Adjunas Vierzig Jahre auf dem Meer

Vierzig Jahre durchfuhr Adjuna auf der Flucht vor dem Land die Meere, und wenn er einen göttlichen Auftrag hatte, wenn er mit einem göttlichen Auftrag zur Welt gekommen war, so kam er ihm nicht nach, er ließ sich nur noch treiben. Gut, daß das Meer so groß war, zwei Drittel der Erdoberfläche. Wohl viele Mal trugen ihn die roaring forties, die Brüllenden Vierziger, die Braven Westwinde des vierzigsten Breitengrades um die südlichen Kaps der großen Landmassen, Kap Horn, Kap der Guten Hoffnung, dann Torres Straße oder Tasmanien, dann wieder Kap Horn, Tristan-da-Cunha, Kap Agulhas etc; so zog er seine Kreise. Wie konnte das Volk der Juden nur auf der kleinen Sinai-Halbinsel vierzig Jahre lang im Kreis laufen, wo man sie doch schon an einem einzigen Tag durchqueren konnte?

Kein Gott erschien den Seefahrenden und Manna wurde ihnen auch nicht vom Himmel aus zugeworfen, selbst Fische gab es kaum, das Meer war so tot wie eine Wüste, Inseln waren wie Oasen, und das gelobte Land eine Vision hinterm Horizont. Adjuna hatte jedoch eine feste Vorstellung vom gelobten Land, eine entfernte Erinnerung: Indien.

Auf der Suche nach dem gelobten Land.

Orte tauchten auf an der Kimm mit neuer Mystik, falschen Versprechungen, richtigen Enttäuschungen und befremdlichen Bewohnern.

Durch Nebelschwaden nach Sabah.

Sabah auf Borneo mit seiner Hauptstadt Kota Kinabalu war so ein Ort: Kota Kinabalu glich einem Schachbrett, von Japanern zerstört nach amerikanischem Muster kariert wiederauferstanden, früher hieß die Stadt einmal Api Api, das bedeutete Feuer Feuer, weil die Piraten die langweilige Angewohnheit hatten, diesen Ort zu plündern und abzubrennen.

Draußen auf den Meeren lebten die Bajaus, mit ihren bunten Segeln durchpflügten sie die See, wie vor Ewigkeiten, und ihre Kinder wurden weiterhin nach den Idealen der Vorväter erzogen - zu Halbgöttern der See, überlegenen Schwimmern und Tauchern, geschickten Fischern und Navigatoren.

Und in den Bergen Sabahs erwartete den Reisenden die seltene Erfahrung, Menschen mit reineren Absichten als den industrialisierten Krämerseelen der überzivilisierten westlichen Welt zu begegnen - Menschen, die ihre Geschicklichkeit nicht gegen ihre Mitmenschen anwendeten, sondern gegen den Dschungel, und mit einfachsten Mitteln ihre Zähheit barfuß mit Blasrohr und Steinschleuder bewiesen und der Menschheit so durch ihre Härte zur Ehre gereichten.

In den Bergen Sabahs befand sich auch die Geburtsstätte der Schönheit und das uralte Geheimnis über den Anbeginn der Welt und den Vorfahren der Menschen und engsten Cousin, den Orang-Utan, den Mann der Wälder, hier lebte er in Bäumen, die älter waren als die Götter; Bäume, die die Götter noch überleben sollten.

Adjuna küßte die B ume, Adjuna küßte den Orang-Utan und Adjuna bückte sich, als ein kleiner Giftpfeil aus einem Blasrohr auf ihn abgeschossen wurde, und er schoß nicht zurück. Der engste Cousin des Menschen, der Orang-Utan tat es auch nicht, aber er bückte sich auch nicht. So starb er. Die Ureinwohner brieten ihn, ohne ihn auszunehmen, mit Haut und Haaren, und verzehrten ihn. Adjuna wußte nicht, was er von alledem halten sollte.

Er und seine Leute verproviantierten sich lieber in der Hauptstadt. Als sie das getan hatten, berieten sie, ob sie sich an die Tradition halten sollten, oder ob sie mit der Tradition brechen sollten. Sie entschieden, daß Tradition an sich nichts Schützenswertes sei, und verzichteten darauf, an die Stadt Feuer zu legen.

Neu Guinea ein anderes Land nahe am Anbeginn der Welt.

Selten fand man auf den neu entdeckten Kontinenten farbige Völker, die etwas Gutes über die weißen Fremdlinge, die das Land als Kolonialisten, Herren und Ausbeuterer heimsuchten, zu sagen wußten.

Nicht so die wilden Stämme Neu Guineas; sie sprachen anerkennend von Schweinen, wenn sie Weiße meinten, genauer von Lang-Bein-Schwein. So nannten sie die Weißen wegen ihres guten Geschmackes, so lecker wie Schweinefleisch.

Aber Lang-Bein-Schwein blieb ein seltenes Gericht, denn erstens gab es nicht viel zu holen auf der Insel für Kolonialisten, und zweitens wehrten die meisten sich zu sehr und waren auch noch zu gut bewaffnet. Die meisten, die in den Kochtopf wanderten, waren Missionare, Missionare, die entweder durch Strafversetzung auf die Insel kamen, die fetten, oder solche, die sich selbst bestrafen wollten, die mageren.

Lang-Bein-Christenschwein-Fresser war ein zu langes Wort. Die Missionare und auch die anderen Weißen beschimpften die Neuguineaner ganz einfach als Menschenfresser. Diese Verbalinjurie war nach dem Muster Spaghettifresser für Italiener gebildet worden.

Die Neuguineaner wurden immer unsicherer in ihren Menü-Entscheidungen, daß ihnen schließlich die Lang-Bein-Schweine kaum noch schmeckten. Appetit verdorben. Missionare wurden immer mehr durch richtige Schweine ersetzt. Das machte aber nichts, die Kirche hatte ohnehin schon genug Märtyrer.

Schweinefleischfresser hätte man die Einheimischen jetzt nennen können, aber so böse waren die Missionare nicht, daß sie ihre neuen Schäfchen weiter mit gemeinen Invektiven bedachten. Außerdem aß man sie ja selbst, die Schweine, die kurzbeinigen.

Waren die Schweine auch frisch gebraten gut, wenn erst einmal Hundertschaften von Fliegen und anderen Insekten davon gekostet hatten, bekamen empfindliche Mägen oft Bauchschmerzen und Darmkatarrh. Dann hatte man seine liebe Not. Die überschnell beschleunigte Verdauung ließ das liebevoll Verspeiste und so lieblos Verdaute, Verdysenterierte hemmungslos, düsenartig aus dem After herausplatzen. Im Zusammenspiel von Darmsäften und Darmgasen entstanden kleine Explosionen, die die Umgebung beschmutzten.

