Adjuna in India
Was Adjuna in India als erstes tat:
Indische Synonyme für Herumtreiber, Strolche, Stromer, Stadt- und Landstreicher, Tippel-, Penn- und Gammelbrüder, für vagabondierende Banditen und vegetierende Bettler und Blumenkinder, für Hippies und Hobos waren Baba, Yogi, Fakir, Sadhu, Swami, Sanyasin, Muni, Svetambara, weißgekleidet, Digambara, haut- und himmelgekleidet nackt, die den Frauen keine Erlösung versprachen, gottesvergiftet geisteskrank hungrig. Gymnosophisten, die schon Alexander dem Großen auffielen, nackte Philosophen, Asketen, die lieber eine Schlange um ihren Hals hängten als einen warmen Mantel über ihre Schulter. Jünger von Vishnu, Shiva oder Shakta, dem weiblichen Energieprinzip Durga-Kali. Vegetarier, Allesfresser oder Kannibalen wie die Aghouri - und selbst Koprophagen und Koprophile fand unter ihnen viele.
Adjuna, der nie einen richtigen Beruf erlernt hatte und weder die Geduld noch die Bescheidenheit oder Gewissenhaftigkeit eines Handwerkers noch die Geldgier eines Kaufmannes besaß und der eigentlich schon längst vergessen hatte, was er auf dieser Welt überhaupt sollte, oder immer wieder vergaß, fühlte sich sofort zu diesen Leuten hingezogen, streifte seine Hose runter und freute sich, daß sein Rüssel endlich frei herumbaumeln - bimbam - konnte.
Endlich nicht mehr eingeklemmt! Die Unterdrückung des Mannes! Die
Zerdrückung des Männlichen! - Ein Ende!
So stand Adjuna nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte, ach nein, wie seine Mutter Sramania ihn in die Wüste geschissen hatte, nein, auch das nicht, er war ja kein Baby mehr, sondern groß geworden, reif, eine reifer Mann, erwachsen, erwacht und behaart, also so stand er auf der indischen Straße. Die vielen Menschen und Götter des Landes bestaunten seinen gewaltigen Körper. Von den Göttern sagte man ja, daß sie einen sowieso immer ansahen, sogar, daß sie einen nackt sahen, wenn man angezogen war, ja, ihre Augen sollten einen sogar röntgen können. In Indien gab es über 200 Millionen Götter, so viele Menschen konnten einen gar nicht auf einmal ansehen.
Wieder Unterricht in Sachen Religion:
Die indische Götterwelt
Brahma, der Aus-dem-kosmischen-Ei-Geschlüpfte, ist der Schöpfergott, und der Samen der menschlichen Rasse kommt von ihm. Er ist männlich und man verehrt ihn auch als den Gott der Weisheit. Heutzutage trägt er vier Köpfe, ursprünglich hatte er nur einen wie wir Menschen auch.
Nicht nur der fleißige Gott war er, der das Universum schuf mit all den kraterübersäten Planeten und den heißen, wie Schmelztiegel brodelnden Sonnen, sondern auch ein Ästhet und begabter Künstler; er modellierte aus seiner eignen Substanz die Oben-Ohne-Göttin Sarasvati.
Wie alle Männer so war auch er vom weiblichen Geschlecht angezogen, wie allen Männern so faszinierte auch ihn die barbusige Frauensperson, und mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an. Über seinen schamlosen Blick ärgerte sich Sarasvati, und da das All damals noch leer war, so daß es nichts gab, wohinter sie sich hätte verstecken können, floh sie hinter des Gottes Rücken. Da ließ Brahma an seiner Rückseite einen Kopf wachsen. Als sie sich dann rechts neben ihn stellte, sproß ihm an der Seite auch ein Kopf, und als sie zur anderen Seite floh, dort ebenfalls. In ihrer Verzweiflung eilte sie hinauf in den Himmel, aber Brahma wuchs ein fünfter Kopf, der hinaufsah. Dieser fünfte Kopf wurde ihm aber später von Shiva aus Ärger über eine Beleidigung abgeschlagen.
In seinen vier Händen hält Brahma einen Zepter, einen Löffel, eine Perlenkette und die Veden, ein interessantes Buch, in dem er ab und zu mal schmökert. Da er auf dem Schwan reitet, nennt man ihn auch Hamsa-Vâhana, das heißt Schwanenreiter, wegen seiner vier Gesichter auch Chaturmukha, der Vierfratzige, und Prajâpati, da er der Lord aller Kreaturen ist.
Der schrecklichste aller Hindu-Götter aber ist Shiwa, er ist der Zerstörer, er ist der Lord der kosmischen Zeit, er ist Rudra, der wedische Gott von Sturm und Gewitter, er hat fünf Köpfe mit je drei Augen, vier Arme und ein steifes Glied, was auch sein Symbol ist.
Die unermeßliche Kraft Shivas wird in der Phallus-Verehrung gefeiert. Indiens zwölf größte Zentren des Lingam-Kultes sind Somanâtha, Shrisaila, Mahâtâla, Omkâra, Amareshvara, Vaidyanâtha, Rameshvara, Bhîmashankara, Vishveshvara, Triambaka, Gautamesha und Kedarnâtha.
Schlangen tummeln sich auf Shivas Haupt und schmusen und winden sich auch um seinen blauen Hals, außerdem trägt er Girlanden von Totenköpfen, was ihm auch den Namen Kapâlamâlin, der Mit-Schädeln-Geschmückte, einbrachte. Da er Nandi, den kosmischen Bullen, reitet, nennt man ihn auch den Bullenreiter, und wegen der Mondsichel an seiner Stirn, auch Chandrashekhara. Die, die sich von seinem Äußeren abgestoßen fühlen, und die, die von seiner Übermacht allzu eingeschüchtert, beeindruckt, bedrückt sind, nennen ihn Aghora, den Schrecklichen, Scheußliche, Fürchterlichen, Gräßlichen, Entsetzlichen, den Uns-Menschen-Angst-Machenden.
Die Göttin Devi, die die Tochter des Himavats ist, ist Shivas Gemahlin, seine Shakti, sein weiblicher Aspekt, seine feminine Kraft. Soll man sagen, sie leidet an Persönlichkeitsspaltung: Einerseits ist sie edel, großmütig und schön, andererseits grausam, blutlüstern und schrecklich. Ihre sanfte Erscheinung nennt man auch Umâ, Licht, Pârvati, die Den-Bergen-Zugehörige, und Gaurî, die Gelbe; ihr brutales Abbild heißt wegen seines verschlossenen Charakters Durgâ, das heißt die Unzugängliche, sie heißt auch Kâli, die Zeit, und Shyâma, die Dunkle.
In Kalkutta steht ein Tempel, dort nährt man ihren grausamen Aspekt mit Menschenblut. Kâli sitzt dort, schwarz und fett; die rote Zunge rausgestreckt, leckt sie das Blut der Opfer, der Sich-Opfernden, und wer sich nicht opfert, den bekommt sie doch. - O Nimmersatte! O nimmersatte Kâli! O nimmersatte Zeit!
Der dritte im Bund der allmächtigen Götter ist Vishnu, er ist der, der alles erhält, behütet, bewahrt, der die Geschöpfe hegt und pflegt und sicher durch die Zeiten trägt. Er ist ein gutmütiger, hilfsbereiter Gott, den man nicht aus Furcht verehrt, sondern liebt.
Vishnus Gemahlin ist Lakshmi, die Göttin des Glücks, sie ist die Verkörperung aller weiblichen Tugenden. Sie ist sehr schön, ein bißchen voluminös vielleicht und ein bißchen zu sinnlich oder soll man sagen wollüstig. Meistens sitzt oder steht sie in einer Lotusblüte, ihrem Symbol. Wenn sie atmet, hebt und senkt sich ihr gewaltiger Busen verlockend, gierig verlangend, nach Liebe lechzend und nach ihrem Lord, der mal wieder irgendwo im Weltgeschehen am Reparieren, Retten oder Ordnungmachen ist. Ihr Schweiß ist rosa und duftet verführerischer als Frühlingsbluten oder irgendein Parfüm der Menschenwelt, ebenso ihr Liebeswasser, das in Überfluß hervorsprudelt aus der Quelle in der Ritze zwischen ihren Schamlippen. Ihr Sohn heißt Kâma, er ist der Gott der Liebe und der Leidenschaft, er trägt Pfeil und Bogen, der Bogen ist aus Zuckerrohr und seine Pfeile haben Blütenspitzen, er reitet einen Papagei, wenn er nicht gerade mit seiner Gattin beschäftigt ist. Seine Gattin ist Rati, die Göttin der Begierde, eine geilere Version der Lakshmi, eine Tochter Dakshas, der ein Sohn Brahmas ist.
Es gibt drei Welten: die Welt der Devas, welche göttlich sind, der Einfältige sieht nach oben und meint, das blaue Firmanent sei der Götter Heimat, unsere Welt, mit der Erde, der Sonne, den Planeten, allen Systemen und Galaxien, mit Metallen, Pflanzen, Tieren und Menschen, und die Welt der Asuras, welche Anti-Götter sind, gibt es auch; es ist keineswegs die Unterwelt ihre Heimat und schon gar nicht die Hölle, sondern alle drei Welten bestehen gleichzeitig, nicht untereinander, nicht nebeneinander, sondern an gleicher Stelle, - so daß es eigentlich nur eine Welt gibt, und hätte unser kognitiver Apparat einen breiteren Frequenzbereich, könnten wir alle Welten in einer wahrnehmen.
Die Devas sind die moralischeren, und werden allgemein als gut angesehen, und die Asuras als böse, doch das ist ein vorschnelles Urteil, auch die Asuras besitzen Moral, aber sie sind auch grausam, aggressiv und machtbesessen, ihr Streben ist die Herrschaft über die drei Welten. Dagegen wehren sich die Devas. Auf die Art erhalten die Asuras eine schöpferische Spannung in der Welt, die Entwicklung und Fortschritt garantiert. Wäre dem nicht so, würden alle Wesen nur vor sich hin lächeln, anderen Gutes tun wollen und nicht können, da ihnen der Geist und die Fähigkeit dazu fehlten, so würden sie Körner sammeln, sich aber schämen, sie selbst zu essen, würden sie dem Nachbarn schenken und der würde seinerseits auch etwas schenken, und am Ende grinsen sie sich alle an mit weit aufgerissenen, leeren Augen, mampfen Körner und denken: `Wir haben uns lieb.'
Dieses wehleidige, weinerliche Lächeln aller Orts wäre so widerlich wie die weibischen Fratzen der christlichen Missionare, die dieses Land frequent heimsuchen, um die wirren Theorien von ihrem Jammergott und der unbefleckten Empfängnis zum Besten zu geben, diese unendliche Leere der Gesichtsausdrücke und Hirne.
Auch Dummheit ist eine Sünde. Was manch ein Frommer nicht zu wissen scheint.
Welche Armut wäre den Welten beschert, gäbe es nur den Einfluß der Devas, das Gute! Was wäre das Atom ohne seine negative Ladung!
Das Reich der Devas regiert Indra, ein Mann von Weltformat, er regiert mehr oder weniger weise, manchmal steigt ihm die Macht zu Kopf, und dann benimmt er sich entsprechend daneben. Einmal verführte er Ahalyâ, die Frau des Weisen Gautama. Gautama verfluchte ihn dafür, und tausend vulvenartige Narben erschienen auf Indras Körper, weshalb er auch den Namen Sayoni, der Mösenmarkierte, bekam. Später wurden sie dann in Augen verwandelt, daher der Name Sahasrâksha, der Tausendäugige.
Aber Indra ist auch der große Held, der, als das Wasser noch nicht floß und das Licht noch nicht hell war, die tausend Barrieren durchbrach, die Felsen zersprengte, die Höhle öffnete, in der das formlose Urmonster Vrtra hauste und den Himmel, das Wasser und die heiligen Kühe verwahrte. Er teilte das Existierende vom Nicht-Existierenden, das heißt vom Potentiellen, das Obere vom Unteren, das Diesseitige von Jenseitigen, den Himmel und die Erde. Er nahm dem All das uranfängliche Chaos, die Trägheit und die Dunkelheit, er ließ die Elemente sausen und das Elektron um den Kern und die Blitze zucken, die das Leben schufen. Er bescherte den Menschen das Licht, entzündete die Sonnen, die vormals verborgen lagen im Dunkel der Unendlichkeit. Das Licht leuchtet Menschen und Seelen, auf daß sie den Weg finden, der zum Himmel führt. Und er befreite die Kühe, die den Wesen den Nektar des Lebens geben und durch ihr Beispiel Gewaltlosigkeit und Mitgefühl lehren, so daß die Welt kein Kampfplatz aller gegen alle würde. Doch nur wenige verstanden die Lehre, zu wenige. Man schlägt und schlachtet die Kühe, und so auch den Menschen.
Die Sonne der Wahrheit ist der Zustand des Seins, der der Spiegel der kosmischen Ordnung ist, der selbst die Götter gehorchen. Augen sind Sonnen. Denn was wären die Sonnen ohne Augen? Unsichtbare Gebilde, nicht existent. Indras Augen sind Sonnen, der Tausendfachsehende sonnt sich in seiner Weisheit.
Von der Zeit
Obwohl die indische Mythologie eine Zeiteinteilung kennt, die vom kleinsten Partikel materieller Substanz, dem Paramanu, bis zum größten und mächtigsten der Götter reicht und Jahrmilliarden umfaßt, so lautet doch ihr wichtigstes Theorem: Zeit und Raum sind nur Vorurteile unserer Sinne. Die Wahrheit liegt jenseits von ihnen, außerhalb der Welt der Menschen, Manen und Götter.
Der unfaßbare Augenblick der Gegenwart ist eine sansarische Gaukelei aufblitzender Erscheinungen, so schnell verschwunden wie erschienen, eine fragwürdige Existenz zwischen den beiden Nicht-Existenzen Zukunft und Vergangenheit. Unfaßbares, eingeklemmt zwischen zwei Nichts, ist unsere irrende Existenz.
Für die Inder ist das Paramanu die kleinste Ausdehnung des Raumes, und die Zeit, die das Sonnenlicht braucht, um diese Distanz zu überbrücken, ist die kleinste Zeiteinheit.
Die Liebe, die das ganze Universum durchzieht, die Anziehungskraft, die alles Sinnliche regiert, macht auch hier nicht halt, und die Vereinigung der Paramanus schafft das Atom, deren Vereinigung das Molekül schafft, die wiederum in ihrer Vereinigung uns eine sichtbare Welt vortäuschen. Und von Bewußtseinsstufe zu Bewußtseinsstufe vergrößern sich die Zeiteinheiten.
Tag und Nacht sind dem Menschen Arbeits- und Ruhezeit. Doch den auf höherer Ebene existierenden Manen, die sich am Mond orientieren, erscheint der Tag zwei Menschenwochen zu dauern und die Nacht ebenfalls, und den Göttern des Himmels dauert der Tag ein Ayana, das ist die Zeit, die die Sonne auf ihrer südlichen Bahn verbringt, und die Nacht ist ihnen die Zeit des nördlichen Solstitiums. Zwei Ayanas aber sind dem Menschen ein Jahr.
Die Lebenserwartung eines jeden Wesens soll seiner Welt entsprechend hundert Jahre betragen, was heißt, daß auch die Götter des Himmels nach 36 500 Jahren sterben.
Doch auf dem goldenen Berg Meru, der hoch über den drei Welten thront und die Narbe des großen Rades des Daseins ist, von wo das All seinen Ausgang nahm und wo es wieder sein Ende finden wird, doch nur um von neuem auszubrechen, - rhythmisches Entzücken, taumelnder Tanz Shivas, unendliches Pulsieren, - dort, wo die erhabensten Übergötter residieren, hat die Zeit für uns unerfaßbare Dimensionen angenommen.
Das Kalpa, ein Schöpfungstag Brahmas, in dem sich Brahma zum Universum ausdehnt, erstreckt, entfaltet, entspricht indischen Berechnungen zufolge unter Berücksichtigung aller Relativitäten 4 320 000 000 Menschenjahre, gleich lang ist das Pralaya, die Nacht, in dem, alles auflösend, Brahma seine Schöpfung, das heißt sich selbst, wieder zurückzieht.
Jedes Kalpa ist in tausend Zyklen von je vier Yugas unterteilt, jeder dieser Zyklen dauert den tausendsten Teil eines Tages im Leben Brahmas, also 4 320 000 Menschenjahre. Die Yugas nennen sich Satya-, Treta-, Dwapara- und Kaliyuga.
Die Satya-Yuga dauert 1 728 000 Jahre, es ist die Zeit der Tugend, in der das Böse unbekannt ist. Es gibt nur eine Kaste: Hamsa und nur ein Ziel: Wahrheit. Die Bewohner dieser Zeit leben 4 000 Jahre und sexuelle Vereinigung ist unbekannt; Nachkommen werden durch reine Willenskraft gezeugt und ohne blutigen Umweg pur und rein und in ganzer Herrlichkeit in die Welt gesetzt.
