Daß die Kommunisten die Liebe verhinderten, war ja durchaus bekannt, und auch von den Faschisten, sofern man damit vergangene, abgewirtschaftete Regime meinte oder unerhörte Minderheiten der Gegenwart, wußte man, daß zu ihren Schlechtigkeiten die Mißachtung der Liebesgefühle der Menschen gehörte, es aber den Buddhas, Göttern und Religionen, die die salbungsvolle Güte selbst waren, zu unterstellen, war empörend. Pietät vor der Religion war etwas, was selbst Atheisten haben sollten, und tatsächlich sogar viele hatten; all das Sich-Aufopfern, all das Sich-Erniedrigen, all die Demut und all die Zeit, die die Gläubigen für ihren Gott und vor ihrem Gott verbrachten, beeindruckte tatsächlich sogar viele Atheisten, freilich nicht gerade die, die wegen ihrer Gottlosigkeit auf dem Scheiterhaufen umkamen, oder in späterer Zeit, als die Kirchen ihre Gegner nicht mehr so einfach umbringen konnten, die, die den massiven Schikanen der Gläubigen ausgesetzt waren.
Der eine jammerte, weil man Gott, die Buddhas und die Religion, statt anzuhimmeln, kritisiert hatte, der andere, weil man Menschen zu Tode gequält hatte.
Bei Menschen war auch immer alles eine Standpunktfrage: Die Deutschen nannten die Bombardierung Dresdens ein Verbrechen und kannten von Coventry nicht einmal mehr den Namen, die Japaner jammerten wegen ihrer Atomtoten, ihr eigenes Nanking-Gemetzel wurde ungeschehen oder besser ungesehen gemacht als Teil einer `Änderung des Frontverlaufes', die Amerikaner wußten die schlimmsten Horrorgeschichten über den Vietkong zu erzählen, und wo sie selbst Napalm- oder Splitterbomben warfen, da befriedeten sie lediglich das Gebiet und zum Umweltfrevel Agent Orange hatte der Vietkong sie ja geradezu gezwungen. Das hatten sich die Vietnamesen also eigentlich selbst zuzuschreiben.
Die gespenstigen Mutationen, die dieses Giff hervorriefen, zeigten übrigens nie Verbesserungen am Menschenmaterial, immer nur noch mehr Entartung.
Als Adjuna in Hanoi an der Verladerampe einen Mann mit zwei Köpfen traf, erinnerte er sich an indische Götter, die ja oft noch mehr hatten, und war beeindruckt: all die doppelten Fähigkeit des Mannes! Aber die vermutete Überlegenheit gab es nicht.
Es schockierte Adjuna dann sehr, als er merkte, daß diese beiden Köpfe einander so fern waren wie andere Köpfe auch - bloß dem anderen nicht entkommen konnten.
Dieser Zweiköpfige, diese vietnamesischen Siamzwillinge, waren unzertrennlich, da sie ein gemeinsames Herz hatten, und es zeigte sich auch hier wieder einmal, daß das Herz nur eine Blutpumpe war, denn die Beiden waren kein Herz-und-eine-Seele, ein jeder haßte sein Bruderherz, und hätten sie ihre Köpfe besser zueinander oder eigentlich gegeneinander drehen können, sie hätten sich gebissen.
Ein Einzelschicksal, oder sollte man sagen: ein Doppelschicksal. Es gab Zigtausende von Familien, die mißgestaltete Kinder aufzogen, und jede schwangere Frau bangte: Wird das Kind gesund sein? Viele der Mißgeburten starben gleich und wurden dann in riesigen Museen in Alkohol eingelegt ausgestellt, Museen, die ausnahmsweise einmal nicht Vergangenes, sondern Kommendes zeigten. Der Zukunftsmensch sollte der Mutantenmensch sein.
Weiter im Süden segelten Adjunas Schiffe in ein riesiges Inselreich von 13 677 Inseln hinein, Pancasila, hieß das Riesenreich. Pancasila war die Nationalidee, die das Reich zusammenhielt. Und jede andere Idee war Ketzerei.
Eigentlich war es ein buntes Land mit vielen
Völkern, vielen Ideen und vielen Sprachen,1 aber die
Nationalidee Pancasila wollte alle in ein gemeinsames Haus
stopfen und mehr noch: in eine einheitliche Uniform.
1 etwa 300 ethnische Gruppen mit eigener Geschichte und Kultur und circa 250 Sprachgruppen.
Für die Bescheibung Indonesiens benutzte ich Norman Lewis Buch `An Empire of the East - Travels in Indonesia'. Norman Lewis beschreibt das Land erfreulicherweise nicht aus der Sicht eines `happy tourist's' und auch nicht für `happy tourists', sondern schreibt kritisch und erwähnt die massiven Meschenrechtsverletzungen des Landes, von denen man normalerweise im Westen nichts erfährt, da die dortige Regierung uns geistesverwandt ist.
Kinder hatten alle schon mal, wenn sie im Malunterricht ihre bunte Tusche mischten, die Erfahrung gemacht, daß nichts Buntes entstand, sondern ein einheitliches Grau. Eine Erfahrung, die auch der erste indonesische Präsident Sukarno als Kind gemacht hatte.
Sukarno hatte auch noch andere Erfahrungen als Kind gemacht, nämlich als Untermensch, als Bürger zweiter Klasse - die erstklassigen Bürger waren alle weiß -, in einer von Holländern kolonialisierten Heimat aufzuwachsen und mit anzusehen, wie das Land von den Kolonialisten geplündert wurde.
Es war alles schon seit Urzeiten im Legendenschatz der Einheimischen vorausgesagt: Nach der Jajabaja-Propheiung würde ein weißer Monsterbüffel kommen und das Land für lange Zeit beherrschen. Dann würde er von einem grausamen, gelben Affen vertrieben werde. Aber der gelbe Affe würde nicht lange bleiben. Nach der Lebensspanne einer Maispflanze würde der gelbe Affe wieder vertrieben werden und die Einheimischen ihre Freiheit zurückerlangen.
Als nun im zweiten Weltkrieg die Japaner die Holländer aus Indonesien vertrieben, sahen die Indoneser ihre Befreiung nahen, und hoffnungsvoll traten sie in den Kampf gegen die neuen Eroberer. Allein hätten sie es sicher nicht geschafft, aber die gelben Affen, die sie bekämpften, hatten sich mit der ganzen Welt angelegt und erlagen einem solch mächtigen Gegner. Die Indoneser hätten aufatmen können, aber die die vor den gelben Affen Reißaus genommen hatten, als es brenzlich geworden war, kamen zurück und behaupteten kackfrech, ja die legitimen Herren des Landes zu sein, und wieder wollten sie sich vom Kuchen Nationalprodukt das größte Stück in den Mund stecken und möglichst, ohne zu backen.
Die Indoneser staunten angesichts solcher Frechheit und sperrten wohl vor Staunen zunächst ihre Münder ganz weit auf: Hatten sie nicht gerade für die Freiheit des Landes gekämpft?
Als sie ihren Mund wieder zugekriegt hatten, griffen sie erneut zur Waffe. Die gelben Affen hatten es ja vorgemacht: Weiße waren nicht unverwundbar, nicht unbesiegbar oder Farbigen grundsätzlich überlegen.
Und tatsächlich: Nicht nur gelbe Affen konnten
weiße Menschen besiegen.
Nach Kämpfen mußten die Holländer 1946 im Vertrag von Linggadjati die Gründung der Vereinigten Staaten von Indonesien billigen. Erst 1949, nach erneuten Kämpfen - die Holländer waren ein bißchen schwer von Begriff - erkannten sie die Unabhängigkeit des neuen Staates an.
Achmed Sukarno, ein Javanese, war der erste Präsident des Staates, und andere Inseln und Volksstämme hatten bald Grund, sich von den Javanesen kolonialisiert zu fühlen.
Sukarno blieb lange Zeit der erste Präsident. Er wollte ein großes Empire errichten, vielleicht auch wieder nicht so groß, aber auf jeden Fall groß genug, daß nie wieder Fremde dem Land Vorschriften machen konnten.
