Auf der Reise weiter in den Süden passierte noch viel, aber es waren Kleinigkeiten, Kleinigkeiten ohne Symbolcharakter, sie tauchen nicht in diesem Reisebericht auf, denn Adjuna war nicht wie der amerikanische Don Quixote, der einst, als er mit seiner `Rocinante' unterwegs war, in seinem Reisebericht sogar das Pissimachen seines Hundes erwähnte. So etwas Unwichtiges. Interessanterweise aber ließ er das viel wichtigere eigene Pissen unerwähnt, dieser amerikanische Ritter von der traurigen Gestalt. Sein Pudel hieß übrigens Charley und nicht Sancho Pansa, und Rocinante war nicht sein Pferd, sondern sein Auto. Tagespolitischen Themen räumte dieser fahrende Ritter übrigens gleichen Raum ein wie Charleys Belange. Es war die Zeit der großen Protestmärsche gegen die Jim-Crow-Gesetze. Naja, so traurig war seine Gestalt wohl doch nicht.
Adjuna dagegen war anders. Seine Augen waren wie immer gerötet von ungeweinten Tränen. Nein, er war wirklich nicht Cäptain Amerika. Er fuhr nicht optimistisch und guten Mutes voran - in den unerwarteten Tod. Er tat das Gegenteil.
Es betraf ihn, daß auch hier in der neuen Welt die Wege rot waren, begossen von Bruderkriegen und Indianerkriegen. Die Blutstraßen der Massakers, die Sklavenmärkte, wo "erste Ware im Dutzend billiger", aber auch "Ausschußware" angeboten wurde (Menschen waren gemeint), der Weg der Tränen, den die Cherokees nach ihrer Vertreibung aus ihren Stammesgebieten südwestlich der Appalachen nach Oklahoma gingen, entlang starben, deportiert krepierten wie Juden in Nazi-Händen. Das alles war gegenwärtig, nichts ließ sich verdrängen. Das Verbrechen, das hieß Mensch, aber auch das Gleichgültigsein, das Verdrängen, das Eine-dicke-Haut-Haben, ein dickes Fell. Der Mensch war nicht nackt. Nacktsein war obszön.
Besonders im Süden gab es die Vice Patrol, eine tugendhafte Lasterwache, eine Form der Volkjustiz durch Freiwillige, eine amerikanische Matawa, eine religiöse Moralpolizei, den aller christlichsten Ku Klux Klan, der zugleich der alleramerikanischste war und Obszönität bestrafte, Schamlosigkeit, das nackte Zeigen von Scham.
Und Adjunas Pläne waren schamlos, ließ er auch nicht die Hose runter, so ging er doch gleich daran, seine Pläne zu verwirklichen: Er verkaufte sein Motorrad, sehr zum Bedauern seiner Fans, und miete dafür einen kleinen Raum im Dachgeschoß eines alten Bürogebäudes. Für mehr reichte das Geld nicht. Unten am Eingang stellte er ein Schild auf:
Ehebüro für Rassenmischung
Lösen wir das Rassenproblem durch interrassisches Heiraten!
Für eine Zukunft ohne Rassen: Gemischt lieben, gemischte Kinder zeugen!
Bewerben Sie sich! Bei uns bekommen Sie den Partner mit der anderen Hautfarbe!
Minimale Kosten, da gemeinnütziger Verein!
Auch in der lokalen Presse gab Adjuna den Text als Announce auf. Als er erschien, war sein Straßenschild schon zerstört worden. Aber Adjuna pinselte geduldig ein neues.
Tatsächlich kamen Kunden. Seine ersten Kunden waren weiße Männer. Ihnen stand die Geilheit nur so im Gesicht. Sie kamen in der Gruppe, hatten einen Wortführer mit rotem Schnauzbart. Er packte sich ständig an die Eier und zog immer an der Hose herum. Irgendwie war sie ihm nie hoch genug. Jeder seiner Sätze begann mit "Oi, Män" und er sprach von "schwarzen Votzen". Die anderen lachten verlegen.
Als Adjuna ihnen auf den Zahn fühlte, also das Rassenproblem ansprach, bestätigte sich der Verdach, daß sie Rassisten waren, unbelehrbar und voller Haß.
Adjuna warf sie raus.
Sie versuchten noch, ihm Angst zu machen. Aber Adjuna war ja nun mal
kein schwächlicher Bürohengst. Da er sich nicht bange machen ließ, haute die Rassistenhorde ab, natürlich nicht ohne im Weggehen noch schlimmere Drohungen auszusprechen.
