Ein Augenblick war mit dem anderen nicht nur durch das verbunden, was zwischen ihnen geschah, sondern auch immer durch alle Geschehnisse der Vergangenheit, sowie der falschen und richtigen Prophezeiungen aus der jeweiligen Gegenwart. Und selbst wenn man die Kräfte zwischen Plus und Minus und die Qualen der einzelligen Vorfahren als unerhebliche, da für die menschliche Vergangenheit immer gleich, abtat, so blieb immer noch genug Vergangenheit, die sich in einen Augenblick drängte, stopfte, ihn verstopfte.
Für Adjuna hieß das, daß, als er auf die Straße trat, um sich der jetzt von der Polizei bezähmten Meute zu stellen, er nicht nur mit Menschen konfrontiert wurde, sondern mit einem komplizierten Geflecht aus archaischen Stammesvorurteilen, christlichem Religionseifer und gegenwärtigeren Vorstellungen von Wohlanständigkeit und den Gerüchten aus der Gerüchteküche.
Als er auf die Straße trat, riefen die, die das Gerücht vernommen hatten, daß er ein Schwarzer sei, der sich mit anderen schwarzen Strolchen an weißen Mädchen vergehen wolle: "Er ist ja gar nicht schwarz!" Während die, die das Gerücht vernommen hatten, er sei ein Weißer, der die Töchter seiner eigenen Rasse an Schwarze weggeben, ausliefern, verkuppeln, zum Vögeln freigeben wolle, erleichtert ausriefen: "Er ist ja gar nicht weiß!" Und auch die, die in ihm ein Maultier, einen Mischling, also den Bastard aus einer unanständigen Beziehung von weiß und schwarz, vermutet hatten, waren erleichtert.
Da keiner der Demonstranten über Bildung verfügte, erkannte keiner Adjunas indischen Ursprung, alle staunten nur, staunten, starrten und schwiegen.
Adjuna war ein Fremder, ein Fremdling, Außenseiter, jemand von outer space. Die Fähigkeit ein Chamäleon zu sein, war ihm abgegangen. Aber seine Fremdheit besaß etwas Faszinierendes. Er war nicht fremd wie die Fremden aus dem Norden, die Reisetaschler, die man nicht mochte, er war nicht fremd, wie die katholischen Wirtschaftsflüchtlinge aus Irland, die in exklusiven Kreisen eine heile, katholische Welt zelebrierten, er war allein und so fremd, daß man ihn nicht einordnen konnte. Und obwohl er nicht weiß war, wagte man es nicht, ihn als farbig einzuordnen und als minderwertig schon gar nicht, dafür war er zu groß und stark und besaß auch zu viel Würde. Wenn er seine Rassenmischung predigte, hörte alles andächtig zu. Und wenn er die Vergangenheit heraufbeschwor und all das Unglück beschrieb, daß der Rassenhaß verursacht hatte, dann
wollten die Augen nicht mehr trocken bleiben und man weinte. Und wenn er den Weißen all die Gesetze vorhielt, die den Neger zum Sklaven, zum rechtlosen Handlanger, zum Haus- und Erntengehilfen, zum Unmündigen, zur 3/5 Person gemacht hatten, und all die rechtlichen Definitionen für Farbige, von (Arkansas:) "jeder, der Negerblut in seinen Adern hat, wie wenig auch immer", über (Virginia:) "feststellbare Menge Negerblut in den Adern" (Feststellbar? Noch heute kann man am Blut nicht feststellen, ob es einem Schwarzen oder Weißen gehört.) bis zur Definition für weiß, als "keinerlei Spuren von Negerblut in den Adern" (Damals gab es noch keine Bluttransfusionen!), "nur kaukasisches Blut, oder weniger als 1/16 indianisches Blut und keinerlei anderes farbiges Blut in den Adern, 1/8 mongolisches Blut etc.",1 wenn er den Weißen das vorhielt, schämten sie sich. Die südlichen Rassegesetze waren im Gegensatz zu Hitlers Ariergesetzen wirkliche Rassengesetze. Nach Hilters Gesetzen mußten ja nur die Ururgroßeltern Christen gewesen sein, damit ihre Enkel vier Generationen später als Arier gelten konnten, also letzten Endes eine Religionsfrage.
1 Rechtliche Bestimmungen ausführlich in "Free At Last? The Civil Rigths Movement And The People Who Made It" von Fred Powledge S. 120
Religionsfragen und Rassenfragen sollten keine Fragen sein. Jeder hat für sich, was er hat. Damit hat sich's.
Es hatte sich eben nicht und würde sich nicht haben, wenn man nichts dagegen tat. Die vielen religiösen Schatten (Islam, Hinduismus, Buddhismus, Schintoistentum und Christentum) und Schattierungen wie Katholizismus, Protestantismus, Orthodoxie, Baptismus, Anabaptismus, Methodismus, Mennonismus, Swedenborgianismus, Spiritismus, Dogmatismus, Klerofaschismus, Adventurismus, Adventismus, die Weihnachtsbewegung, die Neuapostolische Bewegung, die Neugeistbewegung, altkatholische Bwg, altlutheranische Bwg, Pfingstbwg, Heiligungsbwg, Unitarier, Zeugen Jehovas, Scientologists, Mormonen und Patachonen, sie alle würden bei richtiger Beleuchtung verschwinden, das wußte Adjuna, aber das Licht anzuknipsen, das die Erleuchtung brächte, war schwer. Er hatte sich daher den farblichen Unterschieden der Haut zugewandt, die man ja nicht durch Beleuchtung unsichtbar machen konnte. Farblosigkeit hätte uns auch gerade noch gefehlt. Farblos, hieß das nicht durchsichtig? Der gläserne Mensch. Welche Monstrosität! Momus, der Gott der Nörgelei, hatte einst Jupiters Schöpfung genau aus diesem Grund unperfekt genannt. "Dein Mensch ist
unperfekt", hatte er dem konsternierten Hauptgott gesagt, "es fehlt ihm ein gläsernes Fenster. Wie sonst sollen wir Götter seine innersten Gefühle und Gedanken erkennen." Aber das war nur Bestandteil einer jener Geschichten, die sich zur Religion gemausert hatten. Der Mensch war nicht unperfekt, weil er nicht aus Glas war oder fensterlos, sondern weil er einen Defekt im Kopf hatte, der ihn spinnen ließ, und einen zweiten, der ihn genau auf den defekten Kopf einschlagen ließ, für welchen absurden Grund auch immer. Und einer dieser absurden Gründe war die Haut, oder genauer die Farbe der Haut, ihre Verschiedenfarbigkeit. Denn sonst konnte man der Haut nichts vorwerfen. Welche Farbe auch immer, sie schützte den Körper, war reißfest und dehnbar, absorbierte Licht und verbarrikadierte sich gegen Bakterien, außerdem besaß sie Sinnesrezeptoren, die den Menschen die zarten Streichelungen der Geliebten fühlen ließen, aber auch die Schläge der bösen Feinde, und so seinen Protest herausforderte, "Bis hierher und nicht weiter!" "Genug!" - und sein Wehren.
Diese Farbe der Haut, ein eigentlich unbedeutender Unterschied in der Pigmentierung, wollte Adjuna also vermischen, nicht, daß die Unterschiede dadurch verschwinden würden. Eine einzige Mischfarbe. Nein, diese Vorstellung war nur für die Naivlinge unter seinen Anhängern. Aber es würde trotzdem etwas Gutes entstehen, mehr Buntheit. Ja, man könnte fast sagen mehr Rassen. Denn Angehörige verschiedener Rassen waren, solange sie derselben Gattung angehörten, untereinander unbegrenzt zeugungs- und fortpflanzungsfähig, das hieß der Mulatte, das Wort kam aus den spanischen und bedeutete Maulesel, war gar kein Maulesel, sondern seinerseits ein voll zeugungsfähiger Mensch, der Maulesel aber, der das Produkt einer Gattenmischung war, konnte keine Maulesel zeugen; das konnten nämlich nur Pferd und Esel. Durch Rassenmischung konnten neue Rassen entstehen, wenn man genau hinsah, was man aber nicht tun sollte, da es der Gattung Mensch nicht gut tat.
Alle waren voller Lobes für Adjunas Bemühungen. Seine Bewegung wuchs. Die Zeitungen lobten Adjuna als Erlöser, der endlich das leidige Rassenproblem für immer beseitigen würde. Lokale Zeitungen stellten schon Hochrechnungen an, nach wieviel Generationen Amerika völlig gemischt sei, wenn a.) jeder einen Partner der anderen Rasse heirate, b.) jeder zweite einen solchen Partner heirate. Ähnliche Berechnungen wurden für den Rest der Welt angestellt, also der ganzen Welt. Etwas betroffen stellte man dabei fest, daß man zwar auch den Rest der Welt rassisch mischen konnte, daß es jedoch nicht für jeden einen weißen Partner geben konnte, ja, daß die weiße Rasse dabei ganz schön untergemischt wurde, so daß sie sich in einer zukünftigen Weltrasse nur durch ein ganz kleinwenig Bleiche bemerkbar mache, die meiste Helligkeit dieser Weltrasse käme von den Mongolen. Aber in der Euphorie machte einem das nichts weiter aus. Einige Ganz-Eifrige meinten sogar, der Mangel an Farbe sei eigentlich eine Schande.
Überall entstanden Büros von INTERMARRIAGE. Adjunas Helfer hatten alle Hände voll zu tun. Wer immer im heiratsfähigen Alter war und noch keinen Partner hatte, ließ sich registrieren, und am nächsten Tag schon bekam er sein date, seine Datierung, die Verabredung mit einem Anders-Rassigen. Und wenn früher solche gemischten Paare in der Öffentlichkeit immer ein bißchen zurückhaltend waren, weil es nicht gern gesehen wurden, so waren es jetzt gerade die gemischten Paare, die stolz Hand in Hand gingen oder sich auf Parkbänken knutschten. Und die reinrassigen Paare mußten mißbilligende Blicke ertragen. Nur all zu leicht wurde ihnen Rassismus unterstellt.
"Was habe ich erreicht!" brüstete sich Adjuna, als ihm seine Helfer eine Statistik reichten, nach der in den letzten Tagen mehr gemischtrassige Ehen als monorassige Ehe geschlossen worden waren. Seine Helfer versprachen, daß Verhältnis von gemischtrassigen zu reinrassigen Ehen noch zu steigern. Das große Missionswerk sei erst am Anfang.
Einige Anhänger wollten ihn gar bei der nächsten Präsidentschaftswahl als Kandidaten aufstellen. Sie meinten, nur er könne die Probleme des Landes lösen. Weiße Präsidenten hätten das Land schon zu oft an den Rand des Abgrunds gebracht und die schwarze Bevölkerung stehe nie hinter einem weißen Präsidenten, aber auch ein schwarzer Präsident sei keine Lösung. Ein Schwarzer könne auch niemals die nötige Mehrheit bekommen, da es gegenüber Schwarzen eben doch noch zu viele Vorurteile gäbe: Der eine Weiße hielt sie für unfähig, der andere fürchtete ihre Rache, und dann gab es immer noch die, die Angst vor ihrer übergroßen Potenz hatten. "Das sind alles Probleme, die man mit dir als Präsidenten nicht hätte", erklärte ein Anhänger Adjuna. Adjuna machte ein langes Gesicht.
Adjuna war auch nicht rot wie die Rothäute des Landes, sondern im Gegenteil blau. Auch das war von Vorteil. Ein rothäutiger Präsident hätte das Land vielleicht seinen Stammesbrüdern zurückgegeben. Vor den Rothäuten schauderte es den weißen Amerikanern. Auch wenn man sie fast bis zur Ausrottung dezimiert hatte, ihr Ernst, ihr Stolz, ihre Furchtlosigkeit hinterließen zusammen mit einem nicht eingestandenen schlechten Gewissen und einer falschen Idealisierung einen tiefen Eindruck, Furcht und Schaudern. Da war es gut, wenn Adjunas Haut einen bläulichen Schimmer hatte. Cyan war eine Komplementärfarbe zu rot.
Adjuna fühlte sich wie ein König, als ihm seine Anhänger die Präsidentschaftskandidatur versprachen: Endlich würde er all das machen können, was er schon immer für nötig hielt. Nicht mehr nur Ehevermittler wollte er sein, sondern der Starter, der Auslöser, der erste Beweger einer Bewegung, die ein waffenloses, kampf- und streitloses Miteinander aller Menschen ermöglichte, und das, was er immer wollte, die Menschheit von ihren Unterschieden und Antagonismen befreien, daran wollte er arbeiten, eine gemeinsame Sprache, gemeinsamen Wohlstand, Bildung und Aufklärung für alle, Freiheit für jeden, sich sein eigenes Leben einzurichten, wie er wollte, und auch seinen alten Wunschtraum wollte er verwirklichen, die sinnloseste Trennung unter den Menschen beseitigen, den schlimmsten Streitmacher und Aufhetzer der Menschen endlich zur Ruhe bringen, der Religion sollte endlich jede Einflußnahme auf das öffentliche Leben versagt werden, ihre Hetze verboten, ihre Gebete ins private Zimmerchen zum Versickern verdrängt werden. Behutsam wollte er diesmal vorgehen, er war alt genug zu wissen, daß man geduldig sein mußte.
Lange hatte er gute Miene gemacht zu den kirchlichen Trauungen mit Schleier und Predigt. Jede gemischte Ehe feierten seine Anhänger als einen persönlichen Erfolg ihres Führers. Auch half es nicht, ihnen zu sagen, daß Ehen im Herzen und nicht im Himmel geschlossen werden, und schon gar nicht in der Kirche. Der Himmel ist für die Wolken und die Kirche... naja (für den Mistplatz). Adjuna konnte ihren Enthusiasmus nicht bremsen.
Als einen besonderen Werbegag hatten sie sich jetzt ausgedacht, viele, viele Paare erst einmal in wilder Ehe zusammenleben zu lassen, um sie dann alle zusammen bei einer einzigen großen Massentrauung auch vor Gott zu trauen. Diese Massentrauung sollte so groß sei, viel größer als die Massentrauungen der Moonies, daß alle Massentrauer davor erbleichten. Alle Welt sollte davon reden. Außerdem würden wegen der Probezeit zweifellos viel mehr Paare zusammenbleiben, als bei den Trauungen der Moonies, wo die Partner per Los zusammengewürfelt wurden.
Dieses große Spektakel hatten die Anhänger heimlich als Überraschung für Adjuna vorbereitet. Wie bei den großen Massentrauungen der Vereinigungskirche e. V. hatten sie auch ein Stadion für diesen Zweck angemietet, da sie jedoch nicht wie die Anhänger der Vereinigungskirche, die in ihrem Gründer San Myung Moon den zweitwichtigsten Messias des Weltchristentums sahen, in Adjuna einen geistlichen Führer sahen, der dazu befähigt war, Ehen zu schließen, hatten sie den nächstbesten baptistischen Priester für diese Aufgabe engagiert und der ließ es sich fürstlich bezahlen, daß er vor so vielen Menschen agieren sollte. War es die Überwindung des Lampenfiebers oder des Schamgefühls, das die Sachen so teuer werden ließ? Adjuna war erbost.
Einer fragte noch ganz unschuldig, ob es denn keine Ehre sei, daß er noch vor dem Gottesmanne einige Worte an die Versammelten richten dürfe. Adjuna wurde es zuviel.
Er mußte einfach endlich mal die Gretchenfrage klären, nicht nur das, er mußte eine Situation schaffen, wo es für einen religiösen Menschen so peinlich wurde, sich zum Christentum zu bekennen, wie es für Doktor Faustus war, sich herauszureden.