Es traf sich nun, daß ein Missionar, der gerade ermahnende Worte an die Dorfgemeinde sprach, an einer solchen Dysenterie litt: Wir müssen unsere Herzen und Sinne weiten und empfänglich machen für den Segen Gottes... Predigt... Predigt... Predigt... So gab er erhabenes Gottgeschautes wieder; zwischendurch immer wieder Fluche: Das stinkt ja so nach Scheiße. Welches unzivilisierte Schwein hat uns denn da in den Vorgarten geschissen? - Die Fenster waren offen wegen der Hitze. ... Wie kann man unter die Fenster einer Kirche scheißen? Das ist doch ein heiliger Ort... etc.

Die Tropen waren heiß. Die Eingeborenen waren nicht nur die Hitze gewohnt, sondern auch für das heiße Klima entsprechend gekleidet, nämlich fast nicht. Nordländer dagegen litten unter der Hitze, besonders natürlich, wenn sie sich noch dazu in warme Talare hüllten, eintüllten. Und Gott tat nichts, um das Los seiner Missionare zu erleichtern.

Nun wußte zwar jeder, daß man, und da waren die Frauen mit eingeschlossen, schwitzte, wenn es heiß war, aber nur wenige Frauen, nämlich nur die erfahrensten, wußten wohl, daß bei Hitze das Skrotum der Männer zu einem tief runterhängenden Glockengeläut wurde, was ein verzweifelter Versuch der Natur war, die hitzeempfindlichen Spermien vor der Sterilisation zu bewahren. Übrigens ein Versuch, den die Natur ohne Rücksicht darauf unternahm, ob jemand Zölibatär war oder nicht.

Als der Priester mit seiner Predigt fertig war, kritisierte Adjuna ihn, denn wie wir wissen, war das Christentum ihm ein Dorn im Auge, hier aber war es mehr, nämlich ein Schandfleck in der Landschaft wie die Wellblechkirche zwischen den kleinen Grashütten.

Adjunas Kritik: "Habt ihr Missionare nicht schon weltweit genug Schaden angerichtet? Habt ihr nicht schon genug eingeborene Kulturen zerstört? Wie vielen Einheimischen habt ihr schon ihre Bräuche, Riten und Tabus genommen und damit das Zusammenleben als funktionstüchtigen Stammesverband? ..."

Der Missionar sah verärgert aus, beschäftigt lief er von einem Fenster zum andern. Er schien etwas unter den Sträuchern zu suchen.

"Furchtbarer Gestank", murmelte er vor sich hin.

"... Für die Einheimischen ist das über Generationen langsam gewachsene System von Göttern, Geistern und Tabus das, was ihnen das Überleben sichert. Denn sie haben ja sonst nichts, keine Gesetzbücher, keine juristischen Erfahrungen, kein unabhängiges, philosophisches Gedankengut. Wie oft habt ihr Missionare schon eingeborene Völker zerstört! Ich habe sie selbst gesehen, Völker, denen ihr den einheimischen Aberglauben genommen habt und durch euren albernen, fremden Aberglauben an einen gekreuzigten Erlöser, dessen Fleisch man fressen und dessen Blut man saufen muß, ..."

Wieder ein Fluch des Missionars: "Pfui, was stinkt denn so?"

"... damit die Erlösung wirklich klappt und man in den Himmel kommt. Durch diesen neuen Aberglauben konnten die Eingeborenen plötzlich nicht mehr im Urwald leben. Lebenswichtige Tabus, ja, alle Lebenserfahrung, hatte man mit dem Wirken von Geisterwesen begründet, jetzt plötzlich galt das alles nicht mehr, ja, war sogar böse, vom Satan, und wer dem noch folgte, nachdem er die frohe Botschaft vernommen hatte, der kam in die Hölle..."

Der Missionar, der einst Gott gefunden hatte, schien die Suche nach dem Ursprung des Gestanks, der ihn so störte, aufgegeben zu haben und jetzt aufmerksam zuzuhören.

"... Kein Wunder, daß die Einheimischen plötzlich von ihrer heimischen Umgebung flohen, das Weite suchten, lieber das Entwurzelt-Sein auf Erden, als das ewige Braten, das die Missionare so anschaulich beschrieben, im Höllenfeuer vorzogen, und sich schließlich hingezogen fühlten zu ihren weißen Glaubensbrüdern in den Städten, und dort endeten sie dann als fromme Säufer in der Gosse, oder wenn sie eine Votze hatten, im Hurenhaus und fühlten sich so richtig schlecht und sündig, völlig abhängig von ihren Priestern, die ihnen die Sünden wieder vergeben konnten. Wie nehmen denn die Papuaner hier den neuen Glauben auf und die Fresserei von dem-Gekreuzigten-Gottes-Langbein-Schwein-Sohn, oder spricht man hier vom Ferkel oder Frischling, Gottes-Frischling?"

Missionar: "Oh, wir sind sehr behutsam vorgegangen. Natürlich war es ein Hindernis, daß die Einheimischen hier für die, die im Kochtopf landeten, immer eine gewisse Verachtung empfanden, aber wir haben sie langsam dazu gebracht, sich in die Rolle der Opfer zu versetzten, und so ist es uns gelungen, ihnen das große Opfer, das Christus für die Menschen gebracht hat, noch näher zu bringen."

"Ach, habt ihr den Christus auch in den Kochtopf gesetzt?"

"Nein, nein, so weit sind wir natürlich nicht gegangen. Wir wollten doch nicht, daß die Papuaer Christen einen Kochtopf anbeten."

Warum eigentlich nicht? dachte Adjuna, ist es für die Erlösung wichtig, daß es ein Kreuz ist?

"Sicher sind Fehler gemacht worden, große Fehler, früher, aber jetzt verstehen wir die Einheimischen besser. - Was stinkt denn bloß so? - Wir lernen auch. Und wir haben unseren christlichen Glauben, auf die Bevölkerung zugeschnitten. Wenn die zum Beispiel von der großen Regenbogenschlange erzählten, die es natürlich gar nicht gibt, dann haben wir nicht gesagt, die gibt es nicht, sondern das ist er, der Leviathan, der Satan, von dem auch in unserem heiligen Buch die Rede ist, und dann erz hlen wir ihnen von Erzengel Michael und vom heiligen Georg, die ja beide den Drachen besiegt haben, und lehren ihnen, wie man die beiden anruft, daß sie einen schützen, wenn man in den Dschungel geht. Und so haben wir ihnen ein lebensfähiges System von Engeln und Heiligen gegeben, die die alten magischen Funktionen erfüllen. Soweit wird das Neue eigentlich ganz gut verstanden. Auch, daß man nicht mit steifem Glied rumläuft, wohl möglich noch mit Futteral, hat man schnell kapiert, und die meisten verhüllen jetzt ihren Unterkörper, aber beim Waschen vergessen sie es dann doch immer noch mal wieder. Was man lange nicht verstehen wollte, das war Sünde, Sühne, Buße, die Wiederauferstehung im Jenseits, den Jüngsten Tag und die Erlösung. Dafür gab's in ihrer Sprache zuerst auch gar keine Wörter. Aber jetzt sind es nur noch die Alten, die das nicht verstehen. Die anderen, die sind ja alle bei uns in die Schule gegangen und haben das von klein auf mitbekommen. Manche Familien sind übrigens schon seit zehn Generationen christlich."