Großartige Empires hatte das Land schon in der Vergangenheit hinter sich, wie die meisten anderen Nationen der Erde auch - irgendwann einmal. Da gab es einmal die Sailendra, die Könige der Berge, in Zentraljava, die die große buddhistische Pyramide in Borobudur, dem Ort zur Ansammlung von Tugend, im siebten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung gebaut hatten. Zwei Jahrhunderte später baute ein König der Mataram-Dynastie die Tempelgruppe Prambanan, Schlanke Jungfrau, ebenfalls in Zentraljava. Dann war da das Königreich Srivijaya (670 - 1350 christlicher Zeitrechnung), das von Südsumatra aus Küstenstreifen in Thailand, Kambodscha und Vietman beherrschte. Ein zweites großes Empire, Majapahit (1294 - 1500), etablierte sich um den Ort Mojokerto im Osten Javas. Staatsreligion war ein Hindu-Buddhisch-Animistischer Mischglaube. Um 1500 mußten die Anhänger dieser Religion vor islamischen Glaubensfanatikern fliehen. Die Mohammedaner wollten sich nicht mit den Mischgläubigen mischen, nicht mehr, sie waren die stärkeren geworden. Die Mischgläubigen flohen nach Bali, wo ihre Kultur eine neue Blüte entfaltete.
Sukarno nun, Bung Karno, Brüderchen Karno, wie ihn seine Anhänger gern nannten, oder Ratu Adil, der gerechte Prinz der Jajabaja-Legende, rechtfertigte mit der heroischen Vergangenheit den Aufbau einer heroischen Gegenwart. Wenn Helden ein großes Reich errichteten, kam die Demokratie leicht zu kurz, das war bei Napoleon so, beim Einhodigen, beim Stählernen usw. Auch Väterchen Sukarno merkte bald, wie lästig ein Parlament sein konnte. 1959 löste er es auf. Er hatte etwas Besseres entdeckt als parlamentarische Demokratie: `geführte' Demokratie mit ihm als Führer. Wie Majapahit eine Mischreligion hatte, erfand auch er für sein Reich eine Mischideologie, Nasakom nannte er sie nach den Anfangssilben der bahasa-indonesischen Wörter für Nationalismus, Religion und Kommunismus. Aber mehr als diese drei Ideologien war er nicht bereit, in seinen Kopf hineinzumischen. für ein großes Empire waren die vielen bunten, ethnischen Farbflecke auf der Indonesienkarte ein Hindernis. Da erinnerte sich Sukarno an das Tuschemischen in seinem Farbkasten und begann mit einer brutalen Umsiedlungspolitik. Völkermischen hieß das neue Spielchen, es wurde mit der kindlichen Brutalität, die manchen Erwachsenen eigen ist, gespielt.
Manche Farben bissen sich und manche ethnische Gruppierungen waren wie Wasser und Öl. Moslems aus Java, die auch in Irian Jaya, wie sie es gewohnt waren, in die Flüsse pißte und dort auch ihre Schamteile wuschen, wurde für diesen Frevel von den Papuanern getötet.1 Aber meistens ging das Morden in andere Richtung: Javanesische Polizisten und Soldaten mordeten störrische Eingeborene, die sich anders nicht zu ihrem Glück: ordentliche Landwirtschaft, Plantagenarbeit und Geldwirtschaft, zwingen ließen. Besonders gern brachte man auch die Medizinmänner der Einheimischen um, denn zum einen handelte es sich bei ihnen um besonders konservative Elemente der Naturvölkergesellschaft, zum anderen sollten die Einheimischen dazu gebracht werden, richtige Ärzte aufzusuchen, und es spielte dabei keine Rolle, daß die Kranken, wenn sie die Segnungen westlicher Medizin in Anspruch nehmen wollten, sich auf eine mehrtägige Reise machen mußten. Viele Angehörige kleiner Völker wurden auch auf Land und in Gebieten ausgesetzt, wo sie sich nicht oder nur knapp ernähren konnten.
1 Norman Lewis, S. 42
Der stählerne Russe hatte einmal eine ähnliche Umsiedlungspolitik betrieben. Und der Westen hatte es dankbar in seine antikommunistische Propaganda aufgenommen. Aber Indonesien war nicht kommunistisch.
Unter dem zweiten Präsidenten des Landes, Suharto, ging man sogar noch einen Schritt weiter mit der Umsiedlung: Man siedelte die Umgesiedelten, nachdem sie das Land kultiviert hatten, wieder um, wieder ganz woanders hin, in eine neue Wildnis. Diesmal, weil die Regierung das Land an reiche Plantagenbesitzer verkauft hatte. Indonesien war also alles andere als ein kommunistisches Land.1
Zum zweiten Präsidenten kam es, weil der erste so ein gottverdammter Nationalist war und er einen von den USA unabhängigen Kurs zu steuern versuchte, was damals zur Zeit des Vietnam-Krieges nur als anti-amerikanisch interpretiert werden konnte. Suharto2 räumte dann auch gründlich auf mit dem Kommunismus. Der ersten Säuberungswelle 1965/66 fielen etwa eine Million Indoneser zum Opfer,3 davon 100 000 Balinesen. Kommunisten, Atheisten und animistische Heiden (so was ähnliches wie Atheisten), wurden kurzerhand ermordet oder verschwanden in Vernichtungslagern, ebenso die unpolitischen Chinesen, die aber - wie deutsche Juden einst - meist reicher und aufgeklärter als die breite Masse der Bevölkerung gewesen waren. Man hatte sich zum Ziel gesetzt, jedes Mitglied der PKI, der kommunistischen Partei Indonesiens umzubringen, beziehungsweise umbringen zu lassen; denn auf den Dörfern mußten die Dörfler ihre kommunistischen Mitdörfler im Beisein der Polizei und Soldaten selbst umbringen, und wer dabei versagte, der konnte sich gleich als entlarvter, kommunistischer Sympathisant zu den Opfern stellen. Angeblich sollte die Mitgliedschaft einiger einfältiger Dorfbewohner bei der PKI auf ein Mißverständnis beruht haben: Sie hatten gedacht, PKI stand für Partai Kristen Indonesia, wäre also ein christlicher Verein gewesen.4 Leider war das ein tödlicher Irrtum gewesen.
1 Norman Lewis erwähnt in seinem Buch (S. 43) zwei Aktionen, bei denen die Häuser von umzugsunwilligen Siedlern, die gerade erst unter großen Mühen erreicht hatten, daß das Land sie ernährte, abgebrannt wurden, einmal 476 Häuser und bei der zweiten Aktion sogar über 2000 Häuser. Der Vize-Gouverneur Sukki Hassan (Lampung Provinz) beantwortete die Frage, warum man die Häuser der Leute angesteckt habe? mit: "Weil es kosteneffektiv ist". Die Regierung habe weder die Zeit noch das Personal die Häuser einzeln abzureißen. Wer von den Siedlern danach noch in dem Gebiet angetroffen wurde, riskierte ein Jahr Gefängnis. Die Regierung hatte also offensichtlich die Zeit und das Personal, die Leute in Gefängnissen zu bewachen. Und Gefängnisse hatte das Land auch allemal genug.
2 Norman Lewis nennt ihn eine CIA-Marionette, S. 91.
3 Der Umschlag von Norman Lewis' Buch nennt die Massaker Pol Pot ähnlich.
4 Norman Lewis, S.91ff; auf S.94f wird eine Massenhinrichtung in einem Dorf beschrieben: Die Dorfbewohner mußten mit Knüppeln und landwirtschaftlichen Geräten ihre kommunistischen Mitbürger (oder wer auch immer dafür gehalten wurde, weil er weder zur Moschee, noch zur Kirche oder in den Tempel ging) totprügeln. Da es eine für Bauern sehr ungewohnte Tätigkeit war, gelang es nicht immer auf Anhieb. Mit Ausrufen wie: "Kämpft für euere Religion!" feuerten einige Soldaten die Dorfbewohner an. Einer der Männer wurde ohnmächtig - wohl vor Grauen. Zur Strafe erschlug ihn ein javanesischer Soldat. Einige der Alten schafften es trotz vieler Schläge nicht den ihnen zugeteilten Kommunisten totzuschlagen, die Javanesen halfen dann. Einer der Alten rührte nach dem Massaker nie wieder Essen an und hungerte sich zu Tode.