Die Treta-Yuga dauert 1 296 000 Jahre und kennt nur ein Ziel: Wissen. Der Einfluß der Tugend ist um ein Viertel gesunken. Die durchschnittliche Lebenserwartung in dieser Zeit 3 000 Jahre, bloße Berührung schafft Nachkommenschaft.
Die Dwapara-Yuga, wo der Einfluß der Tugend auf die Hälfte geschrumpft ist, dauert 864 000 Jahre, die einzelnen Individuen leben bis zu 2 000 Jahren, Kinder sind die Folge der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau. Es war gegen Ende dieser Yuga, daß die Mahabharata-Familie die Waffen erhob und sich gegenseitig niedermetzelte und das ganze glorreiche Geschlecht der Kshatriya-Kaste mit sich riß. Nie wieder erreichten Menschen die Größe und Herrlichkeit dieser Helden, obwohl viele Jahrtausende später, als die Welt der Menschen einem Ameisenhaufen glich, eine kollektive Anstrengung aller fast etwas ähnlich Großes vor dem Untergang aufflackern ließ.
Die gegenwärtige Yuga ist die schwarze Zeit, die Kali-Yuga, die letzte Zeit vor der Zerstörung und Neuschöpfung; sie dauert nur 432 000 Jahre, das Böse dominiert die Welt und die Gedanken, das Leben ist eine unsichere Sache, man weiß nicht, wie lange man lebt, aber nur kurz, wer hundert Jahre erreicht, kann sich glücklich schätzen. Kinder sind das Produkt unnatürlicher und perverser Ausschweifungen; Mord, Lust und Geilheit durchziehen das tägliche Leben, beherrschen Politik und Religion; Heuchlern und Verbrechern tut man Ehre an; das Ziel der Zeit in den Hirnen der Bewohner heißt: Gold, Macht, Sex. Und was die Götter damit bewirken wollen, verraten sie uns nicht.
Und so ist Brahma auch nur ein treuer
Handwerksmann, der tagtäglich die drei Welten aus sich heraus
neu schafft, in denen die Götter, Manen, Menschen und alle
subhumanen Wesen ihrem Karma entsprechend wieder und wieder
geboren werden. Doch selbst Brahma der Schöpfer wird nach
hundert arbeitsreichen Jahren sterben und mit sich reißen alle
kreierten Welten, aufgesogen vom ewigen, alles umarmenden Lord,
über den die allmächtige Zeit machtlos ist. Denn es sind nur
die sinnlichen Wesen innerhalb der Schöpfung, seien's Götter,
Manen, Menschen oder Würmer, die den Beschränkungen von Zeit
und Raum unterliegen, außerhalb dieser Illusion aber ist man
frei; jenseits des Berges Meru, dessen Equivalent im Menschen die
Wirbelsäule ist, liegt das Land der Zeit- und Raumlosigkeit,
formlose Wirklichkeit.
Impressionen Kalkutta
Der junge Bettler hatte sich einen neuen Heulton ausgedacht, der besonderes Mitleid erregte; ihn unterrrichtete er jetzt für ein paar Paisa den anderen Bettlern, und bald war überall dieser neue Ton zu hören.
Wie einst ihre Eltern oder Großeltern in Kraft-durch-Freude-Bussen durch das Warschauer Getto fuhren und verachtend von den Hungernden dachten, so fuhren die jungen Deutschen jetzt durch Indien und glotzten Verhungernde an. In Kalkutta gab es besonders viel zu glotzen.
Mahatma Gandhi sagte mal, die größte Gewalt, die man einem Menschen antun konnte, war der Hunger. In Kalkutta waren viele hungrig. Viele hungerten nach einer Hand voll Reis, aber am hungrigsten war die schwarze Göttin Kâli.
Wie hungrig war sie und wie kam sie nach Kalkutta? Hätte sie nicht in einer reicheren Stadt fressen können?
Shiva hatte mehrere Frauen oder eine Frau mit mehreren Aspekten, was vielleicht mehr oder weniger das Gleiche war oder auch nicht, es war ganz sicher das Gleiche, wenn man behauptete, es gäbe auf der Welt nur eine Frau, und all die verschiedenen weiblichen Wesen, die auf der Erbe herumliefen, waren nur verschiedene Ausdrücke, Aspekte, Erscheinungsformen dieser einen Frau. Eine solche Interpretation hätte die Monogamie der Menschen außerordentlich erleichtert.
Auf jeden Fall fand Shiva, als er eines Tage erschöpft von der Arbeit nach Hause kam - es war vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch nicht arbeiteten, sondern nur ernteten und sammelten, und die Götter allein ackerten und säten -, seine Frau Kâli oder diesen einen Aspekt seiner Frau tot auf dem Fußboden, was für den Gott die Läufer, Ausläufer am Fuße des Himalayas waren. Kein Abendessen und dann so ein Trauerfall. Der Gott geriet ins Delirium.
Ein Delirium oder ein sogenanntes delirantes Syndrom brachten immer eine schwere Bewußtseinstrübung mit sich, Wahnvorstellungen, Erregung, Verwirrtheit, Desorientiertheit. Delirien entstanden bei Fieber, schweren Krankheiten, Hirnhautentzündungen, akuten Vergiftungen, Drogen oder bei schwerem Suff, das häufige Alkoholdelir, der Rausch, aber es gab auch ein Alkoholabstinenzdelir bei Säufern, und so gab es auch bei Essern ein Hungerdelirium, wenn sie längere Zeit nicht gegessen hatten.
Ein Delirium war gefährlich, Herz- und Kreislaufversagen, und die Fehltritte, die man im Delirium tat.
Auch Shiva tat im Delirium nicht das Nächstliegendste, nämlich den Leichnam der Göttin der Zerstörung auf schnellstem Wege in eine der einundzwanzig Etagen der Hölle zu befördern, sondern hob den Leichnam auf seinen Kopf und fing an zu tanzen. Er tanzte einen ekstatischen Tanz, den Tanz des Todes. Dabei trampelte er auf dem Erdboden soviel kaputt, daß die Geschöpfe der Sansara sich große Sorgen machten und zu Vishnu, dem Bewahrer des Weltalls gingen, und
ihn baten, etwas zu tun.
Vishnu tat etwas. Er erhob seinen Zeigefinger. Um seinen Zeigefinger kreiste seine Waffen, der Diskus Sudarshan Chakra. Diese Waffe war zwar ganz rund wie ein Fingerring, bloß größer, daß sie nie den Finger berührte, aber trotz ihrer Rundheit kehrte sie wie die Wurfhölzer der australischen Urbevölkerung zu ihrem Werfer zurück. Um die Sudarshan Chakra zu werfen, brauchte Vishnu nur den Finger zu heben, dann hob die Waffe auch schon von selbst ab.
Die Bittsteller sahen erstaunt die Waffe davon fliegen. Viele hofften, sie würde den Gott der Zerstörung entgültig zerstören.
Die Waffe tötete aber niemanden. Der Gott Vishnu war ja ein Gott der Erhaltung, er würde selbst den Tod erhalten und die Zerstörung. Alles, was seine Waffe tat, war, eine Leiche verstückeln, die Leiche auf Shivas Kopf, Kâlis Leiche.
Leichenstücke flogen über das ganze Land. Kleine, kleine Stücke, viele, viele.
Das brachte für die Menschen neue Probleme mit sich. Denn nicht nur verloren tote Gottheiten ihre Macht nie, jedes ihrer Leichenteile, auch das kleinste Stück, mußte noch, wenn es auf die Erde fiel, dort wo es landete, verehrt werden. Kâlis kleiner Finger landete am Hoogly Arm des Ganges im jetzigen Kalkutta, ihre Fotze flog irgendwo nach Mittelindien. Überall errichtete man Tempel. Aber eigenartigerweise wurde Kâli nirgends so itensiv verehrt wie in Kalkutta.
Vishnus Sudarshan Chakra kehrte nach der Leichenfledderei pflichtgemäß zu ihrem Besitzer zurück. Shiva ernüchtete, als er von der Last der Leiche entlastet war, von seiner manischen Depression. Die Welt war wieder heil.
Dort, wo der kleine Finger der Göttin gelandet war, hauste sie jetzt in einer schwarzen Statue und hatte unheimlichen Appetit, Hunger und Durst. Täglich wurden ihr Tiere geopfert.
Aber es gab einmal eine tantrische Sekte, die wußte, was die Göttin eigentlich wollte, war Menschenfleisch. Gäbe man ihr Menschenfleisch, würde sie den Spender mit übermächtigen Kräften belohnen. Dreizehn Menschen sollte man möglichst spenden, davon sollte mindestens die letzte eine fett gemästete Jungfrau sein, die gerade erst das erste Mal menstruierte. Nach einem solchen Menschenmahl mit Jungfrau als Nachtisch würde die Göttin einen physisch und psychisch unbezwingbar machen, außer es hätte jemand noch mächtigere Mantras auf Lager, fanatischer geopfert und gemurmelt.
Die Touristenbusse fuhren auch zum
Kâli-Tempel. Ein fasziniender Greuel wie vor KZs und Gaskammern
durchfuhr die gierige Meute. Man gackerte nervös und knipste.
"Schade, daß keine Jungfrauen mehr geopfert wurden." -
"Sind doch Idioten, diese Inder", meinte eine
christliche Gesinnte.
Indien war ein so extremes Land, extremer als andere Länder der Welt. Alle Extremitäten Indiens fand man in der restlichen Welt nur verdünnt oder abgeschwächt vor.
Der Brahmane Masuriya Din hatte einen Schnurrbart von über zwei Meter fünfzig, und Swami Pandarasannadhis verfilzte Haare waren fast acht Meter lang, Bhima war bartlos, einige rasierten sich den Kopf kahl, andere hatten eine natürliche Glatze, Shridhar Chillals Daumennagel erreichte eine Länge von einem Meter, nervöse Leute fraßen auch in Indien ihre Fingernägel ab, Mrs. Shakuntala Devi multiplizierte zwei willkürliche, dreizehnstellige Zahlen in achtundzwanzig Sekunden richtig miteinander, viele hatten nicht einmal das kleine Einmaleins gelernt.
Das Land steckte voller Prüderie, aber kannte eine Kâmâsûtra mit Streichel- und Stellungsanleitungen für Sex, und stellte seine männlichen Götter als fickende Statuen dar, die Götter fickten dann meist ihren eigenen weiblichen Aspekt, und in Khajuraho gab es fickende, schwanzleckende und analverkehrende Skulpturen.
Aber natürlich, wo Sex ein Tabu war, wurde Sex überbewertet und steckte in allem, selbst in den Dingen, die nicht sexy waren, wie diese Anleitung zum Großer-Poet-Werden aus einem alten, sanskritischen Tantratext bewies: "Man nehme an einem Dienstag um Mitternacht ein einzelnes Schamhaar seiner Partnerin, zupfe es an der Wurzel aus, befeuchte es mit Samen aus dem eigenen Penis, tauche es dann in die menstruierende Vagina der Partnerin, danach opfere man das Haar der Göttin Kâli auf einem Kremationsplatz, dann wird man ein großer Poet werden und wie ein reicher Râja hoch auf Elefantenrücken reisen."1
Der Grund, daß Indien so wenig große Poeten hervorbrachte, die auf Elefantenrücken reisten, war darin zu finden, daß es für indische Frauen Tabu war, ihren Männern während der Tage die blutverschmierte Muschi zu zeigen. In Deutschland gab es solche Poeten natürlich überhaupt nicht, weil dort bisher niemand diesen Trick kannte.
1 Aus `The Art
of Tantra' von Philip Rawson; meine eigene Übersetzung, der
Originaltext war etwas feierlicher und weniger rezeptähnlich.
Die indische Geschichte war voller Kriege, kriegerischer als die Geschichte vieler anderer Völker. Im Kastensystem gab es extra eine Kriegerkaste, deren Aufgabe das Waffenhandwerk war und das Erwerben von möglichst viel weltlicher Macht, und viele große Krieger wurden vom Volke verehrte. Gleichzeitig gab es aber die Idee der Gewaltlosigkeit, Ahimsa. Mahatma Gandhi hatte sie im Kampfe gegen die britische Koloninalherrschaft erfolgreich angewandt. Böse Zungen oder ehrliche behaupteten allerdings, hätten die Inder gewalttätig auf die Briten eingeschlagen, wären die schon ein paar Jahrzehnte früher abgehauen, und Indien unabhängig geworden. Und gegen einen Hitler oder Dschinghis Khan hätte Ahimsa sowieso nicht gesiegt, und auch der indische Tiger hätte Gandhi gefressen, ohne Rücksicht darauf, daß er fastete oder Frieden predigte. Die Briten hatten trotz Kolonialherrschaft so etwas wie eine humanistische Tradition und ein naszierendes Rechtsempfinden. Unter ebenso günstigen Bedingungen operierte später Gandhis Nachfolger Martin Luther King in den USA. Wären alle Weißen Klansmänner gewesen, hätte auch er keine Chance gehabt.
Trotz aller kriegerischen Tradition und Gewalt gegen Unberührbare und Unterkastler kannte der Hinduismus also auch eine Tradition der Gewaltlosigkeit, nicht so sehr gegenüber Menschen, viel mehr gegenüber Tieren, daher die vielen Vegetarier.
Die Gewaltlosigkeit auf die Spitze trieben die Jainieten. Der Jainismus war eine Protestbewegung gegen Ritualismus, Klerikalismus und Bonzentum im Hinduismus und ging auf den Jina oder Sieger Vardhamana Mahavira1 zurück. Mahaviras Lebenslauf entsprach in fast allen Punkten, dem von Gautama dem Buddha. Also, er war in ein Kriegergeschlecht hineingeboren worden, hatte in Luxus gelebt, hatte dann seine Familie verlassen und geistliche Wahrheit und Erfüllung gesucht, indem er fastete und sich allen weltlichen Dingen entsagte.
1 Laut `The 100 - A Ranking of the Most Influential Persons in History' von Michael H. Hart lebte er von 599 bis 527 v. u. Zeitrechnung, laut Meyers Taschenlexikon starb er 447 v. Chr.
Solange er dem Parsvanatha-Orden angehörte, trug er ein weißes Tuch. Aber Parsva war nur der vorletzte von vierundzwanzig Tirthankaras, Furtbereitern; er, Vardhamana Mahavira, war der letzte, er ließ die letzte Hülle fallen und als Himmelgekleideter ging er fortan seinen Weg auf der Suche nach Wahrheit. Damals waren die Inder noch nicht so daran gewöhnt, nackte, heilige Männer zu sehen, und Mahavira mußte viel Spott, Spucke und Schläge auf seiner Wanderung einstecken. Er ertrug sie geduldig.
Als er sich auch noch vorsah, keinem Tier, auch nicht den kleinsten Flöhen oder den lästigen Mücken zu schaden, erntete er noch mehr Unverständnis bei der Bevölkerung. Und als er mal wieder in Meditation saß, schlugen sie ihm Nägel in den Kopf, verbrannten seine Füße und drehten ihm das Genick um. Mahavira ließ sich aber davon nicht irritieren. Er meditierte - martyrisierte sich weiter und vertierte dabei immer mehr und odorisierte immer unangenehmer. Den Stinker, also den Anus und die Analfalte, mal abzuwischen, war für ihn ein Sakrileg, wegen der vielen kleinen Würmer, die sich da bei ihm tummelten.
Als Adjuna ins indische Land kam, mehr als zweieinhalb Jahrtausende später, hatte sich die Bevölkerung schon längst an nackte, schmutzige Asketen gewöhnt, an Asketen wohl gemerkt, sie mußten in Askese leben; und selbst ein Vorhängeschloß durch den Penis getrieben zum Symbol der Keuschheit, erregte die Gemüter nicht, aber Adjunas nahezu permanente Gliedsteife war ein ständiger Anlaß zu Ärgernis, dazu war er noch sauber, achtete auf körperliche Hygiene (von hygies = gesund, munter), wusch sich, so daß nicht eine einzige Ader seines erigierten Gliedes unter Schmutz verborgen war; und wenn Adjuna nicht immer wieder kräftig mit seinem Boden Gandiva auf die Spießer eingeschlagen hätte, wer weiß, was ihm dann alles passiert wäre.
Aber zurück zu Mahavira mit seinem brav nach unten hängendem Glied, er bekam also, während die Leute ihn mit Nägeln und Feuer traktierten, die Idee, daß es eine Sünde war, anderen Lebewesen zu schaden oder deren Leben zu nehmen. Die absolute Gewaltlosigkeit predigte er. Und es gab Leute, die ihm zuhörten.
Man sollte aufpassen, daß man, wenn man einen Schritt tat, nicht auf ein Würmchen oder anderes Tierchen trat, daß man beim Essen keine Milben oder ähnliches verschlang, man sollte also möglichst bei Helligkeit essen.
