Adjuna auf Saipan

Als Adjunas ausgezehrte Mannschaft, viele von Gicht geplagt, die sie sich schon beim Umsegeln des antarktischen Hinterns der Welt geholt hatten, den weißen Strand der Insel, die Kokuspalmen, den blauen Himmel, die schönen Mädchen, äh, Menschen, und das klare, saubere Meer sahen, glaubten sie, das Paradies vor sich zu haben. Man ankerte vor der Küste, sprang von Bord in ein Wasser, das so warm war wie der eigene Körper. Es schien wirklich das Paradies zu sein. Wo sonst, außer in der Gebärmutter, konnte man stundenlang im Wasser bleiben, ohne zu unterkühlen?

Und der Strand war sauber und nicht übervölkert, aber auch nicht menschenleer und gottverlassen. Die Luft war mild und warm, die Sonne schien, aber stach nicht, und die Mädchen waren nett und liebenswürdig und taten's für ein bescheidenes Handgeld oder sogar aus Liebe.

Die alten Haudegen räkelten sich am Strand, hielten die Mädchen und wollten glücklich sein. "Wir haben das Paradies entdeckt." - "Nein, das kann nicht sein. Das Paradies hätte keine Rostflecken."

Tatsächlich hatte der Ort großße Rostflecken, die aus dem glasklaren Wasser ragten oder dem weißen Sand.

Und ein alter Mitkämpfer rief Adjuna und fragte: "Ist das dein gelobtes Land?" Und Adjuna antwortete: "Das hier ist Saipan." - "Es muß der schönste Ort der Welt sein." - "Es ist das schönste Feld derWelt." - "Feld? Spinnst du? Feld? Ich sehe kein Feld. Ich sehe Palmen, Sand und Meer, aber keine stinkende Landwirtschaft, die mit Jauche ihre Felder düngt." - "Es ist das schönste Schlachtfeld der Welt. Über 30 000 Japaner und 3 500 Amerikaner haben im Sommer 1944 hier mit ihrem Blut den Boden getränkt. Ihre Kampffahrzeuge rosten da im flachen Wasser. In jenen Sommertagen starben hier mehr Menschen, als heute auf der Insel leben. Dort auf der hohen Klippe standen die letzten Japaner, als ihre Waffen die Mäuler leer gespuckt hatten und der Kampf aussichtslos verloren war, und sie blickten über das Meer Richtung Norden, wo irgendwo in der Ferne Nippon, das Land ihrer Ahnen, lag, für dessen Glorie sie ausgezogen waren, und das sie jetzt nie wiedersehen würden, und sie schleppten sich an den Rand, die Gesunden stützten die Invaliden, und stürzten sich hinunter. Nicht nur Soldaten stürzten, ganze Familien, Familien, die sich seit 1914, als die japanische Marine die deutschen Kolonialisten vertrieben gehabt hatten, angesiedelt hatten. Ein letztes "Banzai!" riefen sie der unerreichbaren Heimat zu, während sie die 240 Meter bis zum Aufprall stürzten, und für die Nachwelt ist das jetzt die Banzai-Klippe. Banzai heißt Hurra und Banzai rief man, als man mit Begeisterung für den Tenno und die Heimat in den Krieg zog. Damals hätte man Banzai fast mit Heil Hitler übersetzen können, bloß daß Banzai schon vorher in der Sprache war und auch nach dem Krieg wieder eine zivile Bedeutung annahm. - Dort drüben ist die Festung, der letzte Kommando-Stand, wo Krieger-General Saito Yoshitsugo einen würdigeren Tod fand als das gemeine Fußvolk. Er machte Seppuku. - Krieger sind Spieler, und Spieler sollten mit Würde verlieren können."

Saipan, die Insel, auf der die Menschen wie im Paradies hätten leben können, reich an Fisch und Früchten.

Archeologen hatten Feuerstellen ausgegraben, die angeblich bewiesen, daß die Insel schon fast 4 000 Jahre früher bewohnt gewesen war - und zwar von Menschen, denn welches andere Tier verabscheute schon Rohkost. Ob damals, also im vierten Jahrtausend vor der Entdeckung der Atomspaltung, auf der Insel paradiesische Zustände geherrscht hatten, hatten die Archeologen allerdings nicht sagen können. Man wußte allerdings, daß damals das Hochzivilisiertsein erst anfing, der Mensch aus den Wäldern heraustrat, das hieß, eigentlich die Bäume um sich herum fällte; im Niltal benutzte man zu der Zeit gerade die Baumstämme, um großße, aus Felswänden abgespaltete Steinquarder zu transportieren, am Ende hatte man neben Pyramiden eine Wüste geschaffen; am Hwangho und Jangtsekiang fällte man auch die Bäume, und man schuf das auf Sumpfreisanbau basierende Reich der Mitte, das bis zu den letzten Tagen der Menschheit Bestand hatte.

1521 entdeckte Magellan die Insel. 1668 kolonialisierten die Spanier die Insel. 1899 machten die Deutschen weiter. Am 23. August 1914 erklärte Japan Deutschland den Krieg. Kriegserklärungen waren damals geradezu eine Alltäglichkeit: am 28. Juli 1914: Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien; 1. August 1914: Kriegerklärung Deutschlands an Rußland; 3. August 1914: Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich; Mitternacht vom 3. zum 4. August 1914: Kriegserklärung Englands an Deutschland; 6. August 1914: Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Rußland und Kriegserklärung Serbiens an Deutschland; 11. August 1914: Kriegserklärung Frankreichs an Österreich-Ungarn; 12. August 1914:Kriegserklärung Englands an Österreich-Ungarn. Sich zu bekriegen, bedeutete natürlich Blutvergießen, eine Unmenge an Blutvergießen. Die Zahl der Gefallenen ohne die Verhungerten, die ja bekanntlich unblutig starben, wurde nach dem Krieg wie folgt angegeben: für Deutschland mit 1,808 Millionen, für Österreich-Ungarn mit 1,200 Millionen, für Rußland mit 1,700 Millionen, für Frankreich mit 1,385 Millionen, für Großßbritannien mit 0,947 Millionen, für Italien mit 0,650 Millionen, für Rumänien mit 0,350 Millionen, für die Türkei mit ebenfalls 0,350 Millionen, für Polen mit einer halben Millionen, für die USA mit 115 000, dazu kamen noch insgesamt über 20 Millionen Verstümmelte und Verwundete. Aber die deutschen Marianen-Inseln, also auch Saipan, gingen ohne großes Blutvergießen in japanischen Besitz über, genauso wie sich das deutsche Samoa am 29. August 1914 kampflos von den Neuseeländern besetzen ließ, nur die deutsche Kolonie Tsingtau mußten die Japaner 43 Tage belagern, ehe sie sich am 7. November 1914 ergab. Nachdem Saipan ihnen gehörte, gingen die Japaner sofort daran, es mit ihren eigenen Landsleuten zu besiedeln. Saipan wurde japanisch, mit kleinen Shinto-Tempelchen, Tee-Häuschen und Geisha-Verleih. Die Urbevölkerung, die dunkelhäutigen Chamorro, wagten nicht, dagegen zu protestieren. Dreißig Jahre später wurde den Japanern die Insel wieder weggenommen. Da befand man sich wieder mitten in einem Krieg. Japan hatte sich durch militäristische Expansionspolitik ein Riesenreich zusammengeraubt und es Dai-Too-A-Kyo-Ei-Ken getauft, die Schriftzeichen einzeln übersetzt bedeuteten: groß-ost-Asien-gemeinsam-gedeihen-Raum; also ein Euphemismus, wohlwollende Worte für furische Taten.

Durch einen hinterhältigen Überraschungsangriff auf die amerikanische Pazifikflotte im Perlenhafen von Oahu, Hawaii, hatten die Japaner aber den Zorn der WASPen auf sich gezogen, und die nahmen ihnen schrittweise alles wieder ab, Inselhüpfen nannte man das: "Praise the Lord and pass the ammunition!" Diese Munition versenkte Anfang Juni 1942 große Teile von Admiral Isoroku Yamamotos Pazifikflotte und brachte den Sieg in der Schlacht um die Midway Islands, ein kleines Atoll auf halbem Wege zwischen Amerika und Japan. Die WASPen hüpften schließlich Guandalcanal, Gilbert-Inseln, Bougainville, Tarawa, Kwajalein, Eniwetok, Peleliu; jede dieser kleinen, wertlosen Inseln wurde mit teurem Blut bezahlt und beide Seiten bezahlten. Aber Saipan war wertvoll, nicht wegen der 32 000köpfigen Garnison, die dort untergebracht war, und schon gar nicht wegen der 10 000 japanischen Familien, die sich dort niedergelassen hatten, sondern wegen der Reichweite der amerikanischen B-29 Bomber.

