Adjuna auf Hawaii
"Land in Sicht! Land in Sicht!" so rief Roderigo vom Ausguck.
Tatsächlich nach langen Wochen der Wellen und Winde und Flauten endlich Land, endlich eine Insel, eine Vulkaninsel.
Als sie dem Land näher kamen, erschraken einige, denn an Land wehten Sterne und Streifen, das Sternenbanner. Aber man wußte, man war nicht im Kreis gefahren. Die Sonne war immer achtern aufgegangen und vorn unter. - Viel mehr sah es immer so aus, in Wirklichkeit hatte sich natürlich die Weltkugel gewegt, bewegt, gedreht.
Hawaii hatten die Vereinigten Staaten der Königin Lili'uokalani wegnehmen müssen. Das Verbrechen der Königin: Sie wollte das allgemeine Wahlrecht, eine Person eine Stimme, einführen. Bisher war das Wahlrecht auf reiche Großgrundbesitzer beschränkt gewesen.
Amerika sah amerikanische Interessen gefährdet. Denn die Großgrundbesitzer waren Amerikaner. Zwar hatten die USA die Inseln nicht einfach erobert, aber das amerikanische Kanonenboot USS Boston hatte eine wichtige Rolle gespielt, als die privilegierte, weiße Minderheit die Monarchie stürzte; angeblich mußten die Marinesoldaten amerikanisches Leben und Eigentum schützen, hätte ja sein können, daß die Inselbevölkerung zurückschlug. Das war 1893.
Aber auch hundert Jahre später - ja sogar bis zum jüngsten Tag - fiel dem WASPen Land keine bessere Ausrede ein für seine Expansionspolitik - oder kaum eine bessere.
Am 12. August 1898 schenkte der Ministerpräsident der provisorischen Regierung der weißen Minderheit in einer großartigen Geste Hawaii dem Uncle Sam. Uncle Sam erwies sich dafür auch wirklich erkenntlich, selbst ein Vierteljahrhundert später noch: Als am 9. September 1924 Plantagenarbeiter streikten ließ er sie kurzer Hand mit dem MG niedermähen: 16 Tote. Und nicht die Mörder schickte er ins Gefängnis, sondern die überlebenden Streikposten, 60 an der Zahl, jeden für vier Jahre.
1932 gelang dem US Governor Lawrence M. Judd eine besondere Verhöhnung der hawaiischen Halbwilden. Weiße Rassisten hatten nämlich in ihrem Haß einen einheimischen Jugendlichen ermordet und dafür vom Richter 10 Jahre Zuchthaus bekommen. Governor Judd reduzierte die 10 Jahre auf eine Stunde, die die Mörder dann in seinem Büro absitzen mußten, wahrscheinlich bei Hamburger und Bier.
Am 27. Juni 1959 war es dann soweit, die Bevölkerung Hawaiis durfte abstimmen, ob sie als 50. Staat in die Union aufgenommen werden wollte. Die hawaiische Urbevölkerung war mittlerweile unter all den vielen Immigranten eine verschwindende Minderheit, die auch, wenn sie gern die Insel für sich behalten wollte, nicht mehr zählte.
Das glorreiche Banner wehte weiter im hawaiischen Wind.
Es hatte ein Sternchen mehr bekommen.
Hawaiis Untergang begann schon im Mai 1819, als der labile Liholiho als König Kamehameha der Zweite seinem Vater, dem großen Kamehameha dem Ersten, auf den Thron folgte. Er war nicht nur dem Alkohol zu gesprochen, sondern auch dem Christentum. Er ließ folglich christliche Missionare ins Land. Und die ihrerseits vertrieben langsam aber sicher die 400 000 Götter der Inseln. Die Anzahl der Götter überwog damals die Anzahl der menschlichen Bevölkerung. Gegenüber den Göttern zahlenmäßig unterlegen zu sein, erwies sich für Menschen auf Hawaii als sehr ungünstig. Sie wurden regelrecht erdrückt.
Ein System von Verboten, das Kapu-System, regelte jede kleinste Einzelheit des Lebens. Da man keine Schrift hatte, mußte man alle Verbote im Kopf haben, was besonders für die Frauen unmöglich war; nicht, daß die Frauen dümmer waren, sondern da für sie wesentlich mehr Verbote galten.
