Adjuna in India
Was Adjuna in India als erstes tat:
Indische Synonyme für Herumtreiber, Strolche, Stromer, Stadt- und Landstreicher, Tippel-, Penn- und Gammelbrüder, für vagabondierende Banditen und vegetierende Bettler und Blumenkinder, für Hippies und Hobos waren Baba, Yogi, Fakir, Sadhu, Swami, Sanyasin, Muni, Svetambara, weißgekleidet, Digambara, haut- und himmelgekleidet nackt, die den Frauen keine Erlösung versprachen, gottesvergiftet geisteskrank hungrig. Gymnosophisten, die schon Alexander dem Großen auffielen, nackte Philosophen, Asketen, die lieber eine Schlange um ihren Hals hängten als einen warmen Mantel über ihre Schulter. Jünger von Vishnu, Shiva oder Shakta, dem weiblichen Energieprinzip Durga-Kali. Vegetarier, Allesfresser oder Kannibalen wie die Aghouri - und selbst Koprophagen und Koprophile fand unter ihnen viele.
Adjuna, der nie einen richtigen Beruf erlernt hatte und weder die Geduld noch die Bescheidenheit oder Gewissenhaftigkeit eines Handwerkers noch die Geldgier eines Kaufmannes besaß und der eigentlich schon längst vergessen hatte, was er auf dieser Welt überhaupt sollte, oder immer wieder vergaß, fühlte sich sofort zu diesen Leuten hingezogen, streifte seine Hose runter und freute sich, daß sein Rüssel endlich frei herumbaumeln - bimbam - konnte.
Endlich nicht mehr eingeklemmt! Die Unterdrückung des Mannes! Die
Zerdrückung des Männlichen! - Ein Ende!
So stand Adjuna nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte, ach nein, wie seine Mutter Sramania ihn in die Wüste geschissen hatte, nein, auch das nicht, er war ja kein Baby mehr, sondern groß geworden, reif, eine reifer Mann, erwachsen, erwacht und behaart, also so stand er auf der indischen Straße. Die vielen Menschen und Götter des Landes bestaunten seinen gewaltigen Körper. Von den Göttern sagte man ja, daß sie einen sowieso immer ansahen, sogar, daß sie einen nackt sahen, wenn man angezogen war, ja, ihre Augen sollten einen sogar röntgen können. In Indien gab es über 200 Millionen Götter, so viele Menschen konnten einen gar nicht auf einmal ansehen.
Wieder Unterricht in Sachen Religion:
Die indische Götterwelt
Brahma, der Aus-dem-kosmischen-Ei-Geschlüpfte, ist der Schöpfergott, und der Samen der menschlichen Rasse kommt von ihm. Er ist männlich und man verehrt ihn auch als den Gott der Weisheit. Heutzutage trägt er vier Köpfe, ursprünglich hatte er nur einen wie wir Menschen auch.
Nicht nur der fleißige Gott war er, der das Universum schuf mit all den kraterübersäten Planeten und den heißen, wie Schmelztiegel brodelnden Sonnen, sondern auch ein Ästhet und begabter Künstler; er modellierte aus seiner eignen Substanz die Oben-Ohne-Göttin Sarasvati.
Wie alle Männer so war auch er vom weiblichen Geschlecht angezogen, wie allen Männern so faszinierte auch ihn die barbusige Frauensperson, und mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an. Über seinen schamlosen Blick ärgerte sich Sarasvati, und da das All damals noch leer war, so daß es nichts gab, wohinter sie sich hätte verstecken können, floh sie hinter des Gottes Rücken. Da ließ Brahma an seiner Rückseite einen Kopf wachsen. Als sie sich dann rechts neben ihn stellte, sproß ihm an der Seite auch ein Kopf, und als sie zur anderen Seite floh, dort ebenfalls. In ihrer Verzweiflung eilte sie hinauf in den Himmel, aber Brahma wuchs ein fünfter Kopf, der hinaufsah. Dieser fünfte Kopf wurde ihm aber später von Shiva aus Ärger über eine Beleidigung abgeschlagen.
In seinen vier Händen hält Brahma einen Zepter, einen Löffel, eine Perlenkette und die Veden, ein interessantes Buch, in dem er ab und zu mal schmökert. Da er auf dem Schwan reitet, nennt man ihn auch Hamsa-Vâhana, das heißt Schwanenreiter, wegen seiner vier Gesichter auch Chaturmukha, der Vierfratzige, und Prajâpati, da er der Lord aller Kreaturen ist.
Der schrecklichste aller Hindu-Götter aber ist Shiwa, er ist der Zerstörer, er ist der Lord der kosmischen Zeit, er ist Rudra, der wedische Gott von Sturm und Gewitter, er hat fünf Köpfe mit je drei Augen, vier Arme und ein steifes Glied, was auch sein Symbol ist.
Die unermeßliche Kraft Shivas wird in der Phallus-Verehrung gefeiert. Indiens zwölf größte Zentren des Lingam-Kultes sind Somanâtha, Shrisaila, Mahâtâla, Omkâra, Amareshvara, Vaidyanâtha, Rameshvara, Bhîmashankara, Vishveshvara, Triambaka, Gautamesha und Kedarnâtha.
Schlangen tummeln sich auf Shivas Haupt und schmusen und winden sich auch um seinen blauen Hals, außerdem trägt er Girlanden von Totenköpfen, was ihm auch den Namen Kapâlamâlin, der Mit-Schädeln-Geschmückte, einbrachte. Da er Nandi, den kosmischen Bullen, reitet, nennt man ihn auch den Bullenreiter, und wegen der Mondsichel an seiner Stirn, auch Chandrashekhara. Die, die sich von seinem Äußeren abgestoßen fühlen, und die, die von seiner Übermacht allzu eingeschüchtert, beeindruckt, bedrückt sind, nennen ihn Aghora, den Schrecklichen, Scheußliche, Fürchterlichen, Gräßlichen, Entsetzlichen, den Uns-Menschen-Angst-Machenden.
Die Göttin Devi, die die Tochter des Himavats ist, ist Shivas Gemahlin, seine Shakti, sein weiblicher Aspekt, seine feminine Kraft. Soll man sagen, sie leidet an Persönlichkeitsspaltung: Einerseits ist sie edel, großmütig und schön, andererseits grausam, blutlüstern und schrecklich. Ihre sanfte Erscheinung nennt man auch Umâ, Licht, Pârvati, die Den-Bergen-Zugehörige, und Gaurî, die Gelbe; ihr brutales Abbild heißt wegen seines verschlossenen Charakters Durgâ, das heißt die Unzugängliche, sie heißt auch Kâli, die Zeit, und Shyâma, die Dunkle.
In Kalkutta steht ein Tempel, dort nährt man ihren grausamen Aspekt mit Menschenblut. Kâli sitzt dort, schwarz und fett; die rote Zunge rausgestreckt, leckt sie das Blut der Opfer, der Sich-Opfernden, und wer sich nicht opfert, den bekommt sie doch. - O Nimmersatte! O nimmersatte Kâli! O nimmersatte Zeit!
Der dritte im Bund der allmächtigen Götter ist Vishnu, er ist der, der alles erhält, behütet, bewahrt, der die Geschöpfe hegt und pflegt und sicher durch die Zeiten trägt. Er ist ein gutmütiger, hilfsbereiter Gott, den man nicht aus Furcht verehrt, sondern liebt.
Vishnus Gemahlin ist Lakshmi, die Göttin des Glücks, sie ist die Verkörperung aller weiblichen Tugenden. Sie ist sehr schön, ein bißchen voluminös vielleicht und ein bißchen zu sinnlich oder soll man sagen wollüstig. Meistens sitzt oder steht sie in einer Lotusblüte, ihrem Symbol. Wenn sie atmet, hebt und senkt sich ihr gewaltiger Busen verlockend, gierig verlangend, nach Liebe lechzend und nach ihrem Lord, der mal wieder irgendwo im Weltgeschehen am Reparieren, Retten oder Ordnungmachen ist. Ihr Schweiß ist rosa und duftet verführerischer als Frühlingsbluten oder irgendein Parfüm der Menschenwelt, ebenso ihr Liebeswasser, das in Überfluß hervorsprudelt aus der Quelle in der Ritze zwischen ihren Schamlippen. Ihr Sohn heißt Kâma, er ist der Gott der Liebe und der Leidenschaft, er trägt Pfeil und Bogen, der Bogen ist aus Zuckerrohr und seine Pfeile haben Blütenspitzen, er reitet einen Papagei, wenn er nicht gerade mit seiner Gattin beschäftigt ist. Seine Gattin ist Rati, die Göttin der Begierde, eine geilere Version der Lakshmi, eine Tochter Dakshas, der ein Sohn Brahmas ist.
Es gibt drei Welten: die Welt der Devas, welche göttlich sind, der Einfältige sieht nach oben und meint, das blaue Firmanent sei der Götter Heimat, unsere Welt, mit der Erde, der Sonne, den Planeten, allen Systemen und Galaxien, mit Metallen, Pflanzen, Tieren und Menschen, und die Welt der Asuras, welche Anti-Götter sind, gibt es auch; es ist keineswegs die Unterwelt ihre Heimat und schon gar nicht die Hölle, sondern alle drei Welten bestehen gleichzeitig, nicht untereinander, nicht nebeneinander, sondern an gleicher Stelle, - so daß es eigentlich nur eine Welt gibt, und hätte unser kognitiver Apparat einen breiteren Frequenzbereich, könnten wir alle Welten in einer wahrnehmen.
Die Devas sind die moralischeren, und werden allgemein als gut angesehen, und die Asuras als böse, doch das ist ein vorschnelles Urteil, auch die Asuras besitzen Moral, aber sie sind auch grausam, aggressiv und machtbesessen, ihr Streben ist die Herrschaft über die drei Welten. Dagegen wehren sich die Devas. Auf die Art erhalten die Asuras eine schöpferische Spannung in der Welt, die Entwicklung und Fortschritt garantiert. Wäre dem nicht so, würden alle Wesen nur vor sich hin lächeln, anderen Gutes tun wollen und nicht können, da ihnen der Geist und die Fähigkeit dazu fehlten, so würden sie Körner sammeln, sich aber schämen, sie selbst zu essen, würden sie dem Nachbarn schenken und der würde seinerseits auch etwas schenken, und am Ende grinsen sie sich alle an mit weit aufgerissenen, leeren Augen, mampfen Körner und denken: `Wir haben uns lieb.'
Dieses wehleidige, weinerliche Lächeln aller Orts wäre so widerlich wie die weibischen Fratzen der christlichen Missionare, die dieses Land frequent heimsuchen, um die wirren Theorien von ihrem Jammergott und der unbefleckten Empfängnis zum Besten zu geben, diese unendliche Leere der Gesichtsausdrücke und Hirne.
Auch Dummheit ist eine Sünde. Was manch ein Frommer nicht zu wissen scheint.
Welche Armut wäre den Welten beschert, gäbe es nur den Einfluß der Devas, das Gute! Was wäre das Atom ohne seine negative Ladung!
Das Reich der Devas regiert Indra, ein Mann von Weltformat, er regiert mehr oder weniger weise, manchmal steigt ihm die Macht zu Kopf, und dann benimmt er sich entsprechend daneben. Einmal verführte er Ahalyâ, die Frau des Weisen Gautama. Gautama verfluchte ihn dafür, und tausend vulvenartige Narben erschienen auf Indras Körper, weshalb er auch den Namen Sayoni, der Mösenmarkierte, bekam. Später wurden sie dann in Augen verwandelt, daher der Name Sahasrâksha, der Tausendäugige.
Aber Indra ist auch der große Held, der, als das Wasser noch nicht floß und das Licht noch nicht hell war, die tausend Barrieren durchbrach, die Felsen zersprengte, die Höhle öffnete, in der das formlose Urmonster Vrtra hauste und den Himmel, das Wasser und die heiligen Kühe verwahrte. Er teilte das Existierende vom Nicht-Existierenden, das heißt vom Potentiellen, das Obere vom Unteren, das Diesseitige von Jenseitigen, den Himmel und die Erde. Er nahm dem All das uranfängliche Chaos, die Trägheit und die Dunkelheit, er ließ die Elemente sausen und das Elektron um den Kern und die Blitze zucken, die das Leben schufen. Er bescherte den Menschen das Licht, entzündete die Sonnen, die vormals verborgen lagen im Dunkel der Unendlichkeit. Das Licht leuchtet Menschen und Seelen, auf daß sie den Weg finden, der zum Himmel führt. Und er befreite die Kühe, die den Wesen den Nektar des Lebens geben und durch ihr Beispiel Gewaltlosigkeit und Mitgefühl lehren, so daß die Welt kein Kampfplatz aller gegen alle würde. Doch nur wenige verstanden die Lehre, zu wenige. Man schlägt und schlachtet die Kühe, und so auch den Menschen.
Die Sonne der Wahrheit ist der Zustand des Seins, der der Spiegel der kosmischen Ordnung ist, der selbst die Götter gehorchen. Augen sind Sonnen. Denn was wären die Sonnen ohne Augen? Unsichtbare Gebilde, nicht existent. Indras Augen sind Sonnen, der Tausendfachsehende sonnt sich in seiner Weisheit.
Von der Zeit
Obwohl die indische Mythologie eine Zeiteinteilung kennt, die vom kleinsten Partikel materieller Substanz, dem Paramanu, bis zum größten und mächtigsten der Götter reicht und Jahrmilliarden umfaßt, so lautet doch ihr wichtigstes Theorem: Zeit und Raum sind nur Vorurteile unserer Sinne. Die Wahrheit liegt jenseits von ihnen, außerhalb der Welt der Menschen, Manen und Götter.
Der unfaßbare Augenblick der Gegenwart ist eine sansarische Gaukelei aufblitzender Erscheinungen, so schnell verschwunden wie erschienen, eine fragwürdige Existenz zwischen den beiden Nicht-Existenzen Zukunft und Vergangenheit. Unfaßbares, eingeklemmt zwischen zwei Nichts, ist unsere irrende Existenz.
Für die Inder ist das Paramanu die kleinste Ausdehnung des Raumes, und die Zeit, die das Sonnenlicht braucht, um diese Distanz zu überbrücken, ist die kleinste Zeiteinheit.
Die Liebe, die das ganze Universum durchzieht, die Anziehungskraft, die alles Sinnliche regiert, macht auch hier nicht halt, und die Vereinigung der Paramanus schafft das Atom, deren Vereinigung das Molekül schafft, die wiederum in ihrer Vereinigung uns eine sichtbare Welt vortäuschen. Und von Bewußtseinsstufe zu Bewußtseinsstufe vergrößern sich die Zeiteinheiten.
Tag und Nacht sind dem Menschen Arbeits- und Ruhezeit. Doch den auf höherer Ebene existierenden Manen, die sich am Mond orientieren, erscheint der Tag zwei Menschenwochen zu dauern und die Nacht ebenfalls, und den Göttern des Himmels dauert der Tag ein Ayana, das ist die Zeit, die die Sonne auf ihrer südlichen Bahn verbringt, und die Nacht ist ihnen die Zeit des nördlichen Solstitiums. Zwei Ayanas aber sind dem Menschen ein Jahr.
Die Lebenserwartung eines jeden Wesens soll seiner Welt entsprechend hundert Jahre betragen, was heißt, daß auch die Götter des Himmels nach 36 500 Jahren sterben.
Doch auf dem goldenen Berg Meru, der hoch über den drei Welten thront und die Narbe des großen Rades des Daseins ist, von wo das All seinen Ausgang nahm und wo es wieder sein Ende finden wird, doch nur um von neuem auszubrechen, - rhythmisches Entzücken, taumelnder Tanz Shivas, unendliches Pulsieren, - dort, wo die erhabensten Übergötter residieren, hat die Zeit für uns unerfaßbare Dimensionen angenommen.
Das Kalpa, ein Schöpfungstag Brahmas, in dem sich Brahma zum Universum ausdehnt, erstreckt, entfaltet, entspricht indischen Berechnungen zufolge unter Berücksichtigung aller Relativitäten 4 320 000 000 Menschenjahre, gleich lang ist das Pralaya, die Nacht, in dem, alles auflösend, Brahma seine Schöpfung, das heißt sich selbst, wieder zurückzieht.
Jedes Kalpa ist in tausend Zyklen von je vier Yugas unterteilt, jeder dieser Zyklen dauert den tausendsten Teil eines Tages im Leben Brahmas, also 4 320 000 Menschenjahre. Die Yugas nennen sich Satya-, Treta-, Dwapara- und Kaliyuga.
Die Satya-Yuga dauert 1 728 000 Jahre, es ist die Zeit der Tugend, in der das Böse unbekannt ist. Es gibt nur eine Kaste: Hamsa und nur ein Ziel: Wahrheit. Die Bewohner dieser Zeit leben 4 000 Jahre und sexuelle Vereinigung ist unbekannt; Nachkommen werden durch reine Willenskraft gezeugt und ohne blutigen Umweg pur und rein und in ganzer Herrlichkeit in die Welt gesetzt.
Die Treta-Yuga dauert 1 296 000 Jahre und kennt nur ein Ziel: Wissen. Der Einfluß der Tugend ist um ein Viertel gesunken. Die durchschnittliche Lebenserwartung in dieser Zeit 3 000 Jahre, bloße Berührung schafft Nachkommenschaft.
Die Dwapara-Yuga, wo der Einfluß der Tugend auf die Hälfte geschrumpft ist, dauert 864 000 Jahre, die einzelnen Individuen leben bis zu 2 000 Jahren, Kinder sind die Folge der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau. Es war gegen Ende dieser Yuga, daß die Mahabharata-Familie die Waffen erhob und sich gegenseitig niedermetzelte und das ganze glorreiche Geschlecht der Kshatriya-Kaste mit sich riß. Nie wieder erreichten Menschen die Größe und Herrlichkeit dieser Helden, obwohl viele Jahrtausende später, als die Welt der Menschen einem Ameisenhaufen glich, eine kollektive Anstrengung aller fast etwas ähnlich Großes vor dem Untergang aufflackern ließ.