Wenn Saipan in die Hände der Amerikaner fiele, würden die japanischen Großstädte im Bombenhagel der B-29 untergehen. Die Japaner brachten ihre gesamte Restflotte zum Schutz der Insel auf, ihnen stand aber eine US=Task-Force von 100 000 Mann, 15 Flugzeugträgern, 7 großen Schlachtschiffen, 21 Kreuzern, 69 Zerstörern und 1000 Kampfflugzeugen gegenüber. Es war unter dem Gehämmer dieser Schlacht um Saipan, daß der japanische Kaiser seine Zustimmung zum Bau von Einwegflugzeugen mit Einwegpiloten gab, den berühmten Kamikaze, den Gotteswinden. Schon einmal war Japan von außen in seiner Existenz bedroht gewesen, das war über ein halbes Jahrtausend früher gewesen, als mongolische Horden die Überfahrt nach Japan unternahmen und Taifune ihr Unternehmen vereitelten, kamikaze, Gotteswinde waren das gewesen, so jedenfalls wollte die Legende es.

Die Kamikaze-Piloten sprengten also nicht nur ein Ziel in die Luft, sondern auch sich selbst und opferten so den Göttern und beschworen den Sieg. Um nicht nur die eigenen Leute sterben zu lassen, sollte General Ishii mit seiner Einheit Nr. 731 pest-tragende Flöhe auf die Amerikaner loslassen. Schlechte Spieler wurden zu Spielverderbern, wenn es ans Verlieren ging. Zum Glück versenkte ein amerikanisches U-Boot das Schiff der Einheit 731 mit Mann und Maus und Flöhen.

Eine andere kaiserliche Meldung versprach der japanischen Zivilbevölkerung Saipans im Falle des Tode den gleichen glorreichen Status, den auch die gefallenen Soldaten erhielten. Die Bevölkerung verstand das als Aufforderung zur Selbstopferung. Als über 30 000 Soldaten tot waren, die gesamte Flotte zerstört, von 475 Kampfflugzeugen 440 abgeschossen, da traten die Familien an die hohen Klippen und stürzten zu Tode. Einige amerikanische Journalisten hatten damals diese Szenen von den Kriegschiffen aus filmen können. Die Abscheu und Angst, die diese Mütter, die da mit ihren Kleinkindern sprangen, für die Amerikaner empfanden, hatten sie nicht verstehen können. Die Selbstmorde wurden zum Symbol für japanischen Fanatismus. Die Amerikaner fürchteten sich davor. Angst machte gefährlicher, und gefährlicher wurden die Amerikaner. Bei den Haien im Meer jedoch fanden die Selbstmorde der Japaner Beifall. Sie hielten es für eine großzügige Gabe ihres Hailigen Haivaters, welcher im Haihimmel thronte, nicht weit über der Wasseroberfläche gleich am oberen Ende der Klippen.

Der Schriftsteller Edward Behr1 hatte geschrieben, daß noch zwanzig Jahre später die Haie bevorzugt dort ihre Kreise zogen, wo einst die Japaner sich zu Tode gestürzt hatten, offensichtlich auf die Wiederkehr einer solchen Bonanza hoffend.

1 Edward Behr, berühmt für sein Buch über den letzten chinesischen Kaiser "The Last Emperor", schrieb auch das Buch "Hirohito, behind the Myth", dem ich neben Zeitungsartikeln einige meiner Informationen verdanke.

Viele Leichen bedeuteten aber noch keine Friedhofsstille für die Insel. Bald dröhnte auf den Rollbahnen das Brummen der startenden und landenden B-29 Bomber. Ihre Brandbomben, damals hießen sie noch Brandbomben und nicht Napalm-Bomben, fanden in japanischen Nachbarschaften dankbare Ziele, die schnell zu Asche wurden.

Die Häuser standen in den Städten so dicht zusammen, daß oft eine Bombe für einen ganzen Block reichte, außerdem waren japanische Häuser aus Papier, eine Information, die die WASpen im WASPenland in Verwunderung brachte: Was machten denn die Japaner, wenn es regnete? Da hätte man ihnen sagen müssen, daß zwar die Innenwände und die Shôji aus Papier waren, wenn auch nicht aus dem zarten Toilettenpapier oder dem seichten Zeitungspapier, das die Amerikaner kannten, daß es aber darüber wegen der Taifune ein gewaltiges Dach mit sehr schweren Ziegeln gab, das sehr gut gegen Unwetter schützte - leider nicht gegen Brandbomben. In der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 kamen bei einem Bombengroßangriff auf Tokyo über 100 000 Menschen um, selbst die Atom-Bomben auf Hiroshima und Nagasaki sollten kein so großes Sterben in so kurzer Zeit erreichen. Ganze Wohnviertel Tokyos waren nach jener Nacht damals völlig flach, nur noch Asche und Ziegeln - und verkohlte Leichen. Die japanische Heeresleitung hatte nach diesen Luftangriffen und angesichts der unausweichlichen militärischen Niederlage einen genialen Plan: den ehrenhaften Tod von hundert Millionen, Ehre à la Saipan. Hundert Millionen betrug ungefähr die Einwohnerzahl Japans. Jeder Japaner sollte in dem heiligen Kampf um die heimatliche Scholle und für den göttlichen Tenno sterben. Die Bambus-Speer-Lösung. Da nicht mehr für jeden eine Stahl-Waffe da war, sollte, wer nichts Besseres fand, sich eine Bambus-Stange schlagen und sich damit auf die amerikanischen Barbaren stürzen. Und wenn es nur jedem zehnten gelänge, einen Amerikaner zu töten, so wären die Verluste der Amerikaner am Ende doch noch so hoch, daß sie aufgäben. Ob alle Japaner mit dieser noblen Lösung einverstanden waren, durfte allerdings bezweifelt werden. Das japanische Militär hoffte aber auch noch auf eine Wunderwaffe. Und im Gegensatz zum Einhodigen, der Atomphysik für was jüdisch Untermenschliches hielt, hatte die japanische Militärführung ihre Wunderwaffe ganz nüchtern, wissenschaftlich und ohne Haßgefühle in Angriff genommen. Erst nach den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki kamen die Gefühle, und bis an das Ende ihrer Tage sollten die Japaner über das große Unrecht jammern, daß ihnen mit diesen Bomben angetan worden war, statt Loblieder auf die Bomben zu singen und froh zu sein, daß der Schock endlich zur Kapitulation führte und die Bomben so vielen Menschen das Leben gerettet hatten. Wer für die edle Selbstmordlösung optierte, hätte es weiter tun können, die Bomben hatten nichts dagegen, und auch die amerikanischen Besatzungssoldaten suchten nicht nach Japanern, die in ihrem stillen Kämmerchen Seppuku machen wollten; aber Selbstmord war plötzlich nicht mehr populär, und selbst die großen Kriegsverbrecher, die so herrisch über Leben und Tod von Hunderttausenden verfügt hatten, töteten sich nicht selbst, sondern mußten hingerichtet werden.

Einige Krieger jedoch bewiesen in den letzten Stunden des Krieges, daß sie nicht nur die hohe Kunst, andere in den Tod zu schicken, verstanden, sondern auch die noch höhere Kunst der Selbsttötung. Die folgenden Generäle begingen ritualen Selbstmord, indem sie sich mit einem scharfen Schwert den Leib aufschnitten und danach entweder ins Herz stachen oder die Halsschlagader öffneten: General Anami, General Honjo, General Tanaka und General Sugiyama sogar mit Frau, sowie Admiral Onishi, der Erfinder der technisch anspruchslosen Kamikaze-Bomber. Vier Monate nach Kriegsende töte sich noch Prinz Konoye, der eigentlich der `Friedenspartei' angehört hatten, gegen den die Amerikaner aber, weil er zu kritischen Zeiten Premierminister gewesen war, ein Kriegverbrecherverfahren eingeleitet hatten; später behaupteten sie allerdings, sie hätten ihn nur als Zeugen vernehmen wollen. Prinz Konoye nahm für seinen Selbstmord aber kein Schwert, sondern Rattengift, da er kaiserlichen Blutes war, durfte er sein Blut nicht vergießen. Kaiserliches Blut durfte auf gar keinen Fall vergossen werden, auch nicht, wenn es nicht im Kaiser selbst floß, sondern in der weiteren Verwandtschaft, es war zu edel, fast 3000 Jahre Inzucht.

Nach den Abwürfen auf Hiroshima und Nagasaki sollte es sehr, sehr lange dauern, bis die Atombomben wieder ihre heilsame Wirkung entfalten konnten. Lange Zeit mußten sie in dunklen Erdlöchern sitzen. Als sie dann endlich rauskamen, war ihre Wirkung zu erst gar nicht heilsam. Sie richteten zwar hier und da große Schäden an, aber die Menschheit erlitt keinen heilsamen Schock mehr, sie hatte nichts anderes erwartet als atomaren Einsatz. Die Bomben heizten aber die Stimmung an und den Haß. Und es war in diesem Haß, daß die Menschheit ihre klarste Entscheidung fällte. Es galt zu entscheiden, sollten die Menschen den Krieg abschaffen, oder der Krieg die Menschen abschaffen. Man entschied sich für das Letztere und entließ alle Bomben aus ihren tiefen Verliesen. Dann, als sie alle gleichzeitig ausschwärmten, konnten sie wieder ihre heilsame Wirkung entfalten: ein Reculer-pour-mieux-Sauter? Nein, das Ende aller Alpträume.

