Es war Adjunas Idee gewesen, die friedliche Oase der Hopis zu verlassen, und durchzufahren bis an die Westküste und sich dann auf das große, friedliche Meer zu flüchten. Es war vielleicht eine Frage von Leben oder Tod. Den Rückweg der Hopis wollte er antreten in ein fernes, fernes Indien. Heimweh nach Rückkehr. - Und die Zeiten waren so schlecht.
Ein Schiff würden sie besorgen müssen; besorgen, das konnte hier ruhig amerikanisch einkaufen heißen. Darauf kam es nicht mehr drauf an. In der Stadt der Engel würden sie zum Dieb werden. Es sollte eine schlimme Stadt sein. Sie wären nicht die einzigen Diebe. Es würde nicht auffallen. Vielleicht würde es nicht einmal dem Besitzer auffallen. Vielleicht würde der bei den Rassenkrawallen seinen Besitz schützen wollen und umkommen, ohne im Hafen gewesen zu sein. Mit Vollgas ging es über Highway 264, eine Schlitter- und Hoppelbahn, manchmal fuhr man besser im Sand da neben, weil die Räder da wenigstens faßten. Wieviel Verfall es doch gab. Nur seine Schwerter hatte dieses Land immer blank geputzt.
Viele, viele Meilen fuhr man und viele, viele Male gabelte sich die Straße und es war jedes Mal ein Glücksspiel, welche man nehmen sollte, da die Wegweiser verwittert, verwest oder verwaschen waren. Schließlich standen sie aber vor einem lesbaren Schild, rechts: Las Vegas, Nevada; links: San Diego, Kalifornien.
Las Vegas, die Stadt Bugsy Siegels, eines Unterweltlers, berühmter hit man, bezahlter Killer, hier legte er sein Geld gewinnbringend an und schuf etwas Schönes - für Amerikaner.
Adjuna befand: "Das Leben ist schon Gamble genug. Wir brauchen die Kasinos und einarmigen Banditen und anderen Spielereien nicht, unser Spiel ist zu ernst dafür."
Und so bog der kleine Konvoi nach links. Dem Colorado folgend kamen sie in eine Tiefebende, die heiß und stickig war. Yuma hieß der Hauptort, eine alte Goldgräberstadt. Wegen der teuflischen Hitze hatte man einst den Weg nach Yuma, den Camino del Diablo, die Teufelsstraße, genannt. Aber seit die Autos und Häuser mit Klimaanlagen ausgerüstet waren, merkte man nicht mehr soviel von der Hölle und hatte den Namen wieder vergessen, auch war man nicht mehr so fromm und die Hölle hatte viele ihrer alten Schrecken verloren. Die dortigen Bewohner hatten sicher auch schon etwas gefunden, um die Unangenehmlichkeiten abzumildern.
Das alte Staatsgefängnis von Yuma wurde in der Touristenbroschüre als sehenswert angepriesen: neuerdings mit Air Condition! In alten Tagen war neben den Schikanen der Wärter, Auspeitschungen und Dunkelzellen für Einzelhaft, die brütende Hitze in den Zellen eine besondere Abschreckung gewesen. Laut Broschüre wurden in dem Gefängnis Mörder, Räuber, Diebe, Taschendiebe, Viehdiebe, Frauendiebe, Ehebrecher und Vergewaltiger, sowie Verbrecher gegen die Natur dort eingekerkert. Verbrecher gegen die Natur? Gab es denn damals schon Naturschutz? Verbrecher gegen die Natur, das hieß Leute, die bei homosexuellen und sodomistischen Handlungen erwischt worden waren, oder Ehepaare, die so etwas Unnatürliches taten, wie sich an der falschen Stellen küssen, sie den Schwanz, er die Muschi, und dabei vergaßen, vorher die Tür fest abzuschließen oder die Fensterläden zuzumachen.
Weiter ging es Richtung San Diego. Die Straße war jetzt gut ausgeschildert. Der nächste größere Ort hieß El Centro. Da die mexikanische Grenze nicht weit war, lag dieser Ort gewissermaßen ganz am Rande der Vereinigten Staaten. Trotzdem war dieser Ort ein amerikanischer Superlativ, nämlich angeblich die größte Stadt der Welt, die unter dem Meeresspiegel lag. Es war in diesem Ort, das unsere Freunde mit den Gesetzeshütern in Konflikt gerieten. Die Gesetzeshüter glaubten nämlich, der Konvoi sei von Mexiko gekommen und die Leute wären illegale Einwanderer. Man war der Meinung, die USA hätte genug Probleme und brauche die Mexikaner nicht auch noch. Das mit den Problemen stimmte übrigens. Jeden Tag stimmte es sogar ein bißchen mehr. Da die Gesetzeshüter sehr forsch auftraten, kam es zu einem Feuergefecht, daß unsere Freunde wegen ihrer überlegenen Feuerkraft mit Leichtigkeit gewannen.
In San Diego blieben sie auch nicht lange. Da sie im Hafen mit ihrem Konvoi gleich dumm aufgefallen waren, hatten sie das Gefühl, dort nicht mehr ungestört ein Schiff klauen zu können. Sie wandten sich also gleich nach Norden, durchfuhren das Orangenland Richtung Los Angeles.
Am Wegrand waren noch einmal die amerikanischen Träume verwirklicht, Amusement Parks, Fantasieländer, Movie World, Movieland Wax Museum, Palace of Living Art, eine 9-Hektar-Drive-In-Church, Alligator Farm, Lion Country, Knot's Berry Farm und der schönste Ort der Welt: Anaheim, das Land mit den glücklichsten Untertanen, den Disneyländern.