S.95f, als nächstes litten die Dorfbewohner
dann unter den Geistern der Toten, weil die Regierung die
traditionellen Totenmessen Ngerupuk, Nyepi und Ogoh Ogoh verboten
hatte; Folge: Depressionen, Gedächnisschwund, Ängste,
Potenzschwierigkeiten, sowie Verlust der Sprache. Einige Leute
stürzten sich sogar verzweifelt in den nahen Vulkan Batur.
Die Christen hatten sonst, also wenn sie nicht gerade Mitglied der Kommunistischen Partei waren, keine Verfolgung zu befürchten. Islam, Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus waren die großen, anerkannten Religionen. Auf den Dörfern brauchten Anhänger des Hinduismus und Buddhismus nicht einmal bei den Massakern an den Kommunisten mitzumachen, da es sich bei ihnen um traditionell friedliche Religionen handelte! Welch eine Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle der Gläubigen!
Der Mensch verfügte aber über einen großen Bereich von Gefühlen, alle Menschen, auch der unreligiöse Mensch. Schmerz war eines der Gefühle.
Angst war ein anderes der Gefühle, Angst vor Schmerzen und Tod. Und wie man mit seiner Angst umging, entschied oft, ob man ein Feigling war oder ein Held. Aus der Angst erwuchs meistens die Feigheit, selten Mut. Und die Leute ließen sich nicht nur von diesem Gefühl regieren, sondern auch regieren.
Das Regierungsgeschäft mit der Angst, der Angstmacherei und dem blanken Terror funkionierte wunderbar, nicht nur für die Verbrecherclique an der Spitze des Staates, auch für die Religionen sprang 'ne Menge ab. Nicht nur Kommunisten, sondern auch viele primitiv-religiöse Heiden fanden ganz schnell in den Schoß einer ordentlichen Kirche oder auf den harten Boden einer Moschee, auf dem sie dann fünfmal am Tag knien durften, äh, mußten, damit Allah sie gnädig betrachtete.
Religion hatte während der antikommunistischen Hatz plötzlich Hochkonjunktur bekommen. Die Missionare waren selig. Sie dankten Gott - und hoffentlich auch Suharto.
Aber Religion war nicht gleich Religion, vielleicht für einen Atheisten, aber nicht für die Regierung. Indonesien war voll von Religionen, die meisten waren nicht gern gesehen, denn die Regierung wollte nur die ordentlichen, vernünftigen Großreligionen für ihr Pancasila, am liebsten den Islam.
Leider war das Land voll mit Suku-Suku-Terasing, so nannte man auf der indonesischen Haupt- und Regierungssprache Bahasa die isolierten, `fremden' Völker, die es galt zu missionieren und zu Indonesiern zu machen. Diese Völker kannten viele skurrile Sitten und Tabus. für das Dani-Volk in Irian Jaya war es, wie wir ja schon gehört hatten, Tabu, seine Notdurft in den Flüssen zu erledigen, wegen solcher Tabu-Übertretung hatten sie sogar schon zivilisierte, moslemische Beamte aus Jakarta getötet.1
1 Norman Lewis, S. 42 u. 216
Das selbe Volk grüßte mit der Redewendung: Ich wertschätze deine Faeces,1 oder Fäkalien, oder welch immer höflichen Ausdruck man für die Ausscheidungen des Afters auf Abendländisch nehmen wollte. Außerdem säugten die Frauen dieses Volkes Ferkel mit der eigenen Brust;2 Ferkel, Schweine, das schmutzigste Tier, das sich ein Moslem vorstellen konnte. Aber die Mosleme hatten Pech, katholische Missionare aus dem Franziskaner Orden hatten viele Dani-Dörfer schon zum Christentum bekehrt und die neuen geistlichen Führer der Danis zeigten dabei soviel Toleranz, daß sie die Leute auch weiterhin mit Penis-Hüllen herumlaufen ließen, ihnen die Vielweiberei erlaubten und dem Medizinmann mit Respekt begegneten. "Der kommt nachher schon von selbst in die Kirche, wenn sein ganzes Volk bei uns ist." Tatsächlich saß das Volk gerne in der Kirche, erstens, weil in den Dörfern sonst nichts los war, sie nichts boten, was Unterhaltung betraf, so daß die Leute einen gestikulierenden Priester durchaus interessant fanden, und zweitens glaubten die Leute an einen segnenden Einfluß der Kirchenstühle auf den Hintern des Sitzenden und seinen ganzen Körper.3
Obwohl die Danis getauft und damit für Jesus gewonnen waren, befolgten sie auch weiterhin ihre heidnischen Bräuche, wie die Initiation der jungen Männer anläßlich des großen Schweinefestes, Schweine-Braten-Festes. Da wurden die jungen Männer, die Initianten, in ein Feuer geworfen.4 "Ich sage Euch, es wird einer kommen, der wird mit Feuer taufen", diese Aussage entsprach also der persönlichen Erfahrung eines Dani-Mannes. Die segnende Wirkung des Feuers auf den Hintern der jungen Leute war nicht sehr groß, denn die hatten nichts Eiligeres zu tun, als schnell wieder aus dem Feuer herauszuspringen.
1 Norman Lewis, S. 199 2 S.204 3 S.217 4 S.198
Fundamentalistischen Christen aus dem WASpenland waren solche heidnischen Bräuche ein Dorn im Auge und sie organisierten eine Neuevangelisierung oder Verbesser-Evangelisierung. Ganz amerikanisch traten diese Evangelisten auf, und mit ihren schnell zusammengelernten Sprachkenntnissen wußten sie den Einheimischen zu drohen: "Du nehmen Jesus oder du brennen in große Feuer von Gott." Gleichzeitig bestachen sie die Bevölkerung mit amerikanischen Konsumgütern, besonders mit T-Shirts mit Micky Mouse und anderen Disney-Viechern drauf.2 Die Leute mußten sich ja schließlich mal ordentlich anziehen. Die T-Shirts paßten sehr gut zu den Penis-Pfeifen der Papuas. Unterhosen paßten da schon schlechter.
1 S.175
2 Ein Einheimischer beschrieb Norman Lewis eine solche Bestechung mit Geschenken (S.212f). Nachdem der Missionar mit seinem Hubschrauber wieder weggeflogen war, interpretierten die Dorfbewohner dann die Gaben als einen Erfolg ihrer eigenen, heidnischen Zeremonien bei den Göttern. Leider klärte sich bei späteren (viel späteren) Besuchen dieser Irrtum auf, und die Danis lernten, daß es sich bei den Missionaren nicht um die Götter selbst handelte, sondern um Götterboten, viel mehr um die Boten eines einzigen Gottes aus der Götterwelt, der die anderen Götter alle geschlagen und ihrer Titel beraubt hatte. Selbst die Mosleme mit ihrem absoluten Abgott Allah, wer immer das sein mochte, waren, wie die Missionare aus dem WASPenland nicht müde wurden zu betonen, zur ewigen Verdammnis im höllischen Inferno verdammt. Und Hubschrauber der Firma Sikorsky verschafften ihnen mit ihrem Aufstieg gen Himmel die nötige Autorität, später, als man schon die heidnischen Fetische und Gotteshäuser zerstört hatte und die Einheimischen davon überzeugt hatte, daß es Gotteswille sei, daß sie Landebahnen bauten, verrichteten dann billigeren Sportmaschinen der Marke Helios Courier das Werk Jesu Christi. daß Helios ein heidnischer Sonnengott war, der sich da auf der von ihnen geschaffenen Lichtung mit so gewaltigen Flügeln in die Lüfte schwang, verschwieg man den Danis. Man wollte sie wohl nicht verwirren, sonst glaubten sie am Ende noch gar nichts mehr.