Im Jahre 1945 aber war die Welt noch voller Alpträume und beinahe wäre dem Kriegsverlierer Japan vor dem totalen Kräftezusammenbruch noch ein atomarer Tiefschlag gelungen, der das Ende des unheilvollen Gemetzels noch länger hinausgezögert hätte.

560 kg Uranoxid, genug für zwei Atombomben, waren für den japanischen Endsieg auf der Reise von Deutschland nach Japan im Bauch des riesigen, deutschen U-Bootes U-234 versteckt. Als das U-Boot sich noch auf dem Atlantik befand, erreichten aber die Allierten am 7. Mai 45 den Endsieg über Deutschland, und das deutsche U-Boot ergab sich den Amerikanern. Die zwei Japaner, die das Uran begleiteten, begingen vorher Selbstmord - mit Schlaftabletten, weil der deutsche Kapitän die Schweinerei mit dem Bauchaufschneiden nicht haben wollte. Es blieb eines der großen Geheimnisse, wie weit die Japaner mit der Entwicklung einer eigenen Atombombe waren, und ob sie wirklich am 10. August 45, also einen Tag, nachdem sie selbst das zweite Mal von einer Atom-Bombe getroffen worden waren, einen Atombombentest in der Nähe ihres Laborkomplexes an der Hungnam Küste von Nordkorea machten.1

1 Robert Wilcox: "Japan's Secret War: Japan's Race Against Time to

Build Its Own Atom Bomb".

Am 20. Juli 1995 berichtete die japanische Yomiuri Shimbun (Auflagen stärkste Zeitung der Welt), daß ein früherer Offizier der Kaiserlichen Armee, Tatsusaburo Suzuki, 83, späterer Präsident der Iwaki Meisei Universität, vor Reportern zugegeben hatte, mit etwa 50 weiteren Wissenschaftlern an einem Atombombenprojekt gearbeitet zu haben. Er bestritt jedoch, daß Japan erfolgreich eine in den letzten Kriegstagen testete.

US-Offiziere, die kurz nach dem Krieg nach Korea geschickt worden waren, um Kriegsverbrechen zu untersuchen, sollen dort Zeugenaussagen von Wissenschaftlern gesammelt haben, die besagen, daß die Wissenschaftler am 12. August 1945 aus 30 km Entfernung eine Pilzwolke von einem Kilometer Durchmesser beobachteten.

Viele Historiker, einschließlich Prof. Donald Goldstein von der University of Pittsburgh, haben diese Aussagen jedoch immer angefochten. Prof. Goldstein behauptete z. B., daß diese Testimonien

entstanden waren, um die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zu rechtfertigen, und daß alle Geschichten über die Entwicklung einer japanischen Atombombe nur zu eben diesem Zweck erfunden worden seien.

Es war am 5. August 1945 auf dem Flughafen der kleinen Insel Tinian vor der Küste Saipans gewesen, daß die B-29 Superfestung Nr. 82 die tödliche Ladung "Little Boy" (= Kleiner Junge) an Bord nahm und der Pilot, Colonel Paul Tibbets, den Namen seiner geliebten Mutter Enola Gay in dreißig Zentimeter großen Buchstaben unter sein Piloten-Fenster malen ließ und ihr so zu weltweitem Ruhme verhalf, denn am frühen Morgen des nächsten Tages trug dieser riesige, von einem bis zum anderen Flügelende 44 Meter breite Vogel das atomare Ei nach Hiroshima. Bombardier Thomas Ferebee zielte auf die Aioi-Brücke in der Innenstadt. 8 Uhr 15 Minuten 17 Sekunden klingte die Bombe aus, 45 Sekunden später explodierte sie 600 Meter über der Stadt, die erste Stadt, die atomar zerstört wurde. Etwa 75 000 starben sofort, fünf Jahre später betrug die Zahl der Todesopfer über 200 000, da die Stahlen langsam töteten und ohne Rücksicht auf längst abgeschlossene Friedensverträge. Die Atombombe "Fat Man" (=dicker Mann) auf Nagasaki nahm selbstverständlich genauso wenig Rücksicht.

Selbst im Jahre 50 nach Hiroshima erschienen alte Männer, die damals dabei waren, wenn sie an typischen Strahlenkrankheiten wie Lungenkrebs starben, in neuen Opferstatistiken der Bombe, und es spielte dabei gar keine Rolle, daß die Opfer ihr Leben lang starke Raucher gewesen waren. Und erst, als der letzte, der damals dabei gewesen war, im biblischen Alter gestorben war, wurden die Statistiken abgeschlossen. Das erstaunlich Ergebnis war, daß alle, die damals dabei gewesen waren, tot waren.

Japan tat alles, um die Opfer zu beweinen, und vor lauter Trauer vergaß man 12 Millionen tote Chinesen und ein paar weitere Millionen in südostasien und den Philippinen sowie Pearl Harbor und Ursache und Wirkung.

Japaner waren also gar keine gelben Teufel, sondern menschliche Wesen.

Aber Japans Krieg hatte auch etwas Gutes für sich: Es gab am Ende einen Gott weniger, denn Kaiser Hirohito hängte seine Göttlichkeit an den Nagel.

Sprach der eine Veteran: "Das wußten wir auch so, daß er kein Gott war." Da hätte der andere Veteran am liebsten das Messer gezogen und den Mann wegen Gotteslästerung niedergemacht.

Im westlichen Ausland, wo man seinen eigenen, gekreuzigten Gott hatte, war man von der Göttlichkeit des kleinen Mannes mit dem fliehenden Kinn sowieso nie überzeugt gewesen, dafür war seine Mickrigkeit zu gegenwärtig, seine Göttlichkeit nicht gewaltig genug, nicht verklärt am Kreuze, nicht genug erhöht ins überirdische.

Lebenden Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde standen, denen gelang das überirdische wegen der Erdanziehungskraft sehr schlecht. Selbst lebende Jesusse überzeugten in der Gegenwart nicht und waren mit der Mission weniger erfolgreich als ihre Nachgeburten, die Missionare.

Hirohito galt im Ausland nur als zweiter Charlie, Charlie Chaplin. Er sah in seinen schlecht sitzenden Anzügen - seine Schneider durften weder Maß nehmen, noch anpassen, sondern mußten in ehrwürdigem Abstand die göttlichen bzw. kaiserlichen Maße schätzen - auch tatsächlich so lächerlich wie der Komiker Charlie in seinen Rollen aus. Und wenn es Hirohito auch mit Leichtigkeit gelang, seine Göttlichkeit abzulegen, seine Charliehaftigkeit legte er im Gegensatz zum richtigen Charlie Chaplin nie ab; im Alter sah er eigentlich so aus, wie man es von dem Filmkomiker erwartet hätte.

Nach dem Abfall der Göttlichkeit wurde der japanische Kaiser zum Symbol der Landes. Und neben dem großen, amerikanischen Kriegshelden General Douglas McArthur symbolisierte er das besiegte Land auch tatsächlich sehr gut.

Der Kriegsgewinnler McArthur aber verkörperte die Überlegenheit der Amerikaner, und die Amerikaner vergaben ihm gern, daß er die Philippinen - angeblich Befehlsnotstand - im Frühling 42 gar zu schnell verlassen hatte, als die Japaner kamen; die Filipinos vergaben ihm nicht, genauso wenig, wie ihm manche Japaner nicht vergaben, daß er während des Krieges nicht den Palast des Kaisers bombadiert hatte, wohl aber ihre Hütten, noch bereit gewesen war, den Tenno, in dessen Namen ja alles geschehen war, als Hauptkriegsverbrecher vor Gericht zu stellen und dann hinzurichten. Es wäre nur recht gewesen, wenn dieser Gott-Mensch-Mischmatsch nicht nur dem Gottsein, sondern auch dem Menschsein enthoben worden wäre.

McArthur hatte zweifellos trotz Befehlsnotstand seine eigenen Vorstellungen von Menschen. Er hatte sich in seiner militärischen Karriere schon früher einmal ausgezeichnet, als er auf Befehl von US-Präsident Hoover, einem typischen, amerikanischen Aufstiegswunder vom unterprivilierten Waisen über Botengänger, Kellner zum Oberkläßler und Multimillionär, auf die War Veteran Bonus Army, einen 15.000köpfigen Demonstrationszug von Kriegsveteranen und -invaliden aus dem ersten Weltkrieg, die eine Art Hungermarsch auf Washington veranstalteten, schießen ließ. Ihm hatte damals dabei Dwight D. Eisenhower assistiert, der später als 34. Präsident in die Geschichte des WASPenlandes einging und dem die Welt die Eisenhower-Doktrin verdankte, welche besagte, daß die USA ihre dreckigen Pfoten auch dann nach anderen Ländern ausstrecken durfte, wenn diese nicht die USA unmittelbar bedrohten, also praktisch besagte diese Doktrin, daß die USA das Recht hatte, genau das zu tun, wofür man gerade den Japanern eins auf die Pfoten gegeben hatte.