Adjuna: "Habt ihr denn da noch nie daran gedacht, den einheimischen Christen die Bekehrerei zu überlassen."

Missionar: "Oh nein, so etwas darf man nicht machen."

"Warum denn nicht?"

"Die könnten leicht wieder zurückfallen ins Heidentum. Die tanzen auch jetzt noch zuviel rum, wenn vom heiligen Geist die Rede ist."

"Also sind sie doch noch keine richtigen Christen?"

"Doch einige schon. Die verstehen schon den Ernst der Sache, die Würde und Feierlichkeit des Christentums. - Scheiß. Stinkt immer noch. - Entschuldigung."

"Ja, dann könnten die doch Priesterfunktionen übernehmen."

"So etwas ist letzten Endes auch eine Kostenfrage."

Adjuna: "Das verstehe ich nicht. Das wäre doch billiger."

"Eben, unser Missionswerk braucht Missionare für die Spenden." Der Missionar war dichter herangekommen und hatte geflüstert.

Jetzt roch es Adjuna auch. Aber er roch es nicht nur, er sah es auch. Er sah es klar, er sah es braun. Er sah, daß die Mischung von Hitze, Schweiß auf der Stirn, verdorbenem Essen, rausplatzendem Durchfall und tief hängendem Glockengeläut eine unappetitliche Spur an der Vorderseite der Denkhöhle hinterlassen hatte, die die Flucherei der Priesters während der Predigt und danach auf die verdammte Koterei im Kirchenvorgarten verständlich werden ließ.

Was Adjuna dem Priester noch sagte, war: "Ich hatte zwar nie Zweifel am Kopfinhalt der Priester, aber daß es rauskommt, sehe ich zum ersten Mal. Ich würd' da mal ab und zu abwischen. Vor allen Dingen gründlicher abwischen." Und er zeigte auf die rechte Hand, an deren Rücken eine Spur von der braunen Masse, mit der auch die Frontale des frommen Mannes beschmiert war, klebte.

Jetzt sahen die anderen es auch und den Eingeborenen wurde die Flucherei des Priesters auf die verdammte Koterei im Kirchenvorgarten verständlich. Waren sie doch unschuldig, ein jeder hatte damit nur seinen eigenen Acker gedüngt.

Der Priester nahm, da er nicht erst runter an den Fluß laufen wollte, das Taufbecken, das heute sowieso nicht mehr gebraucht wurde, und ging hinter die Kirche, wo er nicht gesehen wurde, und wusch sich, dann lief er wieder... und dann wieder in die Kirche. So gab der Missionar Weiches von sich im Urwald.

"Ach, würden sie doch ihren Schmutz nicht bis hierher tragen", klagte Adjuna, als er wieder auf dem Schiff war, "Ist es nicht schon zu viel, daß sie da, wo sie schon seit zwei Jahrtausenden Schaden anrichten, auf Tradition pochend, Aufklärung verhindern, Schulen und Politik verseuchen? Müssen sie auch noch hier Traditionen vernichten?"

"Sie müssen. Die Scheiße zwingt sie dazu. Uns allen geht es so. Wir können es uns nicht verkneifen. Ob es im Kopf sitzt oder in den Gedärmen, es muß raus. Es sei denn, man bringt uns um, dann freilich kneifen wir den Arsch für immer zu, und es kommt nichts mehr raus."

Ein anderes Mal, als man gerade wieder um Kap Horn gekommen war und es gar zu kalt vom Südpol her blies, floh man vor der Kälte hinauf in die wärmeren Tropen. Da wieder zwang einen der Sturm, in einem Fluß Schutz zu suchen. Schließlich fand man sich in einem kleinen Eingeborenendorf im Regenwald wieder.

In diesem Ort kam es zu einer kleinen armseeligen Geste Adjunas, die zeigte, daß er sich noch ein bißchen des göttlichen Auftrags, der ihm ins Leben mitgegeben worden war, erinnerte.

Es war wieder eine Missionsstation, die das Zentrum des Ortes war, und kein Weg führte an ihr vorbei. Adjuna und seine Leute hätten es vorgezogen, sich allein auf dem Markt des Ortes zu versorgen, aber der Missionar fühlte sich für seine Gäste verantwortlich. Es war sein Dorf und es waren seine Wilden. Stolz führte er sie vor.

Der Häuptling des Dorfes, wohl der einfältigste Unterling des Missionars, mußte Männchen machen und was vorspielen.

Er trommelte einen Um-Tata-Rythmus. "Kannst du nichts anderes spielen", fragte Adjuna nach einer Zeit.

Der Häuptling schien nicht zu verstehen. - "Habt ihr keine andere Musik?" versuchte es Adjuna noch mal.

"Haben, haben", erwiderte der Häuptling ganz stolz und spielte Tata-Um-Tata-Um auf seiner Trommel.

"Du mußt ihm Schnaps geben, dann spielt er ganz wild", riet ihm der Missionar, aber Adjuna wollte den Mann nicht betrunken machen. Nach

einer Weile fragte er den Häuptling wieder: "Habt ihr noch andere Musik?"

"Nix haben, nix haben!" der Mann schüttelte traurig den Kopf, "-- nur Chorale."

Der Missionar erklärte, daß die Indios schon seit Jahrhunderten katholisch waren, und er geschickt worden war, um sie zum wahren Christenum zu bekehren. Er entstammte einer reichen amerikanischen Industriellenfamilie, in der traditionell einer der Söhne sein Leben Gott widmen und als Seelenhirte im Urwald dienen mußte. Man sah ihm an, daß es ihm nicht viel Spaß machte.

Heimweh nach Zivilisation war wohl die Ursache, daß er keinerlei Anstoß nahm an Adjunas Anti-Christentum.

Zur Andacht lud er ihn ein. "Du kannst es von ganz hinten beobachten. Du kannst aber auch draußen bleiben, wenn du willst."

