Adjuna bei den Hopi-Indianern

Adjuna und seine Freunde fuhren weiter mit ihren Prärieschoonern durch das immer felsiger werdende Land. In Galopp oder war es Gallup ging es durch die Indianerhauptstadt der Welt. Dann weiter ins Navajoland. Gelbe Wüsten, weiße Wüsten, buntgemalte Wüsten, blutrote Mesas, Tafelländer und Canyons, grüne Fichten, mit zitternden Espen behangene Hochländer, silbener Salbei, himmelblauer Himmel.

Bei den Hopi-Indianern

Religionsunterricht bei den Hopis

Tokpela war die erste Welt, war endloser Weltenraum.

Nur der Schöpfergott Taiowa lebte in ihr, sonst war alles endloser Raum.

Es gab keinen Anfang und kein Ende, keine Zeit und keine Form und kein Leben.

Es gab nur eine unermeßliche Leere, die ihren Anfang und ihr Ende, ihre Form und ihre Zeit und ihr Leben im Geist des Schöpfergottes Taiowa hatte.

Und der Unendliche erdachte das Endliche.

Und das Endliche sollte eine Form bekommen.

Und der Unendliche gab dem Endlichen eine Form.

Und die endliche Form war das erste Geschöpf.

Das erste Geschöpf war Sótuknang.

Und der Schöpfer sagte zu seinem Geschöpf: "Ich habe Dich geschaffen. Du bist das erste Geschöpf, mein Erstgeschaffener. Du bist ein Wesen und hast deine Wesensart und deine Wesensaufgabe, Wesen. Deine Aufgabe ist es, meinen Plan für das Leben im endlosen Weltenraum zu verwirklichen. Ich bin dein Onkel, du bist mein Neffe. Gehe nun und sortiere die Weltenräume und schaffe die Ordnung, daß alles harmonisch ineinandergreift, wie ich es geplant habe."

Sótuknang tat, wie ihm befohlen.

Aus der Unendlichkeit sammelte er das Feste heraus und formte es in neun Formen. Das waren die neun Weltraumreiche: Eins für Taiowa den Schöpfer, eins für sich selbst und sieben für das kommende Leben.

Als er damit fertig war, ging er zu Taiowa und fragte: "Ist es recht so?"

"Es ist sehr gut", antwortete Taiowa, "jetzt gehe hin und tue das Gleiche mit dem Wasser und verteile es auf die Oberfläche der Welten."

Und Sótuknang sammelte aus der Unendlichkeit das heraus, was Wasser werden sollte, und tat es auf die Oberflächen der Welten, so daß sie zum Teil fest zum Teil flüssig waren. "Ist es recht so?" fragte er den Schöpfergott.

"Es ist sehr gut", antwortete Taiowa, "als nächstes sammle die Luft und lasse sie friedlich über alles streichen."

Und Sótuknang tat, wie ihm geheißen, und sammelte aus der Unendlichkeit das, was sich als Luft manifestieren sollte, und ließ es als Wind über die Oberflächen der Welten wehen.

"Ist es recht so?"

Taiowa war zufrieden: "Ein großartiges Werk, aber es ist noch nicht fertig. Jetzt mußt du noch das Leben schaffen und seine Bewegung, denn Túwaqachi, die komplette Welt, besteht aus vier Teilen: das Feste, das Flüssige, das Luftige und das Leben."

Die erste Welt des kommenden Lebens hieß Tokpela. Dort hinein ging Sótuknang und schuf sich eine Helferin, Kókyangwúti, die Spinnenmutti.

Und er sprach zu Kókyanwúti: "Siehe, ich habe diese Welt geschaffen, sie hat Form und Substanz, Richtung und Zeit, Anfang und Ende, aber sie hat kein Leben. Du hast Weisheit, Wissen und Liebe, schaffe du das Leben für diese Welt!"

Und die Spinnenfrau nahm Erde und etwas Speichel und knetete zwei Wesen ins Dasein. Sie bedeckte sie mit einem Gewebe und sang das Schöpfungslied. Als sie das Gewebe wieder wegnahm, setzten sich die beiden Wesen auf. Es waren Zwillinge. Sie fragten: "Wer sind wir? Warum sind wir hier?"

Und Spinnenfrau sagte zum Rechten: "Du bist Pöqánghoya. Du wirst, nachdem das Leben auf die Erde gesetzt wurde, darüber wachen, daß Ordnung herrscht. Gehe jetzt in die Welt hinaus und lege deine Hand an das Feste, damit es ganz fest wird. Das ist deine Aufgabe."

Und zum Linken sagte sie: "Du bist Palöngawhoya. Auch du mußt helfen, auf der Welt Ordnung zu halten, nachdem das Leben darauf gesetzt wurde. Gehe jetzt hinaus in die Welt und erhebe deine Stimme, daß man sie auf der ganzen Welt höre. Du sollst bekannt werden als Echo. Alle Töne aber sind ein Echo des Schöpfers."

Und Pöqánghoya ging hinaus in die Welt und festigte die hohen Regionen der gigantischen Berge, aber die unteren Abhänge und die Täler ließ er gerade weich genug für die Pfüge derer, die da kommen würden und die Erde beackern und bebauen würden und sie liebevoll ihre Mutter nennen würden.

Und Palöngawhoya ging hinaus in die Welt und ließ seine Stimme ertönen, wie ihm geheißen war. Und die vibratorischen Zentren entlang der Erdachse von Pol zu Pol ließen seinen Ton widerhallen, und die ganze Welt vibrierte, und das Universum vibrierte im gleichen Ton wider. Und die ganze Welt wurde ein Werkzeug des Tons, und der Ton wurde ein Werkzeug der Mitteilung, und Töne hallten wider immer wieder und tönten zur Ehre des Schöpfers.

"Das ist deine Stimme, Onkel", sagte Sótuknang zu Taiowa, alles ist auf deine Stimme eingestimmt."

"Sehr gut", sagte Taiowa.

Pöqánghoya wurde dann zum Nordpol der Weltenachse geschickt, und Palöngawhoya zum Südpol der Weltenachse. Von dort sollten sie über die Rotation der Welt wachen.

Spinnenfrau schuf dann die Bäume, Büsche, Blumen und Pflanzen, alle Arten von Saat- und Nußträgern, und sie gab allen einen Namen.

Ebenso schuf sie alle Arten von Tieren. Immer nahm sie Erde und Spucke, formte eine Form, bedeckte sie mit ihrem Tuch, besang sie. Die belebte Substanz setzte sie dann vor sich, hinter sich oder links oder rechts neben sich auf den Boden, als Zeichen dafür, daß sich das Leben nach allen Seiten hin ausbreiten solle.

Und die Pflanzen und Tiere breiteten sich aus und die Kraft des Leben wirkte durch sie.

"Jetzt ist die Welt reif für den Menschen", jubelte Taiowa.

Und die Spinnenfrau sammelte wieder Erde, diesmal nahm sie Erde in den vier Farben, gelb, rot, weiß und schwarz. Sie mischte wieder ihren Seiber darunter, bedeckte die Formen mit ihrem weißen Tuch und ihrer schöpferischen Weisheit, sang ihr Lied, und als sie das Tuch wieder wegnahm, standen vier Geschöpfe auf, die ein Abbild Sótuknangs waren. Sie schuf dann noch einmal vier Wesen nach ihrem eigenen Abbild. Diese Wesen waren Wútis, weibliche Partner, denn die ersten vier Menschen waren Männer.

Dies alles geschah in der Zeit des dunkel violetten Lichts, Qoyangnuptu, der ersten Phase der Schöpfungsdämmerung.

In der Morgendämmerung der Schöpfung waren die Geschöpfe wach und machten ihre ersten langsamen Bewegungen. Die Stirn der Menschen aber war noch feucht und auf ihren Köpfen war eine weiche Stelle.

Der erste Atem des Lebens trat in die Geschöpfe.

Dies war die Zeit des gelben Lichts, Síkangnuqa, die zweite Phase der Schöpfungsdämmerung.

Als dann die Sonne über dem Horizont erschien, trocknete die Feuchtigkeit auf der Stirn und die weiche Stelle am Kopf der Menschen wurde hart.

Das war die Zeit des roten Lichts, Tálawva, die dritte Phase der Schöpfung.

Und die Menschen traten stolz ihrem Schöpfer gegenüber und sahen ihm ins Antlitz.

"Das ist die Sonne", sagte Spinnenfrau, "ihr seht zum ersten Mal euren Vater, den Schöpfergott. Und immer wenn ihr den Schöpfergott kommen seht, erinnert euch der drei Phasen der Schöpfung, die die Zeit der drei Lichter ist, das dunkle violette Licht, das gelbe Licht und das rote Licht. Diese drei Lichter sind das Mysterium der Schöpfung, der Atem des Lebens, die Wärme der Liebe, die Essenz des ganzen Schöpfungsplanes."