Und es gab Leute, die seinen Lehren folgeleisteten, und auf ihren Wegen fortan auf Würmchen Ausschau hielten.
Fleischkonsum war tabu, aber auch Gemüse besaß die Lebenskraft Jiva, war also ein Lebewesen und Gemüseverzehr daher Mord, wenn auch nur ein kleiner Mord. Denn der weise Mahavira wußte, Pflanzen hatten die Jivazahl eins, Würmer schon das doppelte, nämlich die Jivazahl zwei, Ameisen drei, die anderen Insekten sogar vier, alle anderen Tiere, also Fische, Vögel, Hühner, Eidechsen, Schlangen, Schildkröten, sämtliche Säugetiere, wozu ja auch der Mensch zählte, hatten die höchste Jivazahl, nämlich fünf.
Man befand sich also in einem Dilemma, da der Mensch kein Blattgrün besaß, das ihn zur Photosynthese befähigte. Was sollte man essen? Ein Kompromiß wurde gefunden, bevor man verhungerte: Nur soviel essen, wie eben nötig. Nicht in Kalorien, sondern in Jivazahl.
Landwirtschaft war seinen Anhängern verboten, weil sie beim Pflügen im Erdboden Leben zerstören würden. Knollen, Karotten und andere Wurzeln durfte man nicht essen, weil beim Ausziehen aus dem Boden kleine Lebewesen zu Schaden kommen konnten. Feuer durfte man nicht im Dunkeln machen, weil die Motten hineinflogen, man also deren Selbstmord verschuldete. Töpfe durfte man nur auf den Boden stellen, wenn man sich vergewissert hatte, daß an der Stelle kein Ungeziefer herumkrabbelte. Da wie gesagt auch Pflanzen Leben besaßen, konnte man sie auch nicht essen, ohne sich schuldig zu machen. Was blieb, außer zu verhungern (das Beste) und Selbstmord? Früchte, Körner und Getreide und ein bißchen Gemüse mit Schuldgefühlen.
Jedes Lebewesen, so ging die Lehre, hatte Jiva, die Lebenssubstanz, jedes nach seiner Art, die durch die zahllosen Existenzen in dem Rad von Geburt und Tod gedreht wurde, und nur durch die extreme Form von Ahimsa, die der Jainismus verlangte, konnte man diesem Elend von Dasein im Diesseits entkommen, deshalb war all diese Gewalt gegen einen selbst nötig, diese Selbstquälerei und Verleugnung der eigenen Wünsche. Das Dasein wurde ein wirkliches Elend, das man nicht noch einmal durchmachen wollte. Viele heilige Männer hungerten sich im Alter (warum erst dann?) zu Tode. Wer verhungerte, schadete keinem anderen Lebewesen. Später wurde der Tod durch Immunschwäche, eine noch größere Tugend, da dann die eigenen Phagozyten keine Bakterien und anderen Mikroorganismen mehr fraßen.
Bakterien waren die Dreiachtelstarken unter den Lebewesen, moderne Digambaras gaben ihnen nach langer, innerer Einsicht und ausführlicher Rechnerei diese Jivazahl.
Alexander Fleming hatte das Leben vieler Staphylokokken auf dem Gewissen. Er war das Gegenteil von Mahavira und anderen Heiligen und Heilsbringern.
Obwohl die Jainieten weder Ackerbau, noch Viehzucht, weder Fischfang, noch die Jagd betrieben und auch kein Handwerk ausübten, waren keineswegs alle Nieten, was Erfolg in der menschlichen Gesellschaft betraf, im Gegenteil, viele waren erfolgreich, nämlich als Händler, Geldverleiher, Geschäftsleute, Industriebosse, oder wo sonst immer das große Geld winkte. Solange sie nicht unmittelbar selbst den anderen Lebewesen schadeten, war es für sie keine Sünde, ein Schädling zu sein. Wenn ihre Fabriken die Umwelt verschmutzten, die Kinder der Arbeiterschaft wegen der knauserigen Löhne verhungerten oder durch ihre Halsabschneidereien Vertragspartner verarmten, so ging das nicht auf ihr Konto zur Erlösung. Und auch wenn der Mann, der für sie den Weg freifegte von Ungeziefer, einem Erdwurm wehtat, so hatte der Mann dafür zu büßen, vielleicht mit einer Geburt als Erdwurm, aber nicht sie selbst, so war ihre feste Überzeugung.
Unter den Menschen war es immer so: Ein Weiser hatte eine Idee, zum Beispiel, nackt herumzulaufen und nicht auf Würmer zu treten, fand eine Gefolgschaft, die Gefolgschaft wurde größer und größer, und bald war sie groß genug, um neue weise Leute hervorzubringen, meist gleich mehrere, deren Weisheit sich nicht mit der Weisheit der anderen vertrug, so daß sich die Gefolgschaft spaltete. So war es auch bei den Jainieten.
Die einen waren Anhänger des Mönchordens der Shvatambaras, also der Weißgekleideten, sie waren für ein Leinentuch um die Lenden, wie es Mahavira zuerst getragen hatte, die anderen, die Digamharas, oder Luftgekleideteten, waren für Nacktheit wie Mahavira in seinen letzten Tagen.
Nun gab es in Nagpur eine große Statue von Parsva, Mahaviras Guru und dreiundzwanzigster Wegbereiter. War sie ursprünglich nackt oder trug sie einen Lendenschutz? Das wußte keiner mehr. Die Shvatambaras kleisterten der Statue immer wieder den Schwanz zu, und die Digambaras meißelten es immer wieder ab, nebenbei schlug man sich gegenseitig die Köpfe ein. Die indische Regierung konnte die beiden Haßgruppen nur mit Polizeigewalt und Ausgangssperre auseinander halten und so ein größeres Blutvergießen verhindern.
Ach ja, und dann gab es da noch den kleinen Jungen, der wie Mahavira auf die Idee kam, daß, wenn man Fleisch aß, man für den Tod eines Tieres verantwortlich war, so daß er sich fortan weigerte, Fleisch zu essen. Als man ihm dann andeutete, daß auch Pflanzen Leben besaßen, weigerte er sich auch noch standhaft, Gemüse zu essen. Schließlich machten sich seine Eltern so große Sorgen wegen seiner Gesundheit, daß sie versuchten, ihn zu zwingen, wieder normal zu essen, da wurde er wütend, und bedrohte seine Eltern mit dem Messer.1
1 Diesen
tatsächlich passierten Fall schilderte die Kolumnistin Jean
Pearce in der `Japan Times'.
Es war so schwer, Menschen zu lieben. Menschen widersprachen, Tiere
bissen höchstens mal zu.
Und Tierfreunde vergaßen all zu leicht, daß auch Menschen Tiere waren.
Und Menschen, die sich auch noch um die Schmerzen der Pflanzen sorgten, hatten für die Schmerzen der Menschen den Blick verloren.
Die Bauchschmerzen eines einzelnen Mitmenschen hätten einen Menschen mehr sorgen sollen als das Leben von Hunderten von Anis-, Arnika-, Dill-, Fenchel-, Kamille-, Schafgarben-, Tausendgülden- oder - welche Heilkräuter auch immer helfen mochten.
Selbst die heiligen Kühe fraßen ihr Gras ohne
schlechtes Gewissen und die waren heilig. Warum sollte denn da
nicht der Mensch, der nicht heilig, sondern immer gewissenlos
war, nicht essen, was ihm schmeckte?
Am Affenberg
Komm, gehen wir auf den Affenberg und füttern wir die Affen! Und an halbverhungerten Bettlern ging es vorbei, eine prächtige Treppe hoch... Nein, sie führte nicht zu den Affen, sondern zu einem Tempel, zu einem Tempel der Götter des Himmels. Die Affen, Hanuman-Languren, Verwandte des Windgottes, ignorant ihrer göttlichen Verwandtschaft und gleichgültig den hinduistischen Göttern, die hier verehrt wurden, gegenüber, sie hingen und tobten zu beiden Seiten der Treppe, und für die ausländischen Touristen, denen die heidnischen Götter genauso egal waren, waren diese Affen eigentlich die Hauptattraktion, denn sie waren fast zahm und sooo süß, wenn sie an den Taschen zerrten oder mit ihren kleinen Händchen eine geschlossene Menschenhand aufpuhlten in der Hoffnung, etwas Eßbares darin zu finden, am süßesten aber waren sie, wenn sie in der Art der Bettler ihre Handflächen zusammenlegten und bettelten. Und während die Einheimischen mit Butter beladen, mit der sie die Lingams und Yonis der Tempelnischen bestreichen wollten, sowie mit Reis und Leckereien, die sie davor opfern wollten, die Treppe hochstampften, stürzten die Touristen, soweit sie kein Futter für die Affen mitgebracht hatten, wieder die Treppen hinunter, vorbei an den hungernden Menschen mit den schmutzigen Gesichtern und deren häßlichen Kindern mit den aufgeblähten Bäuchen, und kauften am Stand eilig Erdnüsse für die Affen. Dann liefen sie schleunigst wieder zurück, das Almosen-Gestammel der Hungernden nicht hörend, nicht hören wollend, beflissentlich weghörend. Sie liefen keuchend die Treppen hinauf, ihre teuren Kameras und die schweren Objektive, Teleobjektive, Zoomobjektive, Weitwinkelobjektive und Superweitwinkelobjektive, sogenannte Fischaugen, sprangen auf ihren Bäuchen.
Die Affen erwarteten sie schon. Warf man ihnen eine Nuß hin, riß der stärkste Affe sie an sich, und warf man die Nuß einem schwachen Affen vor die Füße, so kam der stärkste Affe angestürmt und jagte ihn weg, besaß der schwache Affe die Frechheit, die Nuß behalten zu wollen, setzte es Prügel, bis er sie fallen ließ.
Die Affen sind doch wirklich wie Menschen. Wer hat nur den Ausdruck von der Affenliebe geprägt? Bestimmt jemand, der einen Affen hatte. Ich glaub', ich kauf' mir auch einen Affen, bevor mich noch ein Mensch laust oder gar kratzt.
Und so kam es, daß, während die Götter ihre Geschlechtsteile mit Butter beschmiert bekamen und die geopferten Speisen unberührt ließen und die Touristen aus den Wohlstandsländern Affen mästeten und die Hungrigen hungrig blieben, Adjuna in die Kneipe ging und sich von seinem letzten Großschen einen Rausch antrank.
Und wenn du zu den Hungrigen gehörst, beklage dich nicht, du würdest genauso menschlich handeln oder äffisch, was das Gleiche ist.
Indien war so extrem, und das betraf alles. Es gab wohl keine Extremität, die Indien ausließ. Was man nicht in Indien fand, fand man auch woanders nicht. Aber was man woanders fand, fand man auch in Indien. Und diese Aussage war genauso wahr wie die stolze Behauptung der Inder, daß das große Epos ihrer heroischen Vorzeit, das Mahâbhârata, das dieser Vita Adjuna vorausging, alles enthielte, was man auf der Welt vorfände.
Neben der extremen Ungerechtigkeit in der indischen Gesellschaft, war der extreme Unterschied von dumm und schlau am offensichtlichsten. Und selbst Ausländer hatten Anteil an diesem X-tremismus, durften --- durften haben.
Viele reiche Inder zahlten für eine Dienerschaft, meist sehr knauserig, die sie umschmeichelte und ihnen völlig ergeben war. Einige junge Leute aus dem Westen, die sich etwas Geld gespart hatten, zahlten einem Guru, meist fürstlich, dafür, daß sie ihm ergeben sein durften und seine Füße küssen konnten. Extremere Fälle tranken sogar den Urin ihres Gurus.1
Als Adjuna, der ja seinen letzten Groschen
versoffen hatte, einmal eine Bleibe für die Nacht suchte, fiel
ihm eine Parkanlage mit dicht bei einander stehenden Bäumen
hinter einer hohen Mauer auf. Schnell schwang er sich hinüber,
weil er dachte, da unter den Bäumen eine ruhige und ungestörte
Nacht zu verbringen.
1 Aus Margaret Bhatty "An Atheist Reports from India" (1987, American Atheist Press, Austin, Texas) S.86: "Gib Deinem Guru die Ehre, die Du einem Gott schuldig bist", riet Swami Lotus-Fuß, der Begründer des Hare-Krishna-Kultes. Die Verehrungsrituale sind die gleichen, wie für Götter. Inzens wird vor ihnen geräuchert, die Verehrer fallen flach auf die Visage und stellen Opfergabe zu Füßen des Gurus. Sie trinken das Wasser, in dem der Guru seine Füße gewaschen hat - charan-amrit - Fußambrosia! Nur ein kleines Bißchen fantasievoller als das Bespeicheln von des Papstes dicker Zehe. Einige Gläubige gehen sogar noch ein Stück weiter und essen As-prasad (heiliges Futter), den von ihrem Guru durchgekauten und ausgespuckten Betelnußbissen (Betelbissen: in Indien eine Sucht wie das Rauchen). Wahrscheinlich auf gleicher Ebene wie der kannibalistische Symbolismus des Abendmahls, wo man seines Gottes Fleisch einnimmt - für sympathetischen Zauber.
Gita Mehta berichtet in ihrem Buch "Karma Kola", New York: Simon & Schuster (Touchstone Books), 1981, von einem britischen Aristokraten, der einen Gottesmann im Innern Andhra Pradesh aufgesucht hatte. Dieser Guru war nicht nur berühmt dafür, daß er Erleuchtung erlangt hatte, sondern auch dafür, daß sein Pipi sich in duftendes Rosenwasser verwandelte.
Als ausländischer Aristokrat erhielt er einen Ehrenplatz vor dem Toilettenzelt des Gottesmannes, wo der sich von seiner ersten morgendlichen Mirakel-Mikturation befreite. Zu seiner Verwunderung drängte die Menge der Verehrer ihn vorwärts, und der Guru selbst streckte seine Hand heraus und bat ihn herein.
In dem Zelt deutete der Guru dem Engländer an, daß er ihm die Ehre gebe, die Schüssel mit dem Urin hinaus zu den Gläubigen zu tragen.
Das warme Gefäß wurde ihm in die Hand gegeben, er schnüffelte ein Bißchen daran. "Es roch wie normaler Urin", bemerkte der Aristokrat später.
Die Gläubigen jubelten ihm zu, als er aus dem Zelt herauskam, und machten ihm dringliche Zeichen, unterstützt von des Gurus Assistenten. Bald wurde ihm klar, daß ihm, dem Englishman, - "in einer Geste nie dagewesender Großmütigkeit" - erlaubt wurde, den ganzen Inhalt des Gefäßes allein auszutrinken. "Es schmeckte bemerkenswert wie normaler Urin", bemerkte der britische Aristokrat später. (Ende des Zitats aus Margaret Bhattys Artikel)
Und ich, Holger Hermann Haupt, stelle fest, daß der Aristokrat für ein Mitglied der Nobilität eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit an den Tag legte. Gerade als Adliger hätte er wissen müssen, daß Religion und Hokuspokus nur Tricks sind für das dumme Volk. Seine Vorfahren haben sich mit so was Generationen lang oben gehalten, bzw. andere unten.
Hätten seine Eltern ihm das nicht besser erklären können?
(Ende der Fußnote)
Es stellte sich heraus, daß es sich bei der Parkanlage um einen christlichen Friedhof handelte. Das machte aber nichts, da die Toten tot waren und Gespenster nur in Märchen eine Rolle spielten.
Er legte sich hin. Er lag noch nicht lange, da nahm er eine wandelnde Gestalt wahr.
"Heh, du da, komm mal her", sagte Adjuna zu der Gestalt. Und die Gestalt kam auf ihn zu, da sie es für eine positive Erfahrung hielt, einmal mit der nackten Seele eines Verstorbenen zu sprechen.
Die Gestalt gehörte einem deutschen Touristen, Mitte zwanzig, abgebrochenes Studium, Visum überzogen. "Mein Guru hat mir gesagt, ich solle auf einem Friedhof meditieren", sagte der junge Deutsche, "ich bin schon über zwei Monate hier und habe den Friedhof nicht einmal verlassen."1
"Was ißt du denn? Die Leichen hier?"
"Mein Guru kommt zweimal am Tag und bringt mir etwas Vegetarisches zu essen."
"Und was zahlst Du dafür?"
"Für das Essen zahle ich nichts, das ist mit in den Kursgebühren."
"Was für Kursgebühren?"
"Na, für die Meditation. Mein Guru gibt mir auch immer Ratschläge, worauf ich achten muß, wenn ich hier auf dem Friedhof sitze. Besonders nachts. Mir ist ja schon so vieles klar geworden."
"Du hast Visionen hier, was? Ich habe auch Visionen."