"Ist das kein Embarressment für dich?" - "Ach wo!"

Adjuna blieb draußen, aber durch die von den Indios geflochtenen Wänden der Kirche hörte er, daß es sich bei der Andacht mehr um eine amerikanische pep rally handelte als um Andächtiges. Dabei malte der Priester den Teufel so anschaulich an die Wand, daß die Indios, die ihm zugehört hatten und alles geglaubt, noch lange nach der Predigt bleich herumliefen. So muß man reden können, wenn man das Christentum besiegen will, dachte Adjuna anerkennend, wo die das bloß lernten.

Der Missionar selbst erschien nach der Predigt wieder völlig entspannt bei Adjuna, ergriff ihn beim Arm und sagte: "Komm, wir gehen angeln. Ich kenne eine gute Stelle."

Adjuna machte ein paar unzufriedende Bemerkungen darüber, daß er seine Zuhörer so eingeschüchtert hatte, dann warf er seine Angel aus und sagte: "Fischlein, Fischlein, tingeltangel, komm bei nur an meine Angel!" Und der Gottesmann reimte: "Beten, blödeln, bange sein, sollen unsere lieben Schäflein!"

Adjuna zog ein paar dicke Flußfische an Land, während beim Seelenfischer nichts anbiß. Nach einer Weile sagte der Priester: "Morgen ist Sonntag."

"Ja."

"Da hab' ich mir was besonderes ausgedacht. Du wirst sehen."

"Was denn?"

"Haha," der Missionar lachte, "morgen kommt der Camion zweimal. Einmal morgens und einmal nachmittags."

"Na und?"

"Der nimmt all die Katholiken mit in die Stadt. Die gehen da zur Kirche, weil hier im Dorf kein katholischer Priester ist. Und ich halte morgen meine Predigt auf dem Marktplatz, weil wir am Sonntag immer zu viele sind für die Kirche. Außerdem sollen die anderen mich auch hören."

Adjuna zeigte kein Interesse mehr am Gespräch mit dem Priester, sondern kümmerte sich um den Fisch, der gerade angebissen hatte. Der Priester schwieg daher. Nach drei weiteres Fischen entschied Adjuna: "Genug Fisch für heute."

"Gut."

Adjuna zählte dem Priester seine Fische vor: "Eins, zwei, drei... Insgesamt neun Stück und alle über zwanzig Pfund schwer. Und du hast diesmal gar keinen gefangen. Komm, ich geb dir die Hälfte ab. Deine Nonnen können daraus ne ordentliche Mahlzeit machen." Und er gab ihm fünf Fische.

"Nein, nein", winkte der Priester ab, "gib mir die vier und behalte du die fünf."

"Weißt du, eigentlich bin ich auch ein miracle worker, wenn auch ein atheistischer miracle worker. Zähl mal die Fische in meinem Korb."

Es waren ihrer fünf, auch fünf.

"Es sind zwar keine Fünftausend und auch keine Vier-, aber Mirakel beginnen immer klein. Erst mit der Zeit werden sie größer, wenn es Leute gibt, die sie größer haben wollen."

Die Priester blickte ungläubig in beide Körbe. Mit welchem Recht eigentlich? Er war doch kein Atheist.

Adjuna freute sich: Den habe ich reingelegt.

Adjuna trug dann noch beide Körbe zurück zum Dorf, da die fünf Fische zu schwer waren für den Priester. Bei der Missionsstation angekommen, lud der Priester Adjuna zum Abendessen ein, und versprach, guten Whiskey zu haben.

Der Missionar hatte drei weiße Frauen als Gehilfinnen, angeblich Nonnen, so nannte er sie jedenfalls immer: "meine Nonnen". Sie hatten einen der Fische zubereitet, mit Zwiebel, Paprika und Soße. Dazu gab es noch Brot und Chips, von denen sie immer einen Vorrat in ihrer Gefriertruhe hatten.

Der Missionar entkorkte zwei Flaschen Weißwein. "Zu Fisch gehört ein Weißwein", belehrte er die Anwesenden. Adjuna mußte schmunzeln. Er erinnerte sich daran, wie er in den USA mal in einem Fischrestaurant Rotwein zum Fisch bestellt hatte, und der Kellner ihn wie einen dummen Jungen belehrt hatte: `Zu Fisch trinkt man Weißwein', daraufhin war er aufgesprungen und hatte zum Kellner gesagt: `Sie können zu Fisch trinken, was man trinkt, ich trinke, was mir schmeckt!'

Es blieb nicht bei den zwei Flaschen, und es gab sogar noch ein Eiscrème zum Nachtisch. "Ihr lebt wie die Fürsten. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr so gut gegessen."

"Haha, jetzt kommt der gemütliche Teil. Jetzt holte ich den versprochenen Whiskey."

Adjuna ließ sich bedienen. "Trinkst du ihn pur oder mit Soda?"

"Mit viel Soda bitte." Adjuna war durstig. Normalerweise trank er selbst Wein mit viel Wasser.

"Spielst du Karten?" Adjuna verneinte. Der Missionar war sichtlich enttäuscht. Er hatte sich so auf Revanche für den Reinfall beim Angeln gefreut.

"Kannst du wirklich nicht spielen? Hast du noch nie gespielt?"

"Ich habe keine Lust dazu."

"Schade, wir hatten uns so darauf gefreut, mal mit jemand anders zu spielen. Willst du uns nicht den Gefallen tun und mitspielen?"

Adjuna blieb bei seiner Ablehnung.

"Du solltest mir eine Chance geben, mich für den Reinfall beim Angeln zu revanchieren."

"Du bist ja ein Revanchist", meinte Adjuna lachend.

Der Missionar hielt ihm eine Schachtel mit Zigarren hin. "Nimm dir eine!"

"Ich rauche nicht. Ich bekomme keine Luft, wenn geraucht wird."

Die Nonnen waren beim Kartenmischen. "Entschuldige", sagte der Priester jetzt, "aber wir spielen jeden Abend."

Adjuna staunte nicht schlecht, als sich auch die Frauen Zigarren nahmen.

"Ich setze mich nach draußen auf die Terrasse. Ich bekomme keine Luft, wenn geraucht wird." Im Stillen ärgerte er sich über die Raucherei. Daß die keine Rücksicht nahmen!

Er hätte nach Hause gehen sollen, also zu den Schiffen, aber es war abgemacht worden, daß er im Missionshaus schiefe, damit er nicht den dunklen Weg durch den Urwald zu gehen brauchte. Nachts waren so viel mehr Tiere aktiv, inklusive Giftschlangen und Krokodile, daß nächtliche Ausflüge als gefährlich galten.