Die gegenwärtige Yuga ist die schwarze Zeit, die Kali-Yuga, die letzte Zeit vor der Zerstörung und Neuschöpfung; sie dauert nur 432 000 Jahre, das Böse dominiert die Welt und die Gedanken, das Leben ist eine unsichere Sache, man weiß nicht, wie lange man lebt, aber nur kurz, wer hundert Jahre erreicht, kann sich glücklich schätzen. Kinder sind das Produkt unnatürlicher und perverser Ausschweifungen; Mord, Lust und Geilheit durchziehen das tägliche Leben, beherrschen Politik und Religion; Heuchlern und Verbrechern tut man Ehre an; das Ziel der Zeit in den Hirnen der Bewohner heißt: Gold, Macht, Sex. Und was die Götter damit bewirken wollen, verraten sie uns nicht.
Und so ist Brahma auch nur ein treuer
Handwerksmann, der tagtäglich die drei Welten aus sich heraus
neu schafft, in denen die Götter, Manen, Menschen und alle
subhumanen Wesen ihrem Karma entsprechend wieder und wieder
geboren werden. Doch selbst Brahma der Schöpfer wird nach
hundert arbeitsreichen Jahren sterben und mit sich reißen alle
kreierten Welten, aufgesogen vom ewigen, alles umarmenden Lord,
über den die allmächtige Zeit machtlos ist. Denn es sind nur
die sinnlichen Wesen innerhalb der Schöpfung, seien's Götter,
Manen, Menschen oder Würmer, die den Beschränkungen von Zeit
und Raum unterliegen, außerhalb dieser Illusion aber ist man
frei; jenseits des Berges Meru, dessen Equivalent im Menschen die
Wirbelsäule ist, liegt das Land der Zeit- und Raumlosigkeit,
formlose Wirklichkeit.
Impressionen Kalkutta
Der junge Bettler hatte sich einen neuen Heulton ausgedacht, der besonderes Mitleid erregte; ihn unterrrichtete er jetzt für ein paar Paisa den anderen Bettlern, und bald war überall dieser neue Ton zu hören.
Wie einst ihre Eltern oder Großeltern in Kraft-durch-Freude-Bussen durch das Warschauer Getto fuhren und verachtend von den Hungernden dachten, so fuhren die jungen Deutschen jetzt durch Indien und glotzten Verhungernde an. In Kalkutta gab es besonders viel zu glotzen.
Mahatma Gandhi sagte mal, die größte Gewalt, die man einem Menschen antun konnte, war der Hunger. In Kalkutta waren viele hungrig. Viele hungerten nach einer Hand voll Reis, aber am hungrigsten war die schwarze Göttin Kâli.
Wie hungrig war sie und wie kam sie nach Kalkutta? Hätte sie nicht in einer reicheren Stadt fressen können?
Shiva hatte mehrere Frauen oder eine Frau mit mehreren Aspekten, was vielleicht mehr oder weniger das Gleiche war oder auch nicht, es war ganz sicher das Gleiche, wenn man behauptete, es gäbe auf der Welt nur eine Frau, und all die verschiedenen weiblichen Wesen, die auf der Erbe herumliefen, waren nur verschiedene Ausdrücke, Aspekte, Erscheinungsformen dieser einen Frau. Eine solche Interpretation hätte die Monogamie der Menschen außerordentlich erleichtert.
Auf jeden Fall fand Shiva, als er eines Tage erschöpft von der Arbeit nach Hause kam - es war vor langer, langer Zeit, als die Menschen noch nicht arbeiteten, sondern nur ernteten und sammelten, und die Götter allein ackerten und säten -, seine Frau Kâli oder diesen einen Aspekt seiner Frau tot auf dem Fußboden, was für den Gott die Läufer, Ausläufer am Fuße des Himalayas waren. Kein Abendessen und dann so ein Trauerfall. Der Gott geriet ins Delirium.
Ein Delirium oder ein sogenanntes delirantes Syndrom brachten immer eine schwere Bewußtseinstrübung mit sich, Wahnvorstellungen, Erregung, Verwirrtheit, Desorientiertheit. Delirien entstanden bei Fieber, schweren Krankheiten, Hirnhautentzündungen, akuten Vergiftungen, Drogen oder bei schwerem Suff, das häufige Alkoholdelir, der Rausch, aber es gab auch ein Alkoholabstinenzdelir bei Säufern, und so gab es auch bei Essern ein Hungerdelirium, wenn sie längere Zeit nicht gegessen hatten.
Ein Delirium war gefährlich, Herz- und Kreislaufversagen, und die Fehltritte, die man im Delirium tat.
Auch Shiva tat im Delirium nicht das Nächstliegendste, nämlich den Leichnam der Göttin der Zerstörung auf schnellstem Wege in eine der einundzwanzig Etagen der Hölle zu befördern, sondern hob den Leichnam auf seinen Kopf und fing an zu tanzen. Er tanzte einen ekstatischen Tanz, den Tanz des Todes. Dabei trampelte er auf dem Erdboden soviel kaputt, daß die Geschöpfe der Sansara sich große Sorgen machten und zu Vishnu, dem Bewahrer des Weltalls gingen, und
ihn baten, etwas zu tun.
Vishnu tat etwas. Er erhob seinen Zeigefinger. Um seinen Zeigefinger kreiste seine Waffen, der Diskus Sudarshan Chakra. Diese Waffe war zwar ganz rund wie ein Fingerring, bloß größer, daß sie nie den Finger berührte, aber trotz ihrer Rundheit kehrte sie wie die Wurfhölzer der australischen Urbevölkerung zu ihrem Werfer zurück. Um die Sudarshan Chakra zu werfen, brauchte Vishnu nur den Finger zu heben, dann hob die Waffe auch schon von selbst ab.
Die Bittsteller sahen erstaunt die Waffe davon fliegen. Viele hofften, sie würde den Gott der Zerstörung entgültig zerstören.
Die Waffe tötete aber niemanden. Der Gott Vishnu war ja ein Gott der Erhaltung, er würde selbst den Tod erhalten und die Zerstörung. Alles, was seine Waffe tat, war, eine Leiche verstückeln, die Leiche auf Shivas Kopf, Kâlis Leiche.
Leichenstücke flogen über das ganze Land. Kleine, kleine Stücke, viele, viele.
Das brachte für die Menschen neue Probleme mit sich. Denn nicht nur verloren tote Gottheiten ihre Macht nie, jedes ihrer Leichenteile, auch das kleinste Stück, mußte noch, wenn es auf die Erde fiel, dort wo es landete, verehrt werden. Kâlis kleiner Finger landete am Hoogly Arm des Ganges im jetzigen Kalkutta, ihre Fotze flog irgendwo nach Mittelindien. Überall errichtete man Tempel. Aber eigenartigerweise wurde Kâli nirgends so itensiv verehrt wie in Kalkutta.
Vishnus Sudarshan Chakra kehrte nach der Leichenfledderei pflichtgemäß zu ihrem Besitzer zurück. Shiva ernüchtete, als er von der Last der Leiche entlastet war, von seiner manischen Depression. Die Welt war wieder heil.
Dort, wo der kleine Finger der Göttin gelandet war, hauste sie jetzt in einer schwarzen Statue und hatte unheimlichen Appetit, Hunger und Durst. Täglich wurden ihr Tiere geopfert.
Aber es gab einmal eine tantrische Sekte, die wußte, was die Göttin eigentlich wollte, war Menschenfleisch. Gäbe man ihr Menschenfleisch, würde sie den Spender mit übermächtigen Kräften belohnen. Dreizehn Menschen sollte man möglichst spenden, davon sollte mindestens die letzte eine fett gemästete Jungfrau sein, die gerade erst das erste Mal menstruierte. Nach einem solchen Menschenmahl mit Jungfrau als Nachtisch würde die Göttin einen physisch und psychisch unbezwingbar machen, außer es hätte jemand noch mächtigere Mantras auf Lager, fanatischer geopfert und gemurmelt.
Die Touristenbusse fuhren auch zum
Kâli-Tempel. Ein fasziniender Greuel wie vor KZs und Gaskammern
durchfuhr die gierige Meute. Man gackerte nervös und knipste.
"Schade, daß keine Jungfrauen mehr geopfert wurden." -
"Sind doch Idioten, diese Inder", meinte eine
christliche Gesinnte.
Indien war ein so extremes Land, extremer als andere Länder der Welt. Alle Extremitäten Indiens fand man in der restlichen Welt nur verdünnt oder abgeschwächt vor.
Der Brahmane Masuriya Din hatte einen Schnurrbart von über zwei Meter fünfzig, und Swami Pandarasannadhis verfilzte Haare waren fast acht Meter lang, Bhima war bartlos, einige rasierten sich den Kopf kahl, andere hatten eine natürliche Glatze, Shridhar Chillals Daumennagel erreichte eine Länge von einem Meter, nervöse Leute fraßen auch in Indien ihre Fingernägel ab, Mrs. Shakuntala Devi multiplizierte zwei willkürliche, dreizehnstellige Zahlen in achtundzwanzig Sekunden richtig miteinander, viele hatten nicht einmal das kleine Einmaleins gelernt.
Das Land steckte voller Prüderie, aber kannte eine Kâmâsûtra mit Streichel- und Stellungsanleitungen für Sex, und stellte seine männlichen Götter als fickende Statuen dar, die Götter fickten dann meist ihren eigenen weiblichen Aspekt, und in Khajuraho gab es fickende, schwanzleckende und analverkehrende Skulpturen.
Aber natürlich, wo Sex ein Tabu war, wurde Sex überbewertet und steckte in allem, selbst in den Dingen, die nicht sexy waren, wie diese Anleitung zum Großer-Poet-Werden aus einem alten, sanskritischen Tantratext bewies: "Man nehme an einem Dienstag um Mitternacht ein einzelnes Schamhaar seiner Partnerin, zupfe es an der Wurzel aus, befeuchte es mit Samen aus dem eigenen Penis, tauche es dann in die menstruierende Vagina der Partnerin, danach opfere man das Haar der Göttin Kâli auf einem Kremationsplatz, dann wird man ein großer Poet werden und wie ein reicher Râja hoch auf Elefantenrücken reisen."1
Der Grund, daß Indien so wenig große Poeten hervorbrachte, die auf Elefantenrücken reisten, war darin zu finden, daß es für indische Frauen Tabu war, ihren Männern während der Tage die blutverschmierte Muschi zu zeigen. In Deutschland gab es solche Poeten natürlich überhaupt nicht, weil dort bisher niemand diesen Trick kannte.
1 Aus `The Art
of Tantra' von Philip Rawson; meine eigene Übersetzung, der
Originaltext war etwas feierlicher und weniger rezeptähnlich.
Die indische Geschichte war voller Kriege, kriegerischer als die Geschichte vieler anderer Völker. Im Kastensystem gab es extra eine Kriegerkaste, deren Aufgabe das Waffenhandwerk war und das Erwerben von möglichst viel weltlicher Macht, und viele große Krieger wurden vom Volke verehrte. Gleichzeitig gab es aber die Idee der Gewaltlosigkeit, Ahimsa. Mahatma Gandhi hatte sie im Kampfe gegen die britische Koloninalherrschaft erfolgreich angewandt. Böse Zungen oder ehrliche behaupteten allerdings, hätten die Inder gewalttätig auf die Briten eingeschlagen, wären die schon ein paar Jahrzehnte früher abgehauen, und Indien unabhängig geworden. Und gegen einen Hitler oder Dschinghis Khan hätte Ahimsa sowieso nicht gesiegt, und auch der indische Tiger hätte Gandhi gefressen, ohne Rücksicht darauf, daß er fastete oder Frieden predigte. Die Briten hatten trotz Kolonialherrschaft so etwas wie eine humanistische Tradition und ein naszierendes Rechtsempfinden. Unter ebenso günstigen Bedingungen operierte später Gandhis Nachfolger Martin Luther King in den USA. Wären alle Weißen Klansmänner gewesen, hätte auch er keine Chance gehabt.
Trotz aller kriegerischen Tradition und Gewalt gegen Unberührbare und Unterkastler kannte der Hinduismus also auch eine Tradition der Gewaltlosigkeit, nicht so sehr gegenüber Menschen, viel mehr gegenüber Tieren, daher die vielen Vegetarier.
Die Gewaltlosigkeit auf die Spitze trieben die Jainieten. Der Jainismus war eine Protestbewegung gegen Ritualismus, Klerikalismus und Bonzentum im Hinduismus und ging auf den Jina oder Sieger Vardhamana Mahavira1 zurück. Mahaviras Lebenslauf entsprach in fast allen Punkten, dem von Gautama dem Buddha. Also, er war in ein Kriegergeschlecht hineingeboren worden, hatte in Luxus gelebt, hatte dann seine Familie verlassen und geistliche Wahrheit und Erfüllung gesucht, indem er fastete und sich allen weltlichen Dingen entsagte.
1 Laut `The 100 - A Ranking of the Most Influential Persons in History' von Michael H. Hart lebte er von 599 bis 527 v. u. Zeitrechnung, laut Meyers Taschenlexikon starb er 447 v. Chr.
Solange er dem Parsvanatha-Orden angehörte, trug er ein weißes Tuch. Aber Parsva war nur der vorletzte von vierundzwanzig Tirthankaras, Furtbereitern; er, Vardhamana Mahavira, war der letzte, er ließ die letzte Hülle fallen und als Himmelgekleideter ging er fortan seinen Weg auf der Suche nach Wahrheit. Damals waren die Inder noch nicht so daran gewöhnt, nackte, heilige Männer zu sehen, und Mahavira mußte viel Spott, Spucke und Schläge auf seiner Wanderung einstecken. Er ertrug sie geduldig.
Als er sich auch noch vorsah, keinem Tier, auch nicht den kleinsten Flöhen oder den lästigen Mücken zu schaden, erntete er noch mehr Unverständnis bei der Bevölkerung. Und als er mal wieder in Meditation saß, schlugen sie ihm Nägel in den Kopf, verbrannten seine Füße und drehten ihm das Genick um. Mahavira ließ sich aber davon nicht irritieren. Er meditierte - martyrisierte sich weiter und vertierte dabei immer mehr und odorisierte immer unangenehmer. Den Stinker, also den Anus und die Analfalte, mal abzuwischen, war für ihn ein Sakrileg, wegen der vielen kleinen Würmer, die sich da bei ihm tummelten.
Als Adjuna ins indische Land kam, mehr als zweieinhalb Jahrtausende später, hatte sich die Bevölkerung schon längst an nackte, schmutzige Asketen gewöhnt, an Asketen wohl gemerkt, sie mußten in Askese leben; und selbst ein Vorhängeschloß durch den Penis getrieben zum Symbol der Keuschheit, erregte die Gemüter nicht, aber Adjunas nahezu permanente Gliedsteife war ein ständiger Anlaß zu Ärgernis, dazu war er noch sauber, achtete auf körperliche Hygiene (von hygies = gesund, munter), wusch sich, so daß nicht eine einzige Ader seines erigierten Gliedes unter Schmutz verborgen war; und wenn Adjuna nicht immer wieder kräftig mit seinem Boden Gandiva auf die Spießer eingeschlagen hätte, wer weiß, was ihm dann alles passiert wäre.
Aber zurück zu Mahavira mit seinem brav nach unten hängendem Glied, er bekam also, während die Leute ihn mit Nägeln und Feuer traktierten, die Idee, daß es eine Sünde war, anderen Lebewesen zu schaden oder deren Leben zu nehmen. Die absolute Gewaltlosigkeit predigte er. Und es gab Leute, die ihm zuhörten.
Man sollte aufpassen, daß man, wenn man einen Schritt tat, nicht auf ein Würmchen oder anderes Tierchen trat, daß man beim Essen keine Milben oder ähnliches verschlang, man sollte also möglichst bei Helligkeit essen.
Und es gab Leute, die seinen Lehren folgeleisteten, und auf ihren Wegen fortan auf Würmchen Ausschau hielten.
Fleischkonsum war tabu, aber auch Gemüse besaß die Lebenskraft Jiva, war also ein Lebewesen und Gemüseverzehr daher Mord, wenn auch nur ein kleiner Mord. Denn der weise Mahavira wußte, Pflanzen hatten die Jivazahl eins, Würmer schon das doppelte, nämlich die Jivazahl zwei, Ameisen drei, die anderen Insekten sogar vier, alle anderen Tiere, also Fische, Vögel, Hühner, Eidechsen, Schlangen, Schildkröten, sämtliche Säugetiere, wozu ja auch der Mensch zählte, hatten die höchste Jivazahl, nämlich fünf.
Man befand sich also in einem Dilemma, da der Mensch kein Blattgrün besaß, das ihn zur Photosynthese befähigte. Was sollte man essen? Ein Kompromiß wurde gefunden, bevor man verhungerte: Nur soviel essen, wie eben nötig. Nicht in Kalorien, sondern in Jivazahl.
Landwirtschaft war seinen Anhängern verboten, weil sie beim Pflügen im Erdboden Leben zerstören würden. Knollen, Karotten und andere Wurzeln durfte man nicht essen, weil beim Ausziehen aus dem Boden kleine Lebewesen zu Schaden kommen konnten. Feuer durfte man nicht im Dunkeln machen, weil die Motten hineinflogen, man also deren Selbstmord verschuldete. Töpfe durfte man nur auf den Boden stellen, wenn man sich vergewissert hatte, daß an der Stelle kein Ungeziefer herumkrabbelte. Da wie gesagt auch Pflanzen Leben besaßen, konnte man sie auch nicht essen, ohne sich schuldig zu machen. Was blieb, außer zu verhungern (das Beste) und Selbstmord? Früchte, Körner und Getreide und ein bißchen Gemüse mit Schuldgefühlen.
Jedes Lebewesen, so ging die Lehre, hatte Jiva, die Lebenssubstanz, jedes nach seiner Art, die durch die zahllosen Existenzen in dem Rad von Geburt und Tod gedreht wurde, und nur durch die extreme Form von Ahimsa, die der Jainismus verlangte, konnte man diesem Elend von Dasein im Diesseits entkommen, deshalb war all diese Gewalt gegen einen selbst nötig, diese Selbstquälerei und Verleugnung der eigenen Wünsche. Das Dasein wurde ein wirkliches Elend, das man nicht noch einmal durchmachen wollte. Viele heilige Männer hungerten sich im Alter (warum erst dann?) zu Tode. Wer verhungerte, schadete keinem anderen Lebewesen. Später wurde der Tod durch Immunschwäche, eine noch größere Tugend, da dann die eigenen Phagozyten keine Bakterien und anderen Mikroorganismen mehr fraßen.