Held McArthur wurde 11. April 1951, als er im Eifer des Koreakrieges auch China angreifen wollte, von Harry Truman seines Amtes enthoben. Das WASPenland war noch zu müde für einen neuen Weltkrieg.

Der gottlose Zustand im japanischen Kaiserhaus dauerte nur ungefähr 44 Jahre an. Dann starb Kaiser Hirohito nach langer Krankheit.

Was war dem ehemaligen Gotte geschehen?

Am 22. September des 62ten Jahres Showa, dem 1987sten christlicher Zeitrechnung, wurde dem Kaiser Hirohito - wahrscheinlich viel zu spät, weil mit seiner kaiserlichen Ehren nicht vereinbar - am Zwölffingerdarm ein Karzinom entfernt. Eine Chemotherapie, in der damaligen Zeit der medizinischen Weisheit letzter Schluß, geziemte sich für Seine Kaiserliche Majestät auch nicht. Genau ein Jahr später begann für den Showa-Tenno ein 111 Tage dauerndes Martyrium mit Gelbsucht, hohem Fieber und sinkendem Blutdruck und inneren Blutungen, die zu Blutmangel führten. Wegen seines Blutverlustes wurde der ehemalige Gott dann mit Fremd-Blut, irgendeinem anonymen Blut eines sterblichen Untertans, aufgefüllt. Bluttransfusion nannte man so etwas, nach dem lateinischen Wort transfusio, Vermischung. In den letzten Tagen seines Leben, also während der Zeit seines verzögerten Sterbens, wurde eine ungeheure Menge Blut, nämlich über 32 Liter Blut - und das war zweifellos das symbolträchtigste an seinem Tod, eine symbolische Erinnerung an das erste Drittel seiner Herrschaftszeit -, in die Adern des Showa-Tennos geleitet, Blut, das schließlich in seine Gedärme blutete, sich dort mit Sekreten und Exkreten vermischte und wieder ausgeschieden wurde. Vom 5. Dezember bis zu seinem Tod 33 Tage später war Hirohito nahezu bewußtlos. Wie von offizieller Seite verlautbarte, sollte er jedoch noch einmal am 19. Dezember auf die Frage, ob es ihm gut gehe, mit "Wun", zu deutsch "Mmmh", geantwortet haben.

Während der Patient so im Sterben lag, marschierten lautstark Demonstranten durch Japans Großstädte und forderten vom sterbenden Tenno, daß er sich zu seiner Schuld am großen Pazifischen Krieg bekenne. Die Demonstrationen waren von christlichen Kirchen organisiert und die Demonstranten waren Christen. Es gab etwa ein Prozent Christen in Japan, aber die verstanden, mit Hilfe ihrer ausländischen Missionare für fünf Prozent Lärm zu machen. Selbst am letzten Tag der Showa-Era, dem 7. Januar Showa 64, als der Tenno im Alter von 87 Jahren starb, gab es noch Demonstrationen. Dann herrschte Staatstrauer. Und tatsächlich beweinte die große Mehrheit des Volkes den Toten. Ein 38jähriger Koch war vom Ende der Showa-Era so überwältigt, daß er mit seinem Sashimi-Messer ritualen Selbstmord machte, und ein alter Mann, der, da er im gleichen Jahr wie der Showa-Tenno geboren worden war, eine besonders enge Verbundenheit zum Kaiser empfunden hatte, erhängte sich, nachdem er in den Frühnachrichten von dessen Tod vernommen hatte. Der Rest der Bevölkerung entschied sich den nächsten Tag, den Beginn der Heisei-Era, zu erleben.

Während das japanische Volk trauerte und dem toten Kaiser die letzte Ehre erwies, hatten die Christen des Landes noch einmal ihren großen Auftritt. Sie spielten sich als Verfolgte auf und protestierten wieder lautstark, diesmal, weil die schintoistischen Exequien ihrer Meinung nach gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Staat und Kirche verstießen. Das Symbol des Staates hatte weltanschaulich neutral zu sein. hätte die kaiserliche Familie Japans wie das hawaiische Königshaus im vorherigen Jahrhundert den christlichen Glauben angenommen und Andersgläubige verfolgt, hätten diese Christen natürlich keinen Protest erhoben, denn diese japanischen Christen unterschieden sich in ihrem Rechtsempfinden durch nichts von ihren ausländischen Glaubensbrüdern.

Und die Christen in den christlichen Ländern litten mit ihren japanischen Märtyrern. Und in ihren Zeitungen berichteten sie von dem großen Unrecht, daß wieder einige von ihnen befallen hatte. Und man dachte ans alte Rom. Sie, die Christen, waren doch wirklich die Verfolgten dieser Erde. Selbst in Amerika, wo man doch angeblich eine Nation unter Gott war, hatte eine böse Frau, Madalyn O'Hair, das Schulgebet aus der Schule genommen, jetzt hatte man nicht mehr die Freiheit in der Schule gemeinsam zu beten, obwohl doch das ganze Land christlich war und selbst jeder Amtsinhaber, Richter, Zeuge, Schöffe und Abgeordnete, ja selbst jeder Präsident zu Gott schwor, bevor er sein Amt antrat, und wer sonntags nicht zur Kirche ging, als unwählbar galt. Aber auch in europäischen Zeitungen berichteten die Christen von dem Protest ihrer Glaubensbrüder in Japan, damit die europäischen Christen ein bißchen das Gefühl, daß Christsein bequem sei, loswurden. In einer Hinterweltler-(also da, wo nach Nietzsche der Arsch der Welt war)-äh-Alpenrepublik brachte es eine katholische Zeitung sogar fertig, in der gleichen Ausgabe die Empfehlung eines Bischofs zu veröffentlichen, in der er den osteuropäischen Ländern, die gerade dem kommunistischen Joch entkommen waren, riet, Religionsunterricht in den Schulen einzuführen und die Kirchensteuer im Staate - als kleine, zusätzliche Einnahmequelle für die Kirchen neben dem Klingelbeutel. Unendlich ferne Fernziele für japanische Christen, von denen sie noch nicht einmal wagten zu träumen. Noch war ihre einzige Einnahmequelle der Klingelbeutel und das Geld, das die ausländischen Kirchen ihren Missionaren für die Verbreitung der frohen Botschaft schickten; - das war allerdings nicht wenig dank der Kirchensteuereinnahmen. Und manch ein Missionar, der Martin Luthers Rat folgend dem japanischen Volke aufs Maul geschaut hatte, fluchte jetzt hauptberuflich und reichlich mit Mitteln aus dem Privilegien- und Kirchensteuersäckel seiner Heimatkirche ausstaffiert auf Japanisch auf die japanischen Riten anläßlich des Todes des Showa-Tennos. Aber ihre Leiden sollte hiermit noch nicht zu Ende sein. Es kam noch schlimmer.

Früher einmal vor langer, langer Zeit war es in Japan Sitte gewesen, daß, wenn ein Kaiser starb, der nächste gleich zur Kaiserwürde erhoben wurde und den Göttern seine Aufwartung machte, aber der Kaiser Kammu, der fünfzigste Kaiser in der japanischen Tradition, er kaiserte von 781 bis 806 westlicher Zeitrechnung, machte mit dieser Tradition Schluß, ihm war wohl das schnelle Der-Kaiser-ist-tot-es-lebe-der-Kaiser zu abstoßend gewesen.

Wetterwendigkeit widerte an.

Nicht nur im Teutschland des Einhodigen, selbst in Japan hatten die Katholiken während des Großen Pazifischen Krieges mit der Regierung kollaboriert.1 Erst als eine demokratische Regierung in der unreligiösen Tradition der Aufklärung Proteste legitimierte, rissen sie ihr Maul auf und dann auch nur für ihre eigenen Belange. Das war katholische Tradition.

1 Nach dem Krieg - aber wirklich erst dann - war man dann neidisch auf die Zeugen Jehovas, die konsequente Kriegsverweigerer gewesen waren, ein Neid, der sich bekanntlich bis zum Haß steigerte. Verzweifelt, wie eine Stecknadel im Misthaufen, suchten die Katholiken dann nach eigenen Märtyrern.

Seit der Sensibilität, die Kaiser Kammu gezeigt hatte, war es japanische Tradition, mit der offiziellen Amtseinsetzung des neuen Kaisers zu warten, und zwar bis zum spätherbstlichen Dankfest, aus dem zu diesem Anlaß das Daijosai wurde, das Große Reisopferfest.

Mit wenig Sensibilität für die Gefühle der christlichen Untertanen brachte man das Fest für den Heisei-Tenno aber nicht schnell am 22. und 23. November hinter sich, sondern erstreckte es über schmerzhafte dreieinhalb Wochen vom 12. November bis zum 6. Dezember, das Sokui-no-rei, das heidnische - äh - shintoistische Krönungsfest. Eigentlich war es gar keine Krönung, denn es gab keine Krone, jedenfalls keine Krone im westlichen Sinne mit Zacken und so drin, Juwelen, die Ryuei-no-kanmuri war eher ein Hut mit etwas Hohem drauf, etwas sehr Hohem, aber das war in Ordnung, da der Tenno damit nicht durch normale Türen mußte. Gab es auch keine ordentliche Krone, so gab es doch einen ordentlichen Thron, einen sehr ordentlichen, den Takamikura, acht Tonnen schwer und neun Meter fünfzig hoch, den man extra für 420 Millionen Yen von Kyoto nach Tokyo gebracht hatte. Man sollte daher lieber statt von einer Krönung von einer Thrönung sprechen.