Norman Lewis erlebte auch einen Gottesdienst, den ein bekehrter Papuaner in seinem Dorf zelebrierte. Die komplizierten - und ja wirklich unverständlichen - Glaubensinhalte, wie die Dreiteilung, Entschuldigung, Dreieinigkeit und die Fleischwerdung und Erbsünde und so weiter, hatte er erfolgreich auf eine magische Formel gebracht: "Matthäus, Markus, Lukas, Johannes". Er trompetete die vier Namen der Evangelisten durch die Nase und die Kongregation wiederholte im sonorischen Singsang. Norman Lewis erinnerte sich dabei an das Bekehrungswerk eines Missionars im venezuelanischen Urwald, den er mal beobachtet hatte. Der hatte den Indios gesagt, niederzuknien und jedes Mal, wenn sie das Wort Jesus hörten, mit dem Kopf auf den Erdboden zu hauen, was den Indios sogar Spaß gemacht hatte, obwohl keiner von ihnen eine Ahnung hatte, wofür die Übung gut sein sollte. Nur eins war sicher, sie vertrieb die Langeweile.
Das zweite Gleis, das zu westlicher, christlicher Zivilisation führen solle, war die Verlockung des Geldes, die Einführung der Geldwirtschaft und die verlockenden Dinge, die man mit Geld kaufen konnte. Es war eine papuanische Sitte, alles mit allen zu teilen, die Missionare aber lehrten den Leuten, Schätze zu sammeln - auf Erden, für größere Anschaffungen, - im Himmel beim himmlichen Vater für später, für die Zeit nach dem Tod.
Und wenn die Einheimischen dann irgendwann einmal so richtig gelernt hatten, auf den eigenen Vorteil zu achten und egoistisch zu sein und das Teilen und Abgeben bei ihnen nicht mehr natürlich kam, dann wollte man ihnen die große christliche Überwindung lehren, dem Ärmeren, weniger als man selbst gesegneten Mitmenschen Almosen zu geben. Doch bis dahin war es noch ein langer Weg.
Aber noch war das ein langer Weg. Einst war Gastfreundschaft, die Begeisterung, Gäste zu haben, so groß oder so schlimm, daß der Expeditionsführer Archbold, als er 1938 als einer der ersten in dieses Steinzeitgebiet kam, zwei Danis erschießen lassen mußte, um endlich der Last, bewirtet zu werden, zu entkommen.1
Ein bißchen Mi trauen und Zurückhaltung gegenüber Fremden hatten die Danis zwar dann schnell gelernt, aber im Verkehr untereinander blieben ihnen westliche Lebenseinstellungen auch weiterhin fremd.
Selbst der Häuptling, der als der reichste Mann im Dorfe galt, da er die größte Anzahl von Schweinen aufzog, hatte nichts von seinem Reichtum, da er seine Schweine nicht allein verspeiste, sondern mit allen teilte. Und wenn er einmal starb, dann erbte sein Sohn weder seine Schweine noch seinen anderen Besitz, sondern alles wurde an alle Klan-Mitglieder verteilt und der eigene Sohn stand so mittellos da, wie jeder andere auch, und mußte mit der Schweinezüchterei von vorn anfangen.2
Eines der großen Vorteile, Klan-Führer zu sein oder ein großer Krieger, was für die Danis bedeutete, etwa ein Meter sechzig groß zu sein und zwei Hände voll Gegner umgebracht zu haben, also daß an jedem einzelnen Finger gewissermaßen Blut klebte, oder sonst wie zu den einflußreichen Leuten des Klans zu gehören, war, daß man den Status Kain-Koks erhielt und als solcher nach dem Tode nicht einfach verbrannt wurde, sondern monatelang über einem langsam vor sich hin kokelnden oder koksenden Feuer geräuchert wurde, danach hing man dann ewiglich vom Giebel des Longhouses und warf einen segnenden Blick auf die Klans-Gemeinde; das hieß, man hing da, bis indonesische Beamte kamen, und einen herunterrissen, in Stücke hackten und in die Flüsse warfen oder ins Feuer, um der barbarischen Sitte endlich ein Ende zu bereiten.3
1 S.177 2 S.197 3 S. 181
Eine andere, barbarische Sitte der Danis war das übertriebene Trauern um die Toten. Die Trauer war so groß, daß man sein eigenes Wohlbefinden vergaß und in der Verzweifelung der Trauer, oder weil es von einem erwartet wurde, sich selbst verstümmelte. für jeden Trauerfall eine oder mehrere kleine Ampultationen, zwei Finger, ein Ohr, die Nase vielleicht. Besonders von Frauen wurden solche Entstellungen erwartet. Und manch eine Frau konnte auf ihre fehlenden Finger zeigen und dazu Geschichten wie diese erzählten: Die vier verlor ich, als mein Großvater mütterlicherseits starb. Der war ein guter Mann gewesen. Und ich habe ihn sehr geliebt und er mich auch. So habe ich vier Finger für ihn gegeben. Als mein Vater starb, durfte ich dann nur noch zwei Finger geben, die, die hier fehlen, da man nicht mehr als sechs Finger geben darf. Das eine Ohr habe ich mir mit dem Bambusmesser abgeschnitten, als meine Großmutter starb. Das andere Ohr habe ich abgeschnitten, als man mir mein Lieblingsschwein gestohlen hatte. Es war ein gutes Schwein gewesen, das ich sehr geliebt hatte. Deshalb habe ich mir auch das Ohr abgeschnitten.1
Die Zentralregierung in Jakarta fand Ampultationen als Ausdruck der Trauer zu unhuman und erließ einen humanen Erlaß, der solche Ampultationen bei Strafe verbot. Aus Angst vor der Strafe in den Gefängnissen der Zivilisierten unterließen tatsächlich viele die Ampultationen. Einige, besonders Witwen, waren allerdings manchmal so verzweifelt, weil sie nicht wußten, wie sie ihre Trauer ausdrücken sollten, daß sie sich in Schluchten zu Tode stürzten.2
Zu den barbarischen Sitten der Danis gehörten auch noch die Stammesfehden, angeblich, um dem Bevölkerungswachstum3, den es trotz freiwilliger Zwei-Kinder-pro-Haushalt-Politik leider immer noch gab, Einhalt zu gebieten, und das Verzehren der getöteten Gegner, wahrscheinlich, um den Proteinhaushalt aufzubessern. Aber auch hier schob die Zentralregierung einen Riegel vor gute, alte Stammes-Sitte, übrigens eine Regierung, die mit ihrer eigenen Bevölkerungspolitik überhaupt keine Erfolge erzielte: In den zivilisierten Städten vermehrte man sich nach wie vor wie die Karnickel.
1 S.207 2 S.222 3 S.162
1220
Die Danis waren zwar Menschenfresser, aber sie waren auch zart besaitet. Das Geschrei von Hühner vor der Schlachtung zerriß ihnen so das Herz, daß sie den Hühnern vor der Schlachtung zuerst mit bloßer Hand - die Danis hatten und benutzten kaum Werkzeuge - die Stimmbänder herausrissen.1
Ein noch extremeres Verhältnis zu Hühnern hatten die Anhänger der Tetum-Religion auf Timor. für sie waren die Hühner und auch deren Eier Leluc. Und Leluc war ein heiliges Tabu, das auf gar keinen Fall gebrochen werden durfte. Und ein überzeugt altgläubiger Timorese hätte lieber seine Kinder verhungern lassen, als einer Henne das Ei weggenommen.2
1 S.169 2 S. 133
Und obwohl Ost-Timor unter den Portugiesen mit dem Katholizismus geimpft worden war, erhielten sich auch die sinnlosen Tabus der Vorzeit. Als 1989 der Papst Ost-Timor besuchte, verzichtete er zwar auf sein sonst so obligatorisches Küssen des Erdbodens, verspeiste aber ganz normal sein Frühstücksei. Seine Predigt wollte er unbedingt auf Latein halten, das bloß zwei oder drei Beamte aus seinem Hofstaat verstanden hätten. Schließlich gab er nach und las eine Übersetzung ins Englische vor, was wohl ein Prozent seiner Zuhörer verstand; Portugiesisch, das hier jeder verstand, war Tabu.
