Adjuna in der chinesischen Oper
Hier nun, was Wong Chin Lee und Adjuna in der chinesischen Opera erlebten. Es wurde das traditionelle Stück `Bai She Zhuan' aufgeführt, das die Liebe der Weißen Schlange zu einem Sterblichen der Menschenwelt, der Apotheker und Jünger Buddhas war, zeigte:
"Schlangen sind Lindwärmer, Drachen, böse Biester, die ihre Form verändern, am Himmel entlang ziehen, manchmal Feuer spucken und Wasser, und gefährlich grollen, aber sie sind auch Gefangene der Götter, angekettet wie Kettenhunde, können sie nicht vom Himmel entfliehen, Menschen beißen oder lieben. Aber es gab einmal eine schöne, weiße Schlange, die riß sich los, denn sie liebte einen Mann der Menschenwelt..."
Die leere Bühne leuchtete im Glanze der übermächtigen Götter und Buddhas, die die Schauspieler diesmal darstellten. Und der oberste Bonze saß auf dem höchsten Thron und strahlte im pursten Gold seines Make-ups, der heiligste Schein im edelsten Sein und Nichtsein. Die Unwirklichkeit war überwältigend.
Einst im irdischen Leben hatte sich dieser Bonze vom verwöhnten Königssohn Siddharta Gautama zum Asketen und schließlich zum Erleuchteten gemausert.
Aus dem Haus in die Hauslosigkeit, vom Heim in die Heimatlosigkeit, in die Obdachlosigkeit. Da er ein Königssohn gewesen war, hatte seine im Stich gelassene Familie keine wirtschaftliche Not gelitten.
Der schlimmsten Askese hatte er sich unterzogen, so groß war sein Durst nach Erkenntnis gewesen. In tiefster Meditation hatte er aufgehört zu atmen. Nach einigen Tagen waren selbst die Götter ungeduldigt geworden: "Konnte es sein, daß dieses Kind aus dem Sakya-Klan einfach gestorben war, ohne die Wesen im Sansara vom Leiden befreit zu haben?"
Siddhartas verstorbene Mutter Maya, die im Jenseits zusammen mit den Göttern lebte, erschien bei ihrem Sohn und beweinte seinen leblosen Körper. Da war Siddharta wieder erwacht: "Weine nicht, liebe Mutter, deine Wehe waren nicht vergeblich. Die Weisen haben nicht gelogen. Ich, ich werde - selbst wenn die Erde zu Staub verkrümelte, Berg Meru im Meer versänke und die Sterne wie Regen zur Erde herunterfielen, - ich werde es alles überleben, und die Zeit wird kommen, wo ich das übernatürliche Wissen erwerbe."
Sechs Jahre hatte er am Flußufer gesessen und meditiert, und schutzlos war er den Elementen ausgesetzt gewesen, dem Wind, der Sonne, der Kälte, dem Regen, den Moskitos, den Stechfliegen, den Zecken und Wärmern, den Schlangenbissen und den Dung- und Matschgeschossen der spottenden Bevölkerung. Selten aß er und wenn nur vereinzelte Körner. Aber die Erleuchtung blieb aus.
Im nahen Dorf hatte es eine Schäfertochter gegeben, die die in Meditation sitzende Figur wie eine der hölzernen Götterstatuen verehrt und ihr jeden Morgen Votivgaben dargeboten hatte. Der Meditierende hatte sie nie angerührt gehabt, sondern immer nur in sich hineingeschaut. Als eines Tages die Verzweifelung, im eigenen Innern nichts zu finden, zu groß geworden war, hatte der angehende Buddha wieder aus seinen Augen herausgeschaut. Und was hatte er gefunden? Seine eigenen, knöchrigen Hände und die spitzen Knie seines eigenen hungernden Körpers. Dann hatte er die schöne Schäfertochter gesehen, die ihm eine Schüssel Milch darreichte. Und er hatte seine Hand ausgestreckt und die Schüssel genommen und die Milch getrunken. Und während er getrunken hatte, war ihm noch im Delirium des Hungers die Erkenntnis gedämmert, daß der übergroße Durst nach Erkenntnis dem Erkennen der Erkenntnis hinderlich war. Und er hatte sich entschieden, fortan einen Mittelweg zu gehen zwischen den Extremen wie Prassen und Verhungern, Gier und Gleichgültigkeit dem Genuß gegenüber.