Die im Haus hatten ihn bald vergessen. Bombenstimmung. Adjuna konnte nur staunen. Wie hitzig die waren, wie aufgeregt, wie albern. Adjuna beobachtete sie genau. Da wurden Karten im Schoß versteckt oder zurückgehalten, da wurden die Nonnen vom Priester begrapscht und

gekitzelt, damit sie ihre Karten herausgaben, da wurden Anzüglichkeiten gesagt, die Adjuna vermuten ließen, daß alle intim miteinander verkehrten.

Gegen Mitternacht wurde Adjuna müde. Aber er bezweifelte, daß er beim Gekeife der Kartenklopper schlafen konnte. Er stand also auf, ging in das verräucherte Zimmer, um sich zu verabschieden. Völlig nüchtern sagte er: "Entschuldigt, ich möchte mich verabschieden. Ich gehe zurück zum Schiff."

"Du kannst doch hier schlafen."

"Nein, nein, ich gehe zurück zum Schiff", sagte er ernst.

Priester: "Wir haben extra ein Bett für dich gemacht."

Eine Nonne: "Laß ihn doch!"

"Schon gut, ich gehe. Gute Nacht."

Draußen hörte er noch, wie eine Nonne mit gedämpfter Stimme "Sauertopf" sagte. Dann ging die Party weiter.

Am nächsten Tag, also am Sonntag, kam Adjuna mit einigen seiner Leute wieder ins Dorf. Sie hatten bei einem Händler Dosen-Proviant und auch frisches Gemüse bestellt, und die Sachen sollten am Sonntag mit dem Camion kommen.

Sonntag war viel los im Dorf. Alles schien auf dem Dorfplatz versammelt zu sein. Der Camion war auch schon gekommen, sogar schon entladen. Der Missionar war wie versprochen auf einer Plattform mitten auf dem Marktplatz am Predigen. Wie am Vorabend zeigte er sein Temperament, wenn auch auf andere Art. Er fluchte, drohte und zeigte zum Himmel. Wenn es einen Gott gäbe, käme alles Übel von da oben, dachte Adjuna. Aber der Priester hatte nicht nach oben geflucht, sondern nach unten auf seine Zuhörer. Und er sprach von dem Irrglauben, daß Gott einen Vertreter auf Erden habe, der in Rome säße, und vom Irrglauben an eine heilige Maria, die man für Fürbitte bei Gott anbeten könne. Aber die Katholiken bestiegen ruhig den Camion.

Der Missionar ermahnte noch einmal mit erhobenem Zeigefinger die Anwesenden. Dann sprach er: Lasset uns beten! ...und ging in die Knie. Die Gläubigen taten ihm nach.

Überall knieten Leute mit gefalteten Händen. Der Camion war mittlerweile mit Fahrgästen beladen.

Das fromme Gebet hallte über den Flecken.

Der Lkw konnte nicht losfahren, weil Leute vor ihm knieten.

Der Fahrer drückte auf die Hupe. Die frommen Beter rührten sich nicht. Er drückte noch einmal, zweimal. Die Leute wichen nicht. Der Fahrer drückte noch einmal die Hupe runter und ließ sie unten.

Dauerhupen. Aber nicht unendlich. Als er die Hupe wieder losließ, war der Pfarrer in Rage: "Du wagst es, unser Gebet mit der Hupe deines Motorwagens zu stören. Wie willst du der himmlischen Verdammnis entkommen? Der Fluch Gottes soll dich treffen, noch bevor du diesen Ort verlassen hast!"

Die Leute waren jetzt zur Seite gegangen und der Camion fuhr an. Wumm!!! Eine Stichflamme von unter der Motorhaube. Der Fahrer und die Insassen des Führerhauses taumelten aus dem Führerhaus und fielen gleich auf ihre Knie. Auch die anderen Fahrgäste flohen.

"Vergebung, Vergebung!" stammelte der Fahrer.

Roukie-Ramos, einer der frühen Mitkämpfer Adjunas, der wegen seiner Bobybuilderei im Beisein Adjunas gern zeigte, daß er auch Kraft hatte, stemmte eine volle Tränke hoch und warf sie auf die brennende Schnauze des Fahrzeugs. Das Feuer war instantly gelöscht.

Die schnelle Verwirklichung des Fluchs hatte bei den Indios einen tiefen Eindruck hinterlassen. "O Reverend, dein Gott ist wirklich groß."

Aber Hochwürden erinnerte auch an die Güte Gottes: "Seht, Gott hat nur eine Verwarnung erteilt, aber er hat den gotteslästerlichen Fahrer nicht verletzt. Denn er ist der Gott der Liebe. Gott will nicht strafen oder zürnen. Wir, wir Menschen, wir zwingen ihn dazu. Noch ist Zeit zur Umkehr." "Ja, ja", jammerten der Fahrer und auch einige von den Fahrgästen, "nimm uns in deine Kirche auf!"

Und viele ließen sich taufen, mit einem solchen Happy End sollte der Tag eigentlich enden.

"Das ist doch in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel", meinte jemand aus Adjunas Reihen leise, "das war doch ein gekaufter Heide." - "Katholik", verbesserte Adjuna. - "Was?" - "Katholik. Ein gekaufter Katholik. Die Leute sind hier schon seit 500 Jahren katholisch. --- Und jetzt sollen sie amerikanisch-evangelisch werden. Übrigens ein Problem für beide Seiten."

Ironische Bemerkung: "Ein Kampf der mit christlicher Nächstenliebe geführt wird."

"Ja, wenn man weit reist in der Wilden Heimat, findet man noch aktive Christen", kommentierte ein alter Greis, den Adjuna mal als Schiffsbrüchigen auf einer unbewohnten Südseeinsel aufgegabelt hatte, die Situation, "...und die Primitiven ungeprüft Phantasten Gefasel richtig finden und die Unvernunft weiter phantasieren, weiter spinnen den Faden, den das Neue Wissen schon lange zerrissen, in Europa und anderswo, doch macht es dort die Leute auch nicht froh. - Wo das Christentum liegt k.o. sind die Leute auch nicht froh", reimte der Alte noch schnell hinterher.

"Das Christentum liegt nirgends k.o.", belehrte Adjuna den Greis, "auch nicht in deinem geliebten Europa nicht. Hast du noch nichts gehört von der Re-Evangelisierung? ..."

Roukie-Ramos stand auf dem Kotflügel des Motorwagens und brüllte über den Platz und trat mit einem Fuß durch die kaputte Windschutzscheibe auf die Hupe. Die Leute erschauderten, denn er unterbrach die heiligen Vorbereitungen für eine Neutaufe.

Warum machte er so ein Spektakel?