Aber lassen wir die Anaheimer daheim. Fantasien sind immer besser als Fakten, solange sie Fantasien blieben und die Fakten nicht besiegen und kaputtkriegen.
Los Angeles war ein anderer amerikanischer Superlativ. Es war die Stadt mit der schlechtesten Luft der USA. Von weitem schon sah man schwarzen Rauch über der Stadt stehen. Tatsächlich war dieser Ort, bevor die Christen hier Engelchen sahen, für die Indianer der Ort des stehenden Rauches.
Adjuna fluchte: "Warum verbrennen die soviel, wenn die wissen, daß der Rauch nicht abzieht?"
Los Angeles mußte weitläufig umfahren werden, weil dort dicke Luft herrschte, Riots, Aufstände. Die Polizei hatte Straßensperren errichtet und leitete den Verkehr um. Ein freundlicher Beamter, mit dem Adjuna ins Gespräch kam, erklärte: "Die Slumbewohner haben diesmal, statt im eigenen Stadtviertel zu wüten, das Stadtzentrum und die Villenviertel verwüstet."
"Wie kann das denn angehen?"
"Das wissen wir auch nicht. Das ist bisher noch nie passiert."
Die Freunde umfuhren die Stadt. Dann folgten sie weiter der Pacific Coast Highway. Sie hatten sich schon auf dem Weg von San Diego über überladene PKWs gewundert, die ihnen entgegen kamen. Jetzt wurde klar, daß es Leute auf der Flucht waren. Hab und Gut hatten sie in ihre Autos gepackt und flohen so aus der aufgebrachten Engelstadt.
Einige wurden die Opfer von Straßenräubern. Erschossen lagen sie am Straßenrand. Ein Teil ihres Hausrats, der unbrauchbare Teil, lag neben ihnen. Besonders schlimm aber waren die waidgeschossenen, wie sie am Straßenrand ihre vertüderten Gedärme hielten und um Hilfe flehten, die blutige Hand ausstreckten. Aus Angst, selbst überfallen zu werden, brausten die Leute an ihnen schnell vorbei.
Auch Adjunas Konvoi brauste an den ersten vorbei. Adjuna war der Meinung, daß die Verwundungen zu schwer waren, daß man ihnen nicht mehr helfen konnte. Erst als er den von einer Maschinengewehrsalve lahm geschossenen Bus einer Filmgesellschaft am Straßenrand gestrandet sah, hielt er an, und organisierte Erste Hilfe. Viele junge Männer waren in dem Bus, einige hatten nur Streifschüsse abbekommen, andere waren unverletzt geblieben.
Mit der Abschleppstange des Busses wurde der Bus an den großen Lkw gehängt. An jeden, der eine Waffe halten konnte, wurde eine verteilt, die dann immer Schuß bereit zu halten war.
"Wenn wir Überfallene sehen, werden wir von jetzt ab grundsätzlich anhalten und sehen, ob wir irgendwie helfen können. Es geht auch nicht, daß Leute einfach auf offener Straße abgeknallt werden. Wir müssen etwas dagegen tun. Einen Geleitzug organisieren."
Adjuna riß eine auf dem anliegenden Feld stehende Plakatwand los und ritzte mit seinem Messer über das Reklamemädchen: "Dies ist ein Geleitzug. Wenn Sie Schutz vor Wilderern suchen, gliedern Sie sich vorsichtig ein." Dann gab er jemandem den Auftrag, das Schild hinten am Bus zu befestigen.
Adjuna tauschte auch Fahrzeug. Er nahm den Panzerwagen der Bank und fuhr vorweg, ihm folgte der langgestreckte Cadillac, an jedem Fenster kauerte jetzt ein Schütze; die Motorradfahrer kamen sich plötzlich sehr nackt und schutzlos vor ohne Blechkarosserie; das Lkw-Bus-Gespann sollte immer die Nachhut bilden. Man entschied, sehr langsam zu fahren, damit Flüchtlinge den Konvoi einholen konnten und sich eingliederten.
Nicht jeder machte von Adjunas Angebot Gebrauch. Einige mißtrauten ihm wohl oder waren mutig oder hielten sich selbst für ausreichend bewaffnet, trotzdem wuchs der Konvoi ständig.
Von Zeit zu Zeit machte man Pause, um die Neuen zu mustern, ihnen eventuell zusätzliche Waffen zu geben und ihnen zu versichern, daß sie keine Angst mehr zu haben brauchten. Es waren ausschließlich Familien, die sich anschlossen.
Die steile, zerklüftete Küste und die mächtig brechende Surf des Pazifiks war eigentlich eine Touristenattraktion, aber jetzt hatte niemand mehr ein Auge dafür, alle dachten nur an die Schrecken, die sie gesehen hatten, und die, die sie vielleicht hinter der nächsten Kurve erwarteten. Selbst Adjuna fühlte sich tense, angespannt. Wie beende ich das Abenteuer Amerika? Einfach aufwachen aus dem Alptraum geht doch nicht. Während er so vor sich hin träumte, überholte ihn eines seiner Motorräder. Der Fahrer schrie ihm was zu, aber die Panzerung des Geldtransporters war so gut, daß man innen nichts hören konnte. Die Scheiben konnte man auch nicht herunterdrehen. Der Mann gab schließlich Zeichen, daß er anhalten solle.
"Was ist passiert?" Die Leute vom Bus haben ein Pärchen gesichtet, "ganz nackt und blutig geschlagen." "Gut, ich komme sofort." Adjuna stieg aus und ging die lange Wagenschlange entlang. "Es sind aber viele Neue hinzugekommen", dachte er.