Warum war Portugiesisch Tabu? Nicht, daß die Zunge des Papstes keine portugiesischen Laute formen konnte; daß sie es konnte, hatte sie schon auf Südamerikareisen bewiesen, Portugiesisch war Tabu, weil es die Sprache des Protestes gegen die indonesische Besatzung war, und es war nicht nur Tabu für den Papst, sondern für jedermann in Ost-Timor. Der Papst wäre noch der einzige Jemand gewesen, der das Tabu ohne all zu große Nachteile hätte brechen können. Doch der Papst wußte, was globalpolitische Klugheit war.
Die Fretilin, die Frente Revolutionaria de Timor L'Este, hatte einst gegen die portugiesischen Kolonialherren gekämpft. Doch als die Portugiesen abgezogen waren, kamen die Indonesier und eroberten das Land, um noch mehr bunte Tupfer und Suku-Suku-Terasing in ihrem Pancasila zu haben. Und seitdem waren die Portugiesen gern gesehen und der Gebrauch ihrer Sprache ein Trotz gegen das verordnete Pancasilallen.
Die Invasion Ost-Timors durch die rechte Regierungsclique Suhartos hatte die volle Unterstützung der rechten Regierungsclique der WASPen. Präsident Ford und Henry Kissinger gaben Suharto bei ihrem Besuch den großen Augenwink: Geh' nur und bring die Kommis von Fretilin um. für die WASPen-Clique war die Eroberung Ost-Timors ein Erfolg der Freien Welt gegen den Kommunismus und eine kleine Rache für die Niederlage, die ihnen in Vietnam bereitet worden war. Sie lieferten 90% der benutzten Waffen. Die Briten lieferten den Rest, besonders den British Aerospace Hawk1, einen Habicht, der sich besonders gegen Bodentruppen eignete, in diesem Fall gegen Dörfer, in denen man Widerstandskämpfer vermutete. Den Rest der Vernichtung erledigten die Indoneser zu Fuß. Operasi nagar bati, der Zaun der Beine. 80 000 Fußsoldaten wurden eingezogen, um das Rückzugsgebiet der Bevölkerung um den Mount Matebian2, dem Seelenberg von Tetum, zu räumen, von lebenden Teilen der Bevölkerung zu räumen. Eine Treibjagd größten Stils.
Die Siegermächte teilten sich die Profite aus den Ölfeldern des umgebenden Festlandsockels. Die WASPen erhielten Passage-Rechte für ihre SSBN-Atom-U-Boote durch die Lombok-See und die Ombai-Wetar-Straße.3 Der Kommunismus wurde in Schach gehalten, weiter als bis Vietnam würde er nicht kommen.
Adjuna selbst hatte viele Schwierigkeiten in Pancasila. Obwohl er Pancasilallen konnte, und es mit den Beamten des Staates auch tat, hörte sich bei ihm Spaten noch immer wie Spaten an, und Verbrechen, Staatsverbrechen, nannte er auch im Pancasilallischen ein Verbrechen, so daß es schon eigentlich kein Pancasilallisch mehr war, aber doch noch irgendwie verständlich. Als er seine Unverschämtheiten dann auch noch auf Portugiesisch wiederholte, wollten ihn Staatsdiener nach Baucau,4 einem Folter- und Vernichtungszentrum, verschicken, damit er seine Ausbildung abschließen konnte. Der makabere Scherz: "Er ist nach Baucau, um seine Ausbildung abzuschließen," war damals die Standard-Antwort, die Angehörige erhielten, wenn sie sich nach einem Vermißten erkundigten. Adjuna entschied sich kurzentschlossen, alle Mordhelfer des Hafenstädtchens hinzurichten.
1 S.111 2 S.112 für mehr Details 3 S.114 4 S.105
Ach, ginge es doch immer so leicht. Die Welt wäre ein besserer Platz zum Leben und auch nicht so überbevölkert!
Aber statt jetzt weiter im Ort zu bleiben, fuhr Adjuna in einen anderen Hafen und geriet in neue Schwierigkeiten. Wahrscheinlich stand ihm seine Tat zu deutlich im Gesicht geschrieben, daß man ihn diesmal verdächtigte, ein Abgesandter der UN-Menschenrechtskommission zu sein und Menschenrechtsverletzungen auf der Spur zu sein.1 Besonders nervös wurden die Handlanger des Staates, als sie ihn mit seinem entspannten Bogen herumspazieren sahen. Da sie, bevor sie sich dem Staat angedient hatten, noch ein Naturvölkerdasein geführt hatten, war für sie ein Spaten noch keine Selbstverständlichkeit. Das hieß, eigentlich war ein Spaten für sie weniger selbstverständlich als ein Grabstock. Und für eben das, für einen Grabstock, hielten sie das lange Stück Holz in Adjunas Hand.
1 Mehr als zehnmal verdammte die UN-Vollversammlung die Aggression Indonesiens gegen Ost-Timor, aber im Gegensatz zur irakischen Invasion in Kuwait, die die Bohrrechte von George Bush und seiner Ölmillionärsclique gefährdete, geschah außer beschriebenem Papier nie etwas.
Nun war ein Grabstock an sich nichts Schlimmes, - hieß doch die moderne Forderung "Machet Kanonen zu Pflugscharen!" ursprünglich "Machet aus Flitzbögen Grabstöcker!" -, wenn da nicht dieses unbegründete Gerücht gewesen wäre, von Massenhinrichtungen und Massengräbern. Diese Tatsache war unbegründeterweise ein Gerücht. Das wußten die Staatsdiener, die trotz ihres naturkundlichen Ursprungs über aktenkundige Intelligenz verfügten. Sie legten Adjuna alle erdenklichen Knüppel in den Weg, war es nun auf seinen Spaziergängen oder bei der Hafenbenutzung, obwohl er gar nicht die Absicht hatte, Leichen auszugraben. Schließlich verließ Adjuna angewidert den Ort.
Im nächsten Ort erging es ihm kaum besser. Diesmal fiel einem Beamten auf, daß das Deckshaus seines Schiffes länglich war, genauer gesagt, länglicher Form war, wie es aktenkundlich gemacht wurde. Die längliche Form entsprach der länglichen Form der sogenannten Long Houses der Eingeborenen. Diese Long Houses förderten - wie ein Regierungserlaß wußte - die Unzucht und waren deshalb zu verbieten, beziehungsweise, zu zerstören. Nur als Touristenattraktion durften einige erhalten bleiben, aber sie durften nicht bewohnt werden.
Als die Beamten nun mit ihrem Erlaß ankamen, `Vorschrift war schließlich Vorschrift', und den Abriß des `Long Houses' forderten, hielt Adjuna ihnen vor, daß doch gar keine Frauen an Bord waren, mit denen man Unzucht treiben könne, das hätten sie doch wissen müssen, Frauen an Bord waren schließlich Tabu1. Aber die Beamten hielten nicht viel von der einheimischen Sitten, dagegen war ihr Vertrauen in die Regierung unermeßlich: Wenn der Staat von Unzucht sprach, dann mußte es Unzucht geben. - Und die Empörung dieser Emporkömmlinge steigerte sich ins Unermeßliche. Für Homosexuelle hatte man wie für Heiden, Kommunisten und Naturvölker keinen Platz in Pancasila. Und so wurden Adjuna und seine Leute als unerwünschte Homos vertrieben von diesem Orte, obwohl sie eigentlich die einheimischen Huren hatten aufsuchen wollen.
1 S. 48, Tabu bei den Acehnesischen Fischern an der Teungoh-Küste in Sumatra. Daß eine Frau ein Fischerboot betrat, war ein Scheidungsgrund.