Diese Thrönungsfeierlichkeiten begannen am 12. November um 9 Uhr morgens mit der Kashiko-dokoro-Omae-no-gi im Kashiko-dokoro, einem heiligen Schrein der Sonnengöttin Amaterasu Omikami im kaiserlichen Palastpark. Im blütenweißen Hofkimono stand der neue Tenno steif vor der eingeschreinten Göttin und las ihr zeremoniös eine formelle Erklärung des Inhalts, daß das Thrönungs-Zeremoniell vorgenommen werden würde, vor.

Die eigentliche Thrönung begann dann um ein Uhr in der Haupthalle des Palastes. Der Tenno hatte sich inzwischen umgezogen und trug einen mit wilder Sumachsaat gelblich rotbraun gefärbten Kimono für 12 Millionen Yen, die Kaiserin einen Fünf-Lagen-Kimono für 8 Millionen Yen. Sechsundzwanzig bunte Banner waren aufgestellt worden, inklusive Banzaiban-Banner und Daikinban-Banner.

Vierundsiebzig Höflinge mit den mittelalterlichen Waffen Schwert, Schild, Pfeil und Bogen bildeten ein Spalier. Der Premierminister hielt eine kleine Rede und rief dreimal Banzai. Die Selbstverteidigungsarmee feuerte 21 Schuß Salut; nicht in der Halle - draußen.

Nach dreißig Minuten war alles vorbei. Staatsober- und -unterhäupter

aus 158 Staaten hatten teilgenommen; mehr Staaten gab es kaum.

Um drei Uhr dreißig, der Tenno hatte sich wieder umgezogen und trug jetzt einen westlichen Schwalbenschwanz, gab es eine 30minütige Parade im offenen Wagen vom Kaiserpalast zum Akasaka-Palast. 37 000 Sicherheitsbeamte bildete ein Spalier oder hatten sich unters Volk gemischt. Sie trugen keine Samurai-Schwerter, sondern offen oder versteckt moderne Handfeuerwaffen und Gummiknüppel.

Abends Banquet, sieben Banquets in vier Tagen, Mahlzeiten die 100 000 Yen pro Gast kosteten; Taró-Normalverbraucher, der das bezahlen mußte, wäre hundertmal dafür satt geworden. Messer und Gabeln hatte man für die Repräsentanten des Auslandes bereitgelegt, da man annahm, ihre Finger wären zu ungeschickt für Eßstäbchen; Gartenparty, Empfang von Glückwünschen etc. Noch ging es weltlich zu.

Am 21. November dann begann der spiritistische oder spirituelle Teil der Zeremonie, da nämlich wurden erstmal die Geister beruhigt für das Daijosai am nächsten Tag.

Am 22. November: das Daijosai; der Tenno, wieder im weißen Kimono, trat in Kontakt mit den Shinto-Göttern. Das große Reisopfer begann nach Sonnenuntergang und endete im Morgengrauen.

Während die japanische Prominenz, 900 an der Zahl, Ausländer waren nicht eingeladen worden, in zwei Festzelten untergebracht, sich köstlich beköstigen ließ, und christliche Japaner irgendwo einen 48stündigen Hungerstreik veranstalteten, ließ sich der Tenno von zwei Priesterinnen in den Daijokyo-Tempel geleiten, setzte sich dort in der inneren Kammer im Fackelschein - elektrisches Licht war wie alles Moderne den Göttern und Geistern abträglich - auf den harten Bambusboden, wartete, bis die Frauen wieder weg waren, und fing dann an, zu den Ahnen und Göttern zu beten.

Von der neuen Reisernte bot er der Göttin Amaterasu Omikami polierten Reis an. Da sie eine japanische Göttin war, wurde von ihr erwartet, daß sie es verstand, mit Eßstäbchen umzugehen.

Diese große, den Himmel durchschreitende Göttin hatte sich übrigens einst in einer Höhle verkrochen und nicht mehr scheinen wollen. Da die Dunkelheit der Welt nicht gut bekam, Pflanzen, Tiere, Menschen und Götter starben an überlangem Schlaf, also ein wirklicher Kataklysmus, lockten die, die die lange Nacht durchgemacht hatten, die Göttin mit einem Tanzspektakel, sie war neugierig, und mit einem Spiegel, sie war eitel und wollte sich gern betrachten, wieder aus der Höhle heraus. Das japanische Kaiserhaus stammte in direkter Linie von dieser Göttin ab und der Spiegel von damals befand sich bis zum Ende der Tage, als die Welt sich für die Menschen wieder verdunkelte, im Besitz des japanischen Kaiserhauses.

Harry Truman, der 33. Präsident der USA, erklärte, nachdem die Enola Gay ihr erstes atomares Ei auf die Stadt Hiroshima gelegt hatte, seiner amerikanischen Öffentlichkeit begeistert: "Die Quelle, von der die Sonne ihre Kraft zieht, kann jetzt das Land der aufgehenden Sonne, auf dessen Thron ein direkter Abkömmling der Amaterasu Omikami, der Göttin der Sonne, sitzt, total verfinstern." Er hatte die Atombombe mit der damals noch nicht erfundenen Wasserstoffbombe erwechselt. Die Sonne zog ihre Kraft nicht aus der Kernfriktion, sondern aus der Kernfusion, Bethe-Weizsäcker-Zyklus.

Nachdem der neue Tenno seiner Hydrogeni-Bombi-Mammi als erste vom neuen Reis angeboten hatte, zelebrierte er mit den anderen Göttern des Himmels und der Erde das Abendmahl, dabei konsumierte man gemeinsam Speisen aus allen Teilen Japans, selbst Tintenfische und rohes Muschelfleisch, dazu trank man Reiswein.

Um Mitternacht schritt der Tenno, er war noch fast nüchtern, in eine zweite Kammer und wiederholte das ganze Zeremoniell. Gegen Morgen war er dann fertig.

Diese beiden inneren Kammern enthielten je ein Bett. Diese Betten waren aber nicht für den Tenno als Ruhelager gedacht, obwohl er sich natürlich dort hätte schlafen legen können, denn niemand durfte es wagen, ihn in dieser heiligsten aller heiligen Zeremonien zu stören. Der Tenno seinerseits hatte es nie gewagt, seine innersten Gedanken öffentlich zu äußern. Sollte er im Innern ein Atheist gewesen sein und sollten ihm all die Ritualien und Formalitäten, die sein Leben bestimmten, insgeheim zuwider gewesen sein, hier im Allerheiligsten wäre der beste Platz für ihn gewesen, sich Luft zu machen, in der Nase zu bohren, mit den Füßen zu strampeln, den ehrwürdigen, eingeschreinten Göttern den Vogel zu zeigen und noch vieles mehr.

Nach Auskunft des Hofes waren die Betten für die Götter gedacht - zum Ruhen. Shintoistische Götter schienen also wie der christliche Gott ab und zu mal müde geworden zu sein. Aber diese Auskunft des Hofes war nur eine schlechte Ausrede gewesen und spiegelte nur die Prüderie der Zeit wider. In Wirklichkeit waren diese Betten ein Hochzeitsgelage, wo frühere Tennos mit einer keineswegs müden Amaterasu Omi - kami den Geschlechtsakt vollzogen hatten; allerdings hatten sie dafür eine Menge Fantasie aufbringen müssen, was aber wiederum Männern beim Masturbieren nicht so schwer fiel.

Eins war sicher, wer immer es gewagt hätte, dieses Intimste des Kaiserhauses zu erspähen, dem wäre der Kopf abgehackt worden. So blieb alles Spekulation, ob Nickerchen oder atheistische Gottesverachtung oder autoerotische Orgie oder wirkliche Vereinigung mit der Göttin oder was auch immer, alles Spekulation. Offiziell sollte die Zeremonie, die Götter dazu veranlassen, dem neuen Tenno selbst Göttlichkeit zu geben. Wenn das stimmte, dann hatte die Welt nach diesem Daijosai wieder einen Gott mehr gehabt. Aber ob es stimmte oder nicht, war eigentlich egal, worauf es ankam, das war der Glaube.

Der alte Showa-Tenno war selbst offensichtlich von der Zeremonie, die er wohl gewissenhaft durchgefährt hatte, enttäuscht gewesen, denn er sollte einmal gesagt haben: "Da passierte nichts." Also offensichtlich hatten sich die Götter nicht persönlich gezeigt und die eigene Göttlichkeit, die er ja so lange getragen hatte, hatte sich auch nicht spektakulär bei ihm bemerkbar gemacht.