Am Ende angekommen, wurde ihm gleich aufgeregt berichtet, daß die Beiden in eine Falle geraten waren. Hinter dem Kap sollte sich eine gefährliche Straßensperre befinden mit mehreren Polizeifahrzeugen. Das seien in Wirklichkeit aber gar keine Polizisten, sondern die Engel der Hölle aus den Slums von Los Angeles, die dort ihren Mutwillen trieben.
"Keiner kommt da durch", stöhnte der Mann in seiner Wolldecke, noch immer bleich und am Zittern. Seine Frau heulte nur ganz stumm. Einige Frauen aus dem Konvoi bemühten sich um sie. Jemand hielt ihr einen Becher mit heißem Tee aus einer Thermosflasche hin, aber sie blickte nicht auf und nahm auch nichts an. Sie mußte viel durchgemacht haben.
"Warum kommt da keiner durch?" wollte Adjuna wissen. " Die sind zu viele." "Wir haben einen großen Truck und einen gepanzerten Wagen." "Die haben mehrere Trucks. Da kann keiner vorbei."
"Wie ist es möglich, daß ihr weglaufen konntet?" "Ja, haben die nicht aufgepaßt?" hakte ein Familienvater nach, der plötzlich die beiden zerschundenen Nackten für den Köder einer Falle hielt; ängstlich blickte er die Hänge hinauf. "Nein, die bekommen alle. Selbst die, die umkehren wollten, haben sie gekriegt." "Ja, aber wie seid ihr denn entkommen?" "Die treiben mit allen ihren Mutwillen. Alle mußten sich ausziehen. Wer sich weigerte, dem wurden die Kleider vom Leib gerissen. Dann mußten wir alle zur Rap-Music tanzen, dabei haben sie mit Lederriemen und Ketten auf uns eingeschlagen. Immer wieder wurden die Frauen mißhandelt. Viele sind liegengeblieben. Ohnmächtig. Wir haben uns auch hingeworfen und sind dann nicht mehr aufgefallen. Wir konnten an der Kante wegschleichen, im Entwässerunggraben."
"Vielleicht ist es wirklich zu riskant, mit dem Konvoi da reinzufahren. Schießlich sitzen wir dann wirklich in der Falle, sind umzingelt und können weder vor noch zurück. Ich habe eine bessere Idee. Wir schleichen uns zu Fuß ran. Dann sitzen die in der Falle und wir schießen auf sie aus sicherer Deckung!" "Das ist eine gute Idee!" "Also los. Du, du, du, hier ihr hier, da, da, weiter, los teilt euch! Also ihr hier kommt mit mir. Der Rest greift von der anderen Straßenseite an."
Da meldete sich der Geschundene noch einmal zu Worte: "Das geht nicht. Da hinter dem Kap fällt es links von der Straße ganz steil ab. Da kann sich keiner halten." "Um so besser", lachte Adjuna, "dann bleiben wir alle zusammen. Kommt, wir jagen sie ins Meer!"
Der geschundene Mann hatte sich unter der Wolldecke in die Latzhose, die ihm ein Schlosser gegeben hatte, gezwängt. Jemand anders lieh ihm noch ein Hemd. Dann war er begierig, auch eine Waffe zu bekommen.
Auf dem Weg mahnte er noch einmal: "Es sind wirklich viele." "Wir müssen behutsam sein", gab ihm Adjuna recht, "es ist nicht gut, zu trigger-happy zu sein. Schießwut bringt uns nur alle in Gefahr. Nachher haben wir zu viele Tote zu beklagen."
Er entwickelte dann einen Plan: "Jeder bekommt einen Streifen Feindland zugeteilt. Auf diesem Streifen hat er, sofort wenn es losgeht, alle Feinde totzuschießen. Und losgeht es - und jetzt paßt auf! - wenn ich mit dem Geldtransporter da bin,..." "Waas?" Alle wunderten sich. "Ja", sagte Adjuna, "ich werde, wenn ihr alle eure Plätze eingenommen habt, noch einmal zurücklaufen und den Geldtransporter holen. Ihr wißt doch, der ist schußsicher. Ich mache alles zu. Versuche vielleicht umzukehren oder rückwärts zu entkommen. Sicher werden die das nicht zulassen wollen." Da fiel Adjuna ein, daß wenn das hier alles überstanden war, er eigentlich mal den Laderaum aufbrechen sollte, um nachzusehen, ob da was drin war, aber in aller Heimlichkeit, nur wenn seine Vertrauten dabei
waren.
"Die wollen ja an das Geld ran. Die wissen ja nicht, daß daas Ding leeer ist. Wenn ich dann hupe, knallt jeder seine Leute ab. Den meisten braucht ihr wahrscheinlich bloß in den Rücken zu schießen, da die sich ja um mich kümmern. Durch den Geldtransporter wird euer Risiko also geringer."
Man hatte die Stelle erreicht. Der Redwood, also der rotstämmige Kiefernwald, lag hier etwas zurück. Es war gut, daß er nicht bis an die Straße reichte. So hatte man ein besseres Schußfeld. Der Wald endete etwa 40 Yards über den Wegelagerern. Das gelichtete Stück Abhang war mit Betonplatten gesichert. Da es sehr steil war, dürfte es sehr mühsam sein, hochzusteigen, während das Runterschlittern ein Kinderspiel war. Auf der anderen Seite fiel der Abhand steil und baumlos ins Meer hinab.