Und schließlich hatte er die Lösung zur Erlösung gefunden, sie war in der Verlöschung jeglichen Durstes, jeglicher Lebensgier gefunden worden. Und bis er in jeglicher Gleichgültigkeit dem eignen Leben gegenüber verdorbenes Schweinefleisch gegessen hatte und an der dadurch hervorgerufenen Ruhr verstorben war, hatte er diese seine Erkenntnis gepredigt.
Seine Lehre war pur und rein gewesen, nie hatte er sie den Frauen gelehrt, denn Frauen waren Lüge, Laster und fleischliche Lust. Aber nachdem der alte König gestorben war, war Mahaprajapati, seine Ziehmutter gekommen und hatte um Einweisung in die Erkenntnislehre gebeten. Dreimal war sie gekommen und hatte ihn inständig gebeten. Dreimal hatte er ihr nicht geantwortet. Schließlich hatte sie sich trauernd in einem groben Gewand vor seine Tür gesetzt und nicht mehr gewagt zu bitten. Dort hatte der Jünger Ananda sie gesehen, und der hatte dann für sie weitergebeten, bis der Buddha schließlich bereit war, seine Lehre auch den Frauen zu öffnen.
Wegen der Minderwertigkeit der Frauen mußten die Nonnen viele strenge Regeln beachten, zum Beispiel bestand der Buddha darauf, daß die Nonnen in der Anwesenheit von Mönchen sich grundsätzlich erhebten und tiefen Respekt zeigten, selbst wenn sie schon hundert Jahre Nonne waren und der Mönch erst einen Tag Mönch, auch durfte eine Nonne es niemals wagen, einen Mönch zu ermahnen, wohl aber mußte sie ergeben die Ermahnungen von Mönchen anhören.
Überglücklich trat des Buddhas ehemalige Pflegemutter der buddhistischen Gemeinde bei und viele andere Frauen folgten ihrem Beispiel. Keusch, züchtig und untertänig führten sie ein religiöses Leben.
Aber der Buddha war nicht zufrieden. Und eines Tages lehrte er: "Frauen hätten wir nicht in unsere Gemeinschaft aufnehmen sollen. Hätten wir sie nicht aufgenommen, würde die Lehre für lange Zeit rein bleiben, und der wahre Glaube für tausend Jahre heiter und gewaltig leben, jetzt aber, daß wir Frauen aufgenommen haben, wird die Reinheit der Lehre schon nach fünfhundert Jahren verloren sein, und der wahre Weg, der achtteilige Pfad der rechten Taten, wird versandet sein in Unwahrheit."
Die Opera spielte nun in einer Zeit, in der nicht nur die fünfhundert Jahre um waren, sondern sogar schon über tausend Jahre. Der Buddhismus hatte, wie von Buddha vorausgesagt, schon lange seine Wahrheit verloren, aber nicht seine Existenz.
Eine buddhistische Bonzenkaste hatte sich gebildet auf der Erde, die sich an Ritualen für die Lebenden und noch mehr an den Ritualen für die Toten wie Maden im Speck dick fraß, und als Priesterkönige beherrschten buddhistische Bonzen sogar ganze Nationen, sie thronten über der Bevölkerung und ihre Macht war größer als die der weltlichen Tyrannen, denn sie beherrschten auch noch den Geist ihrer Untertanen. Und wie auf Erden also auch im Himmel.
Und so thronte der Schauspieler, der den Sakyamuni im Himmel spielte, am höchsten auf seinem goldenen Throne über all den anderen Buddhas und all den großen Göttern, die noch der Erlösung durch die Buddha-Lehre bedurften, und die dabei waren sich durch Gehorsamkeit gegenüber dem Sakyamuni von ihren sansarischen Bedürfnissen zu befreien.
Verhaltene Aufregung herrschte im Himmel. Die Weiße Schlange, welche der Buddha in den tiefsten Verliesen seines Reiches hatte eingekerkert gehalten, war entkommen. Die fromme Feierlichkeit war gestört. Die Weiße Schlange war eine Verbrecherin.
Das Vergehen, das sie für so lange Zeit in den dunklen Kerker gebracht hatte, war die Liebe gewesen. Und es war nicht nur, daß es eine widernatürliche, rassenschändliche Liebe zu einem Menschen gewesen war, sondern noch obendrein, daß dieser geliebte Mensch als Jünger Buddhas sein Leben eigentlich dem Buddhismus gewidmet hatte, was Großen Bonzen besonders erbitterte.
