens ließ sich in einem einzigen Film von nicht einmal zwei Stunden Länge darstellen. Der ordentliche Bürger aber erlebte eine solche Spannung oder sogar Spannenderes an einem jeden Abend vor seinem Fernseher im häuslichen Wohnzimmer, an Wochenenden und Feiertagen sogar zwei, dreimal. Kein Wunder, daß keiner tauschen wollte.

Überall hörte er seine eigene Geschichte. Die Geschichtenerzähler einer jeden Stadt schienen sie zu kennen, sagten sie auf, beteten sie herunter: "Die Menschheit war mal wieder vom Untergang bedroht, aber diesmal nicht durch Aussterben und Mangel, sondern durch Überfluß, und wie alles Überflüssige war auch der Mensch wertlos geworden. Gold und Edelsteine waren Blech und Sand geworden. Lange war kein Edler mehr geboren worden und lange war nicht edel gehandelt worden. Hatten die Vorväter schon geglaubt, die Herde hinter sich gelassen zu haben, jetzt war man wieder Herde und frohlockte: Jeder ist gleich. Einzelne sah man fast nicht mehr und Einsame schon gar nicht.

In dieser Zeit aber geschah es, daß der Einsamste geboren werden sollte von einer alten Zigeunerhexe und Wahrsagerin, die sich durch ihre vielen Blicke in die Zukunft ihre Augen so verdorben hatte, daß sie nicht einmal mehr das Gestern erkennen konnte und erst recht nicht den, der sie vor mehr als einem Jahr geschwängert hatte. Sie war gerade weitab im fernen Arabien von einer Oase, der sie vorausgesagt hatte, daß die Kinder die Palmen annagen werden und alles Wüste wird, vertrieben worden. Nachdem man Palmen angenagt fand, glaubte man an einen Fluch der Zigeunerin, aber es war der Hunger der Hungrigen, den aber konnte man nicht sehen. Als sie nun durch die Wüste lief, sah sie, daß es an der Zeit war, Geburt zu ihrem Sohne zu geben, und mit Trauer sah sie auch, seine großen, runden Augen, wie sie verliebt die tote Mutter anstarrten. Denn sie würde nicht überleben, das wußte sie und sie dachte: Er wird allein sein, er wird der einsamste ... ."

Bin ich eine Legende geworden, ein Mythos oder Unterhaltungsprosa? Er hütete sich, sich zu erkennen zu geben. Schweigend ging er an ihnen vorüber, weiter. Da wieder:

"Die Sehnsucht in seiner Zigeunerseele trieb ihn durch viele Länder, aber er fühlte sich nie als Fremder und wurde auch nie als solcher behandelt, denn er war wohl vertraut mit der Sprache und den Sitten eines jeden Ortes. Und seine Erscheinung, sein Aussehen war etwas Besonderes, da seine Vorväter aus aller Herren Länder kamen und bei ihm so das Blut aller Völker zusammenfloß, hielt ein jedes Land und Volk ihn für einen der ihren, selbst im Land der Zwerge glaubte man, er sei nur ein ausnahmsweise groß geratener Landsmann, obwohl er sich noch bei den Riesen öfters bücken mußte.

Er lebte gerade in einer Zeit, in der sich die Menschheit in allen Ländern im Verfall befand, wie nie zuvor. Zwar wurde, seit es Menschen gab, von Zerfall und Untergang gesprochen, oft, um Angst, Furcht und Schrecken zu verbreiten, da ängstliche Knechte fleißiger arbeiteten. In dieser Zeit war es aber anders, der Untergang drohte nicht durch Aussterben, sondern durch Überfluß, Überflüß an Menschenmaterial, und wie alles Überflüssige war der Mensch wertlos geworden. Die Vorväter glaubten schon die Herde hinter sich gelassen zu haben, aber jetzt war man wieder ganz Herde geworden, Einzelne sah man fast nicht mehr. Er aber war ein Einzelner."

Adjuna warf einen Blick in die Zuhörermassen: Oh je, `einsam' ist modern, ist `in'. Übelkeit. Die Massen, der Pöbel, die Vielzuvielen spielen gemeinsam `einsam'. Eine Lächerlichkeit. Jeder moderne Affe hat einen einsamen, verlorenen Blick, trägt ihn aber wie einen Hut der Massenmode: oberflächlich. Die Heuchler. Aber es imponiert die Mädchen. Eintagsfliegen.