"Haha", flüsterte Adjuna, "die haben für die Autofahrer eine Falle gebaut, aber die sitzen selbst in der Falle. Hier haben wir die beste Deckung der Welt und das beste Schußfeld der Welt!" - Hoffentlich treffen die aus der Entfernung auch noch richtig. - Du und du und du, ihr stellt euch da vorn auf und laßt niemanden um die Ecke entkommen. Du und du und du, könnt ihr gut schießen? ja? Ihr schleicht euch da hinten hin und laßt niemanden in die Richtung entkommen!"
"OK." "Halt!" rief Adjuna auf einmal flüsternd, "halt!" Er schaute noch einmal hinunter. Viele Autos waren da, die den Konvoi überholt hatten. An beiden Seiten der `Tanzfläche', so mußte man es wohl nennen, blockierten fünf Trucks die breite Straße. Luxuslimousinen parkten säuberlich mit Heck zum Abhang. Die Banditen konnten vielleicht dahinter Deckung nehmen, aber viel würde es ihnen nicht nutzen, "da unsere eigene Schußposition so hoch ist."
Da unten war man gerade dabei, die wertloseren Autos führerlos die Straße entlang schräg auf den Abhang losfahren zu lassen, andere versuchten auf einen Mann einzuprügeln, daß er vor das fahrende Auto lief. Das Gegröle und Gefeixe war schrecklich anzuhören. "Die Höllenengel treiben es wirklich zu schlimm", sagte Adjuna ernst, "wir müssen sofort einschreiten."
Zur Party da unten gehörte Spießrutenlaufen bis zum Umkippen, Frauen wurden nicht vergewaltigt, dazu war man wohl zu besoffen, sondern gesexualmordet, einige Engel hielten die Hodensäcke gefesselter Männer in ihren Lederhänden und drückten abwechselnd zu, die Schmerzensschreie erfreuten sie mächtig: "Wer war wohl der lauteste, ohne abzuklappen?"
Es gab Nebenszenen mit Messer im Anus oder Dornenblumen und Menschen, die ganz einfach abgefackelt wurden. Die Fantasien des Hieronymus Boschs hatten keine grausamere Hölle beschrieben, keine basismenschlicheren Monstrositäten.
"Schnell verteilt euch. Jede Minute ist kostbar. Sie kann ein Menschenleben mehr kosten. Jeder schießt einfach auf die Engel auf dem Straßenstreifen vor sich. Und zielt gut, damit sie gleich tot sind und uns keinen Ärger mehr machen. Denkt dran, die sind zehnmal mehr als wir. Aber wir haben den Überraschungseffekt, außerdem sind wir nüchtern. Laßt euch nicht einschüchtern, wenn sie die Nackten als Geisel benutzen wollen. Wenn wir uns ergeben, geht deren Party mit uns als Opfern genauso weiter. Schießt so gut ihr könnt auf die Engel, wenn ihr dabei deren Opfer trefft, seht darüber hinweg, schießt sofort wieder auf einen Engel. Bringt euch selbst nicht in Gefahr, lauft erst den Abhang hinunter, wenn die Engel alle tot sind und sich nicht mehr rühren. Und wenn ihr euch den Toten naht, verpaßt ihnen sicherheitshalber noch eine Kugel!"
Adjuna spannte seinen Bogen. "Bist du verrückt? Willst du mit dem alten Bogen schießen?" protestierten einige. "Ich nehme immer den Bogen."
Es wurde eine blutige Schlacht. Bäng, bäng. Der neben Adjuna in Deckung lag, meinte plötzlich bitter: "Mein Gott, als Schauspieler hab ich immer den Sheriff gespielt. Hätte nie gedacht, daß es mal ernst wird. Mit Ellbogen hab ich mir den Zugang zum Film erkämpft, jetzt schieße ich mir den Fluchtweg frei."
Plötzlich sprang er mit seiner Winchester in der Hand den Abhang hinunter. "Bleib hier! Das ist Wirklichkeit!" Zu spät. Tödlich getroffen rutschte er die Betonplatten hinunter.
Einige Höllenengel fanden Deckung unter und hinter den Trucks und schossen von ihrem sicheren Versteck aus auf die hilflosen Geisel in der Mitte der Tanzfläche. Einige Burschen waren deshalb so verzweifelt, daß sie den Abhang runterstürzten, um unter die Lkws schießen zu können. Die Engel erwischten sie aber vorher.
Es waren am Ende Adjunas magische Pfeile, die die Engel unter den Lkws erwischten, sie zur Hölle schickten, wo sie herkamen und hingehörten.
Die Schlacht war gewonnen, es wurde aufgeräumt. Da man von der Gesetzlosigkeit des Landes gründlich überzeugt war, erschoß man die noch lebenden Engel der Hölle und warf ihre Leichen dann einfach den Steilhang hinunter. Ihre verwundeten oder getöteten Opfer lud man auf die Lkws. Auch viele der zitternden, bleichen Opfer fanden in den Laderäumen der Trucks endlich Geborgenheit.1
1 (Fußnote)
Die für Amerikaner und Freunde amerikanischer Filme schönste Szene aus dieser Vita Adjuna endete hier. Alle Helden hatte Adjuna in den Schatten gestellt. Wer es sich anders vergestellt hatte, hatte es sich falsch vorgestellt. Er war doppelt so alt wie Silvester Stallone, obwohl er jünger und muskulöser als Arnold Schwarznagger aussah, er war wilder als Mad Max, übermenschlicher als Superman, und im Gegensatz zu Clint Eastwood war er Nichtraucher, und das gefiel den Amerikanern besonders, denn daß rauchen stinkt und ungesund war, hatte man nirgends so gut begriffen wie in Amerika. Nur der Stadtneurotiker war ihm wohl was Neurosen betraf überlegen, aber der war ja auch ein Außenseiter der anderen Art.