"Visionen, das sind alles Trugbilder, sagt mein Guru. Du solltest ihn mal sehen. Er ist so weise. Vielleicht kannst du auch einen Kurs bei ihm mitmachen. Dann können wir hier nachts gemeinsam meditieren."
"Das möchtest du wohl gern. Allein ist das wohl ein bißchen einsam. Aber ich kann die Nacht hier mit dir verbringen, ohne deinem Guru dafür Geld zu geben. Als ich von Visionen sprach, hatte ich übrigens eine ganz andere Vision, die kein Trugbild ist, sondern wahr."
"Sie ist kein Trugbild, aber war?" Adjuna hatte die Aufmerksamkeit des jungen Mystikers geweckt. Er blickte gespannt und interessiert auf Adjuna.
"Ja, meine Vision ist wahr, ..." Enttäuschung bei seinem Gegenüber, da sich das Mystische als so ganz banal entpuppte, " ...da bin ich ganz sicher. Ich sehe deinen Guru..." " Jaa..?" "Ja. Ich sehe ihn in einem weichen Bett in einem schönen Haus, das er sich von deinem Geld und dem Geld anderer Gläubiger, äh, leichtgläubiger Menschen gekauft hat, während er euch auf dem Dreck von Friedhöfen leben ließ."
"Ja, aber der hat doch schon alles hinter sich. Die Erleuchtung, Nirvana, und so weiter. Wenn man das alles erreicht hat, dann hat man kein Attachment mehr zu den Dingen und dann ist es egal, ob man in Luxus und Ausschweifung lebt oder in Askese."
"Nirvana ist kein Ort, es ist nirgends, man kann es also nicht hinter sich haben", sagte Adjuna geheimnisvoll wissend.
Der Junge biß an: "Du bist da gewesen. Ich fühle es. Du bist wirklich da gewesen." Die Tränen in seinen Augen spiegelten die durch das Laubdach schimmernden Gestirne wider.
`Ach, wie gerne würde ich manchmal alles hinter mir lassen', dachte Adjuna, `die Narren, die Weisheit wollen, die Prunkmännchen, die Armut predigen, die käuflichen Politiker, die Opfer vom Volk verlangen, die Lehrer, die Angst haben, daß ihre Schüler zuviel wissen, und ihnen deshalb die Bücher wegnehmen, die Kinder, die sich von ihren Eltern zu wenig geliebt fühlten und ihre Eltern überhaupt nicht lieben, und die eigene Falschheit, die Richtigkeit predigt. Aber das ist das Leben und das wird man zum Glück wirklich einmal hinter sich lassen. Neulich wollte ich noch ewig leben, jetzt bin ich schon froh, daß ich sterblich bin. Die ewige Inkonsequenz.'
"Komm, laß uns schlafen gehen. Ich bin müde", sagte er zu dem Jungen.
`Ach, wäre ich doch gigantischer, als ich bin. Laßt uns gigantisch werden!' sagte er sich tröstend auf der Suche nach einer Lösung vor dem Einschlafen.
1 Dieser
Deutsche, dem Adjuna hier begegnete, war keine Fantasiefigur,
sondern es gab ihn wirklich, der Autor (ich!) war ihm auf seiner
Indienreise persönlich begegnet. Adjuna freilich war eine
Fantasiefigur.
Adjuna hatte bei seinem Wunsch, gigantischer zu sein, natürlich nicht daran gedacht, einen noch gewaltigeren Körper zu haben. Sein Körper war groß genug, größer und gewaltiger als der des amerikanischen Supermannes, auch sein Schlag war härter, das war nicht das Problem. Wäre er noch größer gewesen, wäre die nach ergonomischen Gesichtspunkten errichtete Welt der Menschen für ihn extrem unbequem geworden.
Adjunas Unglück war, daß er sich nicht sicher war über den Weg, den man gehen sollte im Leben. Man sollte einen Weg gehen, der für einen selbst und für die ganze Menschheit zu Glück, Zufriedenheit und Wissen führte, das war sicher. Aber wo lag dieser Weg. Es bedurfte einer gigantischen Anstrengung, ihn zu finden.
Man durfte auch selbst keine Leichen im Hinterstübchen haben, die einen ständig heimsuchten und klein machen wollten. Aber ein perfektes Leben ohne Leichen war nahezu unmöglich, wer keine Irrtümer hinter sich hatte, hatte keine Erfahrung bei sich und wohl auch keinen Fortschritt vor sich. Und wer sich von den verborgenen Leichen nicht heimgesucht fühlte, hatte kein Gewissen, daß ihm genug Bescheidenheit gab, die Mitmenschen auf einen ehrlichen Weg zu leiten, statt auf einen Anbetungs-Trip zur eigenen Beweihräucherung.
Adjuna bekam in einem Augenblick, das Gefühl genug von der Welt gesehen zu haben, und dachte über Selbstmord nach und über Wiedergeburt. Der Trost. Wiedergeboren wollte er alles besser machen. Aber dann fiel ihm ein, daß er dann nur noch eine Leiche mehr in seinem Hinterstübchen hatte, seine eigene.
Eine dumpfe Erinnerung kam in Adjuna hoch. Hatte er nicht schon einmal gelebt, vor langer Zeit, damals, im Zweistromland zwischen Ganges und Yamuna? Damals hatte er einen Weg gehen sollen. Er hatte keinen Weg gesucht. Er war kein Mahavira oder Buddha gewesen. Er hatte einen Weg gehen sollen. Er war ein Kshatriya gewesen. Der Weg war da, der Weg war klar gewesen. Der Weg hatte geradewegs in die feindlichen Kriegerreihen geführt. Aber er war nicht sicher gewesen, ob er den Weg wirklichen gehen wollte, dabei war er einer der Stärksten gewesen. Es war auch nicht Furcht gewesen, was ihn damals zurückgehalten hatte, sondern Skrupel. Krishna hatte dann irgendwas gesagt und er war dann losgegangen, -gestürmt, skrupellos. So war es bisher immer gewesen, jemand sagte was und die Leute marschierten los. Kannten sie auch privat Skrupel, einem Mitmenschen das Leben zu entreißen. Ein paar Worte von der richtigen Stelle und die Skrupel waren wie weggeblasen. Skrupel waren die Seifenblasen im menschlichen Charakter. Dabei sollten sie eigentlich die spitzen Steinchen sein, die uns zur Umkehr zwingen, wenn wir auf dem Weg sind, unsere Mitmenschen zu schlagen und zu schaden. Aber fast alle hatten sie Hornhaut an den Füßen, einige trugen sogar Stiefel, andere waren hasenfüßig und hoppelten hin und her, die aller aller wenigsten standen mit blutenden Füßen auf diesen spitzen Steinen, das waren die Unbestechlichen, die, die weder die zugeschobenen Geschenke noch die zweckdienlich dargebotenen Lügen als Bestechungsgabe annahmen.
Wie kam das eigentlich, daß ich damals losmarschierte, fragte sich Adjuna. Was hatte Krishna damals gesagt?
Nun, Krishna hatte nicht irgend etwas gesagt, er hatte nicht wie Goebbels geschrien: Wollt ihr den totalen Krieg? Es war etwas noch Totaleres, noch Radikales, Extremeres, das er gesagt hatte. Aber was war es gewesen? Adjuna konnte es sich nicht vorstellen? Es war vergessen. Er nahm sich vor, am nächsten Tag in einen Buchladen zu gehen und sich das Bhagavad Gita zu besorgen.
Besorgen war so ein neutrales Wort, es konnte kaufen, ausleihen oder stehlen bedeuten.
Adjuna hatte ja kein Geld...
Im Buchladen hatte er schon die Finger nach dem Buch ausgestreckt, um es unauffällig mitgehen zu lassen. Da zog er sie wieder zurück.
Halt! Der Buchhändler lebt davon, daß er Bücher zu einem bestimmten Preis anbietet und der, der das Buch haben will, diesen Preis bezahlt. Das ist ein faires Geschäft.
Adjuna zog seine Finger wieder zurück und ging in die Bücherei.
Ja, das, was Krishna angeblich damals vor der großen Schlacht zu Adjuna, damals noch Arjuna, gesagt hatte, war aufgeschrieben worden und galt als Bhagavad Gita, als Gesang des Erhabenen, als Offenbarung, und war also so etwas wie eine heilige Hindu-Bibel.
Natürlich hatte die Stadtbücherei das Buch und natürlich war es nicht ausgeliehen.
Adjuna blätterte den Text durch. Er fing an zu zweifeln, ob zwischen den Fronten der beiden verfeindeten Armeen genug Zeit war, all das zu sagen.
Er las also, was Sri Krishna damals sagte zwischen den Fronten. Der Lord sprach von seiner eigenen Immanenz: Arjuna, ich bin der Urgrund aller Schöpfung und der ewige Samen aller Wesen. Es gibt nichts außer mir.1
Mmmh, dachte Adjuna, eine Begriffsdefinition.
1 Das ist also ein viel weitgreifenderes Konzept, als wenn Jahwe sagt, du sollst keine anderen Götter haben neben mir, was ja nur ein Verbot, aber nichts über die Existenz anderer Götter sagt; daß es sie gab, war damals offensichtlich für Moses und die anderen Juden; man sah ja, daß sie angebetet wurden. Im Deutschen verbietet uns das Gebot übrigens nicht, andere Götter über Jahwe oder unter Jahwe zu haben; wenn wir ihn uns auf einer himmlischen Stufenleiter vorstellen, so ist uns lediglich verboten, andere Götter mit auf seine Stufe zu stellen. Im Englischen ist es anders, da heißt es: "You shall have no other Gods before me." Sorry, "...no other gods before Me", was Mark Twain zu der ironischen Bemerkung veranlaßte, daß Jahwe es uns lediglich übelnähme, wenn wir andere Götter vor ihm in der himmlischen Hierarchie hätten, aber neben und unter macht nichts.
Weiter im Text:
Selbst die Götter und großen Seher strömen aus von mir wie die Perlen an einer Kette. Ich kenne die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber selbst die großen Weisen und Götter kennen mich nicht als den Ungeborenen, den ewig Unwandelbaren.
Ich zeige mich nicht allen, denn ich bin jenseits aller Faktoren und Kräfte, geburtlos, der eine ohne Anfang. Dadurch, daß ich mein Prakriti unter Kontrolle halte, und durch ein eignes Yoga Maya, nehme ich Form an, und der, der mich in Wahrheit kennt und zu mir Zuflucht sucht, ist befreit von dem ewigen Zyklus von Geburt und Tod.
Partha!1 Ich halte das Dharma hoch. Wenn immer das Dharma vernachlässigt wird und die Ungerechtigkeit im Aufstieg ist, wenn es also notwendig ist für den Schutz der Tugendhaften und für den Untergang der Bösen und den Wiedereinsatz von Dharma, dann nehme ich aus eigenem freien Willen eine Form an.
1 Ein anderer Name für Arjuna
Ich bin immer glorreich und göttlich in meinen Inkarnationen, und der, der die Wahrheit kennt und versteht meine göttliche Glorie, der wird nicht wiedergeboren.
Partha! Hör zu! Ich bin das Selbst, Atman, ich residiere in allem. Ich bin die Quelle, der Schöpfer, die Mitte, der Erhalter, und das Ende, der Zerstörer. Es gibt nichts, weder Bewegendes noch Ruhendes, das ohne mich existiert.
Die sieben großen Seher, Marichi und die anderen sechs, die noch älteren Vier Seher, Sanaka und die drei anderen, und die vierzehn Manus, Vorfahren der Menschen, alle waren sie mächtig und doch mir ergeben, sie alle waren geboren durch meinen Willen.
Arjuna! Ich bin Vishnu unter den Adityas, ich bin Samaveda unter den Veden, Indra unter den Göttern, ich bin der Geist unter den Sinnesorganen, das Herz unter den Gemütern, das Bewußtsein in den Lebewesen. Von den Rudras bin ich Sankara, von den Yakshas und Rakshasas bin ich Kubera. Ich bin Agni unter den Vasus und Meru unter den Bergen. Unter den Priestern bin ich Brihaspati. Ich bin Skanda unter den Kriegern, und unter den Wassern bin ich der Ozean. Ich bin Birgu unter den großen Sehern, und unter den Wörtern bin ich das einsilbige OM. Unter den Yajnas bin ich Japayajna, unter den großen Immobilien1 bin ich die Himalayas. Bei den Bäumen bin ich der Aswattha-Baum, von den göttlichen Einsiedlern Narada, ich bin Chitra Ratha unter den himmlischen Minnesängern und Kapila der Heilige unter den Siddhas oder perfekten Seelen. Unter den Pferden bin ich Uchchaishravas, unter den fürstlichen Elefanten bin ich Airavatha, und unter Menschen bin ich der König. Unter Waffen bin ich der Blitz, unter Kühen bin ich Kamadhenu, unter den giftigen Schlangen bin ich Vasuki, unter den im Wasser lebenden Wesen bin ich Varuna. Ich bin Aryaman unter den Manen und Yama, der Todesgott, unter denen, die herrschen. Und ich bin Anata unter den ungiftigen Schlangen.2 Unter den Daityas bin ich Prahlada, und unter den Zählenden und Abrechnenden bin ich die Zeit. Ich bin der Löwe unter den Vierbeinern und Garuda unter den Vögeln. Ich bin Wind unter den Elementen, die reinigen; ich bin Rama unter den Schwingern von Waffen; unter den Fischen bin ich Makara und unter den Flüssen bin ich Ganga. Ich bin die schöpferische Leidenschaft; unter Gegnern im Wortstreit bin ich der leidenschaftslose, sachliche Grund; in der Grammatik bin ich der Wortstamm, im Alphabet bin ich akaram, der auch der erste Laut in OM ist. Ich bin der Sprößling von allem, was in Existenz kommt; ich bin die Göttin des Wohlstandes, Lakshimi, und
die Göttin der Gelehrtheit, Saraswati, unter den Frauen; ich bin die Vorsitz führende Gottheit über alle Kräfte und Einflüsse auf geistige Festigkeit, Gedächniskräfte, Intelligenz, Rückruf von Erinnerungen, von Ruhm und Nachsicht. Ich bin Brhatsamam in den vedischen Hymnen, Gayatri in den Mantras, Margasirsha in den Monaten des Jahres, und unter den Jahreszeiten bin ich der Frühling. Im Würfelspiel bin ich der Betrug, ich bin die Kraft der Kräftigen, der Sieg der Siegreichen, das Gute im guten Menschen. Ich bin die Unsterblichkeit und der Tod. ich bin beides: Existenz, Sat, und Non-Existenz, Asat.....
1 Gut übersetzt von mir, nicht wahr? Unter den Übersetzern bin ich Holger Hermann Haupt.
2 Hilfe, hört der denn nie auf!
Eine lange Erklärung und die Erklärung war noch lange nicht zu Ende. Adjuna hatte außerdem einen Abschnitt übersprungen. Denn Krishna war auch das Versehen in den Flüchtigen. Dieser eine Abschnitt aber erklärte alles.
Adjuna las mit Staunen: Ich bin Vishnu unter den Adityas und die strahlende Sonne unter den Leuchten. Ich bin Marichi der Glorreiche unter den Maruts. Ich bin der gewaltige Mond unter den Gestirnen des Nachthimmels.1
Der Mond war kein gewaltiger Himmelskörper. Er war der kleinste von den Himmelskörpern, die wir sehen konnten. Wer behauptete, ganz allgemein das Universum zu sein und im speziellen der Mond, und solche Tatsachen nicht wußte, der war nur ein ignorantes Kind seiner Zeit.
Unglaublich, daß mich so einer in den Krieg hatte schicken können, wenn ich damals schon mein heutiges Wissen gehabt hätte, hätte ich sein Gerede als das durchschaut, was es war, nämlich als Lüge und Prahlerei.
Unter den Psychosen und geistigen Schwächen war er der Größenwahn schlechthin.
1 Von den zwei Bhagavadgita-Büchern mit Text und religiösen Kommentaren, die ich mir in Indien gekauft hatte, enthielt nur N. S. Subrahmanians Buch diese absurde Aussage Krishnas über sich selbst.
Der offensichtlich sehr fromme Dilip Kumar Roy,
obwohl um eine genaue Zeile-für-Zeile-Übersetzung bemüht,
ließ diese Stelle aus, was auch aus seiner Zeilennummerierung
hervorgeht.
Adjuna hatte ja schon soviel von der Welt gesehen. Und wenn man ihn gefragt hätte, was für Wesen die Welt bevölkerten, so hätte er, ohne zu zögern, geantwortet: Dumme. Und das nicht, weil er sich für schlau hielt. Im Gegenteil: Seine eigene Dummheit quälte ihn so sehr. Er fand nicht die schlaue Lehre, die die allgemeine Dummheit beenden konnte.
Schlauheit fand man auf Erden immer nur da, wo jemand schlau den anderen übervorteilte, doch solcher Egoismus war von weitem gesehen dumm; im Himmel fand man übrigens überhaupt keine Schlauheit, weil sich dort die grauen Zellen nicht hielten.