Die Menschen antworteten nicht, die Menschen sagten nichts, die Menschen konnten nicht sprechen.

"Onkel, wir brauchen dich", riefen da Spinnenfrau und die Polzwillinge.

"Ihr habt mich gerufen. Hier bin ich. Was braucht ihr mich so dringend?" fragte der Schöpfer.

"Ich habe die ersten Menschen geschaffen, wie du mir aufgetragen hast", sagte Spinnenfrau, "Sie haben die richtige Form, sie haben die richtige Farbe, sie haben Leben, sie haben Bewegung, aber sie können nicht sprechen. Gib ihnen Sprache, gib ihnen auch Weisheit und die Fähigkeit, sich fortzupflanzen, damit sie mehr vom Leben haben."

Und der große Gott gab ihnen Sprache, jedem Menschenpaar seine eignene Sprache, je nach Hautfarbe; so ehrte er ihre Verschiedenartigkeit. Und er gab ihnen Weisheit und Reproduktionskräfte.

Mit Weisheit beschenkt, erkannten die Menschen, daß die Erde Leben hatte wie sie selbst, eine lebende Einheit war. Sie war ihre Mutter. Sie waren Fleisch von ihrem Fleisch. Sie lebten von ihrer Brust, nuckelten an ihr. Ihre Milch war das Gras der Tiere, das Korn der Menschen, die Beeren und Nüsse. Die Maispflanze war auch eine lebende Einheit, in vielem ähnlich den Menschen. Und die Menschen nahmen Fleisch von der Maispflanze und taten es in ihre Körper und das Fleisch der Maispflanze wurde Fleisch der Menschen und so war das Fleisch der Menschen Fleisch der Maispflanze, Fleisch aus ihrem Fleische, und so war die Maispflanze auch eine Mutter der Menschen. Und sie erkannten, daß Mutter zwei Aspekte hatte: Mutter Erde und Kornmutter.

Auch ihr Vater hatte zwei Aspekte, als großer Sonnengott ihrer Welt und als Weltenschöpfer Taiowa, der durch das Gesicht des Sonnengottes hindurchschaute.

Die göttlichen Wesen waren die wahren Eltern, irdische Eltern waren nur Instrumente, die die göttliche Schöpfung immer weiterreflektierten.

Und so hatte auch jeder einzelne Mensch zwei Aspekte, einmal war er Mitglied des Familienklans und andererseits Teil eines riesigen Universums, dem er mit zunehmender Reife verpflichtet war.

Die zweite Unterrichtsstunde

Die ersten Menschen verstanden das große Mysterium, daß Mensch und Mundus, Mikrokosmos und Makrokosmos gleicher Natur waren. Wie durch die Welt eine Achse ging, die die Kunst des Gleichgewichtshaltens beherrschte und die Welt hielt und ihre Bewegungen harmonisierte und Bleiern und Taumeln verhinderte, so durchzog eine Achse den menschlichen Körper und hielt Balance. Diese Gleichgewichtsachse der Menschen war die Wirbelsäule. Auf ihr lagen die vibratorischen Zentren, die den ursprünglichen Klang des Lebens widerhallten und Alarm schlugen, wenn etwas schief ging.

Das erste dieser Zentren lag in der Krone des Kopfes. Hier lag die weiche Stelle Kópavi, die offene Tür, durch die der Mensch sein Leben empfangen hatte und in direktem Kontakt mit seinem Schöpfer stand.

In der weichen Stelle pulsierte das Leben, widerhallte, was der Schöpfer gegeben hatte. Aber in der Zeit des roten Lichts wurde die weiche Stelle hart und die Tür schloß sich und der Mensch verlor den Kontakt mit dem Schöpfer und war auf sich allein gestellt. Erst wenn sein Leben zu Ende war, sollte er wieder mit seinem Schöpfer vereinigt werden.

Unter diesem ersten Zentrum lag ein zweites, das Denkzentrum, das dem Menschen die Fähigkeit gab, für sich selbst zu denken und Entscheidungen zu fällen. Und ohne es von Göttern erklärt zu bekommen, verstand er, daß es seine Aufgabe war, den Plan der Schöpfung auszuführen, göttlichen Gesetzen folgezuleisten, die heilige Harmonie zu erhalten.

Das dritte Zentrum lag im Hals, an der Kreuzung von Mund und Nase, Luft- und Speiseröhre, wo der Atem des Lebens einging und die vibratorischen Organe ihn als Klang an die Welt zurückgaben. Der Urklang, der von den vibratorischen Zentren des Weltenkörpers kam und eingestimmt war auf die Vibration der gesamten Schöpfung, hallte von diesem Kehlkopfzentrum wider, aber auch andere liebliche Töne ließen sich hier formen, die den Menschen Sprache und Gesang ermöglichten. Und je mehr der Mensch seine Aufgabe in dieser Welt verstand, desto mehr benutzte er dieses Zentrum, um von der Ehre des Schöpfers zu sprechen und sein Lob zu singen.

Das vierte Zentrum war das Herz. Auch das Herz war ein vibrierendes Zentrum, in ihm pulsierte die Vibration des Lebens selbst. Und die Menschen, die nur Gutes wollten, von denen sagte man, daß sie ein Herz hatten, aber von jenen, die auch Übles in ihr Herz ließen, von denen sagte man, daß sie zwei Herzen hatten.

Das wichtigste Zentrum des Menschen aber war der Solarplexus, das Sonnengeflecht, denn er war der Thron des Schöpfers im Menschen, von dort wurden alle Funktionen im Menschen gesteuert.

Die ersten Menschen waren rein und glücklich und kannten keine Krankheit, jedenfalls nicht, solange das Böse nicht in die Welt kam.

Ihre Welt hieß Tokpela, endloser Weltenraum, die Richtung war Westen, die Farbe gelb, das Metall Gold, das Tier der Erde die dickköpfige Schlange, das Tier der Luft Wisoko, der Fett fressende Vogel, und die Pflanze war Muha, ein kleines vierblättriges Kräutchen.

Die Menschen vermehrten und breiteten sich aus auf dem Antlitz der Erde. Trotz der Verschiedenheit ihrer Hautfarbe und der Verschiedenheit ihrer Sprache empfanden sie sich als eins, eine Menschheit, und sie verstanden einander, sogar ohne zu sprechen. Und genauso war es mit den Tieren, auch mit ihnen fühlte man sich eins, und auch die fühlten eine Gemeinsamkeit mit den Menschen. Sie alle nuckelten gemeinsam an der Brust der Mutter Erde, und Mutter Erde gab ihnen ihre Milch in Form von Gras, Saat, Früchten und Korn und Bohnen.

Aber mehr und mehr, jede Generation in bißchen mehr, nutzten die Menschen die Fähigkeiten ihrer vibratorischen Zentren für egoistische Zweck, und mehr und mehr vergaß man den Befehl von Spinnenmutter und Sótuknang, die Zentren für die Verwirklichung des Schöpfungsplanes zu benutzen.

Dann kam der Redner und Zerreißer, der Demagoge und Dämonologe. Sein Name war Lavaíhoya. Er kam als Vogel, als plappernder Vogel Mochni, ein Mocking Bird, eine Spottdrossel. Er kam und plapperte und plapperte und sprach von den Unterschieden und spottete immer über die anderen und dämonisierte sie. Und die Menschen hörten zu und schließlich sahen sie die Unterschiede, die andere Hautfarbe, die andere Haarfarbe, die andere Sprache, die andere Art, und sie mochten das andere nicht mehr und fürchteten es und haßten es und die anfängliche Harmonie war dahin und die Absicht des Schöpfers.

Dann kam der Schöne, Káto'ya, in der Form einer dickköpfigen Schlange kam er und trennte die Menschen noch mehr und führte sie voneinander fort und von der ursprünglichen Weisheit. Jetzt, wo man die anderen nicht mehr sah, wuchs das Mißtrauen noch mehr. Alles Böse wurde den anderen jetzt anfantasiert. Und die Menschen wurden immer schrecklicher und kriegerischer und bekriegten einander immer grausamer.

Aber unter allen Rassen, unter allen Völkern und Sprachfamilien gab es einige, die die Harmoniegesetze der Schöpfung befolgten. Ihnen erschien eines Tages Sótuknang, und Sótuknang sagte zu ihnen: "Die Welt ist schlecht. Ich habe mit meinem Onkel gesprochen. Sie mußt zerstört werden. Ihr seid die Auserwählten, die überleben sollen."

Und er führte sie zu einem Ameisenhaufen, klopfte an und bat die Ameisenleute, die auserwählten Menschen für die Zeit des Weltunterganges zu beherbergen. "Und lernt von den Ameisen", ermahnte er die Auserwählten, "sie gehorchen dem Plan der Schöpfung, sind fleißig, sammeln im Sommer Nahrung für den Winter und ihre Bauten sind im Sommer kühl und im Winter warm." Sótuknang verabschiedete sich.