Der Konvoi war jetzt sehr viel größer geworden, zehn Trucks und zwölf Luxuslimousinen waren dazu gekommen. Einige Burschen hatten sich auch Maschinen der Rocker angeeignet.
An dem T-Kreuz, wo von der Küstenstraße State Highway Number 1 die
State Highway Nr. 156 nach Castroville abbog, ließ Adjuna halten und die Leute zusammenkommen. Unter dem Billbord `Castroville - Artischoken Hauptstadt der Welt' stellte er sich auf einen Stein, um seine weiteren Pläne zu erläutern.
"Ich war bei den Indianern. Ich spreche ihre Sprachen, wie ich jede andere Sprache der Welt beherrsche, und die alten Häuptlinge sagten mir, daß sie voller Zuversicht seien, daß ihnen eines nahen Tages Amerika wieder allein gehören wird. Der weiße Mann verstehe nicht, auf diesem Boden zu leben, und der schwarze auch nicht. Beide werden sich hier zugrunde richten. Es wird zu einem großen Sterben kommen in den Städten. Die Fremdlinge des Kontinents werden sterben, es werden auch viele Indianer sterben, aber letzten Endes werden es Indianer sein, die überleben, und nicht die Fremdlinge. Das Aussterben zu überleben, da haben die Indianer ja schon Erfahrungen drin. Ich würde mich nicht wundern, wenn ihre Prophezeiungen in Erfüllung gingen. Ich habe daher beschlossen, da ich ein Fremdling in diesem Land bin und ich mich in keinem anderen Land dem Untergang so nahe gefühlt habe, das Land auf dem Seeweg zu verlassen. In der Stadt des Heiligen Franz werde ich mit meinen Leuten ein Schiff kapern. Hoffentlich können wir uns bis zum Hafen durchkämpfen. Wer mit uns kommen will, kann mitkommen, wenn er die folgenden Bedingungen erfüllt: Er oder sie muß körperlich und geistig gesund sein, darf weder rauch- noch rauschgiftsüchtig sein und darf auch an keinen Gott glauben, außerdem muß die Person mit der Waffe umgehen können, da kriegerische Zeiten zu erwarten sind."
Es meldeten sich nur wenige. Die meisten fühlten sich gar nicht als Fremdlinge im Land. So häuslich hatten sie sich's eingerichtet.
Der Konvoi teilte sich auch hier. Die meisten wollten in die nähere Artischokenhauptstadt der Welt.
"Da ziehen sie dahin. Sollen sie Edeldisteln essen, bis sie platzen."
Die Stadt des heiligen Franz lag auf vierzig Hügeln, was für ein Superrom! Die Stadt am Tiber lag bekanntlich nur auf sieben Hügeln. Aber niemand in Franzens Stadt machte sich deshalb über Rom lustig. Man hielt sich für die Homosexuellen Hauptstadt der Welt, einige ältere Leute hielten die Stadt immer noch für die Hippyhauptstadt der Welt, man hatte die größte Chinatown der Freien Welt, außerdem Klein-Tokyo, Klein-Italien, ein mexikanisches Stadtviertel, ein afro-amerikanisches Slumviertel, Sodom und Gomorrah und die größten Träume von Gold und vor allen Dingen die größte goldene Brücke der Welt.
Mit der Ann herung an die Stadt bröckelten die Familien langsam ab, sie hatten wohl Verwandte in den Vorstädten. Vor der ersten Kirche, die der Konvoi passierte, trennte sich dann endgültig die Spreu vom Weizen, was jeder auf seine eigene Art interpretierte.
Da Adjuna bei seiner Rede unter der großen Artischoke es ja klar gemacht hatte, was er plante, und daß die, die noch an die alte Religion glaubten, nicht willkommen waren, mitzureisen, versammelten sich die restlichen Christen, die Adjuna vor den Höllenengeln gerettet hatte, vor der Kirche, um Gott für ihre Rettung zu danken. Im Gegensatz zu den Atheisten unter den Geretteten zeigten sie Adjuna nur wenig Dankbarkeit, dafür warfen sie sich um so inbrünstiger vor der Kirche auf den Boden.
Hoffentlich ist das das letzte, was ich von Christen sehen, ihre Ärsche, dachte Adjuna, wenn ich erst wieder mit dem Schiff unterwegs bin, werde ich nie an der Küste eines christlichen Landes vor Anker gehen. Warum gehen die Ärsche nicht in die Kirche und beten drinnen?
Ich habe schon oft gedacht: Es ist doch erstaunlich, daß jemand, der an einen Gott glaubt, der die Menschheit wegen einer gestohlenen Frucht verdammt, sie aber erlöst, wenn sie seinen Sohn, den er mit einer verheirateten Jungfrau gezeugt hat, ermordet, daß so einer überhaupt im täglichen Leben funktionieren kann und solche rationalen Dinge wie das Öffnen einer Tür durch Herunterdrücken der Türklinke beherrscht und nicht wie ein Ochs vorm Berg davor steht und einen Zauberspruch losläßt.
Sollte es sein, daß diesen Christen hier durch das Trauma mit den Engeln der Hölle der letzte Bezug zur Wirklichkeit abhanden kam und sie sich jetzt mit ausgestreckten Armen auf die Kirchenstufen werfen und ein Sesam-öffne-Dich murmeln, um sich durch das große Tor Einlaß zu verschaffen. Einen letzten Dienst werde ich ihnen erweisen. Ich werde ihnen die Tür aufhalten.
Verdutzt gingen die Gläubigen ins Innere, um sich aufs Neue auf die Knie zu begeben.
