Ganz im Norden stieß der Pazifik an die große rußische Taiga.
Dort lebte einmal ein böser Zauberer mit Namen Kastchei. Dem war es gelungen, unsterblich zu werden, indem er seine Seele von seinem Körper getrennt hatte und mit einer festen Hülle versehen hatte, aus der sie nicht fliehen und ins Totenreichen entweichen konnte. Dann versteckte er sie in einer hohlen Eiche, damit sie nicht zu Schaden käme. So gegen den Tod gewappnet, zog er in manchen Kampf. Und da er nicht sterben konnte, überlebte er die schlimmste Prügel. Die Pein machte ihm aber immer fieser und gemeiner. Und manch eine gemeine Tat ging auf sein Konto. Doch die Sonne brachte seine Verbrechen ans Tageslicht. Und da die Menschen ihn nicht totschlagen konnten, waren seine Leiden unsagbar. "Der Verbrechen Spaß ist ein geringer, wenn man danach zum Opfer wird", dachte Kastchei, als er wieder einmal nach langer Strafe den Menschen entkommen war.
Da es die Sonne war, die seine Taten ans Tageslicht gebracht hatte, führte Kastchei fortan Krieg gegen die Sonne. Er ließ einen Wald wachsen, der so dicht und undurchdringlich war, daß die Sonne nicht eindringen konnte. Es gab nur eine Lichtung der Hoffnung in dem Wald des Grauens, und das war der Ort des Feuervogels. Das war ein Vogel mit feurigem Gefieder, wie er eigentlich nur auf der Sonne beheimatet war. Und es war nur dieser Vogel, der hier tapfer das Helle gegen die Dunkelheit verteidigte.
Kastchei aber lockte seine Opfer fortan in die Dunkelheit seines Waldes, um sich dann in aller Ruhe an ihnen vergehen zu können, und wenn er seine Lust befriedigt hatte und er sie nicht mehr brauchte, ließ er sie zu leblosen Wachsfiguren erstarren.
Es war ein schöner Sommertag, an dem Prinz Ivan mit seiner Verlobten Prinzessin Vassilissa am Rande des Waldes zur Jagd ging. Nie war ein Mensch glücklicher gewesen als Prinz Ivan an diesem Tag, denn die schöne Vassilissa sollte morgen seine Frau werden. Doch als ein schöner Hirsch erschien und Vassilissa ihn in den Wald verfolgte, erschrak Prinz Ivan, denn er hatte schreckliche Gerüchte von Kastcheis Reich in der Dunkelheit des Waldes gehört. Er rief und blies sein Jagdhorn, aber Vassilissa kam nicht zurück und schließlich machte er sich auf die Suche.
Wie er durch den Wald irrte, kam er an die Lichtung des Feuervogels. Für einen Moment vergaß er alles, sogar seine Verlobte, und er wollte den Feuervogel einfangen und mit in den Palast nehmen. Aber als er den Vogel im Arm hatte, sah der so traurig aus, daß er ihn wieder fliegen ließ und nur eine Feder nahm, die der Vogel verloren hatte. Dann machte er sich weiter auf die Suche. Und als er endlich das Schloß des Kastcheis gefunden hatte und er dem bösen Zauberer gegenüberstand, war es diese Feder, die ihn schützte, und als er die Kraft der Feder verstand, gelang es ihm sogar, dem Zauberer sein Geheimnis zu entreißen.
Er lief zur Eiche und ...
zerbrach die Hülle um Kastcheis Seele, die nun ins Jenseits entwich. Kastchei war tot, und damit der einzige, der den Zauber je hätte wieder aufheben können. Seine erstarrte Welt war jetzt erstarrt für immer. Niemand würde sie lösen können, nicht für einen Moment. Traurig kehrte Ivan zurück in sein Schloß. Den entsetzlichen Ort suchte er kein zweites Mal auf. Und nur der Staub begrub in den Jahrhunderten Vassilissa und die anderen Opfer.
Sie ruhten in Frieden.
Diese Geschichte war in Rußland oft erzählt worden und gehörte zum Legendenschatz dieses Volkes. Aber mit Legenden lügten sich die Menschen etwas vor. Hier wurde die Legende zum ersten Mal von der Lüge gesäubert erzählt. Immer Säuberungen.
Die Lüge war gewesen, daß, als Kastcheis Seele entwich, sein fauler Zauber sich auflöste, Wachsfiguren wieder Menschen wurden, also fühlten, haßten, liebten, logen, glaubten, enttäuschten, versagten, also die ganze Skala menschlicher Gefühle und menschlichen Irresein wieder rauf- und runterleierten; was für eine Verdammnis ein solches Happy
End, wen machte es happy?