Er hatte aus Neugier die Motorhaube hochgehoben und in den Motor schauen wollen. Und was er dabei gefunden hatte? Eine flache Stahlwanne, die den ganzen Motor abdeckte, und etwas, was offensichtlich eine verbrannte Zündanlage war.

Der fromme Betrug war aufgedeckt. Alle sahen es. Und Roukie hatte auch gleich den Fahrer an Schlips und Kragen gepackt, daß der gleich ein Geständnis raussprudelte.

"Das ist das Christentum...", Roukie nutzte die Situation gleich aus, hetzte die Bevölkerung sehr geschickt auf. Adjunas Leute waren begeistert: "Endlich können wir Rache nehmen am Christentum. Die ganze Bevölkerung ist die Lynchstimmung. Roukie hat gute Arbeit geleistet."

Auch Adjuna war begeistert. Er stürmte dahin, wo die Leute auf den Priester einschlugen. "Halt. Schlagt ihn nicht einfach tot. Erst soll er uns gestehen, daß sein ganzer christlicher Glaube Lug und Betrug ist und seinen Kruzifick bespucken."

"Das tue ich nie", jammerte der blutüberströmte Priester. "Das wollen wir erst mal sehen. Ich hab da gestern auf dem Weg zum Fluß eine Laguna gesehen, in der es von einer hohen Konzentration von Piranhas nur so wimmelte. Seit sie vom Fluß abgeschnitten wurden, haben sie nicht mehr viel zu fressen gehabt." Nur unter solch ganz speziellen Umständen waren Piranhas wirklich gefährlich gewesen - sonst nur noch in Hollywood-Filmen.

Die Bevölkerung war sofort begeistert. Der Priester wurde gefesselt zu dem Becken geführt und über eine Astgabel an einem Seil langsam zu den Piranhas heruntergelassen. Der Priester schrie fürchterlich, als ihm die scharfmäuligen Fische die Füße anknapperten. Aber wenn Adjuna ihm zurief: "Ist das Christentum eine Lüge?" schüttelte er hartnäckig mit dem Kopf.

Was sollte man machen? Die Leute hatten ihre Freude am zappelnden, schreienden Priester. Zu lange hatte er ihnen gedroht. Ein bißchen tiefer, ein bißchen höher, es machte ihnen Spaß. Nur der alte Mann lief immer hin und her und klopfte jeden am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erhalten: "Ist doch egal ob Christentum oder nicht, die Menschen sind auch so schlecht." Einige von Adjunas Leuten sagten ihm: "Das ist nicht wahr."

Der Priester schrie mittlerweile von über dem Wasser: "Das Christentum ist eine Lüge. Das Christentum ist eine Lüge." "Eine große Lüge?" "Ja, eine große Lüge." Die Piranhas hatten die Unterschenkel bis auf die Knochen abgenagt.

"Er hat es zugegeben. Jetzt können wir ihn ja rausziehen." "Nein, jetzt schmeißen wir ihn ganz rein. Er hat uns jahrelang belogen. Hast du es nicht gehört?"

Adjuna war der Streit der Einheimischen eigentlich egal. Es war nur, daß er selbst, wenn seine Beine so zerstört wären, nicht mehr hätte leben wollen. Es war also ein Gnadenakt, ein Akt der Erlösung, wenn er jetzt einen Pfeil aus seinem Köcher holte und das Seil, an dem der Priester hing, durchschoß.

Puh, war das ein Gewimmel im Piranha-Becken. Der Priester fuchtelte mit den Armen. Die Piranhas mußten in ihrem Heißhunger seine Fesseln durchgebissen haben. Der Priester kam immer wieder hoch und schlug um sich und schnappte nach Luft. Es war faszinierend anzusehen. Die Leute waren hingerissen. Nur Adjuna war betroffen: Ich hätte nicht das Seil durchschießen sollen, sondern ihm direkt ins Herz.

Langsam beruhigte es sich im Becken. "Die Piranhas sind nicht mehr hungrig", sagte jemand.

Der Priester hatte das Ufer erreicht und kroch an Land. Er hatte keine Haut mehr. Er lebte noch ein bißchen.

Seine letzten Worte vor dem Tod waren die ehrliche Überzeugung: "Es gibt keinen Gott."

"Es war doch gut, daß ich bloß das Seil durchgeschossen habe", sagte sich Adjuna jetzt - wenig überzeugt.

Ein einzelner Mord war nicht viel, ein Einzelschicksal, beängstigend für den, den's traf, traurig für die Hinterbliebenen, er veränderte nichts, da der einzelne meist austauschbar war. Wer war schon einzigartig gewesen?

Adjuna kontemplarierte: Ein einzelner Mord war wie ein einzelner gebratener Dodo. Nur dadurch, daß die Seeleute den Dodo immer wieder bei ihrer Zwischenlandung auf Mauritius aßen, war er ausgestorben. Der Mammut war ausgestorben, wohl weil die Steinzeitmenschen ganze Herden in den Abgrund trieben für eine Fleischmahlzeit. Die Teutschen hatten unter dem Einhodigen die Juden herdenweise in die Gaskammern getrieben, wahrscheinlich war es zu diesem Massenmord gekommen, weil ihnen anfangs die freiheitlichen Ideen einiger weniger Juden nicht paßten und die Reichtümer einiger anderer weniger Juden auch nicht. Bis zur Aufklärung hatte man oft, wenn in einem Dorf ein Ketzer war oder ein Aufständischer, das ganze Dorf niedergemacht.

Adjuna dachte weiter: Immer wieder hatten Leute, wie er, versucht, die Christen zu überzeugen, von ihrem schädlichen Unsinn abzulassen, sie waren nicht erfolgreich gewesen. Unendliche Leiden hatten die christlichen Irrtümer über die Menschheit gebracht, und auch die Überbevölkerung ging zum Teil auf das Konto christlichen Irreseins.

Man mußte, wenn Appelle an die Vernunft nicht halfen, andere Möglichkeiten studieren, gentechnologische oder vielleicht...?