Dann öffnete Sótuknang die Vulkane und Feuer regnete auf die Erde herab und zerstörte alles Leben. Die Auserwählten und die Ameisenleute aber waren sicher im Innern der Erde.

Es war leicht, die Welt zu zerstören - puff - futsch war alles, verbrannt. Aber das Feuer war heiß gewesen. Und das Abkühlen dauerte lange. Der Vorrat der unterirdischen Bewohner wurde immer weniger. Die Ameisenleute waren sehr gastfreundlich. Sie ließen die Gäste essen und hungerten selbst, so wurden ihre Taillen immer enger.

Endlich war die erste Welt abgekühlt und Sótuknang schuf die zweite. Er machte alles anders, wo früher Wasser war, kam Land hin und umgekehrt. Als alles fertig war, ging Sótuknang zum Kiva der Ameisen und klopfte wieder an. Er bedankte sich bei den Ameisen. "Eure Gastfreundschaft wird nie vergessen werden." Und er prophezeite, eine Zeit, in der die Menschen wieder böse geworden seien und auch die zweite Welt zerstört werden würde. Dann würden die Bösen vor den Ameisenhaufen kauern und um Einlaß betteln, aber für die Bösen gäbe es keine Rettung.

Dann rief er den Auserwählten zu, herauszukommen. "Die zweite Welt ist nicht so schön wie die erste, aber schön genug. Ihr werdet euch an sie gewöhnen und sie lieben lernen. Und vergeßt nicht die Harmonie, die dem Willen des Schöpfers entspricht, und singt dem Schöpfer fröhlich eure Lobe zu."

Und die Menschen traten hinaus in die zweite Welt. Ihr Name war Tokpa, das hieß dunkle Mitternacht, die Richtung war Süden, die Farbe blau, das Metall war das Silber, der Baum die Fichte, der Vogel der Adler und das häufigste Tier das Stinktier.

Die Vögel und anderen Tiere dieser zweiten Welt waren fern und ängstlich. Sie fühlten keine Gemeinsamkeit mehr mit den Menschen, aber die Menschen vertrugen sich untereinander, und wenn sie auch nicht die gleiche Sprache sprachen, so fühlten sie doch gleich.

Und die Menschen taten, wie sie von den Ameisen gelernt hatten, sie lagerten Vorräte und bauten Häuser und fertigten Sachen mit ihren Händen. Und sie tauschten und trieben Handel.

Und da begann das Problem. Der eine fühlte sich übervorteilt und der andere fühlte sich übervorteilt und sie fühlten nicht mehr gemeinsam.

Eigentlich gab es in der zweiten Welt alles, was man zum Leben brauchte. Aber es waren die Dinge, die man nicht brauchte, von denen man immer mehr haben wollte. Und man konnte nicht genug von ihnen bekommen, von den nutzlosen Dingen.

Und die Menschen stritten sich um die nutzlosen Dinge und kämpften und führten wieder Kriege, Pueblo gegen Pueblo. Aber in jedem Pueblo gab es noch immer ein paar gute Menschen, und die Bösen lachten wieder über die guten Menschen, aber die guten Menschen blieben bei ihrer Güte.

Eines Tages erschien Sótuknang vor ihnen. "Spinnenmutter sagt mir, daß der Welt der Faden ausgeht. Mein Onkel Taiowa wird auch diese Welt zerstören. Wer noch Lieder in seinem Herzen hat, fliehe wieder zu den Ameisen."

Nachdem die Ameisen die Auserwählten der zweiten Welt in die Sicherheit des Untergrunds geführt hatten, verließen die Zwillige ihre Posten an den Polen der Welt und sie überschlug sich zweimal und Berge purzelten in die See und versanken und das große Bleiern begann. Von den Polen her breitete sich Frost über die Erde aus und alles erstarrte und wurde leblos. So endete Tokpa, die zweite Welt.

Während auf der Erdoberfläche alles vereist war, lebten die Auserwählten im Erdinnern bei den Ameisen. Das Essen wurde wieder knapp und die Taille der Ameisen noch enger. Aber schließlich befahl Sótuknang den Zwillingen, wieder an die Pole zu gehen und die Erdrotation zu bändigen, und die Heftigkeit der Erdbewegung ließ nach und das Leben erstand von Neuem auf der Erde. Sótuknang klopfte wieder an den Kiva der Ameisen, dankte und ließ die Menschen herauskommen und die dritte Welt betreten.

"Ich sage euch zwei Dinge: erstens, ihr müßt einander respektieren, zweitens, singt von den Hügeln in völliger Harmonie die Loblieder auf Schöpfung und Schöpfergott. Wenn ich euch nicht mehr singen höre, dann weiß ich, daß ihr wieder den Weg des Bösen trampelt."

Die dritte Welt war Kuskurza, die Richtung war Osten, die Farbe rot, das Metall Kupfer, die Pflanze Tabak, der Vogel die Krähe, das Tier die Antilope.

In der ersten Welt hatten die Menschen nackt und wie Tiere gelebt, in der zweiten hatten sie Hütten gebaut und Dörfer. In der dritten Welt nun bauten sie Städte, Metropolen, ganze Zivilisationen.

Sie bauten lärmende Maschinen und lebten in Luxus und Ausschweifung. Und sie begannen ihr schöpferisches Können für böse und zerstörerische Zwecke zu benutzen. Da wurde es immer schwerer, ein religiöses Leben zu führen und auf den Hügeln die Loblieder zu singen, und es wurde unmöglich, den Zivilisationslärm zu übertönen.

Die kreativen Kräfte des Bösen bauten Pátuwvota, einen Schild, der riesig war und durch die Luft fliegen konnte. Viele Menschen konnten mit ihm fliegen, von einer fernen Stadt zur anderen, und die Menschen flogen mit Pátuwvota zu fernen Städten und griffen sie aus der Luft an und kehrten genauso schnell, wie sie gekommen waren, zurück. Und alle Städte und alle Länder bauten Pátuwvotas und bekämpften sich, und Korruption und Krieg war in der dritten Welt wie in den vorherigen. Sótuknang sprach zu Spinnenfrau: "Wir warten nicht, bis der Faden wieder zu Ende ist. Es wird zu schwer sein für die Guten, bei so viel Zerstörung am Leben zu bleiben."

Und Sótuknang beschloß mit Spinnenfrau den Untergang der dritten Welt und die Errettung der Guten, ohne zu warten, bis Taiowas Geduld riß.

Spinnenfrau tat die Guten in hohle Halme und versiegelte sie, und Sótuknang überflutete die Welt, ließ es regnen und regnen, bis alles unter Wasser stand. Und die Halme trieben auf dem Wasser und Spinnenfrau hielt sie zusammen.

Lange Zeit trieben sie. Irgendwann stießen sie gegen etwas Hartes. Spinnenfrau öffnete die Halme. Die Menschen traten heraus. Es war einer der höchsten Berge der dritten Welt gewesen. Jetzt war es eine kleine Insel.

Irgendwo mußte die vierte Welt sein, aber sie konnten sie nicht sehen, überall nur Wasser. Spinnenfrau halbierte die Halme und mit diesen Einbäumen paddelten sie über das ruhige Meer Richtung Osten. Wieder und wieder trafen sie auf Inseln, schöne Inseln, bequeme Inseln, auf denen es sich gut leben ließ, aber wieder und wieder wurde ihnen gesagt, das sei nicht die vierte Welt, für die sie bestimmt seien.

"Nein, nein, hier ist das Leben zu bequem für euch, ihr würdet wieder auf Abwege kommen, die neue Welt ist hart und unbequem."

Sie liefen über die Inseln, immer Richtung Osten, und am östlichen Ufer bauten sie sich neue Boote oder Flöße und fuhren weiter. Auf der letzten Insel sagte Spinnenfrau ihnen: "Hier muß ich Abschied von euch nehmen. Das letzte Stück müßt ihr allein paddeln. Die vierte Welt ist jetzt nicht mehr weit."

Die Leute paddelten und kamen an eine Steilküste, hoch und unerreichbar, das war die vierte Welt. Die Leute konnten nicht anlegen. Die vierte Welt war ein großes Hindernis. Sie fuhren nach Norden und die Steilküste wurde höher, sie fuhren nach Süden und auch dort waren die Felsen furchtbar. Da ließen sie sich treiben, und ihre Flöße trieben zwischen den Felsen hindurch und erreichten ein sandiges Ufer. Glücklich sprangen die Leute an Land. "Die vierte Welt", riefen sie, "wir haben den Eintritt in die vierte Welt geschafft."

Und sie stiegen auf einen hohen Berg und blickten zurück, nach Westen über das Wasser.