Auf der Platform sagte er daher:
"Ihr, die ihr hier versammelt seid, ihr habt euch entschieden, mit dem alten Haß und dem tragischen Mißtrauen, welche zwischen den menschlichen Rassen bestehen, ein Ende zu machen, und ihr habt einem Partner, der eine andere Hautfarbe als die eure besitzt, die Hand in Liebe gereicht. Ihr habt euch entschieden, mit diesem Partner eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen. Viele von euch kennen ihren Partner schon sehr gut und leben mit ihm sogar schon zusammen. Und das ist auch gut so. Sogar richtig. Es gab jedoch eine Zeit, wo ein voreheliches Zusammenleben verpönt war, ja, die Mißbilligung sogar soweit ging, daß die empörten Mitbürger einem das Leben unmöglich machten, die Verliebten, die ihre Beziehung nicht von einem Priester hatten absegnen lassen, den ganzen Haß aller wohlanständigen Menschen zu spüren bekamen durch Anspucken auf der Straße, Nicht-Bedient-Werden in Geschäften, Verlust des Arbeitsplatzes usw. Und diese Zeit liegt nicht weit zurück, wir sind bloß gerade erst um die Ecke. Die Zeit der Ewig-Gestrigen kann uns leicht einholen, wenn wir nicht aufpassen. Wir müssen also auf der Hut sein. Wie können wir auf der Hut sein? Doch nur indem wir schnell vorangehen, immer schneller, und bei jedem Versuch der Reaktion, das Rad der Zeit zurückzudrehen, einen extra Sprung in Richtung Zukunft und Fortschritt machen. Die Reaktionären wollen French Kiss in der Öffentlichkeit als obszön verboten haben, und wir machen Liebe auf dem Rasen des Stadtparks und zeigen, daß selbst beim Geschlechtsakt unter freiem Himmel die Welt nicht untergeht, und wenn die Spießer Pornographiehefte öffentlich verbrennen, dann verbrennen wir das, was sie aufgeilt, ihre Bibel. Wir müssen aufpassen, überall lauert das Ewig-Gestrige. Es tarnt sich als Tradition und Sitte. Schöne Worte, aber immer eine schmutzige Angelegenheit, verlogene Synonyme für Rückständigkeit. Sklaverei war so eine `ehrwürdige, alte' Tradition, schwarze Jungen, die weißen Mädchen schöne Augen machen, halb- oder ganz totzuprügeln, war so eine Tradition, es war Sitte, die die Morgenandacht am Sonntag verschliefen, an den Pranger zu stellen, und denen, die am Pranger standen, die Fäkalien der Woche ins Gesicht zu kippen, war eine andere Sitte. Übrigens eine Sitte, die zusammen mit der Sitte, dem Angeprangerten Brand-, Brüh- und Schlagwunden zuzufügen, zu tödlichen Blutvergiftungen führte. Ehebrecher oder zumindest Ehebrecherinnen und die, die wie Ihr unehelich geschlechtlich verkehrt hatten, wurden gesteinigt, zumindest der weibliche Teil der Verbindung, und für ungehorsame Frauen gab es die Daumenregel, ein Gesetz, das dem Mann erlaubte, seine Frau durchzuprügeln, solange der Stock nicht dicker als sein Daumen war. Und wißt ihr, wer hinter all diesen Unmenschlichkeiten stand? Ihr wißt es: die Kirche! Sie lügt Liebe, aber sie meint das Gegenteil. Wer immer wirklich liebte, der bekam ihren Haß zu spüren. Wir haben uns hier versammelt, weil eine Sache uns einigt, nämlich die Liebe zu einem Partner einer anderen Rassen. Vor nicht all zu langer Zeit hätten wir in den Augen der Kirche eine schwere Sünde begangen. Wenn wir wirklich eine bessere Welt wollen und eine bessere Zeit für unsere Kinder, dann müssen wir der Kirche den Rücken zudrehen und allen Symbolen der Vergangenheit mißtrauen, aller Sitte und Tradition. Das heißt: keine Eheschließung, kein Ehering, er ist nur ein verkleinertes Halseisen aus dem Kerker, in dem Ehefrauen früher Sklaven waren, auch ein weißes Hochzeitskleid brauchen wir nicht mehr, es ist ein Symbol für die Reinheit der Braut, die sich dem Manne zum Besudeln bereitstellt, auf weiß sieht man Dreck ja besser, vor allen Dingen aber brauchen wir das Symbol hier nicht mehr: das Kreuz, den Kruzifick (crucifuck auf Englisch). Es ist das schlimmste Symbol aus der traurigen Vergangenheit der Menschen, das trickreichste. Und man muß wirklich auf der Hut sein. Die, die diesem Symbol dienen, die Kirchen sind wie verspätete Chamäleons, sie lügen ihre Lehre ständig um, aber bleiben dabei immer einen Schritt zurück, so überleben sie und sind doch immer Bremsklotz, denn das Umlügen machen sie so geschickt, daß sie immer noch gerade akzeptabel bleiben. Aber wenn der ganze Fortschritt zum Stocken kommt durch irgendwelche Krisen, dann werden sie schnell zu Gummibändern, die noch weiter nach rückwärts ziehen. Unterm Kreuz ist alles möglich, sogar daß man die Bibel wieder ernstnimmt, glaubt, daß wir wegen Jesus Opfertod der ewigen Verdammnis entkommen sind, die wir uns wegen irgendeinem Urururgroßmütterchen und dessen Früchtenascherei aufgehalst haben. Dann freilich hätten wir wieder die dunkelste Zeit mit Sklaverei, Unterdrückung der weiblichen Hälfte der Menschheit durch die männliche, und beide Hälften durch den Klerus und irgendwelche weltlichen Handlanger, die dann auch wieder von Gott wären, wie Paulus es lehrte, und nicht aus einer demokratischen Wahl hervorgegangen. Schlimm wäre auch sexuelle Unterdrückung, Todesstrafe für Homosexualität und Sodomie, Steinigung - wie ich schon sagte - für Untreue und Unkeuschheit, Kinder, die ihre Eltern nackt gesehen haben, würden verstoßen, wie es Abraham mit Ham machte, und da es laut Levitikus eine Sünde ist, Frauen wären nach der Geburt und während der Regel unrein, selbst das Verrichten einfacher Dinge, wie Brennholzsammeln, am Tag des Herrn wäre wieder ein todeswürdiges Verbrechen, wie es im kalten Massachusetts tatsächlich, bis uns die Unabhängigkeitserklärung die Segnung der Trennung von Staat und Kirche brachte, war. Angesichts all dieser potentiellen Gefahren stoße ich dieses Symbol hier vom Sockel. Und wahrlich, das soll ein Symbol sein für eine bessere Zukunft."
Adjuna stieß das Symbol der Christenheit vom Sockel, und spuckte noch einmal symbolisch darauf. Das Priesterchen, das man engagiert hatte, kam angelaufen und wollte es verhindern. "Und dich Lümmel...", knurrte Adjuna. Und er tat, als wollte er es packen, da beteuerte der kleine, er sei für Fortschritt. "So, dann spuck doch auch noch mal drauf!" "Ich meine, ich bin für ein fortschrittliches Christentum." Großzügig erteilte Adjuna ihm das Wort. "So, dann erklär uns das doch mal."
Das kleine Männchen, der große Umlügner, tischte jetzt all die bekannten Lügen von Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Milde, Güte, Nachsicht auf. Selbstzensur verbot es Adjuna, das Gehörte in seine Annalen mitaufzunehmen, weil es einfach nicht wahr war und relevant.
Unten, unter der Prediger-Platform auf dem Spielfeld, gab es jetzt zwei Parteien, wie es sich für einen Fußballplatz geziemte. Aber die Vehemenz, mit der die Parteien aufeinanderstürzten, war größer als beim Football-Match. Das Durcheinander war so groß, daß man nicht sagen konnte, ob das Team der Rationalen oder der Irrationalen am Siegen war. Es gab auch gar keinen Schiedsrichter, der überhaupt etwas sagen konnte. Nur eins war sicher, die Irrationalen bekamen keine Hilfe von auswärts - oder aufwärts.
Es war ironisch, daß Adjuna, der eigentlich die Menschheit hatte einigen wollen zu einem gemeinsamen Bemühen um ein besseres Los für die Menschheit, ohne daß man sich um Götter kümmerte oder in den Haaren lag, es erreicht hatte, daß selbst die, die eben noch gemeinsam heiraten wollten, sich in den Haaren lagen. Und manch Braut und Bräutigam fanden sich in verschiedenen Lagern wieder.
Die Einigkeit war dahin.
Adjuna versuchte jetzt durch eine feurige Rede, einige Spieler der gegnerischen Partei zum Überlauf zu bewegen: "Der Priester hier hat viel davon geredet, daß die religiösen Menschen viel Gutes tun, ergo bessere Menschen sind. Das ist ein alter Trick. Jedem Verbrecher unterstellt die Kirche, sein Verbrechen sei die Folge seiner Entfernung von Gott und der Kirche. Atheismus gleich Verbrechen. Manche Leute haben das schon verinnerlicht. Das ist so gemein, als wenn wir Atheisten hingingen und behaupteten, daß Menschen Christen würden, weil sie dann jede böse Tat durch Sühne und Reuebekenntnisse getilgt bekämen, lehrt das Christentum doch, auf den Glauben käme es in erster Linie drauf an, der Lebenswandel sei zweitrangig. Ein Atheist, wie gut er auch sei, käme nicht in den Himmel, der schlimmste Verbrecher, auch wenn er den Glauben erst auf dem Totenbett annehme, jedoch. Menschen, die anderen Menschen Gutes tun, tun es immer aus menschlichem Mitgefühl und für Menschen, es ist bedauerlich und Selbsterniedrigung, wenn sie sich vormachen, sie tätten es für Gott, ohne Gott seien sie zu keinerlei Mitgefühl in der Lage. Sie wären sicher auch als Atheisten wie andere Atheisten auch zu guten Taten in der Lage. Wer die Religion braucht, um gut zu sein, ist nicht gut, und tatsächlich findet man gerade unter Christen so viele fromme Leute, die ihre Güte ausbeuten und dadurch Schlechtigkeit, Haß und Unaufrichtigkeit säen. Aber kommen wir jetzt zu dem großartigen Heiland der Christenheit, dem Sohn Gottes und Opfermenschen und sein Menschenopfer, das der Begründer dieser Religion angeblich geleistet haben soll. - Aus Nächstenliebe. - Zur Erlösung der Menschheit usw. - Als ob der Gott das nicht hätte einfacher haben können. - Aber wenn wir die Bibel genau lesen, dann werden wir feststellen, daß der Wunsch, die Menschheit vom unmenschlichen Fluch der Verdammnis zu erlösen, gar nicht so groß war, wie uns die Priester vormachen wollen. Freilich, vom ersten Tag an sind die Lehren von Jesus Christus umgelogen worden, falls nicht seine Existenz ganz und gar eine Lüge ist. Populäre Legenden und die angeblichen Wunder anderer Wundermänner der Antike wurde hinzugefügt, noch bevor die Evangelien niedergeschrieben wurden. Doch einige Passagen, die sich als für die Verbreitung des Glaubens ungünstig erweisen, könnten durchaus eine gewisse Authentizität besitzen wie zum Beispiel Jesus Behauptung, daß er nur den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel geschickt wurde und andere schwer zu verkraftende Äußerungen."
Adjuna hatte die Bibel des Priesters genommen und blätterte darin. "Eine solcher schwer zu verkraftenden Äußerungen ist Jesus Antwort auf die Frage seiner Jünger: Warum redest du in Gleichnissen? Doch bevor ich euch den Grund für die Gleichnisse erkläre, möchte ich noch einmal kurz die Vorgeschichte auffrischen. Gott liebte seine Schöpfung bekanntlich so sehr, daß er nicht umhin konnte, sie zu verdammen und zur Hölle zu schicken. Bis er sich eines Tages eines anderen besann und seinen eingeborenen Sohn schickte, dem die Fähigkeit gegeben war, Menschen zu erlösen. Doch wen wollte dieser Menschensohn erlösen? Er erzählte seinen Jüngern das Gleichnis vom Sämann. 'Etliches fiel auf den Weg und die Vögel fraßen's. Etliches fiel auf das Felsige, wo es welkte und dürre ward. Etliches fiel unter die Dornen und die Dornen erstickten's. Und Etliches fiel auf gutes Land und trug Frucht, hundertfältig, sechzigfältig und dreißigfältig.' Und es war an dieser Stelle, daß die Jünger einfältig fragten: 'Warum sprichtst du in Gleichnissen zu uns?' Und wir uns fragen sollten, warum der Sämann soviel daneben warf. Die Erklärung für Jesus rätselhaftes Verhalten ist: Er wollte, daß der Segen seiner Fähigkeit, die Erlösung zu bringen, nicht jedem zugänglich war. Die Gleichnisse waren Rätsel, deren geheime Antwort nur die von ihm auserwählten und eingeweihten wußten. Jesus machte sich Sorgen, daß einige der Leute, zu denen er sprach, die er aber nicht erlöst haben wollte, seine Lehre verstehen könnten, wenn er sie nicht mit Hilfe von Gleichnissen verschleierte. Gott könnte dann, wenn diese Leute ihre Sünden bereuten, und was immer notwendig war, um das Himmelreich zu erreichen, taten, gezwungen sein, diesen Leuten zu vergeben und die Pforte zum Paradies zu öffnen. Das aber wollte Jesus nicht. Er sagt mit seinen eigenen Worten, daß er es nicht will, daß er nicht will, daß die meisten der Menschen ihre Sünden bereuen, so daß Gott gezwungen sei, ihnen zu vergeben und sie in den Exklusiv-Club `Himmel' reinzulassen, denn Jesus wollte es lieber, daß die Mehrheit der Menschheit in der Hölle briet für alle Ewigkeit. Man mag mich für unverschämt halten, weil ich so etwas über Jesus sage. Aber eigentlich sollte es für einen Christen ein Frevel sein, Jesus eigene Worte über seinen eigenen Grund für die Gleichnisse in Zweifel zu ziehen. Jesus selbst antwortete auf die Frage seiner Jünger nach dem Grund der Gleichnisse: 'Euch ist's gegeben, daß ihr die Geheimnisse des Himmelreichs verstehet, diesen aber ist's nicht gegeben. Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das noch genommen, was er hat. Darum rede ich zu den Leuten in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es auch nicht. Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt: Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. Denn dieses Volkes Herz ist verstockt (worden), und ihre Ohren hören übel (schlecht), ihre Augen schlummern, auf daß (damit) sie nicht etwa mit ihren Augen sehen und mit ihren Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen hülfe (Erlösung zu erlangen und ins Paradies einzugehen). Aber selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören. Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr sehet, und haben's nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben's nicht gehört.'1"
1 Matth. 13, 10-17
Adjuna hörte auf, aus der Bibel vorzulesen, und sah auf. Viele waren da, die hatten's gehört, aber es war ihnen nicht gegeben, es zu verstehen, denn zum Verstehen gehörte ein Hirn, gehörte Verstand.
Wem Verstand gegeben war, dem wurde auch mehr Verstehen gegeben. Wem aber der Verstand genommen ward, dem wurde auch das Verstehen
genommen. Es blieb ihm jedoch die Religion als Trostpreis.
Und unten im Publikum war manch einer, der dachte: "Herr Gott, ich danke dir für meine Ignoranz." Während andere vielleicht dachten: "Herrgottnochmal, die Religion ist doch Unsinn! Warum nimmt der Atheist da vorn sie so ernst!" Wieder andere dachten vielleicht: "Die Wahrheit ist nur dem zugänglich, der intelligent ist. Wie können wir die Intelligenz der Menschen steigern?"
Adjuna sprach weiter: "Jesus hatte schon bei einer früheren Gelegenheit Gott seinen Dank dafür, daß er die Wahrheit verborgen hatte, empor gerufen. Ich zitiere: 'Ich preise dich, oh Vater, Lord über Himmel und Erden, daß du diese Dinge den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart!' Jesus gibt weiter an: 'Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn, denn nur der Vater; und niemand kennt den Vater denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren.1' Womit - wie wir ja gesehen haben -
nicht jeder gemeint war.
