Ein anderes Mal segelte Adjunas kleine Flotte dicht an der chinesischen Küste entlang. Obwohl die Küste unauffällig aussah, fürchtete Adjuna sich ein bißchen vor der Landmasse, die dahinter lag, und den Superlativen, die sich da verbargen.
Die Chinesen, die dieses Land bewohnten, waren nicht nur das zahlenmäßig größte Volk der Erde, sondern auch das älteste Kulturvolk der Erde. Ihre Kultur hatte trotz Kulturrevolution eine Beständigkeit gezeigt, die anderen Kulturen versagt geblieben war.
Obwohl dieses Reich der Mitte das Schießpulver erfunden hatte, war es im 19. Jahrhundert dem westlichen Wurmfortsatz der Euroasiatischen Festlandsmasse waffentechnisch unterlegen gewesen. Und als Kaiser Tao Kuang im Jahre 1839 ein totales Opiumverbot über sein Land verhängte, wurde er von den Briten, die an der Opiumsucht der Chinesen verdienten und sie förderten, ohne selbst süchtig zu sein - außer nach dem Geld, das sie an der Ausbeutung anderer Völker erhabgierten, - bekriegt und besiegt.
In der Folge dieser Niederlage mußte China 21 Millionen mexikanische Dollar Kriegsentschädigung zahlen und die Ungleichen Verträge unterzeichnen. In den Ungleichen Verträgen (1842) wurde China Handelsfreiheit für britische Kaufleute aufgezwungen, und die Briten verkauften fortan in China etwas frei, was sie im eigenen Land nicht hätten frei verkaufen dürfen: Opium. In den Ungleichen Verträgen wurde den Chinesen noch eine andere Freiheit aufgezwungen: Missionsfreiheit für christliche Missionare. Aber im Gegensatz zu dem alten Kulturvolk Ägyptens, das zuerst das Christentum und dann den Glauben seiner islamischen Eroberer annahm, erwiesen sich die Chinesen außergewöhnlich immun gegen dieses neue Opium, das das Volk in scheußliche geistige Abhängigkeit gebracht hätte.
Eine kleine Insel vor der Küste Kantons, von wo aus die Briten ohne chinesische Einmischung ungestört ihren schmutzigen Rauschgiftgeschäften nachgehen konnten, mußte China auch abtreten: Hongkong, das Fischerdorf aus dem eine Millionenstadt werden sollte. Ein Jahrhundert später sollte übrigens ein blühender illegaler Rauschgifthandel in andere Richtung, über Hongkong in die übersättigten westlichen Industrienationen florieren.
1898 hatten die Briten den Chinesen auch noch ein Stück vom Festland abgepreßt, und zwar für 99 Jahre. Damals erschien es eine Ewigkeit zu sein, und falls die 99 Jahre wirklich einmal umsein sollten, dann könnte man den Chinesen ja immer noch eine Verlängerung abpressen, so hatte man damals gedacht. Man hatte nicht damit gerechnet, daß wenn man alle Kolonien ausgepreßt hatte, da nicht mehr viel zu holen war, und man selbst verarmte. Bevor die 99 Jahre um waren, hatten die Briten keine Chance mehr, die Chinesen zu erpressen, ohne ausgelacht zu werden für eine solch absurde Dreistigkeit.
Als Adjuna kurz vor Torschluß für die Briten im Hongkonger Hafen ankam, fand er aber nicht Freude unter den Chinesen Hongkongs, sondern Angst. Tatsächlich flohen viele. Und es wären noch mehr geflohen, wenn sie gewußt hätten, wohin. Und das hatte etwas mit einem anderen Superlativ des Landes zu tun.
Das chinesische Volk war zwar nicht dem Christentum erlegen, aber einer anderen westlichen Idee, dem Marxismus. Karl Marx gehörte zwar nicht zu den großen Religionsstiftern, er war bloß der Begründer einer Ideologie, aber das war ja nur eine kleine Stufe harmloser. Und mit religiösem Eifer wurde seine Ideologie durchgedrückt.