Hoffentlich haben die Blödmänner gesehen, wie ich die Tür aufgemacht habe, sonst kommen sie nachher nicht wieder raus, dachte Adjuna, als er dem Konvoi das Kommando gab, ein Stückchen weiterzufahren.
Beim nächsten Stopp versuchte er dann den Laderaum des Geldtransporters aufzubrechen.
Nach einigen kräftigen Schlägen mit der schweren Abschleppstange war die Tür tatsächlich weit genug eingebeult.
Gold! Goldbarren! Viele, viele Goldbarren! Hurra, Amerika war doch das Land der unbegrenzten M glichkeiten!
"Jetzt brauchen wir den Proviant für unsere Reise und die Kleidung und Ausrüstung, und was wir sonst noch alles brauchen, nicht mehr von den Kaufhäusern zu rauben, sondern können alles ordentlich bezahlen!" erklärte Adjuna die neue Situation.
Adjunas Konvoi hatte einige Schwierigkeiten durch die aufständische Stadt zu kommen. Normal Einkäufe zu machen, war wegen der Aufstände auch unmöglich. Wenn man was haben wollte, mußte man sich den Plünderern anschließen, oder wenn man sah, daß die Plünderer das hatten, was man brauchte, mußte man es ihnen abnehmen. Die schrien dann: "Ich habe es zuerst gehabt." Als ob nicht das Kaufhaus es zu erst gehabt hatte.
Taucherausrüstungen, Turnschuhe, Trenchcoats, Südwester, warme Sachen und Badehosen, Festmacherleinen, dicke Taue und dünne, Treibanker, Schwimmwesten, Signalraketen, Persenninge usw. eignete man sich auf die Art an, ein Witzbold hatte sich sogar ein Surfboard gemopst. Spaß muß sein, schien er zu denken. Vielleicht nicht die schlechteste Sorte Mensch.
Adjuna war schwer und traurig. Spaß lag ihm fern. Er dachte an die Zukunft. Amerika, sagte man, sei der Welt immer um einen Schritt voraus. Wie wird es in der restlichen Welt zugehen? Wird man sich dort gegenseitig umbringen? Und ein kleiner Gedanke zurück: Was macht Europa?
Es war klar, es reichte nicht, ein Yachtzubehörgeschäft auszuplündern, man mußte auch ein Waffengeschäft plündern, um für den Rest der Reise ausreichend mit Waffen und Munition versorgt zu sein, denn man konnte ja nichts selbst herstellen.
Man erkundigte sich also bei einem Passanten, der gerade einen Molotowcocktail in irgendeinen Plüschladen werfen wollte, wo sich ein Waffengeschäft befand, aber der gute Mann sagte bloß: "Keine Ahnung, ich bastl mir meine Molotowcocktail selbst."
Ein anderer Passant wußte aber dann Bescheid.
Als sich die Freunde der Straße mit dem Waffengeschäft näherten, hörten sie die Maschinengewehre schon von weitem knattern. Die Waffen des Händlers schienen begehrt zu sein. Und Adjuna schien weder der erste zu sein, der dachte, sich durch Aufstocken des Waffenlagers das Überleben für die nächste Zeit zu sichern, noch der einzige. Das Problem war nur, daß der Geschäftinhaber sich mit seinen Söhnen und Freunden im Geschäft verbarrikadiert hatte und sich die Waffen nicht wegnehmen ließ.
...und er schien über unermeßliche Vorräte zu verfügen. Nie hörten die Waffen des Geschäfts auf, Feuer zu sprühen. Aber auch die Banditen schossen ununterbrochen auf das Geschäft.
Halt, da hörte einer auf. Er hatte seine Munition verschossen. Da noch einer.
Wie sollten die jetzt weiterleben können?
Adjuna gab seinen Leuten einen Rat: "Statt daß wir auch noch unsere Munition verballern, gehen wir lieber behutsam vor. Der Geschäftsinhaber hinter seinen Panzerplatten ist fast unerreichbar. Wenn wir jetzt aber die Banditen, die seinen Laden ausrauben wollen, von hinten erschießen, können wir vielleicht mit ihm handelseinig werden. Schießlich haben wir Gold."
Die Banditen waren schnell von hinten erschossen, aber der Ladenbesitzer stellte seine Gegenwehr, selbst als man nicht mehr auf ihn schoß, nicht ein. Adjuna und seine Freunde machten ein dummes Gesicht. Anrufen half auch nicht. Wahrscheinlich war man da drin halbtaub vom Lärm.
Es war wieder Adjunas Bogen, der das Problem löste und den hinter den Panzerplatten Hockenden das Leben ausblies. Endlich konnten sich die Freunde konventionell aufrüsten.
Mühsam kroch der Konvoi dann weiter durch den Tumult der Urbanisation, der Verstädterung, der Stadtschaft. Die Kains erschlugen die Abels und die Abels erschlugen die Kains, und es war nicht immer leicht da durchzukommen. Urbarbarisierung nannte man wohl diese letzte Phase der Städte.
An einem Platz, auf dem viele Leute waren, fühlte Adjuna sich verpflichtet, ein paar Worte an die Menschen zu richten, hatte er doch einst seine Stimme gegen die Religion erhoben und ein anderes Mal gegen Rassenhaß und für die Rassenvermischung gekämpft, und hatte er doch viel gesehen und beobachtet im Leben, so daß er berechtigt war, seinen Abschied, seine Abschiedsworte, seine letzten Schlußfolgerungen in einer Predigt zusammenzufassen.
Adjuna kletterte auf den Bus und rief dem Volke zu: "Ich predige Euch den Selbstmord..."
Das Volk zu seinen Füßen aber erregte sich.
Adjuna: Ich tue Euch nichts an.