1 Matth. 11, 25 und 27
Jesus verspricht dann noch weiter, all die, die mühselig und beladen sind, zu erquicken, hält sich selbst für sanftmütig und demütig, behauptet, sein Joch sei sanft, seine Last leicht, und doch ist er zwei Kapitel später, wie wir gesehen haben, nicht bereit, Klartext zu reden, damit ihn jeder versteht, sondern verschleiert seine Lehre mit der abstoßenden Begründung, sie nur seiner Elite zugänglich zu machen. Priester haben uns immer wieder erzählt, diese Gott/Mensch-Mischung Jesus wäre von so unendlicher Süße und Liebenswürdigkeit gewesen. Er habe als Erster in der Menschheitsgeschichte Hoffnung gebracht. Er habe Erlösung quasi
gratis verteilt. Er habe eine großartige Moral gepredigt, Nächstenliebe und Mitleid mit allen Mitmenschen. Nicht nur habe er die Vaterschaft Gottes für sich in Anspruch genommen, wie übrigens andere vor ihm von jungfräulichen Dirnen geborene Erlöser auch, sondern er habe die Vaterschaft Gottes allen nähergebracht usw. Keinerlei Schlechtigkeit wird ihm unterstellt und doch sehen wir, wenn wir genau hinsehen, eine Menge Schlechtigkeit, wie das eben erwähnte Geizen mit seiner Erlösungslehre, aber das ist nicht alles; er geizt noch mehr. Das war, nachdem er sich mit den Pharisäern und Schriftgelehrten angelegt hatte und sein tiefes Wissen um Bazillen und andere Krankheitserreger sowie Anatomie offenbart hatte: 'Was zum Mund eingeht, das macht den Menschen nicht unrein, sondern was zum Mund ausgeht, das macht den Menschen unrein.'1
1 Matth. 15, 11
Eine Deutung lieferte er zu diesem Gleichnis gleich mit: 'Merket ihr noch nicht, daß alles, was zum Munde eingeht, das geht in den Bauch und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsch Zeugnis, Lästerung.'2
2 Matth. 15, 17 und 18
Religion hatte er bei dieser Aufzählung von Monstrositäten vergessen. Auf jeden Fall verließ Jesus angewidert die Hände waschenden Pharisäer und Schriftgelehrten und begab sich ungewaschen in die Gegend von Tyrus und Sidon. Da wurde er von einer Frau aus Kanaan belästigt. Diese Frau lief ihm nach und schrie: 'Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich mein! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.' Er antwortete ihr nicht ein einziges Wort. Ihr Bitten ging aber den Jüngern so an die Nerven, daß sie Jesus baten, doch etwas zu tun. 'Nun mach doch schon und heil ihre verdammte Tochter, damit wir endlich wieder unsere Ruhe haben.' Und was antwortete unser Menschenfreund von einem Messias da? Statt die bösen Geister auszutreiben, was er ja angeblich mit links hätte machen können, erklärte er: 'Ich bin nur gesandt den verlorenen Schafen des Hauses Israel.'1 Und als die Frau vor ihm niederfiel und jammerte: 'Oh Herr, hilf mir!' Da fügte er noch hinzu: 'Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.'2 Das hört sich doch sehr rassistisch an.
1 Matth. 15, 24 2 Matth. 15, 26
Da wir hier, die wir hier versammelt sind, Anti-Rassisten sind, sollten wir diese Religion, die einen so rassistischen Religionsstifter hatte, bekämpfen. Es spielt dabei gar keine Rolle, daß die meisten Priester der Gegenwart den Jesus umgelogen haben in eine Allegorie für perfekte Liebe. Solange Christus angebetet wird, besteht die Gefahr, daß der grausame, intolerante Aspekt dieser Figur wieder durchkommt. Das Ironische an der ganzen Sache ist natürlich, daß es all die grausamen Verfolgungen von Andersgläubigen und all die Foltern und Morde an den Zweiflern am Worte des Herrn und all das dumme Beten der Christen nie hätte geben dürfen, denn der große Widerspruch ist doch, daß sie selbst nicht Jesus Worte ernstnehmen. Wenn die Christen je hätten Christus Worte ernstgenommen, wenn sie je geglaubt hätten, daß das, was er sagt, die Wahrheit ist, sie hätten nie ihre Kirchen bauen dürfen, nie Missionsarbeit treiben dürfen, nie verfolgen dürfen. Denn ihr Christus hat in so vielen Worten gesagt, daß er nur gesandt wurde, um Juden zu retten. Er wiederholt es immer wieder: 'Gehet nicht auf der Gojim Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.'3
3 Matth. 10, 5 und 6
Und er verspricht, daß er die zwölf Apostel, also auch Judas, auf zwölf Throne setzen wird, um über die zwölf Stämme der Juden zu richten.1 Und trotzdem plappern Millionen von Nicht-Juden davon, daß Jesus kam, um die ganze Menschheit zu erlösen. Dieser exklusive Erlöser wurde bestenfalls, wenn man seinen eigenen Aussagen Glauben schenkt und ihn nicht gleich ganz als Spinner abtut, ein paar Elitemenschen, nämlich Juden, gesandt, um sie von einem Fluch ihres Exklusiv-Vaters, der nur sie betraf, zu erlösen. Aber selbst diese Aufgabe erfüllte er nicht. Er weist seine Jünger an, nein, er bedroht sie sogar, daß sie niemandem sagen sollen, daß er Jesus der Christus sei.2 War das fair? Das war Versteckspielen, Täuschung. Und was war als nächstes mit Jesus? Seine Aussagen werden immer verwirrender und widersprüchlicher. Er nimmt sich eines kleinen Kindes an, wie es unsere Politiker auch so gerne tun, und sagt seinen Leuten, sie sollen wie die kleinen Kinder werden, sonst werden sie nicht in das Himmelreich kommen. 'Nur wer sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.'2 Je niedriger, desto größer? Der Niedrigste ist der Größte? Welche praktische Bedeutung konnte es für die Fischer und die anderen Männer seiner Zuhörerschaft haben, sich darum zu bemühen, einem Kleinkind so ähnlich wie möglich zu werden? Jesus spricht dann noch vom Mühlstein-um-den-Hals-Hängen und im-Meer-Ersäufen, vom Hand-Abhacken und Fuß-Abhacken, vom Auge-Ausreißen und vom höllischen Feuer. Kindisch, nicht wahr? Zum Glück waren nur wenige so blauäugig, diese Ratschläge zu befolgen. 'Sehet zu, daß ihr die Kleinkinder nicht verachtet. Denn ich sage euch, die Engel der Kleinkinder im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.'3 Was nützt das den Kleinkindern, wenn der Vater selbst kindisch geworden ist und seinen Beruf vernachlässigt?
1 Matth. 19, 28 2 Matth. 18, 4 3 Matth. 18, 10
Anschließend sagt Jesus dann noch ein bißchen zusammenhanglos: 'Denn des Menschen Sohn ist gekommen, selig zu machen, was verloren ist.'1 Es folgt dann die Geschichte vom verlorenen Schaf und dem dummen Schäfer, der wirtschaftlichen Ruin riskiert. Es folgt die Anweisung an Petrus 490mal zu vergeben. Dann kommt das Scheidungsverbot. 'Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.'2 Sie sind nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Als ob man ihn nicht wieder rausziehen kann! Ehebruch ist sein nächstes großes Thema - und Ehelosigkeit, was der fromme Origenes so verstand, daß er sich zackbumm das Geläut abhacken solle. Die Kastration.
1 Matth. 18, 11 2 Matth 19, 6
Wieder Kinder. Wieder Gleichnisse. 'Die Ersten werden die Letzten sein.'3 Gilt das auch für Päpste und Bischöfe? Mehr Gleichnisse", sagte Adjuna im Weiterblättern.
3 Matth. 19, 30
"Jesus Äußerungen sind nichts anderes als Gleichnisse, Rätsel, aber sie sind nicht das einzige Rätselhafte an Jesus, sein ganzer Charakter ist ein Rätsel, seine Lebensgeschichte ist ein Rätsel. Die ältesten Handschriften über ihn sind rätselhaft. Übersetzer können sich nicht einigen, wie sie zu übersetzen und zu verstehen sind. Würde der Schreiber eines Kreuzworträtsels solche widersprüchlichen Rätsel schreiben, würde er von der Redaktion seiner Zeitung gefeuert werden, aber die Priester, die werden angefeuert bei dem Blödsinn, der in der Bibel steht, besonders feuern die Gleichnisse sie an trotz der großen Verwirrung, die wegen der Gleichnisse und ihrer Bedeutungen besteht. Sie suchen sich halt das heraus, was gerade paßt, ihnen gerade paßt. Wenn die Gleichnisse auch unklar sind, eines an ihnen ist klar, das Schrecklichste von allem, nämlich, daß sie Hindernisse sind, die von Jesus absichtlich in den Weg deren gelegt wurden, die gerne zur himmlischen Wahrheit zugelassen werden würden, aber von Gottessohn ausgeschlossen werden sollten. Diese Wahrheit wird von den Priestern unterschlagen. Es wird auch unterschlagen, daß der Gott Jahwe seinen Geschöpfen furchtbar feindlich gesonnen war. Er liebte den blutigen Geruch der geopferten Tiere und geschlachteten Feinde. Nie zeigte er Interesse daran, andere Völker zum Glauben an sich zu bekehren. Da war er ganz fair. Die anderen Götter hatten ihre Gläubigen, er hatte seine. Sauer wurde er erst, wenn sie sein Territorium betraten. Biologen bezeichnen so etwas als Revierverhalten. Freilich manchmal betrat er ihres, aber nicht um zu bekehren, sondern um zu rauben und zu morden. Beuteverhalten. Das artete manchmal in ziemlich große Massaker aus, wobei nicht nur alle Männer, sondern auch alle Frauen und Kinder und das Viehzeug bei umgebracht wurde, aber nie wurde von den Opfern verlangt, sich zum Jahwe zu bekennen. Und wenn seine Zauberer die Zauberer anderer Götter austricksten, so geschah das auch nicht, um zu bekehren, sondern um zu demütigen und lächerlich zu machen. Bekehren stand nie auf Jahwes Plan und auch nicht auf Jesus Plan. Jesus kam nicht, um zu bekehren, sondern um auszuwählen. Seine Parabeln sind eine Art Schibboleth, eine Art Losung, wie die geheimen Erkennungszeichen der Logen. Die Idee mit den Parabeln, die den Eingeweihten den Zugang zum Himmel ermöglichten, war nicht so originell. Jahwe und Jesus hatten sie wahrscheinlich von Jephthah. Denn Jephthah und seine Männer aus Gilead hatten wie der Pfortensteher am Himmel das Problem, das sie nicht am Gesicht erkennen konnten, wen sie durchlassen sollten und wen nicht. Das kam so: Jephthah, ein Mann von großem Heldenmut und Sohn einer Hure, hatte wider die Ammoniter, östliche Verwandtschaft der Israeliten, Nachkommen von Lot's Inzestbeziehung mit seiner ältesten Tochter, gestritten. Durch Bestechung hatte er auch gesiegt. Nämlich hatte er Jahwe im Falle seines Sieges versprochen: 'Was immer als erstes zu meiner Haustür rauskommt, das soll des Herrn sein und ich will es dem Herrn zum Brandopfer opfern.'1
1 Richter 11, 31
Jahwe hatte ihn siegen lassen. Japhthah hatte die Ammoniter auf ganzer Linie abschlachten können, zwanzig Städte lagen in Schutt und Asche. Triumphierend zog er heim. Da Jahwe aber für den Sieg nicht billig bezahlt werden wollte, schubste er Japhthahs einzige Tochter als erstes zur Tür heraus. Um sich den Spaß perfekt zu machen, ließ er das Mädchen seinem Vater fröhlich mit Pauken und Reigen entgegen ziehen. Japhthah, der zweifellos gedacht hatte, ein Pferd, eine Kuh oder einen Sklaven zuerst zu treffen, zerriß sich verzweifelt die Kleider. Das Mädchen, es war ein braves Kind, sagte zu seinem Vater, als es von dessen Gelübte hörte, daß er es auf jedem Fall halten müsse, wo doch der Herr ihm so gut getan hatte. Nur wolle sie für zwei Monate in den Bergen ihre Jungfernschaft beweinen. Dem keuschen Mädchen tat es leid, daß es sterben sollte, ohne die Extase der geschlechtlichen Vereinigung kennengelernt zu haben. Wahrlich ein großer Verlust. Zwei Monate darum zu weinen, scheint angebracht. Nach zwei Monaten kam sie zurück, immer noch eine Jungfrau, und ihr Vater briet sie auf dem Opferaltar. Dieses Mal änderte Jahwe nicht seine Meinung wie beim guten, alten Abraham, als der seinen Sohn Isaak zubereitete. Damals hatte er sich mit einem Widder zufrieden gegeben, aber diesmal wollte er den richtigen Duft eines gebratenen, jungfräulichen Mädchens schnüffeln. Dieser Wohlgeruch dieses einen jungfräulichen Mädchens war wunderbar, viel besser als die Gerüche aller Leichen aus allen bisherigen Kriegen. Als Atheist sage ich natürlich, der Tod dieses einen Mädchens ist nichts, verglichen mit all den Abermillionen Toten, die als Folge des christlichen Wahnsinns starben. Tatsächlich hatte Christus seine Nüster durch den Wahnsinn, den er in die Welt setzte, gut mit dem Duft verbrannten Fleisches versorgt. Ob ihm wohl die Brandgerüche all der unschuldigen Männer, Frauen und Kinder, die die Inquisition über gelindem Feuer erst in ihren Folterkellern anbrieten und dann auf dem Scheiterhaufen lichterloh zur Ehre der Heiligen Dreieinigkeit verbrannten, mundeten, ob sich seine Augen weideten an den Abermillionen auf den Leichenfeldern der christlichsten Kriege, ob ihm die Morde des Ku Klux Klans pittoresk erschienen, ob ein Atombombenabwurf auf eine Stadt ein Festmal für ihn ist, ob sich zu Tode windende Menschen ihn erheiterten, ob er in den Seuchen steckt? Man muß es doch annehmen. Wie der Vater, so der Sohn. Und verhindert wurden die Greuel ja nicht. Und Krankheiten werden erst neuerdings mit zunehmender Unfrömmigkeit durch moderne Medizin geheilt, was ja zuerst auch vom Klerus als Freveltat gegen Gott verdammt wurde. Aber wir waren ja bei Japhthah, dem Bratkoch, der seine eigene Tochter briet. Dieser Japhthah hatte wenig später Streit mit der westlich vom Jordan lebenden Verwandtschaft, den Ephraimitern, die zuhauf in sein Territorium eingedrungen waren. Japhthah siegte wieder. Aber die im Kampf gefallenen Ephraimiter waren ihm nicht genug. Er wollte auch noch die Flüchtigen umgebracht haben. Dafür ließ er die Furten des Jordans von seinen Leuten besetzen. Wenn nun die Flüchtigen Ephraims kamen und sprachen: Laß mich hinüber! so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein! hießen sie ihn sprechen: Schibboleth; so sprach er: Siboleth und konnte es nicht recht reden; alsdann griffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans, daß zu der Zeit von denen von Ephraim 42 000 fielen.1 Ein ordentliches Tagewerk, wenn man bedenkt, daß die USA während des ganzen Zweiten Weltkriegs auch nicht mehr Todesopfer zu beklagen hatte.
1 Richter 12, 5 und 6
Jesus benutzte seine Parabeln ähnlich wie Japhthah das Wort Schibboleth. Nur Japhthah ließ die, die den Test nicht bestanden, totschlagen, Jesus aber möchte die, die nicht bestehen, auf heißen Kohlen ewig leben lassen.
Das mag sich alles unverschämt und furchtbar anhören. Aber werft das nicht mir vor, werft, wenn ihr gläubige Christen seid, es eurem Gott und seinem Söhnchen vor. Es ist unmenschlich und grausam, was die Bibel beschreibt, und auch, was sie von uns verlangt. Aber die ganze Schöpfung ist grausam und voller Leiden. Aber bei aller Grausamkeit und Fehlerhaftigkeit auf dieser Welt, für die man einen allmächtigen Gott zur Verantwortung ziehen müßte, bei all den Leiden, die Tiere, Menschen und Viren auf dieser Welt verursachen, gibt es eine Entschuldigung für Gott. Diese Entschuldigung lautet: Gott existiert nicht. Und auch für all die besonderen Grausamkeiten, wie wir sie in der Bibel finden, und wie sie seitdem in seinem Namen begangen wurden, also für all die Grausamkeiten, die speziell von Gott angeordnet wurden, gilt diese Entschuldigung. Wer immer mit Gott ins Zwiegespräch kam, ob Jesus oder Japhthah, der führte in Wirklichkeit ein Selbstgespräch. Gott existiert nicht. Die Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden, hat der Mensch selbst zu verantworten. Und die anderen Leiden, wie Krankheiten, Epidemien, Seuchen sind die Folge des natürlichen Bedürfnisses organischer Entitäten, Viren und Bakterien, sich auszubreiten, Naturkatastrophen haben natürliche Ursachen, Altern und Tod sind das natürliche Auslaufen der Lebensenergie. Das ist alles. Krieg und Mord jedoch sind nie Schicksal oder göttliche Heimsuchungen, sondern haben immer menschliche Ursachen."
Aber für Adjuna war das noch nicht alles. Er sah, die Sonntagschule hatte bei vielen ein tiefes Werk hinterlassen. Menschenwerk.
Adjuna erhob daher noch einmal seine Stimme: "Ihr, die ihr mich von da unten, so bekehrt und fromm anfeindet, laßt es mich noch einmal sagen, es war nie Jesus Absicht, daß ihr bekehrt werdet. Er sprach in Gleichnissen um eine Bekehrung der Massen zu verhindern! Er sagt es immer wieder! Hier. Markus 4, 33: 'Und durch viele solche Gleichnisse sagte er dem Volke das Wort, wie sie es zu hören vermochten. Und ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen; aber wenn sie allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus.' Immer wieder spricht er vom Ausgewähltsein, und wer seine Familie nicht im Stich läßt, oder wer reich ist, der hat von vorne herein keine Chance1 zu den Auserwählten zu gehören.