Bei einer so ehrlichen Aussage eines ehemaligen Gottes fragten sich manche Japaner damals, warum man diesen teuren Hokuspokus überhaupt noch einmal machte. Wenn die Götter schweigten, sollte man ihr Schweigen nicht noch mit übermäßigen Geschenken belohnen.

Das ganze Sokui-no-rei für den Heisei-Tenno kostete dem japanischen Steuerzahler 123 Oku Yen, ein Oku gleich hundert Millionen, also 12,3 Billionen Yen, ein Drittel des Geldes ging für die 37 000 Sicherheitsbeamten weg, die den Tenno vor eventuell verärgerten Steuerzahlern schützten, 25 Oku Yen kostete der religiöse Teil der Zeremonie, das Daijosai; der Tempel, den man dafür extra im Ost-Garten des Palastes errichtet hatte und der nach der Zeremonie verbrannt worden war, hatte allein 15 Oku Yen gekostet. Ein teurer neuer Gott-Kaiser, Arahitogami, als Mensch erscheinender Gott.1

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Die Totenfeiern für den Showa-Tenno, der ja angeblich wieder nur ein bloßer Mensch geworden sein sollte (genau konnte man es ja nie wissen, vielleicht hatte er die Menschen getäuscht), hatten 88 Oku Yen gekostet.

Neben den sehr hohen laufenden Kosten hatte die kaiserliche Familie also im ersten Jahr Heisei 221 Oku Yen extra gekostete.

Es war für ein Volk immer ein sehr teurer Spaß gewesen, einen aus den eigenen Reihen auf ein hohes Podest zu heben. Aber die, die sich fragten, ob man nicht vielleicht auf andere Art billiger Spaß finden konnte, bekamen meist schon eins drauf, bevor sie ausgesprochen hatten.

Und die, die auf die draufhauten, die den billigeren Spaß wollten, waren die Rechtesten der Rechten. Gewalt war ihnen so vertraut, daß ihnen die Gewalt auch außerhalb ihres politischen Engagements zu Diensten war. Und in der Illegalität, in der sie operierten, ermöglichten sie den Leuten illegale Späße: Prostitutenbesuche und Rauschgiftkonsum.

Die große Eigensucht, mit der diese Leute ihre Privatinteressen durchsetzten, projizierten sie auch auf den Staat, der ihrer Meinung nach genauso rücksichtslos und kriminell nach Herrschaft streben sollte wie sie selbst. Der Staat brauchte dafür an der Spitze einen absoluten Führer wie die Yakuza-Banden1 des organisierten Verbrechens. Und wenn dieser absolute Herrscher dann noch Arahitogami sein konnte, um so besser.

1 Yakuza wurden genannt und nannten sich in Japan Verbrecher, besonders die Verbrecher, die einer Organisation angehörten und einen gewissen Ehrenkodex befolgten; gehörte dazu auch nicht Respekt vor dem Eigentum anderer, so doch Treue, Vergeltung und Todesverachtung. Viele organisierte Verbrecher hielten sich deshalb für so etwas wie die letzten Samurais. Sie hatten wahrscheinlich recht mit dieser Annahme. Ins Deutsche übersetzt hieß das Wort Yakuza eigentlich bloß Taugenichts. Erstaunlicherweise prahlten diese japanischen Taugenichtse in der sonst so bescheidenen und zurückhaltenden japanischen Gesellschaft mit dem Titel, während ihre sizilianischen Artgenossen, die Mafiosi, unter ihren aufschneidenen italienischen Landsleuten die Omertá beachteten und ihr Unterweltdasein verschwiegen, obwohl sie nach dem alten sizilianischen Wort für Prahlerei `Maffia' benannt wurden. Wie in anderen Ländern auch unterstützte das organisierte Verbrechen Japans eine extrem reaktionäre Politik und eine Law-and-Order-Gesetzgebung, unter der ihr eigenes Fußvolk lange Freiheitsstrafen zu verbüßen hatte. Nie kamen beschuldigte Rauschgifthändler auf den Gedanken, für das Recht auf freien Konsum ihrer Produkte zu plädieren etc., genauso wenig wie Mafia-Bosse, die an der Prostitution verdienten, sich nicht für `freie Liebe' einsetzten, sondern immer in erzkatholischer Tradition ein Schäferstündchen mit einer ihrer keuschen Töchter mit Mord und Totschlag ahndeten.

Wenn der neue Tenno aber wirklich bei seiner Daijosai-Zauber-Zeremonie zum Gott metamorphierte, dann hatte er auch kraft des Gesetzes Hakko-ichiu, Die-acht-Ecken-der-Welt-unter-einem-Dach, das Recht die Welt zu beherrschen.

Eine achteckige Welt? Es war doch erstaunlich, wie sich damals aller wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Trotz die unheiligen Lehren heiliger Thesen, achteckige Welten, flat earth societies und Schöpfungsmärchen durchschlängelten; und oft waren es nicht einmal nur Einzelgänger, die sich in ihrem Kämmerchen still einer solchen Allwissenheit erfreuten, sondern ganze Bevölkerungen wurden immer wieder davon befallen und huldigten dem goldenen Kalb, das da heißt Unsinn. Und Sinn, Vernunftsinn mußte sich ins stille Kämmerchen verkriechen.

Vernunftsinn bewiesen zweifellos einst die große Eckpfeiler der japanischen Wirtschafts-Welt, als da waren: Basisreisfeld=Honda, Drei-Rauten=Mitsubishi, Drei-Brunnen=Mitsui, die Automobilfirma Mazda, dessen Gründerchef Kiefernfeld=Matsuda die Firma nach dem parsischen Eingott Ahura Masda benannte, sowie Motorenmacher Glockenbaum=Suzuki, sowie Sony, Sanyo und Reichesreisfeld aus der gleichnamigen Stadt Toyota, als sie ihre Ingenieure immer bessere Produkte entwickeln ließen. Und ihr Profit-Maximierungs-Sinn, in sich genommen auch kein Unsinn, ließ sie überall investieren und verdienen.

Und wenn sie sich nicht auch an der Rüstung hätten bereichern wollen, hätte man der Welt vielleicht ein paar Ecken weniger reingebombt und sie wäre nicht so frühzeitig ins Bleiern gekommen.

Bevor Adjuna Saipan verließ, wollte er sich einmal den Luxus leisten, ein warmes Süßwasserbad zu nehmen. Er mietete sich also für eine Nacht in einem Hotel ein. Es war ein billiges Zimmer und nicht aufgemacht. Aber das zerknautschte Bett machte ihm zuerst nichts aus, erst als er das Laken zurückschlug und die schmierigen Spuren eines Geschlechtaktes vorfand, protestierte er bei der Geschäftsleitung, die ihm knurrend erklärte, daß die Bettlaken eigentlich nur einmal pro Monat gewechselt würden; und man fluchte auf den vorigen Gast, der das Bett so schmutzig gemacht hatte. Ein Dienstmädchen wechselte ihm dann mürrisch die Laken.

Adjuna badete den halben Nachmittag in dem warmen Süßwasser.

Wer für seine persönliche Hygiene immer nur ins Meer sprang, konnte so ein Bad wirklich genießen.

Nach dem Bad legte sich Adjuna auf sein sauberes Bettlaken. Ihm war danach zu lesen. Er blickte sich um. In dem Raum gab es weder Zeitungen, noch Magazine oder Bücher, nicht einmal eine Gideon Bibel war im Nachttisch. Sich extra anzuziehen und runter zum Kiosk zu gehen, dazu hatte Adjuna auch keine Lust.

Da fiel sein Blick auf den Papierkorb. Natürlich war er nicht entleert worden. Sicher gehörte es zur Philosophie des Hauses, ihn, solange er nicht überlief, nicht zu entleeren. Vielleicht würde er ein paar interessante Liebesbriefe finden, so hoffte Adjuna. Etwas sah wie zerknülltes Briefpapier aus. Vielleicht hatte jemand, bevor er sich hier von den Huren des Hauses bedienen ließ, einen rührigen Brief an die Ehefrau daheim geschrieben und mehrere Male einen Anlauf nehmen müssen und verworfene Entwürfe in den Papierkorb geworfen.

Neben den verschiedensten Notizen und Papieren, achtlos weggeworfenen Briefen von Eltern, die sich wegen ihrer travelnden Kinder sorgten, und Briefumschlägen aus Japan, befand sich auch die Kladde eines Artikels, der die Überschrift trug `Bericht aus Japan'.

Dieser Bericht war von einem verhinderten Zeitungsschreiber verfaßt worden, und die Reinschrift seines Berichts befand sich in irgendeinem Papierkorb auf der anderen Seite der Welt.

Adjuna war begeistert von dieser neuerlichen Spur, die diese Insel mit Japan verband.