Der nächste Ort war die Matschinsel Siberut. Die Urbevölkerung des Ortes, die Sakkudai, hatte entenähnliche Spreizfüße und sackte so nicht im Matsch ein. Die Javanesen, die gekommen waren, um den Ort zu zivilisieren, hatten keine solche Füße, sondern steckten in spitzen Lackschuhen, und bauten daher asphaltierte Straßen.
Die Sakkudais waren Heiden. Ihr Leben wurde von Geistern und von Tabus bestimmt. Jedes Gemeinwesen hatte einen Dukun, einen Schamanen, der die nötigen Rituale durchführte, bevor ein Baum gefällt, oder ein Affe geschlachtet werden durfte, außerdem trieb er wie einst Jesus Christus böse Geister aus. Die zivilisierten Javanesen versuchten nun ihrerseits den Sakkudais ihren Aberglauben auszutreiben.
Als erstes nahm man die Dukuns fest, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Sie hatten sehr lange Haare. Länger als es schicklich war. Bis zum Hintern, bis zum Boden oder sogar noch länger. Und wer sich nicht zu tarnen wußte, was gar nicht so leicht war, denn das große Haarknäuel paßte unter keinen Hut, der saß bald im Gefängnis. Die beste Tarnung war noch ein kurzer Fassonschnitt und adrette Kleidung.
So mit kurzen Haaren und einem Anzug von der Stange verloren sie dann auch bald wie einst Samson ihre Kraft. Und die Pharisäer hatten gesiegt.
Nun trug auch Adjuna langes Haar. Wenn es auch nicht auf dem Boden schleifte, sondern sich auf seinem Kopf hoch auftürmte, so war er doch für die javanesischen Zivilisierer, da die nicht groß differenzierten, wenn jemand anders war als sie, ein Dukun, ein dämlicher Schamane, also ein Suku-Suku-Terasing-Therapeut. Er gehörte zum Friseur und ins Gefängnis, und es traf sich so gut, daß es im Gefängnis einen Friseur gab.
Die verbeamteten Zivilisieren waren auch hier dämlich und verkommen genug, zu glauben, daß ihre Uniform ihnen Allmacht verlieh und Unverwundbarkeit. Leider ein Irrtum. Als Adjuna sie ignorierte, wollten sie auf ihn schießen. Aber es war er, der Halbnackte, der ein negatives Energiefeld um sich erzeugte, das die Kugeln abprallen und zurückfliegen ließ. Auf die so waidwund geschossenen Warzenschweine des Staates drosch Adjuna dann mit der gelösten Saite seines Gandiva-Bogens ein und bewies so die Vielseitigkeit dieser Waffe. Er peitschte die staatlichen Piesacker, bis ihre Uniformen Fetzen waren. Seuchenbekämpfung à la Supermanns Art.
Diese Inselwelt, die traditionell so bunt war wie ein Batikstoff, `batik' hieß auf Bahasa gesprenkelt, also nicht einfarbig, eintönig und uniform, die die weißen Teufel und die gelben Affen überstanden hatte, und die jetzt in eine graue Uniform gestopft wurde, Adjuna ließ auch sie hinter sich und fuhr weiter zu jenem großen, südlichen Kontinent, auf dem die Zeit stehengeblieben war, stehengeblieben bei den weißen Teufeln, der Herrschaft der weißen Teufel.
Wie in Amerika, als es von Katholiken und WASPen heimgesucht wurde, so waren auch hier die weißen Heimsucher erfolgreicher als die schlimmsten Seuchen: Hunderte von Völkern mit eigener Sprache, Religion und Tradition wurden ganz und gar ausgemerzt. Was tat man doch einem Stümper wie dem Einhodigen für eine Ehre, wenn man ihn als die Verkörperung des Bösen verteufelte, wo er doch nicht einmal das eine Volk, das er sich vorgenommen hatte, auszurotten, erfolgreich vernichtete!
Wie viele namenlose Helden gab es da in der weißen Herrenteufelrasse, die keiner oder kaum einer kannte und die höchstens von den eigenen Nachkommen ein klein wenig als Pioniere geehrt wurden! Wer kannte schon die Namen von jenen Helden, Viehzüchter, Siedler, Kolonialisten, Glückssucher und Unglücksschaffer, die der einheimischen Bevölkerung Mehl mit untergemischtem Arsen oder vergiftetes Schaffleisch schenkten oder sie mit falschen Versprechen in Rinder-Korrale lockten, um sie besser Abknallen zu können, oder die ganz einfach hoch zu Roß Treibjagd auf die Aboriginals machten?1
Waren sie kleine oder große Hitlers? Sie ließen jedenfalls meist keine Reste übrig. Und wo es Reste gab, gab es für die Reste aber bei weitem kein gelobtes Land mehr. Knastlöcher, Slums, Puffs und den Suff, das schon. Wenn es hoch kam, auch mal ein Reservat, aber kein Gelobtes Land.
1 vgl. z. B. "Australian Dreaming - 40,000 Years of Aboriginal History", herausgegeben von Jennifer Isaacs, Lansdowne Press Sydney, S. 285ff.
2 Zusatzinformation: Seit 1967 haben die Aboriginies volle Bürgerrechte und können damit auch an den Wahlen in ihrem Heimatland teilnehmen.
Das Gelobte Land war einmal. Die Uraustralier oder Australiden, wie sie auch von Anthropologen genannt wurden, hatten das Land wohl im Gegensatz zu den Weißen einst zu Fuß erreicht, als große Wassermengen als Eis gebannt auf den nördlichen und südlichen Festländern der Erbe lagen. Die ersten waren wohl schon 150 000 Jahre vor den Weißen angekommen. 40 000 Jahre vor Ankunft der Weißen war das ganze Land einschließlich Tasmaniens von ihnen bewohnt; in Besitz genommen, konnte man nicht sagen, da ihnen Besitz etwas Fremdes war.
Sie, die Ureinwohner, hatten auch keine gemeinsame Identität, etwa wie die Inuits, sondern als Captain Cook 1770 den Kontinent entdeckte, lebten laut Lehren der Anthropologen etwa 300 000 Aborigines auf dem Kontinent, und zwar in Horden und Stammesverbänden mit eigenen Lehrmeinungen und religiösen Vorstellungen und eigener Sprache. Etwa 500 solcher Gruppen sollte es gegeben haben. Sprachtypologen hatten diese Sprachen dann noch einmal in 31 Sprachfamilien zusammengefaßt; und wie zur germanischen Sprachfamilie das Norwegische, Schwedische, Dänische, Deutsche, das Englische, Friesische und Färöische, sowie das Nord-, West-, Ostgermanische und das Gotische gehörte, so gehörte z. B. der nordaustralischen Sprachfamilie das Wakakabi, das Wulamba, Mudbura, Chingali, Aranda etc. an.
Wahrscheinlich gab es also damals 500 verschiedene Ausdrücke für Mensch auf dem Kontinent, und wenn der eine Mensch zum Menschen einer anderen Horde `Mensch' sagte, dann verstand der eine Mensch den anderen Menschen nicht und der angesprochene Mensch dachte dann wohl: `Mensch, was will der Mensch bloß von mir?'
Alle Menschen das Kontinents hatten aber auch Gemeinsamkeiten gehabt. Gemeinsam war ihnen z. B. die Nacktheit gewesen. Nicht einmal über den Schaft ihres Penis trugen die Männer einen hohlen Pflanzenhalm und selbst im kalten Süden und im Inneren des Landes, wo es sogar im Sommer nachts frieren konnte, war man splitternackt. Schutz fand man höchstens in Höhlen und hohlen Baumstämmen - und am Lagerfeuer. Allen war auch gemeinsam, daß sie im Feuer einen großen Segen sahen. Ihre Legenden waren voll von Beschreibungen des elenden Zustandes, als man noch kein Feuer hatte und alles roh essen mußte und nachts im Dunklen und Kalten saß, und dem Ahnen, der endlich den zündenden Gedanken hatte, war man ewig dankbar.
Mit Feuer konnte man Einfluß auf seine Umgebung nehmen. Zum Beispiel konnte man das ganze Land abbrennen und dann die verbrannten Tiere einsammeln und aufessen, und das neu entstehende Grün war frisches Grün und ernährte einen Menschen viel besser, und besser schmecken tat es auch, und das frische Grün ernährte auch viel mehr Pflanzenfresser, als das alte Gestrüpp es vorher getan hatte.