Adjuna hatte schon den Türgriff zu seinem Büro in der Hand, da hörte er vom Treppenhaus das verzweifelte Kreischen von Frauen heraufschallen. Er hechtete herum, sprang die Treppen hinunter und stürzte sich auf die Dreckskerle, die gerade zwei schwarze Mädchen belästigten. Einer hielt sie von hinten fest, ein anderer griff ihnen zwischen die Beine. "Ihr wollt doch weiße Schwänze", konnte der eine gerade noch sagen, bevor Adjuna ihm das Winseln lehrte. Das machte er mit dem Gürtel, den er dem Typen mit einem Griff vom Leib gerissen hatte, daß ihm fast die Luft weggeblieben war. "Deine Hose rutscht ja sowieso immer."
Die Abreibung machte Adjuna soviel Spaß, daß er fast die Zeit vergaß. Als er dann endlich aufblickte, waren die beiden Mädchen verschwunden.
Enttäuscht ging Adjuna zurück in sein Büro. Als er die Tür öffnete, sah er die beiden Mädchen vor seinem Schreibtisch sitzen, die Handtaschen brav in der Hand. Sie schrien ängstlich auf, als sie ihn sahen. Er hatte sich wohl zu wild benommen.
Da er jetzt aber schon wieder ganz ruhig war, konnte er auch die beiden Mädchen halbwegs beruhigen. Ja, sie wollten weiße Männer.
"Und warum wollt ihr weiße Männer?" fühlte Adjuna auch ihnen auf den Zahn.
"Weiße Männer haben mehr Geld."
"Aber wenn ich euch einen weißen Mann vermittle, der wenig Geld hat?" fragte Adjuna.
Die beiden sahen sich enttäuscht an. "Dann könnten wir ja genauso gut einen schwarzen heiraten", sagte die eine.
"Nein", meinte die andere, "schwarze Männer trinken und dann schlagen sie ihre Frauen."
Adjuna raufte sich die Haare, so viele Vorurteile.
Obwohl Adjuna auch nicht die Meinung der beiden Mädchen gefiel, registrierte er sie als Heiratskandidatinnen. Er dachte sich, daß er vielleicht nicht so wählerisch sein dürfte, keinen Idealismus verlangen, nicht die gleiche Gesinnung, die er selbst hatte, zur Voraussetzung machen. Schießlich kam es auf die nächste Generation an. Vielleicht hätte er doch ruhig die Weißen von vorhin registrieren sollen.
Adjuna hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. In einem kleinen Ort wie diesem sprachen sich die Dinge schnell rum und forderten ihre Reaktion.
Unten auf der Straße hatten sich weiße Frauen eingefunden, die riefen jetzt Obszönitäten zu ihm herauf. Einige, die Kerngruppe, waren die Cheerleaders. Es war, wie damals in New Orleans, als die ersten Schwarzen in weiße Schulen gingen, natürlich unter Polizeischutz. Eine kleine Gruppe engagierter Frauen rief die Obszönität vor, und die Masse der Hausfrauen wiederholte sie dann.1 Bewegung kam in die Menge und ein Raunen. Weiß, weißer, am weißesten. Da kamen die stolzen Ritter des Ku Klux Klan in ihren Bettlaken. Die Frauen wichen ehrfurchtsvoll zur Seite und überließen den vermummten Feiglingen das Feld vor dem Eingang.
(Fußnote)
1 John
Steinbeck beschreibt als Augenzeuge einen solchen Auftritt der
Cheerleaders in seinem Buch "Travels With Charley". Die
Wut der weißen Meute soll am schlimmsten gewesen sein, als der
einzige Weiße, der seine kleine Tochter trotz der Aufhebung der
Rassentrennung noch in die Schule schickte, erschien.
Die sollen ruhig raufkommen, dachte Adjuna, die schnappe ich mir einzeln auf der Treppe. Aber die gespenstige Meute drohte nur mit Fäusten, Äxten und Knüppeln hinauf. Ihre Wut steigerte sich aber so sehr, daß sie ihre Äxte und Knüppel hinaufwarfen, ihre Fäuste nicht, aber Steine, die sie aufsammelten. Leider konnte keiner von ihnen so hoch werfen, daß sie Adjunas Fenster erreichten. Doch im Stockwerk darunter klirrte es ordentlich. Ob die dachten, Adjuna hätte mehrere Stockwerke gemietet? Jedenfalls war schon bald die Polizei da, um sie festzunehmen und zu entkleiden. Sie trugen unter ihren weißen Gewändern durchweg alte Klamotten, verschlissene Drillichhosen, ungewaschene Hemden, schlechtes Schuhzeug. Sie gehörten allesamt zur unteren Bevölkerungsschicht, zum tiefsten Pöbel. Sie hatten nichts mehr zu verlieren, nur noch die Farbe ihrer Haut. Ein letzter irrsinniger Stolz. Rückständigkeit und Rassenhaß. Dummheit und Unduldsamkeit. KKK.
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