Egoismus fand man dort aber trotzdem, sowohl in dem einen Himmel, wo sich die Götter gegenseitig verdrängten, als auch in dem anderen Himmel, wo sich Planeten und Fixsterne rücksichtslos anrempelten und schwarze Löcher alles an sich rafften.
Was hatte nun Krishna, der Mann, der sich selbst unter anderem für den Mond hielt und Adjunas Freund aus seiner früheren Inkarnation gewesen war, über die Wesen der Welt zu sagen?
Krishna: Zwei Arten von Wesen gibt es auf dieser Welt: Daiva, also die Divinischen, und Asura, also die Dämonischen.
Bei diesem Dualismus fehlten die Gleichgültigen, dachte Adjuna.
Wieder Krishna: Ein Mann, der mit divinischer Veranlagung geboren wurde, ist furchtlos, einfach und rein, ein Geweihter der Yoga des Wissens, ein Großzügiger, ein Meister seiner Selbst, ein Student der Schriften.
Er praktiziert harte Askese und gibt Opfer. Er ist findig, wahr und frei von Ärger, er ist beherrscht, besonnen, gemütsruhig, leichten Herzens, unbeschadbar von Bösem, frei von Bosheit, Arglist und Böswilligkeit, freundlich, vergebend, friedlich...
Ein Mann, geboren mit dämonischer Natur, ist arrogant, eingebildet, überheblich, cholerisch, grausam und grob...
Divinische Dotationen, göttliche Gaben, führen zur Freiheit.
Dämonische Dispositionen, negative Neigungen, führen zu Unfreiheit und weltlicher Bindung und Wiedergeburt.
Doch, Arjuna, mach dir keine Sorgen, du bist durch und durch göttlich.
Laß mich nun noch ein wenig ausführlicher über die Dämonischen sprechen, (auf daß ihr sie erkennet, wenn ihr ihnen begegnet; ihr, das heißt: Du und die, die dieses Gespräch belauschen.)
Die, die dämonischer Natur sind, kennen weder die Wahrheit, den wahren Weg der Handlungen, noch Entsagung, Verzicht, Aufgabe... Sie kennen auch das Pure und Reine nicht. Sie behaupten, daß dies eine dunkle, gottlose Welt von Falschheit sei, nicht basierend auf Moral oder Gesetz, eine Welt, wo die Geschöpfe in Lästernheit und Unzucht empfangen und geboren werden (und schlimmer noch: einige Dämonische es nicht einmal als Lästernheit und Unzucht erkennen!).
Mit dieser Einstellung kommen solche Perverse in die Welt und tun falsche Taten, kleine Seelen mit wenig Verstand, sie kommen als Feinde der Welt, um alle zu zerstören.
Mit unsättigbarem Stolz und voller Betrug, arrogant, trunken vom Größenwahn, Ichbezogenheit und Egotismus, Egomanias, die nach allem Ekligen gieren.
Geplagt von Hunderttausenden von Kummern und Sorgen, die kein Ende finden können außer durch den Tod, glauben sie, daß des Lebens Summum bonum der Spaß und die Befriedigung der Sinne sei. So gebunden von Hunderten von Hoffnungen hängen sie wie hilflose Marionetten an Strängen von Habgier, Haß, Geilheit und Hunger nach mehr und mehr und immer mehr. Und sie erwerben ihr Immermehr durch unehrliche Geschäfte und gemeine Möglichkeiten. Und so machen sie immer weiter und horten Reichtum auf Erden und Haß in ihrer Seele.
Sie sagen: Ich wollte das haben und habe es heute erworben. Jetzt giert mich nach jenem und ich werde es morgen erwerben. Das und das gehört mir schon jetzt alles und das und das wird mir morgen auch noch gehören. Heute habe ich den und den Gegner umgebracht, und morgen werde ich den anderen auch noch erschlagen und übermorgen den nächsten. Ich bin großartig, ich genießen das Leben in Samt und Seide, ich bin glücklich und stark, ein reicher Aristokrat. Wer kann sich mit mir messen? Ich werde opfern - zu den Göttern. Ich werde Almosen geben. Ich werde mich am Fleischtopf satt fressen. Prassen werde ich, schwelgen, schmausen, zechen...; so schwadronieren sie, dreschen ihre Phrasen, prahlen, lärmen, gelackmeiert durch ihre eigene Ignoranz, in die Irre geleitet durch ihre eigenen falschen Gedanken und Denkprozesse, Süchtige ihrer sinnlichen Späße. Sie fallen in die faulste Hölle.
Arrogante Prahler, aufgeblasen wegen ihres Reichtums, ihrer blindmachenden Reichtumsvergiftung, sie opfern den Göttern nur dem Namen nach, zum Schein; nicht so wie es die Weisen lehrten, sondern gebunden durch die Fesseln des Stolzes, der Gier und des Zorns geißeln sie mich, Gott, der ich in ihnen wohne.
In dem Zyklus von Leben und Tod werfe ich diese Teufelisch-Tuer und elenden Geschöpfe wieder und wieder in den Schoß eines minderwertigen Wesens, und so werden diese verlorenen Seelen geboren, wieder- und wiedergeboren in dämonische Dunkelheit, und sie kommen nicht zurück zu mir, sondern rollen unerbittlich hinunter in die Hölle.
Drei sind der Tore zu Verlorenheit, Verderben und Tod der Seele: Tor der Gier, Tor des Zorns und Tor des Geizes.
Der, der diese drei Tore der Dunkelheit umgeht, tut, was am Ende zur Erlösung der Seele führt und die höchste Erfüllung bringt.
Der, der die Gebote der Schriften mißachtet, und von Gier getrieben wird, kann nie Glück finden und die höchste Erfüllung.
Arjuna stellte dann seine siebzehnte Frage: Oh, Krishna, die, die nicht die heiligen Schriften lesen, und doch einem Gott opfern, welcher Art ist deren Glaube? Ist er sâttvik, râjasik oder tâmasik?
Krishnas Antwort: Der Glaube kann bei Menschen dreierlei sein, entsprechend der drei Grundtemperamente der Menschen und der drei Formen der Energie, nämlich Sattva: Gleichgewicht, Wissen und Zufriedenheit; Rajas: Leidenschaft, Action und kämpfende Gefühle; Tamas: Unwissenheit, Trägheit und Untätigkeit. Nun hör zu: Ein Mensch besteht aus dem Glauben, den er hegt und hochhält. Die Sâttvik verehren die Götter, die Râjavik glorifizieren die Oberherrn von Macht und Reichtum, die Tâmasik vergöttern die Ghuls, Geister und Unheilbringer.
Wisse, daß diese dämonischer Natur sind, die ihr Fleisch züchtigen, in einer Art, wie sie nicht in den Schriften empfohlen wird; diese Narren foltern ihre Lebenskraft und mich, Gott, der ich in ihren Körpern weile. Sie werden angetrieben von Gier und Grausamkeit, Dünkel und Dummheit.
Leute sâttviker Natur lieben Nahrung, die zu Langlebigkeit führt, Vitalität, Gesundheit und Kraft fördert, wohlschmeckend, lindernd, sukkulent und heilend ist.
Männer mit râjasikem Temperament essen bitter, sauer, salzig, scharf, beißend, pikant, adstringierend; also alles, was Körper und Geist mißstimmt, zuwider ist.
Und die, die tâmasik sind, essen Essen, das unrein ist.
Eine Opfergabe ist sâttvik, wenn sie aus einem Drang heraus, der seinen Ursprung in einem Gefühl der Pflicht hatte, in Übereinstimmung mit den Instruktionen der Schriften gegeben wird.
Wird die Opfergabe aus eitler Zurschaustellung vorgeführt, dann ist sie rajas-inspiriert.
Ist das Opfer gegen die heiligen Gesetze gerichtet oder ohne Glaube oder Hymnen der Verehrung gegeben, dann ist es tâmasik.
Verehrung der Götter, Gurus, Weisen und Brahmanen, Schlichtheit, Treue, Gewaltlosigkeit, Sauberkeit und sexuelle Reinheit, das ist die Askese des Körpers. Gute Wörter sprechen, die Wahrheit sprechen, die heilt und nicht verletzt, Poesie, das Studium der Schriften, das ist die Askese der Zunge. Selbstbeherrschung, reine Gedanken, Ruhe, Leichtherzigkeit, Sanftmütigkeit, das ist die Askese des Geistes.
Diese dreifache Askese geübt ohne Erwartung einer Belohnung ist sâttvik. Râjasik ist eine Askese, die in lautem Dünkel geübt wurde, um Verehrung und Applaus zu heischen, auch wenn die Freude flüchtig und vergänglich ist. Tâmasik ist eine Askese, die durchgeführt wurde in der gemeinen Absicht, anderen zu schaden, oder in der perversen Zufriedenheit an masochistischer Züchtigung und Selbstfolterung.
Ein Geschenk ist sâttvik, wenn der Geber es gegeben hatte aus dem einfachen Gefühl heraus, daß es richtig war zu geben. Râjavik ist ein Geschenk, wenn es gegeben wurde in der Erwartung, daß etwas zurückgegeben wird, oder aus anderen eigensüchtigen Gründen. Tâmasik ist ein Geschenk, wenn es verachtungsvoll einer wertlosen Person gegeben wurde, oder wenn es zur falschen Zeit und am falschen Ort und ohne Rücksicht auf die Gefühle des Empfängers gegeben wurde.
Arjunas achtzehnte Frage: Bitte erkläre mir den Unterschied zwischen Samnyâsa, Ablehnung von Aktion, und Tyâga, Nicht-Bindung an die Welt.
Die Weisen lehrten, daß die Zurückweisung und Verwerfung aller Taten, die ihren Ursprung in der Begierde hatten, Samnyâsa ist und die Gleichgültigkeit gegenüber den Früchten der Tat ist Tyâga.
Falsch handelt, wer eine Handlung ablehnt, die seine vorbestimmte Pflicht ist, eine solche Ablehnung aus Ignoranz ist tâmasik. Der, der seine Pflicht scheut aus Furcht oder den mit ihr verbundenen Schmerzen, der erntet keine Lorbeern für seine Entsagung, denn seine Entsagung ist râjasik. Doch wer handelt frei von Begierden, und wie in den Schriften gelehrt, gedrängt von Pflicht, ohne Bindung an die Frucht der Handlung, gleichgültig den persönlichen Folgen und Folgeschäden gegenüber, dessen Entsagung ist sâttvik.
Die Aufgaben und Arbeiten, die den Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Sudras zugewiesen wurden, entsprechen den Fähigkeiten, mit denen sie geboren wurden, und ihrer innersten Natur.
Heiterkeit, Klarheit, Gelassenheit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Geistigkeit, Weisheit, Askese, Schlichtheit, das sind die natürlichen Eigenschaften der Brahmanen.
Heldentum, Mut, Tapferkeit, Verwegenheit, Beständigkeit, Geschicklichkeit, Großherzigkeit, Unerschrockenheit in der Schlacht, Furchtlosigkeit vor den Feinden, Tüchtigkeit in der Verwaltung, das sind die Eigenschaften, die einem Kshatriya natürlicherweise von der Hand gehen.
Handel, Landwirtschaft und die Versorgung von Viehzeug sind die natürlichen Pflichten der Vaishya, wie Dienen die Pflicht eines Sudras ist.
Ein Mann ist auf dem Weg zur Erlösung nur, wenn er dem Weg seiner eigenen Berufung folgt. Lieber eine Tat getan, die der eigenen Berufung entspricht, selbst wenn sie nicht gut getan ist, als eine gut getane Tat, die der Berufung einer anderen Person entsprach und nicht der eigenen. Niemand sollte die Arbeit verweigern, die ihm durch Geburt und Natur bestimmt war, selbst wenn er diese Aufgabe nur fehlerhaft erledigen kann. Fehler bei der Arbeit sind so natürlich, wie Rauch bei Feuer ist.
Du kannst dich nicht weigern zu kämpfen. Kämpfen entspricht deiner Natur. Deine Natur hat dir diese Aufgabe gestellt, denn du selbst durch die Kette deines Karmas hast dir diese Aufgabe auf den Leib geschmiedet, daher bist du gebunden, verpflichtet. Du wirst also getrieben werden, das zu tun, was du in deiner Ignoranz gerade verweigern willst.
Dharm Yudh, der rechte Krieg, ist deine höchste Pflicht und im Dharm Yudh darf es kein Zögern geben, weder das eigene Leben noch das Leben der Feinde darf geschont werden, nicht ein einziger der Feinde, sei er nun Moslem oder Christ oder Laizist und Rationalist, darf am Leben bleiben. (Spätere Einfügung Krishnas, als er inkarniert als hinduistischer Fundamentalist und mehrfaches Mitglied der Rasthriya Swyamsevak Sangh [diese Organisation ließ den großseeligen Gandhi wegen seiner religiösen Toleranz umbringen] und des Hindu Vishva Parishads, des Hindu-Welt-Konzils, eine Opposition gegen die herrschende Kongreßpartei unterstützte, da ihm die Kongreßpartei die laizistische Verfassung nicht genügend mit Füßen trat.)
Es gibt nichts, was ein richtiger Krieger mehr willkommen hieße als einen gerechten Krieg.
Für einen Kshatriya-Krieger sind alle Kriege rechtens.
...und für einen Sudra war jede Sklaverei rechtens.
Krishna sprach in seiner Bhagavad Gita nur von einer vierfältigen Unterteilung der Gesellschaft, den vier Varnas, oder Farben, wobei die Mitglieder der drei oberen Kasten, die Primärfarben weiß, rot und gelb, als Zweimalgeborene galten, obwohl die sich genau wie andere auch nicht einmal an eine einzige von ihren Geburten erinnern konnten.
Es war aber auch gar nicht so, daß die Zweimalgeborenen im Gegensatz zu den schwarzen Sudras schon einmal vorher geboren worden waren; so etwas wie frühere Leben hatte jeder Inder, auch der unberührbarste, schon millionenmal hinter sich. Nein, die Zweimalgeborenen hatten parallel zu ihrer körperlichen Geburt noch eine geistige Geburt durchgemacht, dadurch waren sie eingeweiht in die Mysterien der Religion und schwebten auch noch in höheren Regionen, und durch einen dünnen, aber heiligen Faden hingen sie mit der höheren, besseren Hälfte in Verbindung. Die Gesetze Manus waren sehr präzise bezüglich dieses Zwirnsfadens: Bei einem Brahmanen mußte er aus Baumwolle sein, bei einem Kshatriya aus Hanf oder Flachs, bei einem Vaishya aus Wolle, und er mußte an der linken Schulter befestigt werden. Von dort hing er - erstaunlicherweise - nach unten.
Nicht nur durch Farbe und Material unterschieden sich die Kasten, sondern auch im Charakter unterschieden sich die Mitglieder der Kasten voneinander, wie der Volksmund wußte. Der sagte zum Beispiel: Willst du, daß man etwas für dich tut, mußt du einen Kayasth (Kaste der Buchhalter und Schreiberlinge in Bengalen und Uttar Pradesh) bestechen, einen Brahmanen gut durchfüttern, einem Rajput (Kshatriya) schmeicheln, aber die Leute von niedriger Kaste mußt du durchprügeln.
Aber seit der Urzeit, zu der Krishna sprach, hatte es Fortschritte gegeben, die Varnas hatten sich vermehrt. Wenn vier gut waren, waren dreitausend1 besser? Die Inder schienen es anzunehmen.
1 Meyers Großes Taschenbuch erwähnt etwa 3000. Eine Volkszählung von 1901 kam auf 2378 Kasten, bzw. Unterkasten und Unterunterkasten.
Außerdem gab es noch die Auskastler, die Unberührbaren oder Pariahs, wie die unwissenden und natürlich auch unreinen Europäer sie nannten. Pariah hieß eigentlich nur ein einziger Unberührbaren-Stamm in Tamil Nadu. Das Wort bedeutete Trommler, aber die Trommler waren nicht etwa Musikanten, sondern da sich die Zweimalgeborenen so vor ihnen ekelten, mußten sie trommeln als Warnung für die andern, daß sie eine Begegnung vermeiden konnten.
Die Trommelei war also so etwas wie an arkustischer Judenstern.
Die Berührung mit Unberührbaren befleckte - zwar nicht wirklich den Körper, wohl aber im Kopf. Ein solcher Fleck, Schandfleck, war etwas sehr Schlimmes. Indien hatte nicht nur die großen Weisen der Vorzeit gehabt, die Manus, Sanaka, Manichi, von denen Krishna sprach, sondern auch danach gab es immer wieder weise Männer und Frauen, einer, Rabindra Nath Tagore, nannte das Kastensystem ein gigantisches System kaltblütiger Unterdrückung. Man sollte seine Schriften studieren.