Zweite Szene.
Auf der leeren Bühne erschien die schönste Schauspielerin der Welt im prächtigsten weißen Kostüm mit weißer, Diamanten besetzter Krone und langen Fühlern und Federn gefolgt von einer Reihe weißer Wolken. Sie sang von der Schönheit der Freiheit und von der Dunkelheit und Kälte des Kerkers: "Endlich frei und ohne Fesseln, wie kalt und dunkel war der Kerker! Nie wieder lasse ich mich einfangen."
Mit ihrem übernatürlichen Blick suchte sie den Erdboden unter sich ab. Sie suchte ihren Geliebten. Irgendwo da unten im Reich der Mitte fand sie ihn auch, zwischen dem gelben Hwangho und dem gewaltigen Jangtsekiang. Mit einem Bündel balancierte er im strömenden Regen den schmalen Pfadweg zwischen Reisfeldern entlang. Er war nicht mehr auf dem religiösen Trip, sondern hatte den Beruf eines Apothekers angenommen. Gerade war er auf dem Rückweg von einer Hauslieferung bei einem erkrankten Reisbauern. Es war unwahrscheinlich, daß er sich auch nur an eines von all den Leben, die er in den Jahrtausenden gelebt hatte, in denen Weiße Schlange angekettet im Kerker gekauert hatte, erinnerte und schon gar nicht, daß er einmal der Geliebte der Weißen Schlange gewesen war. Trotzdem wollte Weiße Schlange gleich zu ihm hinunterfliegen, denn sie war sicher, daß es ihr gelingen würde, seine Liebe von Neuem zugewinnen.
Als sie losschnellen wollte, stellte sich ihr Blaue Schlange in den Weg. Blaue Schlange war eine sthenische Schlange männlichen Geschlechts, die wie die Weiße Schlange über gewaltige Magie verfügte. Die Blaue Schlange sang: "Ich bin ein ehrlicher Mann." Die Blaue Schlange wollte die Weiße Schlange als Sexsklavin haben, da war der Schlangerich ganz ehrlich. Ob dieser große Drang des Triebes etwas mit den zwei Penissen der männlichen Schlangen, den sogenannten Hemipenissen, zu tun hatte, ging aus seinem Gesang nicht hervor. Wahrscheinlich nicht, in der Menschenwelt gab es ja auch mickerige Männchen, die mit nur einem kleinen Schwänzchen den großen Drang verspürten.
Freiwillig wollte die Weiße Schlange nicht den unterlegenen Partner einer verschlungenen Geschlechtsvereinigung spielen. Sie stellte sich kampfbereit wie ein Kung-Fu-Kämpfer auf. Der ehrliche Schlangerich schlug ein faires Geschäft vor: "Wenn ich Dich besiege, dann dienst Du mir absolut, wenn Du mich aber besiegst, so diene ich Dir absolut." Dann kämpften sie. Es war ein gewaltiger Kampf, denn sie waren beide unermeßlich stark. Wie zwei Unwetter krachten sie aufeinander, sie bewiesen dabei eine Geschicklichkeit, wie man sie nur von chinesischen Akrobaten kannte, und selbst die weißen und blauen Wolken ihrer langen Leiber, ja selbst ihre Schwanzspitzen hätten es zu olympischen Ehren im Bodenturnen gebracht, wenn sie nur die Bühne hätten sein lassen können.
Der Kampf war lange Zeit unentschieden, aber blieb nicht unentschieden. Weiße Schlange war durch die neugewonnene Freiheit
gestärkt und gehoben, sie wollte nicht wieder unter Knuten leben und leiden und Liebeskummer leiden, Sehnsucht.
Sie siegte.
Blaue Schlange hielt sein Versprechen. Er ließ sich von Weiße Schlange erklären, was er als ihr absolut gehorsamer Diener zu tun hatte. Vielleicht war er erleichtert, daß die Weiße Schlange nur seine Hilfe wollte, um ihren Geliebten in der Menschenwelt wiederzubekommen, vielleicht war er auch enttäuscht, daß sie ihn nicht als Sexsklaven wollte.