Bakterien waren die Dreiachtelstarken unter den Lebewesen, moderne Digambaras gaben ihnen nach langer, innerer Einsicht und ausführlicher Rechnerei diese Jivazahl.
Alexander Fleming hatte das Leben vieler Staphylokokken auf dem Gewissen. Er war das Gegenteil von Mahavira und anderen Heiligen und Heilsbringern.
Obwohl die Jainieten weder Ackerbau, noch Viehzucht, weder Fischfang, noch die Jagd betrieben und auch kein Handwerk ausübten, waren keineswegs alle Nieten, was Erfolg in der menschlichen Gesellschaft betraf, im Gegenteil, viele waren erfolgreich, nämlich als Händler, Geldverleiher, Geschäftsleute, Industriebosse, oder wo sonst immer das große Geld winkte. Solange sie nicht unmittelbar selbst den anderen Lebewesen schadeten, war es für sie keine Sünde, ein Schädling zu sein. Wenn ihre Fabriken die Umwelt verschmutzten, die Kinder der Arbeiterschaft wegen der knauserigen Löhne verhungerten oder durch ihre Halsabschneidereien Vertragspartner verarmten, so ging das nicht auf ihr Konto zur Erlösung. Und auch wenn der Mann, der für sie den Weg freifegte von Ungeziefer, einem Erdwurm wehtat, so hatte der Mann dafür zu büßen, vielleicht mit einer Geburt als Erdwurm, aber nicht sie selbst, so war ihre feste Überzeugung.
Unter den Menschen war es immer so: Ein Weiser hatte eine Idee, zum Beispiel, nackt herumzulaufen und nicht auf Würmer zu treten, fand eine Gefolgschaft, die Gefolgschaft wurde größer und größer, und bald war sie groß genug, um neue weise Leute hervorzubringen, meist gleich mehrere, deren Weisheit sich nicht mit der Weisheit der anderen vertrug, so daß sich die Gefolgschaft spaltete. So war es auch bei den Jainieten.
Die einen waren Anhänger des Mönchordens der Shvatambaras, also der Weißgekleideten, sie waren für ein Leinentuch um die Lenden, wie es Mahavira zuerst getragen hatte, die anderen, die Digamharas, oder Luftgekleideteten, waren für Nacktheit wie Mahavira in seinen letzten Tagen.
Nun gab es in Nagpur eine große Statue von Parsva, Mahaviras Guru und dreiundzwanzigster Wegbereiter. War sie ursprünglich nackt oder trug sie einen Lendenschutz? Das wußte keiner mehr. Die Shvatambaras kleisterten der Statue immer wieder den Schwanz zu, und die Digambaras meißelten es immer wieder ab, nebenbei schlug man sich gegenseitig die Köpfe ein. Die indische Regierung konnte die beiden Haßgruppen nur mit Polizeigewalt und Ausgangssperre auseinander halten und so ein größeres Blutvergießen verhindern.
Ach ja, und dann gab es da noch den kleinen Jungen, der wie Mahavira auf die Idee kam, daß, wenn man Fleisch aß, man für den Tod eines Tieres verantwortlich war, so daß er sich fortan weigerte, Fleisch zu essen. Als man ihm dann andeutete, daß auch Pflanzen Leben besaßen, weigerte er sich auch noch standhaft, Gemüse zu essen. Schließlich machten sich seine Eltern so große Sorgen wegen seiner Gesundheit, daß sie versuchten, ihn zu zwingen, wieder normal zu essen, da wurde er wütend, und bedrohte seine Eltern mit dem Messer.1
1 Diesen
tatsächlich passierten Fall schilderte die Kolumnistin Jean
Pearce in der `Japan Times'.
Es war so schwer, Menschen zu lieben. Menschen widersprachen, Tiere
bissen höchstens mal zu.
Und Tierfreunde vergaßen all zu leicht, daß auch Menschen Tiere waren.
Und Menschen, die sich auch noch um die Schmerzen der Pflanzen sorgten, hatten für die Schmerzen der Menschen den Blick verloren.
Die Bauchschmerzen eines einzelnen Mitmenschen hätten einen Menschen mehr sorgen sollen als das Leben von Hunderten von Anis-, Arnika-, Dill-, Fenchel-, Kamille-, Schafgarben-, Tausendgülden- oder - welche Heilkräuter auch immer helfen mochten.
Selbst die heiligen Kühe fraßen ihr Gras ohne
schlechtes Gewissen und die waren heilig. Warum sollte denn da
nicht der Mensch, der nicht heilig, sondern immer gewissenlos
war, nicht essen, was ihm schmeckte?
Am Affenberg
Komm, gehen wir auf den Affenberg und füttern wir die Affen! Und an halbverhungerten Bettlern ging es vorbei, eine prächtige Treppe hoch... Nein, sie führte nicht zu den Affen, sondern zu einem Tempel, zu einem Tempel der Götter des Himmels. Die Affen, Hanuman-Languren, Verwandte des Windgottes, ignorant ihrer göttlichen Verwandtschaft und gleichgültig den hinduistischen Göttern, die hier verehrt wurden, gegenüber, sie hingen und tobten zu beiden Seiten der Treppe, und für die ausländischen Touristen, denen die heidnischen Götter genauso egal waren, waren diese Affen eigentlich die Hauptattraktion, denn sie waren fast zahm und sooo süß, wenn sie an den Taschen zerrten oder mit ihren kleinen Händchen eine geschlossene Menschenhand aufpuhlten in der Hoffnung, etwas Eßbares darin zu finden, am süßesten aber waren sie, wenn sie in der Art der Bettler ihre Handflächen zusammenlegten und bettelten. Und während die Einheimischen mit Butter beladen, mit der sie die Lingams und Yonis der Tempelnischen bestreichen wollten, sowie mit Reis und Leckereien, die sie davor opfern wollten, die Treppe hochstampften, stürzten die Touristen, soweit sie kein Futter für die Affen mitgebracht hatten, wieder die Treppen hinunter, vorbei an den hungernden Menschen mit den schmutzigen Gesichtern und deren häßlichen Kindern mit den aufgeblähten Bäuchen, und kauften am Stand eilig Erdnüsse für die Affen. Dann liefen sie schleunigst wieder zurück, das Almosen-Gestammel der Hungernden nicht hörend, nicht hören wollend, beflissentlich weghörend. Sie liefen keuchend die Treppen hinauf, ihre teuren Kameras und die schweren Objektive, Teleobjektive, Zoomobjektive, Weitwinkelobjektive und Superweitwinkelobjektive, sogenannte Fischaugen, sprangen auf ihren Bäuchen.
Die Affen erwarteten sie schon. Warf man ihnen eine Nuß hin, riß der stärkste Affe sie an sich, und warf man die Nuß einem schwachen Affen vor die Füße, so kam der stärkste Affe angestürmt und jagte ihn weg, besaß der schwache Affe die Frechheit, die Nuß behalten zu wollen, setzte es Prügel, bis er sie fallen ließ.
Die Affen sind doch wirklich wie Menschen. Wer hat nur den Ausdruck von der Affenliebe geprägt? Bestimmt jemand, der einen Affen hatte. Ich glaub', ich kauf' mir auch einen Affen, bevor mich noch ein Mensch laust oder gar kratzt.
Und so kam es, daß, während die Götter ihre Geschlechtsteile mit Butter beschmiert bekamen und die geopferten Speisen unberührt ließen und die Touristen aus den Wohlstandsländern Affen mästeten und die Hungrigen hungrig blieben, Adjuna in die Kneipe ging und sich von seinem letzten Großschen einen Rausch antrank.
Und wenn du zu den Hungrigen gehörst, beklage dich nicht, du würdest genauso menschlich handeln oder äffisch, was das Gleiche ist.
Indien war so extrem, und das betraf alles. Es gab wohl keine Extremität, die Indien ausließ. Was man nicht in Indien fand, fand man auch woanders nicht. Aber was man woanders fand, fand man auch in Indien. Und diese Aussage war genauso wahr wie die stolze Behauptung der Inder, daß das große Epos ihrer heroischen Vorzeit, das Mahâbhârata, das dieser Vita Adjuna vorausging, alles enthielte, was man auf der Welt vorfände.
Neben der extremen Ungerechtigkeit in der indischen Gesellschaft, war der extreme Unterschied von dumm und schlau am offensichtlichsten. Und selbst Ausländer hatten Anteil an diesem X-tremismus, durften --- durften haben.
Viele reiche Inder zahlten für eine Dienerschaft, meist sehr knauserig, die sie umschmeichelte und ihnen völlig ergeben war. Einige junge Leute aus dem Westen, die sich etwas Geld gespart hatten, zahlten einem Guru, meist fürstlich, dafür, daß sie ihm ergeben sein durften und seine Füße küssen konnten. Extremere Fälle tranken sogar den Urin ihres Gurus.1
Als Adjuna, der ja seinen letzten Groschen
versoffen hatte, einmal eine Bleibe für die Nacht suchte, fiel
ihm eine Parkanlage mit dicht bei einander stehenden Bäumen
hinter einer hohen Mauer auf. Schnell schwang er sich hinüber,
weil er dachte, da unter den Bäumen eine ruhige und ungestörte
Nacht zu verbringen.
1 Aus Margaret Bhatty "An Atheist Reports from India" (1987, American Atheist Press, Austin, Texas) S.86: "Gib Deinem Guru die Ehre, die Du einem Gott schuldig bist", riet Swami Lotus-Fuß, der Begründer des Hare-Krishna-Kultes. Die Verehrungsrituale sind die gleichen, wie für Götter. Inzens wird vor ihnen geräuchert, die Verehrer fallen flach auf die Visage und stellen Opfergabe zu Füßen des Gurus. Sie trinken das Wasser, in dem der Guru seine Füße gewaschen hat - charan-amrit - Fußambrosia! Nur ein kleines Bißchen fantasievoller als das Bespeicheln von des Papstes dicker Zehe. Einige Gläubige gehen sogar noch ein Stück weiter und essen As-prasad (heiliges Futter), den von ihrem Guru durchgekauten und ausgespuckten Betelnußbissen (Betelbissen: in Indien eine Sucht wie das Rauchen). Wahrscheinlich auf gleicher Ebene wie der kannibalistische Symbolismus des Abendmahls, wo man seines Gottes Fleisch einnimmt - für sympathetischen Zauber.
Gita Mehta berichtet in ihrem Buch "Karma Kola", New York: Simon & Schuster (Touchstone Books), 1981, von einem britischen Aristokraten, der einen Gottesmann im Innern Andhra Pradesh aufgesucht hatte. Dieser Guru war nicht nur berühmt dafür, daß er Erleuchtung erlangt hatte, sondern auch dafür, daß sein Pipi sich in duftendes Rosenwasser verwandelte.
Als ausländischer Aristokrat erhielt er einen Ehrenplatz vor dem Toilettenzelt des Gottesmannes, wo der sich von seiner ersten morgendlichen Mirakel-Mikturation befreite. Zu seiner Verwunderung drängte die Menge der Verehrer ihn vorwärts, und der Guru selbst streckte seine Hand heraus und bat ihn herein.
In dem Zelt deutete der Guru dem Engländer an, daß er ihm die Ehre gebe, die Schüssel mit dem Urin hinaus zu den Gläubigen zu tragen.
Das warme Gefäß wurde ihm in die Hand gegeben, er schnüffelte ein Bißchen daran. "Es roch wie normaler Urin", bemerkte der Aristokrat später.
Die Gläubigen jubelten ihm zu, als er aus dem Zelt herauskam, und machten ihm dringliche Zeichen, unterstützt von des Gurus Assistenten. Bald wurde ihm klar, daß ihm, dem Englishman, - "in einer Geste nie dagewesender Großmütigkeit" - erlaubt wurde, den ganzen Inhalt des Gefäßes allein auszutrinken. "Es schmeckte bemerkenswert wie normaler Urin", bemerkte der britische Aristokrat später. (Ende des Zitats aus Margaret Bhattys Artikel)
Und ich, Holger Hermann Haupt, stelle fest, daß der Aristokrat für ein Mitglied der Nobilität eine bemerkenswerte Ahnungslosigkeit an den Tag legte. Gerade als Adliger hätte er wissen müssen, daß Religion und Hokuspokus nur Tricks sind für das dumme Volk. Seine Vorfahren haben sich mit so was Generationen lang oben gehalten, bzw. andere unten.
Hätten seine Eltern ihm das nicht besser erklären können?
(Ende der Fußnote)
Es stellte sich heraus, daß es sich bei der Parkanlage um einen christlichen Friedhof handelte. Das machte aber nichts, da die Toten tot waren und Gespenster nur in Märchen eine Rolle spielten.
Er legte sich hin. Er lag noch nicht lange, da nahm er eine wandelnde Gestalt wahr.
"Heh, du da, komm mal her", sagte Adjuna zu der Gestalt. Und die Gestalt kam auf ihn zu, da sie es für eine positive Erfahrung hielt, einmal mit der nackten Seele eines Verstorbenen zu sprechen.
Die Gestalt gehörte einem deutschen Touristen, Mitte zwanzig, abgebrochenes Studium, Visum überzogen. "Mein Guru hat mir gesagt, ich solle auf einem Friedhof meditieren", sagte der junge Deutsche, "ich bin schon über zwei Monate hier und habe den Friedhof nicht einmal verlassen."1
"Was ißt du denn? Die Leichen hier?"
"Mein Guru kommt zweimal am Tag und bringt mir etwas Vegetarisches zu essen."
"Und was zahlst Du dafür?"
"Für das Essen zahle ich nichts, das ist mit in den Kursgebühren."
"Was für Kursgebühren?"
"Na, für die Meditation. Mein Guru gibt mir auch immer Ratschläge, worauf ich achten muß, wenn ich hier auf dem Friedhof sitze. Besonders nachts. Mir ist ja schon so vieles klar geworden."
"Du hast Visionen hier, was? Ich habe auch Visionen."
"Visionen, das sind alles Trugbilder, sagt mein Guru. Du solltest ihn mal sehen. Er ist so weise. Vielleicht kannst du auch einen Kurs bei ihm mitmachen. Dann können wir hier nachts gemeinsam meditieren."
"Das möchtest du wohl gern. Allein ist das wohl ein bißchen einsam. Aber ich kann die Nacht hier mit dir verbringen, ohne deinem Guru dafür Geld zu geben. Als ich von Visionen sprach, hatte ich übrigens eine ganz andere Vision, die kein Trugbild ist, sondern wahr."
"Sie ist kein Trugbild, aber war?" Adjuna hatte die Aufmerksamkeit des jungen Mystikers geweckt. Er blickte gespannt und interessiert auf Adjuna.
"Ja, meine Vision ist wahr, ..." Enttäuschung bei seinem Gegenüber, da sich das Mystische als so ganz banal entpuppte, " ...da bin ich ganz sicher. Ich sehe deinen Guru..." " Jaa..?" "Ja. Ich sehe ihn in einem weichen Bett in einem schönen Haus, das er sich von deinem Geld und dem Geld anderer Gläubiger, äh, leichtgläubiger Menschen gekauft hat, während er euch auf dem Dreck von Friedhöfen leben ließ."
"Ja, aber der hat doch schon alles hinter sich. Die Erleuchtung, Nirvana, und so weiter. Wenn man das alles erreicht hat, dann hat man kein Attachment mehr zu den Dingen und dann ist es egal, ob man in Luxus und Ausschweifung lebt oder in Askese."
"Nirvana ist kein Ort, es ist nirgends, man kann es also nicht hinter sich haben", sagte Adjuna geheimnisvoll wissend.
Der Junge biß an: "Du bist da gewesen. Ich fühle es. Du bist wirklich da gewesen." Die Tränen in seinen Augen spiegelten die durch das Laubdach schimmernden Gestirne wider.
`Ach, wie gerne würde ich manchmal alles hinter mir lassen', dachte Adjuna, `die Narren, die Weisheit wollen, die Prunkmännchen, die Armut predigen, die käuflichen Politiker, die Opfer vom Volk verlangen, die Lehrer, die Angst haben, daß ihre Schüler zuviel wissen, und ihnen deshalb die Bücher wegnehmen, die Kinder, die sich von ihren Eltern zu wenig geliebt fühlten und ihre Eltern überhaupt nicht lieben, und die eigene Falschheit, die Richtigkeit predigt. Aber das ist das Leben und das wird man zum Glück wirklich einmal hinter sich lassen. Neulich wollte ich noch ewig leben, jetzt bin ich schon froh, daß ich sterblich bin. Die ewige Inkonsequenz.'
"Komm, laß uns schlafen gehen. Ich bin müde", sagte er zu dem Jungen.
`Ach, wäre ich doch gigantischer, als ich bin. Laßt uns gigantisch werden!' sagte er sich tröstend auf der Suche nach einer Lösung vor dem Einschlafen.
1 Dieser
Deutsche, dem Adjuna hier begegnete, war keine Fantasiefigur,
sondern es gab ihn wirklich, der Autor (ich!) war ihm auf seiner
Indienreise persönlich begegnet. Adjuna freilich war eine
Fantasiefigur.
Adjuna hatte bei seinem Wunsch, gigantischer zu sein, natürlich nicht daran gedacht, einen noch gewaltigeren Körper zu haben. Sein Körper war groß genug, größer und gewaltiger als der des amerikanischen Supermannes, auch sein Schlag war härter, das war nicht das Problem. Wäre er noch größer gewesen, wäre die nach ergonomischen Gesichtspunkten errichtete Welt der Menschen für ihn extrem unbequem geworden.
Adjunas Unglück war, daß er sich nicht sicher war über den Weg, den man gehen sollte im Leben. Man sollte einen Weg gehen, der für einen selbst und für die ganze Menschheit zu Glück, Zufriedenheit und Wissen führte, das war sicher. Aber wo lag dieser Weg. Es bedurfte einer gigantischen Anstrengung, ihn zu finden.
Man durfte auch selbst keine Leichen im Hinterstübchen haben, die einen ständig heimsuchten und klein machen wollten. Aber ein perfektes Leben ohne Leichen war nahezu unmöglich, wer keine Irrtümer hinter sich hatte, hatte keine Erfahrung bei sich und wohl auch keinen Fortschritt vor sich. Und wer sich von den verborgenen Leichen nicht heimgesucht fühlte, hatte kein Gewissen, daß ihm genug Bescheidenheit gab, die Mitmenschen auf einen ehrlichen Weg zu leiten, statt auf einen Anbetungs-Trip zur eigenen Beweihräucherung.
