Adjuna gehörte zu den Geretteten, falls man so etwas überhaupt sein konnte.
Das hengstige Schiff, auf das er sich geflüchtet hatte, hatte sich nicht nur vom Anker losgerissen, sondern auch von den Zügeln, und unkontollierbar tobte es über die aufgewühlte Wasseroberfläche.
Adjuna kam sich so hilflos und belämmert vor, wie einst Noah, der ja seine Arche schon gleich ohne Ruder konstruiert hatte, wahrscheinlich, damit er sich nicht zu ärgern brauchte, wenn es mal brach.
Wie lange würde er jetzt treiben müssen? Vierzig Tage, vierzig Nächte? Vierzig Jahre? Würde er Ali Baba und den Vierzig Räubern in die Hände fallen?
Es stellte sich heraus, daß nicht die ganze Welt unter Wasser war. Wo sollte auch all das Wasser herkommen? Da die Wellen immer noch hoch waren, freute sich keiner an Bord über das Land, auf das man zutrieb. Man würde an den Uferfelsen zerschellen, Schiffbruch total erleiden.
Adjuna blickte noch schnell einmal auf die Uhr. Seit dem Untergang der Awahnee Inseln waren bloß 40mal acht Stunden und 24 Minuten vergangen, mit anderen Worten: also bloß vierzehn Tage. Eine für Mythen ungeeignete Zeit.
Im Gegensatz zu den anderen an Bord überlebte Adjuna auch diesen Schiffbruch und die Hai verseuchten Gewässer vor dieser fremden Küste.
Pudelnaß stand er am Strand und streckte sich: "War ich nicht schon oft wie Odysseus gewesen, ein Gestrandeter und Herumirrender?"
Es gab nun eine alte Tradition, die es zu ehren galt. Nach dieser alten Tradition mußte ein Held oder Messias1, oder wer auch immer, einmal - meist gegen Ende seines Lebens oder danach - für kurze Zeit, ein paar Tage waren genug, in die Unterwelt, den Hades, eingehen und mit den Seelen dort reden.
"...gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zu Hölle, am dritten Tage auferstanden..."
Nein, gestrandet, aber aufrecht stehend und am Leben.
Und es war wieder eine Frau, wahrscheinlich hieß sie wieder Kirke, die ihm riet, in die Unterwelt zu gehen, - alle Mythen waren einander verwandt.
Sie deutete in eine Richtung: "Geh nur immer geradeaus. Du wird es schon finden."
1 Um nur ein
paar zu nennen: Krishna der Hindus, Quexalcote von Mexiko (ca.
300 vor Chr.), Adonis von Griechenland, Prometheus vom Kaukasus
(ca. 600 v. Chr.), Horus von Griechenland, Osiris von Ägypten,
sowie die Helden Herkules, Aeneas und natürlich Odysseus waren
alle mal im Hades, und seit dem Konzil von Nizäa (im Jahre 325
unserer Zeitrechnung) natürlich auch J. C.; vgl. `The World's
Sixteen Crucified Saviors or Christianity before Christ', von
Kersey Graves, S. 140ff.
Adjuna ward eine Öffnung gewahr.
Dies ist die Höhle zur Unterwelt, zögere nicht, Lebender, gehe nur hinein und du wirst sie finden, die Seelen der Menschen, denn, daß eine Menschenseele ihr entging, das ist bis jetzt noch nicht geschehen.
Hab' keine Angst, Lebender, wenn ein Lebender diesen Eingang findet, so wird er im Tiefen und Dunklen auch wieder einen Weg zum Licht finden.
Lange stand er unentschlossen vor dieser schwarzen Leere und hatte dem Brausen und Brodeln, dem Zischen und Stöhnen gelauscht, dann...
Die Lockungen der Neugierde überredeten schließlich. Er tauchte ins Dunkel. Zu den Seelen der Alten wollte er.
In der Höhle `Unterwelt' gab es einen Mund, der erzählte die Geschichten der Toten.
"Am Morgen verließ er mit ihr die Wohnung, die Nacht hatten sie beide nicht schlafen können; zusammen hatten sie sich gehalten, von der Ewigkeit, von der Enttäuschung, vom ganzen Überdruß ihrer so unfähigen Herzen war gesprochen worden und vom Entschluß.
Jetzt war alles das letzte Mal, alles erhielt dadurch eine geheiligte Bedeutung. Sie fuhren zum Flugplatz, trafen andere Clubmitglieder, versuchten, sich oberflächlich zu geben; Oberflächlichkeit, die Tugend unserer Zeit. Man schnallte die Fallschirme um, wie schon seit Wochen jeden Sonntag. Als er angefangen hatte mit diesem Sport, fürchtete er sich manchmal davor, daß der Schirm sich nicht öffnen würde. Der Flug begann, er achtete auf nichts, seine Gedanken kreisten: Die vielen Reisen, die er gemacht hatte, seine Erfolglosigkeit, die Einsamkeit seiner Kindheit; hing nicht alles zusammen? Dann hatte er sie getroffen; er dachte an den Sadismus und die Quälereien der ersten Liebe mit ihr, diese Sucht nach mehr, von der Lust zur Überlust, diese Sinnlichkeit der Macht, der Genuß der Herrschaft und Gewalt, die Peitsche als Phallusverlängerung. Und jetzt: Die höchste Form der geschlechtlichen Vereinigung, der gemeinsame Tod. Er sah auf seine Uhr. Bald werden wir springen, in unser Glück. Warum sind wir so verdammt unfähig, Glücklich zu leben? Warum müssen wir dafür sterben? Für mich gibt es kein Glück, ich habe gründlich genug gesucht. Und für sie? Ich weiß es nicht. `Das Herz innen' wird es im Fernen Osten genannt; was haben sie sich dabei gedacht? Warum `innen'? Jetzt springen wir und fallen und fallen. Wir halten uns die Hände, sehen uns an, haben Tränen in den Augen; wir öffnen unsere Fallschirme nicht, unsere Gedanken sind eins.