Adjuna las also den Bericht des Möchtegern-Schreiberlings:

Bericht aus Japan

Am 27. Sept. 1945 gab der Kaiser Hirohito im Hauptquatier der Besatzung folgende Erklärung ab: "Ich bin zu Ihnen, General MacArthur, gekommen, um mich der Gerichtbarkeit der Mächte, die Sie repräsentieren, als der allein Verantwortliche für jede politische und militärische Entscheidung und Aktion, die im Verlauf des Krieges gefällt wurde, zu übergeben." Und am Neujahrstag 1946 sagte er sich öffentlich von seiner Göttlichkeit los. (Ach, könnten die anderen Götter doch auch so einfach abdanken!)

Wer Gläubige kennt, weiß, daß sie manchmal wenig darum geben, was ihre Götter sagen. Das ist beim Papst so, der sich geschmeichelt fühlt, wenn man ihn heiligen Vater nennt, obwohl es in Mt. 23; 9 heißt: Niemanden auf Erden sollt ihr Vater heißen, denn einer ist euer Vater, der im Himmel. Und das ist auch hier so: Bei der letzten Unterhauswahl, als jedem Kandidaten, auch dem aussichtslosesten, demokratisch vorbildlich im Fernsehen 15 Minuten Sendezeit zum Vorstellen eingeräumt wurde, konnten wir erleben, wie so ein aussichtsloser Kandidat immer wieder seine Handflächen zum Gebet zusammenhielt und darauf bestand, daß der Tenno ein Gott sei. (Ich hatte den ganzen Fez zuerst irrtümlich für Satire gehalten.)

Kriminell reagieren die Yakuzas, das organisierte Verbrechertum, dessen autoritäre Strukturen absoluten Gehorsam und einen absoluten Gott erfordern, auf jede Kritik am Tenno. Eine Zeitungsredaktion, die zu früh Vermutungen über eine Krebserkrankung des alten Tennos angestellt hatte, wurde Opfer eines rechtsradikalen Angriffs. Später wurde der Tenno zwar wegen Krebs am Zwölffingerdarm operiert, aber ihm wurde keine chemotherapeutischen Medikamente gegeben, weil es mit seiner Ehre (?) nicht vereinbar sei. (Ich hatte schon in Erwägung gezogen, den kaiserlichen Haushalt wegen unterlassener Hilfeleistung anzuzeigen.)

Während der Kaiser todkrank im Bett lag, hörte man immer wieder von christlichen Organisationen und Demonstrationen, die vom Tenno verlangten, daß er sich für den Zweiten Weltkrieg entschuldige. Als er dann tot war, nahmen die Aktivitäten der Christen, sie stellen etwa 1% der Bevölkerung, noch zu. Jetzt wollte man das schintoistische Begräbnis des Tennos, das nach Meinung der Christen gegen das Prinzip der Trennung von Staat und Religion verstieß, verhindern. Wenn sich die Familie des Tennos für eine christliche Beerdigung entschieden hätte, wären den Christen zweifellos andere Rechte eingefallen. Die Demonstrationen wurden zum Teil von ausländischen Missionaren organisiert. Von japanischer Tradition hielten sie offensichtlich wenig, was ich besonders interessant finde, angesichts der Tatsache, daß die Kirchen gerade jetzt in osteuropäischen Ländern Zugang zu Schulen, Krankenhäusern und Militär fordern, um ihre traditionelle Rolle wahrnehmen zu können. Aber natürlich: Tradition wird nur geachtet, wenn es die eigene ist.

Immer wieder umgingen führende Politiker, wenn sie von der linken Opposition nach der Verantwortlichkeit des Tennos für den Krieg gefragt wurden, eine klare Antwort. Der Bürgermeister von Nagasaki, Hitoshi Motoshima, ein Katholik, machte eine Ausnahme und erklärte am 7. Dez. 88, daß er den Tenno zumindest für mitschuldig am Zweiten Weltkrieg halte, denn alles geschah im Namen des Tennos. Außerdem, beklagte er sich, sei er als Katholik damals diskriminiert worden. Allerdings muß man hier anführen, daß er es in normaler Zeit zum Offizier brachte und als Rekrutenausbilder selbst nicht unschuldig am Krieg sein dürfte. für seine Äußerung erntete er den Haß aller Rechtsradikalen. Man schwor, ihn nach der einjährigen Trauerzeit umzubringen. Am 18. Jan. 90, also nur 11 Tage nach Ablauf der Trauerzeit, feuerte Kazumi Tajiri aus nächster Nähe drei Schüsse auf den Bürgermeister ab. Tajiri und seine Leute hatten sich moralisch über Motoshimas Äußerung entrüstet, aber gleichzeitig konnten sie, wie die Polizei später feststellte, eine über 80jährige Hauswirtin bedenkenlos einschüchtern, daß sie seit 8 Jahren nicht wagte, von ihnen Miete zu fordern.

Außerdem haben sie völlig ignoriert, daß wie der alte Tenno schon sich der neue Tenno, wenn immer möglich, gegen Gewalt, aber für Demokratie und Meinungsfreiheit ausspricht.

Auf einer Pressekonferenz anläßlich seines 30. Geburtstags verurteilte der Kronprinz sogar mit noch schärferen Worten die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch Gewalt und die Rechtsradikalen und sagte selbst, daß sein Großvater Verantwortung für den Krieg trage.

Der Bürgermeister überlebte zum Glück die Schußverletzungen, und Japan hat einen lebenden Märtyrer der Meinungsfreiheit, ebenso die katholische Kirche.

Als der Italiener Gianni Palma, der die Buchrechte für die japanische Übersetzung der "Satanischen Verse" erworben hatte, Rushdies Buch mit Hilfe des Herausgebers Shinsensha den Japanern zugänglich machte, lag es nahe, die japanische Ausgabe dem Bürgermeister Motoshima zu widmen. Gegen diese Widmung hat sich der Bürgermeister aus verschiedenen Gründen verwahrt: Einmal möchte er nicht, daß sein Name für Geschäftemachereien mißbraucht wird, dann ist er noch gegen Blasphemie und außerdem hat seine Stadt, Nagasaki, gute Handelsbeziehungen mit dem Iran.

Natürlich kann man auch hier nicht einfach die Satanischen Verse veröffentlichen, ohne daß die (meist ausländischen) Moslems (etwa 30 000 in ganz Japan) Mord und Todschlag schreien. Da die Moslems bei einer früheren Demonstration (etwa 200 Teilnehmer) vor der britischen Botschaft, obwohl sie "Death for Rushdie" brüllten, zumindest in den englischsprachigen Medien eine gute Presse bekamen, voller Verständnis für die verletzten religiösen Gefühle, ging ich diesmal (12. Feb. 90) mit meinem eigenen Schild zur Demonstration. Auf der einen Seite stand "Redefreiheit endet, wo Mordhetze beginnt" und auf der anderen "Blasphemie ist ein Heilmittel gegen Religion". Ich hoffte vor Vertretern der Massenmedien eine Erklärung zur Verteidigung der Menschenrechte abgeben zu können, aber natürlich respektieren Mordhetzer nicht das Demonstrationsrecht anderer Leute. Voller Haß schlugen einige Moslems mit Schirmen und Latten von ihren Schildern auf mich ein, als ich in die Nähe der Demonstration kam. Vorher konnte ich noch von jemandem, dem ich auf die Frage, was ich mache, die "Menschenrechte verteidigen", geantwortet hatte, erfahren, daß es keine Menschenrechte gäbe, nur Allahs Rechte.

Zum Glück wurde ich schnell von der Polizei gerettet, so daß ich nur ein paar, allerdings stark blutende Platzwunden am Kopf erlitt.

Zwei Tage später wurde der Herausgeber Gianni Palma auf einer Pressekonferenz von einem 30jährigen Pakistani angegriffen. Palma konnte dem Schlag glücklicherweise ausweichen und der Täter wurde schnell von Reportern und Polizisten niedergemacht. Ein anderer Pakistani (28) stach auf dieser Konferenz mit seinem Kugelschreiber auf ein britisches Fotomodell und einen japanischen Reisebüroangestellten ein, weil sie ein Plakat hoch hielten. Da er nicht lesen konnte, war ihm entgangen, daß dieses Pärchen gegen die Veröffentlichung der Satanischen Verse protestierte.

Ich habe mehrfach versucht, in Leserbriefen zu dieser Kontroverse Stellung zu nehmen. Aber ob ich nun zur Beruhigung der moslemischen Gemüter darauf hinwies, daß die Satanischen Verse mit einem Happy End für Moslems, nämlich der Steinigung der Gegner des Propheten, enden, oder provokativ schrieb, nachdem ich die neunte Sure 30, die den Todschlag an Christen und Juden propagiert, zitiert hatte, daß wenn man schon Bücher verbrennen muß, Bücher verbrennen sollte, die zum Mord an Mitmenschen aufrufen, meine Briefe wurden ignoriert.

Die Japan Times (mit katholischem Management) veröffentlichte am Jahrestag der islamischen Revolution drei Seiten lang Schmeicheleien und Propaganda für den Iran. Unter anderem wurde die Weisheit Khomeinis gelobt!

Vielleicht hat die Japan Times recht, Khomeini ist weise - und wir sind dumm, wenn wir glauben, wir könnten Religionen auf friedliche Art, nur durch Aufklärung und Argumente, beseitigen.