Adjuna bekam in einem Augenblick, das Gefühl genug von der Welt gesehen zu haben, und dachte über Selbstmord nach und über Wiedergeburt. Der Trost. Wiedergeboren wollte er alles besser machen. Aber dann fiel ihm ein, daß er dann nur noch eine Leiche mehr in seinem Hinterstübchen hatte, seine eigene.
Eine dumpfe Erinnerung kam in Adjuna hoch. Hatte er nicht schon einmal gelebt, vor langer Zeit, damals, im Zweistromland zwischen Ganges und Yamuna? Damals hatte er einen Weg gehen sollen. Er hatte keinen Weg gesucht. Er war kein Mahavira oder Buddha gewesen. Er hatte einen Weg gehen sollen. Er war ein Kshatriya gewesen. Der Weg war da, der Weg war klar gewesen. Der Weg hatte geradewegs in die feindlichen Kriegerreihen geführt. Aber er war nicht sicher gewesen, ob er den Weg wirklichen gehen wollte, dabei war er einer der Stärksten gewesen. Es war auch nicht Furcht gewesen, was ihn damals zurückgehalten hatte, sondern Skrupel. Krishna hatte dann irgendwas gesagt und er war dann losgegangen, -gestürmt, skrupellos. So war es bisher immer gewesen, jemand sagte was und die Leute marschierten los. Kannten sie auch privat Skrupel, einem Mitmenschen das Leben zu entreißen. Ein paar Worte von der richtigen Stelle und die Skrupel waren wie weggeblasen. Skrupel waren die Seifenblasen im menschlichen Charakter. Dabei sollten sie eigentlich die spitzen Steinchen sein, die uns zur Umkehr zwingen, wenn wir auf dem Weg sind, unsere Mitmenschen zu schlagen und zu schaden. Aber fast alle hatten sie Hornhaut an den Füßen, einige trugen sogar Stiefel, andere waren hasenfüßig und hoppelten hin und her, die aller aller wenigsten standen mit blutenden Füßen auf diesen spitzen Steinen, das waren die Unbestechlichen, die, die weder die zugeschobenen Geschenke noch die zweckdienlich dargebotenen Lügen als Bestechungsgabe annahmen.
Wie kam das eigentlich, daß ich damals losmarschierte, fragte sich Adjuna. Was hatte Krishna damals gesagt?
Nun, Krishna hatte nicht irgend etwas gesagt, er hatte nicht wie Goebbels geschrien: Wollt ihr den totalen Krieg? Es war etwas noch Totaleres, noch Radikales, Extremeres, das er gesagt hatte. Aber was war es gewesen? Adjuna konnte es sich nicht vorstellen? Es war vergessen. Er nahm sich vor, am nächsten Tag in einen Buchladen zu gehen und sich das Bhagavad Gita zu besorgen.
Besorgen war so ein neutrales Wort, es konnte kaufen, ausleihen oder stehlen bedeuten.
Adjuna hatte ja kein Geld...
Im Buchladen hatte er schon die Finger nach dem Buch ausgestreckt, um es unauffällig mitgehen zu lassen. Da zog er sie wieder zurück.
Halt! Der Buchhändler lebt davon, daß er Bücher zu einem bestimmten Preis anbietet und der, der das Buch haben will, diesen Preis bezahlt. Das ist ein faires Geschäft.
Adjuna zog seine Finger wieder zurück und ging in die Bücherei.
Ja, das, was Krishna angeblich damals vor der großen Schlacht zu Adjuna, damals noch Arjuna, gesagt hatte, war aufgeschrieben worden und galt als Bhagavad Gita, als Gesang des Erhabenen, als Offenbarung, und war also so etwas wie eine heilige Hindu-Bibel.
Natürlich hatte die Stadtbücherei das Buch und natürlich war es nicht ausgeliehen.
Adjuna blätterte den Text durch. Er fing an zu zweifeln, ob zwischen den Fronten der beiden verfeindeten Armeen genug Zeit war, all das zu sagen.
Er las also, was Sri Krishna damals sagte zwischen den Fronten. Der Lord sprach von seiner eigenen Immanenz: Arjuna, ich bin der Urgrund aller Schöpfung und der ewige Samen aller Wesen. Es gibt nichts außer mir.1
Mmmh, dachte Adjuna, eine Begriffsdefinition.
1 Das ist also ein viel weitgreifenderes Konzept, als wenn Jahwe sagt, du sollst keine anderen Götter haben neben mir, was ja nur ein Verbot, aber nichts über die Existenz anderer Götter sagt; daß es sie gab, war damals offensichtlich für Moses und die anderen Juden; man sah ja, daß sie angebetet wurden. Im Deutschen verbietet uns das Gebot übrigens nicht, andere Götter über Jahwe oder unter Jahwe zu haben; wenn wir ihn uns auf einer himmlischen Stufenleiter vorstellen, so ist uns lediglich verboten, andere Götter mit auf seine Stufe zu stellen. Im Englischen ist es anders, da heißt es: "You shall have no other Gods before me." Sorry, "...no other gods before Me", was Mark Twain zu der ironischen Bemerkung veranlaßte, daß Jahwe es uns lediglich übelnähme, wenn wir andere Götter vor ihm in der himmlischen Hierarchie hätten, aber neben und unter macht nichts.
Weiter im Text:
Selbst die Götter und großen Seher strömen aus von mir wie die Perlen an einer Kette. Ich kenne die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber selbst die großen Weisen und Götter kennen mich nicht als den Ungeborenen, den ewig Unwandelbaren.
Ich zeige mich nicht allen, denn ich bin jenseits aller Faktoren und Kräfte, geburtlos, der eine ohne Anfang. Dadurch, daß ich mein Prakriti unter Kontrolle halte, und durch ein eignes Yoga Maya, nehme ich Form an, und der, der mich in Wahrheit kennt und zu mir Zuflucht sucht, ist befreit von dem ewigen Zyklus von Geburt und Tod.
Partha!1 Ich halte das Dharma hoch. Wenn immer das Dharma vernachlässigt wird und die Ungerechtigkeit im Aufstieg ist, wenn es also notwendig ist für den Schutz der Tugendhaften und für den Untergang der Bösen und den Wiedereinsatz von Dharma, dann nehme ich aus eigenem freien Willen eine Form an.
1 Ein anderer Name für Arjuna
Ich bin immer glorreich und göttlich in meinen Inkarnationen, und der, der die Wahrheit kennt und versteht meine göttliche Glorie, der wird nicht wiedergeboren.
Partha! Hör zu! Ich bin das Selbst, Atman, ich residiere in allem. Ich bin die Quelle, der Schöpfer, die Mitte, der Erhalter, und das Ende, der Zerstörer. Es gibt nichts, weder Bewegendes noch Ruhendes, das ohne mich existiert.
Die sieben großen Seher, Marichi und die anderen sechs, die noch älteren Vier Seher, Sanaka und die drei anderen, und die vierzehn Manus, Vorfahren der Menschen, alle waren sie mächtig und doch mir ergeben, sie alle waren geboren durch meinen Willen.
Arjuna! Ich bin Vishnu unter den Adityas, ich bin Samaveda unter den Veden, Indra unter den Göttern, ich bin der Geist unter den Sinnesorganen, das Herz unter den Gemütern, das Bewußtsein in den Lebewesen. Von den Rudras bin ich Sankara, von den Yakshas und Rakshasas bin ich Kubera. Ich bin Agni unter den Vasus und Meru unter den Bergen. Unter den Priestern bin ich Brihaspati. Ich bin Skanda unter den Kriegern, und unter den Wassern bin ich der Ozean. Ich bin Birgu unter den großen Sehern, und unter den Wörtern bin ich das einsilbige OM. Unter den Yajnas bin ich Japayajna, unter den großen Immobilien1 bin ich die Himalayas. Bei den Bäumen bin ich der Aswattha-Baum, von den göttlichen Einsiedlern Narada, ich bin Chitra Ratha unter den himmlischen Minnesängern und Kapila der Heilige unter den Siddhas oder perfekten Seelen. Unter den Pferden bin ich Uchchaishravas, unter den fürstlichen Elefanten bin ich Airavatha, und unter Menschen bin ich der König. Unter Waffen bin ich der Blitz, unter Kühen bin ich Kamadhenu, unter den giftigen Schlangen bin ich Vasuki, unter den im Wasser lebenden Wesen bin ich Varuna. Ich bin Aryaman unter den Manen und Yama, der Todesgott, unter denen, die herrschen. Und ich bin Anata unter den ungiftigen Schlangen.2 Unter den Daityas bin ich Prahlada, und unter den Zählenden und Abrechnenden bin ich die Zeit. Ich bin der Löwe unter den Vierbeinern und Garuda unter den Vögeln. Ich bin Wind unter den Elementen, die reinigen; ich bin Rama unter den Schwingern von Waffen; unter den Fischen bin ich Makara und unter den Flüssen bin ich Ganga. Ich bin die schöpferische Leidenschaft; unter Gegnern im Wortstreit bin ich der leidenschaftslose, sachliche Grund; in der Grammatik bin ich der Wortstamm, im Alphabet bin ich akaram, der auch der erste Laut in OM ist. Ich bin der Sprößling von allem, was in Existenz kommt; ich bin die Göttin des Wohlstandes, Lakshimi, und
die Göttin der Gelehrtheit, Saraswati, unter den Frauen; ich bin die Vorsitz führende Gottheit über alle Kräfte und Einflüsse auf geistige Festigkeit, Gedächniskräfte, Intelligenz, Rückruf von Erinnerungen, von Ruhm und Nachsicht. Ich bin Brhatsamam in den vedischen Hymnen, Gayatri in den Mantras, Margasirsha in den Monaten des Jahres, und unter den Jahreszeiten bin ich der Frühling. Im Würfelspiel bin ich der Betrug, ich bin die Kraft der Kräftigen, der Sieg der Siegreichen, das Gute im guten Menschen. Ich bin die Unsterblichkeit und der Tod. ich bin beides: Existenz, Sat, und Non-Existenz, Asat.....
1 Gut übersetzt von mir, nicht wahr? Unter den Übersetzern bin ich Holger Hermann Haupt.
2 Hilfe, hört der denn nie auf!
Eine lange Erklärung und die Erklärung war noch lange nicht zu Ende. Adjuna hatte außerdem einen Abschnitt übersprungen. Denn Krishna war auch das Versehen in den Flüchtigen. Dieser eine Abschnitt aber erklärte alles.
Adjuna las mit Staunen: Ich bin Vishnu unter den Adityas und die strahlende Sonne unter den Leuchten. Ich bin Marichi der Glorreiche unter den Maruts. Ich bin der gewaltige Mond unter den Gestirnen des Nachthimmels.1
Der Mond war kein gewaltiger Himmelskörper. Er war der kleinste von den Himmelskörpern, die wir sehen konnten. Wer behauptete, ganz allgemein das Universum zu sein und im speziellen der Mond, und solche Tatsachen nicht wußte, der war nur ein ignorantes Kind seiner Zeit.
Unglaublich, daß mich so einer in den Krieg hatte schicken können, wenn ich damals schon mein heutiges Wissen gehabt hätte, hätte ich sein Gerede als das durchschaut, was es war, nämlich als Lüge und Prahlerei.
Unter den Psychosen und geistigen Schwächen war er der Größenwahn schlechthin.
1 Von den zwei Bhagavadgita-Büchern mit Text und religiösen Kommentaren, die ich mir in Indien gekauft hatte, enthielt nur N. S. Subrahmanians Buch diese absurde Aussage Krishnas über sich selbst.
Der offensichtlich sehr fromme Dilip Kumar Roy,
obwohl um eine genaue Zeile-für-Zeile-Übersetzung bemüht,
ließ diese Stelle aus, was auch aus seiner Zeilennummerierung
hervorgeht.
Adjuna hatte ja schon soviel von der Welt gesehen. Und wenn man ihn gefragt hätte, was für Wesen die Welt bevölkerten, so hätte er, ohne zu zögern, geantwortet: Dumme. Und das nicht, weil er sich für schlau hielt. Im Gegenteil: Seine eigene Dummheit quälte ihn so sehr. Er fand nicht die schlaue Lehre, die die allgemeine Dummheit beenden konnte.
Schlauheit fand man auf Erden immer nur da, wo jemand schlau den anderen übervorteilte, doch solcher Egoismus war von weitem gesehen dumm; im Himmel fand man übrigens überhaupt keine Schlauheit, weil sich dort die grauen Zellen nicht hielten.
Egoismus fand man dort aber trotzdem, sowohl in dem einen Himmel, wo sich die Götter gegenseitig verdrängten, als auch in dem anderen Himmel, wo sich Planeten und Fixsterne rücksichtslos anrempelten und schwarze Löcher alles an sich rafften.
Was hatte nun Krishna, der Mann, der sich selbst unter anderem für den Mond hielt und Adjunas Freund aus seiner früheren Inkarnation gewesen war, über die Wesen der Welt zu sagen?
Krishna: Zwei Arten von Wesen gibt es auf dieser Welt: Daiva, also die Divinischen, und Asura, also die Dämonischen.
Bei diesem Dualismus fehlten die Gleichgültigen, dachte Adjuna.
Wieder Krishna: Ein Mann, der mit divinischer Veranlagung geboren wurde, ist furchtlos, einfach und rein, ein Geweihter der Yoga des Wissens, ein Großzügiger, ein Meister seiner Selbst, ein Student der Schriften.
Er praktiziert harte Askese und gibt Opfer. Er ist findig, wahr und frei von Ärger, er ist beherrscht, besonnen, gemütsruhig, leichten Herzens, unbeschadbar von Bösem, frei von Bosheit, Arglist und Böswilligkeit, freundlich, vergebend, friedlich...
Ein Mann, geboren mit dämonischer Natur, ist arrogant, eingebildet, überheblich, cholerisch, grausam und grob...
Divinische Dotationen, göttliche Gaben, führen zur Freiheit.
Dämonische Dispositionen, negative Neigungen, führen zu Unfreiheit und weltlicher Bindung und Wiedergeburt.
Doch, Arjuna, mach dir keine Sorgen, du bist durch und durch göttlich.
Laß mich nun noch ein wenig ausführlicher über die Dämonischen sprechen, (auf daß ihr sie erkennet, wenn ihr ihnen begegnet; ihr, das heißt: Du und die, die dieses Gespräch belauschen.)
Die, die dämonischer Natur sind, kennen weder die Wahrheit, den wahren Weg der Handlungen, noch Entsagung, Verzicht, Aufgabe... Sie kennen auch das Pure und Reine nicht. Sie behaupten, daß dies eine dunkle, gottlose Welt von Falschheit sei, nicht basierend auf Moral oder Gesetz, eine Welt, wo die Geschöpfe in Lästernheit und Unzucht empfangen und geboren werden (und schlimmer noch: einige Dämonische es nicht einmal als Lästernheit und Unzucht erkennen!).
Mit dieser Einstellung kommen solche Perverse in die Welt und tun falsche Taten, kleine Seelen mit wenig Verstand, sie kommen als Feinde der Welt, um alle zu zerstören.
Mit unsättigbarem Stolz und voller Betrug, arrogant, trunken vom Größenwahn, Ichbezogenheit und Egotismus, Egomanias, die nach allem Ekligen gieren.
Geplagt von Hunderttausenden von Kummern und Sorgen, die kein Ende finden können außer durch den Tod, glauben sie, daß des Lebens Summum bonum der Spaß und die Befriedigung der Sinne sei. So gebunden von Hunderten von Hoffnungen hängen sie wie hilflose Marionetten an Strängen von Habgier, Haß, Geilheit und Hunger nach mehr und mehr und immer mehr. Und sie erwerben ihr Immermehr durch unehrliche Geschäfte und gemeine Möglichkeiten. Und so machen sie immer weiter und horten Reichtum auf Erden und Haß in ihrer Seele.
Sie sagen: Ich wollte das haben und habe es heute erworben. Jetzt giert mich nach jenem und ich werde es morgen erwerben. Das und das gehört mir schon jetzt alles und das und das wird mir morgen auch noch gehören. Heute habe ich den und den Gegner umgebracht, und morgen werde ich den anderen auch noch erschlagen und übermorgen den nächsten. Ich bin großartig, ich genießen das Leben in Samt und Seide, ich bin glücklich und stark, ein reicher Aristokrat. Wer kann sich mit mir messen? Ich werde opfern - zu den Göttern. Ich werde Almosen geben. Ich werde mich am Fleischtopf satt fressen. Prassen werde ich, schwelgen, schmausen, zechen...; so schwadronieren sie, dreschen ihre Phrasen, prahlen, lärmen, gelackmeiert durch ihre eigene Ignoranz, in die Irre geleitet durch ihre eigenen falschen Gedanken und Denkprozesse, Süchtige ihrer sinnlichen Späße. Sie fallen in die faulste Hölle.
Arrogante Prahler, aufgeblasen wegen ihres Reichtums, ihrer blindmachenden Reichtumsvergiftung, sie opfern den Göttern nur dem Namen nach, zum Schein; nicht so wie es die Weisen lehrten, sondern gebunden durch die Fesseln des Stolzes, der Gier und des Zorns geißeln sie mich, Gott, der ich in ihnen wohne.
In dem Zyklus von Leben und Tod werfe ich diese Teufelisch-Tuer und elenden Geschöpfe wieder und wieder in den Schoß eines minderwertigen Wesens, und so werden diese verlorenen Seelen geboren, wieder- und wiedergeboren in dämonische Dunkelheit, und sie kommen nicht zurück zu mir, sondern rollen unerbittlich hinunter in die Hölle.
Drei sind der Tore zu Verlorenheit, Verderben und Tod der Seele: Tor der Gier, Tor des Zorns und Tor des Geizes.
Der, der diese drei Tore der Dunkelheit umgeht, tut, was am Ende zur Erlösung der Seele führt und die höchste Erfüllung bringt.
Der, der die Gebote der Schriften mißachtet, und von Gier getrieben wird, kann nie Glück finden und die höchste Erfüllung.
Arjuna stellte dann seine siebzehnte Frage: Oh, Krishna, die, die nicht die heiligen Schriften lesen, und doch einem Gott opfern, welcher Art ist deren Glaube? Ist er sâttvik, râjasik oder tâmasik?