"Für den dauerhaften Frieden der Volksrepublik China", wie der Finanzminister Po I-po einst zugab, "war es in den letzten drei Jahren (1950-52) notwendig 2 Millionen `Banditen' (Regierungsorwellsch für Dissidenten) zu liquidieren", also aus politischen Gründen zu ermorden. Er wußte nicht, daß man keinen dauerhaften Frieden erreichte, solange man noch Menschen am Leben ließ.
Aus anderen Quellen erhielt man andere Zahlen. Die UdSSR warf den Chinesen vor, unter Mao Tse-tung zwischen 7. April 1949 und Mai 1965 26,3 Millionen Menschen umgebracht zu haben. Taiwan, selbst auch nicht zimperlich mit Urteilsvollstreckungen, warf der Volkrepublik sogar vor, zwischen 1949 und 69 wenigstens 39 940 000 Menschen umgebracht zu haben. Der Walker Report der USA war ein bißchen genauer und gab die Zahl der Toten mit zwischen 32,25 Millionen und 61,7 Millionen an. Der Figaro veröffentliche in der 19. - 25. Novemberausgabe von 1978 eine Schätzung Jean-Pierre Dujardins: 63,7 Millionen.
China war nicht das einzige Land, in dem die Menschen der kommunistischen Ideologie geopfert wurden. Stalin selbst erwähnte gegenüber Churchill am 17. August 1942 in Moskau, daß 10 Millionen Kulaken hatten liquidiert werden müssen, weil sie sich der Kollektivierung ihrer Bauernstellen widersetzten. In der Izvestia vom 16. April 1988 wurden die Opfer Stalins auf 50 Millionen geschätzt. Alexander Solzhenitsyn schätzte, daß vom Oktober 1917 bis Dezember 1959, also unter Lenin, Stalin und Khrushchyov, insgesamt 66,7 Millionen Menschen den Tod fanden.
In dem kleinen Land Kampuchea brachten es die kommunistischen Khmer Rouge nach eigenen Angaben fertig, ein Drittel ihrer 8 Millionen Landsleute zu töten, nach anderen Angaben sollten es über 3 Millionen gewesen sein.
Kommunismus war die ideale Gesellschaft, die gerechte Gesellschaft schlechthin, die vollkommene Gesellschaft, die Gesellschaft, die das größte Glück für die breiteste Masse garantierte, die Gesellschaft, in dem jedem die Sicherheit eines Beamtenlebens zu Gute kam, wenn er duckmäuserte wie ein Beamter; das Problem war nur, daß man viele Leute - nicht die meisten, aber halt doch viele Leute - zu ihrem Glück zwingen mußte, denn nicht alle wollten sich fügen und verbeamtet werden und einige liebten es, nach eigener Façon glücklich zu sein, andere wollten die alten Herren, aber die kommunistische Gesellschaft war nun mal das Gegenteil von einer Gesellschaft, in der man nach eigener Façon glücklich werden durfte,
oder den altenäherren kowtowen.
übrigens, auch J. C. war ein Kommunist, dem das Nach-eigener-Façon-Glücklich-Sein ein Dorn im Auge war. Und auch wenn K. M. Religion für Opium hielt, ein ganz klein' Bißchen hatte er wohl bei J. C. abgeguckt, und später seine Inquisitoren bei der Inquisition.
Selbst Jesus Christ aber war kein Orginal, viele göttliche Erlöser vor ihm waren von Jungfrauen geboren worden und hatten ausgestreckt unter Folternqualen den Opfertod für die Menschheit erlitten, und der 25. Dezember als Geburtstag war unter Göttern und göttlichen Erlösern so ungefähr das Gewöhnlichste, was man sich vorstellen konnte.1 Wenn wir Karl Marx zu den Erlösern rechnen, dann war seine Geburt von einer entjungferten Frau, noch dazu am 5. Mai, geradezu etwas Orginelles; daß sein Erlösungsversuch scheiterte, war jedoch ganz und gar nicht orginell.