1 z. B. Lukas 18
In Gleichnissen zu sprechen, ist eine Sache, die Bibel in einer altertümelnden, verdrehten Sprache zu schreiben, ist eine andere, beides dient der Verwirrung und schadet den Menschen. Zu Jesus Zeiten war es die Absicht Jesu, die vermeintliche Erlösung, die die Kenntnis um die wahre Lehre Jesu unvermeidlich mit sich brachte, zu verhindern; in der heutigen Zeit verhindert die unklare, für die Gegenwart schwer verständliche Sprache eine andere Art von Erlösung, die Erlösung vom Glauben schlechthin. Ich will daher noch einmal klar und deutlich und mit der Logik eines modernen Menschen zu Euch sprechen. Und ich will sehen, ob nicht auch dem letzten die Schuppen von den Augen fallen. Zuerst einmal ist da die heilige Dreieinigkeit mit all ihrer Ausstaffierung, all ihrer Implementierung und ihrer Implikation. Und jetzt paßt auf! Es kommt ein Stück formale Logik. Vater, Sohn und heiliger Geist sind gleich. Den Geist klammern wir mal aus. Mit dem Geist können wir nichts anfangen. Wir können nur feststellen, daß er nicht einmal über einen mittelmäßigen Verstand verfügt. Es bleiben uns also Vater und Sohn, Jahwe und Jesus. Wenn A = B = C oder meinetwegen V = S = G, heilige Dreieinigkeit, dann ist die Aussage A = B oder V = S, heilige Dreieinigkeit reduziert auf heilige Zweieinigkeit auch richtig. Also die Aussage: Der Vater ist gleich der Sohn, oder Vater und Sohn sind das Selbe, also ein und dieselbe Person, diese Aussage ist im Jahwe-Jesus-Zusammenhang richtig. Wenn Jahwe also Jesus Mutter schwängert, schwängert Jesus seine eigene Mutter, da er ja mit Jahwe identisch ist. Eine Inzestbeziehung vergleichbar mit der des Ödipus. Oder noch schlimmer! Wir haben es hier mit einer fragwürdigen Existenz zu tun, die offensichtlich ihr eigener Vater und ihr eigener Sohn ist, und laut manch einem theologischen, sprich: unlogischen Verwirrspiel auch die eigene Mutter und eine ganze Menge anderer Dinge. Aber das soll uns nicht weiter stören. Wir machen weiter mit unseren Logikschlüssen. Wenn Jesus Gott ist, dann hat er Selbstmord begangen, indem er sich selbst in den Kreuztod schickte, um seiner eigenen Auffassung von Gerechtigkeit genüge zu tun. Auch das mag eine Parabel sein. Das Wort Parabel kommt aus dem Griechischen und heißt das Nebeneinanderwerfen, das Wort Durcheinanderwerfen hätte besser gepaßt. In der Mathematik ist eine Parabel etwas Krummes. Und wahrlich, mit einer krummen Geschichte haben wir es bei der biblischen Geschichte zu tun. Jahwe beging jedes Verbrechen in gigantischem Ausmaß. Jesus, sein Sohn und Selbst, kommt auf die Erde und verfolgt praktisch die gleiche Politik. Er betont ausdrücklich: Ich bin nur gekommen, um einige wenige Juden zu retten. Die anderen sind Hunde für mich. Ich werfe ihnen ein paar chiffrierte Testfragen vor, die werden sie nicht knacken können, an denen werden sie durchdrehen, aber das sollen sie ruhig, das macht mir nichts aus, das ist sogar gut so. Unter meinen Auserwählten habe ich einen Kumpel, der wird mich verraten. Trotzdem habe ich ihm versprochen, ihn im Himmel auf einen Thron zu setzen. Meine Landsleute habe ich so verwirrt, daß sie mich, obwohl ich ihnen immer wieder demonstriert habe, daß ich Kranke, Blinde und Verrückte heilen und sogar die Toten auferwecken kann, kreuzigen werden. Ich habe eine Botschaft, die ist so absonderlich, daß ich sie lieber zwischen den Zeilen von Kurzgeschichten verstecke, als daß ich sie offen sage. Warum ich das tue? Wenn ich Klartext spreche, werden eine Unmenge von Sünder meine Botschaft vom Himmelreich verstehen, ihre Taten bereuen, sich bessern, und dann wird mein Vater im Himmel ihnen bedauerlicherweise vergeben müssen. Eine der rätselhaftesten Mysterien meiner Lehre ist zweifellos, daß wir, mein Vater und ich, die Leute immer wieder aufforderten einander zu vergeben, bis zu siebzigmal und siebenmal siebzig und noch öfter, und wir selbst vergeben, wenn man von den ganz wenigen Auserwählten mal absieht, niemandem. Niemals. Dafür haben wir die Hölle gebaut, ein Ort, den ich sehr anschaulich in der Parabel vom reichen Mann und vom armen Lazarus beschrieben habe.1
1 Lukas 16, 19-31
In dem Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus beschreibe ich einen Mann, der das unverzeihliche Verbrechen begangen hat, sich gut zu kleiden und gut zu essen. Dieser Mann war jedoch auch wohltätig, aber reiche Leute, egal wie wohltätig sie sind, können nicht in den Himmel kommen. Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in den Himmel kommt.1 Reiche Leute wie Rockefeller2 sind gut genug, wenn sie Kirchen bauen und der Kirche Geld spenden, aber ins Himmelreich, nein, da lassen wir sie nicht rein. Also, in meinem Gleichnis nun, da gab es noch einen Bettler, der hieß Lazarus. Der Himmel liebte ihn, da er weder säte noch erntete3, weder spann noch webte4. Außer vor der Tür des reichen Mannes herumzuliegen, tat er überhaupt nichts. Er war zu faul, etwas zu tun, zu faul, sich zu waschen, ja, sogar zu faul, sich zu kratzen. Er lungerte bloß vor der Tür des reichen Mannes herum und wartete auf die Almosen, die vom Tische des reichen Mannes abfielen, und ab und zu ließ er sich von den Hunden des reichen Mannes seine Geschwüre, die er wegen seiner mangelhaften körperlichen Hygiene bekommen hatte, lecken. Als Lazarus nun starb, kamen die Engel und hoben ihn auf und trugen ihn in den Himmel, in Abrahams Schoß. Abraham kennt ihr doch alle, oder? Das war dieser nette, alte Gentleman, der bereit war, sein Söhnchen zu braten, und der seine Frau zweimal für Geld auslieh, indem er so tat, als sei sie seine Schwester. Geschäftstüchtig, was? Er ist einer der wenigen reichen Leute, die es geschafft haben, da oben reinzukommen. Eines der schönsten Plätze im Himmel sind die Balkonplätze, von denen man hinunterschauen kann direkt in die Hölle und das Geheul hören kann. Der gute Lazarus saß gerade erst auf Abrahams Schoß, da schaute er auch schon hinunter. Und wen sah er da als ersten? Den reichen Mann, von dessen Almosen er gelebt hatte, und dessen Hunde seinem stinkenden Körper die einzige Reinigung, die er je bekam, gegeben hatten. Der reiche Mann in seiner Qual blickte auf zu Abraham und sah Lazarus auf Abrahams Schoß sitzen und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er seine Fingerspitze ins Wasser tauche und kühle meine Zunge, denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Bedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus aber hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und außerdem ist zwischen uns und euch eine große Kluft, daß die, die da wollten von hier hinüber zu euch, es nicht könnten, und auch nicht die, die von euch zu uns herüberwollten. Da sprach der reiche Mann: So bitte ich dich, Vater, daß du Lazarus sendest zu meines Vaters Haus, denn ich habe noch fünf Brüder, daß er sie warne, auf daß sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham aber sprach: Sie haben Moses und die Propheten; laß sie dieselben hören. Der reiche Mann aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Vater Abraham aber sprach zu ihm: Hören sie Moses und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufstünde. Und damit war der Fall erledigt. Der reiche Mann und die anderen in der Hölle litten weiter. Abraham, Lazarus und die andern Himmelsbewohner genossen weiter die gute Aussicht."
1 Lukas 18, 25; Markus 10, 25; Matth. 19, 24.
2 John D. Rockefeller, Jr. (1874-1960), Sohn des ersten amerikanischen Billionärs, war ein Sonntagsschulaktivist und spendete allein der Northern Baptist Church $ 4 000 000, er spendete auch anderen christlichen Konfessionen große Summen, einschließlich der römisch-katholischen Kirche.
3 Lukas 12, 24
4 Lukas 12, 27
Adjuna hörte auf, im affigen Tonfall eines Heilandes oder frommen Heiligen zu sprechen. Die Jesus-Schauspielerei mit der hochgestimmten, unmännlichen, albernkindischen Kinderchorstimme hatte seine Stimmbänder so strapaziert, daß er jetzt in einer unnatürlich tiefen, rauhen und unreinen Stimmlage weitersprechen mußte, - als hätte er ein Geschwür im Kehlkopf.
Adjuna zog die Schlußfolgerung aus dem Bishergesagten: "Es scheint also, daß unser himmlicher Vater uns einfach foltern muß. Er kann nicht anders. Wenn nicht hier, dann da. Er kann seine liebenden Pfoten einfach nicht von uns lassen. Irgendwo muß er uns das Leben zur Hölle machen. Einige Up-to-date-Priester haben die Hölle als unpopulär aus dem christlichen Glaubensbekenntnis gestrichen. Mit welchem Recht eigentlich, wo Jesus so ein anschauliches Bild von der Hölle hinterlassen hat? Sein Mann in den Flammen bittet nur um die Linderung durch angefeuchtete Finger, und selbst das wird ihm verweigert. Jesus predigt Höllenfeuer absolut, ewiglich und ohne Gnaden. Wir hören von keiner bösen Tat, die der reiche Mann begangen hat, nur daß er reich war. Aber das waren andere auch: der unbeschreiblich abscheuliche Zuhälter Abraham zum Beispiel, oder der furchtbar geile, lüsterne Verräter und Mörder David, oder der abnorme Satyromane Salomon mit seiner übergroßen Frauenkollektion. Er hatte 700 Weiber zu Frauen und 300 Krebsweiber!1
1 1. Könige 11, 3
Sie alle waren reich und trotzdem spielen sie Hauptrollen im Himmelreich. Keiner der Bewohner des himmlischen Reiches ließ sich je die paradiesischen Freuden durch Mitleid mit der großen Masse der Bevölkerung der Hölle verderben. Weder legte Lazarus Fürbitte für den reichen Mann, von dessen Almosen er gelebt hatte, ein, noch rührt Jesus irgendeinen Finger. Sie genießen das gute Leben, das Leiden der Höllenbewohner ist ihnen gleichgültig, vergleichbar dem Nazi-Aufsichtspersonal vom KZ-Auschwitz.1
1 vgl. "Schöne Zeiten" von Ernst Klee, Willi Dressen und Volker Riess.
Eigentlich sind Jesus und seine Auserwählten schlimmer als der Einhodige und seine Komplicen, denn ihre Freuden sind größer, und die Leiden in der Hölle sind es auch. Wie gerne würden die Insassen der Hölle mit den Insassen von Vernichtungslagern tauschen! Sie sehnen sich nach einem Ende ihrer Qualen, wie sich Männer und Frauen, die in die Hände der christlichen Inquisition gerieten, nach dem Tod sehnten. Aber ihre Qualen sollen unendlich sein. Gott und Jesus sind unbarmherzig. Nur der Jungfrau Maria sagt man nach, daß sie ab und zu mal Leute, die sie übertrieben gelobt hatten, aus der Hölle holte, übrigens ganz unabhängig davon, wie gemein diese Schmeichler im Leben waren. Selbst Gotteslästerer sollen darunter gewesen sein! Natürlich hatte Maria jedes Mal, wenn sie einen aus den Flammen zog, den schönsten Familienkrach mit ihrem Männe und ihrem Söhnchen, denen das nie recht war.2
2 vgl. "The Book of 110 Miracles by Our Lady Mary" von Ernest Alfred Thompson Wallis Budge (1857-1934), englischer Archeologe.
Die Moral von Jesus Gleichnissen ist fragwürdig. Nehmen wir das Gleichnis von dem Jungen, der in die Stadt zog und dort ein wildes Leben führte, bis er pleite war. Als er zurück nach Haus kam, gab ihm sein Vater nur vom Besten, während der treue, fleißig arbeitende Bruder einen Rüffel bekam.3
3 Lukas 15, 11 - 32
Die Moral dieser Geschichte ist so verblüffend wie die Moral von Japhthahs Tochter, die in die Berge zog, um zu beweinen, daß sie nicht tat, was der verlorene Sohn tat. - Die wichtigste Tatsache, der man als gläubiger Christ nicht ausweichen kann, ist, daß wenn man überhaupt an Christus glaubt, dann muß man auch an seine Worte glauben, wie sie im Neuen Testament stehen, denn, wenn man das nicht tut, dann hängt die ganze Erlöserfigur Jesus ja ganz haltlos in der Luft, dann hätte man ein noch wackeligeres Luftschloß gebaut, als das Christentum ohnehin schon ist, dann könnte man sich eigentlich genauso gut selbst auf den Thron dieses Luftschlosses fantasieren. Also es geht nicht. Als gläubiger Christ muß man ehrlicherweise - und natürlich auch zur eigenen Sicherheit - zugeben, daß das, was Jesus sagt, richtig ist und nicht bezweifelt werden darf, nämlich, daß er nur kam, um ein paar wenige Juden zu retten, daß er seine Lehre absichtlich verschleiert hat, damit man sie nicht versteht - was ihm übrigens ausgezeichnet gelungen ist - und daß all die Massen der Nicht-Auserwählten für ewig unendliche Agonie erleiden werden, bloß weil dem Jesus das so paßt. Jesus hatte versprochen, daß er noch zu den Lebzeiten deren, die ihn kannten, zurückkommen werde, und seine Jünger hatten schon damals das Ende der Tage erwartet, aber er muß seine Meinung geändert haben, denn er ist immer noch nicht da. Wir können uns freilich unsere Chancen beim Jüngsten Gericht ausrechnen. In der Offenbarung heißt es deutlich, daß es 144 000 sein werden, die auf dem Berg Zion erlöst werden. Unsere Chancen stehen also schlecht, bald sind wir sechs Millarden Menschen auf der Welt und in zehn Jahren kommt noch eine Milliarde hinzu und so weiter. Unsere Chancen werden immer schlechter und besonders, wenn man auf fromme Priester hört und weder verhütet noch abtreibt. Bald stehen unsere Chancen, wenn man bedenkt, wer alles schon vor uns gelebt hat, nicht einmal mehr 1 zu 100 000. Aber eins ist sicher: Alle, die erlöst werden, wenn Jesus das neue Jerusalem herunterläßt, werden Juden sein. Denn die Stadt hat nur zwölf Tore, und jedes Tor ist reserviert für einen der zwölf Stämme Israels.1
1 Offenbarung 16,12
Die große Mehrheit von Gottes auserwähltem Volke wird nicht auserwählt werden. Und der Rest von uns ist ein für allemal verloren, trotz zweitausendjähriger Anbetung und all der Milliarden Dollar, die wir für Kirchen, Kerzenrauch und Beweihräucherung ausgegeben haben. Die Geschichte der Bibelauslegung von den ersten Tagen an bis zur Gegenwart zeigt kaum irgendwo so große Verwirrung, so immense Variationen der Auslegung wie im Fall der Gleichnisse.1 Und so sollte es auch sein. Jesus sagte ja selbst: Der Grund für die Gleichnisse ist, Verwirrung zu stiften. Ihr, Christen, müßt also entweder aufhören, an Christus als einen gütigen Erlöser, der sich selbst für die Menschheit geopfert hat, zu glauben, oder ihr müßt aufhören, an die Evangelien, also den einzigen Berichten von Christus, zu glauben. Wenn ihr aber aufhört, den Evangelien zu glauben, dann müßt ihr auch aufhören, an Christus zu glauben, denn der Glaube an Christus baut ja ausschließlich auf den Evangelien auf. Wenn ihr es aber zulaßt, daß man euch nur mit bestimmten, vorsichtig ausgewählten Äußerungen und Handlungen von Christus füttert und euch all die Täuschungen, die Grausamkeit, die Intoleranz, die Gleichgültigkeit und Unwissenheit und Beschränktheit, die er an den Tag legte, vorenthält, dann seid gewiß, daß man aus all den berühmten Scheusalen der menschlichen Geschichte wie Caligula, Nero, Konstantin, Innozenz III., Torquemada, Robespierre, Adolf Hitler und wie sie alle heißen, genauso gute Christusse produzieren kann, wenn man nur ihre guten Taten und Äußerungen zeigt. Vom Aquäduktbau bis zum Autobahnbau, von der Zurschaustellung von Tier- und Kinderliebe über Altenpflege bis zu guten Ratschlägen und menschenfreundlichen Äußerungen, an die sie sich wie Jesus nicht gehalten haben, findet man bei ihnen allen genug gute Ansätze, aus denen jemand mit einer priesterlichen Begabung einen gütigen Erlöser der Menschheit fabrizieren kann, oder meinetwegen aus dem Hut zaubern kann. Und freilich, von den großen Scheusalen der Geschichte mal abgesehen, gibt es noch Millionen anderer Kandidaten, die humanere Lehren verbreitet haben, und aus denen es noch leichter wäre, Christusse anzufertigen. Wenn man für die Produktion eines Christusses so lasche Maßstäbe ansetzt wie bei Jesus, dann kann man Christusse am laufenden Band produzieren, Christusse wie Sand am Meer. Und was den Jesus Christus betrifft, so müssen wir ihn nehmen, wie er ist, mit all seinen Mängeln an Menschlichkeit, oder wir müssen ihn ganz und gar ablehnen. Zwischenlügen sind nicht korrekt."2