So fallen wir dann in den Tod, wissend, daß es keinen Gott gibt, und daß wir unser einziges Leben beenden.
Unsere Seele ist ohne den Körper taub und gefühllos und lieben kann sie auch nicht mehr.
Es war nur eine Art zu sterben.
Manche Leute wissen nicht zu leben."
Der Mund verächtlich lachte, zuckte, spuckte, ausspie.
Wieder hörte er die Stimme, diesmal unruhig, fahrig, - aus einer anderen Richtung.
"Ich fühlte mich gehetzt und betrogen vom Leben, überall gab es Menschen, eklige, kleine, fleißige Menschen, deren Neid und Haß mich verfolgte, alle hatten ihre Ideologie und ihre Gerechtigkeit und wollten ihren Krieg führen, und ihre Gesetze der Gleichheit trafen alle, die ungleich waren, das aber war ich, so wurde ich gejagt, in allen fruchtbaren Ebenen und Gegenden waren sie, es blieben nur die hohen Berge, auf denen man nicht leben konnte, nur sterben, und so kam es, daß ich mit ihr durch den Schnee des Himalayas stampfte. In den Bergdörfern wurden wir abgewiesen, die Leute hatten kaum genug für sich selbst, um durch den Winter zu kommen, und wir waren nicht wie sie und sprachen nicht ihre Sprache, wie konnten wir von ihnen Hilfe erwarten, sie hatten gesät und geerntet, aber wir waren den ganzen Sommer über immer nur gewandert. `Wir gehören nicht zu ihnen, laß uns weiterziehen, wir werden erst mit Einbruch der Nacht erfrieren, bis dahin müssen wir weitweg von ihnen sein, damit ihr Mitleid nicht unsere Leichen besudelt.' So stapften wir wieder los den höchsten Gipfeln entgegen, und als wir uns abends niederlegten, öffneten wir unsere Hemden, drückten unsere Busen aneinander, unsere Herzen verschmolzen in eins, der Frost tat sein Werk, unsere Körper erstarrten, unsere Herzen schwiegen."
Die nächste Geschichte erzählte der Mund wieder in der dritten Person, da das Tote bis zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht sprechen gelernt hatte, und da das Jenseits kein Ort der Unterhaltung war, es sich diese Fähigkeit auch dort nie hatte aneignen können.
"Ein Baby lag einsam am Feldrand. Die
Eltern arbeiteten auf dem Feld. Eine Schlange kam und legte sich
auf das schlafende, warme Kind. Der Vater sah es von weitem. Das
Kind wurde gerade wach. Es sah die Schlange und wollte schreien.
Die Schlange bäumte sich auf. Der Vater - verzweifelt - eilte
herbei. Bevor der Vater noch den Ort erreicht hatte, holte die
Schlange zum Angriff auf das Kind aus. Der Vater in seiner
Verzweifelung schleuderte die Sense nach der Schlange. Er traf
beide - Schlange und Kind. Beide starben vor seinen Augen. Die
sterbende Schlange aber sprach zum sterbenden Kind: Die Dinge
sind unvermeidlich. Du gehorchtest deiner Natur und wolltest
schreien, als du mich sahest. Ich gehorchte meiner Natur, fühlte
mich bedroht und wollte mein Gift verspritzen, und dein Vater
wollte sein Kleines schützen, aber überschätzte seine
Möglichkeiten."
Der Mund bekam verbrannte Lippen und nahm einen sehr klagenden Ton an. Gebannt starrte Adjuna auf den häßlichen Mund. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und die verwirrenden Visionen der Hölle. Er sah nicht mehr nur einen verbrannten Mund, sondern ein verbranntes Gesicht, verbrannte Hände, einen verbrannten Körper. Wegen der halb weggebrannten Lippen lispelte der Mund: "Ich war ein keusches Mädchen und ich war jung und schön. Wegen meiner Tugend und meiner Schönheit hatten meine Eltern für mich einen reichen Mann aus einer angesehenen Brahmanenfamilie finden können. Bald sollte Hochzeit sein. Da geschah das Unglück. Wir waren auf einer Gangesfähre unterwegs nach Bhagalpur, um noch ein paar Einkäufe zu machen. Da tauchte plötzlich neben dem Schiff ein Weibchen der selten gewordenen Deltadelphine auf, zweifellos die Inkarnation einer neidischen Göttin. Alle Fahrgäste liefen auf die Seite, um das Tier zu sehen. Dadurch verlor das Schiff die Balance und kippte. In meiner Mädchenschule bei den frommen Schwestern von Jesu Herzen hatten wir nie Schwimmen gehabt, weil sich so etwas für anständige Mädchen nicht geziemte. Ich hatte also den sicheren Tod durch Ertrinken vor Augen. Es gab nichts, das ich ergreifen konnte. Die meisten Fahrgäste konnten nicht schwimmen und strampelten wie besessen im Wasser und platschten und schrien. Es war nichts da, kein Holz vom Schiff, kein Helfer, und natürlich keine Rettungsringe. Vom Delphin sah ich auch nichts wieder. Plötzlich quellte in der Strömung direkt vor mir der Kadaver einer Kuh hervor. Ich ekelte mich davor und wußte, daß es eine Sünde war, einen Leichnam zu berühren, lieber