Aber Sex und Liebe zu ihr waren nie wieder sein Thema, er war absolut loyal und fing sofort an, Pläne zu entwickeln, wie sie die Liebe des Menschenmannes erwerben könnte: "Es schickt sich da unten nicht, daß du in Begleitung eines Mannes bist. Ich werde mich in ein junges Fräulein verwandeln und dir da unten als Zoffmagd dienen."
Gesagt getan. Für einen Augenblick von seinen eigenen blauen Wolken verhüllt, verwandelte sich der blaue Schauspieler in eine blaue Schauspielerin von außerordentlicher Schönheit, die jedoch aus Bescheidenheit nicht ganz die Schönheit der Hauptdarstellerin erreichte.
Die nächste Szene.
Auf der leeren Bühne befand sich ein Fluß. Ein Fährmann manövrierte sein Boot geschickt durch die Strömung. Seine Bewegungen waren so überzeugend, daß die Zuschauer das Boot förmlich sahen, obwohl alles, was sie sahen, nur ein einziger Remen zum Wriggen war.
Es regnete noch immer in Strömen. Der Apotheker Kyu Sen trat auf die Bühne und ans Flußufer. Er rief den Fährmann. Der Fährmann brachte sein Boot ans Ufer, geschickt hielt er mit dem Remen das Schiff von der harten Uferkante ab, gleichzeitig aber war der Remen für Kyu Sen eine Hilfe, um ins Schiff zu springen. Das Boot ging ordentlich in die Knie, als er hineinsprang.
Kyu Sen gab dem Fährmann die Anweisung, ihn schnell wieder in die Stadt zu bringen und nicht mehr für andere Fahrgäste zu stoppen. Sie waren noch nicht weit gefahren, da standen zwei Mädchen am Ufer, die winkten und schrien, daß der Fährmann sie mitnehmen solle. Der Fährmann rief zurück: "Es tut mir leid, aber ich habe schon einen Fahrgast." Die süßen Stimmen der Mädchen: "Aber es regnet so. Kannst du uns nicht auch mitnehmen?" - "Es tut mir leid, aber das darf ich nicht." - "Oh."
Der Fährmann wollte vorbeifahren, da mischte sich Kyu Sen ein: "Was ist los? Warum nehmen wir die beiden jungen Damen nicht mit?" So kamen die beiden dann doch noch an Bord. Zu viert schaukelten sie weiter flußabwärts.
Während der Fahrt entwickelten sich interessante Gespräche. Besonders die junge Dienerin des Fräuleins verstand es, durch kokettische Späße die Unterhaltung amüsant zu halten. Sie flirtete mit dem alten Fährmann und fragte ihn aus und gleichzeitig erreichte sie ihr Ziel, nämlich, daß auch der junge Apotheker von sich erzählte. Nein, er war noch nicht verheiratet.
Die Zeit verging im Fluge. Schon hatte man die Stadt erreicht. Alle bedauerten, daß man auseinandergehen mußte. Die Magie der Schlangen ließ es gerade jetzt am heftigsten regnen, und das zarte Fräulein jammerte all zu sehr ob des starken Regens. Sie hatte keinen Schirm. Eigentlich machten Regentropfen ihrem Schlangenleib ja nichts, aber sie hatte sich ja in ein Menschenmädchen verwandelt, und jeder wußte, daß Menschenhaut sich auflöste, wenn sie zu lange naß war.
Der junge Apotheker war Kavalier und lieh ihr seinen Schirm. Und der Fährmann gab seinen Strohhut der Dienerin. Man versprach die Sachen bei Gelegenheit wieder zurückzugeben.
Dieser Trick funktionierte gut, in der fünften Szene war die Weiße Schlange nämlich schon mit dem Apotheker verheiratet. Wie die beiden genau zueinandergefunden hatten, erfuhren die Zuschauer nie, denn die vierte Szene spielte wieder im Himmel.
Dort nämlich machten die Götter dem himmlichen Gefängniswärter große Vorwürfe, weil er die Weiße Schlange hatte entkommen lassen. Er erhielt den Auftrag, sie wiedereinzufangen, und man gab ihm dafür eine Schlangen besiegende Waffe, einen Stock mit einer kleinen Gabelung am Ende.