Mana, die geistige Kraft in den Dingen, war in den Männern gut, in den Frauen schlecht, Männer waren stark, Frauen schwach, Männer waren rein, Frauen befleckt. Frauen durften daher zum Beispiel eine ganze Reihe von Fischsorten an den Ehrentagen der entsprechenden Fischgötter nicht essen, einige Fische durften sie auch überhaupt nicht essen, Schweinefleisch durften sie auch nicht essen, da das Schwein als Festtagsbraten für Götter, Häuptlinge und Priester reserviert war. Bananen durfte sie auch nicht essen, da die Banane ein Symbol männlicher Fruchtbarkeit war. Orale Befriedigung war aus ähnlichen Gründen verboten, daß der saubere Same des Mannes nicht in den schmutzigen Mund der Frau geriet.
Da der Unterschied von Mann und Frau wie Tag und Nacht war, war es auch Kapu, also ein Verbot, daß die beiden zusammen aßen. Mann und Frau bereiteten ihre eigenen Mahlzeiten und aßen für sich. Aber Mann und Frau lebten nicht getrennt von Tisch und Bett - nur Tisch, die Unterkörper durften zusammenkommen - schon wegen des Nachwuchses.
Wenn der Unterschied von Mann und Frau groß war, der Unterschied von der Alii-Kaste zum einfachen Volk war unermeßlich. Kein einfacher Mann durfte es wagen, seinen Schatten auf einen Hochgeborenen fallen zu lassen oder auf dessen Hütte oder Speise oder Trinkwasser, er durfte auch nicht auf die Fußstapfen eines Edlen treten oder dessen Schatten oder heiligen Schein.
All diese schweren Kapu-Übertretungen wurden mit Steinigen, Erwürgen, Totknüppeln oder Am-lebendigen-Leibe-Verbrennen bestraft. Wie alle primitiven Religionen hatten auch die 400 000 Götter eine heilige Dreihauptgötterei, die über ihnen thronte, nämlich Kane, Leben, Lono, Ernte, und Ku, gleich Krieg. Lono galt als bleich, und Captain Cook wurde zuerst mit ihm verwechselt. Aber als er sich über den Diebstahl rostiger Nägel aufregte, zeigte sich, daß er menschlich war, er wurde abgestochen und zu Tode geknüppelt, er war wirklich sterblich.
Als christliche Missionare ins Land kamen waren sie begeistert, die Bevölkerung schon auf die Zahl drei vorfixiert zu finden, eine Analogie zum Teufel fanden sie auch: Kanaloa. Aber so richtig zog die Idee nicht.1
1 "Supernatural Hawaii" von Margaret Stone
Rothaarige Pele, die Vulkangöttin, rothaarig war sie nur, wenn sie wütend war, hätte wohl die Rolle der Maria übernehmen können, aber die Furcht, die die Hawaiier vor ihren Launen hatten, hätte der neuen Religion ihr Charisma genommen.
Hula-Hoop war eine heilige Handlung, aber Surfen tat man wirklich zum Spaß.
Das Könighaus trieb seinen eigenen Untergang immer weiter voran. Kamehameha der Zweite brach öffentlich das erste Tabu und aß mit seiner Mutter am gleichen Tisch. Jetzt war es leicht für die Missionare, schlecht vom alten System zu sprechen, wo ungestraft das Kapu gebrochen war.
Kamehameha wurde frommer Christ und verstieß all seine Frauen bis auf eine. Auch die Lieblingsfrau seines verstorbenen Vaters, Kaahumanu, wurde Christin, aber sie bestand darauf, ihre zwei Männer, den König von Kauai und seinen Sohn, zu behalten.
Den letzten Stoß bekam die alte Religion schon bald, als die Regentin Kapiolani, eine hohe HäuptlingIn und Christlich-Bekehrte, öffentlich der Vulkangöttin Pele trotzte, die man, obwohl man die anderen Götter schon abgeschafft hatte, immer noch - wegen der großen Gefahr, die von ihr ausging - ehrfuchtsvoll anbetete. Konvertitin Kapiolani stieg also in Peles Krater und aß dort die heilige Ohelo-Beere, die bisher Kapu gewesen war und schrie: "Jehovah ist mein Gott!" Sie war also eine Art hawaiischer Bonifatius, ein bißchen besser, da sie nicht zerstörte, keine heilige Stätte der Konkurrenz kaputthaute.