Sótuknang erschien ihnen und deutete auf die Inseln: "Das sind die Fußstapfen eurer Reise und die höchsten Berge der dritten Welt gewesen, die ich zerstört habe. Und jetzt lasse ich sie vor euren Augen ganz versinken. Es gibt kein Zurück mehr. Auf dem Meeresboden liegen alle stolzen Städte, die fliegenden Pátuwvotas und die anderen Maschinen und Schätze der korrupten, eigensüchtigen Menschen, die keine Zeit hatten, auf den Hügeln die Loblieder der Schöpfung zu singen. Ihr aber werdet die Erinnerung an diese mächtigen, arroganten Reiche bewahren, und wenn euch mächtige, arrogante Leute für euer altes Wissen verspotten werden, dann werden diese Trittsteine eurer Reise zur vierten Welt wieder aus dem Meer erscheinen und bezeugen, daß ihr die Wahrheit sprecht."

Schweigen.

"Ich habe euch noch etwas zu sagen. Der Name dieser vierten Welt ist Túwaqachi, Welt komplett, die Richtung ist Norden, die Farbe ist sikyangpu, ein gelbliches Weiß, der Baum ist Kneumapee, die Wacholder, der Vogel ist Mongwau, die Eule, das Tier Tohopko, der Berglöwe, es gibt kein vorherrschendes Metall, sondern ein Mineraliengemisch Sikyápala, aus Quarz, Feldspat, Glimmer, Glaukonit, Silikon u. a. Diese Welt ist so ganz anders als die vorherigen, sie ist gar nicht schön, und das Leben in ihr ist nicht leicht. Sie hat Höhen und Tiefen, ist kalt und heiß, fruchtbar und unfruchtbar, sie enthält alle Gegenteile, und es gibt ein großes Angebot, aus dem man auswählen kann. Ich muß euch jetzt verlassen. Ihr tragt eure Türen offen und werdet die richtigen Schutzgötter finden, die euch in diesem Land helfen werden. Macht's gut."

Er verschwand.

Die Auserwählten tasteten sich vorsichtig vorwärts im Land der Verheißung.

Da hörten sie ein dumpfes Geräusch und sahen sich um. Vor ihnen stand ein Schönling, ein gut aussehender Mann. "Erkennt ihr mich? Ich war Másaw, der Hüter und Hauswart der dritten Welt."

Tatsächlich erkannten die Leute ihn wieder. Er hatte vor lauter Liebe zur eigenen Schönheit sehr früh die Demut vor dem Schöpfergott verloren und war deshalb zum Gott des Todes und der Unterwelt degradiert worden. Da er als Gott nicht sterben konnte, hatte er den Untergang der dritten Welt überstanden, und jetzt wurde ihm eine neue Chance als Behüter der vierten Welt gegeben.

"Wirst du uns die Erlaubnis geben, auf dieser Welt zu leben?"

"Ja", versprach Másaw, "als die früheren Teile der Welt untergingen, wurde dieser Teil hoch- und herausgedrückt. Dieser Teil ist das Rückgrat der Erde. Ihr steht auf der Westseite. Ihr müßt eure Wanderung machen. Ihr müßt über das ganze Land wandern und es in Besitz nehmen. Geht in alle vier Richtungen. Geht zuerst nach Norden und findet eure neue Heimat." Und er gab ihnen Steintafeln, auf denen die neue Heimat mit den hohen Tafelländern und der trockenen Wüste zwischen den beiden Flüssen Rio Grande und Colorado River beschrieben wurde. "Das Land ist öde und es ist schwer, von ihm zu leben, aber es erhält die Demut vor den Göttern, schwer zu leben. Gründet dort eure Kultstätte Oraibi. Aber laßt euch nicht gleich nieder, macht erst eure Wanderung. Geht nach Norden bis zur Arktis, der großen Eiskappe. Dort ist die Hintertür zum Kontinent. Die, die von dort in das Land kommen, tun es ohne mein Einverständnis. Sie werden das Land für sich beanspruchen, aber sie haben kein Anrecht darauf, denn ich habe es ihnen nicht gegeben und ich werde es ihnen nicht geben und ich werde sie nicht beschützen, aber sie werden das Land rauben und ihr werdet euch nicht wehren, denn Streit und Kampf zerstören die Harmonie der Schöpfung. Beim nördlichen Eis kehrt ihr um und kommt wieder zurück nach Oraibi, dann geht ihr in die anderen Richtungen, bis ihr die Ufer der Ozeane erreicht. Erst wenn ihr den Kontinent in vier Richtung durchwandert habt, dürft ihr seßhaft werden in dem Land, das euch auf diesen Steintafeln verheißen ist."

Und die Hopis machten sich auf ihre Wanderung, jeder Familienklan für sich. Vieles ereignete sich auf diesen Wanderungen, was für immer ihr Leben und die Beziehungen der Klans untereinander beeinflussen sollte.

Als sie das nördliche Eis erreichten, sagten sie: "Das muß die Hintertür sein, die für uns verschlossen ist." Und sie wollten umkehren, aber Spinnenfrau erschien. "Euch wurden magischen Kräfte gegeben. Benutzt sie. Schmelzt dieses Eisgebirge."

Der Spinnenklan war sofort begeistert und überzeugte andere Klans, bei dem großen Werk zu helfen. Und der Blaue-Flöten-Klan benutzte die magischen Kräfte seines Flötenspiels und Gesang und die Federn von topischen Vögeln, die die äquatorische Hitze, die sie gespeichert hatten, wiederhergeben sollten, abstrahlen, dem großen Werk widmen. Aber der Blaue-Flöten-Klan flötete vergeblich die tropische Wärme herbei.

Der Feuerklan rief das innerirdische Feuer aus der Tiefe hervor, und der Sonnen-Klan versuchte es mit Sonnenenergie und flehte das Feuer der Sonne herab, und der Schlangen-Klan versuchte es mit mächtigen Vibrationen.

Aber vergeblich. Das Eis blieb hart - und kalt. Vier Versuche machten sie und viermal versagten sie.

Da erschienen die Götter - sie vertrauten dem Eis nicht, glaubten nicht an seine Mächtigkeit, an die Macht seiner Kälte - und sie schimpften mit den ungehorsamen Menschen: "Wenn ihr das Eis schmelzt, überflutet ihr die vierte Welt." Und sie schimpften auch mit Spinnenfrau: "Bisher bis du jung und schön gewesen, weil du uns geholfen hast. Aber jetzt wirst du eine häßliche Alte werden, und dein Lebensfaden wird dir bald ausgehen wie anderen alten Leuten auch."

Und die vier Klans wandten sich wieder nach Süden. Sie erkannten ihr Versagen: Sie hatten die ihnen gegebenen, übernatürlichen Kräfte falsch und am falschen Ort benutzt. Sie schämten sich.

Auf dem Rückweg trafen sie andere Klans, die ihre magischen Kräfte nicht mißbraucht hatten. Fortan würden diese Klans ihnen überlegen sein.

Tatsächlich galten die Mitglieder der Klans, die das Eis schmelzen wollten, für immer als minderwertig, bösartig und gemein. Nichts konnte sie von ihrem Makel befreien, die Untat abwaschen, wie christliche Frauen nicht der Sünden Evas entkommen konnten.

Dem Blaue-Flöten-Klan wurde nie wieder die Achtung entgegengebracht, die zum Beispiel der Graue-unschuldige-Flöten-Klan genoß.

Nur sieben Klans wanderten bis zur Südspitze Südamerikas, bis Tierra del Fuego, Feuerland. Die anderen stießen schon vorher ans Meer.

Die folgenden Klans wandten sich, als sie das Meer erreichten, nach rechts, so daß ihre Route einer Swastika ähnelte, deren Haken nach rechts gingen: Bär-Klan, Spinnen-Klan, Feuer-Klan, Adler-Klan, Papageien-Klan, Koyoten-Klan, Wasser-Klan, Kachina-Klan, Dachs-Klan, Flöten-Klan, Bogen-Klan, Seitenkorn-Klan, Schlangen-Klan, Tabako-Klan, Lanzen-Klan, Tiefer-Brunnen-Klan. Diese Klans waren die höheren Klans, die eingeweihten Klans. Ihre Bewegung über den Kontinent symbolisierte die Linksdrehung der Weltkugel.

Die folgenden Klans wandten sich am Meer nach links, so daß die Haken ihres Hakenkreuzes nach links zeigten: Stropp-Klan, Maulwurf-Klan, Schmalzholz-Klan, Bluebird-Klan, Spatzenhabicht-Klan, Krähen-Klan, Schmetterlings-Klan, Hirse-Klan, Karnickel-Klan, Kürbis-Klan, Kleiner-Brunnen-Klan, Nebel-Klan, Sonnen-Klan, Sand-Klan, Wolken-Klan, Schmalzaugensockel-Klan, Schwarze-Saat-Klan, Korn-Klan, Eidechsen-Klan. Diese Klans verfügten über kein eigenes vollständiges Zeremonienwissen, sie begrüßten nur einfach die Sonne, und ihre Swastika symbolisierte die scheinbare Wanderung der Sonne rechtsherum um die Erde.1

1 Frank Waters hat die geschichtlichen und religi sen Vorstellungen der Hopi-Indianer gesammelt und als `Book of the Hopi' (Penguin Book) veröffentlich. Der Bericht von den vier Welten hält sich eng an das erste Kapitel dieses Buches.