Dieser Gefängniswärter beklagte nun sein Schicksal, daß er eine frei lebende Schlange einfangen sollte, denn er war schwächlich und nur in Eisen gelegten Schlangen überlegen. Aber da er die Strafe der großen Bonzen fürchtete, machte er sich auf den Weg. Die Götter mit ihrem Weitblick sagten ihm noch, wo er Weiße Schlange finden konnte.
Fünfte Szene.
Zur Strategie dieses Schlangenfängers gehörte es nun, die Ehe des Apothekers und der Weißen Schlange kaputtzumachen. Aber er besaß nur sehr beschränkte Fähigkeiten, er konnte sich nicht in ein so schönes Mädchen verkleiden, daß er die Liebe des Apothekers hätte gewinnen können, ja selbst in einen gut aussehenden Mann konnte er sich nicht verwandeln, der eine Chance gehabt hätte, der Weiße Schlange besser zu gefallen, als der schmächtige Apotheker; er hatte einen krummen Rücken und lange Arme wie ein Pavian.
Er betrachtete noch einmal die Waffe, die die Götter ihm gegeben hatten. Nein, mit diesem Knüppel konnte er unmöglich des Apothekers Frau angreifen, ohne die Polizei auf den Plan zu bringen. Und wenn die ihn erwischten, dann würde er, der himmlische Gefängniswärter, als Gefängnisinsasse im Stadtgefängnis enden.
Er besaß nun ein Papieramulett, das verwandelte Schlangen wieder zurückverwandelte in Schlangen. Und wenn der Apotheker erst merkte, daß er mit einer Schlange verheiratet war, dann würde er seine Frau wieder wegschicken, so dachte dieser himmlische Baboon. Und dann wollte der Götterbote Weiße Schlange, die, wenn sie wieder in die Schlangenform zurückgezwungen war, sicher von der Menschenwelt fliehen mußte, irgendwo in der Wildnis mit der Schlangen bezwingenden Waffe bezwingen.
Er kroch also schleimig an den Apotheker heran und petzte: "Deine Frau ist eine Schlange." - "Unglaublich", antwortete der Apotheker. "Wenn du mir nicht glaubst, dann tue doch dieses Papieramulett heimlich auf ihren Kopf, und du wirst sehen, sie wird sich in eine Schlange verwandeln."
Der Petzer hatte aber nicht aufgepaßt. Blaue Schlange, die Dienerin, hatte die Petzerei mit angehört.
Schnell lief sie zur Weißen Schlange und verriet alles.
Weiße Schlange stellte sich schlafend, als ihr Mann hereinkam. Ihr Mann betrachtete sie genau. Es gab keine Anzeichen dafür, daß sie eine Schlange war, dachte er. Zweifelnd legte er ihr das Papieramulett auf den Kopf und beobachtete, was wohl passieren würde.
Er beobachtete genau. Plötzlich fing seine Frau an zu stöhnen. Sie richtete sich auf, sie schien zu schwindeln, sie benahm sich befremdlich. Kyu Sen war zu tiefst erschrocken.
Als Weiße Schlange sein erschüttertes Gesicht sah, brach sie in Lachen aus. Sie lachte über seine Naivität. Wie hatte er nur glauben können, sie sei eine Schlange!
Auch ihr Mann lachte jetzt. Er war ja so erleichtert. Wie hatte er nur so naiv sein können! Es war doch seine geliebte Frau! Er hatte doch Liebe mit ihr gemacht! Er kannte doch die intimsten Teile ihres wunderbaren Körpers! Er schüttelte über sich selbst den Kopf.
In der sechsten Szene nun waren die beiden Frauen allein in der Apotheke. Die Weiße Schlange ärgerte sich, daß der alberne Gefängniswärter aus dem Himmel auf der Erde auftauchen konnte und es wagte, ihrem Mann solche Flausen in den Kopf zu setzen, wie sie sei eine Schlange. Sie gab ihrem Sklaven den Befehl, diesen albernen Hampelmann der Götter einzufangen und herzubringen.
Tatsächlich gelang es dem Mädchen Blaue Schlange, diesen Verräter zu fangen. Weiße Schlange befahl nun, ihn von der Decke zu hängen und mit einem Riemen durchzuprügeln. für diese Körperstrafe verwandelte Blaue Schlange sich extra wieder zurück in ihre männliche Form, weil sie als Mann über mehr körperliche Kräfte verfügte.