wollte ich sterben. Ich griff zuerst nicht danach. Aber das Ertrinken ist furchtbar. Das Wasser, das ich schluckte, brannte in meinem Hals und in meiner Lunge. Da ergiff ich doch schnell den Schwanz der toten Kuh und zog mich dann ganz auf den Kadaver, so gelang es mir, meinen Kopf lange Zeit aus dem Wasser zu halten. Der aufgequollene Kuhkadaver, obwohl selbst fast ganz vom Wasser überspühlt, hatte genug Auftrieb, um mich aus dem Wasser zu halten. Welch ein zynisches Schicksal, dachte ich, der Leichnam rettet mich, aber wenn herauskommt, wie ich gerettet wurde, werde ich als so besudelt gelten, daß man mich meiner Kaste und Ehre berauben wird. Aus Schrecken vor dieser Verstoßung ließ ich los. Sofort entglitt mir das Tier. Wieder schluckte ich Wasser und es brannte in Hals und Lunge. Ich wollte die Luft anhalten und untergehen und sterben. Da stießen meine Beine gegen sandig schlammigen Boden. Kräftig schlugen sie dagegen. Die Strömung war stark vom Monsum. Gerettet dachte ich triumphierend. Mit gerecktem Hals hoppelte ich in der Strömung und ertrank nicht. Langsam wurde es flacher. Gerettet. Niemals brauchte ich zu verraten, daß ich einen Tierkadaver geritten hatte. Schließlich erreichte ich ein Ufer. Ein junger Mann kam mir entgegen und half mir beim letzten Schritt an Land. Er war auch von der Fähre, aber er war selbst geschwommen und deshalb ganz erschöpft. Er warf sich gleich auf den Boden und stöhnte, daß ich Hilfe holen sollte. Ich ging also einen dünnen Pfad entlang, kam aber nach einer gewissen Zeit wieder ans Wasser. Ich folgte verschiedenen Fährten, aber bald wurde mir klar, daß wir auf einer Insel waren, und daß die Insel unbewohnt war. Wir müßten Schiffe auf uns aufmerksam machen. Ich ging also zurück zu dem Mann und sagte ihm das. Er stöhnte und klagte, er habe Hunger usw., sei erschöpft, seine Eltern machten sich Sorgen. Leider dämmerte es schon. Und die Schiffe waren auch alle zu weit. Ich tröstete ihn: Morgen würden wir sicher gerettet werden. Dann machte ich mir weiter im Inneren der Insel im Gebüsch ein gemütlicheres Plätzchen für die Nacht und ließ ihn liegen, wo er lag. Am nächsten Morgen kam tatsächlich ganz früh schon ein kleines Boot, das auf der Suche nach Überlebenden von dem Führunglück war, und nahm uns mit zu einer Sammelstelle, wo wir versorgt wurden, und von wo uns unsere Verwandten nachher abholten. Ich war froh, wieder bei meiner Familie zu sein. Natürlich erzählte ich nichts von der toten Kuh. Vielleicht war das meine Sünde. Jedenfalls schlug das Schicksal brutal zu. Der junge Mann hatte im Kommilitonenkreis damit angegeben, wie er Sex mit mir hatte. Das war mein Untergang. Ich galt als besudelt. Mein Verlobter wollte mich nicht mehr. Meine Familie, mein Vater, meine Mutter, meine Brüder, meine Schwestern, alle machten mir die schlimmsten Vorwürfe. Sie bespuckten mich, stießen mich in die Asche des Kochplatzes. Keiner glaubte mir, daß ich unschuldig sei. Wenn du unschuldig bist, dann beweis' es uns, sagten sie. Sie waren voller Haß. In der Zeitung stand einmal, wie ein junges Mädchen, das einmal in einer ähnlichen Situation gewesen war wie ich, nämlich in einem Fahrstuhl mit einem jungen Mann eingesperrt gewesen war, und dieser junge Mann hatte nachher auch vor seinen Freunden damit angeben müssen, wie er das Mädchen genommen hatte, wie dieses junge Mädchen Selbstmord machen wollte, indem sie vom Hochhaus heruntersprang, aber ihr Fall wurde mysteriös von der weichen Ladung auf einems Lkw gebrochen. Sie war durch die Plane in eine Ladung Baumwolle gefallen und hatte überlebt. Leider hatte sie an der Stange der Plane eine Querschnittlähmung erlitten. Aber ihre ganze Familie war jetzt von ihrer Unschuld überzeugt und hatte geschworen, für immer für sie zu sorgen. Schließlich bereute auch der junge Mann seine Prahlerei und gestand, gelogen zu haben. Ich versuchte auch, den jungen Mann, der mit mir auf der Insel war, ausfindig zu machen, aber das wurde gegen mich ausgelegt: Als ob ich meinen Buhlen suchte. Immer wieder warf man mir meine Sündhaftigkeit vor, wie ich die Familie besudelt habe und weiter durch mein Verhalten besudle. Szenen aus Filmen hielt man mir vor, in denen keusche Mädchen, zum Beweis ihrer Keuschheit durch Feuer gingen oder Selbstmord machten, und durch göttliches Eingreifen gerettet wurden. Man kam mir auch mit dem Raamaayana: Wo Seeta, nachdem sie aus Raavanas Gefangenschaft befreit worden war, von ihrem Gatten Raama verstoßen wurde, weil Raama als Kshatriya keine Frau nehmen