Kachinas, das waren Geister von der unsichtbaren Sorte, die hinter den Kräften des Lebens und der Natur standen. Damit sie den Menschen eine Lehre erteilen konnten, mußte ein Mensch ihre Maske tragen. Nur dann konnten sie sich hinter die Maske begeben und sprechen. Hing die Maske nur an der Wand des Kivas, sprach sie nicht, war nur stumm.

Es waren Kachinas in menschlichen Hüllen mit hölzernen Masken, die den Religionsunterricht gaben und von der Bedeutung der drei untergegangenen Welten lehrten und von den Aufgaben der Menschen in

der vierten Welt und wie der große Geist im Menschen tätig wurde.

Adjuna saß unter der Schülerschaft und saugte sich voll. Er war zum Schwamm geworden.

Die Kachinas ermahnten die Schüler, nicht vom Weg der Tradition zu weichen, nicht die Waren der Weißen zu wollen, nicht dem Pfad der Farblosen zu folgen, nicht die Bequemlichkeit zu suchen oder eine reiche Ernte. Weiter sollten sie den kleinsten Maiskolben ehren, Sowiwa, Mais von der Länge eines neugeborenen Hasen, für den sie sich schon in ihrer Bescheidenheit in der ersten Welt entschieden hatten, als all die anderen Völker in ihrer Gier langen oder fetten und ertragreichen Mais gewählt hatten. Nun, all diese Völker hatten sich aufgebläht und waren untergegangen. Der Hopi steckte noch immer sein Maiskorn in die trockene Erde und - oh Wunder - sein Maiskorn wuchs auch hier in dieser Dürre und man brauchte nicht zu darben. Mais war die Milch der Muttererde.

Die Kachina-Lehrer hatten auch ein Druckmittel, um Folgsamkeit zu erzwingen: Ein Erd-Loch-voll-von-Feuer für die Unfolgsamen, wo sie warten oder richtiger braten mußten, bis die sieben Welten zu Ende gegangen waren.

"Aus Mitleid mit unseren bratenden Brüdern", dachte Adjuna, "sollten wir die Welten schnell zerstören. Ach, was soll's? Hier brauch ich weder Spötter noch Atheist zu sein. Die Priesterschaft dieses kleinen viereckigen Stückchen Landes im Herzen der großen Navajo-Reservation strebt nicht nach der Weltherrschaft. Globalreligiös gesehen, ist ihre kleine Erpressung mit dem Feuerloch bedeutungslos. Solange es die aber gibt, kann man den großen Religionen vorhalten, daß sie bei aller Größe doch nicht so einzigartig sind." Und er lehnte sich wieder entspannt zurück und lauschte den Erzählungen des Kachina und langweilte sich nicht.

Es zeigte sich jetzt, daß dieses kleine Völkchen im Innern der Navajo-Reservation, das fast von seinen Navajo-Nachbarn erdrückt und überfremdet wurde, weitreichende kosmologische Vorstellungen hatte, die von großem Scharfsinn zeugten: "In unserer Welt, der oberen Welt, geht die Sonne morgens im Osten auf, Tag und Leben beginnen. Genauso ist es mit Winter- und Sommersonnenwende. Wintersonnenwende bedeutet neues Leben, die Sommersonnenwende mit ihrer Hitze Tod. Auch mit der Geburt beginnt in der oberen Welt das Leben und mit dem Tod endet es. Wenn die Sonne abends den Westen erreicht hat, muß sie sich wieder auf die Reise in den Osten machen. Dafür muß sie durch die Unterwelt. Die Unterwelt ist das Gegenteil der Oberwelt. Und aus der Tatsache, daß dort abends im Westen die Sonne aufgeht, läßt sich leicht folgern, daß sie morgens im Osten untergeht, ...und daß es dort zur Zeit der Sommersonnenwende am kältesten ist und zur Zeit der Wintersonnenwende am heißesten, ...und daß das Leben dort mit dem Tode beginnt und mit der Geburt endet."

Was für eine armselige Vorstellung ist es dagegen, zu glauben, daß die Erde eine Kugel ist und auf ihrer Oberfläche überall oben ist und darunter das Innere massiv und ohne Unterwelt oder Innenleben ist.

Adjuna war wie ein Schwamm, er saugte die Ein- und Ausdrücke des Lebens auf und wurde voll und schwer.

Die Kachinas lehrten ihrer Schülerschaft auch über die Weißen: Dinge, die selbst die jüngsten der Initianden schon wußten. "Die Weißen sind so schlecht wie die Tasavuh." Tasavuh war ein zusammengesetztes Hauptwort, das aus `Tu' gleich Mensch, Person, Kopf, der wichtigste Teil einer Person, und `savuhta' gleich einschlagen, hauen, gebildet worden war. Also `Kopfhauer', so nannten die Hopis ihre Nachbarn, die Navajos, da diese eine Vorliebe fürs Köpfeeinschlagen mittels Stein oder Steinbeil gezeigt hatten.

Die Navajos - sie fraßen immer alles auf, waren also Allesfresser - nannten die Hopis ihrerseits Maisfresser, genauso wie teutsche Tasavuhs und Menschenvergaser südliche Nachbarn, die in ihre Reservation kamen, Spaghettifresser nannten. Aber unterschiedliche Diäten waren ein weltweites Problem.

Wie die Mayas eine mysteriöse, weiße Gottheit Kukulcan kannten und die Tolteken und Azteken den weißen Quetzalcoatl zurückerwarteten, so warteten die Hopis auf ihren weißen, verlorenen Bruder Pahána. Aber kein Cortés hatte sie täuschen können. Als die Weißen kamen, hatte ihr Häuptling sie mit nach oben gehaltenen Handflächen begrüßt. Der Anführer der Weißen hatte damals gedacht, man wollte Geschenke haben, und irgendwelchen Tinnef in den Arm des Häuptlings gelegt. Da hatte jeder gewußt, es war nicht Pahána. Pahána hätte seine Handflächen auf die Handflächen des Häuptlings gelegt.

Und tatsächlich stellte sich schnell heraus, daß die Weißen nicht Pahána waren und auch nicht mit Pahána geistesverwandt waren, denn Pahána zeichnete sich durch seine große Humanität aus. Die Weißen, die kamen, aber waren nur Kachada, weiße Menschen, und Dodagee, Diktatoren, Versklaver, Sklavenhalter. Bis auf den heutigen Tag.

Die Kachinas warnten noch einmal eindringlich davor, im Weißen Pahána zu sehen, er war nur Kachada.

Die ins Land gekommenen Kachada hatten schnell ihre kriminellen Absichten klargemacht: Raub und Zerstörung, Ausbeutung und Verknechtung. Zuerst die katholischen Kachada und später dann die protestantischen, die WASPen.

Doch alle Schinderei und all der Raub und die Zerstörung und all die aufdringliche Proselytenmacherei war nichts gegen den Erfolg, den ein Bazillus ihrer Unmenschlichkeit, der auf die Hopis übergesprungen war, hatte: Das war, als nach dem großen Pueblo-Aufstand das Land vom christlichen Einfluß gesäubert war und im Schutze des Rückeroberers De Vargas Zapata Juan de Leon neue Missionare ins Land gekommen waren. Obwohl diesmal kein äußerer Zwang bestand wie Peitsche und Daumenschraube, waren im Dorfe Awatovi dreiundsiebzig Leute wieder Lämmer der Sklavenkirche geworden.

Es war gerade kurz vor Wúwuchim, dem Beginn eines neuen Jahreszyklus, und es war notwendig, den Anbeginn allen Daseins symbolisch darzustellen. Die Fruchtbarkeit und das Wohlbefinden der kommenden Jahre hing davon ab, und man wollte nicht die heiligen Riten durch heidnischen Hokuspokus in Gefahr bringen. So kam es zu etwas bis dahin in der Gesellschaft der Hopis völlig Unbekanntem, zu einem Massaker. Durch ihren kurzen Kontakt mit der Sklavenreligion hatten sie soviel Haß aufgeladen, so sehr hassen gelernt, so sehr die Logik der katholischen Kachada absorbiert, daß sie nicht nur die abtrünnigen, treulosen dreiundsiebzig ermordeten, sondern das ganze Dorf mit seinen achthundert Einwohnern dem Erdboden gleichmachten.1 Treuloser als die Mörder konnte man den Glauben der Hopis nicht verraten. Ihr göttlicher Auftrag, als Volk des Friedens, der totalen Friedfertigkeit, in die Geschichte der Völker dieser Erde einzugehen, war preisgegeben - unwiederbringlich.