1 Diese Aussage hatte Rupert Hughes der Encyclopaedia Biblica (Col. 3567) entnommen.
2 Als Grundlage für diese Rede Adjunas diente mir der Essay "The gastly purpose of the parables", den der amerikanische Atheist, Schriftsteller und Historiker Rupert Hughes im Little Blue Book No. 1187 (Haldeman-Julius Publications of Girard, Kansas) August 1925 veröffentlichte. Dieser Essay wurde 1992 im `American Atheist - A Journal of Atheist News and Thought' Vol. 33, No. 5 in der Serie `Masters of Atheism' nachgedruckt. Bei den wenigen Veränderungen, die ich am Artikel vorgenommen habe, handelt es sich hauptsächlich um Veränderungen im Tonfall, damit es mehr nach einer Rede klingt, sowie um Weglassungen und Zusammenfassungen und um Aktualisierung: KZ- und Nazi-Vergleich. Alles in allem, kann man Adjunas Rede als eine sehr lose Übersetzung von Rupert Hughes Essay bezeichnen.
Zur Person Rupert Hughes: Er verfaßte mehr als 60 Bücher. Seine dreibändige Biography von George Washington gilt als Standard Werk.
Er war ein Onkel des berühmten Industriellen Howard Hughes.
Aus Gründen der Fairneß soll jetzt auch ein Master of Christianity, ein klerikaler Koryphäe, zu Worte kommen: "`Pastores dabo vobis' ... Mit diesen Worten wendet sich die ganze Kirche an Dich, den Herrn der Ernte, und bittet um Arbeiter für Deine Ernte, die überaus groß ist (vgl. Matth. 9,38). Guter Hirte, einst hast Du selbst die ersten Arbeiter in Deine Ernte gesandt. Es waren zwölf . Nun, da sich - nach beinahe zweitausend Jahren - ihre Stimme bis an die Grenzen der Erde verbreitet hat, spüren wir auch stärker die Notwendigkeit, dafür zu beten, daß es ihnen nicht an Nachfolgern für unsere Zeit fehlen möge, insbesondere nicht an denjenigen, die im Amtspriestertum mit der Kraft des Wortes Gottes und der Sakramente die Kirche aufbauen; an denjenigen, die in Deinem Namen Verwalter der Eucharistie sind, aus der fortwährend die Kirche erwächst, die Dein Leib ist. Wir danken Dir, daß die zeitweilige Krise der Priesterberufe im Bereich der Weltkirche sich auf dem Weg befindet, überwunden zu werden. Mit großer Freude erleben wir den Prozeß eines zahlenmäßigen Wiederaufschwungs der Berufe in den verschiedenen Teilen der Welt: In den jungen Kirchen, aber auch in den zahlreichen Ländern mit langer, vielhundertjähriger christlicher Tradition sowie dort, wo in unserem Jahrhundert die Kirche vielfache Verfolgungen erlitten hat. Aber mit besonderer Inbrunst erheben wir unser Gebet, indem wir an jene Gesellschaften denken, in welchen das Klima der Säkularisierung herrscht, wo der Geist dieser Welt das Wirken des Heiligen Geistes behindert, so daß das in die Herzen der jungen Menschen gestreute Samenkorn entweder nicht Wurzel faßt oder nicht heranreift. Gerade für diese Gesellschaften erheben wir noch inständiger unser Gebet: `Der Heilige Geist komme herab und erneuere das Antlitz der Erde.' Die Kirche dankt Dir, göttlicher Bräutigam, dafür, daß sie von ältester Zeit an in der Lage war, den Ruf zum geweihten Zölibat um des Gottesreiches willen anzunehmen, da sie seit Jahrhunderten das Charisma des priesterlichen Zölibats in sich selbst bewahrt. Wir danken Dir für das Zweite Vatikanische Konzil und für die jüngsten Bischofssynoden, die dieses Charisma dadurch, daß sie es bestätigten, als einen richtigen Weg der Kirche der Zukunft bezeichnet haben. Wir wissen, wie zerbrechlich die Gefäße sind, in denen wir diesen Schatz tragen - doch wir glauben an die Macht des Heiligen Geistes, der durch die Gnade des Sakraments in jedem von uns wirkt. Mit um so größerer Inbrunst bitten wir darum, beharrlich mit dieser Macht zusammenarbeiten zu können. Wir bitten Dich, der Du der Geist Christi, des Guten Hirten, bist, daß wir diesem besonderen Erbe der lateinischen Kirche treu bleiben. `Löscht den Geist nicht aus!' (Erster Brief an die Thessalonicher 5,19), sagt der Apostel. Bitten wir daher, daß wir nicht in Zweifel verfallen und in den anderen keinen Zweifel entstehen lassen und daß wir nicht - Gott bewahre uns! - zu Befürwortern anderer Formen der Wahl und einer andersartigen Spiritualität für das priesterliche Leben und das priesterliche Dienstamt werden. Der heilige Paulus sagt außerdem: `Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes...!' (Epheser-Brief 4,30). Wir bitten Dich, uns alle unsere Schuld gegenüber diesem heiligen Geheimnis, das Dein Priestertum in unserem Leben ist, zu vergeben. Wir bitten Dich, beständig und mit Ausdauer an dieser `großen Ernte' mitarbeiten und alles tun zu können, was für die Erweckung und das Reifen der Berufe notwendig ist. Wir bitten Dich vor allem, uns zu helfen, daß wir mit Beharrlichkeit beten. Denn Du selbst hast gesagt: `Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden' (Matth. 9,38). Angesichts dieser Welt, die auf verschiedenste Weise ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Reich Gottes zeigt, begleite uns die Gewißheit, die Du, Guter Hirte, den Herzen der Apostel eingeflößt hast: `Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt !' (Joh. 16,33). Sie ist - trotz allem - dieselbe Welt, die Dein Vater so sehr geliebt hat, daß er ihr Dich, seinen eingeborenen Sohn, geschenkt hat (vgl. Joh. 3,16). Mutter des göttlichen Sohnes, Mutter der Kirche, Mutter aller Völker - bitte mit uns! Bitte für uns!"
Der Leser wird schon beim Lesen gemerkt haben, daß es sich bei diesem christlichen Sachkenner um eine katholische Kapazität handelt. Ich will den Leser auch nicht weiter auf die Folter spannen [das passiert ihm noch früh genug, wenn er das Wiederauferstehen der Kirchen zur blutroten Blüte (und Ernte) nicht verhindert, aber weiterhin gotteslästerliche Bücher liest] und verraten, daß der obige Text von der absoluten Spitzenkraft des christlichen Glaubens stammt, von Karol Wojtyla. Bei dem Text handelt es sich um ein laut gesprochenes Selbstgespräch mit Gott, gehalten am 1. Dezember 1992 vor den Vorsitzenden aller europäischen Bischofskonferenzen. Am Text wurden von mir keinerlei Verbesserungen oder Verschlechterungen vorgenommen. (Kursiv = Kirchenkrakel, Fettdruck = Versehen, höhere Macht?)
Jetzt lesen Sie aber bitte weiter Adjunas
Abenteuer im WASPen-Land.
Der baptistische Priester hatte die ganze Zeit Hände ringend und zappelnd im Sicherheitsabstand von zwei Armlängen um Adjuna herumgehampelt, heftig respirierend und perspirierend. Die Grenze zur Verzweiflung hatte er schon lange überschritten. Jetzt war er den Tränen nahe. Er konnte sie kaum zurückhalten. Mit seinen Augen ging es ihm wie als kleiner Junge mit seinem Penis, als er sich nicht einnässen wollte und ihn mit aller Kraft mit dem Finger zugehalten hatte. Es ergoß sich nicht, aber es spritzte doch mächtig zur Seite. Und die Zähne mußte man zusammenbeißen.
Der Korken, den er auf seine Augen drückte, hieß Willensanstrengung. Doch es war ähnlich. Tränen kullerten ihm zwar nicht die Wangen hinunter, aber es spritzte doch zur Seite. Und er hielt nicht nur den Mund zusammengekniffen, sondern auch seine Ohren hörten nichts mehr, seit sie wußten, daß es etwas zu hören gab, was das Werk der Evangelisten und Missionare zu zerstören drohte.
Als er sah, daß Adjuna ausgesprochen hatte, riß er das Mikrofon aus der Halterung und stammelte hinein: "Herr, führe uns nicht in Versuchung..." Da es notwendig war, daß, wenn man mit Gott sprach, man die Hände irgendwie gefaltet vor dem Bauch oder noch weiter unten vorm Unterleib hielt, war die Entfernung von Mund zu Mikrofon, das der Priester zwischen seinen gefalteten Händen eingeklemmt hatte, zu groß geworden. Auch der Priester wurde sich während seines verzweifelten Gebets dieser Tatsache ab und zu bewußt. Er krümmte sich dann jedesmal hinunter. Sah ein bißchen steif aus und komisch. Wort-, nein, Satzfetzen wie "Herr, heile die Zweifler, denn sie wissen nicht was sie tun!" "...beschütze uns vor..." "...verschließe unsere Herzen vor dem Gift der ..." "..., denn du hast uns deinen eingeborenen Sohn geschenkt." "...und laß vor allen Dingen keine Zweifel entstehen in denen, die an dich glauben!" drangen dann durch die Lautsprecheranlage.
Die Missionare hatten den Messias aufgebaut; Chlodwig, der große Karl, Konsorten und Könige hatten die Kirche aufgebaut. Wer immer Macht hatte und das Maul aufriß, konnte viel erreichen. Aber auch, wer aufgebaut worden war, konnte es. Die Massenmedien hatten Adjuna aufgebaut, weil sie in ihm eine Lösung für das leidige Rassenproblem sahen. Jetzt war er oben und eine Autorität und man konnte ihn nicht so leicht runterschubsen.
Hätte er als Niemand gesagt, was er gesagt hatte, nur wenige hätten es angenommen, aber er war als Erlöser verkauft worden und hatte mehr Autorität gewonnen als die Verkäufer. Und die Leute waren autoritätshörig, und hörten, was ihre Autorität zu ihnen sagte und nahmen's zu Herzen. Nur die ganz hartgesottenen Christen verschlossen ihre Ohren und Herzen.
Es war also kein Wunder, daß ein Großteil der Zuhörerschaft, obwohl er sich vor Adjunas Rede noch für christlich hielt, es jetzt schon nicht mehr war und laut "Buh, buh" rief und sich vor Lachen krümmte, angesichts der Blödheit des Priesters und seiner Bitte um Schutzklappen vor Zweifel.
Der Tumult der Auseinandersetzung wurde so groß, daß er den Lautsprecher ganz und gar übertönte. Es gab eben doch eine ganze Menge hartgesottener Christen, und ein heiliger Zorn war in sie gefahren, als sie ihren Glauben beschimpft sahen. An Heirat war nicht mehr zu denken.
Der Zorn ließ ihre Hände zu Krallen und Klauen werden. Waren ihre Gebete erhört worden? Sie schienen über übermächtige Kraft oder zumindest Wut zu verfügen. Sie sprangen ihren Nachbarn an die Kehle, sie rissen Kleider herunter, sie mordeten und vergewaltigten.
Adjuna war hilflos.
Bestürzt sah er die Krawalle zu seinen Füßen. Das hatte er nicht gewollt, redete er sich ein. Obwohl die Christen zahlenmäßig nicht in der Übermacht sind, sind sie übermächtig. Der übermächtige Schutz ist nicht ausgeblieben. Sie hatten die größere Wut im Bauch.
Da auch der Priester betroffen war, ließ er sich das Mikrofon aus der Hand nehmen. Adjuna rief in das Mikrofon: "Die Kirche benahm sich nie, wie sie selbst lehrte, daß sich ein Christ benehmen soll, und ihr tut es auch nicht." Er wurde nicht gehört.
Am nächsten Tag erschien in den Massenmedien ein sehr ausbalancierter Bericht, ausgewogen sagte man wohl richtiger auf Deutsch, über die in den Tumult gefallene Massentrauung der Intermarriage Society.
Den Massenmedien, das muß man noch einmal betonen, war es wie den Indianerstämmen ergangen. Wie es einst viele Indianerstämme gegeben hatte und die Anzahl der Stämme sich nach und nach reduziert hatte, so hatte es auch einst viele unabhängige Zeitungsmacher und sogar Rundfunkanstalten gegeben, die sich dann nach und nach reduzierten, bis schließlich nur noch wenige Medienkonzerne übriggeblieben waren, die sich in der Hand von fünf konservativen Multi-Monopolisten befanden. Der Konkurrenzkampf untereinander, eine Folge der Konkupiszenz, ließ vermuten, daß zwei von ihnen bald das Handtuch warfen, so daß dann die heilige Zahl drei übrigbleiben würde.
Den konservativen Medienbossen war Adjuna natürlich zu revolutionär geworden. Religion, klar, das war bull shit, aber das brauchte man doch den anderen nicht zu sagen.
Ganz fertigmachen, konnten sie Adjuna auch nicht, - jedenfalls nicht gleich. Ein bißchen die Tatsachen verschieben, das ja. Todesopfer. Fast alle Todesopfer waren gläubige Christen. Ja, das konnte man schreiben. Wer wird das schon überprüfen? Die allerwenigsten Leser.
In Wirklichkeit waren die Mörder die gewesen, die den übermächtigen Schutz genossen hatten. Und auch was Verletzungen und Vergewaltigungen betraf, waren die Übermächtigen die Eifrigeren gewesen. Die drei Todesopfer, die die Gläubigen zu beklagen hatten, waren von der riot police erschlagen worden. Auch das brauchte man dem Leser nicht auf die Nase zu binden. Lieber rührige Einzelheiten aus deren Leben aufrühren, das macht die ganze Partei sympathischer. Was? Einer war Katholik? Können wir da nicht schreiben, daß der Papst vielleicht in Erwägung ziehen wird, ihn heiligzusprechen? `Vielleicht' weg und Futurum auch. Eine Katholikin? Noch besser! Weibliche Opfer hören sich noch mehr nach Hilflosigkeit an. Was `Heiligsprechen' doch lieber weglassen? Ja. Hier ist eine protestantische Gegend. Die ganze Heiligsprecherei wirkt auf die meisten doch nur abstoßend. Antipathien wollen wir doch gerade nicht aufkommen lassen. Gut. Schreiben wir am besten gar nicht, daß sie katholisch war, nur daß sie sonntags immer in die Kirche ging.
Und vergeßt nicht, Jungs, was immer ihr schreibt, muß den Anschein der Ausgewogenheit haben. Die Anhängerschaft des Antirassisten Adjuna ist unter unseren Lesern vielleicht so groß oder sogar größer als die des Christus. Wenn wir die alle verärgern, dann kündigen die - bauz! - ihre Abonnements. Langsam und behutsam muß man ihm die Anhängerschaft abringen. Ein paar kleine Andeutungen da, ein paar hier, nicht zu kompromittierend, gerade so, daß der nichtdenkende Leser - das sind die meisten - sie zu Ende denken kann. Zunächst mal nichts Schärferes als... als..., sagen wir mal: Antirassismus als Broterwerb. Ja. ..., der sich Antirassismus als Broterwerb auserkoren hatte. Ein paar Ausgaben später werfen wir ihm dann Veruntreuung von Geldern und Ähnliches vor.