Auch wenn Kapiolani ihren Gott Jehovah genannt hatte, eine Zeugin Jehovahs war sie nicht. Man schrieb das Jahr 1824 und Charles Taze Russell, dessen Brainchildren die Zeugen Jehovahs waren, war noch nicht einmal geboren gewesen. Nein, damals war man in Hawaii presbyterianisch-protestantisch.
Die Bevölkerung war auf jeden Fall froh, nur noch einen wenn auch dreigeteilten Gott zu haben. Sie brauchten sich nicht mehr wie früher, wenn es galt für einen der vielen Götter eine menschliche Ehrenmahlzeit zuzubereiten, vor dem Haifischzahnmesser zu fürchten; vom neuen Gott aß man das Fleisch und soff sein Blut. Welch ein Fortschritt!
Aber es gab auch neue christliche Kapus für die breite Masse. Alkohol war so eins. Im Herrscherhaus soff man ungestraft weiter. Polygamie und Polyandrie, außerehelicher Sex, Hula-Hoop und Glücksspiel waren andere Kapus. Besonders viele Kapus gab es für den Sabbath, der ja bei den Christen absurderweise auf den Sonntag fiel. Und wer die neuen Kapus übertrat, riskierte noch immer schwere, körperliche Strafen.
Die Regentin für Kamehameha Nr. 3, Ka'ahumanu ("Federmantel"), war vom amerikanischen Protestantismus sogar so überzeugt, daß sie Katholizismus auf die Kapuliste setzte, und die wenigen Eingeborenen, die irgendwie an den falschen Missionar geraten waren und dieses Tabu brachen, bekamen den ganzen Terror dieser sechs Fuß hohen Herrscherin zu spüren.
Die ursprüngliche, polynesische Bevölkerung war von Europäern, WASPen, Chinesen, Japanern, Filipinos, Koreanern, Negern, Puertoricanern, Indern und anderen überwuchert worden, beziehungsweise durch Mischehen mit den Malihini, den neuen Seßhaften, die die Einwanderungswellen ins Land gebracht hatten, verschmolzen. Die hawaiischen Inseln waren so Heimat eines Völkergemisches geworden, das bunter war als der Rest der Welt.
Damals, mitte des 19. Jahrhunderts, als von den 400 000 Göttern der Insel keiner mehr übrig war und der leere geistige Raum gerade von einem einzigen Dreidrittelgott okkupiert worden war, reduzierte sich die hawaiische Bevölkerung von 300 000 auf 40 000. "Na kanaka kuuwale aku no i ka uhame", so gab man damals traurig seinem Todeswunsch Ausdruck: Die Menschen gaben freiwillig ihre Seele und starben. Sie hatten das Gefühl, nichts zu versäumen. Nicht nur Hula-Hoop war von den fremden Missionaren als obszön, zu sexy, verboten worden, obwohl die Tanzenden katholischen Priestern gleich einen Keuschheitseid hielten, auch das Meahe'enalu, das Wellenreiten, war verboten worden, weil es Spaß machte.
Anderthalb Jahrthunderte später, als Adjunas Schiff sich den Inseln näherte, war wieder alles anders: Die Hawaiier hatten die Lebensfreude wieder entdeckt, als ethnische Gruppe vermehrten sie sich am stärksten, aber nicht nur das, man ritt wieder die Wellen, Hawaiier, Mischlinge und Malihini, spielte Ukulele und tanzte Hula-Hoop, sogar ohne zölibatär zu sein - im Gegenteil.
Und die Inseln waren so schön geworden, daß die seßhaften Bewohner der Inseln eine Minderheit waren und die Touristen die Mehrheit.
Hawaii stand für Exotik schlechthin.
Und Adjuna Schiff glitt an Meahe'enalu, die jetzt Surfer hießen und wakelbeinige Touristen waren, vorbei. Im Wasser zeigte sich bunte Humuhumunukunukuapuaa-Fische. Und die Gastfreundschaft hatte nicht
gelitten. Aloha.
Hawaiische Kamalii in Grasröckchen tanzten
Hula und sangen ein Mele und hängten jedem Landgänger auf den
Landungsbrücken einen Lei um.