Morgen schon sind sie tot. Und gelernt haben sie nichts.

Adjuna hatte gerade erst die Stadt der brüderlichen Liebe erreicht, da taten ihm schon die Füße weh. Es war auch Anachronismus in der Neuen Welt auf Schusters Rappen oder, wie man hier sagte, auf Shanks's Mähre zu reiten. Selbst so ein einfacher und billiger Gegenstand wie ein Fahrrad konnte doch schon einen Menschen besser weiterbringen als bloße Füße. Tatsächlich soll das Verhältnis von Energie zu Arbeit beim Radfahren ganz außergewöhnlich günstig sein. Außer den Vögeln erreicht kein Tier ein so günstiges Verhältnis von Energieaufwand zu Arbeitsleistung wie ein Radfahrer. Aber ein Fahrrad war für einen Helden nicht zünftig, selbst wenn man es Stahlroß nennen konnte.

Unser Held hatte Glück. Noch bevor er die Innereien der Stadt der Bruderliebe erreichte, hielt ihm in einem der dunklen Vororte, einem Arbeiterviertel oder Arbeitslosenviertel, jemand die Pistole auf die Brust und verlangte die Brieftasche. Adjuna gab sie ihm. Es war sowieso nicht viel drin.

Adjunas Vorschlag "Laß uns wenigstens das bißchen, das ich habe, brüderlich teilen!" wurde von dem Räuber mit der barschen Bemerkung "Wer teilt denn mit mir?" abgetan, dabei deutete er mit der Waffe auf die Hochhäuser im Stadtinnern, die für ihn Reichtum zu symbolisieren schienen.

Nachdem der Räuber die Brieftasche hatte, tastete er Adjuna ab, um sich zu vergewissern, daß er keine Waffe bei sich trug. Er machte es sehr fachmännisch, als ob er es in einem Hollywood-Film gelernt hatte oder gerade selbst gefilmt würde. Als nächstes ging er drei Schritte rückwärts. Dabei hielt er Adjuna weiter mit seiner Waffe in Schach. Auch das machte er tadellos, es war korrekt und drehbuchreif. Dann drehte er sich um und gab Fersengeld.

Sein großer Fehler war hier - und zweifellos hatten die Regisseure eine solche Szene noch nicht gefilmt -, daß er die vorsintflutliche Waffe, die Adjuna in seiner Hand hielt, nicht erkannte. Vielleicht dachte er, es sei ein harmloser Stock, auf den sich der große Mann stütze, vielleicht hatte er auch die Sehne, die um den Stock gewickelt war, gesehen und das Ganze daher für eine primitive Angelrute gehalten, auf jeden Fall war er sich nicht bewußt, daß es sich hierbei um eine Waffe mit beträchtlicher Reichweite handelte.

Adjuna kannte keine Skrupel. Als er sah, daß ihm der Mann den Rücken zudrehte und die Allee hinunterlief, spannte er blitzschnell die Sehne in seinen Bogen, nahm einen Pfeil aus dem Rucksack und schoß ihn dem Fliehenden ins Kreuz. Da der Mann sehr schmächtig war, durchschoß der Pfeil ihn ganz. Die Straße aber war leer und der austretende Pfeil verletzte keine Passanten.

Als Adjuna angelaufen kam, um sich die Reisetasche des Fremden, in die er sein Portjuchhe hatte verschwinden sehen, zu schnappen, war da schon ein kleiner Junge, der sie auch haben wollte, aber der sprang wie ein verängstigter Hund weg, als er den großen Mann kommen sah. "Die Hunde der nächsten Generation", dachte Adjuna, nahm die Reisetasche und ging fort. "Soviel zur brüderlichen Liebe!"

Auf einer Parkbank erlebte Adjuna dann eine freudige Überraschung, als er die Reisetasche öffnete: Sie war bis obenhin mit Geldbörsen, Brieftaschen und Schmuck angefüllt. Sogar ein grunzendes Sparschwein, prall und vollgefressen, gehörte zu dem Schatz.

Diese Nacht schlief Adjuna nicht auf der Straße und er aß auch nicht die Feldfrüchte, die er sich gesammelt hatte, sondern Bratklopse und die für diese Gegend typischen, weichen Pretzel.