konnte, die von einem anderen berührt worden war, so daß Seeta dann zum Beweis ihrer Keuschheit das Feuer eines Scheiterhaufens betrat und der Gott des Feuers Agni ihre Unschuld erkannte und sie unverbrannt wieder heraustreten ließ. Andere Mädchen haben solche Feuerproben gemacht und sind natürlich verbrannt, trotzdem galten sie als unschuldig. Die Tatsache, daß man hineinging, war Beweis genug. Aber ich wollte nicht verbrennen. Was nützte mir der Beweis meiner Unschuld, wenn ich nicht überlebte, sagte ich mir und setzte mein elendes Leben in meinem Elternhaus fort. Immer wieder hörte ich meine Eltern klagen, daß man mich nicht mehr verheiraten könne und man die Schande wohl ewig im Haus haben müsse. Und immer stieß man mich verachtungsvoll hin und her. Ich dachte schon daran, von zu Hause wegzulaufen. Aber was konnte ich machen, dachte ich. Mir fiel nichts ein, außer Hure vielleicht. Das war ein schmutziger Gedanke, der da in mir entstanden war. Vielleicht war das der Grund, daß ich nachher verbrannte. Durch eine Unvorsichtigkeit eines Dienstmädchens war nämlich unser Haus in Brand geraten. Alle Leute flüchteten aus dem Haus. Ich wollte auch fliehen, aber meine Eltern und Geschwister stießen mich immer wieder zurück in die Flammen. Sie schrien: Wenn du keusch gewesen bist, tun die Flammen dir nichts. Und wenn du gehurt hast, dann waschen die Flammen deine Schande ab. Die Nachbarn nickten zustimmend. Ich war verzweifelt. Die Flammen brannten furchtbar. Es tat so weh. Immer wieder versuchte ich zu entfliehen. Die haßverzerrten Gesichter meiner Familie stießen mich jedes Mal zurück. Selbst meine kleinste Schwester schimpfte auf mich. Da ergriff ich sie und zog sie ein Stück mit in die Flammen. Du bist Jungfrau und brennst doch, rief ich. Aber meine Schmerzen waren zu groß, sie länger zu halten. Und sie entkam den Flammen wieder und ich verbrannte allein."
Das entstellte Gesicht schwieg, weinte dann still. Adjuna bedauerte, daß in der Nachwelt den Leuten ihr Schicksal so ins Gesicht geschrieben stand. Sollte es nur im Leben Heilung geben und nicht mehr danach?
Nach einer Weile sprach das Mädchen wieder:
"Der junge Mann, der mich aus dem Wasser zog und dann so
erschöpft auf der Insel lag, ist übrigens auch hier, irgendwo
weiter unten. Neulich an einer Infektionskrankheit gestorben. Ich
habe mal mit ihm gesprochen, er behauptete, er habe das mit dem
Sex mit mir sagen müssen, sonst hätte er sich bei seinen
Kollegen lächerlich gemacht. Er ist uneinsichtig. Er meinte,
sein Ruf als Mann sei wichtiger als der gute Ruf einer Frau. Er
scheint Frauen zu verachten und die Wahrheit ist ihm auch
egal."
Abteilung: Falsche Propheten.
"Mein Name ist Jonas."
"Mein Name ist Adjuna."
"Ich hatte den Weltuntergang vorausgesagt, auf die Sekunde genau."
"Wie ist das möglich?"
"Das ist nicht schwer. Ich war ein wortgewaltiger Mann, natürlich nur in meiner Muttersprache Koreanisch. Ich hatte mir eine neue Religion ausgedacht, aber das Geld kam nicht so rein, wie ich dachte. Da hatte ich die Idee mit dem Weltuntergang. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wann die Welt wirklich untergeht..."
Hier unterbrach Adjuna: "Die Welt kann eigentlich gar nicht untergehen, weil sie ja nicht schwimmt."
"Ja, natürlich; ich dachte sowieso mehr daran, was die Sache mir einbrächte. Also den Weltuntergang zu predigen - mit oder ohne Uhrzeit ist nicht schwer, aber die Leute auch noch zu überzeugen, daß sie einem ihr ganzes Vermögen hinterlassen - und zwar noch bevor der Weltuntergang stattfindet, das ist schwer. Puhhh, mußte ich Fragen ausweichen! Aber es klappte."
"Was???"
"Daß ich all deren Geld bekam."
"Und dann?"
"Ja, das hatte ich nicht vorhergesehen.
Ich dachte, ich könnte mich irgendwie aus der Affäre ziehen.
Schließlich war es ja deren Dummheit, mir ihr Geld zu geben.
Aber die Leute gingen vor Gericht, und bekamen recht. Und was
noch schlimmer war, irgendeiner von den Betrogenen erschlug mich,
als ich aus dem Gefängnis kam. Das hatte ich alles nicht
vorhergesehen."
An diesem Punkt mischte sich eine andere, dicke, fette, gesättigte Seele in das Gespräch: "Sieh mich an, ich habe an der Religion verdient - und nicht schlecht. Du hättest mit deinen Prophezeiungen vager sein sollen und du hättest wie ich, was da oben als wahrer Glaube galt, predigen sollen", und noch einmal mit erhobenem Zeigefinger,Wurstfinger, "wahrer Glaube und vage Prophezeiungen."
Genaueres verriet der Religionsmann nicht.
Jonas: "Da hätte ich ja nichts mit Mädchen haben können."