Aber wie kam Indien zu immer mehr Kasten? Zum Teil, ähnlich, wie es zu immer mehr Menschen kam, durch Heirat und Kinderkriegen. Es entstanden zum Beispiel ganze Unterkasten dadurch, daß bestimmte Gruppen einer Kaste Frauen aus niedrigeren Kasten heirateten, sogenannte Jâti. Aber es gab auch andere Möglichkeiten: Brahmanen, die den Priester für untere Kasten machten, sanken innerhalb der Brahmanen in eine untere Jâti. Sowieso waren Priester innerhalb der Brahmanenkaste, die sich zwar eigentlich als die Priesterkaste verstand, nicht hoch angesehen. Wirtschaftskapitäne, Millionäre, Politiker, Gelehrte etc. bildeten innerhalb der Brahmanenkaste ihre eigenen höheren Kasten. Und selbst noch unter den Unberührbaren herrschte der Kastendünkel; selbst die Doms, die Müllabfuhr und Leichenhandhaber, fühlten sich den Barbieren und Waschleuten so überlegen, daß sie, statt zu schwören: wenn ich das und das tue, hole mich der Teufel, schworen: wenn ich das tue, dann möge mich die Strafe befallen, die jemand bekommt, der mit einem Wäschewascher gemeinsam an einem Tisch ißt! Und tatsächlich waren in Indien viele neue Kasten dadurch entstanden, daß hungernde High-Kastler den Hunger nicht mehr ausgehalten hatten und zu Notküchen gegangen waren, wo das Essen durch die Handhabe von unreinem (im religiösen Kasten-Sinne) Küchenpersonal unrein geworden war. Diese neuen, durch Hunger und Notnahrung entstanden, ausgestoßenen Auskastler behielten aber ihren Kastendünkel und machten die alten Unterschiede auf ihrem neuen niedrigen Niveau weiter.
In Assam gab es die Mekuris; diese Außenkastler verdankten ihren niedrigen Status einer Katze, die ein von den Moslemen gestohlenes Fleischstück in ihren Suppentopf fallen ließ, was erst zu spät entdeckt worden war. Hätte man es rechtzeitig entdeckt, hätte man den Suppentopf ausgeschüttet, aber auskotzen galt nicht. Was einmal mit dem Körper in Berührung gekommen war, hatte ihn auch verschmutzt.
Rituelle Reinheit des Essens war eine der wichtigsten Gebote des Hinduismus. Selbst Fliegen konnten diese Reinheit gefährden, und das nicht, weil die Fliegen selbst schmutzig waren oder der Kaste der Unberührbaren angehörten!
Während des Zweiten Weltkrieges erreichten die Hindus von den Briten, daß ihre Feldküche von der Feldküche der Moslems entfernt errichtet wurde, weil sie befürchteten, daß die Fliegen, die vorher auf moslemischen Speisen gesessen hatten, sich danach vielleicht auf ihr hinduistisches Essen setzen würden und es so verunreinigten. Daß Fliegen auch gern auf Scheiße saßen, schien bei den Hindus keine Besorgnis zu erregen, vielleicht, wenn sie wüßten, daß es moslemische Scheiße gewesen war.
Auch aus Sekten waren neue Unterkasten entstanden, selbst aus Sekten wie der Kabirpanthis, deren ursprüngliche Lehre eigentlich die Ablehnung des Kastensystems mit einschloß. Und niedrige Unterkasten mauserten sich zu höheren Unterkasten, indem sie sich strengere Gesetze auferlegten oder den High-Kastlern nachäfften, wie Wiederheiratsverbot für Witwen, Einführung von Kinderehen wie bei den Brahmanen und Vermeidung von Heiraten mit Gleich- oder Unterniveau-Kastlern, sowie strengere Speise- und Eßge- und -verbote.
Aus der niedrigen Kaste der Lederverarbeiter entstanden zwei Kasten, als die, die bearbeitetes Leder weiter zu Taschen und Schuhen verarbeiteten, auf den Dünkel verfielen, daß ihre Arbeit ja sauberer sei als die Arbeit von denen, die das rohe Leder gerbten und die Vorarbeit leisteten; Grund genug für die Lederendprodukthersteller, mit Mitgliedern der schmutzigen Vorarbeit leistenden Kaste nicht an einem Tisch zu sitzen und auch nicht den Kindern die Ehe mit so einem eingehen zu lassen.
In seine Kaste wurde man hineingeborenen, so sagte man, Kaste war Schicksal und einen niedrigen Kastenstatus hatte man sich angeblich durch sein Versagen in vorherigen Leben eingeheimst, aber so ganz stimmte auch das nicht. Einige Kasten waren bereit, für Geld Unterkastler aufzunehmen. Das war aber ein gefährliches Unterfangen, denn wenn man es zu oft tat, sank das Ansehen der gesamten Kaste. Über die angeblich zweimal geborenen Mahanti witzelte man schon: Der, der keine Kaste hat, nennt sich Mahanti.
Die niedrige Kaste der Bauris in Bengalen, die über besonders hübsche Mädchen verfügte, die oft als Mätressen von Brahmanen dienten, diese Kaste nahm großzügig, die gefallenen Brahmanen auf, wenn diese, weil sie, statt beim Beischlaf zu bleiben, auch noch den Reis, den die Unterkastlerin zubereitet hatte, gegessen hatten und damit gegen die wichtigste, brahmanische Kastenregel verstoßen hatten, verstoßen worden waren. So ersparten die Bauris den Buhlen ihrer Mädchen das Außenkastlerdasein, allerdings mußte das neue Kastenmitglied erst ein großes Fest für alle Kastenmitglieder geben, also erstmal einen ausgeben, Einstand zahlen. Nur fair.
Der nächste Schritt war dann die Dünkelhaftigkeit der neuen Bauris, die ja eigentlich mal Brahmanen gewesen waren, also was Besseres.
Kasteninder und Unterkasteninder mieden also einander mehr bei den Mahlzeiten als beim Beischlaf, beim außerehelichen Beischlaf und beim unehelichen. Aber Indien war groß und es gab viele Möglichkeiten der Vermeidung.
In Südindien, wo man wie in Südeuropa oder in Südamerika weniger aufgeklärt war als der Norden und dafür den traditionellen, religiösen Werten bzw. Unwerten näher stand, wurde aus der Unberührbarkeit schon eine Unannäherbarkeit. Es gab eine richtige Skala der Unannäherbarkeit für die verschieden tiefen Bodensätze der Panchamas, wie die Unberührbaren im Süden genannt wurden. So mußte ein Kammalan von einem Brahmanen mindestens acht Yard Abstand halten, ein Iluvan oder Tiyan mindestens 12 Yard, ein Pulayan mindestens 16 Yard und ein Paraiyan oder Pariah mindestens 32 Yard. Bei soviel Abstand zwischen Brahmanas und Panchamas kam es natürlich nicht mehr zum Beischlaf.
In ländlichen Gegenden in Travancore, Cochin und Malabar mußte ein Pariah noch mehr Abstand halten, durfte gewisse Straßen und Ortsteile überhaupt nicht betreten oder mußte sich für die Zeit der Helligkeit ganz verborgen halten und durfte sich erst nachts herauswagen, oder er mußte wie die Leprakranken des Mittelalters an Wegkreuzungen und unübersichtlichen Stellen durch Rufe oder Geräusche, Trommeln oder Klappern wie die Lazarusklappern der Aussätzigen, die anderen vor sich und seine Unreinheit warnen.
Einkaufen war bei soviel Antisemitismus für einen Pariah ein Problem: Er mußte sein Geld vor dem Geschäft auf den Boden legen, wieder Abstand nehmen, warten bis er dran war; dran war er, wenn kein anderer mehr dran war; kam der Verkäufer dann raus, rief er von weitem, was er haben wollte; der Verkäufer nahm dann das Geld und warf ihm seine Waren voller Verachtung auf die Straße, von wo der Aussätzige sie dann auflas trotz seiner Gesundheit. Vor Gericht als Zeuge geladen war es ähnlich, sein Platz war draußen vor der Tür auf der Straße; ein nur halbschmutziger Hindu-Hilfsgerichtsdiener kam dann mit den Fragen heraus zu ihm und brachte des Pariahs Antwort wieder herein zum obersauberen Brahmanen-Richter. War der Pariah selbst der Angeklagte, war sein Platz gleich im Gefängnis oder besser noch als Wiedergeburt bei den Ratten.
Sah der Unreine Reine auf der Straße auf sich zukommen, mußte er schnell die Straße verlassen und auf die Felder, selbst wenn die zur Bewässerung unter Wasser standen: Lieber nasse Füße, als das Leben verloren.
Ein High-Kastler kannte da keine Skrupel. Wenn ein Pariah seinen Platz in der Gesellschaft vergaß, konnte er sicher sein, daß ein Zweimalgeborener ihn ohne viel Zeremonie wie Ungeziefer niedermachte. Das hieß, gegenüber Ungeziefer hätte man ja vielleicht noch Ahimsa gelten lassen, schließlich waren wir alle mal im früheren Leben Gewürm gewesen, und Respekt vor dem Leben der Würmer und anderen Tiere, das war ja gerade das, was einen High-Kastler von einem schmutzigen Außenkastler unterschied...
Saubere, vegetarisch lebende High-class-Hindus ekelten sich vor den schmutzigen Untermenschen am unteren Ende der Gesellschaft: Die Musahars in Süd-Bihar fraßen sogar Ratten, weshalb sie auch Musahars, nämlich Rattenfresser genannt wurden, sicher würden sie wegen ihrer Rattenmorde als Ratten wiedergeboren. Kein anderer Inder besaß übrigens ihre Geschicklichkeit im Rattenfangen, und als man der Rattenplage mit Rattengift nicht Herr wurde, wurde diese Musahars gefragte Leute.
Die Bauris und Haris trugen die stinkenden Tierleichen aus den Dörfern und aßen sie, so dienten sie als Abdecker. Feine Leute mochten weder die Tierleichen noch diese Leute riechen - und schon gar nicht anfassen oder aufessen.
In Süd-Canara galt eine Untergruppe der Koragas als so schmutzig, daß sie nicht wie andere Leute auf die Straße spucken durfte, sondern immer einen Spucknapf an einer Kette um den Hals tragen mußte, in den sie zu spucken hatte, daher erhielt sie dann ihren Spottnamen Ande, was Topf hieß.
Die Pooleahs waren die großen Pollutioner, die Verschmutzer, wie ihr Name schon sagte, kein sauberer Inder wollte die Atemluft mit ihnen teilen. Sie mußten heulende Geräusche zur Warnung der sauberer Menschen ausstoßen und auf Felder oder Bäume ausweichen, wenn ein Brahmane oder Nair ihnen auf dem Weg entgegen kam. Aber die Pooleahs ihrerseits hielten die Nayadis, Ulladans oder Pariahs für so viel schmutziger als sie selbst, daß sie den Kontakt mit ihnen mieden und sich nach einer unvermeidbaren Begegnung siebenmal wuschen und sich ein paar Tropfen Blut aus dem kleinen Finger melkten.
Die meisten Hinder waren wohl schmutzig für irgendeinen höheren Hinder, was sie aber nicht daran hinderte, sich selbst für sauberer als andere zu halten, so betonten sie das Positive ihrer Gesellschaft. "Ich bin mehr wert als du", in welcher anderen Gesellschaft konnte eine so große Anzahl von Menschen das schon mit Überzeugung sagen, ohne auf allgemeine Ablehnung zu stoßen?
Im Norden war man nicht so zimperlich wie im Süden. Die rituelle Verunreinigung der unteren Kasten färbte dort meist nur durch direkte Berührungskontakte ab, durch gemeinsames Speisen und Trinken und in einigen extremen Fällen, wie bei den Gandas von Sambalpur in Orissa, wenn deren Schatten auf einen fiel. Orthodoxe Hindus achteten dort auch darauf, daß sie in keinem Wagen saßen, der von einem Ganda gezogen wurde, daß sie keine Kleidung trugen, die von einem Ganda gemacht wurde, und daß sie keine Straße betraten, die von einem Ganda gepflastert worden war. Und wenn ein Ganda seine Kinder in die von den Briten eingerichtete Dorfschule schicken wollte, dann schüchterte man seine Eltern mit den gleichen Methoden ein, mit denen auch die edlen Krieger des Ku Klux Klans einst die Schwarzen von einer Schulbildung abgehalten hatten.
In Punjab mußten die Straßenfeger, auch wenn sie Feierabend hatten, weiter einen Besen bei sich tragen, damit man ihre Schmutzigkeit erkennen konnte und ihnen auswich, außerdem mußten sie `Bacho, Bacho' sagen, = paßt auf!1
In Jaipur mußten die Mitglieder der Straßenfegerkaste eine Krähenfeder in ihrem Turban tragen, um auf ihren niedrigen Status aufmerksam zu machen, der ihnen vorgeschriebene Warnschrei war: `Payse' oder `Parayse', = nehmt Abstand!2
1 Punjab Census Report von 1911
2 Census Report von Rajputana und Ajmer-Merwara von 1911
Aber nicht alle Unterkastler und Unberührbare hatten so schmutzige Arbeit wie die Straßenfeger, Müllabfuhr, Nachttopfentleerer, Rattenfänger, Leichenhandhaber, Gerber und Lederverarbeiter, sondern die meisten waren ganz einfach nur Landarbeiter, die pflügten, Muttererde auflockerten, pflanzten und ernteten den Reis und das schöne Gemüse, das die High-class-Hindus so stolz mit Ahimsa aßen.
Nach der Abschaffung der Sklaverei 1855 war es besonders notwendig, durch Vorschriften diesen ehemaligen Sklaven - genau wie in den Südstaaten der USA - das Leben schwer zu machen und ihren Aufstieg zu verhindern. Was vorher Willkür war und Sitte, willkürliche Sitte, mußte Recht und Gesetz werden. Den Shanans, den ehemaligen Landarbeitssklaven, wurde das Anziehen von Schuhen und das Tragen von Schirmen per Dekret untersagt, außerdem hatten sie von der Taille aufwärts nackt zu sein, Männchen wie Weibchen.
1858 gab es Aufruhr. Shanan-Frauen, die zum Christentum übergetreten waren, bedeckten ihre Brüste - sehr zu Ärgernis der anderen Kasten und der unchristlichen Shanan-Frauen. "Was wir nicht dürfen, das darf die doch auch nicht dürfen. Die ist doch eine von uns."
Dieser Streit führte dazu, daß die Engländer sich einmischten. Es war gerade Viktorianische Ära und das bürgerliche Philistertum blühte.
Bürgerliche Freiheiten waren eine Errungenschaft, die schließlich, nachdem sie in die Köpfe einiger junger Inder gedrungen war, den Untergang des British Empire herbeiführen sollte.
Die Briten dachten damals, wenn die Shanan-Frauen ihren Oberkörper bedecken wollten, dann sollten sie das ruhig dürfen. Woraus sich aber nicht ableiten ließ, daß, wenn britische Frauen mit freiem Oberkörper herumlaufen wollten, sie das auch dürfen sollten, oder daß man ihnen das aktive und passive Wahlrecht hätte geben sollen.
Unter britischem Druck kam es 1859 zähneknirschend und murrend zu einer Erklärung der örtlichen Verwaltung von Travancore, daß keine Bedenken beständen, wenn Shanan-Frauen wie christliche Shanan-Frauen eine Jacke trügen, oder wenn Shanan-Frauen jeglichen Glaubens ein großbes Tuch um ihren Oberkörper wickelten in der Art, wie es die Mukkavattigal-Frauen der unteren Fischerkaste täten, also horizontal über die Brust, so daß die Schultern freiblieben, auch jede andere Art der Brustbedeckung sei bedenkenlos, solange sie nicht in der Art der hochkastigen Frauen erfolgte.
Unberührbare Männer wurden aber noch, als Adjuna das Land besuchte, von ihren High-Caste-Mitbürgern für die Frechheit, elegante Jacken oder Mäntel zu tragen, verprügelt.
1902 gab es einen weiteren Aufstand der Shanan-Frauen. Man hatte ihnen das Recht genommen, Lasten auf dem Kopf zu tragen, wahrscheinlich, weil sie dann zu groß und stolz aussahen.
Lasten auf dem Kopf zu tragen und nicht wie die Europäer unter dem Arm geklemmt oder auf krummem Rücken, war, wenn man die Balance beherrschte, orthopädisch gesehen das Gesündeste. (Wenn man die Balance nicht beherrschte, krachten einem die Lasten auf die Knochen, und man mußte zum Knochendoktor, den man sich aber in dieser Umgebung nicht leisten konnte. Hier brachten einen deshalb oft schon kleinste Verletzungen direkt zum Knochenmann.)
Außerdem wollten die Shanan-Frauen auch das Recht bekommen, hübscheren Schmuck als die bisher erlaubten Lederarmbänder tragen zu dürfen.