Am nächsten Tag sah sich Adjuna dann die touristischen Sehenwürdigkeiten der Stadt an, zuerst die angeknackte Freiheitsglocke, eines der denkwürdigsten Symbole der Vereinigten Staaten, wobei der Knacks natürlich denkwürdiger war als die Glocke.

Danach sah er sich noch die Skulptur `Der Denker' von Auguste Rodin an. Dann ging er los, um sich von seinem Geld einen fahrbaren Untersatz zu kaufen. Erst hatte er an ein Pferd gedacht, doch war ihm das dann doch zu ausgefallen. Außer der berittenen Polizei war in der Stadt keiner so verrückt, ein Pferd zu benutzen. Der Wilde Westen war offensichtlich woanders, noch weit.

Beim dritten Händler fand er, was er suchte, einen jener großmotorigen Traktoren, die auf zwei Rädern fuhren. Eine ganze Generation amerikanischer Männer träumte davon, mit so einem Ding durchs Land zu ziehen. Das Energie-Leistung-Verhältnis der Maschine war im Gegensatz zum Fahrrad nichts Aufregendes, es sei denn, man regte sich über Verschwendung auf, aber dafür knatterte sie, die Traummaschine, ordentlich und strotzte vor Kraft, die nirgends hinkonnte, wie ein Macho, wie Hochpotenz vorm Hängeschloß eines Keuschheitsgürtels, wie eine einsame Erektion, die sich nicht entladen konnte, wie... Man hätte mit ihr einen Lkw abschleppen können, wenn sich das Hinterrad nicht durchdrehte.

Der Händler behauptete sogar, Captain Amerika selbst hätte die Maschine gefahren, aber Adjuna war skeptisch, er hatte schon zuviel in Amerika gehört, sogar: Gott selbst segne Amerika.

"Egal, wer drauf gesessen hat, ich nehme das Ding - für den halben Preis." Heftiger Protest. Feilschen. Als Adjuna dann ernsthaft tat, als wolle er weggehen, machte der Händler sein letztes Angebot: zwei Drittel seines ursprünglichen Preises.

"Na gut. Ich sehe: Die Schrauben sind alle festgerostet. Das Ding wird mir also nicht auseinanderfallen. Einverstanden. Ich nehme das Motorrad. Hier ist das Geld."

Adjuna machte seinen Köcher an der langen Gabel der Vorderräder fest. Eigentlich war die Gabel so lang, damit die motorisierten Cowboys dort ihre Gewehre festbinden konnten. Angeblich brauchten sie die wegen der Klapperschlangen, aber auch höhere Wesen der Evolution machten wohl manchmal den Waffengebrauch notwendig, so wie man Amerika kannte. Den Rucksack und den langen Bogen band Adjuna an der Rückenlehne fest. Dann wollte er losdonnern.

"Halt. So darf ich dich nicht vom Hof lassen. Du mußt einen Sturzhelm tragen." "Ich habe aber keinen. Außerdem habe ich einen harten Schädel. Drittens will ich weder einen Kopfstand machen noch auf den Kopf fallen, und einen Unfall habe ich auch nicht." "Man kann nie wissen."

Die verdammten Sturzhelme, die ihm der Händler dann zeigte, waren nicht nur fast so teuer wie das Motorrad, sondern paßten mit ihrem modernen Plexiglas auch nicht zum Image, jedenfalls nicht zu Adjunas Image, vielleicht zum Image eines Mondfahrers.

Adjuna ging deshalb zu einem Antiquitätenladen, den er auf dem Weg sehen hatte. Dort war eine alte Pickelhaube aus dem Deutschen Kaiserreich ausgestellt gewesen. Ein antiker Helm war ihm eigentlich lieber. Aber auf seine Nachfrage hin sagte man ihm, daß man antike Helme gerade nicht vorrätig habe. Was war eigentlich aus dem Helm geworden, den Aurora in Griechenland getragen hatte? Er konnte sich nicht erinnern.

Die Pickelhaube kaufte er sich, dazu noch eine schwarze Lederjacke, die angeblich schon Elvis Presley und vor Elvis der rebellische Marlon Brando als Wilder getragen hatte, und eine verwaschene Drillichhose, die wer weiß wer getragen hatte.

So sah Adjuna mindest ebenso zünftig aus wie Cäptain Amerika, der er natürlich nicht sein wollte.