Krishnas Antwort: Der Glaube kann bei Menschen dreierlei sein, entsprechend der drei Grundtemperamente der Menschen und der drei Formen der Energie, nämlich Sattva: Gleichgewicht, Wissen und Zufriedenheit; Rajas: Leidenschaft, Action und kämpfende Gefühle; Tamas: Unwissenheit, Trägheit und Untätigkeit. Nun hör zu: Ein Mensch besteht aus dem Glauben, den er hegt und hochhält. Die Sâttvik verehren die Götter, die Râjavik glorifizieren die Oberherrn von Macht und Reichtum, die Tâmasik vergöttern die Ghuls, Geister und Unheilbringer.
Wisse, daß diese dämonischer Natur sind, die ihr Fleisch züchtigen, in einer Art, wie sie nicht in den Schriften empfohlen wird; diese Narren foltern ihre Lebenskraft und mich, Gott, der ich in ihren Körpern weile. Sie werden angetrieben von Gier und Grausamkeit, Dünkel und Dummheit.
Leute sâttviker Natur lieben Nahrung, die zu Langlebigkeit führt, Vitalität, Gesundheit und Kraft fördert, wohlschmeckend, lindernd, sukkulent und heilend ist.
Männer mit râjasikem Temperament essen bitter, sauer, salzig, scharf, beißend, pikant, adstringierend; also alles, was Körper und Geist mißstimmt, zuwider ist.
Und die, die tâmasik sind, essen Essen, das unrein ist.
Eine Opfergabe ist sâttvik, wenn sie aus einem Drang heraus, der seinen Ursprung in einem Gefühl der Pflicht hatte, in Übereinstimmung mit den Instruktionen der Schriften gegeben wird.
Wird die Opfergabe aus eitler Zurschaustellung vorgeführt, dann ist sie rajas-inspiriert.
Ist das Opfer gegen die heiligen Gesetze gerichtet oder ohne Glaube oder Hymnen der Verehrung gegeben, dann ist es tâmasik.
Verehrung der Götter, Gurus, Weisen und Brahmanen, Schlichtheit, Treue, Gewaltlosigkeit, Sauberkeit und sexuelle Reinheit, das ist die Askese des Körpers. Gute Wörter sprechen, die Wahrheit sprechen, die heilt und nicht verletzt, Poesie, das Studium der Schriften, das ist die Askese der Zunge. Selbstbeherrschung, reine Gedanken, Ruhe, Leichtherzigkeit, Sanftmütigkeit, das ist die Askese des Geistes.
Diese dreifache Askese geübt ohne Erwartung einer Belohnung ist sâttvik. Râjasik ist eine Askese, die in lautem Dünkel geübt wurde, um Verehrung und Applaus zu heischen, auch wenn die Freude flüchtig und vergänglich ist. Tâmasik ist eine Askese, die durchgeführt wurde in der gemeinen Absicht, anderen zu schaden, oder in der perversen Zufriedenheit an masochistischer Züchtigung und Selbstfolterung.
Ein Geschenk ist sâttvik, wenn der Geber es gegeben hatte aus dem einfachen Gefühl heraus, daß es richtig war zu geben. Râjavik ist ein Geschenk, wenn es gegeben wurde in der Erwartung, daß etwas zurückgegeben wird, oder aus anderen eigensüchtigen Gründen. Tâmasik ist ein Geschenk, wenn es verachtungsvoll einer wertlosen Person gegeben wurde, oder wenn es zur falschen Zeit und am falschen Ort und ohne Rücksicht auf die Gefühle des Empfängers gegeben wurde.
Arjunas achtzehnte Frage: Bitte erkläre mir den Unterschied zwischen Samnyâsa, Ablehnung von Aktion, und Tyâga, Nicht-Bindung an die Welt.
Die Weisen lehrten, daß die Zurückweisung und Verwerfung aller Taten, die ihren Ursprung in der Begierde hatten, Samnyâsa ist und die Gleichgültigkeit gegenüber den Früchten der Tat ist Tyâga.
Falsch handelt, wer eine Handlung ablehnt, die seine vorbestimmte Pflicht ist, eine solche Ablehnung aus Ignoranz ist tâmasik. Der, der seine Pflicht scheut aus Furcht oder den mit ihr verbundenen Schmerzen, der erntet keine Lorbeern für seine Entsagung, denn seine Entsagung ist râjasik. Doch wer handelt frei von Begierden, und wie in den Schriften gelehrt, gedrängt von Pflicht, ohne Bindung an die Frucht der Handlung, gleichgültig den persönlichen Folgen und Folgeschäden gegenüber, dessen Entsagung ist sâttvik.
Die Aufgaben und Arbeiten, die den Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Sudras zugewiesen wurden, entsprechen den Fähigkeiten, mit denen sie geboren wurden, und ihrer innersten Natur.
Heiterkeit, Klarheit, Gelassenheit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Geistigkeit, Weisheit, Askese, Schlichtheit, das sind die natürlichen Eigenschaften der Brahmanen.
Heldentum, Mut, Tapferkeit, Verwegenheit, Beständigkeit, Geschicklichkeit, Großherzigkeit, Unerschrockenheit in der Schlacht, Furchtlosigkeit vor den Feinden, Tüchtigkeit in der Verwaltung, das sind die Eigenschaften, die einem Kshatriya natürlicherweise von der Hand gehen.
Handel, Landwirtschaft und die Versorgung von Viehzeug sind die natürlichen Pflichten der Vaishya, wie Dienen die Pflicht eines Sudras ist.
Ein Mann ist auf dem Weg zur Erlösung nur, wenn er dem Weg seiner eigenen Berufung folgt. Lieber eine Tat getan, die der eigenen Berufung entspricht, selbst wenn sie nicht gut getan ist, als eine gut getane Tat, die der Berufung einer anderen Person entsprach und nicht der eigenen. Niemand sollte die Arbeit verweigern, die ihm durch Geburt und Natur bestimmt war, selbst wenn er diese Aufgabe nur fehlerhaft erledigen kann. Fehler bei der Arbeit sind so natürlich, wie Rauch bei Feuer ist.
Du kannst dich nicht weigern zu kämpfen. Kämpfen entspricht deiner Natur. Deine Natur hat dir diese Aufgabe gestellt, denn du selbst durch die Kette deines Karmas hast dir diese Aufgabe auf den Leib geschmiedet, daher bist du gebunden, verpflichtet. Du wirst also getrieben werden, das zu tun, was du in deiner Ignoranz gerade verweigern willst.
Dharm Yudh, der rechte Krieg, ist deine höchste Pflicht und im Dharm Yudh darf es kein Zögern geben, weder das eigene Leben noch das Leben der Feinde darf geschont werden, nicht ein einziger der Feinde, sei er nun Moslem oder Christ oder Laizist und Rationalist, darf am Leben bleiben. (Spätere Einfügung Krishnas, als er inkarniert als hinduistischer Fundamentalist und mehrfaches Mitglied der Rasthriya Swyamsevak Sangh [diese Organisation ließ den großseeligen Gandhi wegen seiner religiösen Toleranz umbringen] und des Hindu Vishva Parishads, des Hindu-Welt-Konzils, eine Opposition gegen die herrschende Kongreßpartei unterstützte, da ihm die Kongreßpartei die laizistische Verfassung nicht genügend mit Füßen trat.)
Es gibt nichts, was ein richtiger Krieger mehr willkommen hieße als einen gerechten Krieg.
Für einen Kshatriya-Krieger sind alle Kriege rechtens.
...und für einen Sudra war jede Sklaverei rechtens.
Krishna sprach in seiner Bhagavad Gita nur von einer vierfältigen Unterteilung der Gesellschaft, den vier Varnas, oder Farben, wobei die Mitglieder der drei oberen Kasten, die Primärfarben weiß, rot und gelb, als Zweimalgeborene galten, obwohl die sich genau wie andere auch nicht einmal an eine einzige von ihren Geburten erinnern konnten.
Es war aber auch gar nicht so, daß die Zweimalgeborenen im Gegensatz zu den schwarzen Sudras schon einmal vorher geboren worden waren; so etwas wie frühere Leben hatte jeder Inder, auch der unberührbarste, schon millionenmal hinter sich. Nein, die Zweimalgeborenen hatten parallel zu ihrer körperlichen Geburt noch eine geistige Geburt durchgemacht, dadurch waren sie eingeweiht in die Mysterien der Religion und schwebten auch noch in höheren Regionen, und durch einen dünnen, aber heiligen Faden hingen sie mit der höheren, besseren Hälfte in Verbindung. Die Gesetze Manus waren sehr präzise bezüglich dieses Zwirnsfadens: Bei einem Brahmanen mußte er aus Baumwolle sein, bei einem Kshatriya aus Hanf oder Flachs, bei einem Vaishya aus Wolle, und er mußte an der linken Schulter befestigt werden. Von dort hing er - erstaunlicherweise - nach unten.
Nicht nur durch Farbe und Material unterschieden sich die Kasten, sondern auch im Charakter unterschieden sich die Mitglieder der Kasten voneinander, wie der Volksmund wußte. Der sagte zum Beispiel: Willst du, daß man etwas für dich tut, mußt du einen Kayasth (Kaste der Buchhalter und Schreiberlinge in Bengalen und Uttar Pradesh) bestechen, einen Brahmanen gut durchfüttern, einem Rajput (Kshatriya) schmeicheln, aber die Leute von niedriger Kaste mußt du durchprügeln.
Aber seit der Urzeit, zu der Krishna sprach, hatte es Fortschritte gegeben, die Varnas hatten sich vermehrt. Wenn vier gut waren, waren dreitausend1 besser? Die Inder schienen es anzunehmen.
1 Meyers Großes Taschenbuch erwähnt etwa 3000. Eine Volkszählung von 1901 kam auf 2378 Kasten, bzw. Unterkasten und Unterunterkasten.
Außerdem gab es noch die Auskastler, die Unberührbaren oder Pariahs, wie die unwissenden und natürlich auch unreinen Europäer sie nannten. Pariah hieß eigentlich nur ein einziger Unberührbaren-Stamm in Tamil Nadu. Das Wort bedeutete Trommler, aber die Trommler waren nicht etwa Musikanten, sondern da sich die Zweimalgeborenen so vor ihnen ekelten, mußten sie trommeln als Warnung für die andern, daß sie eine Begegnung vermeiden konnten.
Die Trommelei war also so etwas wie an arkustischer Judenstern.
Die Berührung mit Unberührbaren befleckte - zwar nicht wirklich den Körper, wohl aber im Kopf. Ein solcher Fleck, Schandfleck, war etwas sehr Schlimmes. Indien hatte nicht nur die großen Weisen der Vorzeit gehabt, die Manus, Sanaka, Manichi, von denen Krishna sprach, sondern auch danach gab es immer wieder weise Männer und Frauen, einer, Rabindra Nath Tagore, nannte das Kastensystem ein gigantisches System kaltblütiger Unterdrückung. Man sollte seine Schriften studieren.
Aber wie kam Indien zu immer mehr Kasten? Zum Teil, ähnlich, wie es zu immer mehr Menschen kam, durch Heirat und Kinderkriegen. Es entstanden zum Beispiel ganze Unterkasten dadurch, daß bestimmte Gruppen einer Kaste Frauen aus niedrigeren Kasten heirateten, sogenannte Jâti. Aber es gab auch andere Möglichkeiten: Brahmanen, die den Priester für untere Kasten machten, sanken innerhalb der Brahmanen in eine untere Jâti. Sowieso waren Priester innerhalb der Brahmanenkaste, die sich zwar eigentlich als die Priesterkaste verstand, nicht hoch angesehen. Wirtschaftskapitäne, Millionäre, Politiker, Gelehrte etc. bildeten innerhalb der Brahmanenkaste ihre eigenen höheren Kasten. Und selbst noch unter den Unberührbaren herrschte der Kastendünkel; selbst die Doms, die Müllabfuhr und Leichenhandhaber, fühlten sich den Barbieren und Waschleuten so überlegen, daß sie, statt zu schwören: wenn ich das und das tue, hole mich der Teufel, schworen: wenn ich das tue, dann möge mich die Strafe befallen, die jemand bekommt, der mit einem Wäschewascher gemeinsam an einem Tisch ißt! Und tatsächlich waren in Indien viele neue Kasten dadurch entstanden, daß hungernde High-Kastler den Hunger nicht mehr ausgehalten hatten und zu Notküchen gegangen waren, wo das Essen durch die Handhabe von unreinem (im religiösen Kasten-Sinne) Küchenpersonal unrein geworden war. Diese neuen, durch Hunger und Notnahrung entstanden, ausgestoßenen Auskastler behielten aber ihren Kastendünkel und machten die alten Unterschiede auf ihrem neuen niedrigen Niveau weiter.
In Assam gab es die Mekuris; diese Außenkastler verdankten ihren niedrigen Status einer Katze, die ein von den Moslemen gestohlenes Fleischstück in ihren Suppentopf fallen ließ, was erst zu spät entdeckt worden war. Hätte man es rechtzeitig entdeckt, hätte man den Suppentopf ausgeschüttet, aber auskotzen galt nicht. Was einmal mit dem Körper in Berührung gekommen war, hatte ihn auch verschmutzt.
Rituelle Reinheit des Essens war eine der wichtigsten Gebote des Hinduismus. Selbst Fliegen konnten diese Reinheit gefährden, und das nicht, weil die Fliegen selbst schmutzig waren oder der Kaste der Unberührbaren angehörten!
Während des Zweiten Weltkrieges erreichten die Hindus von den Briten, daß ihre Feldküche von der Feldküche der Moslems entfernt errichtet wurde, weil sie befürchteten, daß die Fliegen, die vorher auf moslemischen Speisen gesessen hatten, sich danach vielleicht auf ihr hinduistisches Essen setzen würden und es so verunreinigten. Daß Fliegen auch gern auf Scheiße saßen, schien bei den Hindus keine Besorgnis zu erregen, vielleicht, wenn sie wüßten, daß es moslemische Scheiße gewesen war.
Auch aus Sekten waren neue Unterkasten entstanden, selbst aus Sekten wie der Kabirpanthis, deren ursprüngliche Lehre eigentlich die Ablehnung des Kastensystems mit einschloß. Und niedrige Unterkasten mauserten sich zu höheren Unterkasten, indem sie sich strengere Gesetze auferlegten oder den High-Kastlern nachäfften, wie Wiederheiratsverbot für Witwen, Einführung von Kinderehen wie bei den Brahmanen und Vermeidung von Heiraten mit Gleich- oder Unterniveau-Kastlern, sowie strengere Speise- und Eßge- und -verbote.
Aus der niedrigen Kaste der Lederverarbeiter entstanden zwei Kasten, als die, die bearbeitetes Leder weiter zu Taschen und Schuhen verarbeiteten, auf den Dünkel verfielen, daß ihre Arbeit ja sauberer sei als die Arbeit von denen, die das rohe Leder gerbten und die Vorarbeit leisteten; Grund genug für die Lederendprodukthersteller, mit Mitgliedern der schmutzigen Vorarbeit leistenden Kaste nicht an einem Tisch zu sitzen und auch nicht den Kindern die Ehe mit so einem eingehen zu lassen.
In seine Kaste wurde man hineingeborenen, so sagte man, Kaste war Schicksal und einen niedrigen Kastenstatus hatte man sich angeblich durch sein Versagen in vorherigen Leben eingeheimst, aber so ganz stimmte auch das nicht. Einige Kasten waren bereit, für Geld Unterkastler aufzunehmen. Das war aber ein gefährliches Unterfangen, denn wenn man es zu oft tat, sank das Ansehen der gesamten Kaste. Über die angeblich zweimal geborenen Mahanti witzelte man schon: Der, der keine Kaste hat, nennt sich Mahanti.
Die niedrige Kaste der Bauris in Bengalen, die über besonders hübsche Mädchen verfügte, die oft als Mätressen von Brahmanen dienten, diese Kaste nahm großzügig, die gefallenen Brahmanen auf, wenn diese, weil sie, statt beim Beischlaf zu bleiben, auch noch den Reis, den die Unterkastlerin zubereitet hatte, gegessen hatten und damit gegen die wichtigste, brahmanische Kastenregel verstoßen hatten, verstoßen worden waren. So ersparten die Bauris den Buhlen ihrer Mädchen das Außenkastlerdasein, allerdings mußte das neue Kastenmitglied erst ein großes Fest für alle Kastenmitglieder geben, also erstmal einen ausgeben, Einstand zahlen. Nur fair.
Der nächste Schritt war dann die Dünkelhaftigkeit der neuen Bauris, die ja eigentlich mal Brahmanen gewesen waren, also was Besseres.
Kasteninder und Unterkasteninder mieden also einander mehr bei den Mahlzeiten als beim Beischlaf, beim außerehelichen Beischlaf und beim unehelichen. Aber Indien war groß und es gab viele Möglichkeiten der Vermeidung.
In Südindien, wo man wie in Südeuropa oder in Südamerika weniger aufgeklärt war als der Norden und dafür den traditionellen, religiösen Werten bzw. Unwerten näher stand, wurde aus der Unberührbarkeit schon eine Unannäherbarkeit. Es gab eine richtige Skala der Unannäherbarkeit für die verschieden tiefen Bodensätze der Panchamas, wie die Unberührbaren im Süden genannt wurden. So mußte ein Kammalan von einem Brahmanen mindestens acht Yard Abstand halten, ein Iluvan oder Tiyan mindestens 12 Yard, ein Pulayan mindestens 16 Yard und ein Paraiyan oder Pariah mindestens 32 Yard. Bei soviel Abstand zwischen Brahmanas und Panchamas kam es natürlich nicht mehr zum Beischlaf.
In ländlichen Gegenden in Travancore, Cochin und Malabar mußte ein Pariah noch mehr Abstand halten, durfte gewisse Straßen und Ortsteile überhaupt nicht betreten oder mußte sich für die Zeit der Helligkeit ganz verborgen halten und durfte sich erst nachts herauswagen, oder er mußte wie die Leprakranken des Mittelalters an Wegkreuzungen und unübersichtlichen Stellen durch Rufe oder Geräusche, Trommeln oder Klappern wie die Lazarusklappern der Aussätzigen, die anderen vor sich und seine Unreinheit warnen.