Adjuna erklärte: "Diese Änderung der Legende war notwendig geworden, da es keine happy endings mehr gab, geben sollte, für niemanden, nirgends, niemals wieder; - ja, es hatte selbst in der Vergangenheit nie happy endings gegeben, und wer je etwas anderes behauptet hatte, war ein Lügner oder ein dummer Mensch gewesen; und sowieso: Wie konnte man von happy endings sprechen, wenn das Ende doch erst da war, wenn man nicht mehr sprechen konnte."
Protest erhob sich. Viele der Zuhörer meinten, es gäbe sehr wohl Geschichten, die mit einem Happy End endeten. Und einige wollten es bezeugen und andere wollten es selbst erlebt haben.
"Seid ihr sicher, daß ihr das Ende der Geschichte kennt. Das Liebespaar hat sich gefunden. Jetzt wird geheiratet. And they lived happily ever after... Aber weit gefehlt. Der Alltagstrott zermürbt das Glück, sie wird 'ne Meckerzicke und er haut frustriert auf sie ein, aber das ist noch nicht das Ende vom Unglück, jetzt haben die beiden auch noch Kinder, ihr ganzes zerstörerisches Potenzial kacht jetzt auf die nächste Generation nieder. Für die Frau sind die Kinder ein kleines Glück, endlich hat sie jemanden, an dem sie Dampf ablassen kann, ohne daß sie selbst Schläge riskiert. Aber das Happy End der Traumhochzeit hat im privaten Unglück gar nicht sein Ende, es geht noch weiter, natürlich sind die beiden Eheleute angepaßte Leute, ein Stück der Masse Mensch, das Hurra schreit, wenn es heißt, losmarschieren, die Nachbarn umbringen - oder die Unangepaßten in der eigenen Gesellschaft."
"Ja, aber es sind doch nicht alle angepaßte Marionetten, die man hin- und herhetzen kann, es gibt doch auch unangepaßte?"
"Sicher gibt es Leute, die nicht angepaßt sind, sogar ungepaßte Eheleute, auch wenn sie sich nicht zu Krieg, Massenmord und die Vernichtung von Minderheiten aufhetzen lassen, diese Leute haben ihren eigenen Anteil am Unglück dadurch, daß sie den Gesamtbetrug durchschauen, und was noch schlimmer ist, nichts dagegen tun können. Versuchten sie den Massenbetrug aufzudecken, dann liefen sie nur gegen eine Wand, eigentlich ist es aber gar keine Wand, sondern eine Scheibe, die der Massemensch vor seinem Kopfe aufgerichtet hat, um sein und vor allen Dingen das Unglück der anderen Leute zu bewahren. Und die Argumente gehen dem Pöbel nie aus, selbst wenn er nichts Besseres zu sagen weiß als: So etwas tut man nicht."
"Ja, es ist sicher das größte Unglück, daß der Pöbel so dumm ist."
"Solange es den Pöbel gibt, gibt es kein Glück, und wenn es den Pöbel nicht mehr gibt, gibt es die anderen auch nicht mehr."
"Ich weiß ein wirkliches Happy End", rief jetzt ein Russe dazwischen, "um auf die Geschichte von Kastchei zurückzukommen. Wir Russen fällen jetzt seine Wälder und bekommen ausländische Devisen dafür. Das ist doch ein wirkliches Happy End."
"Vor allen Dingen, wenn der Kahlschlag so ratzekahl, daß kein neuer Wald mehr nachwächst. Dann hat man wirklich ein Ende erreicht, mit Bodenerosion und Wüste. - Aber jeder kurzfristige Konsum macht nur kurzfristig happy und ist nie the End, der mag jedoch die Annäherung an das Ende beschleunigen."
"Bei all dem Beklagen der Kurzfristigkeit", sagte einer der Tataren, die zugehört hatten, kurzfristiges Glücklichsein, kurzfristige Konsumgüter, ein kurzfristiges Menschenleben, da fehlt uns nur noch eins, ein kurzfristiger Suff!" Und er holte die Gläser raus und schenkte ein.
"Mm, sieht aus wie Milch, schmeckt aber ganz anders, viel besser als Milch, was ist das?" fragte ein deutscher Tourist, der mit am Lagerfeuer saß."
"Kumyß."
"Kuhmist?"