Während dieser Himmelsbote nun so ordentlich Schläge zu spüren bekam, was er nicht ohne großes Geschrei und weinerliches Gejammer ertrug, spottete Weiße Schlange über ihn, weil er geglaubte hatte, daß sein kleines Stückchen Papier mehr Zauberkraft besäße als sie.
Sie drohten ihm noch an, es nie wieder zu wagen, ihnen etwas böses anzutun. Dann mußten sie ihn aber vorzeitig laufen lassen, weil der Mann der Weißen Schlange zurückkam.
Gerne hätte der pavianische Weichling von seinem bösen Tun abgelassen. Er fürchtete sich wirklich, noch ein zweites Mal von den Schlangen durchgeprügelt zu werden, aber die Angst vor der Strafe der Götter und Bonzen im Himmel war noch größer, und so schlich er sich wieder an den Apotheker heran. Diesmal hatte er ein stärkeres Mittel: einen Schnaps der verzauberte Schlangen wieder zurückzauberte. Und seiner geölten Schmeichelstimme gelang es wieder, Kyu Sen zu überzeugen, seiner Frau das Mittel zu geben. Und wieder hatte Blaue Schlange alles gehört.
Siebte Szene.
Weiße Schlange machte Handarbeit. Sie strickte ein Babyjäckchen und freute sich auf das Kind, das sie erwartete. Ihre Dienerin kam aufgeregt hereingestürzt und berichtete von dem gefährlichen Schnaps, den ihr Mann ihr geben wollte. Beide waren besorgt, denn der Zauber des Getränks war möglicherweise stärker als Schlangenzauber.
Der Apotheker erschien. Er wollte tatsächlich mit seiner Frau trinken. " Aber doch keinen Schnaps, Liebling, wo ich schwanger bin." "Nur ein kleines Bißchen." "Nein, nein, nein!" Weiße Schlange wehrte ab. "Bitte, ein Bißchen auf das Wohl unseres Kindes! Das schadet doch nicht!" "Vielleicht schadet es doch."
Kyu Sen drängelte und drängte, daß Weiße Schlange Angst bekam, daß er argwöhnisch geworden war. Und sie dachte sich: Ich werde nur etwas in den Mund nehmen und wieder ausspucken, wenn er nicht hinschaut.
Ihr Mann war sichtlich erleichtert, als sie einwilligte, von dem Schnaps zu trinken. Sie nippte ein Bißchen und trank dann im Bann bezwungen das Täßchen in einem Zug leer.
Ihr Mann war froh, daß er noch immer einer Frau gegenübersaß und keinem Schlangenmonster. Sie saß steif da. Dann klagte sie, daß sie den Alkohol doch nicht hätte trinken sollen. Sie fühlte sich diesmal tatsächlich etwas schwindelig.
Ihr Mann war sich aber nicht sicher, ob sie sich wieder über ihn lustig machte. Sie selbst war auch froh, daß sie noch immer ein Mensch war, obwohl sie ein übernatürlicher Zwang den ganzen Inhalt der Schnapstasse hatte runterschlucken lassen.
Schließlich taumelte sie ins Bett und zog die Vorhänge hinter sich zu. Ihr Mann blieb weiter ahnungslos auf dem Stuhl sitzen, fummelte an dem Babyjäckchen und freute sich auf das gemeinsame Kind.
Plötzlich tat sich etwas offensichtlich Gewaltiges hinter den Bettvorhängen.
Weiße Schlange kam hervorgestürzt im silbrigen Schuppenleib und im herrlichsten Glanze und in der urgewaltigsten Ungeheuerlichkeit, mit der ihres Gleichen schon die Welt umzog und zusammenhielt, ehe es Menschen und Götter gab. Kyu Sen fiel vor Schreck bewußtlos auf den Rücken. Er hatte einen schweren Schock erlitten und lag im Sterben. Weiße Schlange klagte nun um ihren Mann. Sie wußte, er mußte sterben, wenn sie ihm nicht hülfe. Und sie kannte nur ein Kraut, das ihm helfen konnte, und dieses Kraut wuchs am goldenen Westhang vom Berg Meru.
Niemals würden die Götter zulassen, daß sie dort das Kraut pflückte. "Geh nicht", flüsterte Blaue Schlange, "die Götter werden dich vernichten." - "Ich bin vernichtet, wenn mein Mann nicht mehr lebt."
Achte Szene.