Hawaiisch für Haole
Haole nannte man auf Hawaiisch die hellhäutigen Halbwesen aus Europa und WASPenland: ole bedeutete die Abwesenheit von etwas, und ha hieß der Atem des Lebens, der auch im Grußwort aloha benutzt wurde; die Weißen waren also für die Hawaiier die Ohne-Leben wegen ihrer Blässe und Freudlosigkeit. Für die Blässe konnten die Haoles nichts, aber ihre Freudlosigkeit war durch ihre Frömmigkeit bedingt.
Und es fand sich eine Zeit, da sich viele Weiße sonnten und braun wurden, auch legten sie ihre Frömmigkeit ab (oder schlimmer noch, gaben sie an Einheimische weiter) und fanden sich Freuden, aber der Name Haole haftete weiter an ihnen - haltlos, ohne Grund, alogisch; freilich eine Allegorie auf ihr haltloses, intensives Leben.
Wörter, Sprachen, die menschliche Geschichte, Vergangenheit wie Zukunft, alles Geschehen, nichts folgt der Logik, alles negiert die Logik, und jede kleine Einzelheit ist ein Widerspruch und ein Sinnbild für das alogische Gesamtgeschehen.
Ha heißt der Atem des Lebens, alo heißt einer Sache von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, mutig ins Auge blicken, entgegengehen, begegnen, die Stirn bieten; alo-Ha, so erweist man Ehre der Lebenskraft, dem Mana im Menschen, der Macht, Kraft, Gewaltigkeit des Lebens; Kopf hoch! Das Leben bejahen! Optimismus! Ob man auf Hawaii nicht ein bißchen zu abgelegen ist vom Weltgeschehen?
Auf jeden Fall war eine Zeit gekommen, da man sich abkehrte vom Leben oder das Leben von einem.
Zwar hatten die Menschen, abgesehen von einigen Ärzten, Wissenschaftlern und Ausnahmemenschen, in ihrer Geschichte dem Leben fast immer den Rücken zugekehrt; daß sich das Leben trotzdem erhielt, lag an der geringen Zahl der Menschen, ihren beschränkten Möglichkeiten, ihrer harmlosen Potenz.
Selbst der Menschen scheinbar lebensbejahende Handlungen wie das Schwängern ihrer Weibchen war keine wirkliche Lebensbejahung, sondern Brunft, Organsmussucht, selbst die Lebensschützer, die Verhütung und Abtreibung verboten wissen wollten, meinten nicht das Leben, sondern die Beherrschung der Frau und der menschlichen Sexualität, also die Befriedigung ihrer Herrschsucht, ja auch das Pflanzen eines Apfelbäumchens war nichts Hoffungsvolles, sondern langfristig geplante Befriedigung der Freßsucht.
Leben.
Das Leben war eigentlich nichts Mystisches außerhalb der Lebenden. Alles Lebende war das Leben. Das Mystische aber stand außerhalb des Lebens. Es hatte kein Leben. Es war das Nicht-Leben. Es hatte sich ein grausames Wesen erschaffen, ein Lebewesen, in das es hatte eindringen können als dunkler Gedanke, Schmutz, Schund, Angst. Vom Innern dieser Wesen aus sollte es sein Anti-Leben verbreiten, den Anschlag gegen das Leben vorbereiten.
Vierzig Jahre. Vierzig Jahre, so lange sollte Adjuna noch mit seinen Leuten herumirren, umherirren, irrfahrten, bis den Lebenden der Anschlag aufs Leben gelang.
Vierzig Jahre, so lange wie die Israeliten durch die Wüste Sinai zogen, irrten seine Schiffe auf dem Meer umher und es tat nicht viel zur Sache, was sie in der Zeit alles taten oder sahen: Es war immer das Gleiche: Wellen und Meer und der Überlebenskampf: Segel flicken, Rumpf kalfatern, oder wenn es nichts mehr zu reparieren gab, ein neues Schiff rauben, klauen, kapern, dazu kam das Verproviantieren, Wasser und Treibstoff bunkern wie auf Hawaii. Und wenn sie Zeuge wurde eines Vulkanausbruchs wie auf Hawaii, als das Magma aus dem Kilauea Menschen begrub, dachten sie sich nichts dabei. Mutter Pele hatte zu spät gepupt, der Mystikposten war andersweitig besetzt. Sie zogen nur immer wieder die Segel hoch und fuhren davon.
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