Holger Hermann Haupt

Näher kamen sie sich nicht, der elende Skribent, der es nicht verstand, die Segel hochzuziehen und das Weite zu suchen, sondern nur in seinem 6-Tatami-Zimmer in Tokyo saß und die Tastatur seiner Schreibmaschine bearbeitete und sich nur einmal im Jahr einen kleinen Kurzurlaub an einer warmen Küste erlaubte, und der große Held, der, wenn er auch nicht die Menschheit befreite, doch immer die eigene Freiheit fand, und der auch nicht im kürzesten Augenblick seines Lebens mal kein Held war; hätten sich ihm 200 Möchtegern-Mörder in den Weg gestellte, er hätte sie getrieben, vor sich hergetrieben, bis ins nächste Gewässer hätte er sie vielleicht getrieben. Vielleicht hätte er, der Übermensch, da ihren Kopf waschen können.

Wenn man über Japan sprach, sollte man die folgende Geschichte nicht

auslassen, die `Geschichte mit dem Vorhang'.

Die `Geschichte mit dem Vorhang' erklärte nämlich sehr gut die kosmischen Erscheinungen - für Kinder, wenn sie lieb genug waren, zuzuhören.

Also die `Geschichte mit dem Vorhang'! - Es geht los:

Mukashi, mukashi, sono mukashi... Vor langer, langer Zeit und noch davor vor langer, langer Zeit... Mit dieser genauen Zeitangabe begannen alle japanischen Märchen, außer science fiction. - Also mukashi, mukashi, sono mukashi war es auf der Erde immer nur hell, es war hell, hell und hell, überall war es immer nur hell. Wohin man auch schaute: Helligkeit, nichts als Helligkeit, immer nur Helligkeit.

Die Leute konnten nicht schlafen. Es war ihnen zu hell. Der Himmel blendete, die Helligkeit blendete.

Wegen der Helligkeit waren die Leute immer aktiv, sie waren aktiv und aktiv, bis sie vor Erschöpfung umfielen. Mal fiel der eine um, mal der andere. Und wenn er umfiel, dann lag er im Weg. Mal lag der eine im Weg, mal der andere. Und die aktiven, wachen Leute stolperten über sie oder mußten einen großen Schritt über sie machen. Das war ein Chaos.

Nichts klappte richtig. Während der eine aktiv war und sich die Sohlen seiner Schuhe ablief, daß sie zum Besohlen zum Schuster mußten, war der gerade vor Erschöpfung an seinen Leisten eingeschlafen. Ein anderer war hungrig und wollte Einkäufe für ne Mahlzeit machen, aber der Kaufmann war am Pennen. Und die Nachtaktiven der Halbwelt warteten vergeblich auf Dunkelheit.

In dieser verzweifelten Lage wandten sich die Menschen an Gott. "Du",

sprachen sie. Sie hatten ein gutes Verhältnis zu ihrem Gott und sprachen ihn immer mit `Du' an. "Du", sagten sie also, "du hast ja ne ganz gute Welt gemacht, aber es ist zu hell." Der Gott war zuerst etwas pikiert, daß die Leute etwas auszusetzen hatten an seiner Schöpfung. "Es ist hell, aber Helligkeit ist doch gut."

Die Menschen erzählten ihm dann von ihren Problemen mit der Helligkeit. Und da er ein einsichtiger Gott war, verstand er die Probleme der Menschen.

Aber er war noch immer ratlos. "Was soll ich denn gegen die Helligkeit machen?" Wie alle Götter badete er in Helligkeit und kannte nichts anderes außer Helligkeit.

"Mach uns Dunkelheit!" sprachen die Menschen. Gott sah sich in seinem Badezimmer um, aber es gab keinen Hahn für Dunkelheit.

"Ich kann euch keine Dunkelheit machen, mir fehlt die Installation dafür", sagte der Gott. Die Menschen überlegten hin und her, was sie wohl machen könnten, und auch der Gott half mit mit seinem göttlichen Gehirn.

Dann hatte plötzlich jemand eine Idee: "Wir brauchen keine Rohrleitungen für die Dunkelheit, wir brauchen einen Vorhang, der die Helligkeit nicht durchläßt." Alle bewunderten das Geniale dieses Vorschlages.

Sie riefen wieder ihren Gott an. Der hatte aber schon alles mitbekommen. "Ihr wollt einen Vorhang. Ich mache euch einen Vorhang." Und bums, war es stockdunkel.

Alle Leute schliefen. - Und schliefen, und schliefen. - Schliefen immer weiter und weiter und weiter. Und es war keine Helligkeit da, um sie zu wecken. Einige konnten einfach trotz der Dunkelheit nicht mehr weiter schlafen. Sie lagen wach und warteten auf die Helligkeit. "Gott verdammt, wo bleibt denn die Helligkeit", dachten sie. Und die Zeit wurde ihnen zu lang. Einige schliefen wieder ein, andere standen auf und tasteten sich durch die Dunkelheit und stolperten über die Schlafenden. Einen Schritt konnten sie ja nicht mehr über die Schlafenden machen, da sie sie wegen der Dunkelheit nicht sahen. Die Schlafenden erwachten und waren wütend, weil man sie getreten hatte, und vor Wut schlugen sie um sich und stolperten über Schlafende und schlugen ein auf die In-der-Dunkelheit-Tastenden. Das Chaos war jetzt noch größer als bei der Helligkeit.

Und die Leute riefen wieder ihren Gott an. "Heh, du da oben", riefen sie. Sie mußten diesmal ordentlich schreien, denn der Vorhang ließ nicht nur kein Licht durch, sondern auch die Schallwellen nur sehr schlecht.

"Was wollt ihr schon wieder?" fragte der Gott. "Du mußt mal den Vorhang wieder aufmachen. Wir brauchen Helligkeit." - "Schooon, ihr habt doch gerade erst Dunkelheit gewollt." antwortete der Gott. Ihm schien noch nicht viel Zeit vergangen zu sein. - "Ja, schon. Wir sind schon lange wieder wach. Wir haben ausgeschlafen."

"Also gut", meinte der Gott etwas mißmutig, "dann mach' ich eben wieder auf."

Einige Weitsichtige merkten, daß der Gott vielleicht doch nicht so gern von ihnen angerufen wurde, und daß die Probleme mit dem Vorhang in naher Zukunft ihre Beziehung zu Gott negativ beeinträchtigen könnten. "So geht es aber nicht weiter", meinten sie, "wir können nicht jedes Mal den Gott neu belästigen." Der Gott stimmte ihnen zu: "Ihr müßt euch einigen, ob ihr den Vorhang nun auf oder zu haben wollt."

"Wir müssen uns auf feste Zeiten einigen, wann der Vorhang auf und wann er zu sein soll, feste Öffnungszeiten und feste Vorhangschließzeiten", sagten aber die Leute.

Und die Leute fingen an zu diskutieren, wie sie das wohl machen sollten. Es war gar nicht so leicht, sich da zu einigen. Einige meinten, wenn der erste von ihnen anfinge zu gähnen, solle der Vorhang zugemacht werden, aber viele waren gegen diesen Vorschlag, am meisten aber protestierte der Gott gegen diesen Vorschlag, da er keine Lust hatte, die ganze Zeit den blöden Menschen aufs Maul zu schauen.

Endlich hatte jemand eine gute Idee: "Die Sonne wandert doch immer am Himmel. Wenn immer sie den Westen erreicht hat, sollte von Osten her der Vorhang zugezogen werden, und wenn sie die Unterwelt durchwandert hat und wieder im Osten ist, dann sollte der Vorhang von Osten her wieder aufgezogen werden. So entstehen Zeitabschnitte von Helligkeit und Dunkelheit, und sie sind nicht zu lang und nicht zu kurz." Das war ein guter Vorschlag. Alle bewunderten wieder die Genialität, die einer der ihren gezeigt hatte.

Auch der Gott fand diesen Vorschlag gut. Es gelang ihm sogar den Vorgang irgendwie zu automatisieren, so daß er sich nicht jedes Mal selbst bemühen mußte.

Und so wechselten sich von nun an Helligkeit und Dunkelheit ständig ab.

Vom tagtäglichen Hin- und Her-, Auf- und Zuziehen bekam der Vorhang langsam kleine Löcher, einmal wurde er sogar bei einem starken Taifun gegen ein bewaldetes Gebirge getrieben und bekam von den Tannenspitzen ganz viele Löcher. Einige behaupteten, die Stelle sähe aus, als ob da Milch entlang gekleckert sei, und nannten die Stelle deshalb Milchstraße, aber das war natürlich Unsinn.

Irgendwann müßte man sich mal einen neuen Vorhang anschaffen.

--- Soweit die Geschichte vom Vorhang. Diese Geschichte beschrieb also, wie die Japaner von Gott einen Vorhang bekamen, der ihnen die Dunkelheit bescherte. Die Japaner hatten vor dieser Geschichte nicht soviel Ehrfucht wie vor den Geschichten, die sich um die göttliche Abstammung der kaiserlichen Familie rankten.



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