Adler und andere Urfeinde der Schlangen stürzten sich auf die Schlange. Mit zwei Schwertern kämpfend wehrte sie die Feinde ab.
Da das Kraut! Geröll stürzte auf sie herab, aber sie stürmte bergauf. Schon stand sie vor dem Kraut. Schnell legte sie eines ihrer Schwerter zur Seite und stopfte sich das wertvolle Kraut hinter ihre Giftzähne.
Den schlimmsten der Urfeinde der Schlangen hatte die Götter jetzt den Berg hinuntergeschickt, das Feuer. Sich in Schmerzen windend, kämpfte sich Weiße Schlange auch durch das Feuer. Ihr Schuppenleib wurde heiß und glühte rot in der Glut, unsäglich waren ihre Schmerzen, hätte sie die empfindliche Haut eines Menschenkindes gehabt, wäre sie furchtbar entstellt worden von Brandwunden.
Die roten Flaggenträger, die das Feuer symbolisierten, sanken langsam nieder, so erstarb selbst das Feuer im Kampfe mit der Weißen Schlange.
Neunte Szene.
Doch die Götter waren trickreich. Noch bevor Weiße Schlange wieder bei ihrem Geliebten war, hatten die Götter ihn erweckt. Blaue Schlange erzählte ihm von der großen Liebe der Weißen Schlange, und Kyu Sen war verzweifelt. Er wollte zur Weißen Schlange, zu seiner Frau, seiner geliebten Frau. Sie waren doch für einander bestimmt. Es war doch egal, daß sie eine Schlange und er ein Mensch war. Sie liebten sich, und das war alles, was zählte.
Er wollte zum goldenen Hang, wo sie das rettende Kraut suchte für ihn, und wo sie vielleicht seinetwegen gerade jetzt starb. Aber er wußte auch, daß er, ein armseliger Sterblicher, es nie bis zum goldenen Hang schaffen würde. In seiner Verzweiflung betete er.
Da erschien ein gutmütig aussehender, alter Einsiedler. "Was kann ich für dich tun, mein Sohn?" Aber dann wußte er auch schon alles.
"Hier nimm diesen Schirm, er wird dich direkt zum goldenen Hang zu deiner Frau tragen."
Überglücklich nahm Kyu Sen den Schirm und der Schirm trug ihn davon - zum Gipfel von Berg Meru. Die Götter frohlockten, als sie ihn als Geisel hatten. Sie nahmen ihn gleich in besonderen Gewahrsam, Sonderhaft, direkt unter den Fittichen des Oberbonzen, dessen Jünger er einmal in einem früheren Leben hatte freiwillig sein wollen. Oberbonze hatte das freiwillige Entfernen nie richtig verkraften können. Es gab ihm eine gewisse Genugtuung, daß sein ehemaliger Jünger jetzt wenigstens unfreiwillig wieder bei ihm war.
Weiße Schlange wurde rasend vor Wut, eine Furie, ein ungestümes Ungetüm. Sie fürchtete die Götter nicht und die Bonzen machten ihr nicht mehr bange. Ihre Magie wurde zusehends mächtiger, ihr Gift tödlicher, der Wirbel ihrer Schwertklingen schneller, in tausend kräftigen Armen schien sie Waffen zu halten. Und sie befahl auch ihrer Magd, sich wieder in einen gefährlichen Schlangerich zu verwandeln. Und schon stand Blauer Schlanger mit scharfen Schwertern vor ihr und versprach, mit ihr den Himmel zu stürmen und die Götter zu strafen und ihren Mann zu befreien.
Für die Liebe und alle natürlichen Gefühle.
Ohne anzuknopfen, drängten die beiden in den Himmel. Den Pförtnern trat Weiße Schlange gleichzeitig in Gesicht und Eier. Direkt vor den Großen Bonzen zogen die Beiden, aber sie machten keinen Kowtow wie die Götter und Unterbonzen, sondern standen aufgerichteter als der beinige Buddha, der auf dem höchsten Thron auf weichen Kissen und dicken Fettpolstern saß, und sie forderten Freiheit für Kyu Sen und für die Liebe aller fühlenden Wesen.
Kyu Sen sah von unter des Buddhas Fittichen hervor und er sah seit langem zum ersten Mal seine Frau wieder. Er wollte zu ihr, aber man hielt ihn zurück. Die Buddhas hatten die Liebe nicht von ihm abwaschen können.