Ein anderes Mal demonstrierten die Unberührbaren von Travancore für das Recht der Straßenbenutzung in der Nähe eines bestimmten Tempels, das ihnen bisher verwehrt war, so daß sie zu großen Umwegen gezwungen waren. Sie benutzten dazu den gewaltlosen Widerstand, den Gandhi ihnen gerade im Kampf gegen die Briten vormachte: Sie saßen im Protest auf der Straße und spannen. über ein Jahr saßen sie da.
Ihr Protest dauerte also so lange wie der große Bus-Boykott der Schwarzen in Montgomery. Und wie einige Weiße damals die Schwarzen unterstützten, sehr wenige Weiße zugegeben, so setzten sich auch hier einige Brahmanen zu den Protestierenden und teilten Wache und Mahlzeiten mit ihnen und verloren konsequenterweise dadurch ihren Brahmanenstatus. Schließlich setzte sich Mahatma Gandhi, die große Seele, auch zu ihnen und lud die Unberührbaren ein, ihn, den Zweimalgeborenen, zu berühren. Aber die weigerten sich, sie wußten, es war eine Sünde für einen Unberührbaren einen Kasten-Hindu zu berühren, tat er es doch, so kam er im nächsten Leben nicht voran.
Die Schwarzen Amerikas hatten einst eine einfache Botschaft für die Weißen: Ich bin ein Mensch.
Ich bin ein Mensch, das war alles, was sie auf ihre Plakate schrieben; sie schrieben nicht: Ich bin auch ein Mensch.
Die einfache Aussage "Ich bin ein Mensch" sagte dem Hindu wenig, die Menschheit war nicht eins, Mensch nicht gleich Mensch, sondern ein komplizierten 3000schichtiges Phänomen, das erst Form annahm, wenn man es nach Varnas und Jâti definierte. Das schlichte Menschsein verstand man im Hinduismus nicht, Menschheit als Ganzes war etwas Unfaßbares, die Farben einer Palatte im Matsch vermischt, aber auch das Ich-Sein, also Individuum-Sein, war nicht erlaubt.
Auch diese Religion wollte nicht, daß man seinem Schicksal entkam. Es gab nur einen Trick: der religiöse Knacks. Wenn man den weghatte, oder so tat, wenn man sich also Asche aufs Haupt streute und die Namen der Götter herunterleierte, dann war man frei wie ein Vogel, wie ein Narr, und keiner fragte mehr danach, wie aussätzig man eigentlich war. Die Freiheit, die man als ein solcher Narr genoß, schloß aber nicht die Freiheit, an einem festen Ort unter einem festen Dach mit einer Familie zu leben, ein. Freiheit wurde auf dieser Welt schon teurer bezahlt.
Freiheit wurde auf dieser Welt schon teurer bezahlt als mit ein bißchen Narrheit: mit Blutdukaten und Menschenleben. Und die bezahlte Ware war so wertlos wie eh.
...und das lag daran, daß die Verkäufer Betrüger waren und die Käufer nichts von Warenkunde verstanden.
Da wird man übers Ohr gehauen, zahlt zuviel und bekommt zu wenig.
Bharat Mata, Mutter India, hatte also viele Kinder, und diese Kinder hatten ein kompliziertes System der Diskriminierung der Geschwister entwickelt, und die ärmsten und oft auch schmutzigsten galten als unberührbar, als Außenvor, waren vielleicht billige Arbeitskräfte, aber keine Mitspieler. Und wer doch mit ihnen spielte, machte sich strafbar (bei und für seine Kastengenossen), verlor seinen Kastenstatus, landete in der Hölle oder hatte eine niedrige Wiedergeburt.
Aber das Beschmutzen der Kastenbrüder geschah nicht nur durch den Umgang mit Ungewaschenen, die sich Seife nicht leisten konnten, sondern die Mlechhas oder Barbaren, unter denen sich gerade in der Zeit vor der Unabhängigkeit die geschniegelsten und gestriegelsten, die gewienersten und am korrektesten gekleideten Leute Indiens befanden, galten ebenfalls als aussätzig und ansteckend verschmutzend. Und kein Kasteninder konnte diesen ausländischen Aussatz dafür bestrafen, daß er die Frechheit hatte, sich elegant und teuer zu kleiden.
Die Mlechhas kamen hauptsächlich aus Großbritannien, sie hatten dem großen Land mit Leichtigkeit ihren Willen aufzwingen können, denn in dem großen Land herrschte keine Solidarität, Gemeinsamkeit. Was die Hautfarbe der Mlechhas betraf, so waren sie weißer als die Mitglieder der Brahmana-Varnas, denen ja schon die Farbe weiß zugeschrieben wurde. Die Helligkeit ihrer Haut änderte aber nichts an ihrem Nicht-Hindu-Sein. Ein wirklicher High-caste-Hindu wusch sich zumindest, nachdem er mit diesen Mlechhas zu tun gehabt hatte, - oder zögerte die morgendliche Körperwäsche, zum Beispiel wenn er am Vormittag eine Verabredung mit dem britischen Governor hatte, bis nach der Begegnung heraus.
Eine Reise in das Land der Mlechhas war immer eine große Sünde, denn es war unvermeidlich, daß man gegen die Speiseverbote verstieß, Wasser und Speisen zu sich nahm, die rituell-religiös gesehen schmutzig waren. Die Gerichtbarkeit der Kaste (Kasten verfügten über ihre eigene Gerichtbarkeit) würde in so einem Fall eine Buße verhängen für die Wiederaufnahme in die Kaste, typischerweise eine Geldstrafe an die Kasse der Kaste und ebenfalls an die Brahmanen - den Brahmanen Geld zu geben, hatte immer einen Sünden tilgenden Effekt -, sowie die Durchführung des Reinigungsritus und Purifikation-Hokuspokus Prayaschitta und die orale Einnahme von Panchgavya, den fünf sakralen Produkten der heiligen Kuh, als da waren: die Milch, der Quark, die Ghi, das war glasierte Butter, der Urin der Kuh und Kuhscheiße; Beef gehörte nicht dazu.
Das Kastenkonzil konnte auch Warnungen aussprechen: "Wenn du noch ein drittes Mal nach England fährst, dann wirst du für immer ausgestoßen!" Das war keine leichte Strafe, zumal sie mit 60 000 Jahren in der Hölle gekoppelt war. Da verloren die Mutigsten ihren Mut.1
1 Sir Walter Lawrence beschreibt in seinem Buch `The India we observed' (1928) einen solchen Fall, wo ein hinduistischer Freund wegen einer solchen Verwarnung auf seine dritte Englandreise verzichtet.
Die Kastenrichter bewiesen nicht nur Fantasie bei der Erfindung von Höllenqualen, sondern auch bei Strafen auf der Erde. Da die Kasten meist keine Gefängnisse hatten, kamen langweilige Gefängnisstrafen nicht in Frage, statt dessen wurde den Sündern zum Beispiel das Kopfhaar und der Schnurrbart ganz oder nur auf einer Seite abgeschnitten, die Lächerlichkeit war die Strafe. Wer seine Kuh vernachlässigte, dem konnte es passieren, daß er wie eine Kuh herumlaufen mußte, mit Gras im Mund und Muhmachen.
Zum Glück gab es Sündenfresser. Wer genug Geld hatte und sie bezahlen konnte, dem fraßen sie die Sühne, was hieß, sie erlitten die Strafe, also fraßen die Kuhscheiße, tranken die Kuhpisse und nahmen auch die drei anderen heiligen Produkte der Kuh, die man ja zur Not auch selbst essen konnte, ein oder sie aßen den verdreckten Sand vom Ganges-Strand, der eine so von Sünden reinigende Wirkung hatte wie ein päpstlicher Segen (oder tausend) und das ein-zwei-dreimalige Beten des Rosenkranzes, sie soffen Jauche zur Jause oder das Wasser, in dem Brahmanen ihre Füße gewaschen hatten, badeten stellvertretend im Harn der heiligen Kühe, und als Prügelknabe - was etwas teurer war - erlitten sie auch die Prügel, die die Richter geprügelt haben wollten.
Nur wenn man den Tod einer Kuh verursacht hatte und die Kastenrichter einen dafür mit der Todesstrafe bestraft wissen wollten, dann war es schwer, einen Substitut zu finden, aber unmöglich war auch das nicht, denn der einzelne gehörte sich nicht unbedingt selbst in Indien.1
1 Die Informationen zum indischen Kastensystem habe ich neben Nachschlagewerken einem Buch mit dem harmlosen Titel "Indian Caste Customs" von L. S. S. O'Malley, das ich mir selbst in Indien besorgt hatte, entnommen. Der Inhalt des Buches löste bei mir soviel Betroffenheit aus wie nur selten ein Buch. Welch unglaubliches Leid über einen Teil der Menschheit gebracht wurde und dann harmlos als Sitte beschrieben wurde! Ähnliche Betroffenheit empfand ich beim Lesen von Hitlers `Mein Kampf', Martin Luthers Haßschriften gegen die Juden (und Türken), Sprenger und Institoris' Hexenhammer, der Constitutio Criminalis der frommen, Österreichischen Kaiserin Maria Theresia mit ihren Folteranweisungen, des Alten Testaments und ähnlicher Schriften. Aber auch die Berichte der Opfer lösen natürlich Betroffenheit aus, aber auf eine andere Art.
Dieses geniale System, das gleichermaßen gegen die eigene schmutzige Unterschicht diskriminierte und gegen die feinpinkeligen Vertreter aus der Oberschicht der Kolonialmacht, hatte seine Anfänge ganz weit zurück in der Zeit der Harappakultur oder Indus-Flußtal-Kultur.
Indien hatte verschiedene große kulturelle Blütezeiten hinter sich, wie unter den Moghulherrschern; die Moghulherrschaft begann 1526 nach der von den englischen Imperialisten eingeführten Zeitrechnung und dauerte bis zur Eroberung Dehlis durch den Perser Nadir Shah im Jahre 1739 e.I.Z.; danach waren die Moghulherrscher nur noch persische Puppenkönige; 1858 e.I.Z. setzten die Briten, die keinen Gebrauch für eine persische Puppe hatten, den letzten Moghul ab.
Besonders unter dem Moghulherrscher Akbar, er hatte den Thron 1556 e.I.Z. als Vierzehnjähriger bestiegen, erlebte Indien eine Blüte. Akbar war Freidenker, er führte viele Reformen durch, er praktizierte nicht nur selbst Toleranz, sondern verlangte es auch von seinen Untertanen, und er beschnitt die Macht der Brahmanen und des moslemischen Klerus.
Befreiung vom geistigen Joch war schöner als das Taj Mahal.
Hätten Akbars Nachfolger so weiter gemacht, hätte Indien sich vielleicht vom Kastensystem und von religiöser Intoleranz und Gewalt befreit.
Vor den Moghulen gab es im Osten das Sharki-Sultanat von Jaunpur und im Westen das Reich von Malwa, in Dehli herrschte die Lodi-Dynastie, davor herrschten Sklavendynastien, jeweils ein Sklave des Sultans wurde neuer Sultan, überall herrschte Gewalt, eine kleine Gruppe von muslimischen Gewalttätern tyrannisierte das Land von Zwingburgen aus, Raub, Mord und Bekehrung mit dem Schwert, kulturelles Tiefland; seit um die Jahrtausendwende (nach engl. Imperialisten-Zeitrechnung) das letzte Bollwerk gegen den Islam, das Gujara-Prathihara-Reich, unterging, hatte man in Indien diese Ebbe.
Davor herrschten die Rajputen und davor in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts gelang es Kleinkönig Harshawardhana von Kanauj für kurze Zeit ein nordindisches Großreich zu erobern und ein letztes Mal so etwas wie Buddhismus als Staatsreligion durchzusetzen.
Weiter zurück lag das Gupta-Reich mit seiner Sanskrit-Literatur-Blüte. Das Gupta-Reich hauten die Hunnen kaputt. Vor dem Gupta-Reich gab es das Großreich der Kushan. Die Kushan hatten erfolgreich die indohellenischen Königreiche, die Alexander der Große in der Folge seines tollkühnen Bemühens, die gesamte Welt zu erobern, auf seinem Rückzug hinterlassen hatte, erobert. Auch die Skythen und sogar die Prather, die einst dem mächtigen römischen Reich so schmachvolle Niederlagen an seiner Ostgrenze bereitet hatten, hatten dem Ansturm der Kushan nicht standgehalten.
Hundert Jahre, bevor die Zeitrechnung der Mlechhas, jener Imperialisten, die von den fernen britischen Inseln her Indien erobern sollten, überhaupt erst anfing, gingen die Reste des ersten ganz Indien (das heißt, eigentlich nur bis zum Penner) umfassenden Kulturreichs Magadha im Ansturm der Skythen unter. Fast zweihundert Jahre hatte diese kulturelle Blüte gedauert.
König Chandragupta Maurya hatte um 300 vor der Zeitrechnung den ersten Schritt und die ersten Eroberungen zu diesem Riesenreich gemacht.
Unter seinem Enkel Asoka, also dem dritten König dieser Dynastie, erreichte das Reich seine größte Ausdehnung. Es reichte vom Penner bis zum Hindukusch.
Asokas Beitrag zur Kultur waren unter anderem Säulen und Tafeln, die er überall im Land errichten ließ, und auf denen Inschriften seine Weisheit dem Volke nahebrachten und zur Toleranz aufriefen, zu Friedfertigkeit, Ehrlichkeit und buddhistischer Religiosität. Auch viele Buddha-Statuen ließ Asoka errichten. Touristen und Archeologen gleichermaßen sahen sich diese Steindokumente noch nach zweitausend Jahren an und freuten sich, daß sie einen steinernen Beweis für die Toleranz der Inder vor Augen hatten. Die blutigen Schlachten, die sich Moslems und Hindus in den Slums der Städte lieferten, mieden sie verständlicherweisen. So viel Vernunft besaßen sie.
Megasthenes, der sich in den Jahren 306 bis 298 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung als griechischer Botschafter in der damaligen indischen Hauptstadt Patiliputra aufhielt, berichtete nicht nur begeistert von der Schönheit der Stadt mit ihren großen Befestigungsanlagen und ihren 64 prächtigen Stadttoren und ihren 570 Türmen, sondern noch begeisterter vom Sozialleben der Stadt, wo die Menschen einander vertrauten, und keine Prozesse wie in Griechenland führen mußten um Pfand, Einlagen und Depositen, in Magadha brauchten die Leute bei ihren Geschäften auch keine Siegel oder Zeugen, da sie alle ehrlich waren. Aus dem gleichen Grund blieben auch Häuser unverschlossen und ohne Wächter. "Wahrheit und Tugend schätzen sie hoch. Alte Leute werden nicht einfach verehrt, bloß weil sie alt sind, wie bei uns, und sie genießen auch keine Vorrechte; nur wer über überragende Weisheit verfügt, wird geachtet und bevorzugt behandelt. Sie benutzen keine Auslänger als Sklaven und natürlich auch nicht ihre eigenen Landsleute."
Die Steuern waren hoch, aber die Dienste des Staates dienten allen. Es gab Mindestlöhne und niemand mußte hungern. Die Kanalisation funktionierte hervorragend, und die Straßen wurden so sauber gehalten, wie vielleicht nie wieder in Indien.
Der chinesische Reisende Ho-hsien berichtete: "Die Leute sind reich und gedeihen. Sie versuchen einander zu übertrumpfen an Freundlichkeit des Herzens und an der Liebe zu ihren Nachbarn."
Zu Asokas humanistischer Politik behörte das Errichten von Krankenhäusern, Herbergen und Schulen, das Graben von Brunnen, das Anpflanzen von Bäumen zu beiden Seiten von Überlandstraßen, der Tierschutz, eine milde Strafgesetzgebung und Almosen für die Armen und die Befreiung der geistig Armen aus dem Joch der Brahmanen; Brahmanismus wurde daher konsequenterweise verboten. Buddhismus dagegen wurde gefördert. Damals war der Buddhismus noch nicht zum Klerikalismus und Bonzentum verkommen.
Asoka schickte buddhistische Missionare nach Westen bis nach Syrien, damit sie ihre Botschaft des Friedens1 predigten. Sie waren nicht erfolgreich genug, denn eines Tages, etwa vier Generationen nach Asokas Tod, kamen Angreifer von Westen und vernichteten die Reste vom Reich der Mauryas, diese Angreifer waren die Skythen.
1 In Sektiererkreisen kursierte die Lehre noch ein paar Jahrhundert; ein gewissen Jesus Christus gehörte von ihr und verlieh ihr neuen Auftrieb.
Da aber war der letzte Maurya schon lange ermordet und Asokas Visionen von Arkadia von gierigen Vize-Königen mit eigenen Visionen (von Macht) zerstört worden, beziehungsweise gevierteilt. Viergeteilt aber hielt das Reich den Angreifern nicht stand.