Adjuna wußte nicht, daß man in den Freiwisserstädten, die überall in der westlichen Industrielandschaft nach dem Vorbild der mittelalterlichen Freien und Hansestädte aus Angst gegenüber dem religiösen Land entstanden waren, genauso anfing weiterzudenken. In diesen Städten der Wissenschaftler war die Religion als Gefahr erkannt worden und verbannt. Der Kinderreichtum der Religiösen hätte den Wohlstand gefährdet, und Armut, ja Armut brachte auch immer Armut an Wissen mit sich. Volldampf in die Dummheit, das wollten die Freiwisser nicht. Lieber riegelten sie sich ab, schoben einen Riegel vor das Religiöse. Ihr großes Können schuf die technischen Wunderwerke, mit denen sie die Isolation von den wundergläubigen Massen der Religionslandschaft erreichten. Die Religiösen rannten sich die Nasen platt an unsichtbaren Stadtmauern, aber sie hatten auch ihre Ruhe, ihr eigenes religiöses Leben zu führen. Mutterschaft wurde wieder zur höchsten Tugend der Frau, ebenso wie dem Manne dienen, beten und auf dem Boden rumrutschen, flennen, feudeln, flehen. Da das ungeborene Leben so wertvoll war, waren Schwangerschaftsabbrüche auf Grund sozialer, kriminologischer, sowie medizinischer Indikationen, also Indikationen zur Abwendung von

Gefahr und Leiden von der Schwangeren, verboten worden, aber auch auf Grund einer eugenischen Indikation durfte kein Abbruch mehr vorgenommen werden, egal wie groß die erblich bedingte Verkrüppelung

oder Behinderung - ausgetragen mußte werden, mit einer Ausnahme! Das

bißchen Wissen, das man von genetischen Wissern hatte wegnehmen können, benutzte die Kirche für Genuntersuchungen, die es ermöglichten, festzustellen, ob der Ungeborene konform und angepaßt sein werde, oder ob er ein atheistisches Kritikgen besäße, das Unangenehmlichkeiten erwarten ließ. Ein solch spirituell mißgebildeter Embryo wurde abgetrieben. Klerikale Indikation nannte man das!

In den Freiwisserstädten lebte man beengt und angesichts der immer ärmer und voller werdenden christlichen Landschaft ringsum fühlte man sich bedroht. Es war also kein Wunder, wenn das Thema Ausrottung öfter erwähnt wurde, studiert. Was waren die Kriterien? Konnte man selbst... oder sollte man es anwenden?

In Tasmanien hatten die europäischen Immigranten den Tasmanischen Tiger, eine hundeähnliche Kreatur, die mit den Känguruhs verwandt war, ausgerottet, weil er ab und zu von ihren riesigen Schafherden naschte. Und ganz im Norden des Stillen Ozeans nahe des eisigen Hintereingangs zur amerikanischen Landmasse, da hatten die Walfänger die größte der Sirenen abgeschlachtet, die 20 Tonnen schwere Phytina gigas, auch nach dem deutschen Naturforscher George Wilhelm Steller, der diese `Mahlzeit' 1741 auf einer Expedition entdeckte, Stellersche Seekuh genannt. Schon 1768 war die letzte Mahlzeit aufgezehrt und die Seekuh konnte als ausgerottet abgehakt werden.

Den tonnenschweren Elefantenvogel, den Roch der Arabischen Nächte, hatten die Einheimischen von Madagaskar sogar schon ausgerottet, bevor die Europäer die Insel erreichten. Und auch die Maoris hatten es nach ihrer Einwanderung in das Land der langen, weißen Wolke, Aotearoe, später von den Weißen Neuseeland genannt, ohne fremde Hilfe geschafft, die Moas, eine Familie flugunfähiger, flachbrüstiger Vögel, deren größte Vertreter fast vier Meter groß wurden, auszurotten.

Auf der gleichen Insel lebte der Kaka, ein plappernder Papagei, und sagte man auch: `Zuviel Gerede sei immer eine Quelle der Gefahr, und Schweigen eine Möglichkeit, Gefahr zu vermeiden, den sprechenden Papagei sperre man ein, die anderen Vögel, die nicht sprechen konnten, flögen frei umher.' manchein Kaka saß gemästet hinter Gittern, während sein großer, plumper Vetter, der sprachlich unbegabte Kakapo im Dreckloch saß und zu schwerfällig war zum Wegfliegen, wenn die streunenden Hunde und Katzen der europäischen Einwanderer ihn aufstöberten; hinzukam noch, daß er gern die Augen am Tage schloß. Sein Aussterben war nur noch eine Frage der Zeit.

Obwohl, nachdem das polynesische Volk der Maoris im 14. Jahrhundert in zehn Whaka-Tauas, Kriegs-Kanus, an der Küste des weißen Wolkenlandes angepaddelt kam und dort eine neue Heimat fand, die plumpen Moas bald ausstarben, andere Tiere überlebten: wie der superleckere, flunderähnliche Uferfisch Mao-Mao, die entenähnliche Henne Weka, die alles, was glänzte, für Gold hielt und forttrug, der Kiwi, dessen Federn wie Haare aussahen und der 20 Stunden am Tag schlief und in den wachen Stunden nur träge mit den Nasenlöchern an der Spitze seines Schnabels nach Würmern schnupperte, oder der unpopuläre Kea, ein heiserer Riesenpapagei, der sich später, als die Europäer ihre Herden weiden ließen, wie ein Adler auf die kleinen Lämmer stürzte, aber noch später sich dann lieber lärmend auf menschliche Mülltonnen stürzte und diese entleerte oder die Schlafsäcke und Zelte von Wanderern zerriß, es überlebten auch die tödlich giftige Spinne Katipo oder das saurierähnliche Reptil Tuatara.

Und natürlich überlebten sie, die domestizierten Mahlzeit-Tiere der Menschen, das kurzbeinige Schweinchen Schrunz-Schrunz, die Henne Tucktuck, Thanksgiving Turkey und Weihnachtsgans, sie alle überlebten; zugegeben, sie hatten als Haustiere eine ruhige Nische im Darwinschen System des Kampfes ums Überleben gefunden, in der sie sich rund und dumm fraßen. Vier Meter hohe Moas ließen sich da wohl schlechter im Hühnerhag halten. Sie fraßen einem buchstäblich die Haare vom Kopf.

Im 15. Jahrhundert verließ der maorische Dissidenten-Stamm Moriori das Land Aotearoe und paddelte mit den Braven Vierzigern im Rücken nach Osten. Nach etwa 500 Seemeilen stießen sie auf vier kleinere, windgequälte Inseln. Adjuna wußte nicht, ob diese Außenseitergruppe ihre neue Heimat wieder nach Wolken im Himmel benannt hatte, er kannte die Inseln nur unter dem Namen Chatham Islands, nach dem Kriegsschiff der Royal Navy `Chatham', das nach der HafenstadtChatham in der Grafschaft Kent benannt worden war, und dessen Kommandant William Broughton 1791 die Inseln entdeckt hatte, den ersten Union Jack dort hißte und den ersten Moriori erschoß. Und Adjuna wußte auch, daß diese Außenseiter etwa den Zeugen Jehovas und anderen Sekten gleich das Allgemein-Etablierte, in diesem Fall das Maoritanga, das kulturelle, moralische und traditionelle Selbstverständnis der Maoris, verlassen hatten und Kannibalismus und Krieg verwarfen. Die Maoris waren dafür berühmt, mit ausgestreckter Zunge und wunderbar verzierten Jade-Äxten aufeinander einzuhauen; die Eisenzeit hakte bei ihnen nicht, da ihr langes, weißes Wolkenland kein Eisenerz enthielt.