Ich könnte Euch einen guten Rat geben, aber ihr wollt ihn ja nicht. Ich will Euren Tod nicht, Euch nicht morden, Ihr wollt es selbst. Alles tut Ihr Euch selbst an. Ihr könnt schreien, aber nicht die Augen öffnen. Ihr könnt rennen, aber auf der Suche nach dem vermeintlichen Glück werdet Ihr ins Unglück stürzen.
Ihr beschimpft mich als Mörder der Menschheit, aber Ihr seid es, die Ihr diesen Mord durchführen werdet, Ihr werdet es ganz sicher tun, Ihr könnt nicht anders, Ihr seid so, es ist in Eurer Natur und Ihr seid keine Naturbezwinger, wie Ihr überhaupt nur andere nie Euch selbst besiegen könnt, deshalb braucht Ihr auch den anderen für Euren Selbstmord und der andere braucht Euch, so seid Ihr durch gegenseitige Hilfe erfolgreich, es geht nichts über gute Nachbarschaft.
Aber Adjuna war nicht nur von den Leuten angewidert, sondern auch von sich selbst, all die Gewalttätigkeit in ihm, all die Geilheit, all die Lüge, all der Zynismus, all die falschen Fantasien, all die dummen Hoffnungen, all die Eklig- und Unzulänglichkeit. Er floh nicht nur vor den Menschen, er floh auch vor sich selbst. Die ewige Flucht ging weiter.
When you are going to San Francisco/
be sure to wear some flowers in your hair/
. . .
you gonna meet some gentle people there/
. . .
in the streets of San Francisco gentle people with flowers in their
hair/
all across the nation/
such a strange vibration/
people in motion/
a whole generation with a new explication/
people in motion.1
1 aus Scott Mckenzies Song "San Francisco" von 1967
Die Blumenkinder, die einst San Francisco als Kult-City auserkoren hatten, waren schon fast alle Omas und Opas geworden, ihre Blumen waren verwelkt, ihr Kult-Auto T-Bird verrostet, Mottos wie "Make Love Not War" waren eingemottet worden.
Sie hatten Mary Jane geliebt, Haschisch geraucht, Cannabis gekaut, nach Ganjah gegiert oder schlimmer noch: im LSD-Rausch lethargiert und niemandem etwas getan. Ihre Teilnahmslosigkeit, besonders ihre Absage an die Konsumgesellschaft, hatte die eigenen Eltern und das Establishment in große Schrecken versetzt, war es doch der Konsum, das Selbstverständnis, nach Reichtum zu streben und irdischen Gütern, was Amerika groß gemacht hatte.
Der Angriff auf die Absage amerikanischer Werte erfolgte zweispurig: verhaßt machen und vermarkten, die Thesen wurden verhaßt gemacht, die bunte, legere Kleidung und die anderen Äußerlichkeiten wurden vermarktet und schick.
Die Blumenkinder, die das Liebemachen wirklich ernst nahmen und ihre Hand der Bürgerrechtsbewegung entgegenstreckten und noch weiter, ernteten Haß, wurde übergangen, zermalmt, verleumdet, während sich die Gesellschaft wieder ihrem liebsten Spiel, der Verschwendung und Vergeudung, zuwandte und die gesellschaftlichen Mißstände die gleichen blieben.
Eine neue Generation wuchs heran, eine neue Generation in Motion.
Neue Vibrationen, neue Explikationen. Sie hatten ihre Lektion gelernt: Eine Blume im Haar schafft keine Veränderung, eine Waffe in der Hand schon eher. Es war eine brutale Generation mit Sicherheitsnadeln in der Backe, Totenköpfen um'n Hals, SS-Emblemen auf der Jacke und als Tätowierung.
Was sie wollten?
Rache nehmen.
Adjuna und seine Leute trugen weder Blumen im Haar, noch Sicherheitsnadeln in der Backe, aber sie hatte alle eine Waffe. Sie verfolgten auch keine diffusen Ziele, wie Rachenehmen, sondern hatten ein konkretes Ziel: den Hafen.
"Isn't she a beauty! Ist sie nicht eine Schönheit!"
Die Freunde standen vor einem schlanken Drei-Mast-Schooner. "Wenn wir schon klauen, dann vom Besten."
Adjuna gab den Befehl, die Halteleinen dichtzunehmen, damit das Schiff näher an den Kai kam und man an Bord springen konnte. Er hatte sich schon einen Draht geschnappt und war dabei einen Dietrich daraus zu biegen, um die Deckshaustür zu öffnen.
"Heh, hier ist ja ein Fenster eingeschlagen", rief einer der Freunde ihm zu. Adjuna öffnete die Tür aber trotzdem mit dem Dietrich.
Schnell erkundeten die Freunde das Schiff. "Es ist fast ein bißchen zu eng für uns alle." "Schnell, holt den Proviant aus den Autos und seht dann mal nach, wo die Segel verstaut sind. - Macht alles fertig. Am besten hauen wir schnell ab. Die Polizei ist wahrscheinlich zu beschäftigt wegen der Aufstände, aber man kann ja nie wissen. Ich fühle mich erst sicher, wenn wir aus dem Hafen raus sind. Draußen auf dem Meer ist die Freiheit." Nicht alle Landratten teilten diese Meinung.
Schnell gab Adjuna seine Befehle und erklärte, was zu machen war, ließ seine Mannschaft antreten, musterte sie. "Mein Gott, nicht eine einzige Frau an Bord!"
"Setzt Focksegel! Setzt Großsegel! Fiert die Schoten! Klar bei Anker! Klar bei Achterleinen!" "Anker ist klar!" "Achterleinen sind klar!" "Achterleinen los! Anker kurzstag holen!" "Achterleinen sind los!" meldeten die Matrosen vom Heck, und gleich noch: "Da möchte noch jemand mitfahren!"