Der erfolgreiche Religionsmann: "Wer will denn was mit Mädchen haben?"
Adjuna: "Gehe ich recht in der Annahme, daß Sie alt geworden sind und eines natürlichen Todes starben?"
"Recht, mein Freund, recht, mein Freund."
Adjuna wirkte in der ungewöhnlichen Umgebung ein wenig eingeschüchtert.
"Also, wenn man prophezeihen (Verzeihung, prophezeien schreibt man natürlich ohne `ha'!) will, muß man erstens, vage sein, zweitens, und daß ist das Wichtigste, ein Wenn-und-Aber benutzen. `Wenn Ihr nicht...,'" donnerte er los, daß die ganze Unterwelt aufhorchte, "so trägt man wenigstens mit dazu bei, daß sich die Menschheit bessert."
"Ach, das war alles", enttäuscht hörten die anderen Seelen wieder weg.
Adjuna aber dachte: "Dieses Wenn ist Blödsinn. Wenn die Leute denken, ihr Untergang hinge von einem Wenn ab, dann denken sie: Es wird schon nicht so schlimm sein, und machen weiter wie immer oder jedenfalls fast genauso. Man muß ihnen sagen, die Vernichtung ist unausweichlich, absolut, nichts kann sie mehr aufhalten, so wie Jonas es der Stadt Ninive gesagt hatte. Die Leute von Ninive hatten sich nicht geändert, weil sie an die Abwendbarkeit des Unglücks glaubten, das war nur eine später hinzugekommene Lüge und Propagandamasche der Gottespartei. In Wirklichkeit hatte alle Bösheit und Boshaftigkeit angesichts der Katastrophe an Sinn verloren: Was sollte man seinen Nachbarn noch schaden, wo so ein großer Schaden so unmittelbar bevorstand. Selbst der harmlosen Ausschweifigkeit wurde von dem nahen Ende aller Hoffnungen die Potenz genommen. Man kniff sozusagen den Schwanz ein."
Während die beiden Gottesmänner sich weiter berieten, wie sie `es' das nächste Mal, falls sie wiedergeboren würden, machen sollten, `es' = das Leben da oben, ließ Adjuna die falschen Propheten weiter Erfahrungen und Hoffnungen austauschen und ging selbst weiter zum richtigen Propheten.
Die nächste Begegnung
"Und warum bist du tot?"
"Ich kannte die Zukunft. Ich war ein Hellseher. Aber ich war ein geheimer Hellseher. Denn ich hatte Angst. Deshalb versteckte ich mein Wissen um die Zukunft."
"Und was wußtest du? Erzählt es mir! Ich werde es auch weiter geheim halten. - Ich erzähl' es bestimmt nicht weiter."
"So fängt das Verraten aller Geheimnisse an. - Also, ich sah damals, daß die lange Feindschaft zwischen Ost und West enden würde. Zu lange währte diese Feindschaft schon, ohne daß auf böse Worte böse Taten gefolgt waren. Bald würde man der gegenseitigen Anschuldigungen und Verteufelungen müde sein. Und wenn erst einmal eine Wende erreicht sein würde, dann würden die Menschen nichts Eiligeres zu tun haben, als forschen Schrittes in andere Richtung zu gehen, zum Bruderkuß."
"Das waren doch rosige Zukunftsaussichten, die du da für die Menschheit gesehen hattest."
"Vor Freude würde man die Waffen wegschmeißen. Man würde sich entspannen, nicht nur militärisch, sondern ganz allgemein, und selbstgefällig, faul und gefräßig würde man werden. Und ich sah, daß, während man bei uns nicht mehr auf der Hut war, sich die armen Völker des Südes erhoben und die ganze Welt mit Krieg überzogen."
"Und da hast du nicht laut deine Stimme erhoben und die Völker der nordischen Welt und deren Führer gewarnt?"
"Ich wollte mich nicht lächerlich machen, deshalb versteckte ich mein Wissen in einem hohlen Baum."
"Und warum hast du es nicht einfach für dich behalten?"
"Weil ich eitel war. Aber ich hatte auch Angst, daß ich mich vielleicht geirrt hatte."
"Du meinst `verguckt' bei deinem Blick in die Zukunft?"
"Ja. Später bin ich dann krank geworden und gestorben. Das hatte ich nicht vorausgesehen. Jetzt weiß ich gar nicht, ob die Dinge alle eingetreten sind, die ich vorausgesehen hatte."
"Es scheint, sie sind."
"Hatte ich doch recht", triumphierte die Stimme, "hätte ich das gewußt, wäre ich nicht so zurückhaltend gewesen. Ich hätte alles laut und deutlich gesagt, und wenn die Dinge eintrafen, hätte ich gesagt: `Seht ihr, das habe ich doch alles vorausgesagt.' Und man hätte mich bewundert und geachtet und ich wäre glücklich gewesen und nicht so früh vor Kummer gestorben."
"Jetzt, wo du weißt, daß du richtig voraussagen kannst, gibt es noch etwas, was du der Menschheit zu sagen hättest."
"Die Dinge sind unvermeidlich", erklärte er großspurig, "sterbt leichten Herzens. - Ach ja, noch eins: Es wird leider Überlebende geben."
Vom Eingang her erscholl eine Stimme: "Überlebende wird es gegeben? Überlebende soll es wohl geben, dafür sind die Lebenden zu viele. Ich bin zwar gerade erst angekommen und habe nicht alles mitbekommen, was hier gesagt wurde. Aber zuerst einmal wird es jetzt Tote geben. Da oben denkt man jetzt ans Töten und nicht ans Leben."