Adjuna war noch nicht weit gefahren, da kam ihm die berittene Polizei in die Quere. Adjuna wollte erst Vollgas geben, denn die konnten doch sicher nicht schnell genug hinterher galoppieren. Doch da fiel ihm das Schicksal des Räubers ein, und das rettete ihm das Leben.

Die Polizisten suchten ihn auch nicht wegen Mordes, sondern es handelte sich nur um eine der üblichen Schikanen. Die Pickelhaube war nicht in Ordnung, nicht für den Straßenverkehr zugelassen. "Ja, für welchen Verkehr denn sonst?" "Mensch, siehst du denn nicht, daß das Ding spitz ist." "OK. Ich brech die Spitze ab."

Aber selbst als Adjuna die Spitze abgebrochen hatte, waren die Bullen, die hier Schweine hießen, nicht zufrieden. Als er dann keck behauptete, er hätte einen harten Schädel, drohten sie ihm, mit ihren Nachtstöckern ein paar über den Schädel zu ziehen. Da nickte Adjuna zweimal und den beiden Bullenschweinen platzte die Schädeldecke. Sie hätten Helme tragen sollen.

Adjuna fuhr dann weiter. Neben Erschlagenen sollte man sowieso nicht stehenbleiben. Toten kann man nicht helfen, besonders nicht, wenn sie im Leben Polizisten waren.

Die nächste Station der Reise war die Kapitale mit dem Kapitol, dem Haupttempel des Kapitals. Adjuna ersparte sich eine Besichtigung. Er sah sich jedoch unter anderem das Raumfahrtmuseum an. Die Nachbildungen der schlanken Raketen, die Satelliten und vom Mond geholten Steine symbolisierten für ihn die Höhenflüge, zu denen die Menschen fähig waren. Um auch der Tiefen zu gedenken, ging er zum Vietnam Veterans Memorial. Das englische Wort Memorial ließ sich im Deutschen als Denkmal und Ehrenmal wiedergeben, je nach dem, ob man

die Feiglinge, die da so widerspruchslos für ihr Vaterland in den Mord gezogen waren, bis es sie erwischte, ehren wollte, oder ob man über ihr Sterben nachdenken wollte, ihren Tod für bedenklich hielt.

58 000 Namen waren es. Traurig?

Hört auch die Siegesfanfaren! Auf jeden toten GI (Abk. für Government Issue = Regierungsausgabe) kamen über 20 (!) tote Vietnamesen. Auf eine so gute Bilanz konnten die Franzosen mit den 92 000 Toten ihres Expeditionskorps während der ersten, sogenannten "französischen" Phase des Vietmankrieges nicht blicken. Aber nicht nur hatte Vietman durch die Hand der Amerikaner weit über eine Million Tote zu beklagen1, es gab ein noch viel größeres Heer Verstümmelter, ja das Land selbst war verstümmelt, getränkt und überschwemmt mit dem tödlichen Gift Agent Orange. Noch für Jahrhunderte oder gar Jahrtausende wird sein Einfluß sichtbar sein. Denn es dauert lange, bis alle Erbschäden ausgemerzt sind. Eine große Katastrophe oder ein noch größeres Verbrechen könnten die Spuren natürlich schneller verwischen.

Und alles geschah, "um die Welt sicher für die Demokratie zu machen", wenn man amerikanischen Präsidenten glauben wollte. Und wenn sie dabei Verbündete wie Barry Goldwater hatten, die Indochina am liebsten "zurück in die Steinzeit bomben" wollten, dann brauchte das nicht unbedingt ein Widerspruch zu sein, sondern hieß vielleicht nur, daß sie die Steinzeit mit der Demokratie gleichsetzten. Im schlimmsten Fall konnte sie das wirklich sein, wenn man Faustrecht anstelle von Gerechtigkeit setzte. Einem jeden seine Faust! Adjuna betrachtete seine. Dann hieb er gegen die Gedenkmauer. Sie stürzte in sich zusammen. Ob sie im zerstörten Zustand wohl eher zum Denken anregte? Es war zu befürchten, daß sie es nicht tat.