Unwiederbringlich preisgegeben.

Hopituh Shinumu, das Friedliche Volk, verdiente seinen Namen nicht mehr.

1 Man schrieb das Jahr 1700 C.E.

Massaker

Massaker an sich sind nichts Weltbewegendes. Sie fanden allemal statt und Mutter Erde empfing stoisch jeden Leichen- und Blutdünger: Kain erschlug Abel (nicht, daß es bevor die Juden sich diesen Mythos ausdachten keine Massaker gab; es gab sie, massenweise) und die Juden beim Einzug ins gelobte Land endlösten die Frage, was man mit der einheimischen Bevölkerung machen sollte. Die Babylonier und später die Römer hatten ihre Massaker an den Juden. Der jüdische Gott ließ die Jungfrau Maria einen Sohn in die Welt setzen, dessen Vaterschaft er beanspruchte. Die, die das glaubten, waren von Anfang an zerstritten in die Anhänger von Petrus und in die von Paulus, der den gekreuzigten Jesus lehren wollte. Aber noch waren die Grüppchen zu klein für große Massaker. Das änderte sich aber unter Kaiser Konstantin dem Großen, da nämlich folgerte ein gewisser Arius - absurderweise, wie die christlichen Kirchen des Westens es heutzutage wissen oder zu glauben wissen, - aus der Vaterschaft Gottes, daß Jesus nicht dem Vater gleich ewiglich sei, sondern, daß der Vater zuerst dagewesen sei und der Sohn erst später vom Vater geschaffen worden sei; der Heilige Geist war demnach nur eine Ausdünstung des Vaters und keine Ausdünstung von Vater und Sohn. Nun, diese Idee wurde auf dem Konzil von Nizäa als Ketzerei entlarvt. Da die Ketzer sehr hartnäckig waren, lieferte die Auseinandersetzung jedoch durch die Jahrhunderte ihre Massaker, bis zu den jüngsten Tagen wurde wegen dieser Ausdünstungen an den Reibe- und Berührungsstellen, also vom Baltikum bis zum Balkan gemordet. Massaker waren aber auch von Anfang an das Mittel der Glaubensausbreitung in heidnische Gebiete, das Christentum vieler europäischer Christen dürfte auf die Schrecken, die christliche Herrscher wie Chlodwig und Karl der Große verbreiteten, zurückgehen. Das Erfolgsrezept der Christen wurde schnell kopiert und - von Ungereimtheiten und Unaufrichtigkeiten gesäubert - vom Islam angewendet, wo das fromme Morden als Dschihad zur Pflicht wurde: wer

beim Morden fiel, dem winkte ein schattiges Paradies. Kein Wunder, daß die Kalifen bei den Wüstenvölkern genug Krieger fanden für ihre Expansionskriege. Welcher Wüstenbewohner möchte nicht gern im Schatten sitzen? Die Juden, die mit der absoluten Gottesidee angefangen hatten und auf Geheiß ihres Gottes große Massaker angerichtet hatten, wurden ihrerseits immer wieder Opfer von Massakern, weil sie die Wendungen, die die Abrahamreligion zum Christentum oder Islam machte, nicht mitmachten. Jahwe hatte einen Sohn, der als Jesus Christus in die Geschichte einging; er war nur ein einziger, aber trotzdem säte er Zwiespalt nicht nur in die Welt, sondern auch unter seine Gläubigen. Abraham hatte zuerst gar keine Söhne, was ihn so verzweifelte, daß seine Frau Sarah ihm ihre ägyptische Magd Hagar zum Kindermachen gab. Hagar gebar einen Sohn Ismael. Sarah wurde daraufhin fast wahnsinnig vor Eifersucht. Inbrünstig bat sie Jahwe, ihr doch auch einen Sohn zu schenken. Als er es tat, triumphierte sie. Dem Kind gab sie den Namen Isaac, was `Gelächter' bedeutete, und ihrem Triumpfgefühl am besten Ausdruck gab. Ismael und seine Mutter aber wurden schließlich aus dem Haus bzw. Zelt geekelt. Laut Koran war Ismail der erste Araber. Die Nachkommen Ismails und die Nachkommen Gelächter-Isaacs massakrierten sich bis in die jüngsten Tage. Als in Europa mit dem Abflauen des Glaubenseifers und dem Siegeszug der Aufklärung die Judenverfolgungen nachgelassen hatten, tauchte ein neues Gespenst auf, Rassismus und Antisemitismus, und säte noch größere Schrecken, Weltkriege, KZs, Gaskammern. Belzec, Treblinka, Wolzek, Auschwitz, tausend andere Nazi-KZs (fast jedes Dorf hatte seine Nazi-Schergen und Tragödien), das Warschauer Ghetto und Erschießungsgruben wie die von Dubno waren Blutstätten der Neuzeit; auch die von der GULAG verwalteten Arbeitslager der Sowjets waren Stätten des Grauens, wo im Namen einer fortschrittorientierten, humanen Ideologie geschunden und gestorben wurde; nur das kroatische KZ Jasenovak der katholischen Ustasha war nichts Neuzeitliches, sondern ein Ausrutscher ins Mittelalter, Ausrutscher, wie sie die Neuste Zeit immer öfter sehen sollte, da man den Chefideologen1 heiligsprach, und sein heiliger Einfluß sich verheerend auswirkte.

1 Erzbischof Stepinac, noch kein Heiliger, aber das Verfahren zur Vorstufe Seligsprechung lief 1995 schon.

Aber die katholische Kirche wollte ja eigentlich nur bekehren, die orthodoxen Serben ebenso wie die Indianer. Daß dieses wunderbare Werk manchmal nicht ohne Blutvergießen ging und nicht jeder päpstliche Füße, Pfoten und Ringe küssen wollte, symbolisch oder tatsächlich, das bedauerte die katholische Kirche sehr. Aber sie waren nicht die schlimmsten Christen. Angelsächsische Prostestanten mit ihrer puritanischen Tradition waren die schlimmsten. Von dem Tag an, an dem sie bei Plymouth Rock von Bord der Mayflower gingen, verfolgten sie eine Ausrottungspolitik. Den Katholiken warfen sie vor, mit ihrer Missionierungspolitik den Ausverkauf des Christentum zu betreiben. Die Puritaner aber wollten nicht den Ausverkauf des Christentums, sondern die Ausrottung der Heiden. Den Anfang machten sie 1637 mit dem Massaker an den Pequot-Indianern. Dafür umzingelten sie das Dorf der Pequots und zündeten es an. Den Bewohnern blieb nur der Feuertod oder der Tod durch die Schüsse der Puritaner. Alle 500 Bewohner kamen um. Danach wurden noch die umliegenden Wälder durchkämmt. Am Abend sprach Cotton Mather dann für alle sein Dankesgebet an den Herrn, daß sie 600 heidnische Seelen zur Hölle schicken konnten, und daß es ihnen nur das Leben von zwei ihrer eigenen Leute gekostet hatte. Soo billig! In die Annalen seiner Kolonie schrieb Cotton Mather stolz: "Die Wälder wurden fast ganz von diesen Schädlingen gesäubert, um Raum zu machen für einen besseren Wuchs." Benjamin Franklin, Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, stieß anderthalb Jahrhunderte später ins gleiche Horn, als er schrieb, es sei der Plan der Vorsehung, daß jene Wilde ausgerottet würden, um Platz zu schaffen für die Kultivierer dieser Erde. Diese kultivierten Menschen, diese Kultivierer der Erde, führten die Skalp-Prämien ein, 1641 in Neu-Niederlande, 1704 erst in Connecticut, gleich darauf in Massachusetts, Hochwürden Solomon Stoddard von Northampton empfahl Hunde wie für die Bärenjagd, 1764 in Virginia und Pennsylvania: "Belohnung für Skalps von indianischen Böcken, Squaws und Jungen". 1814 in Indiana: 50-Dollar-Prämien pro Skalp, in Colorado: "Prämien für die Vernichtung von Indianern und Stinktieren", 1876: 200 Dollar pro Skalp in Deadwood, Dakota, in Oregon: Prämien für Indianer und Koyoten. Die selbst ernannten Kultivierer dieser Erde wüteten, wie ihresgleichen noch nie vorher getan hatte und man auch danach für lange Zeit nicht wieder sah; erst mit dem Einsatz von Atomwaffen wurden Völker wieder so radikal ausgerottet, aber da mußten die Täter nur einen Knopf drücken und sich nicht schmutzig machen. Die frühen WASPen aber vergifteten Brunnen und knüppelten Frauen und Kinder zu Tode, wenn sie dadurch Blei und Pulver sparen konnten. Selbst süße, kleine Kinder wurden im Schlaf ermordet. "Aus Nissen werden Läuse", wußte Methodisten Pfarrer J.M. Chivington aus Denver. Wo die Ausrottung zu teuer wurde, machte man lieber Verträge mit den Indianern, schwor hoch und heilig Frieden und Freundschaft und gab den Indianern Landrechte; rechtmäßig hätte es natürlich umgekehrt sein müssen. Zur Kultur der WASPen gehörte aber nicht, daß man Verträge ehrte und einhielt. So erhielten die Cherokees 1794 sieben Millionen Morgen Bergland in Georgia, North Carolina und Tennessee. Als dort 1828 Gold gefunden wurde, nahm man ihnen das Land sofort wieder weg und verteilte es durch Lotterie an Weiße. Da die Cherokees aber immer noch lästig waren - durch ihre Anwesenheit, trieb General Winfield Scott sie mit 7 000 Soldaten in ein Gebiet westlich des Mississippis. Auf diesem Pfad der Tränen starben mindest 4 000 Cherokees vor Erschöpfung und Hunger. Die Kosten für diesen Indianertrieb wurde den Cherokees sogar noch in Rechnung gestellt.1

1 Ende des 20. Jahrhundertes waren die Tränen vergessen und die Cherokees gute Christen geworden und weißer als die Weißen.