Feuer und Verbrennen, das bedeutete Leben. Feuer war ein Merkmal des Lebens, ein Stück Lebensgut. Feuer machte das Leben schön und lebenswert. Die Toten, die hatten kein Feuer. Kein Feuer, kein Leben, keine Farbe, sie waren blaß.
Im Westen Australiens wußten die Legendenerzähler noch zu erzählen, wie ihre Ahnen die ersten Weißen an den Strand kommen sahen, wahrscheinlich Holländer, die nach der Umsegelung vom Kap der guten Hoffnung nicht rechtzeitig die Linkskurve in den Norden gekratzt hatten. Sie waren alle blaß. Und einige Männer des Stammes riefen: "Laßt uns die weißen Agula (Teufel) töten und sehen, ob sie Blut in sich haben, Leben." So geschahen die ersten Morde aus reiner Neugier auf der Suche nach Leben. Die Geschichtenerzähler wußten zu berichten, daß ihre Vorfahren tatsächlich erfolgreich einige Weiße töteten. Aber trotz der Erleichterung, daß die blassen Invasoren sterbliche, und damit zu tötende Lebewesen waren, wurde man ihrer irgendwann einmal nicht mehr habhaft, und das Land wurde besetzt und die Traumzeit endete für immer.
Und das war das andere gewesen, das allen gemeinsam gewesen war, daß sie träumten, daß sie geträumt hatten und mit ihren Träumen ihre Umgebung erklärt hatten. Die Evolutionstheorie hatten sie so auf den Kopf gestellt. Ihre Ahnen hatten nämlich geträumt, daß der Mensch das ursprünglichste Lebewesen sei, und daß dann hier und da bei besonderen Gelegenheiten sich Menschengruppen oder einzelne Ahnen in Tiere verwandelt hätten. Wie anderen Religionen auch war ihnen der Triumph, daß ihre religiösen Thesen und Fantasien von der Wissenschaft und harten Wirklichkeit bestätigt wurden, versagt geblieben. Aber sie hatten auch immer alle ihre Legenden, die von den Ahnen, Göttern und Giganten handelten, als Ereignisse aus der Traumzeit abgetan, da waren sie ganz ehrlich gewesen, das waren Träume, nicht wirklich handfestes Wissen. Und diese Vorstellung von der Traumzeit war über alle australischen Sprachfamilien verbreitet gewesen, wie das Christentum über hamitosemitische, kaukasische, uralische, altaische, germanische und romanische Sprachfamilien ausgebreitet gewesen war.
Auch Adjuna meinte: "Die heiligen Legenden kamen alle aus der Traumzeit?... Die gaben wenigstens zu, daß sie träumten, während wir bei anderen Religionen meist den Anspruch finden, daß man ihre Träumereien als bare Münze nehmen solle."
Obwohl der australische Kontinent so groß war, war er lange Zeit den europäischen Augen verborgen geblieben. Zwar hatte man schon lange von einem großen, südlichen Land, Terra Australia Incognita, gemunkelt; Inder, Araber, Chinesen hatten alle davon erzählt, aber die genaue Lage nicht verraten.
Schon 1606 war Pedro Fernandez de Quiros vom spanischen Hafen Callao in Peru Richtung Westen gesegelt, getrieben von Visionen, einen
großen Kontinent zum wahren Glauben zu bekehren, bevor die Protestanten oder Mohammedaner es täten. Er stieß auch tatsächlich irgendwo auf Land.
Ein Wunder eigentlich, daß er die kleinen Inselchen nicht verfehlte. Für Wunder war damals der Alte im Himmel noch alleinmächtig zuständig - erst später sollte eine Ära kommen, in der Atheisten Zufälle gelten ließen. Auf jeden Fall freute sich der fromme Quiros über die Neuen hebriden, die ihm der Herr in den Seeweg gestellt hatte, und er dankte dem Heiligen Geist - warum nicht auch dem Vater und dem Sohn wurde nicht überliefert -, und benannte das neue Land nach seinem Herrn, König Philip III von Austria (=Österreich), und dem Heiligen Geist `Austrialia del Espiritu Santo'. Der Name paßte gut, da sich der Name Austria für Österreich von dem lateinischen Wort `auster' Südwind, Süden, herleitete, wohl wegen der südlichen Lage Österreichs.
Die größte Neu-Hebriden-Insel behielt den Namen Espiritu Santo und ihre Bewohner lernten den heiligen Geist und die anderen zwei Drittel der Gottheit auf Umwegen über den römischen Papst zu verehren. Australia aber wurde der Name des Kontinents, den Captain Cook mit seiner Endeavour entdeckte.
Endeavour, das hieß Anstrengung, Bemühen, und Anstrengen und Bemühen war das Motto, das James Cook sein ganzes Leben lang befolgt hatte. Fähigkeiten, Können hatten diesen Sohn eines Landarbeiters zum Lieutenant der Royal Navy gemacht, nicht blaues Blut wie bei dem blinden Sucher de Quiros. Was James Cook auszeichnete, waren wissenschaftliches Denken und eine aufgeklärte, liberale und egalitäre Gesinnung. Jeder bekam bei ihm an Bord die gleiche Ration, egal ob dick oder dünn, Kapitän oder Matrose. Und er hatte Prinzipien, aber nicht die Prinzipien von Prinzipienreitern, sondern faire und vernünftige Grundsätze. Einer seiner Grundsätze war keine Pfaffen und Missionare mit an Bord zu nehmen. hätten alle Kapitäne solche Grundsätze gehabt, dann wäre das Christentum ein lokales Ereignis geblieben.
Ein anderer seiner Grundsätze war, niemals jemanden von hinten zu erstechen. Es war für ihn so selbstverständlich, daß man so etwas nicht tat, daß er dachte, auch andere würden so etwas nicht tun.
`Mache nie Deine eigenen Grundsätze, zu den Grundsätzen anderer
Leute!'
Als er erregten Eingeborenen auf Hawaii den Rücken zudrehte, erstachen sie ihn. Das war neun Jahre nach seiner Entdeckung von Australia. Da war er 50 Jahre alt.
Aber die Aborigines hatten nicht die Jahre vor James Cook in `splendid isolation' gelebt, sondern ihre Legenden waren voll von Besuchern, die kamen, dies und das taten und wieder verschwanden. Doch diese Besucher waren nicht so blaß, daß man sie erst töten mußte, um zu sehen, ob sie Leben in sich hätten.
Ein Besuchervolk, das kam und in den Legenden immer wieder auftauchte, waren die Baiini. Sie siedelten eine Zeit lang im Warramiri-Land und im Gumaidj-Land. Sie baute Reis an, webten Stoffe und trugen bunte Sarongs. Zum Bedauern der Aborigines verrieten sie nie die Magie des Kleidermachens, auch den Reisanbau lehrten sie den Australiern nicht. Aber die Australier aßen trotzdem, nachdem die Fremden wegwaren, was auf deren Feldern wuchs, auch wenn es nur Gras war. Es schmeckte irgendwie kultivierter. Besondern hatten die Frauen der Baiini es den Einheimischen angetan. Wenn sie ihre eigenen Töchter Karambal nannten, so drückten sie damit den Wunsch aus, daß sie als Frau einmal so schönärschig werden wie eine Baiini-Frau.
Die nächsten Besucher waren die Macassaner. Ihre Besuche waren nicht nur Legende, sondern historisch belegt. Sie kamen aus der Stadt Macassar auf Celebes und tauchten vor der australischen Küste nach Trepang, einer Art Seegurke. Auch sie waren nicht zu blaß, daß sie wie Unmenschen aussahen, sondern nur ein wenig hübscher als die Aborigines, so daß diese sie zuerst für die zurückgekehrten Baiini hielten. Die Macassaner belohnten die Einheimischen, wenn sie ihnen beim Sammeln von Trepang halfen. So entstand Handel.