Buddha hatte genug von dem Sakrileg vor seinen Augen. Mit einer spärlichen Bewegung seiner goldenen Fettwurstfinger ordnete er die Vernichtung der Lästerer an. Die himmlichen Handlanger der untersten Ordnung waren kein Match für die Schlangen und waren sofort abgewehrt. Und auch mit gegabelten Stückern konnte man sie nicht besiegen. Aber der Himmel war überhäuft mit trickreichen Waffen, Reflektionen, Illusionen, wirbelnden Galaxien, falschen Gefühlen, und Horden von Göttern, die keine Skrupel kannten, wenn sie Befehle vom Oberbonzen ausführten.
Immer wieder stürmten die beiden Schlangen gegen die Götter und schlugen ihre Waffen und wurden geschlagen. Feuer-, Wind- und Vulkangötter, Wächtergötter, Rachegötter, Haßgötter und besonders pervers Liebesgötter versuchten, für den Buddha den Sieg zu erringen. Und zwischen all ihren Purzelbäumen, Sprüngen und Schwerthieben streckte Weiße Schlange immer wieder sehnsüchtig ihre Arme nach dem Geliebten aus. Außerdem sprangen die beiden Schlangen ab und zu aus dem Kampftumult heraus auf die hohe Plattform, auf der der Buddha thronte, aber der Versuch, den Kampf dadurch zu beenden, daß sie dem Oberanführer persönlich den Hals abschnitten, erwies sich jedes Mal als unmöglich. Der Dicke saß in einem Panzerschrank mit unsichtbaren, aber starken Wänden.
Der Himmel schien unbezwingbar. Aber die beiden Schlangen gaben noch nicht auf. Sie zogen sich zwar zurück. Aber das war kein Aufgeben. Sie gingen zurück auf die Erde. Sie suchten Bundesgenossen.
Sie fragten die Menschen. Aber die Menschen waren zu feige. Die Vögel konnten sie nicht fragen, denn die gehörten ja zu ihren ärgsten Feinden. Auch zu den Säugetieren hatten sie kein gutes Verhältnis, einige fraßen Schlangen, andere traten Schlangen breit und wieder andere hatten jemanden in der Familie, der von einer Schlange gebissen worden war.
Da blieben nur ihre eigenen Verwandten wie die Molche, Echsen, Schildkröten, die Fische und die Urahnen wie Tintenfische und Quallen, Muscheln und Medusen, Austern und Schnecken, Seesterne und Seeigel, Würmer und Amöben. Alle traten sie an.
Und die Schlangen überfluteten den Himmel, damit all diese Freunde ihnen helfen konnten.
Die Götter, die eigentlich das Ätherischen liebten, hatten es schwer in der Dichte des Wassers zu atmen und zu kämpfen. Einige wurden von den Muscheln eingeklemmt, andere schlugen solange auf die Schildkröten ein, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen, und die Amöben schlugen den Buddha noch einmal mit Amöbenruhr, aber diesmal kam er besser durch.
Letzten Endes erwiesen die Götter sich wieder als unbesiegbar, aber auch die Götter konnten die Schlangen und ihre Freunde nicht besiegen.
Die ungleichen Heere waren gleich stark. Alle hielten den Kampf für unentschieden, unentscheidbar, und alle waren erschöpft und wollten sich zurückziehen.
" Viel Zeit ist vergangen mit Kampf, die Stunden sind vorgerückt, ich bin hochschwanger und erlahmt sind meine Muskeln und schwächer geworden meine Schläge, aber ich werde weiterkämpfen", protestierte die Schlange, "immer weiterkämpfen, denn ich liebe."
Aber ihre Freunde nahmen sie hoch und trugen sie von der Bühne. Sehnsüchtig streckte sie ihre Arme nach ihrem Geliebten aus und ihr Geliebter wollte ihr nachlaufen, aber die Götter hielten ihn zurück, und auch seine Arme streckten sich vergeblich in Sehnsucht nach der Geliebten aus, ein göttlicher Gefangener, der nicht lieben durfte.
Die Weiße Schlange schrie noch: "Die
Götter können die Liebe nicht unterdrücken, die Liebe ist
stark, die Liebe kämpft immer weiter, schlägt man ihr einen
Kopf ab, wächst ihr ein anderer nach."
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