In dem ausgewogenen Text, den fast alle Zeitungen abdruckten, kam dann zuerst einmal ein Bischof zu Wort, der versicherte, daß man alles, was Adjuna gesagt habe, widerlegen könne.
Natürlich tat er es nicht. Habe Verständnis dafür. Oder noch besser: Glaube dem frommen Manne!
Dann legte er los. Und das machte sich besonders gut. Gut für die Zeitung. Denn er schimpfte nicht etwa auf Adjuna, sondern auf die Massenmedien, die ihn hätten hochkommen lassen, aufgepäppelt. Die Zeitungen, die immer so brav jede Woche ein Wort zum Sonntag veröffentlicht hatten und sämtliche kirchlichen Veranstaltungen und Gottesdienste kostenlos angekündigt hatten, sahen sich jetzt mit dem grantigen Vorwurf, ein Produkt des Teufels zu sein, konfrontiert. Wer selbst das Gift, das gegen einen versprüht wird, veröffentlicht, der muß doch objektiv sein.
Um die eigene Objektivität noch zu unterstreichen, kam als nächstes ein Sprecher der antirassistischen Intermarriage Society zu Wort. Zugegeben... nein, nein, das dürfen wir nicht zugeben. Das dürfen wir nur unter uns zugeben, daß wir uns vorher über seine Inkompetenz vergewissert haben, aber niemals vor den Lesern.
Dieser Sprecher der I. S. schwächte dann Adjunas anti-christliche Äußerungen ab, er selbst oder der Autor des Artikels zeigte dabei große Bedachtheit, nicht etwa wieder etwas Anti-Christliches zu sagen, viel mehr bemühte er sich, der Leserschaft zu versichern, daß man sich in der I. S. auch der charitativen Leistungen der Kirche bewußt sei und blabla.
Dieses Blabla diente natürlich mehr einem friedlichen Nebeneinander der Menschen als Adjunas Rede, die er ja eigentlich gehalten hatte, um die Menschheit zu vereinen, aber es diente auch der Religion.
Adjuna hatte auch selbst etwas zu sagen, er sagte es immer wieder, er sagte es seinen Anhängern und auch den Journalisten, aber man veröffentlichte ihn nicht mehr. Er sprach sich gegen Gewalttätigkeit und Revolution aus: Revolution ist immer eine Rückentwicklung, ein Zurückdrehen. Bei Revolutionen gehen die Leute weiter zurück, sie werden zu Barbaren und hauen alles kaputt in der Hoffnung, daß ihnen von weiter hinten, der Anlauf besser gelingt. Aber wie es so ist: Wenn man zu weit zurückgeht, wird der Anlauf zu lang und an der Sprunggrube ist man dann zu erschöpft. Geht lieber gemächtlich voran, aber geht voran! Achtet unbedingt auf die Richtung!
Aber er warnte nicht nur vor Gewalttätigkeit und Revolution und Alles-Kaputt-Hauen, sondern auch wieder vor dem Gott/Mensch-Mischmatsch Jesus, der die Gehirne der Menschen so verwirrte, was vermutlich zu dem Presseknebel führte, den man ihm verpaßte.
Adjuna wollte natürlich jene Antichristen bremsen, die durch die Gewalttaten der Christen so provoziert worden waren, daß sie hingingen und christliche Einrichtungen zerstörten.
Der Katalysator wird zum Bremsklotz. Etwas, was ihm die Radikalen immer wieder vorhielten. Keine Revolution! Keine Revolution! Je mehr er zu dämpfen versuchte, desto radikaler und gewalttätiger wurden einige. Hitzige, junge Leute beschimpften ihn schon bald als Opa. War auch noch ein Generationskonflikt entstanden?
Und Kirchen wurden wieder gebombt, weiße, protestantische Kirchen. Schafft viele Bombinghams! Den Schwarzen wollte man noch ein bißchen ihre Religion lassen. Einige gemeine Zungen behaupteten: Sie hatten ja nichts anderes.
Und für jedes Bombenattentat, katalytisches Krachen, nannten es die Attentäter, denn sie glaubten nicht an aufklärende Worte, sondern, daß die Gewalt der Explosionen die Gläubigen von der Sinnlosigkeit göttlichen Schutzes überzeugen werde, etwa wie einst Bonifatius die germanischen Heiden durch Fällen der Donareiche überzeugte; - für jedes dieser Attentate also wurde Adjuna persönlich verantwortlich gemacht.
Adjuna war noch immer der Präsident der Intermarriage Society. Man nannte die Gesellschaft jetzt nur noch schamhaft IS. Der Name wurde wie die dritte Person Singular Indikativ des Verbes `sein' ausgesprochen. Der Name machte eigentlich keinen Sinn, aber man hatte keinen besseren, und der Name Intermarriage Society paßte noch schlechter, da man keine zwischenrassischen Ehen mehr vermittelte, höchstens noch atheistische, aber nur nebenbei. Aufklärung war das Hauptthema geworden. IS erinnerte an den Ursprung und war doch knapp und leicht einprägsam.
Als Adjuna auf einer Veranstaltung wieder einmal auf junge Hitzköpfe einredete, sie sollten keine gewaltsame Revolution predigen und schon gar keine Gewalttaten verüben - sein alter Dreh: Mit einer Revolution drehen wir die Zeit zurück. Eine gewaltsame Revolution ist immer ein Rückschritt, ein Schritt nach hinten, am Ende sind wir am Arsch der Welt und leben alle im Dreck, in der Scheiße. Aufklären und Überzeugen, das ist der richtige Weg, Evolution! - da bildete sich ein Sprechchor: `be it!' `Sei's drum!' und es wurde sogar verrapt, zur Rap-Musik gesungen. Neben der IS entstand die Be-IT-Bewegung.
Und draußen auf der Straße maschierte man zur Marschmusik:
Marching as to war
with the cross of JEsus going on before.1
Ein anderes Lied,
das die Frommen in Ekstase trieb:
Give me that Old Time Religion
It was good enough for JEsus
and it's good enough for me.1
1 Originaltöne amerikanisches Christentum
Die Reaktion.
Ja, wie in Europa das Deutsche Reich zum vierten Mal auferstand, so stand in Amerika der Klan zum vierten Mal auf. Und der Klan war nicht nur etwa eine Reaktion zur IS, sondern kannte auch gleich die tieferen Ursachen dieses gesellschaftlichen Mißstandes: die Juden und die Schwarzen. Und so brannten bald auch wieder die Synagogen und die schwarzen Kirchen. Zwar war Rassentrennung abgeschafft worden, aber schwarze Kirchen gab es immer noch. Es waren Kirchen, die sich in schwarzen Wohnvierteln befanden und daher vornehmlich von schwarzen Gläubigen aufgesucht wurden. Allerdings gingen gerade zu der Zeit, als der Klan wieder sein altes Feindbild bombardierte, auch viele Weiße in diese Kirchen, weil die "BE-IT"-Nichtswisser ihre weißen Kirchen bombardiert hatten.
Weiße, die in schwarze Kirchen gingen, wurden bald des Atheismus verdächtigt. - "Denn der Rassenmischer war doch ein Atheist gewesen."
Der Rassenmischer, das war Adjuna. Die Zeitungen zeigten jetzt offene Feindschaft. Den Karikaturisten gelang es, sein ebenmäßiges Gesicht als Fratze zu zeichnen. Er wurde zum bestgehaßten Mann der USA erklärt. Der große Witz war, daß er einmal für das Amt des Präsidenten kandidieren wollte. Pipe dreaming about presidency. Die Zeitungen konnten sich nicht genug darüber lustig machen.
Der american dream war dabei, für Adjuna zum Alptraum zu werden.
Fast alle hatten sich von ihm abgewandt, fast alle waren sie jetzt gegen ihn. Es hatte angefangen mit jenen gutmütigen Christen, die bereit gewesen waren, seiner Lehre der Verständigung zu folgen und einen Partner der anderen Rasse zu ehelichen. Er hatte vielen von ihnen mit seiner Kritik am Glauben vor den Kopf gestoßen und ihnen ihre Gutmütigkeit genommen. Es hatte radikale Antichristen gegeben, die sich als Rächer, Bomber und Revolutionäre verstanden wissen wollten. Er hatte sie nicht gebremst, sondern abgestoßen, und sie hatten sich auch gegen ihn gewandt. Dann waren da noch die radikalen Christen und Rassisten, die von Anfang an gegen ihn gewesen waren, wie der Klan, und die ihn als Teil einer größeren Verschwörung sahen. Und mit dem Erfolg des Klans, schwarzen Menschen das Menschsein abzusprechen und sie den Tieren zuzuordnen, hatten sich die Schwarzen zu schwarzen, rassistischen Organisationen zusammengeschlossen, die sich nach schwarzen Raubtieren benannten. Sie waren ein bißchen gegen den Klan und ganz gegen Adjuna. Sie warfen ihm vor, mit seinen zwischenrassischen Ehen den absoluten Untergang der schwarzen Rasse herbeiführen zu wollen. Aber selbst diese an sich schon radikalen, schwarzen Rassisten wurden von schwarzen Jugendlichen, die sich die Soul-on-Ice-Bewegung nannten, überholt. Diese Jugendlichen hatten sich zur Rettung der schwarzen Rasse vorgenommen, weiße Frauen zu vergewaltigen. Ihr Held war Eldridge Cleaver, den sie als "Helden der schwarzen Sache" verehrten, und der tatsächlich in den 60er Jahren weiße Frauen vergewaltigt hatte, um Rache dafür zu nehmen, daß schwarze Sklavinnen von ihren weißen Herren vergewaltigt worden waren. Allerdings hatte ihr Held das mit der Hautfarbe nicht immer so genau genommen und wiederholte Male auch schwarze Frauen vergewaltigt, angeblich um seine Technik zu verbessern und den modus operandi.1 Weiße Frauen konnten sich jedenfalls jetzt, wo es einen politischen Grund gab, sie zu vergewaltigen, auf der Straße überhaupt nicht mehr sicher fühlen. Weiße Väter und auch Mütter machten sich wieder Sorgen wegen der Hautfarbe ihrer Enkelkinder - und nicht nur wegen der Vergewaltigungen, sondern auch, wenn sich die Töchter in einen Schwarzen verliebt hatten. Der schwarzen Bevölkerung ging es immer schlechter. Die Türen zum Erfolg verschlossen sich immer fester für sie, dafür öffneten sich die Türen der Gefängnisse immer bereitwilliger. Die ganze Gesellschaft ging zurück.
1 Eldridge Cleaver hat als Schriftsteller in seinem Buch `Soul on Ice' die Situation der Schwarzen in den Slums beschrieben.
Informationen über seine Vergewaltigungen
wurden dem Buch `Freedom Bound - A History of America's Civil
Right Movement' (S. 231) von Robert Weisbrot entnommen.
Um gesellschaftlich zurückzugehen, bedurfte es keiner Revolution. Das hatte Adjuna jetzt eingesehen. Etymologisch gesehen, hieß Revolution auch gar nicht unbedingt Zurückdrehen, es konnte auch als Umdrehen übersetzt werden, aber wie man es auch drehte, darüber war sich Adjuna im klaren, die Revolutionen - und das galt auch für Konterrevolutionen - hatten immer so viel kaputtgeschlagen, daß die Menschen sich danach in einer viel schlechteren Situation befanden als vorher, wenn man mal von der industriellen Revolution und von Palastrevolutionen absah.
Warum geht alles schief? Draußen toben Rassenunruhen. Gegeneinander und gegen mich. Schwarze und weiße Rassisten bekennen in den Medien, sie hassen die blaue Rasse. Also mich.
Es liegt nicht an den Lehren, es liegt an der inneren Einstellung. Wenn ich jetzt mit den letzten meiner Anhänger auf die Straße gehe und dafür demonstriere, daß wir unsere Streitigkeiten friedlich lösen, und "Frieden, Frieden!" appelliere und erkläre, daß es doch das beste für alle wäre, wenn jeder das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf freie Meinungsäußerung und auf seinen Glauben hat, und wir alle zusammen für eine friedliche und gute Zukunft arbeiten sollten, so brächten wir uns doch in Lebensgefahr, und am besten wäre, wir spitzten die Stangen, die unsere Spruchbänder halten, an, um uns wehren zu können.
Und während Adjuna von seinem Fenster aus die Rasseunruhen auf der Straße toben sah, fiel ihm der Satz eines Wissenschaftlers1 ein: Die Gene sind die Replikatoren und wir sind ihre Überlebensmaschinen. Vielleicht sind wir ihre Untergangsmaschinen!
1 Richard
Dawkins
Die beiden großen Brüder, die das Land regierten, hießen Esel und Elefant. Mal regierte der eine ein bißchen mehr, mal der andere. Es waren Zwillingsbrüder. Wenig unterschieden sie sich voneinander. Beide waren große Brüder, hatten viele lächelnde Gesichter, alberne Kasperlegesichter. Sie machten immer gute Mienen zu bösem Spiel und böse Mienen zu gutem Spiel, wenn es um die Spiele anderer ging, aber am liebsten spielten sie selbst, am allerliebsten Weltpolizist, und obwohl sie bei ihrem Spiel mehr kaputt machten als ein Elefant im Porzellanladen, gelang ihnen dabei immer noch ein Profit. Und obwohl sie auf dem Land saßen mit großen Ärschen, die von der Atlantikküste bis zur Pazifikküste reichten, sahen ihre Augen alles. Ihre Ärsche hatten viele Augen. Big Brother is always watching you.
Sie wußten von dem Elend in den Slums, vom Hunger der Homeless, von der Hoffnungslosigkeit der Habenichtse, aber sie kannten es nicht und verstanden es nicht und ihre Bilanzen buchten es nicht, und so machten die Brüder eine gute Miene. Doch die von der Wohlstandsgesellschaft Abgeschnittenen wandten sich dem Verbrechen als Broterwerb zu und klauten. Jetzt erschien schon etwas in den Bilanzen - ein kleiner Verlust, aber auch ein Gewinn: mehr Feuerwaffen wurden verkauft, mehr Alarmanlagen und Sicherheitsschlösser, und auch die Diebstahlversicherungen meldeten einen Zuwachs. Die Miene der Brüder aber verzog sich schon ein wenig. Das Problem mußte man in den Griff bekommen: mehr Gefängnisse, mehr Schlagstöcke, mehr Polizisten. Die Geknüppelten und Geknechteten kuschelten sich zusammen, aber sie kuschten nicht: `Gemeinsam sind wir stark. Wir müssen uns organisieren. Wir brauchen eine Lobby der Armen im Weißen Haus und unsere eigenen Politiker. Wir leben doch in einer Demokratie.' Da machten die Brüder eine böse Miene. Sie hatten ein leichtes Spiel. Sie ließen die Zusammengekuschelten auseinanderknüppeln und zusammenschlagen. `Wer Hausbesitzern vorschreiben will, wieviel Miete sie nehmen dürfen, und Unternehmern, wieviel Lohn sie zahlen müssen, der ist ein gottloser Kommunist. Wir haben den kalten Krieg nicht gewonnen, um im eigenen Land vor dem gottverdammten Kommunismus zu kapitulieren.' und `Mit euch werden wir schon fertig, schließlich haben wir den kalten Krieg auch gewonnen.'
Anti-Kommunismus funktionierte auch ohne die Sowjet-Union; mußte er
auch - für die Größe Amerikas und die Breite der brüderlichen Ärsche. Big Brother is always watching for communists.
Adjuna hatte es schlecht getroffen. Seine Bewegung gehörte zu den Sachen, zu denen Big Brother eine böse Miene machte, die Böses ahnen ließ.
Big Brother war gerade der dickärschigere der beiden, also der Elefant, und das Rüsseltier war vorher Schnüffeltier, der Chef aller Spitzel und Spione, gewesen, und seine große Nase roch Revolution und Kommunismus. Anti-Christentum und Anti-Rassismus roch nach Anti-Amerikanismus und Kommunismus. `Wir Amerikaner sind positiv denkende Menschen. Anti-ismen haben bei uns keinen Platz. Unsere Verfassung basiert auf Freiheit, wir sind nicht Anti, wir sind Für, für jeden, und jeder hat seine Freiheit.' Die Leute waren beeindruckt, daß ein
so hohes Tier mit einem so großen Kopf ihnen so tiefe Wahrheiten sagte.