Einkaufen war bei soviel Antisemitismus für einen Pariah ein Problem: Er mußte sein Geld vor dem Geschäft auf den Boden legen, wieder Abstand nehmen, warten bis er dran war; dran war er, wenn kein anderer mehr dran war; kam der Verkäufer dann raus, rief er von weitem, was er haben wollte; der Verkäufer nahm dann das Geld und warf ihm seine Waren voller Verachtung auf die Straße, von wo der Aussätzige sie dann auflas trotz seiner Gesundheit. Vor Gericht als Zeuge geladen war es ähnlich, sein Platz war draußen vor der Tür auf der Straße; ein nur halbschmutziger Hindu-Hilfsgerichtsdiener kam dann mit den Fragen heraus zu ihm und brachte des Pariahs Antwort wieder herein zum obersauberen Brahmanen-Richter. War der Pariah selbst der Angeklagte, war sein Platz gleich im Gefängnis oder besser noch als Wiedergeburt bei den Ratten.
Sah der Unreine Reine auf der Straße auf sich zukommen, mußte er schnell die Straße verlassen und auf die Felder, selbst wenn die zur Bewässerung unter Wasser standen: Lieber nasse Füße, als das Leben verloren.
Ein High-Kastler kannte da keine Skrupel. Wenn ein Pariah seinen Platz in der Gesellschaft vergaß, konnte er sicher sein, daß ein Zweimalgeborener ihn ohne viel Zeremonie wie Ungeziefer niedermachte. Das hieß, gegenüber Ungeziefer hätte man ja vielleicht noch Ahimsa gelten lassen, schließlich waren wir alle mal im früheren Leben Gewürm gewesen, und Respekt vor dem Leben der Würmer und anderen Tiere, das war ja gerade das, was einen High-Kastler von einem schmutzigen Außenkastler unterschied...
Saubere, vegetarisch lebende High-class-Hindus ekelten sich vor den schmutzigen Untermenschen am unteren Ende der Gesellschaft: Die Musahars in Süd-Bihar fraßen sogar Ratten, weshalb sie auch Musahars, nämlich Rattenfresser genannt wurden, sicher würden sie wegen ihrer Rattenmorde als Ratten wiedergeboren. Kein anderer Inder besaß übrigens ihre Geschicklichkeit im Rattenfangen, und als man der Rattenplage mit Rattengift nicht Herr wurde, wurde diese Musahars gefragte Leute.
Die Bauris und Haris trugen die stinkenden Tierleichen aus den Dörfern und aßen sie, so dienten sie als Abdecker. Feine Leute mochten weder die Tierleichen noch diese Leute riechen - und schon gar nicht anfassen oder aufessen.
In Süd-Canara galt eine Untergruppe der Koragas als so schmutzig, daß sie nicht wie andere Leute auf die Straße spucken durfte, sondern immer einen Spucknapf an einer Kette um den Hals tragen mußte, in den sie zu spucken hatte, daher erhielt sie dann ihren Spottnamen Ande, was Topf hieß.
Die Pooleahs waren die großen Pollutioner, die Verschmutzer, wie ihr Name schon sagte, kein sauberer Inder wollte die Atemluft mit ihnen teilen. Sie mußten heulende Geräusche zur Warnung der sauberer Menschen ausstoßen und auf Felder oder Bäume ausweichen, wenn ein Brahmane oder Nair ihnen auf dem Weg entgegen kam. Aber die Pooleahs ihrerseits hielten die Nayadis, Ulladans oder Pariahs für so viel schmutziger als sie selbst, daß sie den Kontakt mit ihnen mieden und sich nach einer unvermeidbaren Begegnung siebenmal wuschen und sich ein paar Tropfen Blut aus dem kleinen Finger melkten.
Die meisten Hinder waren wohl schmutzig für irgendeinen höheren Hinder, was sie aber nicht daran hinderte, sich selbst für sauberer als andere zu halten, so betonten sie das Positive ihrer Gesellschaft. "Ich bin mehr wert als du", in welcher anderen Gesellschaft konnte eine so große Anzahl von Menschen das schon mit Überzeugung sagen, ohne auf allgemeine Ablehnung zu stoßen?
Im Norden war man nicht so zimperlich wie im Süden. Die rituelle Verunreinigung der unteren Kasten färbte dort meist nur durch direkte Berührungskontakte ab, durch gemeinsames Speisen und Trinken und in einigen extremen Fällen, wie bei den Gandas von Sambalpur in Orissa, wenn deren Schatten auf einen fiel. Orthodoxe Hindus achteten dort auch darauf, daß sie in keinem Wagen saßen, der von einem Ganda gezogen wurde, daß sie keine Kleidung trugen, die von einem Ganda gemacht wurde, und daß sie keine Straße betraten, die von einem Ganda gepflastert worden war. Und wenn ein Ganda seine Kinder in die von den Briten eingerichtete Dorfschule schicken wollte, dann schüchterte man seine Eltern mit den gleichen Methoden ein, mit denen auch die edlen Krieger des Ku Klux Klans einst die Schwarzen von einer Schulbildung abgehalten hatten.
In Punjab mußten die Straßenfeger, auch wenn sie Feierabend hatten, weiter einen Besen bei sich tragen, damit man ihre Schmutzigkeit erkennen konnte und ihnen auswich, außerdem mußten sie `Bacho, Bacho' sagen, = paßt auf!1
In Jaipur mußten die Mitglieder der Straßenfegerkaste eine Krähenfeder in ihrem Turban tragen, um auf ihren niedrigen Status aufmerksam zu machen, der ihnen vorgeschriebene Warnschrei war: `Payse' oder `Parayse', = nehmt Abstand!2
1 Punjab Census Report von 1911
2 Census Report von Rajputana und Ajmer-Merwara von 1911
Aber nicht alle Unterkastler und Unberührbare hatten so schmutzige Arbeit wie die Straßenfeger, Müllabfuhr, Nachttopfentleerer, Rattenfänger, Leichenhandhaber, Gerber und Lederverarbeiter, sondern die meisten waren ganz einfach nur Landarbeiter, die pflügten, Muttererde auflockerten, pflanzten und ernteten den Reis und das schöne Gemüse, das die High-class-Hindus so stolz mit Ahimsa aßen.
Nach der Abschaffung der Sklaverei 1855 war es besonders notwendig, durch Vorschriften diesen ehemaligen Sklaven - genau wie in den Südstaaten der USA - das Leben schwer zu machen und ihren Aufstieg zu verhindern. Was vorher Willkür war und Sitte, willkürliche Sitte, mußte Recht und Gesetz werden. Den Shanans, den ehemaligen Landarbeitssklaven, wurde das Anziehen von Schuhen und das Tragen von Schirmen per Dekret untersagt, außerdem hatten sie von der Taille aufwärts nackt zu sein, Männchen wie Weibchen.
1858 gab es Aufruhr. Shanan-Frauen, die zum Christentum übergetreten waren, bedeckten ihre Brüste - sehr zu Ärgernis der anderen Kasten und der unchristlichen Shanan-Frauen. "Was wir nicht dürfen, das darf die doch auch nicht dürfen. Die ist doch eine von uns."
Dieser Streit führte dazu, daß die Engländer sich einmischten. Es war gerade Viktorianische Ära und das bürgerliche Philistertum blühte.
Bürgerliche Freiheiten waren eine Errungenschaft, die schließlich, nachdem sie in die Köpfe einiger junger Inder gedrungen war, den Untergang des British Empire herbeiführen sollte.
Die Briten dachten damals, wenn die Shanan-Frauen ihren Oberkörper bedecken wollten, dann sollten sie das ruhig dürfen. Woraus sich aber nicht ableiten ließ, daß, wenn britische Frauen mit freiem Oberkörper herumlaufen wollten, sie das auch dürfen sollten, oder daß man ihnen das aktive und passive Wahlrecht hätte geben sollen.
Unter britischem Druck kam es 1859 zähneknirschend und murrend zu einer Erklärung der örtlichen Verwaltung von Travancore, daß keine Bedenken beständen, wenn Shanan-Frauen wie christliche Shanan-Frauen eine Jacke trügen, oder wenn Shanan-Frauen jeglichen Glaubens ein großbes Tuch um ihren Oberkörper wickelten in der Art, wie es die Mukkavattigal-Frauen der unteren Fischerkaste täten, also horizontal über die Brust, so daß die Schultern freiblieben, auch jede andere Art der Brustbedeckung sei bedenkenlos, solange sie nicht in der Art der hochkastigen Frauen erfolgte.
Unberührbare Männer wurden aber noch, als Adjuna das Land besuchte, von ihren High-Caste-Mitbürgern für die Frechheit, elegante Jacken oder Mäntel zu tragen, verprügelt.
1902 gab es einen weiteren Aufstand der Shanan-Frauen. Man hatte ihnen das Recht genommen, Lasten auf dem Kopf zu tragen, wahrscheinlich, weil sie dann zu groß und stolz aussahen.
Lasten auf dem Kopf zu tragen und nicht wie die Europäer unter dem Arm geklemmt oder auf krummem Rücken, war, wenn man die Balance beherrschte, orthopädisch gesehen das Gesündeste. (Wenn man die Balance nicht beherrschte, krachten einem die Lasten auf die Knochen, und man mußte zum Knochendoktor, den man sich aber in dieser Umgebung nicht leisten konnte. Hier brachten einen deshalb oft schon kleinste Verletzungen direkt zum Knochenmann.)
Außerdem wollten die Shanan-Frauen auch das Recht bekommen, hübscheren Schmuck als die bisher erlaubten Lederarmbänder tragen zu dürfen.
Ein anderes Mal demonstrierten die Unberührbaren von Travancore für das Recht der Straßenbenutzung in der Nähe eines bestimmten Tempels, das ihnen bisher verwehrt war, so daß sie zu großen Umwegen gezwungen waren. Sie benutzten dazu den gewaltlosen Widerstand, den Gandhi ihnen gerade im Kampf gegen die Briten vormachte: Sie saßen im Protest auf der Straße und spannen. über ein Jahr saßen sie da.
Ihr Protest dauerte also so lange wie der große Bus-Boykott der Schwarzen in Montgomery. Und wie einige Weiße damals die Schwarzen unterstützten, sehr wenige Weiße zugegeben, so setzten sich auch hier einige Brahmanen zu den Protestierenden und teilten Wache und Mahlzeiten mit ihnen und verloren konsequenterweise dadurch ihren Brahmanenstatus. Schließlich setzte sich Mahatma Gandhi, die große Seele, auch zu ihnen und lud die Unberührbaren ein, ihn, den Zweimalgeborenen, zu berühren. Aber die weigerten sich, sie wußten, es war eine Sünde für einen Unberührbaren einen Kasten-Hindu zu berühren, tat er es doch, so kam er im nächsten Leben nicht voran.
Die Schwarzen Amerikas hatten einst eine einfache Botschaft für die Weißen: Ich bin ein Mensch.
Ich bin ein Mensch, das war alles, was sie auf ihre Plakate schrieben; sie schrieben nicht: Ich bin auch ein Mensch.
Die einfache Aussage "Ich bin ein Mensch" sagte dem Hindu wenig, die Menschheit war nicht eins, Mensch nicht gleich Mensch, sondern ein komplizierten 3000schichtiges Phänomen, das erst Form annahm, wenn man es nach Varnas und Jâti definierte. Das schlichte Menschsein verstand man im Hinduismus nicht, Menschheit als Ganzes war etwas Unfaßbares, die Farben einer Palatte im Matsch vermischt, aber auch das Ich-Sein, also Individuum-Sein, war nicht erlaubt.
Auch diese Religion wollte nicht, daß man seinem Schicksal entkam. Es gab nur einen Trick: der religiöse Knacks. Wenn man den weghatte, oder so tat, wenn man sich also Asche aufs Haupt streute und die Namen der Götter herunterleierte, dann war man frei wie ein Vogel, wie ein Narr, und keiner fragte mehr danach, wie aussätzig man eigentlich war. Die Freiheit, die man als ein solcher Narr genoß, schloß aber nicht die Freiheit, an einem festen Ort unter einem festen Dach mit einer Familie zu leben, ein. Freiheit wurde auf dieser Welt schon teurer bezahlt.
Freiheit wurde auf dieser Welt schon teurer bezahlt als mit ein bißchen Narrheit: mit Blutdukaten und Menschenleben. Und die bezahlte Ware war so wertlos wie eh.
...und das lag daran, daß die Verkäufer Betrüger waren und die Käufer nichts von Warenkunde verstanden.
Da wird man übers Ohr gehauen, zahlt zuviel und bekommt zu wenig.
Bharat Mata, Mutter India, hatte also viele Kinder, und diese Kinder hatten ein kompliziertes System der Diskriminierung der Geschwister entwickelt, und die ärmsten und oft auch schmutzigsten galten als unberührbar, als Außenvor, waren vielleicht billige Arbeitskräfte, aber keine Mitspieler. Und wer doch mit ihnen spielte, machte sich strafbar (bei und für seine Kastengenossen), verlor seinen Kastenstatus, landete in der Hölle oder hatte eine niedrige Wiedergeburt.
Aber das Beschmutzen der Kastenbrüder geschah nicht nur durch den Umgang mit Ungewaschenen, die sich Seife nicht leisten konnten, sondern die Mlechhas oder Barbaren, unter denen sich gerade in der Zeit vor der Unabhängigkeit die geschniegelsten und gestriegelsten, die gewienersten und am korrektesten gekleideten Leute Indiens befanden, galten ebenfalls als aussätzig und ansteckend verschmutzend. Und kein Kasteninder konnte diesen ausländischen Aussatz dafür bestrafen, daß er die Frechheit hatte, sich elegant und teuer zu kleiden.
Die Mlechhas kamen hauptsächlich aus Großbritannien, sie hatten dem großen Land mit Leichtigkeit ihren Willen aufzwingen können, denn in dem großen Land herrschte keine Solidarität, Gemeinsamkeit. Was die Hautfarbe der Mlechhas betraf, so waren sie weißer als die Mitglieder der Brahmana-Varnas, denen ja schon die Farbe weiß zugeschrieben wurde. Die Helligkeit ihrer Haut änderte aber nichts an ihrem Nicht-Hindu-Sein. Ein wirklicher High-caste-Hindu wusch sich zumindest, nachdem er mit diesen Mlechhas zu tun gehabt hatte, - oder zögerte die morgendliche Körperwäsche, zum Beispiel wenn er am Vormittag eine Verabredung mit dem britischen Governor hatte, bis nach der Begegnung heraus.
Eine Reise in das Land der Mlechhas war immer eine große Sünde, denn es war unvermeidlich, daß man gegen die Speiseverbote verstieß, Wasser und Speisen zu sich nahm, die rituell-religiös gesehen schmutzig waren. Die Gerichtbarkeit der Kaste (Kasten verfügten über ihre eigene Gerichtbarkeit) würde in so einem Fall eine Buße verhängen für die Wiederaufnahme in die Kaste, typischerweise eine Geldstrafe an die Kasse der Kaste und ebenfalls an die Brahmanen - den Brahmanen Geld zu geben, hatte immer einen Sünden tilgenden Effekt -, sowie die Durchführung des Reinigungsritus und Purifikation-Hokuspokus Prayaschitta und die orale Einnahme von Panchgavya, den fünf sakralen Produkten der heiligen Kuh, als da waren: die Milch, der Quark, die Ghi, das war glasierte Butter, der Urin der Kuh und Kuhscheiße; Beef gehörte nicht dazu.
Das Kastenkonzil konnte auch Warnungen aussprechen: "Wenn du noch ein drittes Mal nach England fährst, dann wirst du für immer ausgestoßen!" Das war keine leichte Strafe, zumal sie mit 60 000 Jahren in der Hölle gekoppelt war. Da verloren die Mutigsten ihren Mut.1
1 Sir Walter Lawrence beschreibt in seinem Buch `The India we observed' (1928) einen solchen Fall, wo ein hinduistischer Freund wegen einer solchen Verwarnung auf seine dritte Englandreise verzichtet.
Die Kastenrichter bewiesen nicht nur Fantasie bei der Erfindung von Höllenqualen, sondern auch bei Strafen auf der Erde. Da die Kasten meist keine Gefängnisse hatten, kamen langweilige Gefängnisstrafen nicht in Frage, statt dessen wurde den Sündern zum Beispiel das Kopfhaar und der Schnurrbart ganz oder nur auf einer Seite abgeschnitten, die Lächerlichkeit war die Strafe. Wer seine Kuh vernachlässigte, dem konnte es passieren, daß er wie eine Kuh herumlaufen mußte, mit Gras im Mund und Muhmachen.
Zum Glück gab es Sündenfresser. Wer genug Geld hatte und sie bezahlen konnte, dem fraßen sie die Sühne, was hieß, sie erlitten die Strafe, also fraßen die Kuhscheiße, tranken die Kuhpisse und nahmen auch die drei anderen heiligen Produkte der Kuh, die man ja zur Not auch selbst essen konnte, ein oder sie aßen den verdreckten Sand vom Ganges-Strand, der eine so von Sünden reinigende Wirkung hatte wie ein päpstlicher Segen (oder tausend) und das ein-zwei-dreimalige Beten des Rosenkranzes, sie soffen Jauche zur Jause oder das Wasser, in dem Brahmanen ihre Füße gewaschen hatten, badeten stellvertretend im Harn der heiligen Kühe, und als Prügelknabe - was etwas teurer war - erlitten sie auch die Prügel, die die Richter geprügelt haben wollten.
Nur wenn man den Tod einer Kuh verursacht hatte und die Kastenrichter einen dafür mit der Todesstrafe bestraft wissen wollten, dann war es schwer, einen Substitut zu finden, aber unmöglich war auch das nicht, denn der einzelne gehörte sich nicht unbedingt selbst in Indien.1
1 Die Informationen zum indischen Kastensystem habe ich neben Nachschlagewerken einem Buch mit dem harmlosen Titel "Indian Caste Customs" von L. S. S. O'Malley, das ich mir selbst in Indien besorgt hatte, entnommen. Der Inhalt des Buches löste bei mir soviel Betroffenheit aus wie nur selten ein Buch. Welch unglaubliches Leid über einen Teil der Menschheit gebracht wurde und dann harmlos als Sitte beschrieben wurde! Ähnliche Betroffenheit empfand ich beim Lesen von Hitlers `Mein Kampf', Martin Luthers Haßschriften gegen die Juden (und Türken), Sprenger und Institoris' Hexenhammer, der Constitutio Criminalis der frommen, Österreichischen Kaiserin Maria Theresia mit ihren Folteranweisungen, des Alten Testaments und ähnlicher Schriften. Aber auch die Berichte der Opfer lösen natürlich Betroffenheit aus, aber auf eine andere Art.