Die Stimme gehörte einem großen, hageren Afrikaner, sein Körper war zerfetzt. Auf seine Fleischfetzen deutend, meinte er halb entschuldigend: "Ich bin von einer Granate zerrissen worden. Als unsere Armee an der Riviera landete. Haß und Hunger trieb uns in den Norden. Während wir vor Hunger an Schlaflosigkeit litten, waren die weißen, fetten Porkies im Norden überfressen und verdienten ihr Geld im Schlaf, weil sich ihre Vorfahren mal durch schwarze Sklaven oder Kolonien bereichert hatten. Von Gewehrkugeln und Granaten getötet zu werden, ist heroischer, als am Hunger einzugehen. So denken wir jetzt alle."
Man merkte es trotz der Dunkelheit, der Hellseher hatte seine helle Freude am Gehörten. Er zappelte förmlich vor Freude.
Dieser Bereich der Unterwelt, so nahe am Eingang, war plötzlich so übervoll mit Menschen, daß ein richtiges Gedränge entstand.
Adjuna floh deshalb weiter ins Innere der
Höhle.
Das nächste, veraxe1 Vatizinium
1 von
lateinisch `verax' = wahrredend
Den nächsten, den Adjuna begegnete, erkannte er sofort an dem einzelnen Ei, das bei ihm bloß runterhing. In der Hölle lief man im allgemeinen nackt herum. Nur wenige Privilegierte trugen Asbestanzüge.
Adjuna: "Du, du bist einer der schlimmsten Mörder."
Der Einhodige: "Was ich auf Erden getan
habe, war durch und durch gut. Die Menschen umzubringen, ist das
Wichtigste. Ich konnte die Menschen doch nicht alle einzeln
selbst umbringen. Ich mußte sie in den Krieg schicken, damit sie
sich gegenseitig umbringen. Ich habe gesagt, was ich zu sagen
hatte auf Erden; jeder, der ausführte, was ich sagte, den trifft
genauso viel Schuld wie mich, oder sogar mehr, denn man kann ihm
auch noch den Vorwurf der Dummheit machen, weil er blind folgte,
ohne zu denken. Ich wußte, was ich tat; dieses widerliche,
dumme, Heil schreiende Volk wußte nichts. Nichts zu wissen,
nichts zu können, nichts zu verstehen, ist eine Schande und ein
Verbrechen. Verbrecherische Wertlosigkeit, das ist, wozu sich die
Menschen gemacht hatten und immer wieder machen. Und deshalb
fütterte ich sie den Kanonen. Wenn ich wiedergeboren werde,
werde ich mir einen anderen Grund ausdenken, um alle diese
widerlichen Idioten wieder in den Tod zu schicken. - Sieh, wie
gut es mir hier in der Hölle ergeht! Für meine Taten da oben
werde ich hier fürstlich belohnt. All die Leiden, deren Zeuge
ich hier werden darf."
Adjuna ging weiter und weiter und hörte ein unendliches Klagen: Die meisten klagten, daß sie im Leben nicht genug geliebt worden waren.
Viele hatten ihre Aufgabe im Leben nicht erfüllt und waren unglücklich und wollten zurück. Andere hatten es ganz versäumt, ihrer Berufung zu folgen, sondern nur angepaßt, kleinlich und böswillig gelebt; hier waren sie jetzt die am schlechtesten Gelaunten, da sie sich getäuscht und um ein ganzes Leben betrogen fühlten. Aber selbst Diebe und Betrüger klagten, daß man sie betrogen hatte, denn die Dinge, die sie sich ergaunert hatten, hatten alle gar nicht den Wert gehabt, den sie angeblich haben sollten. Und alle klagten, daß die letzten Stunden, Tage, Wochen, manchmal waren es sogar Jahre vor dem Tod so schmerzhaft gewesen waren, so voller Leiden, Schmerzen.
Ganz selten spürte Adjuna aber auch mal ein Lächeln. Das war dann jemand, der lächelnd und mit seinem Leben zufrieden gestorben war. Sogar ein Selbstmörder war darunter, er war im Gegensatz zu den anderen Selbstmördern zufrieden, daß er tot war.
Aber wie schon im Leben mit den Menschen fand Adjuna auch hier bald: "Kennst du einen, kennst du alle." Und er achtete nicht mehr so sehr auf das Geklage. Und wie er auf der Erdoberfläche den besonderen Menschen gesucht hatte, so suchte er hier in der Erdunterfläche den besonderen Toten.
Er fand ihn nicht, dafür war der Hades zu groß. Man lief aneinander vorbei, verlor sich in der Masse.
Erst weiter in der Tiefe, wurde die Masse
dünner.
Die Unterwelt war voll. Alle waren sie da: Vom modernen Großstadtmenschen über Kleinstadtspießer zu den ersten Ackerbauern hinab bis zu den Sammlern und Jägern.
Da sich Adjuna gerade in einer besonders lehmhaltigen Erdschicht befand, kam er auf die Idee, den Erfinder des ersten Tongefäßes zu suchen. Er erkundigte sich: Entschuldigen Sie, wo finde ich den ersten, der ein Tongefäß gemacht hat?
Aber diese Invokation des alten Erfinders hatte nur bedingten Erfolg, denn - oh, Ironie -, statt daß Adjuna den fand, der das erste Tongefäß formte, meldete sich nur jemand, der das erste Tongefäß zerschmetterte, aber es traf sich, daß er die Erfinderin des Tongeschirrs kannte. Wo sie sich jetzt befand, wußte er allerdings auch nicht, wahrscheinlich im Himmel.