Und während im Süden Adjuna und das rassengemischte Häufchen um ihn von Klan und Kropp gejagt wurden, machte Big Brother wieder eine gute Miene und bedauerte honigsüß, nicht helfen zu können, denn man müsse ja gerade die Unruhestifter in den Slums der nördlichen Städte beruhigen, und außerdem mußte man Truppen um die halbe Welt schicken, weil ein fernöstlicher Diktator amerikanische Bohrrechte bedrohte und - äh - (man war ja Idealist) die Freiheit. - Welche Freiheit? - Die Freiheit amerikanischer Ölkonzerne, nach Öl zu bohren, natürlich. Welche Freiheit denn sonst? Es gibt in den Scheichtümern doch gar keine anderen Freiheiten.
Auch in den Südstaaten - und nicht nur da - machte der Freiheitsbegriff ein paar Verrenkungen durch. `Weiße Menschen sind nicht gleich, und gleiche Menschen sind nicht frei.'1 So deutlich wollte es der kluge Kopf in Washington natürlich auch nicht gesagt haben, er schwächte ab: `Das gilt natürlich auch für die Schwarzen.'
1 Reverend James L. Betts, weißer Supremacist, Missouri 1975
Die breite Masse war zufrieden: `Dem da oben kann man wirklich nicht nachsagen, daß er Rassist ist.' Und wer aus der Masse herausragte, sperrte das Maul auf, er sperrte es auf, aber er riß es nicht auf, um es sich nicht zu verbrennen oder sonst wie zu verletzen. Je weiter man aus der Masse herausragte, desto schwerer wurde es das aufgesperrte Maul wieder zuzukriegen.
Der Maulaufreißer und rabble-rouser, wie Adjuna jetzt offiziell tituliert wurde, kroch vor laufender Kamera aus den Trümmern des zerbombten Hauptquartiers der IS hervor. Aus der Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, flogen Steine und invectives. Jemand wagte sich besonders vor und spuckte auf Adjuna und sagte voller Haß: "Du Dreckskerl!"
Adjuna richtete sich auf. Da er so groß aussah auf dem Trümmerhaufen und so zerschunden, hielten die Leute inne. Adjuna zog seine Freunde aus den Trümmern. Die meisten lebten noch. Alle waren sie mit Staub und Dreck bedeckt und sahen aus wie indische Sadhus, die dem weltlichen Leben entsagt und sich mit Totenasche bedeckt hatten. Während sie sich abklopften, sagte Adjuna: "Lieber Staub und Dreck sein, als Mensch sein; dann ist man sauberer."
Man hörte die Schritte von Maschierenden. Die Menschen bildeten wieder eine Gasse.
Der Sheriff hatte das überlange, weiße Nachthemd, in dem er nachts auf seinem Pick-up durch die Straßen ritt, ausgezogen und sah, wenn man vom übergeschwellten Vorbau und dem großen Blech-Button an der Brust absah, normal aus. Mit großen Schritten führte er einen Hilfstrupp bis an den Trümmerhaufen. "Sie sind wegen öffentlicher Ruhestörung verhaftet." Da Adjuna und seine Leute nicht gleich spurten, knurrte er noch einmal: "Kommen Sie da sofort runter, damit ich sie festnehmen kann." Er wollte seine saubere Drillichhose nicht verdrecken.
Adjuna und seine Leute hoben schnell ein paar Trümmersteine auf und warfen sie auf die Sauberbehosten. und ehe die zurückschießen konnten, liefen sie in andere Richtung davon.
Sie liefen und liefen, kamen an Häuserwänden entlang und Müllhaufen, China-Town, Klein-Korea, Klein-Paris, Klein-Polen, Klein-Lettland, Klein-Litauen, Klein-Italien. Sie waren im Katholikenviertel der Stadt.
Da sie ihre Verfolger abgehängt hatten, verschnauften sie. Was nun? Was tun? Die werden uns jagen wie Vieh.
Adjuna sagte: "Ich werde uns jetzt erst einmal ein schmerzstillendes Mittel kaufen." Und er ging in die Apotheke, vor der sie standen.
In der Apotheke war vor ihm ein katholischer Priester, der sich gerade ein Anaphrodisiaka kaufte. Der Priester erkannte Adjuna sofort und er folgerte richtig, daß Adjuna mit einem kleinen Häufchen von Getreuen auf der Flucht war. "Ja, das Klima hier ist wieder intoleranter geworden. Auch wir Katholiken bekommen das zu spüren. Wie man die Schwarzen wieder als Nigger beschimpft, so beschimpft man uns Katholiken wieder als Dagoes und Makkaronifresser." - "Aber das hat doch nichts mit dem Wetter zu tun", entgegenete ihm Adjuna, "das sind doch Menschen, die das machen." - "Die einzelnen sind Menschen, aber sie lassen sich hinreißen und sind es dann nicht mehr." - "Mit der Stimmung hier ist es wie mit der Grippewelle", mischte sich der Apotheker in das Gespräch ein, mal kommt sie und mal nicht. Es scheint immer auf und ab zu gehen. Auf eine Periode des Rassenhasses und der Intoleranz folgt eine Zeit guten Willens und gegenseitiger Achtung, wahrscheinlich, um Böses wiedergutzumachen, aber dann nach einer gewissen Zeit hat man vergessen, wie böse das Böse wirklich war, und leiht sein Ohr wieder den Haßhändlern." - "Es scheint auch, daß die Kinder immer die Großväter lieber mögen als die eigenen Väter", fügte der Assistent des Apothekers hinzu. Es war nicht sofort klar, was er damit meinte. Als alles ihn ansah, war er sichtlich verwirrt. Er bemühte sich zu erklären: "Also, zum Beispiel. Beim Klan finden wir jetzt die ganz Alten und die ganz Jungen, die Jugendlichen. Ihre Väter waren vielleicht liberal, aber sie lehnen die Väter ab..." "...und finden die Großväter", vollendete Adjuna den Gedanken, "Wann werden die Jungen endlich etwas ganz Neues suchen und finden?" "Man muß auch die Tradition bewahren", protestierte der Priester.
Während Adjuna seine schmerzstillenden Mittel und für eine Wundsalbe bezahlte, meinte er lachend zum Apotheker: "Und als Apotheker verdient man an beidem: an der Grippewelle und an der Haßwelle." "Oh nein, oh nein, das wollen wir nicht. Wir sind ja selbst nicht dagegen immun." Und er schenkte Adjuna hastig eine Tüte mit sauren Drops.
Als Adjuna draußen vor der Apotheke die schmerzstillenden Pillen an seine Leute verteilte, sprach der Priester ihn noch einmal an. "Kommt mit in unser Gemeindehaus. Da könnt ihr euch waschen und die Schwestern können euch verbinden."
So kam es, daß Adjuna mit den ihm verbliebenen Freunden bei den Gemeindeschwestern des italienischen Viertels landete. Die Schwestern unterhielten eine Suppenküche für die Homeless, für die, die kein Zuhause hatten, und die Hungrigen. Aber es war in der letzten Zeit öfters zu Schikanen und Störungen gekommen. Einmal war sogar der große Suppentopf umgeworfen worden, und es hatte Drohungen gegeben, sich ja nicht wieder blicken zu lassen. Aber die Schwestern hatten sich immer wieder in die Elendsviertel gewagt. Sie klagten jetzt bei Adjuna über die Unfairness, mit der sie behandelt wurden, andere Kirchen konnten schließlich ihre Suppenküchen ungestört betreiben, nur der katholischen Kirche wollte man diese Möglichkeit der Barmherzigkeit an Armen und Obdachlosen nehmen. Jetzt suchten sie Adjunas Hilfe.
Es war Adjunas Schwäche, daß er nicht nein sagen konnte, wenn Schwache ihn baten, so sagte er also zu: "Sehe ich auch ein bißchen zerschunden aus, ich bin immer noch stark und habe auch immer noch meinen großen Bogen bei mir. Er ist mir nicht zerbrochen. Ich bin stark und Schwerter können meiner Lederhaut so leicht keine Wunden schlagen und auch die Colts der Cowboys hier nicht." Aber er wußte, daß er kein dickes Fell hatte, alles machte ihn gleich betroffen.
Die Schwestern drückten sich schutzsuchend an ihn und legten ihre Handflächen zaghaft an seinen gewaltigen Brustkorb. "Du bist ein edler Ritter", flüsterten sie.
Ja, wenn er auch nicht so spindeldürr war, er war ein richtiger Don Quixote, er schlug dazwischen, wenn er Unrecht gewahr wurde, und politische Klugheit und eigener Vorteil galten ihm nichts, und das in Amerika!
Tatsächlich wurden die Suppentöpfe der frommen Schwestern wieder angegriffen. Adjuna schnappte sich einen der Angreifer und ohrfeigte ihn so lange, bis er bereit war, zu sagen, wer er sei und warum er die Suppentöpfe umwerfen wolle. Bei jedem Schlag kreischten die Schwestern lauter als der Geschlagene. Aber Adjuna brauchte nicht lange zu schlagen, schon bald sprudelte es auch dem jungen Mann hervor: Er gehöre zum Werkschutz der großen Konservenfirma hier. Wie er denn das Werk schütze mit umgestoßenen Suppentöpfen, wollte Adjuna dann von ihm wissen. Das sei ganz einfach, erklärte der Mann, das Werk wolle nicht, daß die Leute satt werden, weil sie dann nicht mehr arbeiteten.
"Das verstehe ich nicht", sagte Adjuna, "diese Leute hier sind doch arbeitslos." "Ja, aber wenn sie sehr hungrig sind, werden sie Arbeit suchen und das Werk wird ihnen Arbeit geben." "Ja, braucht das Werk denn Arbeiter?" "Das Werk kann immer Arbeiter gebrauchen, die sich billig verkaufen." "Du meinst, billiger als die, die dort gerade arbeiten." "Ja."
"Ja, das sind ja frühkapitalistische Zustände, eine Gewerkschaft muß her, wollte Adjuna gerade sagen, da wurde er von Kollegen des Werkschützers beschossen, aber wie in guten Hollywood-Filmen wurde der Held nicht getroffen, sondern konnte unverletzt in Deckung stürzen. Von dort schoß er zurück und vertrieb die bad guys, die Bösen.
"Ihr müßt Euch organisieren", sprach Adjuna die vor dem Suppentopf Schlangestehenden an, "habt ihr gehört, man will euch hungern und billig arbeiten lassen. Ihr müßt euch zusammen tun und auf euren Anteil an der Wohlstandsgesellschaft bestehen." "Ja", rief ein Sprecher der Soul-on-Ice-Bewegung, der weiter hinten dabei war, Leute für seine Organisation zu werben, "schließt euch uns an. Gemeinsam werden wir diese Gesellschaft brutalisieren und die Reichen melken." "Nein, nein, vermeidet Gewalt, besteht friedlich, aber bestimmt auf Arbeit und einen ordentlichen Lohn." "Bull shit, wenn ihr Gewalt vermeidet, werdet ihr Gewalt erleiden. Ihr habt doch genug durchgemacht, jetzt heißt es, Rache zu nehmen."
Ganz am Ende der Reihe waren schwarze Muslims dabei, hungrigen Glaubensbrüdern und anderen Schwarzen auszureden, von Katholiken Almosen anzunehmen. Als sie jetzt sahen, daß am Anfang der Reihe jemand am Sprechen war, glaubten sie, es sei katholische Proselytenmacherei, und sie sprangen in ihren Pick-up und fuhren schießend auf Adjuna los.
Von der anderen Seite der Suppentöpfe kam der Klan. Der Werkschutz hatte den Klan alarmiert, der sofort bereit war, die kommunistisch-jüdisch-katholische Verschwörung zu bekämpfen. Mit drei Lkws voll mit weiß vermummten Fanatikern griff er an. "Weiße Freiheit, weiße Freiheit!" riefen sie, und fuchtelten mit ihren flammenden Kreuzen und angespitzten Stangen und mit Ketten und Beilen.
Sie hatten sich vorgenommen, keine Schußwaffen zu benutzen, aber als sie jetzt Schüsse hörten, benutzten sie sie doch.
Vor diesem Zwei-Fronten-Krieg ergriffen die Suppenköchler, also Adjuna, seine Getreuen und die Schwestern die Flucht. "Schnell in die Seitengasse!" zwängte Adjuna die anderen, dann ergriff er noch schnell zwei große, gefüllte Suppentöpfe. "Soviel Proviant brauchen wir doch gar nicht." und "Damit kann man doch nicht fliehen!" Aber das wollte Adjuna ja auch gar nicht. Er hockte sich hinter die Müllkisten, die an der Ecke standen, und als sich die beiden Rassenfanatikerbanden in die Gasse quetschen wollten, kippte er den Ersten und Eifrigsten die heiße Brühe über die Köpfe, dann lief er schnell, um seine Freunde einzuholen.
Die Hetzjagd ging noch um mehrere Blöcke. Als Adjuna merkte, daß seinen Leuten die Puste ausging, zog er sie in ein Kino. Alle nahmen im Dunklen Platz. Der Film sollte gleich beginnen.
Sie hatten fast das italienische Viertel erreicht und es war ein italienisches Kino und es zeigte aus aktuellem Anlaß den alten, italienischen Film `Pasqualino Settebellezze' von Lina Wertmüller:
Jene, die sich nicht amüsieren, selbst wenn sie lachen, - oh je.
Jene, die das gemeinsame Götzenbild anbeten, nicht wissend, daß sie für jemand anders arbeiten, - oh je.
Jene, die man schon in der Wiege hätte erschie en sollen - bäng! - oh je.
Jene, die sagen: Folgt mir zum Erfolg, aber tötet mich, wenn ich versage, - oh je.
Jene, die sagen: Wir Italiener sind die größten Herrenmenschen dieser Erde, - oh je.
Jene, die edle Römer sind, - oh je.
Jene, die sagen: Das ist für mich, - oh je.
Jene, die sagen: Du weißt, was das bedeutet, - oh je.
Jene, die die Rechten wählen, weil sie die Schnauze voll haben von Streiks, - oh je.
Jene, die weiß1 wählen, um sich nicht schmutzig zu machen, - oh je.
Jene, die nie etwas damit zu tun haben, mit der Politik, - oh je.
Jene, die immer beruhigen: Ruhe, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, - oh je.
Jene, die immer noch den König unterstützen, - oh je.
Jene, die sagen `jawohl, mein Herr', - oh je.
Jene, die Liebe machen in ihren Stiefeln und sich vorstellen, sie lägen in einem luxuriösen Bett, - oh je.
Jene, die glauben, Christus sei der Weihnachtsmann als kleiner Junge, - oh je.
Jene, die sagen: Oh, was zur Hölle, - oh je.
Jene, die da waren, - oh je.
Jene, die an alles glauben - selbst an Gott, - oh je.
Jene, die sich die Nationalhymne anhören, - oh je.
Jene, die ihr Heimatland lieben, - oh je.
Jene, die immer weitermachen, bloß um zu sehen, wie es enden wird, - oh je.
Jene, die in ihren Gedärmen liegen auf dem Hügel, - oh je.
Jene, die gut schlafen, selbst mit Krebs, - oh je.
Jene, die selbst jetzt noch nicht glauben, daß die Welt rund ist, - oh je, oh je.
Jene, die sich vor dem Fliegen fürchten, - oh je.
Jene, die nie einen tödlichen Unfall hatten, - oh je.
Jene, die einen hatten, - oh je.
Jene, die in einem bestimmten Augenblick ihres Lebens nach einer Geheimwaffe verlangten: Christus, - oh je.
Jene, die immer an der Bar stehen, jene, die immer in der Schweiz sind, jene, die früh losgingen, aber noch nicht ankamen, und nicht wissen, daß sie es nie werden, - oh je.
Jene, die Kriege verlieren mit knapper Not, - oh je.
Jene, die sagen: Alles ist falsch, - oh je.
Jene, die sagen: Und jetzt laßt uns alle herzlich darüber lachen, - oh je. - Oh je. - Oh je. - Oh je. - Oh je. - Oh je. - Oh je. - Oh je.2
1 Ital.: i Bianchi = die Ultrakonservativen
2 Vorsequenz zum Film `Pasqualino Settebellezze' von Lina Wertmüller, Warner Brothers Comp. 1974, Übertragung aus dem Englischen von mir.