Dieses geniale System, das gleichermaßen gegen die eigene schmutzige Unterschicht diskriminierte und gegen die feinpinkeligen Vertreter aus der Oberschicht der Kolonialmacht, hatte seine Anfänge ganz weit zurück in der Zeit der Harappakultur oder Indus-Flußtal-Kultur.
Indien hatte verschiedene große kulturelle Blütezeiten hinter sich, wie unter den Moghulherrschern; die Moghulherrschaft begann 1526 nach der von den englischen Imperialisten eingeführten Zeitrechnung und dauerte bis zur Eroberung Dehlis durch den Perser Nadir Shah im Jahre 1739 e.I.Z.; danach waren die Moghulherrscher nur noch persische Puppenkönige; 1858 e.I.Z. setzten die Briten, die keinen Gebrauch für eine persische Puppe hatten, den letzten Moghul ab.
Besonders unter dem Moghulherrscher Akbar, er hatte den Thron 1556 e.I.Z. als Vierzehnjähriger bestiegen, erlebte Indien eine Blüte. Akbar war Freidenker, er führte viele Reformen durch, er praktizierte nicht nur selbst Toleranz, sondern verlangte es auch von seinen Untertanen, und er beschnitt die Macht der Brahmanen und des moslemischen Klerus.
Befreiung vom geistigen Joch war schöner als das Taj Mahal.
Hätten Akbars Nachfolger so weiter gemacht, hätte Indien sich vielleicht vom Kastensystem und von religiöser Intoleranz und Gewalt befreit.
Vor den Moghulen gab es im Osten das Sharki-Sultanat von Jaunpur und im Westen das Reich von Malwa, in Dehli herrschte die Lodi-Dynastie, davor herrschten Sklavendynastien, jeweils ein Sklave des Sultans wurde neuer Sultan, überall herrschte Gewalt, eine kleine Gruppe von muslimischen Gewalttätern tyrannisierte das Land von Zwingburgen aus, Raub, Mord und Bekehrung mit dem Schwert, kulturelles Tiefland; seit um die Jahrtausendwende (nach engl. Imperialisten-Zeitrechnung) das letzte Bollwerk gegen den Islam, das Gujara-Prathihara-Reich, unterging, hatte man in Indien diese Ebbe.
Davor herrschten die Rajputen und davor in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts gelang es Kleinkönig Harshawardhana von Kanauj für kurze Zeit ein nordindisches Großreich zu erobern und ein letztes Mal so etwas wie Buddhismus als Staatsreligion durchzusetzen.
Weiter zurück lag das Gupta-Reich mit seiner Sanskrit-Literatur-Blüte. Das Gupta-Reich hauten die Hunnen kaputt. Vor dem Gupta-Reich gab es das Großreich der Kushan. Die Kushan hatten erfolgreich die indohellenischen Königreiche, die Alexander der Große in der Folge seines tollkühnen Bemühens, die gesamte Welt zu erobern, auf seinem Rückzug hinterlassen hatte, erobert. Auch die Skythen und sogar die Prather, die einst dem mächtigen römischen Reich so schmachvolle Niederlagen an seiner Ostgrenze bereitet hatten, hatten dem Ansturm der Kushan nicht standgehalten.
Hundert Jahre, bevor die Zeitrechnung der Mlechhas, jener Imperialisten, die von den fernen britischen Inseln her Indien erobern sollten, überhaupt erst anfing, gingen die Reste des ersten ganz Indien (das heißt, eigentlich nur bis zum Penner) umfassenden Kulturreichs Magadha im Ansturm der Skythen unter. Fast zweihundert Jahre hatte diese kulturelle Blüte gedauert.
König Chandragupta Maurya hatte um 300 vor der Zeitrechnung den ersten Schritt und die ersten Eroberungen zu diesem Riesenreich gemacht.
Unter seinem Enkel Asoka, also dem dritten König dieser Dynastie, erreichte das Reich seine größte Ausdehnung. Es reichte vom Penner bis zum Hindukusch.
Asokas Beitrag zur Kultur waren unter anderem Säulen und Tafeln, die er überall im Land errichten ließ, und auf denen Inschriften seine Weisheit dem Volke nahebrachten und zur Toleranz aufriefen, zu Friedfertigkeit, Ehrlichkeit und buddhistischer Religiosität. Auch viele Buddha-Statuen ließ Asoka errichten. Touristen und Archeologen gleichermaßen sahen sich diese Steindokumente noch nach zweitausend Jahren an und freuten sich, daß sie einen steinernen Beweis für die Toleranz der Inder vor Augen hatten. Die blutigen Schlachten, die sich Moslems und Hindus in den Slums der Städte lieferten, mieden sie verständlicherweisen. So viel Vernunft besaßen sie.
Megasthenes, der sich in den Jahren 306 bis 298 vor Beginn der christlichen Zeitrechnung als griechischer Botschafter in der damaligen indischen Hauptstadt Patiliputra aufhielt, berichtete nicht nur begeistert von der Schönheit der Stadt mit ihren großen Befestigungsanlagen und ihren 64 prächtigen Stadttoren und ihren 570 Türmen, sondern noch begeisterter vom Sozialleben der Stadt, wo die Menschen einander vertrauten, und keine Prozesse wie in Griechenland führen mußten um Pfand, Einlagen und Depositen, in Magadha brauchten die Leute bei ihren Geschäften auch keine Siegel oder Zeugen, da sie alle ehrlich waren. Aus dem gleichen Grund blieben auch Häuser unverschlossen und ohne Wächter. "Wahrheit und Tugend schätzen sie hoch. Alte Leute werden nicht einfach verehrt, bloß weil sie alt sind, wie bei uns, und sie genießen auch keine Vorrechte; nur wer über überragende Weisheit verfügt, wird geachtet und bevorzugt behandelt. Sie benutzen keine Auslänger als Sklaven und natürlich auch nicht ihre eigenen Landsleute."
Die Steuern waren hoch, aber die Dienste des Staates dienten allen. Es gab Mindestlöhne und niemand mußte hungern. Die Kanalisation funktionierte hervorragend, und die Straßen wurden so sauber gehalten, wie vielleicht nie wieder in Indien.
Der chinesische Reisende Ho-hsien berichtete: "Die Leute sind reich und gedeihen. Sie versuchen einander zu übertrumpfen an Freundlichkeit des Herzens und an der Liebe zu ihren Nachbarn."
Zu Asokas humanistischer Politik behörte das Errichten von Krankenhäusern, Herbergen und Schulen, das Graben von Brunnen, das Anpflanzen von Bäumen zu beiden Seiten von Überlandstraßen, der Tierschutz, eine milde Strafgesetzgebung und Almosen für die Armen und die Befreiung der geistig Armen aus dem Joch der Brahmanen; Brahmanismus wurde daher konsequenterweise verboten. Buddhismus dagegen wurde gefördert. Damals war der Buddhismus noch nicht zum Klerikalismus und Bonzentum verkommen.
Asoka schickte buddhistische Missionare nach Westen bis nach Syrien, damit sie ihre Botschaft des Friedens1 predigten. Sie waren nicht erfolgreich genug, denn eines Tages, etwa vier Generationen nach Asokas Tod, kamen Angreifer von Westen und vernichteten die Reste vom Reich der Mauryas, diese Angreifer waren die Skythen.
1 In Sektiererkreisen kursierte die Lehre noch ein paar Jahrhundert; ein gewissen Jesus Christus gehörte von ihr und verlieh ihr neuen Auftrieb.
Da aber war der letzte Maurya schon lange ermordet und Asokas Visionen von Arkadia von gierigen Vize-Königen mit eigenen Visionen (von Macht) zerstört worden, beziehungsweise gevierteilt. Viergeteilt aber hielt das Reich den Angreifern nicht stand.
Lange Zeit hatte man gedacht, das Reich der Mauryas hatte nur einen Vorgänger, nämlich das Reich der Arier, von dem nur die gigantischen Mauern von Rajagriha erhalten geblieben waren.
Doch die Arier waren Eindringlinge. Sie kamen aus Zentralasien und waren unzivilisierte Barbaren gewesen. Sie waren hungrig in eine Kulturlandschaft eindrungen, die Landschaft der Harappakultur, auch dravidische Kultur genannt.
Die Anfänge dieser Kultur lagen weit zurück, Jahrtausende bevor den Mlechhas ihr Heiland geboren wurde.
Große, schöne Städte hatte man damals gehabt, Harappa, Mohenjo Daro, Chanhu Daro, Kot Diji, Kalibanga, Lothal, Suthagen Dor. Glatte, gepflastere Haupt- und Nebenstraßen hatten diese Städte gehabt. Und die Städter lebten in zweistöckigen Ziegelhäusern mit Badezimmern und Kanalisationsanschluß. Die Kanalisation verlief abgedeckt unter der Straße und war nicht wie später einfach die Gosse. Man betrieb Viehzucht und Ackerbau, benutzte Baumwolle für seine Kleidung, hatte Schiffe und Wagen und Zugtiere, bearbeitete nicht nur Bronze und Eisen, sondern sogar Nirosta-Stahl. Die ganze Nation erstreckte sich von den Simla-Bergen bis zur Arabischen See.
Die Schrift dieser Vor-Arier hatte 200 Zeichen. Etwa 100 dieser Zeichen waren fast identisch mit Zeichen, die man auf den spärlichen schriftlichen Dokumenten, die auf der Osterinsel der Vernichtungswut von christlichen Missionaren entkommen waren, gefunden hatte, und selbst auf Japan gab es einige wenige Zeichen dieser Art in Stein gehauen. Einige Menschen sahen darin einen Hinweis auf den untergegangenen Kontinent Muh.
Und die Harappa-Kultur war eine weltliche Kultur gewesen, das größte Gebäude von Mohenjo Daro war weder eine Kirche, ein Tempel oder ein anderes Gotteshaus gewesen, noch eine Pyramide oder ein Palast, sondern ein öffentliches Bad.
Den Bewohnern war also wohl etwas so Vernünftiges wie die Sauberkeit im körperhygienischen Sinne außerordentlich wichtig gewesen. Erst mit der arischen Eroberung wurde Brahmanismus und Religion zu den höchsten Werten der Gesellschaft, und die dunkelhäutige Urbevölkerung zu unberührbarem Aussatz.
Die Arier ließen sich schon damals nicht durch ihre eigene Kulturlosigkeit einschüchtern. Wo ihnen das geistige Niveau fehlte, da machten sie es durch Hochnäsigkeit, Muskelkraft und Geistlichkeit wett. In der ersten Version von "Mein Kampf", der Rig-Veda, erwähnten sie die großen Städte der Dasyus, Rakshasas und Dämonen, und wie sie die Untermenschen sonst noch nannten, und wie mühsam es war, die gut organisierten Staaten dieser schwarzhäutigen Barbaren zu erobern, dieser schmutzigen Feinde der Götter, die doch eigentlich Sklavenmaterial waren, und denen sie später nach der Einnahme ihrer Städte und der Ermordung ihrer Oberschicht und Intelligenzia für Jahrtausende den Judenstern der Unberührbarkeit anhängen sollten. Und die Rakshasas waren für immer böse Buhmänner, die Schlechtigkeit in Person, völlig dämonisiert, Kinderschrecks und auch für Erwachsene, und keiner wußte mehr, wer damit mal gemeint war, auch nicht die Nachkommen der Betroffenen. Daß sie dunkel waren, und damit den Unberührbaren ähnlich, nur soviel wußte man.
Hautfarbe und Rassenreinheit waren schon damals eine Sorge, eine Obsession, ein Anankasmus der Arier. Es sollte sie nie wieder loslassen, weder in Indien, trotz Mahavira, Gautama the Buddha, Asoka oder Akbar oder einer laizistischen Verfassung, noch sonstwo, wo weiße Menschen auftauchten. Immer wurde Rasse und Hautfarbe zum Thema und es wurde erobert und beherrscht und kaputtgemacht, wenn es nicht die eigene Kultur war: Die Heere Alexander des Großen trieben die Ägypter nilaufwärts zurück nach Äthiopien und hellten die Hautfarbe Ägyptens auf.
Der Vater der Geschichtsschreibung1 Herodot, der selbst das alte Ägypten und viele andere Kulturvölker seiner Zeit besucht hatte, schrieb, daß die Bewohner von Ägypten, Sudan, Nubien, Arabien, Palestina, West Asien und Indien alle schwarzhäutige Äthiopier waren.2
1 Cicero nannte ihn so.
2 John G. Jackson beschreibt in seinem gut recherchierten und äußerst lesenswerten Buch "Ages of Gold and Silver" ausführlich die vergessenen bzw. geleugneten kulturellen Leistungen der negroiden Völker.
Ein anderer Fall arischer Kulturbarbarei war die Vertreibung der Mauren aus Spanien. Teile Spaniens waren ihnen Heimat gewesen von 89 bis 870 A. H., Anno Hegirae, bzw. im Jahr der Hedschra, wie sie ihre moslemische Zeit zählten.
Die Mauren, oder auch Mohren genannt, waren negroide Afrikaner, hatten also eine dunkle Hautfarbe, jene dunkle Hautfarbe, die die hellhäutigen Arier mit Schmutz und Minderwertigkeit assozierten.
Es war nicht die erste Vertreibung von Afrikanern aus Spanien. Schon im Neolithikum, der jüngsten Steinzeit, der Zeit der polierten Steine1, hatten die von Afrika herkommenden, nichtindogermanischen Iberer eine blühende Stadtkultur errichtet, z. B. Sagunto am Palancia. Phöniker, Griechen und römische Kolonialisten verdrängten und erdrückten dann diese Kultur; und Hannibal mit seinen Heeren zerstörte dann das römische Saguntum restlos.
3 J. Lubbock nannte das Neolithikum so.
Und Iberia wurde Carthago Nova4. Aber Carthago mußte brennen. Und Carthago Nova wurde zur römischen Provinz Hispania. Später dann war Völkerwanderungszeit. Da kamen die Vandalen und gründeten Vandalusien. Da die Vandalen sich aber einen schlechten Ruf als Kulturbanausen eingeheimst hatten, strichen ihre Nachkommen den Anfangsbuchstaben ihres Namens weg und lebten fortan als Andalusier frei von solchen Anfeindungen im eroberten Gebiet.
Anfeindungen gab es aber schon. Die Hispanoromanen waren Katholiken, die eingewanderten Westgoten Ketzer, arianische Ketzer, die frech behaupteten Jesus sei nicht mit Gott wesensgleich, sondern nur wesensähnlich, ein wenig wesensgleich, aber nicht ganz. (Ein kleines Problem, an dem die große Welt auf Wunsch der Gläubigen einmal zu Grunde gehen sollte.)
Wie so oft bei Auseinandersetzungen: Der Stärkste und Gemeinste gewann, Spanien wurde katholisch. Den westgotischen Königen waren es auch egal, mit welcher Religion sie ihr Volk unmündig hielten. Sie traten selbst zum Stärkeren, zum Katholizismus über. Doch der Starke erwies sich als zu stark. Er wollte nach dem Tod des Westgotenkönigs Witiza dessen Sohn nicht auf den Thron lassen. Da rief seine Familie die Mauren zu Hilfe.
Die Mauren kamen gerne. Sie waren Teil des Großreiches der Omaijaden. Im Osten hatten sie schon das ganze Gebiet bis zum Indus erobert und im Westen waren sie schon bis ans Meer gestoßen, was lag da näher, als jetzt nach Norden vorzustoßen. Die christlichen Kleinkönigreiche in Hispania waren ein Kinderspiel.
Für die Bevölkerung waren die neuen, maurischen Herrscher ein Segen. Sie saugten das Volk nicht wie die christlichen Kleinkönige aus. Das Land erlebte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Universitäten, Badehäuser und viele andere prächtige Bauwerke entstanden, viele zeugten noch lange nach der Vertreibung der Mauren - allen christlichen Lügen und Hollywood-Filmen zum Trotz - vom Können der Mauren. Und die Mauren regierten ihr Reich auch mit Toleranz. Juden, Christen, Wissenschaftler und Forscher konnten nach eigener Façon glücklich werden. Christen vielleicht nicht so sehr, weil zu ihrem Glück die Unterdrückung und geistige Beherrschung anderer gehörte, aber sonst ging es schon im maurischen Spanien.
4 spätere Cartagena
Nach der Reconquista durch katholische Gewaltherrscher brachte man dann die Juden und die zurückgebliebenen Moslems um, zerstörte die Universitäten und Badehäuser.
Die neuen weißen Herren zogen einen sauberen, betenden Blanko-Geist und einen verdreckten Körper einem Bad und der Wissenschaft vor, deshalb errichteten sie statt der Bäder und Universitäten große Gotteshäuser.
Gewaschen wurde sich jetzt nur noch einmal im Leben und zwar gleich nach der Geburt und das auch nur ein bißchen an der Stirn. Wer sich gründlicher wusch, wurde der Ketzerei verdächtigt.
Damals, als im arabischen Kulturgebiet alles blühte, Mathematik, Wissenschaft, Medizin, Literatur, Kunst, Architektur, Musik und Philosophie und die islamische Religion mehr Toleranz und Weltoffenheit zeigte als das Christentum, da haßten die dunklen religiösen Mächte des Abendlandes die Araber und strengten Kreuzzüge gegen sie an; in das sogenannte Heilige Land schickten sie mörderisches Lumpenpack, Lumpenpack, das sie später heilig sprachen - für selbstmörderisches Mordwerk.
Islam hatte im Orient Christentum verdrängt, wie Christentum Heidentum verdrängt hatte.
Der Islam war die Kopfgeburt von Abu al-Qasim Muxammad ibn Abd Allah ibn Abd al-Muttalib ibn Hashim, dieser Mann, Sohn seines Vaters, der wiederum der Sohn seines Vaters war, der wiederum... etc. etc. ad nauseam, vielleicht hatte er in grauer Vorzeit auch mal einen Vorfahr, der der Sohn seiner Mutter war, aber das wurde nicht überliefert, dieser Mann hatte die Idee mit dem Islam, er behauptete von sich, der letzte der Propheten zu sein; Adam war der erste. Seine religiösen Lehren waren durchaus revolutionär und bestachen durch ihre Einfachheit. Man sagte, er sei von Christentum beeinflußt worden. So viel war sicher, aus dem drei Drittel Gott der Christen hatte er einen einzigen Gott gemacht: Allah. Er hatte den Bruch also sozusagen gekürzt. Die Araber waren den christlichen Europäern damals in Mathematik weit überlegen. Die Europäer rechneten damals noch mit den Fingern und benutzen römische Ziffern.