"Ja, Kumyß, das trinken wir Tataren gern."
"Ich wußte gar nicht, daß man aus Kuhmist ein Getränk machen kann."
"Das ist nicht aus Kuhmist gemacht, sondern gegorene Stutenmilch."
Ach, wie schwer war es doch, die anderen zu
verstehen, im kleinen wie im großßen. Immer wieder kam es zu
Mißveständnissen, und die Völkerverständigung klappte nicht,
weil die Völker keine einheitliche Sprache sprachen.
Noch weiter im Norden des Pazifiks.
Bei den Inuits.
Ganz weit im Norden stieß Adjunas Flotte auf eine andere Art von erstarrter Welt. Nicht starr gezaubert war diese Welt von den Kräften eines bösen Zauberers und auch nicht erstarrt unter der Weigerung der Menschen, flexibel zu sein und im Fluß zu leben, sondern das Wasser selbst verweigerte sich hier, weigerte sich, wellig zu sein, flüssig und flexibel, wollte sich nicht mehr aufbäumen, weder schäumen noch fließen. Und auch konnte kein Erlöser diese erstarrte Welt erlösen, sondern nur die Sonne und Tauwetter.
Hier lebten die Inuits.
Die Inuits hatten eine heroische Vergangenheit, anderen Kulturvölkern vergleichbar - oder gar überlegen. Leider wurde aber alles in ewiges Eis gemeißelt, alle Pyramiden, alle Tempel, alle Siegessäulen, alle Triumphtore, alles ins ewige Eis, alle Helden hatte man in Eis verewigt, und die ereignisreiche Geschichte des siegreichen Inuit-Volkes hatte man nicht auf Tontafeln, weil diese so leicht verkrümelten, sondern auf Eistafeln geschrieben, das gesamte Inuitikum, das philosophische Erkenntnisgut um die absolute Erstarrtheit allen Seins und die Unauflöslichkeit gesellschaftlicher Strukturen, sowie die Formeln für theoretische Berechnungen des Verflüssigungspunktes des Eises waren in Eisbibliotheken gesammelt gewesen. Leider waren all diese rigiden, scharfkantigen Kulturgüter der Inuits, damals hatte selbst die Fellhosen und Anoraks Bügelfalten gehabt, bei der letzten Warmzeit, auch Zwischeneiszeit genannt, geschmolzen und waren daher den Inuits und der ganzen Menschheit für immer verloren gegangen - auf ewig, denn als das Wasser wieder zu Eis erstarrte, hatte es die Inschriften und Formen vergessen. Und auch die Inuits selbst hatten in der langen, warmen Zeit, in der es keine Eisübungstafeln gab, das Lesen und Schreiben verlernt. So sollte die Menschheit nie von dem eisigen Heroismus und den kaltblütigen Gemetzeln der nördlichen Eisvölker erfahren, nie ihre kulturellen Leistungen zu würdigen lernen.
Nur schlechte Jäger, wie der Angakoq oder der Schreiber dieser Zeilen, die anderen ihre Beute oder sonst wie schwerverdientes Geld mit Fantasienreichtum abnahmen, wußten ab und zu noch mal Weithergeholtes von den Inuits zu berichten.
An der eisigen Eiskante des Nordpolarmeeres machten die Freunde kehrt, um wieder in den wärmeren Süden zu fahren. Ihre Schiffe waren nicht stark genug das Eis zu brechen und konnten auch nicht über dem Eis oder unter dem Eis weiterreisen, obwohl es in der damaligen Zeit durchaus schon solche Fahrzeuge gab.
Tatsächlich wimmelte es unter dem Eis des Nordpolarmeeres von Atom-U-Booten, jedes mit einer tödlichen Fracht von 12 Atomraketen mit je 12 Atomsprengköpfen, jeder Kopf kräftig genug, eine Stadt zu zersprengen. 12mal 12 macht 144. Aber das beunruhigte Adjuna und seine Leute nicht, sie lebten nicht in Städten, und für ihre kleinen Schiffe lohnte sich nicht der Aufwand einer großßen Atombombe.
Sie wunderten sich nur ein bißchen über die Kollegen Seehelden, die da in ihren Unterwasserröhren ausharrten, und die wegen ihres Dienstes am Vaterland zu Hause in hohem Ansehen standen. Ganze Nationen standen hinter ihnen und wünschten ihnen viel Erfolg.
Gut, daß nicht alle Meere vereist waren, sonst
böte sich noch mehr Platz für solch lichtscheues Gesindel.
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