Der Film erzählte die Geschichte des Pasqualino Siebenschön, eines typischen Italieners: Gigione, Gigerl und Gigolo, Kulissenreißer und Freund der Straßenmädchen, zweifellos hätte er jeden umgebracht, der ein schlechtes Wort über seine Mutter gesagt hätte, aber keiner sagte ein schlechtes Wort über die Mutter, so war er nicht im Gefängnis, als ein anderer kleiner Casanova, Gauner und Ganove das Herz einer seiner Schwestern eroberte. Der aber hatte ihr Herz nicht erobert, um sie zu heiraten, sondern um mit ihr zu spielen. Um die Ehre der Familie zu retten, brachte Pasqualino ihn um, ein bißchen ungeschickt, da sich vor lauter Schiß sein Abzugfinger krümmte, als er es noch gar nicht sollte. Dank eines guten Anwalts, den ihm seine Schwester mit ihrem Verdienst im Vergnügungsviertel der Stadt bezahlte, kam er als geistig nicht zurechnungsfähig in ein Irrenhaus. Von dort kam er an die Front. Es war gerade die Zeit, daß die Hundeseelen den größten Irren, den Führern und Duces, in den Krieg folgten, ach nein, sich schicken ließen, aber Pasqualino war ein feiger Hund. Er desertierte und endete schließlich in einem deutschen KZ. Sein Wunsch zu leben war ungebrochen. Er hatte eine Vision, daß er sich retten könne, wenn er die Aufseherin des KZs mit seinem Charme bezirze. Diese Brunhilde hatte alle Qualitäten eines deutschen Übermenschen, sie war sadistisch, wie es ihr Job erforderte, ihr Leibesumfang war so enorm wie der einer Mastsau und ihr Gesicht war nur wenig hübscher.
Oh, minnen Deinen minniglichen Leib,
Dich, Du schönes, starkes, deutsches Weib!
Pasqualino erzählte seinen Mitgefangenen von seinem Plan und rechtfertigte ihn mit seinem Wunsch zu leben. Er wolle Kinder haben, viele Kinder, und Kindeskinder, und Kindeskindeskinder, Kindeskindeskindeskinder. Kinder. Kinder. Kinder. Ein alter Mitgefangener lachte. Er erklärte Pasqualino etwas vom ewigen Vermehren der Menschen, von der Überbevölkerung und den Problemen, die deshalb auf die Menschen zukämen: viel grausamere Kriege als der jetzige; auf der ganzen Welt würden schlimmere Zustände als im KZ herrschen; ganze Familien würden umgebracht werden für ein Stück Brot; die Menschen würden sich gegenseitig abschlachten. Der alte Mann sah das Ende der Menschheit voraus, den Untergang, und bedauerte es: Schade, denn eigentlich glaubte ich an die Menschen, aber an einen neuen Menschen, nicht dieses mit Intelligenz versehene Biest, an einen Menschen, der wirklich zivilisiert ist, einen Menschen mit Werten, der die Harmonie in den Dingen wieder entdeckt. Die anderen verstanden ihn nicht recht und fragten, ob er einen Menschen meinte, der Ordnung schaffe. Der Mann aber verneinte: Ordnung, nein, ordentlich, das sind die Deutschen. Ein Mensch in Unordnung, das ist die einzige Hoffnung, die es gibt.
Pasqualino gelang es tatsächlich, sich an die KZ-Aufseherin heranzumachen. Sie behandelte ihn wie Dreck und verachtete seinen Wunsch zu leben: Makkaroni, dein Dürsten nach Leben widert mich an, du widerliche, scheiß-italienische Ratte, aber du hast deine Erektion geschafft, du widerlicher, italienischer Untermensch. Und weil du stark bist, schaffst du es weiterzuleben und am Ende gewinnst du gar, du, miserables Geschöpf ohne Ideen und Ideale. Und wir Deutsche, die wir Herrenmenschen schaffen wollten und die Ideale einer übermenschlichen Rasse in uns tragen, sind zum Versagen verdammt und müssen untergehen.
Damit sich Pasqualino auch schuldig machte, setzte sie ihn als Blockwart ein und zwang ihn, ein Soll an Gefangenen zur Hinrichtung auszuliefern.
Pasqualino überlebte. Er kehrte unbeschädigt in seine Heimatstadt Napoli zurück, wo die Frauen und Mädchen der Stadt, inklusive seiner Verlobten und seiner Schwestern, in der Zwischenzeit als Huren für GIs ihren Mann standen. Er sagte seiner Verlobten, daß er sie schnell heiraten wolle. Er habe keine Zeit. Er brauche viele Kinder, zwanzig, dreißig Kinder: Siehst du da draußen die Menschen. Bald werden es fünf, sechs Milliarden sein. Sie werden sich umbringen für einen Bissen Brot, da sind viele Kinder eine Frage des Überlebens. Verstehst du?
Seine Verlobste verstand seine großen - globalen - Ideen nicht, aber sie sagte, daß sie ihn immer geliebt hatte.
Der Film war zu Ende. Alles drängte zum Ausgang. Jemand fand den Film sehr unterhaltsam. Jemand fand den Film nicht sehr unterhaltsam.
"Oh, jene, die immer unterhalten werden wollen, - oh yeah."
Jemand hatte gar keine Meinung.
Jene, die immer keine Meinung haben, - oh je.
Draußen braute sich ein Unwetter zusammen. Was ist los? Wollte Adjuna wissen.
"Die Zukunft geht rückwärts, Signor."
Tatsächlich trafen sich wieder tief unten in den unwirklichen Gedärmen unserer Mutter Erde die übermenschlichen Ritter der Weißen Rasse.
In Wirklichkeit traf man sich gemütlich in Tante Tannys Taverne, wo es die besten Fried Chicken (Brathähnchen) und die besten Apple Pies (Apfelkuchen) der Südstaaten und damit der ganzen Welt gab. Der Oberrassenhasser rekrutierte Hilfsrassenhasser im Nebenraum. Vor einem Altar mit Schwert, Scheide, Fahne und Feuerkreuz, Glühbirnen beleuchtet wegen der Feuergefahr, knieten die Kluxerknappen für den Rasse-Ritter-Schlag.
Der Oberrassenhasser hielt ihnen die Bibel hin. `Die Bibel ist ein Buch, aus dem sich jeder heraussucht, was er gerade braucht', sagte sich der Oberrassenhasser wohl, `selbst die Homosexuellen hatten aus der Bibel schon herausgelesen, daß Jesus schwul war, und darauf ihre Kirche aufgebaut, die Albingenser liebten das erste Kapitel des Johannesevangeliums und die Atheisten das leere Blatt zwischen den beiden Testamenten, weil sie nur auf diesem Blatt nichts Anstößiges und Unsinniges fanden.' Der Oberrassenhasser hatte für seine Ritter Römer 13 ausgesucht, was er für einen Fortschritt gegenüber früher hielt: `Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber die Obrigkeit ist, ist sie von Gott verordnet.'
Und keiner wagte etwas gegen den Oberrassenhasser zu sagen, er war ja die Obrigkeit. Nach empfangenem Ritterschlag und bezahltem Mitgliederbeitrag erhielten die neuen Rassenhasser, Ritter des KKK, ihre weiße Lakenuniform mit steifer Zipfelmütze und der Gesichtsmaske, die ihre feigen Gesichter völlig verdeckte.
Um die Sache ein bißchen spannender zu machen, gab es noch in anderen Windungen der irdischen Gedärme die Nacirema, weiße Rassenhasser in schwarzen Umhängen, die ihren Namen aus dem Wort American, rückwärts gelesen, gebildet hatten,1 und die jetzt auch dabei waren, fleißig Leute zu rekrutieren, um nicht von den Weißmaskierten und den wirklich Schwarzen eine Niederlage zu erleiden.
1 Gibt's wirklich!
Neben den Weißmaskeradierten und den Schwarzmaskeradierten rüsteten auf der anderen Seite dieser menschlichen Komödie, dieses unlustigen Lustspiels, dieser Schmiere, die sich Wirklichkeit nannte, die wirklich Schwarzen mit ihren tiefgefrorenen Seelen, Al Rukh und anderer Moslemspuk. Auch sie genossen göttlichen Schutz und waren göttliche Kämpfer. Sie hielten sich für die ursprünglich von Gott für die Welt geschaffenen Menschen. Und da sie die ursprünglichen Menschen waren, gehörte ihnen rechtmäßig die Welt, die Herrschaft über die Welt. Der Weiße war nur ein vom Teufel irregeleiteter Irrläufer der Evolution. Alles Böse kam von ihm. Seine Bösheit mußte von guten schwarzen Menschen unterdrückt werden.
Im Gegensatz zu den maskierten Weißen zeigten die Schwarzen ohne Scham ihr Gesicht und viele sogar noch mehr, aufgeknüpfte Hemden, freie Oberkörper, Ketten mit den Plastikzähnen von Raubkatzen schmückten ihre Brust.
Auch sie hatten ihr heiliges Buch und ihre liebsten Stellen. Besonders gefiel ihnen: `Steh auf, schwarzer Dada-Nihilismus. Vergewaltige die weißen Mädchen...' Sie brauchten nicht lange zu suchen. Es stand gleich auf einer der ersten Seiten. Und wenn der Held es später auch widerrief, man las nicht weiter oder verschloß die Augen davor.
Und mit geschlossenen Augen stellte man sich vor, wie schön es sein mußte. Und man war nicht schüchtern, seine Träume zu verwirklichen. Und man war so eifrig...
Die Weißen erzählten sich, die Schwarzen machten ihren Hosenschlitz schon gar nicht mehr zu, wenn sie von einer zur anderen gingen, manche ließen gar für den Moment ihr Glied draußen hängen.
Aber alles schlafft einmal ab.
Jedoch, noch war das Unwetter im Anzug. Es begann mit vereinzelten Tropfen, was gerade ins Fadenkreuz der Gewehre kam. Da wurde bei einer Power-Demonstration des Klans ein Kluxer getroffen, und da noch einer. Da wurde ein Schwarzer, weil er eine weiße Frau geschändet hatte, aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Daß er sie vor drei Monaten geheiratet hatte, war no problem - für das Gewissen der Schützen. Manchmal erwischte man auch einen wirklichen Frauenschänder. Und manch eine Frau suchte die Schande. Und heizte so die Atmosphäre an. Und jedesmal fielen Schüsse. Schüsse und ihr Widerhall.
Als dann beim Zelebrieren einer KKK-Messe ein Schwarzer erst grausam von unten her verstümmelt und dann ermordet worden war, war das Pulverfaß fast zum Überlaufen voll.
Die letzte Bremse war das bißchen Hoffnung, das man noch hatte auf Gerechtigkeit vor einem Gericht.
Zum Donnerwetter fehlte also nur noch der Freispuch durch die Geschworenen. Und richtig. Er blieb nicht aus.
Als der Oberrichter den Oberkluxer fragte, ob er jemals den Befehl gegeben habe, einen Menschen zu töten, oder gar selbst getötet habe, Augenwinkwink, antwortete der Oberkluxer fest: "Nein." "Können Sie das beschwören?" "Ja."
Den Geschworenen genügte der Schwur des angesehenen Mannes. Sie sprachen ihn frei.
Aber allen war klar: Der Trick war: Schwarze waren für ihn keine Menschen.
Der nun folgende Ausbruch an Gewalttätigkeiten war von verschiedenen Seiten schon lange herbeigesehnt worden, nicht nur von Rassisten, die solange aus ihrem Herzen eine Mördergrube hatten machen müssen, ohne wirklich frei und nach Herzenslust morden zu können, auch viele einfache Leute ohne Ideen und Ideale hatten schon lange darauf gehofft, und wenn es nur war, weil sie hofften, dann billig einkaufen zu gehen, sprich: plündern.
Aus den Tropfen war ein Hagelschauer geworden. Und manch einer hatte sich gerade neue Möbel und eine neue Sitzgarnitur zusammengeklaut und saß jetzt im verbarrikadierten Haus und wartete auf das Ende des Schauers. Aber es wollte nicht wieder enden. Ein Dauerregen. Ein Flächenbrand. Die, die haßten, konnten nicht mehr halten. Die letzte Barrikade mußte brechen, bis zum letzten Haus alles verbrennen, bis zum letzten Mann alles fallen.
"Der Preis dafür, daß man andere Menschen haßt, ist, daß man sich selbst weniger liebt", so zitierte der Oberpriester der Schwarzen den Messias seiner Bewegung, und interpretierte es auch gleich so, wie es nie gemeint war, nämlich von hinten. Er sprach von der Selbstlosigkeit, mit der die Kämpfer in diesen Rassen-Endkampf stürmen sollten. Der Stürmer der neue Mensch in Unordnung.
Die Unterdrückten dieser Erde beklagten nicht so sehr, daß sie unterdrückt wurden, als daß sie nicht selbst unterdrückten, die Unterprivilegierten nicht so sehr ihr Unterprivilegiertsein als ihr Nicht-Überprivilegiertsein. Ausnahmen waren nur: Phlegmatiker, Übersatte, Geistigminderbemittelte und Fellachen.
Im Chaos dieses Bürgerkrieges erhielten die Unterdrückten und Unterprivilegierten nun alle ihre Chance. Vielleicht begegneten sie jemandem ohne Waffen oder jemandem, den sie entwaffnen konnten, oder dem sie die Waffe aus der Hand schießen konnten. Dieser Mensch war ihnen dann auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Da sie wenig Umgang hatten mit Macht und Herrschaft, war es immer Verderb. Gnade war Schwäche, galt es doch Untermenschen ihren Platz zuzuweisen, bzw. sich für 400 Jahre Unterdrückung zu rächen. Viele spielten mit ihren Opfern wie satte Katzen mit Mäusen, jagten mal eine Salve in die Beine, mal ein paar Schüsse in die Arme, Gourmets nahmen ein Messer, die Primitiveren die bloßen Hände.
Ja, der moderne Mensch war das Endprodukt einer langen Entwicklung vom kannibalisierenden Barbaren über Raubritter, Glaubenseiferer und Inquisitoren zum Ausbeuter, Betrüger und Demagogen der Neuzeit und zum kleinen Mann in der großen Masse.
Den wirklich Privilegierten fuhr angesichts der Unruhen der Schrecken in die Glieder. Nicht, daß sie persönlich in Gefahr waren. Aber mit ihren A-Bomben-Fingern und anderen Waffen waren sie gerade dabei gewesen, die Welt zu umarmen. Zwar waren sie darauf gefaßt gewesen, daß hier und da ihnen jemand in die Finger biß, aber daß Geschwüre in ihren innersten Organen fraßen, damit hatten sie nicht gerechnet. Sie krümmten ihre langen Finger zurück auf ihren übermächtigen Bauch. Sie bestanden nur aus Fingern und Bauch - und Ärschen. Die Armee wurde schließlich Herr der Situation. Wie immer durch Over-Kill. Das war noch möglich.
Die reife Frucht Welt - reif, weil sie handlich geworden war - fiel ihnen diesmal noch nicht in die Hände. Und manch einer mochte damals frohlockt haben: Haaa, den Imperialisten ist die Ernte mißglückt. Aber hätten sie sie bekommen, sie wäre ihnen nicht verdorben, sauer aufgestoßen, das schon, aber nicht verdorben. So aber bildeten sich neue Geschwüre, gefährliche Staaten, die sich ihnen entgegenstellten. ...und der Zusammenstoß der Stammeskrieger sollte den Rotationsellipsoid Erde eines Tages ins Bleiern bringen. ...und alle Ernten waren für immer verdorben.
Die taube Nuß nutzte niemandem mehr, die Stille war statuarisch, leblos und ohne Leidensschreie. Es stank lange Zeit von den Stinkadores, die man geworfen hatte, und von der Fäulnis; doch auch das sollte sich geben.
Aber noch war es ja nicht so weit.
"Wo Aufregung entsteht, macht die Welt Rückschritte."
Ja, wo Aufregung entstand, machte man auf der Welt Rückschritte.
Und es war alles so aufregend, was auf der Welt entstand. Große Gedankensysteme zerbrachen, und Blut-und-Bogen-Ideologien sprossen überall hervor und trieben Blüten.
So meldeten auch die Schwarzen wieder ihre alte Forderung an: Die sieben Staaten südlich der Magnolienlinie wollten sie haben. Auf Florida verzichteten sie, da sie einsahen, daß die Juden, die zu Großvaters Zeiten den Staat noch nicht einmal betreten durften, ihn mittlerweile gekauft hatten. Die anderen Staaten aber wollten sie. Sie behaupteten, ihre Vorfahren hätten das Land mit ihrer Sklavenarbeit schon längst bezahlt.
Die Stimme des Indianerhäuptlings, der am Lagerfeuer sitzend einer Handvoll roten Brüdern sagte, er wolle 49 Staaten vom Weißen zurückhaben, weil das Land gestohlen worden sei, ging im allgemeinen Tumult unter. Die Roten wagten sich auch nicht in die Städte, um ihre Forderung anzumelden.