Fußnote

1 Die Zahlen wurden Meyers Großem Taschenbuchlexikon entnommen. Am 20. Februar 1993 erschienen im WORLD REPORT der Los Angeles Times jedoch folgende Zahlen:

Frankreich/Indochina-Krieg | US/Vietnam-Krieg

Konfliktdauer: 1946 - 54 | 1954 - 73

Maximum stationierter Soldaten: |

470 000 im Jahre 1954 | 543 000 im Jahre 1969

Französische Verluste: | Amerikanische Verluste:

47 500 Tote | 58 151 Tote

43 500 Verwundete | über 300 000 Verwundete

Gefallene Viet Minh: | Verlust der Südvietmanesen:

circa 500 000 | 220 357 Tote

Zivile Todesopfer: | 499 000 Verwundete

800 000 bis 2 000 000 | Verluste der Nordvietnamesen/Viet

Französische Kriegskosten: | Cong nach US-Schätzungen:

Umgerechnet $ 3 000 000 000 | 444 000 Tote

| Zivile Opfer:

| Hunderttausende Tote

| Kosten des Krieges auf

| amerikanischer Seite:

| $ 165 000 000 000

Als Quelle wurden QUID Encyclopedia, Times Reports, Facts on File, World Book, World Almanac und Encyclopedia Americana angegeben. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, daß verschiedene Seiten und Quellen sehr unterschiedliche Zahlenangaben machen.

Nachtrag zur Fußnote:

Nach einer AFP-Jiji-Presse-Meldung vom 5. April 1995 hat Vietnam vorzeitig zum zwanzigsten Jahrestag des Falls von Saigon, der heutigen Ho-Chi-Minh-City, am 30. April 1975 offiziell die folgenden Zahlen veröffentlicht:

Zwischen 1954 und 1975

Über 1 Million tote nordvietnamesische und Vietcong-Soldaten,

etwa 2 Millionen tote Zivilisten,

300 000 vermißte Soldaten,

600 000 verwundete Soldaten,

etwa 2 Millionen zivile Invaliden und ebenfalls etwa 2 Millionen, die geschädigt wurden durch Entlaubungs- und andere Chemikalien der US Air Force. Etwa 72 Millionen Liter Chemikalien wurden von den Amerikanern aufs Land gesprüht.

Etwa 50 000 Kinder wurden bis zum Zeitpunkt des Berichts mißgestaltet geboren.

(Ende der Fußnote)

Nur eine Empörung brach aus ob des Vandalimus.

Und da man vietnamesische Täter vermutete, warf man bei Vietnamesen die Scheiben ein und drohte auch Vietnam mit einem Rachefeldzug. Nur am Rande erwähnt.

Auch das Folgende sei nur am Rande erwähnt: Es gab Apologeten, die allen Ernstes behaupteten, die Zahl der amerikanischen Todesopfer im Vietnamkrieg sei gar nicht so tragisch, man müsse bedenken, daß im gleichen Zeitraum in den Vereinigten Staaten selbst mehr Menschen ermordet worden seien. Demokratie konnte wirklich Steinzeit sein!

Und auch das nur am blutigen Rande: Es brachten sich mehr amerikanische Vietnamveteranen selbst um, als der Vietkong an GIs tötete. Den Selbstmördern hatte man natürlich kein Denkmal gesetzt. Hätte man's getan, Adjuna hätte es nicht umgekippt.

Zum Leben trugen die GIs auch bei. Da ihnen zur Unterhaltung außer dem albernen Komiker Bob Hope nicht viel zur Verfügung stand, vögelten sie auf Teufel komm 'raus die einheimischen Mädchen. Auf jeden toten GI kam mindestens ein illegitimes Kind. Kein Wunder, wenn manche Amerikaner behaupteten, daß die Zeit in Vietnam die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sei.1 Wenn man über den Wolken schwebte in B 52 und nur zum Ficken runterkam, mochte sich so ein Steinzeitmensch wohl wohlfühlen.

1 Auf einer Party lernte ich einmal einen amerikanischen Bomberpiloten kennen. Da er Einsätze in Vietnam geflogen hatte, konnte ich nicht umhin, ihn darauf anzusprechen. Er sagte mir tatsächlich, es sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen, er sei jung gewesen...etc., und er erwähnte auch ausdrücklich die einheimischen Mädchen. Daß er mit seinen Bomben den Tod säte, hat ihn nicht einen Moment berührt. "Die andere Seite hat auch gekillt." So einfach kann das sein.

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