Lange Zeit hatte man gedacht, das Reich der Mauryas hatte nur einen Vorgänger, nämlich das Reich der Arier, von dem nur die gigantischen Mauern von Rajagriha erhalten geblieben waren.
Doch die Arier waren Eindringlinge. Sie kamen aus Zentralasien und waren unzivilisierte Barbaren gewesen. Sie waren hungrig in eine Kulturlandschaft eindrungen, die Landschaft der Harappakultur, auch dravidische Kultur genannt.
Die Anfänge dieser Kultur lagen weit zurück, Jahrtausende bevor den Mlechhas ihr Heiland geboren wurde.
Große, schöne Städte hatte man damals gehabt, Harappa, Mohenjo Daro, Chanhu Daro, Kot Diji, Kalibanga, Lothal, Suthagen Dor. Glatte, gepflastere Haupt- und Nebenstraßen hatten diese Städte gehabt. Und die Städter lebten in zweistöckigen Ziegelhäusern mit Badezimmern und Kanalisationsanschluß. Die Kanalisation verlief abgedeckt unter der Straße und war nicht wie später einfach die Gosse. Man betrieb Viehzucht und Ackerbau, benutzte Baumwolle für seine Kleidung, hatte Schiffe und Wagen und Zugtiere, bearbeitete nicht nur Bronze und Eisen, sondern sogar Nirosta-Stahl. Die ganze Nation erstreckte sich von den Simla-Bergen bis zur Arabischen See.
Die Schrift dieser Vor-Arier hatte 200 Zeichen. Etwa 100 dieser Zeichen waren fast identisch mit Zeichen, die man auf den spärlichen schriftlichen Dokumenten, die auf der Osterinsel der Vernichtungswut von christlichen Missionaren entkommen waren, gefunden hatte, und selbst auf Japan gab es einige wenige Zeichen dieser Art in Stein gehauen. Einige Menschen sahen darin einen Hinweis auf den untergegangenen Kontinent Muh.
Und die Harappa-Kultur war eine weltliche Kultur gewesen, das größte Gebäude von Mohenjo Daro war weder eine Kirche, ein Tempel oder ein anderes Gotteshaus gewesen, noch eine Pyramide oder ein Palast, sondern ein öffentliches Bad.
Den Bewohnern war also wohl etwas so Vernünftiges wie die Sauberkeit im körperhygienischen Sinne außerordentlich wichtig gewesen. Erst mit der arischen Eroberung wurde Brahmanismus und Religion zu den höchsten Werten der Gesellschaft, und die dunkelhäutige Urbevölkerung zu unberührbarem Aussatz.
Die Arier ließen sich schon damals nicht durch ihre eigene Kulturlosigkeit einschüchtern. Wo ihnen das geistige Niveau fehlte, da machten sie es durch Hochnäsigkeit, Muskelkraft und Geistlichkeit wett. In der ersten Version von "Mein Kampf", der Rig-Veda, erwähnten sie die großen Städte der Dasyus, Rakshasas und Dämonen, und wie sie die Untermenschen sonst noch nannten, und wie mühsam es war, die gut organisierten Staaten dieser schwarzhäutigen Barbaren zu erobern, dieser schmutzigen Feinde der Götter, die doch eigentlich Sklavenmaterial waren, und denen sie später nach der Einnahme ihrer Städte und der Ermordung ihrer Oberschicht und Intelligenzia für Jahrtausende den Judenstern der Unberührbarkeit anhängen sollten. Und die Rakshasas waren für immer böse Buhmänner, die Schlechtigkeit in Person, völlig dämonisiert, Kinderschrecks und auch für Erwachsene, und keiner wußte mehr, wer damit mal gemeint war, auch nicht die Nachkommen der Betroffenen. Daß sie dunkel waren, und damit den Unberührbaren ähnlich, nur soviel wußte man.
Hautfarbe und Rassenreinheit waren schon damals eine Sorge, eine Obsession, ein Anankasmus der Arier. Es sollte sie nie wieder loslassen, weder in Indien, trotz Mahavira, Gautama the Buddha, Asoka oder Akbar oder einer laizistischen Verfassung, noch sonstwo, wo weiße Menschen auftauchten. Immer wurde Rasse und Hautfarbe zum Thema und es wurde erobert und beherrscht und kaputtgemacht, wenn es nicht die eigene Kultur war: Die Heere Alexander des Großen trieben die Ägypter nilaufwärts zurück nach Äthiopien und hellten die Hautfarbe Ägyptens auf.
Der Vater der Geschichtsschreibung1 Herodot, der selbst das alte Ägypten und viele andere Kulturvölker seiner Zeit besucht hatte, schrieb, daß die Bewohner von Ägypten, Sudan, Nubien, Arabien, Palestina, West Asien und Indien alle schwarzhäutige Äthiopier waren.2
1 Cicero nannte ihn so.
2 John G. Jackson beschreibt in seinem gut recherchierten und äußerst lesenswerten Buch "Ages of Gold and Silver" ausführlich die vergessenen bzw. geleugneten kulturellen Leistungen der negroiden Völker.
Ein anderer Fall arischer Kulturbarbarei war die Vertreibung der Mauren aus Spanien. Teile Spaniens waren ihnen Heimat gewesen von 89 bis 870 A. H., Anno Hegirae, bzw. im Jahr der Hedschra, wie sie ihre moslemische Zeit zählten.
Die Mauren, oder auch Mohren genannt, waren negroide Afrikaner, hatten also eine dunkle Hautfarbe, jene dunkle Hautfarbe, die die hellhäutigen Arier mit Schmutz und Minderwertigkeit assozierten.
Es war nicht die erste Vertreibung von Afrikanern aus Spanien. Schon im Neolithikum, der jüngsten Steinzeit, der Zeit der polierten Steine1, hatten die von Afrika herkommenden, nichtindogermanischen Iberer eine blühende Stadtkultur errichtet, z. B. Sagunto am Palancia. Phöniker, Griechen und römische Kolonialisten verdrängten und erdrückten dann diese Kultur; und Hannibal mit seinen Heeren zerstörte dann das römische Saguntum restlos.
3 J. Lubbock nannte das Neolithikum so.
Und Iberia wurde Carthago Nova4. Aber Carthago mußte brennen. Und Carthago Nova wurde zur römischen Provinz Hispania. Später dann war Völkerwanderungszeit. Da kamen die Vandalen und gründeten Vandalusien. Da die Vandalen sich aber einen schlechten Ruf als Kulturbanausen eingeheimst hatten, strichen ihre Nachkommen den Anfangsbuchstaben ihres Namens weg und lebten fortan als Andalusier frei von solchen Anfeindungen im eroberten Gebiet.
Anfeindungen gab es aber schon. Die Hispanoromanen waren Katholiken, die eingewanderten Westgoten Ketzer, arianische Ketzer, die frech behaupteten Jesus sei nicht mit Gott wesensgleich, sondern nur wesensähnlich, ein wenig wesensgleich, aber nicht ganz. (Ein kleines Problem, an dem die große Welt auf Wunsch der Gläubigen einmal zu Grunde gehen sollte.)
Wie so oft bei Auseinandersetzungen: Der Stärkste und Gemeinste gewann, Spanien wurde katholisch. Den westgotischen Königen waren es auch egal, mit welcher Religion sie ihr Volk unmündig hielten. Sie traten selbst zum Stärkeren, zum Katholizismus über. Doch der Starke erwies sich als zu stark. Er wollte nach dem Tod des Westgotenkönigs Witiza dessen Sohn nicht auf den Thron lassen. Da rief seine Familie die Mauren zu Hilfe.
Die Mauren kamen gerne. Sie waren Teil des Großreiches der Omaijaden. Im Osten hatten sie schon das ganze Gebiet bis zum Indus erobert und im Westen waren sie schon bis ans Meer gestoßen, was lag da näher, als jetzt nach Norden vorzustoßen. Die christlichen Kleinkönigreiche in Hispania waren ein Kinderspiel.
Für die Bevölkerung waren die neuen, maurischen Herrscher ein Segen. Sie saugten das Volk nicht wie die christlichen Kleinkönige aus. Das Land erlebte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Universitäten, Badehäuser und viele andere prächtige Bauwerke entstanden, viele zeugten noch lange nach der Vertreibung der Mauren - allen christlichen Lügen und Hollywood-Filmen zum Trotz - vom Können der Mauren. Und die Mauren regierten ihr Reich auch mit Toleranz. Juden, Christen, Wissenschaftler und Forscher konnten nach eigener Façon glücklich werden. Christen vielleicht nicht so sehr, weil zu ihrem Glück die Unterdrückung und geistige Beherrschung anderer gehörte, aber sonst ging es schon im maurischen Spanien.
4 spätere Cartagena
Nach der Reconquista durch katholische Gewaltherrscher brachte man dann die Juden und die zurückgebliebenen Moslems um, zerstörte die Universitäten und Badehäuser.
Die neuen weißen Herren zogen einen sauberen, betenden Blanko-Geist und einen verdreckten Körper einem Bad und der Wissenschaft vor, deshalb errichteten sie statt der Bäder und Universitäten große Gotteshäuser.
Gewaschen wurde sich jetzt nur noch einmal im Leben und zwar gleich nach der Geburt und das auch nur ein bißchen an der Stirn. Wer sich gründlicher wusch, wurde der Ketzerei verdächtigt.
Damals, als im arabischen Kulturgebiet alles blühte, Mathematik, Wissenschaft, Medizin, Literatur, Kunst, Architektur, Musik und Philosophie und die islamische Religion mehr Toleranz und Weltoffenheit zeigte als das Christentum, da haßten die dunklen religiösen Mächte des Abendlandes die Araber und strengten Kreuzzüge gegen sie an; in das sogenannte Heilige Land schickten sie mörderisches Lumpenpack, Lumpenpack, das sie später heilig sprachen - für selbstmörderisches Mordwerk.
Islam hatte im Orient Christentum verdrängt, wie Christentum Heidentum verdrängt hatte.
Der Islam war die Kopfgeburt von Abu al-Qasim Muxammad ibn Abd Allah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim, dieser Mann, Sohn seines Vaters, der wiederum der Sohn seines Vaters war, der wiederum... etc. etc. ad nauseam, vielleicht hatte er in grauer Vorzeit auch mal einen Vorfahr, der der Sohn seiner Mutter war, aber das wurde nicht überliefert, dieser Mann hatte die Idee mit dem Islam, er behauptete von sich, der letzte der Propheten zu sein; Adam war der erste. Seine religiösen Lehren waren durchaus revolutionär und bestachen durch ihre Einfachheit. Man sagte, er sei von Christentum beeinflußt worden. So viel war sicher, aus dem drei Drittel Gott der Christen hatte er einen einzigen Gott gemacht: Allah. Er hatte den Bruch also sozusagen gekürzt. Die Araber waren den christlichen Europäern damals in Mathematik weit überlegen. Die Europäer rechneten damals noch mit den Fingern und benutzen römische Ziffern.
In seinen revolutionären Predigten betonte Mohammad immer wieder Gleichheit, Brüderlichkeit und - das Letzte hatte er nicht ganz hingekriegt - Eroberung; außerdem sprach er noch - er war selbst Kaufmann - von der Bedeutung des Handels und des Wirtschaftens sowie von den Segnungen, die man durch das strikte Beachten von Gebets- und Fastenzeiten und durch Pilgerreisen erfuhr. So hatte er jedem etwas zu bieten, den Unterprivilegierten die Gleichheit, den Räuberischen Stämmen der Wüste die Legitimität, den Kaufleuten das Geschäft, den Mystikern eine Menge an Riten, Zeremonien und symbolischen Handlungen, als da waren die 4 Ss, die vier Säulen des Islam: Schahada: Glaubensbekenntnis "Es gibt keinen Gott außer..."; Salat: fünfmal täglich auf die Knie... beten; Sakat: Almosengeben; Saum: Ramadan-Fasten; dann gab es noch eine fünfte Hauptpflicht: die Hadsch, das Nach-Mekka-Pilgern; die Pflicht zum Dschihad gab es auch noch. Für normale Männer war sicher interessant, daß die Religion ihnen nur einen einzigen Gott, aber vier Frauen erlaubte.
Und mit dem Schwert in der Hand gut gerüstet zogen die neuen Gläubigen in alle Himmelsrichtungen: Und willst du nicht mein moslemischer Bruder sein, dann schlag' ich dir den Schädel ein. Kein Wunder, daß der damals christliche Orient und das ebenfalls christliche Nordafrika so schnell moslemisch wurden, wie sie einmal unter ähnlichen, zum Teil sogar noch brutaleren Umständen christlich geworden waren.
Eigentlich waren diese moslemischen Eroberungen eine weltliche Angelegenheit, und dem Kalifen, von arab. Chalifa = Stellvertreter, Nachfolger (des Propheten), war die Religion eigentlich egal, er brauchte sie nicht einmal zur Verdummung seiner Untertanen, vielleicht wollte er nicht über Idioten herrschen: In Baghdad konnte sich der Dichter El Marri (970-1057) öffentlich über die Religion lustig machen und erklären: "Auf der Welt gibt es nur zwei Klassen von Menschen: intelligente Menschen ohne Religion und religiöse Menschen ohne Intelligenz."1
1 Aus John G. Jacksons "Ages of Gold and Silver" S.257. Jackson gibt noch mehr Beispiele für die Atmosphäre von Toleranz zur Omaijaden Zeit. Da Jackson Atheist und Schwarzer war, und beide, Schwarze sowohl als auch Atheisten, in der Geschichtsschreibung zu kurz kommen, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, in gut recherchierten Werken die kulturellen Leistungen der afrikanischen und farbigen Völker zu beschreiben und an einigen den Weißen liebgeworden Vorstellungen kräftig zu rütteln. Was Atheismus betrifft, so zeigt er dem Leser zum einen, daß da, wo die Religion zurückgedrängt ist, die Kultur, die Wissenschaften, das Geistesleben aufblühen, und zum anderen zeigt er auch, daß Atheismus gar nicht so selten ist, es hat ihn immer und überall gegeben, sogar im Vatikan. Papst Leo X. soll auf seinen Reichtum angesprochen gesagt haben: "Das habe ich alles der Fabel von Jesus Christus zu verdanken." Die Idee mit dem Ablaßhandel ging auf diesen Papst zurück: Jesus und die Heiligen hatten so viele überschüssige Kräfte, jetzt hat sie die Kirche als Thesaurus ecclesiae, als Kirchenschatz, (übrigens immer noch, scheint also noch nicht alle zu sein, wahrscheinlich unermeßlich, wie die Kräfte des Dukatenesels), den sie Stückweise für teures Geld oder auch für weniger, wenn man das teure Geld nicht bezahlen konnte, verkaufte, um sich richtige Gold- und Kunstschätze anzulegen. Leo X. war ein Mäzen der Künste, und wenn er ein Skeptiker war, so war er mehr noch ein Zyniker, der darüber lachte, daß die Seelen aus dem Fegefeuer sprangen. Und wenn er auch wirklich wie wir ein Atheist gewesen sein mochte - diese Art von Atheisten sind häufiger, als manche Gläubige wahrhaben wollen -, weder ich noch John G. Jackson, da bin ich mir sicher, noch andere, die sich um die Befreiung der Menschen vom religiösen Joch bemühen, fühlen sich einem solchen Atheisten verbunden.
Leo X. war übrigens so damit beschäftigt, die Kaiserwahl von Karl V. zu
verhindern, daß er drei kostbare Jahre lang das Treiben eines Mönches, der die Fabel von Jesus Christus noch ernstnahm, ignorierte, was der wiederum nutzte, um mit seiner sogenannten Reformation die weltlichen Tendenzen des damaligen Christentums umzukehren und die Welt in einen neuen christlichen Fundamentalismus zurückzustürzen, der wieder Blut in Strömen fließen ließ.
Aber Blut und menschliches Leiden waren ja nicht wichtig, Gott war...
(Ende der Fußnote)
Und der arabische Historiker Tabari (839-923), Autor eines dreißigbändigen Korankommentars, konnte berichten, daß Aischa, Mohammeds Lieblingsfrau, sich oft scherzhaft über den auffallend guten Willen Gottes geäußert habe, der den Wünschen ihres Mannes immer entgegenkomme, und so seinen Lesern nahelegen, daß die Offenbarungen Gabriels doch wohl eher eine Zwecklüge des Propheten waren.1
1 Informationen zu Tabira und Aischa wurden Peter Priskils Buch "Salman Rushdies - Portrait eines Dichters" entnommen, der sich seinerseits auf einen Artikel der Neuen Züricher Zeitung vom 1. 3. 1989 bezieht.
Aber die meisten Leute wollten glauben, nicht denken und aus Naheliegendem Schlüsse ziehen, von den zwei angebotenen Menschenklassen wählten sie die niedrigere. Die Aufklärung war einer Elite vorbehalten.
Damals aber und für noch gute sieben Jahrhunderte danach brachte man im christlich