Das Schicksal der Sioux war ähnlich. 1868 unterzeichneten Rote Wolke und die Vereinigten Staaten in Fort Laramie einen Vertrag, Land für Frieden. Darin wurde den Sioux sieben Millionen Morgen Land in den Paha Sapa, den Black Hills von Dakota, als absoluter und uneingeschränkter Besitz zugesprochen. Der Senat ratifizierte den Vertrag sogar. Sechs Jahre später wurde in der Reservation Gold gefunden und die Black Hills wurden von weißen Goldsuchern überrannt. Die Vereinigten Staaten schickten General Custer, nicht um die Indianer vor den Goldsuchern, die unrechtmäßig in die Reservation eingedrungen waren, und denen ein Indianerleben kein Pfifferling wert war, zu schützen, sondern um die Goldsucher vor den Indianern zu schützen, die die Frechheit hatten, gegenüber den Weißen auf irgendwelche Rechte und vertragliche Vereinbarungen zu pochen. Nun, General Custer geriet mit seiner Truppe in den Hinterhalt und alle seine Krieger wurde massakriert. Dieser barbarische Mord an weißen Menschen besiegelte endgültig das Schicksal der Sioux und anderer Indianerstämme. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch erlaubte die Psychosis der weißen Amerikaner das willkürliche Abknallen von Indianern.2 "Der einzige gute Indianer ist ein toter Indianer." Und wie der Einhodige immer weiter nach Osten zog, um ja alle Juden zu erwischen und umzubringen, so zogen die weißen Amerikaner immer weiter in den Westen, um ja die letzten Indianer auch noch zu erwischen; dieses Erwischen war der Hauptgrund für den Westwärts-Trend, nicht Landmangel oder Goldgier, das letzte gab es zwar auch, aber die religiöse Vorstellung von der Vorsehung dazu auserlesen zu sein, das Land von den Wilden zu säubern, war größer.

2 "Book of the Hopi" von Frank Waters, Seite 280

Die Tränen- und Blutwege, die die Cherokees und die Sioux gingen, nachdem auf ihrem Land Gold gefunden worden war, waren natürlich nur kleine Spuren im großen Meer der Massenmorde an der Urbevölkerung, aber sie hatten Symbolcharakter wie das Wunde Knie, das in den Weißen Fluß blutete.1

1 29. Dez. 1890

Im Winter 1863/64 sollten auch die Tasavuh, also die Kopfhauer, die Navajos, wie sie sich selbst nannten, das Weinen, Zittern und Zähneklappern kennenlernen. Brigardegeneral James Carleton und Colonel Christopher Carson hatten das von langer Hand vorbereitet, sie kämpften keine Schlacht und stürmten keine Kliffs, sondern zerstörten die Felder und Herden der Navajos, brannten sogar die Wälder nieder, damit den Navajos kein Feuerholz blieb und keine Baumrinde zur Nahrung. Das stolze Kriegervolk, das die Frechheit gehabt hatte, dem weißen Mann zu trotzen, hockte noch eine Zeit lang in den eisigen Höhlen über dem Canyon de Chelly und dem Grand Canyon. Doch Frost und Hunger und die Aussichtslosigkeit, der im Tal wartenden amerikanischen Armee zu entkommen, zwang sie schließlich zur Aufgabe und ihr langer Marsch der Tränen begann, nach Bosque Redondo, 180 Meilen südöstlich von Santa Fé. Dort sollten die Überlebenden das Land entwässern und Weizen und Mais anbauen. Es stellte sich jedoch heraus, daß die Navajos, die bei ihren Überfällen immer so geschickt mit ihren Keulen im Köpfe-Einschlagen gewesen waren, äußerst ungeschickt waren, wenn es zum Erdboden-Auflockern mit der Hacke kam. Jede Ernte mißlang und die Navajos wurden zum Sozialfall. Um sie nicht in Bosque Rodondo vor aller Augen verhungern zu lassen, trieb man sie im Sommer 1868 zurück in die Nähe ihres alten Stammesgebiets. 7 111 Navajos waren zu dem Zeitpunkt noch am Leben. Sie erhielten 5 500 Quadratmeilen absolut wertlosen Wüstenboden. Dort würden sie hoffentlich verhungern, ohne die Vereinigten Staaten zu sehr in Verlegenheit zu bringen. Doch es kam anders. Die gutmütigen Hopis fütterten die Tavasuh. Und die ehemaligen Feinde rauchten zusammen die Friedenspfeife. Und die Navajos gaben den Hopis ihre heiligen Bündel, die den Hopis Macht über die Navajos geben sollten. Aber die Navajos überlebten nicht nur, sie vermehrten sich auch außerordentlich, 30, 40, 50, 60, 70, 80 000. Bald schon drohten sie, die Hopis wieder zu ersticken, zumindest nahmen sie ihnen Land weg. Die Weißen würgten die Hopis allerdings noch mehr. Senator Henry L. Dawes glaubte die indianische Kultur oder Unkultiviertheit richtig zu beschreiben, als er klagte: "Bei ihnen gibt es keinerlei Eigennutz, die die Basis einer jeden Zivilisation bildet." Sozialismus und Kommunismus waren damals schon als Butzermänner in den Alpträumen reicher Amerikaner aufgetaucht. Um den Indianern auf den Weg des Fortschritts zu helfen, wurde 1890 aufgrund es `Dawes Act' das Gemeinde- und Stammesland der Indianer, also das, was von ihrem Land noch übrig war, die Reservationen, aufgeteilt. Jeder einzelne Indianer bekam ein Stück Land seiner Reservation zugeteilt, als Privatbesitz. Das würde seinen Egoismus steigern, so hoffte man. Man tat noch mehr für die Zivilisation: Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in weiße Internate gesteckt. Kurze Haare wurden Zwang. Manch ein Indianer strich sich wohl ungläubig über seine Haarstoppeln, als die Missionare, die ihm gerade erklärt hatten, daß seine langen Haare heidnisch und unvereinbar mit christlicher Kultur gewesen waren, ihm Bilder von Jesus und seinen Zwölf zeigten - alle langhaarig. Die eigene Sprache zu sprechen, die eigenen Kleider zu tragen, die eigenen Sitten zu befolgen, wurde verboten, und das Christentum wurde jetzt ihnen doch noch aufgezwungen. 1923 sollte die gesamte, indianische Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf bloße 220 000 dezimiert worden sein. Wer zeugte schon Kinder, wenn sie einem weggenommen wurden. 1924 war es dann soweit, alle Indianer, und damit auch die Hopis, wurden Bürger der USA, Staatsangehörige mit bürgerlichen Rechten und Pflichten. Eine Folge davon war, daß die Indianer jetzt auch Steuern an die Union zahlen mußten, außerdem wurde der Militärdienst auch für Indianer Pflicht. Viele von den wenigen, die es noch gab, mußten schon bald in vorderster Front dienen, als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintrat; manche fielen. Vielleicht sahen sie ein, daß man Opfer bringen mußte, wenn man das Wahlrecht haben wollte. Schulen formten ja bekanntlich den Charakter. Die Hopis hatte es allerdings schlecht getroffen. Ihre Reservation lag in Arizona, und der Staat Arizona weigerte sich bis 1948, das Gesetz, das den Indianern gleiche Bürgerrechte gab, zu ratifizieren. So kamen die Indianer auf ihrem Staatsgebiet nicht in den Genuß der bürgerlichen Rechte, wie Wahlrecht, Schutz vor willkürlicher Verhaftung usw.; alles Rechte, die sie als Bundesbürger auf den Schlachtfeldern Europas und des Pazifiks verteidigen helfen sollten. Aber die Hopi-Indianer halfen nicht die bürgerlichen Freiheiten und Rechte, für die die USA stand, zu verteidigen; nicht, daß sie es nicht wert waren, sondern weil die Hopis glaubten, wenn sie eine Waffe in die Hand nähmen, sie nicht mit in die nächste Welt genommen würden, wenn die jetzige unterginge. Da deuteten die Weißen schadenfroh auf Awatovi, aber die Hopis machten die Argumentation, daß wenn man erst einmal ein Verbrechen begangen hatte, man auch gleich viele begehen könne, nicht mit. Das Massaker von Awatovi sollte ein Ausrutscher bleiben und nicht der Beginn einer Rutschparty. Die Mörder von damals waren nicht als Helden in die Stammesgeschichte eingegangen. Und ihre Religion verbat immer noch das Blutvergießen. Die Kriegsdienstverweigerung der Hopis wurde vom Gericht nicht anerkannt, da es sich bei dem Glauben der Hopis um keine ordentliche Kirche oder Religion handelte. Die Kriegsdienstverweigerer bekamen durch die Reihe drei Jahre Zuchthaus. Während sie für den Staat, der von ihnen zwar bürgerliche Pflichten verlangte, aber sich nicht um ihre bürgerlichen Rechte scherte, Zwangsarbeit leisteten, nahmen ihnen Weiße und feindliche Navajo-Indianer noch das Land weg, daß die Hopis wegen ihrer Strafe nicht bebauen konnten. Und wenn die Hopi-Indianer dann abends hungernd, frierend und geschunden in den Baracken, die denen von Auschwitz nicht unähnlich waren, - nur die Luft war besser, da kein stinkendes Krematorium in der Nähe Hochbetrieb hatte (der Elektrische Stuhl, der zwar ähnlich stank, wurde nur als ultima ration eingesetzt) - wenn sie also da zusammen saßen, dann trösteten sie sich: "Wir sind nicht allein. Mit uns ist Masaw, unser Schutzgeist, dem wir versprochen hatten, nicht die Weißen, die in unser Land kommen würden, zu töten. Auch wenn sie nicht Pahána, unser verlorener, weißer Bruder, sind, die Weißen sind unsere Brüder, auch wenn sie nicht unsere Freunde sind. Wir haben sie nicht getötet, als sie uns unser Land wegnahmen, und wir töten jetzt keine Weißen, wo uns Weiße sagen, wir sollen Weiße töten."1