1 für ausführlichere Informationen zu diesem Thema siehe z. B. "The World's Sixteen Crucified Saviour or Christianity Before Christ" von Kersey Graves, The Truth Seeker Company, New York, 38 Park Row.
Einige seiner Anhänger mochten vielleicht glauben, sie hätten ihn nicht genug angebetet, aber in Wirklichkeit war das Problem wie immer zuviel Anbetung gewesen. In den Ländern, in denen der Marxismus Staatsreligion gewesen war, hatte sich sein Konterfei wie die Kruzifickse Bayerns an jeder Ecke befunden, in jeder Beamtenstube, in jedem Klassenzimmer, auf jedem öffentlichen Platz und in den nicht öffentlichen Spezialvernehmungszimmern der Polizeigefängnisse sowie an Wegkreuzungen, sei es nun in den Hauptstädten oder im fernen Sibirien gewesen. Es hatte sich gelohnt, Ikonen an Wegkreuzungen aufzustellen, weil das Verkehraufkommen dort doppelt so hoch gewesen war wie an einfachen Straßen.
Das kommunistische Manifest war der Bergpredigt intellektuell haushoch überlegen gewesen, die Priesterkaste des Marxismus hatte jedoch keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Marxismus gewollt, so daß die Bevölkerung schließlich so verdummte, daß sie wieder die Bergpredigt mit all ihrem Drum und Dran annahm.
Es waren immer die allgemeinen menschlichen
Schwächen, die aus den Allmächtigen, waren sie nun Priester,
Politiker, Richter oder Polizeikommisare gewesen, Monster und
Tyrannen machten, die absolut und unkontrolliert herrschen
wollten.
Während die Kommunisten Rußlands endgültig das Handtuch geworfen hatten und die russische Bevölkerung in den Schoß der Mutter Kirche zurückkroch (eigentlich war es nicht die Mutter, sondern die Großmutter, in die man hineinkroch, denn die Generation der Mütter war ja marxistisch-materialistisch gewesen, und natürlich war es auch nicht der Schoß, in den man hineinkroch, sondern wieder der Anus, aber egal, wer roch das schon, man kroch weiter von einem Loch ins andere; nur wer 'ne Nase hatte, roch's), und während der Unterschied zwischen homoiusios und homousios größer wurde als der Unterschied zwischen kapitalistisch und kommunistisch, entschieden sich die kommunistischen Bonzen Chinas, der Bevölkerung die Freiheit zu geben, auch vor buddhistischen Bonzen zu kowtowen und für kapitalistische Unternehmer zu malochen. Diese Reformbereitschaft sollte ihnen das überleben sichern.
Und so schlängelte sich gerade die Partei mit Hier-ein-Bißchen-mehr-und-Dort-ein-Bißchen-Weniger-Erlauben durch, und wand sich wie alle regierenden Parteien davor, den Menschen die Freiheit zu geben, für sich selbst zu entscheiden, sich selbst zu regieren.
Die Menschen hatten keine starke Stimme, die die Entscheidungsfreiheit und Verantwortung für menschliches Handeln für den einzelnen Menschen selbst forderte.
Aber Traditionalisten, Buddhisten und Fantasten sprossen aus dem Boden wie Pilze nach einem Regentag und sie schossen empor wie junge Bambussprossen und erreichten schnell eine beträchtliche Höhe. Das Volk blickte gern zu ihnen auf. Und sie da oben blickten gern auf das Volk herab, und mit Freude sahen sie, wie sich der alte, kommunistische Parteileib in ihm wand, wie eine Schlange..., wie eine getretene Blindschleiche... ein Regenwurm vor dem Vertrocknen...
Um der Tagespolitik und seinen Eintagsfliegen
zu entkommen, floh Adjuna in die fantastische Welt der
chinesischen Oper. Nur der Schiffskoch Wong Chin Lee begleitete
ihn. Der Rest der Mannschaft verstand kein Chinesisch und zog es
daher vor, Etablissements aufzusuchen, die eine international
verständlichere Unterhaltung boten.
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