Der Trepang war eine leckere Zutat für chinesische Süppchen. Und es schien, daß die Chinesen nicht immer der macassanischen Zwischenhändler, die die Preise unnötig in die Höhe trieben, bedurft hatten, sondern auch selbst mal gekommen waren, denn es wurde einmal in großer Tiefe unter den Wurzeln eines alten Banyan-Baumes in Darwin eine Statue aus der Ming-Dynastie gefunden. Es war die Statue des Gottes Shou Lao. Shou Lao war für Langes Leben zuständig. Wer lange leben wollte, mußte ihm opfern und Ehre erweisen.
Auch Adjuna wollte lange leben, aber er glaubte nicht, daß es Sinne hatte, eine Statue anzubeten oder den Gott, der wie dieses Menschenwerk aussah. Er wollte wissenschaftlich vorgehen. Dafür brauchte er ein Labor. Es sollte an einem geheinen Ort entstehen, damit nicht Feinde die Früchte seiner Forschung stehlen konnten.
Die Einrichtung seines Labors wollte er mit seinen Getreuen zusammenrauben, wie sie es in all den Jahren als Piraten mit allem, was sie gebraucht hatten, getan hatten.
Und während seine Flotte im Willi-Willi wie ein Wumera zurücktrieb, statt durch die Torres-Straße zu fahren, entschied Adjuna: "Wir überfallen nicht eine der großen Städte der Ostküste, sondern die kleine Stadt Darwin. Der Name der Stadt reizt mich. Nicht nur will ich zeigen, daß ich der stärkere bin, ich will auch mit dem Labor, das ich errichten will, die Evolution ein Stück voranbringen. So wollen wir die Einrichtung für unser Labor aus dieser Stadt holen, die sich nach dem Begründer der Evolutionstheorie benannt hat."
So segelten sie an dem Arnhem-Land entlang um die Melville-Insel in die Timor-See und schließlich in den Hafen von Darwin. Auf dem Weg machte Adjunas Flotte eine Wandlung durch: Sie wurde kleiner. Leckgeschlagene Schiffe versanken nach und nach.
Der Wind, der wie ein Wumera über Land und Leute, über Meer und Schiffe gewirbelt war, hatte die Stadt Darwin zerstört und Adjunas Flotte halb zertrümmert.
An Raub und Krieg war nicht mehr zu denken, sondern nur noch an Helfen, Heilen, Wundenverbinden und Reparieren und Wiederaufbauen. Die bösen Piraten waren ja gar nicht so böse. Wo sie die Zerstörung sahen, fühlten sie einen Drang, den armen Darwinern zu helfen.
Und während Adjuna mit anpackte, den Schutt zur Seite zu räumen, erinnerte er sich daran, daß er selbst einmal gelehrt hatte: Wir Menschen haben genug natürliche Feinde, daß wir uns nicht auch noch selbst und untereinander bekämpfen sollten.
Irgend etwas war schief gelaufen, daß weder er noch andere diese Lehre befolgten, und statt für ein allgemeines Gut immer wieder für ein eigenes Gut und des anderen Schaden arbeiteten, und nur ab und zu, völlig willkürlich, einer Laune folgend, wenn sie Leiden sahen, Mitleid empfanden und mithalfen, mal ausnahmsweise Leiden zu mindern.
Am Rande des großen Trümmerfeldes setzte sich Adjuna nieder neben einen alten Aborigine. Der Alte hatte seine verwaschene Jeans ausgezogen und hockte wie in alten Traumtagen splitternacht auf dem Boden.
Adjuna, der den tragischen Gesichtsausdruck des Mannes mit der Tragik der Katastrophe in Verbindung brachte, begann das Gespräch mit den folgenden Worten: "Was für eine tragische Katastrophe! Daß der Wind soviel Kraft hatte, eine ganze, aus Beton gebaute Stadt zu zerstören, erscheint unglaublich, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Aber wir werden die Stadt schon wieder aufbauen, größer und schöner."
"Und Jambuwal, der Donnermann, wird sie wieder zerstören. Sieht der weiße Mann denn immer noch nicht, daß Jambuwal mächtiger ist als der weiße Mann. Der weiße Mann kann einen großen Bumm machen mit seinem Dynamit und einen Felsen der Ahnen zersprengen, aber unsere Ahnen können seine ganze Stadt zerstören, wenn sie wütend sind. Irgendwann haben die weißen Menschen zuviel an den Ahnen gefrevelt, und die Ahnen werden sich rächen und den weißen Mann vernichten. Diese zerstörte Stadt ist ein Zeichen und eine Warnung von Jambuwal an den weißen Mann: Weißer Mann verlasse diesen Kontinent. Ich bin mächtiger als du. Ich zerstöre eine ganze Stadt mit einer Rührbewegung meiner Hand."
"Weißt du nicht, daß auch wir Menschen eine ganze Stadt zerstören können und wir brauchen nicht einmal mit der Hand zu rühren, sondern nur mit einem Finger einen Knopf zu drücken."
"Dann werdet ihr das tun zu eurem Untergang. Und Jambuwal wird triumphieren."
"Das glaube ich nicht. Jambuwal triumphiert nicht. Er kommt aus deinen Träumen."
"Egal, wo er herkommt."
"Ich muß mich wohl korrigieren. Jambuwal kommt nur in deinen Träumen vor. Er hat sonst keine Existenz. Er ist eine Traumfigur und Traum und Wirklichkeit sind verschieden."
Der Einheimische blickte Adjuna ungläubig an.
"Jambuwal mag nicht triumphieren", fuhr Adjuna fort, "wohl aber du und andere Aborigines mögen triumphieren, wenn die Weißen ihre Städte zerstören, aber das Triumphieren mag euch vergehen, wenn die Zerstörung und Verseuchung auch euch erreicht, dann werden vielleicht die Kakerlaken und anderen Aasfresser triumphieren."
"Nein, die Natur hat andere Gesetze. Die weißen Eindringlinge sind Schlangen. Sie gehören zu der Rasse der Schlangen. Sie verspritzen Gift und ihr Gift hat Schaden angerichtet an meinem Volke. Aber mein Volk ist das Volk der Sonne. Wir befolgen die Gesetze der Sonne. Wir stehen mit der Sonne auf und gehen mit der Sonne schlafen. Wir koexistieren mit der Sonne. Die Gesetze der Sonne sind die Gesetze der Natur. Wir koexistieren mit der Natur. Unser Leben ist das Leben der Sonne. Wir werden heiß und glühend zur Lebensmitte wie die Sonne zu Mittag und erkalten gegen Ende und Untergang. Man sagt, die Schlange beißt, wenn die Sonne am stärksten ist. Die Schlange hat schon gebissen. Wenn die Schlange die Sonne beißt, muß der Klan, der Mensch, die Sonne sinken in den eisigen Untergang und die Wunde kühlen und ersterben. Und doch so sagt man auch: Die Sonne wird immer wieder auferstehen."1
1 Etwas Ähnliches erzählte Albert Barunga, ein im Arnhem-Bush-Land heimischer Erzähler aus dem Mowanjum-Klan, dem weißen Michael Edols; aus `Australien Dreaming', S. 294. In dem gleichen Buch wird von einem anonymen Aborigine die Zerstörung Darwin am Weihnachtstag 1974 durch den Zyklon Tracy mit dem Ahnen Jambuwal in Verbindung
gebracht; S. 289.
Und immer sagte der Einheimische `die' Sonne, wie die Deutschen es taten. Die Sonne war für ihn weiblich, oder besser, mütterlich und kein herrischer Helios wie für die meisten Völker. Lunatisch, das war für ihn das Männliche.
Während der Alte Verworrenes aus dem Unterbewußtsein seines Stammes erzählte, dem einzigen Bewußtsein, über das er verfügte, erinnerte sich Adjuna, daß er ja alt werden wollte, weil er sonst vielleicht nie den lunatischen Weg der Menschheit bis zum Ende erlebte.
"Etwas so Interssantes möchte ich doch
nicht verpassen."
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