"Waas?" brüllte Adjuna zurück. "Der Mann ist schon an Bord", war die Antwort. Das Schiff glitt langsam vom Kai ab. "Anker ist kurzstag!" kam die Rückmeldung vom Bug. Neues Kommando: "Schoten dicht! Anker auf!" Neue Rückmeldung: "Schoten sind dicht! Anker ist los!"
Das Schiff schrammte am Nachbarboot entlang hinaus ins Hafenbecken. Die Männer vom Heck führten den neuen Mann vor. Noch ein bißchen keuchend vom Sprung fragte er gleich Adjuna, ob er mitfahren dürfe. "Weißt du nicht, daß man erst fragt, ob man an Bord kommen darf, bevor man an Bord kommt?"
"Mir gehörte das Schiff", antwortete der Mann ganz ruhig. "OK, du kannst mitkommen. Aber du mußt anerkennen, daß ich der Kapitän bin." "OK."
Während Adjuna die Befehle für die weiteren Manöver gab, fragte er den Mann, warum er denn so gern mitwolle. Er hatte die Nase voll, fed up to the teeth, vollgefüttert bis zu den Zähnen. "Die Aufständischen haben meinen Laden angezündet und alles zerstört, was mir gehörte."
"Na, da hast du aber Glück gehabt. Beinahe hättest du dein Schiff auch noch verpaßt!" meinte Adjuna amüsiert und beide lachten.
"Alleine hätte ich das Schiff gar nicht aus dem Hafen gekriegt."
"Ja, es ist ein bißchen zu groß für einen Einhandsegler."
Der Mann sah sich in seinem ehemaligen Schiff um. Er war ein gutmütiger Mann. Er schien zu akzeptieren, daß ihm das Schiff nicht mehr gehörte. Adjuna sah ihn mißtrauisch von der Seite an. Dir gehört, was du gestohlen hast, versuchte Adjuna sich zu beruhigen, das gilt für Amerika, das gilt für Israel und das gilt für so viele andere Plätze und Sachen, vielleicht hat dieser Mann das so sehr verinnerlicht, daß er nicht böse wird.
Der Mann schlug plötzlich die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: "Es ist ja alles gestohlen worden. Die ganze Navigationseinrichtung ist weg." Er stürzte zum Ruderstand. "Sogar der Kompaß!" Er riß Schubladen auf. "... und die Seekarten." Die Verzweiflung stand ihm im Gesicht. "Wie können wir ohne Seekarten und Kompaß den Pazifik befahren?" "Keine Sorge!" Adjuna strahlte ihm Zuversicht entgegen, "Auch Kolumbus wußte nicht, wohin er fuhr und wo er war, und Abermillionen Europäer folgten ihm sogar." Beide lachten herzlich über den Witz.
Das spukige Wehklagen von Angel Island und Alcatraz hörten sie nicht, war auch egal, Geister sollten sich selbst befreien, das Abenteuer Amerika war für sie zu Ende, der Alptraum, jetzt segelten sie neuen Freiheiten entgegen. Hurra!
Aus der Pantry kam ein Hilfeschrei. Das Silber war auch gestohlen worden. "Das ist schlimm", kommentierte Adjuna den neu entdeckten Diebstahl, "jetzt müssen wir mit den Fingern essen." "Verdammt, es gibt einfach zu viele Diebe."
Der Hafen lag gerade erst hinter ihnen, da bekam Adjuna Streit mit dem ehemaligen Eigner des Schiffes. Roderigo Eriksson war übrigens sein Name. Aber sowohl sein spanisches, als auch sein nordisches Blut waren schon lange versinkert, vielleicht hatte er auch einmal im Laufe seines Lebens eine Blutttransfusion gehabt, jedenfalls war sein Blut so sehr mit dem Blut eines Convenience-Store-Kaufmannes und Buchhalters verwässert worden, daß er angesichts der hohen Wellen des Stillen Ozeans wasserscheu wurde.
Sein schönes Schiff hatte er hauptsächlich für Hafenparties und Schönwetterfahrten benutzt. Jetzt protestierte er, als Adjuna den Bug nach Westen in die ungewisse Weite des wilden Meeres drehte. "Es ist Wahnsinn, ohne Seekarten, Kompaß und Navigationsinstrumente da hinauszufahren."
"Das machen wir schon mit ausgestrecktem Arm und Daumen. So halten wir die geographische Breite. Das reicht."
"Nein, laßt uns lieber die Küste entlang segeln und abends in irgendwelche Häfen einkehren", und er griff Adjuna ins Ruder.
"Vergiß nicht, daß wir dein Schiff gekapert haben. Dein Schiff ist jetzt in den Händen von Piraten - uns. Du hast hier nichts mehr zu befehlen. Und wenn du Schwierigkeiten machst, marschierst du über die Planke."
Adjuna war fest entschlossen nach Westen zu segeln - auf der Suche nach Indien, wie einst ein anderer großer Navigator vor ihm.
Er ließ die größten Segel setzen und vor dem Passatwind trieben sie dahin.
...und in den Roßbreiten dümpelte man vor sich hin, wenn das mit der geographischen Breite nicht geklappt hatte. So vergingen Wochen. Früher hatte man in den Roßbreiten die Rösser, also die Pferde, über Bord geworfen, nicht um die Götter des Meeres zum Windmachen zu animieren, sondern ganz einfach, weil das Trinkwasser knapp wurde, manchmal wurden die Pferde auch geschlachtet und verzehrt.
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