Die Moriori-Pazifisten lebten also friedlich auf den Chathams bis zu ihrer Entdeckung. Erst kamen die britischen Entdecker. Sie jagten die Robben der Insel, bis keine mehr da waren, sie jagten auch die Wale vor der Küste, bis keine mehr da waren.

Dann, Dezember 1835, hörte der Te-Ati-Awa-Maori-Stamm auf Aotearoe von den Moriori, kaperte sich in Wellington ein britisches Schiff und fuhr mit 900 Stammesangehörigen auf die Inseln der Moriori. Dort griffen sie die friedliebenden Morioris, die sie sich nicht wehrten, an und nahmen sie gefangen. Einige, sehr viele, da es einen Sieg zu feiern gab, aßen sie gleich, die anderen hielten sie wie Schweine und aßen nur ab und zu von ihnen. Ihre Chronik berichtete von großen Bratöfen, auf denen 50 Morioris gleichzeitig schmorrten.

Leider funktionierte die Moriori-Haltung nicht, da sie sich unter Schweinestallbedingungen nicht vermehrten. Welcher Mensch setzte schon Kinder in die Welt, wenn er wußte, daß sie bald von Barbaren gefressen würden?

30 Stammesälteste, die den Massakern entkommen waren, wandten sich hilfesuchend an den britischen Governor in Neuseeland. Aus Aotearoe war seit dem 21. Mai 1840 Neuseeland geworden, da die britische Regierung Souveränität über die Südinsel kraft Erstentdeckung, - daß die Maoris schon vorher da waren, zählte nicht, - und über die Nordinsel kraft Abtretung, - der holländische Entdecker Abel van Tasman war schon 1642 da gewesen, aber einige seiner Landsleute waren damals in maorische Kochtöpfe gelandet, und da war den Holländern der Appetit an Aotearoe vergangen, - proklamiert hatte.

Bis 1870 wehrten die Erstentdecker sich gegen die Briten. Wenn sie sich in der Zeit auch ab und zu mal einen Briten brieten, die die brieten, also die Briten, behielten ihren guten Appetit auf die Inseln. Wenn Briten brieten, fühlten sie sich kulturell keineswegs unterlegen, im Gegenteil, es bestätigte ihren Glauben an die Bürde des weißen Mannes, ein Glaube, den selbst knusprige Bräune nicht erschüttern konnte.

Die Abgesandtschaft der Moriori erklärte dem Governor die Leiden ihres Volkes und erklärte auch, daß die Morioris sich nicht selbst schützen konnten, da sie ein Volk waren, das keinen Ärger, keinen Streit und keine Kampfeskunst kannte, immer in Frieden gelebt hatte, und daran glaubte, daß man seine Mitmenschen nicht töten und essen dürfe.

Die Briten hatten nur Verachtung für die Morioris: eine minderwertige Rasse, Untermenschen, den vitalen und intelligenten Maoris weit unterlegen. Sollten die Maoris sie ruhig umbringen, das war Darwismus. - Dieser gro e, britische Forscher, Charles Darwin!

Hatte er wirklich schuld daran, daß der britische Gouverneur den Maoris die Morioris mundgerecht machte?

Es war für die Briten auch günstig, daß die Maoris den Morioris etwas antaten, weil dann auf der Hackordnung ein Stückchen höher die Briten den Maoris, ohne vom Gewissen gebissen, was antun konnten, wenn auch nicht auffressen, so doch beißen, ach nein, hacken, das Land wegnehmen, Aufständische ins Gefängnis schmeißen, Cat-o'-nine geben, totschießen etc.

In den Siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts, als nur noch weniger als 100 Morioris am Leben waren, entschied ein Kolonialgericht, daß der größte Teil der Chatham Islands, also der Teil, den die Weißen nicht gebrauchen konnten, den Maoris kraft Eroberung gehörte.

1933 starb der letzte Vollblut-Moriori Tommy Solomon alt und krank und als anglikanischer Christ auf den Chatham Inseln. Er wurde begraben und nicht von den Maoris gegessen. Sein Fleisch war auch schon zäh. Mit ihm war das Volk der Moriori ausgestorben.

Aber einige Maoris sollten - so ging jedenfalls das Gerücht, als Adjuna dieses Wolkenkuckucksland, ach nein, Wolkenkiwiland, besuchte - genetisches Material von den Morioris in sich tragen, Abkömmlinge von Maoris, die bei der Morioris-Haltung zu oft mit der gleichen Moriori-Frau Sodomie getrieben hatten, daß Zuneigung entstanden war und sie die Frau zur Frau genommen hatten und mit ihr gemeinsam Kinder gezeugt und aufgezogen hatten. Solche Menschen, die Moriori-Gene in sich trugen, wurden verachtet, Abstammung von den ehemaligen Mahlzeitmenschen war eine große Schande.1

Nicht Täter zu sein, Opfer zu sein, war eine Schande, so dachten jedenfalls die Nachkommen der Täter. Edle Menschen waren das nicht.

Adjuna merkte erstaunt auf: "Es war doch erstaunlich, wie sehr Aussterben mit Auffressen und Wegfressen zu tun hatte. Aber wir haben eine zu hohe Stufe der Kultur erklommen, wir können unsere Gegner nicht mehr schmackhaft finden und auffressen, wir werden sie nur einfach so umbringen und dann den Würmern überlassen. Solche Proteinverschwendung nennt sich dann Zivilisation. Wieviel zivilisierter wäre es, wir alle glaubten an Toleranz und Gewaltlosigkeit, aber leider werden die Religiösen nicht ruhen, sie werden es gegen uns und immer auch gegen die anderen Religionen tun. Sie haben, wie sie es ausdrücken, nicht das Recht, die anderen im Unglauben zu lassen. Und wir dürfen nicht zu lassen, daß sie uns vernichten. Der denkende Mensch ist zu schade für den Scheiterhaufen. Auch wenn Opfer zu sein, edler ist als zu meucheln, wir dürfen uns nicht immer wieder opfern lassen, wir müssen uns wehren, wir sind es wert."

1 für Informationen über die Morioris siehe "Moriori, A People Rediscovered" von Michael King.

Das größte Problem am Wehren war, daß auch meist die Angreifer meinten, sie wehrten sich.



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