"Meine Mutter hatte die Tongefäße erfunden. Das kam so: Mein Vater litt, außer wenn die Beeren reif waren, immer furchtbar unter Skorbut. So nahm er sich vor, einen Suppentopf zu erfinden, denn das Grünzeug in unserer Zeit war nicht gerade zart und wäre gekocht, genießbarer gewesen. Mein Vater nahm also Felsen und versuchte da Mulden hineinzuhauen. Das gelang nicht sehr gut. Und selbst wenn es ihm gelang, waren seine Töpfe zu schwer, außerdem bedurfte es fast eines Waldbrandes, um sie heiß zu kriegen. Als wir Kinder dann auch noch an Verstopfung litten vom vielen Fleisch und zu blaß waren und blutendes Zahnfleisch hatten, nahm meine Mutter sich dem Problem an und bastelte aus Lehmboden Tongefäße, die sie in der Sonne trocknete. Ich bin der erste, dem so ein Gefäß aus der Hand fiel, worauf es natürlich zerbrach. Ich bekam Schelte und ein paar Maulschellen dafür. Das inspirierte mich zu dem Ausspruch: Scherben bringen Unglück. Aber in einer späteren, sehr unglücklichen Zeit wurde man so abergläubisch, daß man das Wort Unglück nicht mehr aussprechen mochte, wie man für die Erinnyen Eumeniden sagte, und einen bösen Gott einen lieben Gott nannte, so sagte man beschwörend: Scherben bringen Glück. Aber trotz all der Scherben, die die Menschheit bisher angerichtet hat, ist sie nicht glücklich geworden, sondern unglücklicher. Beschwörungen haben keinen Sinn."
Oh, ein weiser Mensch, dachte Adjuna schmunzelnd, er wurde geohrfeigt und war glücklich.
Auf der Suche nach dem, der das erste Rad erfunden hatte, erlebte Adjuna ein ähnliches Fiasco, es meldete sich der, der als erstes von einem Rad überfahren worden war: "...und so siehst du: Jeder Fortschritt ist auch ein Rückschritt."
"Du sagst, dein Vater hat das Rad erfunden und den ersten Wagen gebaut. Und du bist überfahren worden. Wie kann das angehen? So schnell fuhr man doch noch gar nicht."
"Wohl wahr. Mühsam zog ich, während mein
Vater und meine Geschwister schoben. Nur langsam ging es voran.
Der schwere Kasten mit den Baumstammscheiben, so nannten wir
damals die Räder, bewegte sich nur langsam, bis wir an einen
Abhang kamen, da ging's plötzlich ganz schnell und ich wurde
überfahren. Siehst du, damals da waren die Bremsen noch nicht
erfunden."
Der tiefere Teil
Bei den Seelen der Alten, der ganz Alten.
Er stieg immer tiefer und kam so zum ersten Menschen. Klein war er, leicht vorgebeugt stand er, unbeholfen sah er mit seinen zu langen Armen aus und schwerfällig sprach er mit einer zu dicken, sich langsam wälzenden Zunge: Ich hieß übrigens nicht Adam, sondern Neander, noch heute wird das Tal, in dem ich hauste, nach mir benannt.
Adjuna war irritiert: Träume ich, halluziniere ich? Bin ich schon so sehr ein moderner Mensch, daß mir ein buckliger Neanderthaler1 weismachen kann, er sei der erste Mensch, und so Stammväterchen Adam höhnt, der ein Selbstseiender war und kein Affenverwandter?
1 !Kein wirklicher Vorfahr, nur ein Zugeständnis an die allgemeine Unwissenheit!
Sein Gegenüber sprach weiter: Du bist groß und stark, ich freue mich zu sehen, daß der Mensch so groß geworden ist und so schön.
Damals, als der Mensch noch in den Kinderschuhen steckte, das heißt, eigentlich waren wir barfuß, da lebten wir bescheiden in der Natur und mit ihr; mußten wir ihr Wunden zufügen, um zu leben, so tat es uns leid, viel mehr, wir hatten Angst, daß die Natur zurückschlägt, uns Wunden schlägt, und wir versuchten, sie zu beschwichtigen, es auf andere Art und Weise wiedergutzumachen. Nun hat der Mensch sich immer mehr entwickelt, Rücksichten gegenüber der Natur kennt er nicht mehr, schwer unterdrückt liegt die Natur. Ob sie sich noch rächen, erheben, rächend erheben kann? Ob sie es nicht mehr kann? Ich befürchte manchmal, daß es ihr gelingt, und dann muß ich wohl selbst um meine Ruhe hierunten fürchten. Ist es nicht schon eine Rache der Natur, daß sie dem Menschen die Rücksicht vor seiner eignen Gattung nahm? Sah ich doch Menschen unter Menschenpeitschenhieben Pyramiden, unter Menschengeißeln, Monstermenschen Hochhäuser und Maschinen bauen; sah ich doch Menschen Feur schüren, über denen Menschen hingen, und das nicht, um sie als Nahrung zu genießen, sondern nur, um sie zu quälen, zu vernichten, trat der Tod ein, war man zufrieden, hatte man kein weiteres Interesse mehr, die Leichen warf man weg.