1 "Book of the Hopi" v. Frank Waters, S. 319

Die Kachinas warnten die Schülerschaft zwar vor den weißen Brüdern, daß man sie nicht für Pahána halte, aber sie gaben weder weltlichen Geschichtsunterricht noch erwähnten sie das Massaker von Awatovi oder die der Weißen, sie lebten wohl zu sehr in mystischen Sphären. Wer die Wirklichkeit und wirkliches Wissen wollte, sollte zur Universität gehen, hier gab es nur Unwirkliches, andersweltliches Wissen, Rituale und Zeremonien; die Liste der Geheimformeln war lang, die Details kompliziert.

Das Zusammenbinden von männlichem und weiblichem Holz zu einem Paho war verglichen mit einem Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau nicht sehr inspirierend. Adjuna ermüdete. Er horchte erst wieder auf, als Panaiyoikyasi, der Wu'ya, also der Klangott, des Feuer- und Geistklans, erwähnt wurde. Panaiyoikyasi war als Beschützer von Oraibi in Paláomwaki, dem Rote-Wolke-Haus, das sich auf einem der höchsten Gipfel vor der Stadt befand, zurückgelassen worden und zwar mit dem Gesicht nach unten, und sicherheitshalber hatte man diesem mächtigen Gott auch noch einen Arm gebrochen; es schien sich bei ihm um eine Steinstatue zu handeln. Aber warum tat man einem mächtigen Klangott und Heilige-Stadt-Beschützer so etwas an?

Nur Kachina-Lehrer wußte Antwort darauf. Es war überliefert worden, daß wenn man zum Beispiel die Statue umdrehen würde, die mächtigen Kräfte dieses Gottes freikämen. In der Praxis sollte das laut Überlieferung dann so aussehen, daß die beiden mächtigsten Völker dieser Erde sich bekriegen würden und dabei so schreckliche zerstörerische Kräfte entfalteten, daß die vierte Welt vernichtet würde.1 Erde bum.

1 Frank Waters beschreibt die Legende von Panaiyoikyasi in seinem Buch "The Book of the Hopi" auf Seite 61f.

Steif an allen Gliedern kroch Adjuna nach den langen Sitzungen im Kiva endlich aufs Dach und an die frische Luft. Er war lahm vom langen Hocken. Nachdenklich schaute er auf die Öffnung im Dach. Anthropologen hatten Kivas mit Kirchen verglichen, und dabei die beiden als Gegenteile bezeichnet. Im Kirchturm hatten sie einen steifen Penis gesehen und im Kiva eine Gebärmutter. "Es könnte auch ein Dickdarm sein", dachte Adjuna, vom starken Tabakrauch schwer gezeichnet, "obwohl solche Öffnungen im allgemeinen ja nicht nach oben zeigen."

"Aber die Vorstellung, daß die Erde durch Geburt von einer Muttergottheit hervorgebracht wurde und nicht die Ausgeburt eines männlichen Gottes ist, ist eigentlich sympathisch, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht."

Die Dörfer hatten schon langen keinen Regen mehr gesehen. Die Niman- Kachinas hatten keinen Regen gebracht, die Flöten-Kachinas auch nicht. Irgend etwas war bei ihren Zeremonien falsch gemacht worden. Jetzt war der Antilopen-Schlangen-Tanz die letzte Hoffnung.

Dicke Wolken bildeten sich im Westen. Während die wenigen Touristen, die sich in diesen schweren Zeiten hierher gewagt hatten, sich sorgten, daß die ganze Zeremonie vielleicht ins Wasser fallen würde, schauten die Hopis nervös zu den Wolken hinüber: "Jetzt bloß keinen Fehler machen, sonst ziehen sie vorbei, ohne sich abzuregnen."

Die Touristen hatten wirkliches Pech. Als die bunt bemalten Priester mit lebenden Giftschlangen im Mund auf den Platz hinaustraten, um zu tanzen, fing es an, in Strömen zu regnen. "Verdammt. Bei allem Interesse an indianischen Kulten, das ist mir zuviel." Die Touristen zogen sich zurück. Einige gingen in die Dorfkneipe, andere hinab zu ihren Autos. Die Priester tanzten auch ohne weiße Zuschauer weiter, fürchteten sie doch, daß es sonst gleich wieder aufhören würde, zu regnen.

Der Regen hatte es in sich, es war bitterer Regen, er brannte in den Augen, war Essig und Seife zugleich und schmeckte außerdem noch nach Öl. Nicht die Kachinas des Klans, sondern Hexenküchen mußten diese Wolken entlassen haben. Selbst die Schlangen in den Mündern der Priester waren nicht länger dolce und dösig, ihre langen Leiber wanden sich, ihre spitzen Schwänze peitschten in die Augen ihrer Träger. Helfer versuchten noch, sie zu halten, aber das Streicheln mit den Schlangenruten beruhigte sie nicht mehr. In ihrer Not öffneten einige Priester schließlich den Mund und ließen ihre Schlange auf den Boden fallen. Aber es passierte das Ungeheuerliche, die Schlangen griffen zischend an. Der scharfe Regen hatte die Körperbemalung weggeätzte, der Mensch war zu menschlich geworden, sein Make-up war im Matsch, seine magische Kraft flöten, die Schlangen wieder gefährlich. Einige liefen in ihrer Verzweiflung zum Kliff und spuckten ihre Schlangen dort hinunter.

Touristen, die die Pfade hinunter zu ihren Autos geflüchtet waren, fanden auf dem Parkplatz ein Schlangengewimmel am Boden. Und leuchtende Feuerschlangen sprangen aus den Wolken. Auch Adjuna und seine Leute flohen zu ihren Fahrzeugen. Wenigstens würde die Blechkarosserie wie ein Faradayscher Käfig wirken.

In der Helligkeit des nächsten Tages sah man eine wie von einer Ölkanne begossene Landschaft vor sich. Die Maispflanzen hatten sich von dem Regen nicht erholt, sondern waren noch welker geworden. Rußig schmierig war alles, die Wände des Pueblos, extra für das Antilopen-Schlangen-Fest geputzt, waren dreckig und unansehlich, die Augen der Bewohner gerötet, viele hüstelten, einige waren tot.

Die Dorfältesten verkündeten: Weiße Grabräuber hätten Paniyoikyasi aus seinem Versteck geraubt. Aus Rache hätte der Gott die Vulkane geöffnet und das böse Gift der Feindschaft auf die Städte der Räuber regnen lassen. Jetzt brannten sie im Brudermord und "ihr Rauch erreicht auch uns."

Nach dieser Erklärung der Dorfältesten rannten Adjuna und seine Leute wieder zu ihren Prärieschoonern und gaben voll Gas.

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