Doch meine Zweifel, Sorgen, Ängste um euch sind jetzt vorbei, wo ich dich sehe, den neuen Menschen, er geht lebend in die Unterwelt und wieder heraus, er ist nicht nur ein homo erectos, er steht nicht nur aufrecht, er ist auch aufrecht, frei, frei von Herren und Hemmungen und doch kein Frevler an der Natur. Ich fühle mich erleichtert, erlöst und als erster gerechtfertigt, zum ersten Mal.
anderswo
Adjuna: Wo geht der Weg entlang?
Welcher Weg?
Adjuna: Weiter.
Ach weiter. Dort entlang.
Adjuna: Danke.
Er ging.
Hing.
Adjuna wieder: Wo geht der Weg entlang?
Was ist ein Weg?
Adjuna: Wo geht es entlang?
Wohin?
Adjuna: Weiter.
Vorwärts oder zurück?
Adjuna: Zurück.
Zurück, wo du hergekommen bist, oder zurück in die Vergangenheit.
Adjuna: Zurück in die Vergangenheit.
Dann gehe rückwärts da entlang.
Adjuna: Ach nein, ich möchte doch lieber vorwärts in die Vergangenheit.
Dann gehe dort entlang.
Adjuna: Oh, dort entlang.
Natürlich.
Adjuna: Danke.
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Gut, daß ich von da weg bin. Er fühlte sich beleckt und angeschmatzt. Voller Schleim.
Erschöpft stand er wieder - wieder auf Beinen.
Das war zu weit gewesen; er mußte zugestehen, daß er nichts
verstanden hatte.
* Hier hat der Autor -
das bin ich - die Schreibmaschine völlig willkürlich, sozusagen
mit abgeschaltetem Bewußtsein, behackt. Mehrere Versuche waren
nötig, bis ein Text frei von verfänglichen, lesbaren Inhalten
des Unterbewußtseins entstand. Der Leser möge das Resultat als
eine Beschreibung des Anderswo ansehen.
Da die Unterwelt ein nahezu globales Phänomen war, fand man sie fast überall. Natürlich gab es lokale Unterschiede, was ihre Bewohner betraf. Da waren nicht nur die Seelen der Toten, sondern auch in dem einen Land, oder viel mehr in dem Erdboden unter dem einen Land z. B. ein Hades mit seiner Gattin Persephone und seinem Gefolge Thanatos, Hypnos, den Erinnyen, dem Seelenfährmann Charon, dem dreiköpfigen Wauwauwau Kerberos und den Richtern Minos, Rhadamantys und Äakos, im Nachbarland waren diese Leute dann schon Pluto und Proserphina und die Rachegöttinnen hießen Furien, ganz weit im Osten (aber auch wenn man über Amerika hinaus noch weiter nach Westen reiste, kam man dorthin) unter dem Land der Aufgehenden Sonne regierte Susano-wo-no-mikoto ein Totenreich Yomi und hatte Onibabas bei sich, häßliche, alte Hexenfrauen, und die Stelle der Persephone nahm die vulkanische Göttin Izanami ein, die nicht nur Todesgöttin, sondern durch heraussprudeln auch die Schafferin neuer, fruchtbarer Erde und neuen Lebens war; in Indien besaß die Unterwelt einundzwanzig Untergeschosse, Pluton hieß jetzt Yama, Yama regierte mit seiner Schwester Yami, beide waren Kinder des Sonnengottes Surya und galten als die ersten Sterblichen, nach ihrem Tode fuhren sie zur Hölle, die damals noch leer war, seitdem empfingen die beiden die Neuankömmlinge, das hieß, eigentlich wurden die Toten zuerst von zwei schrecklichen, vieräugigen Hunden angebellt, dann kam der Staatsanwalt Chitragupta mit seiner Anklage und erst dann, nachdem Yama alle Anklagepunkte gehört hatte - Verteidiger besaß die Hölle keine -, sortierte Yama die Toten nach: Himmel, Wiedergeburt auf Erden oder eine der einundzwanzig Stockwerke der Hölle, dann mußten die Toten durch den Fluß des Vergessens Lethe, der hier Vaitarani hieß, damit sie nicht wußten, warum sie gequält wurden in einer der einundzwanzig Steigerungen der Unterwelt oder als Unberührbare oder als Mitglied einer der unteren Kasten in der Oberwelt; an wieder anderer Stelle der Oberwelt fand man einen Diabolus, Mephistopus, Luzifer, den Leibhaftigen, Satan, kleine Teufelchen, Beelzebuben, Laus'männer, Asuras, Minenarbeiter, Wühlmäuse und Maulwürfe, Würmer und Krabbeltiere unter der Erde.
Da Adjuna gerade an der Grenze zur Zukunft lebte - eigentlich taten das zwar alle - und zwar immer -, aber zu diesem Zeitpunkt in Adjunas Leben begannen all die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten der Menschen, Wirklichkeit zu werden, daß wir ruhig annehmen konnten, daß er durch eines der berühmt-berüchtigten Wurmlöcher der Science-Fiction-Literatur schlüpfte, um wieder an die Erdoberfläche zu gelangen.
Und oh, Wunder, Wurmwunder, Wurmlochwunder, er stand auf einer bunten, beschäftigten Straße mit Gewürzläden, Stoffverkäufern, Rikschas, heiligen Kühen, armen Bettlern, schönen Frauen, hungrigen Kindern, aber mit zum Glück nur wenigen Autos, sonst wäre er wohl möglich noch angefahren worden, wo er so plötzlich auf der Straße, wie aus dem Nichts oder aus heiligem Himmel, stand.
"Endlich in Indien. Von dem Ausflug in die
Hölle entspannt, kann der Ernst des Lebens jetzt wieder
weitergehen."
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