In seinen revolutionären Predigten betonte Mohammad immer wieder Gleichheit, Brüderlichkeit und - das Letzte hatte er nicht ganz hingekriegt - Eroberung; außerdem sprach er noch - er war selbst Kaufmann - von der Bedeutung des Handels und des Wirtschaftens sowie von den Segnungen, die man durch das strikte Beachten von Gebets- und Fastenzeiten und durch Pilgerreisen erfuhr. So hatte er jedem etwas zu bieten, den Unterprivilegierten die Gleichheit, den Räuberischen Stämmen der Wüste die Legitimität, den Kaufleuten das Geschäft, den Mystikern eine Menge an Riten, Zeremonien und symbolischen Handlungen, als da waren die 4 Ss, die vier Säulen des Islam: Schahada: Glaubensbekenntnis "Es gibt keinen Gott außer..."; Salat: fünfmal täglich auf die Knie... beten; Sakat: Almosengeben; Saum: Ramadan-Fasten; dann gab es noch eine fünfte Hauptpflicht: die Hadsch, das Nach-Mekka-Pilgern; die Pflicht zum Dschihad gab es auch noch. Für normale Männer war sicher interessant, daß die Religion ihnen nur einen einzigen Gott, aber vier Frauen erlaubte.
Und mit dem Schwert in der Hand gut gerüstet zogen die neuen Gläubigen in alle Himmelsrichtungen: Und willst du nicht mein moslemischer Bruder sein, dann schlag' ich dir den Schädel ein. Kein Wunder, daß der damals christliche Orient und das ebenfalls christliche Nordafrika so schnell moslemisch wurden, wie sie einmal unter ähnlichen, zum Teil sogar noch brutaleren Umständen christlich geworden waren.
Eigentlich waren diese moslemischen Eroberungen eine weltliche Angelegenheit, und dem Kalifen, von arab. Chalifa = Stellvertreter, Nachfolger (des Propheten), war die Religion eigentlich egal, er brauchte sie nicht einmal zur Verdummung seiner Untertanen, vielleicht wollte er nicht über Idioten herrschen: In Baghdad konnte sich der Dichter El Marri (970-1057) öffentlich über die Religion lustig machen und erklären: "Auf der Welt gibt es nur zwei Klassen von Menschen: intelligente Menschen ohne Religion und religiöse Menschen ohne Intelligenz."1
1 Aus John G. Jacksons "Ages of Gold and Silver" S.257. Jackson gibt noch mehr Beispiele für die Atmosphäre von Toleranz zur Omaijaden Zeit. Da Jackson Atheist und Schwarzer war, und beide, Schwarze sowohl als auch Atheisten, in der Geschichtsschreibung zu kurz kommen, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, in gut recherchierten Werken die kulturellen Leistungen der afrikanischen und farbigen Völker zu beschreiben und an einigen den Weißen liebgeworden Vorstellungen kräftig zu rütteln. Was Atheismus betrifft, so zeigt er dem Leser zum einen, daß da, wo die Religion zurückgedrängt ist, die Kultur, die Wissenschaften, das Geistesleben aufblühen, und zum anderen zeigt er auch, daß Atheismus gar nicht so selten ist, es hat ihn immer und überall gegeben, sogar im Vatikan. Papst Leo X. soll auf seinen Reichtum angesprochen gesagt haben: "Das habe ich alles der Fabel von Jesus Christus zu verdanken." Die Idee mit dem Ablaßhandel ging auf diesen Papst zurück: Jesus und die Heiligen hatten so viele überschüssige Kräfte, jetzt hat sie die Kirche als Thesaurus ecclesiae, als Kirchenschatz, (übrigens immer noch, scheint also noch nicht alle zu sein, wahrscheinlich unermeßlich, wie die Kräfte des Dukatenesels), den sie Stückweise für teures Geld oder auch für weniger, wenn man das teure Geld nicht bezahlen konnte, verkaufte, um sich richtige Gold- und Kunstschätze anzulegen. Leo X. war ein Mäzen der Künste, und wenn er ein Skeptiker war, so war er mehr noch ein Zyniker, der darüber lachte, daß die Seelen aus dem Fegefeuer sprangen. Und wenn er auch wirklich wie wir ein Atheist gewesen sein mochte - diese Art von Atheisten sind häufiger, als manche Gläubige wahrhaben wollen -, weder ich noch John G. Jackson, da bin ich mir sicher, noch andere, die sich um die Befreiung der Menschen vom religiösen Joch bemühen, fühlen sich einem solchen Atheisten verbunden.
Leo X. war übrigens so damit beschäftigt, die Kaiserwahl von Karl V. zu
verhindern, daß er drei kostbare Jahre lang das Treiben eines Mönches, der die Fabel von Jesus Christus noch ernstnahm, ignorierte, was der wiederum nutzte, um mit seiner sogenannten Reformation die weltlichen Tendenzen des damaligen Christentums umzukehren und die Welt in einen neuen christlichen Fundamentalismus zurückzustürzen, der wieder Blut in Strömen fließen ließ.
Aber Blut und menschliches Leiden waren ja nicht wichtig, Gott war...
(Ende der Fußnote)
Und der arabische Historiker Tabari (839-923), Autor eines dreißigbändigen Korankommentars, konnte berichten, daß Aischa, Mohammeds Lieblingsfrau, sich oft scherzhaft über den auffallend guten Willen Gottes geäußert habe, der den Wünschen ihres Mannes immer entgegenkomme, und so seinen Lesern nahelegen, daß die Offenbarungen Gabriels doch wohl eher eine Zwecklüge des Propheten waren.1
1 Informationen zu Tabira und Aischa wurden Peter Priskils Buch "Salman Rushdies - Portrait eines Dichters" entnommen, der sich seinerseits auf einen Artikel der Neuen Züricher Zeitung vom 1. 3. 1989 bezieht.
Aber die meisten Leute wollten glauben, nicht denken und aus Naheliegendem Schlüsse ziehen, von den zwei angebotenen Menschenklassen wählten sie die niedrigere. Die Aufklärung war einer Elite vorbehalten.
Damals aber und für noch gute sieben Jahrhunderte danach brachte man im christlichen Abendland eine solche geistige Elite wegen Ketzerei um. Dann brach ein Flächenbrand der Freiheit und des Wissens aus und die Pfaffen mußten sich verkriechen.
Aber langsam vergaßen die Leute, wie schlimm die Unterjochung gewesen war, und langsam wagte sich ein Pfäffchen nach dem anderen wieder hervor. Das Feuer der Freiheit brannte nicht mehr so prächtig, es glöste, es glöste vor sich hin, es döste, die Leute dösten. Aber ganz auszukriegen war das Feuer auch nicht.
Zweihundert Jahre nach der Aufklärung, als die arische Geistlichkeit sich noch immer von den Werten der Französischen Revolution, vom materiellen Wohlstand der Allgemeinheit und von wissenschaftlicher Geistesfruchtbarkeit bedrängt fühlte und der Islam ein mörderisches, mittelalterliches Gesicht aufsetzte und über die Religionsgrenze zurückwarf, entdeckte die eine Priesterkaste die andere und man begründete - bei Priestern kein Problem (im Gegensatz zu Wissenschaftlern, die ja oft Schwierigkeiten haben, etwas zu begründen) - mit der an den Haaren herbeigezogenen Gemeinsamkeit vom Abrahamischen Erbe die Zusammenarbeit gegen ein neues Heidentum, das die Vernunft zum Götzen hatte.
Und natürlich war es der hellhäutigere, arischere Oberpriester, der besonders eifrig ins frisch gemachte Abrahamische Ehebett steigen wollte, denn in seinem Reiche hatte die Vernunft viel weiter um sich gegriffen, als in dem Herrschaftsgebiet arabischer bzw. moslemischer Mullahs, wo gerade mit zunehmender Verarmung, tatsächlicher als auch geistiger, eine neue Gläubigkeit um sich griff.
Nichtsdestotrotz, auch die Mullahs stiegen ins neue Kuschelbett "Abrahamische Religionen", die Juden gehörten natürlich auch dazu. Ehe zu Dritt.
Karthago mußte brennen und Nordafrika von weißen Menschen besiedelt werden. Es bestand also eine Blutsverwandtschaft. Und unter frommen Leuten bestand zusätzlich immer noch eine Geistesverwandtschaft - selbst wenn sie sich als Kreuzritter und Mudschahedin gegenseitig umbrachten oder -bringen müßten -, und auch fromme Mullahs wußten, wie man heilige Schriften lesen mußte, und wie man in ihnen das überlesen mußte, was nicht opportun war:
5.56. O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu Freunden; sie sind untereinander Freunde, und wer von euch sie zu Freunden nimmt, siehe, der ist von ihnen. Siehe, Allah leitet nicht ungerechte Leute.
5.76. Wahrlich, ungläubig sind, die da sprechen: "Siehe, Allah ist ein dritter von drei." Aber es gibt keinen Gott, denn einen einigen Gott. Und so sie nicht ablassen von ihren Worten, wahrlich, so wird den Ungläubigen schmerzliche Strafe.
9.30. Und es sprechen die Juden: "Esra ist Allahs Sohn." Und es sprechen dieNazarener: "Der Messias ist Allahs Sohn." Solches ist das Wort ihres Mundes. Sie führen ähnliche Reden wie die Ungläubigen zuvor. Allah schlag sie tot! Wie sind sie verstandeslos!
So freuten sich dann auch die moslemischen Mullahs mit dem christlichen Oberpriester ob des gemeinsamen Abrahamischen Erbes, aber sie behielten sich weiterhin das Totschlagen für die christlichen Dissidenten in ihrem eigenen Herrschaftsgebiet vor. Der christliche Oberpriester drückte da gern mal ein Auge zu. Man war ja tolerant.
...und so lange es den eigenen Leuten an Glaubensstärke fehlte, konnte man diese falsche Religion sowieso nicht ausrotten.
Ausrotten, da fiel der Priesterkaste zwar nicht Harappa und Mohenjo Daro und die Dravidische Kultur ein, wohl aber die Vernichtung falscher Religionen in Amerika und Afrika, besonders der Sieg über die Hochkulturen der Inkas und der Azteken, die die Frechheit gehabt hatten mit der Zeitrechnung 9 000 Jahre vor der Geburt des Heilands anzufangen, war ein großer Triumph gewesen. Bei Zeiten würde man ihn wiederholen.
Irgendwann werden wir Oberpriester unser Messer hinterm Rücken hervorholen und Euch in den Rücken stechen. Und Ihr seid aus, vorbei, Geschichte.
Der weiße, christliche Mensch hat noch eine große Aufgabe vor sich im nächsten Jahrtausend - oder im übernächsten.
Kreuzzüge.
...
Neuevangelisierung und neue Kreuzzüge.
Adjuna wanderte weiter von den Ruinen der Geschichte zum Ruin der Gegenwart.
Nummer eins.
Menschenfeindliche Futterverschwendung auf Indisch - der Affenberg ohne Affen.
In Warszawa stand einmal der höchste Radiomast der Welt, 646,38 m hoch; der CN Tower im Metro Center von Toronto war einmal der höchste Turm der Welt, 555,33 m; das höchste Monument der Welt war einmal das 192 m hohe Tor zum Westen in Saint Louis, ein Nirosta-Stahlbogen von Eero Saarinen, einem amerikanischen Designer finnischer Herkunft; die höchste Statue der Welt war das Werk `Mutterland' von Yevgeniy Vuchetich auf dem Mama!-yev Hügel vor Wolgograd, früheres Stalingrad, noch früheres Zarizyn, diese weibliche Betonfigur, die Mutter Rußland symbolisierte, maß 82,30 m bis zur Schwertspitze; der ruhende Buddha bei Bamiyan in Afghanistan, eine Statue aus dem 3. Jahrhundert vor Beginn der christlichen, westlichen Zeitrechnung, die wahrscheinlich auf Anweisung Asokas errichtet worden war, wäre noch viel höher als die russische Mutter, wenn sie aufstehen würde, was sie aber nicht tat, nämlich über 300 Meter!
Aber die aller größte, "frei"-stehende Statue der Welt - und mit `freistehend' war hier `ohne Hose' gemeint - stand in Mysore, Karnataka-Staat, Indien. Die Bildsäule stellte den Jaina-Heiligen Bahubali dar. Es war die größte Darstellung eines nackten Menschen zur Zeit von Adjunas Wanderung. Die Figur war so groß wie 13 Männer. Wenn man davon ausging, daß Bahubali von normaler Statur war, konnte man behaupten, daß er hier dreizehnmal vergrößert in Granit gehauen stand. Mag er auch von normaler Statur gewesen sein, in anderer Hinsicht schien er nicht normal zu sein.
Er stand einen guten Teil seines Lebens, - vielleicht war es auch kein so guter Teil seines Lebens -, den letzten Teil seines Lebens in tiefer Meditation unbeweglich, Schlingpflanzen rankten an seinen Beinen hoch, bohrten sich in seinen Anus, umschlangen die Arme und den Hals, würgten ihn und er merkte es nicht, Ameisen krabbelten an seinem Körper auf der Suche nach Nahrung, Vögel nisteten in seinen verfilzten Haaren, Schlangen glitten an seinem Körper hoch, um die Nester auszunehmen, die Nestlinge als Nahrung einzunehmen.
Bahubali nahm sich kein Beispiel an ihnen, er fastete und meditierte weiter und weiter und rührte sich nicht. Er soll der erste gewesen sein, dem es gelang, in der Kali-Yuga Moksha zu erreichen.
Es war Geburtstagszeit.
Tausend Jahre war die Statue alt geworden.1 Ihren Geburtstag feierten die Pilger mit großem Trubel, weltlichem Trubel, Trubel Jubel Heiterkeit. Eine Plattform hatte man errichtet, höher noch als die Statue, auf der entleerte man tausendacht große Gefäße mit Milch, Ghi, Safran und anderen Libationen, so daß sich die Gaben über die Statue ergossen. Zusätzlich regneten von einem Hubschrauber Blütenblätter herunter. Früher einmal hatten die Götter so etwas gemacht, wenn sie einen Menschen erspähten, der ihrer Meinung nach besonders großartig war, wahrscheinlich, weil da die Menschen noch keine Hubschrauber hatten und es noch nicht selbst machen konnten.
Auf jeden Fall, wenn Bahubali einmal aus Mitleid mit der Natur und wegen Ahimsa auf Nahrung verzichtet hatte, durch sein fanatisches Beispiel hatte er sich Bewunderer geschaffen, die Hunderttausende von Blumen abrupften und ihnen sogar die Blütenblätter auszupften und sie dann wegwarfen, aus dem Fenster, aus dem Fenster eines Hubschraubers. Er war nicht verantwortlich für die Handlungen seiner Anbeter, sonst hätte man sagen können, an diesem Geburtstag waren all seine Verdienste verloren gegangen. Es war schade um die vielen Blumen, die ihr Leben seinetwegen oder seiner Statue wegen hatten lassen müssen, aber noch schader war es um die vielen hungernden Menschen, die an den vergossenen Lebensmitteln hätten satt werden können.
"Solange nicht alle genug zu essen haben, sind Lebensmittel zu schade zum Wegwerfen. Wie viele Kinder gab es, besonders in den armen Kasten, die gerne diese Milch getrunken hätten."
1 Febr. 1981,
Margaret R. Bhatty beschreibt das Ereignis in "An Atheist
Reports from India".
Auch in Hyderabad wurde Adjuna Zeuge großer Futterverschwendung. Und nichts wurde an die Affen oder die Armen verschwendet.
Wenn die alten babylonischen Götter so abgewirtschaftet hatten1, daß ihnen keiner mehr opferte und sie dem Hungertod überlassen blieben, und selbst ihr Rechtsaußen, der Gott Jahwe der Juden und des ATs, sich neu erfinden mußte, die indischen Götter brauchten sich nicht zu beklagen, Indien räucherte ihnen noch immer Nahrungsmittel herauf, im Kleinen wie im Großen.
1 Alfred Döblin beschreibt das sehr gut in seiner Babylonischen Wanderung.
In Hyderabad geschah es gerade im ganz großen: 10 000 Kilo klare Butter, 7 000 Kilo Jingal - l, 250 Kilo Reis, 100 Säcke Zucker und noch ein paar Kleinigkeiten zum Nachtisch.
Das große Opfer, das die Brahmanen hier zum Himmel hinaufräucherten, war für die Brahmanen in keiner Weise ein Opfer, denn für das große Opfer opferten die Brahmanen nichts. Sie ernteten die Beachtung, die sie brauchten. Wichtigtuer brauchten Beachtung, wie Götter Gläubige brauchten.
Es waren regierende Politiker des Staates Andhra Pradesh, die opferten - aus dem Steuersäckel des Staates, und einzelne Gläubige, die meinten, daß sie durch ihre Steuern zu wenig an dieser Schnüffelgabe für die Götter beteiligt waren, am meisten aber opferten die Atheisten und Rationalisten des Staates Andhra Pradesh. Da sie gegen diese verbrecherische Nahrungsverschwendung protestierten, sperrte man sie kurzerhand für die einwöchige Dauer des Festes ein. Sie opferten also eine ganze Woche ihres Lebens für ihre Überzeugung.
Was für ein Opferfest war das nun? Das Fest2 war so ziemlich aus dem blauen Dunst erschienen. Es nannte sich Ashvamedha Yagna, das große Pferdeopfer, und es sollte laut Hindu-Oberhirte Jagathguru Swami Ramanujachary von Kashi Pith, Friede, Harmonie und Wohlstand über die Welt bringen, die Politik von Korruption befreien, die Anwesenden von ihren Sünden erlösen und noch ein paar andere Sachen können, die man objektiv nicht feststellen konnte.
2 27. 5. - 3. 6. 1985, Kosten: 25 lakh Rupies. Ein Lakh = 100 000.
Der letzte, der das große Pferdeopfer durchgeführt hatte, war Maharaja Jaya Singh von Jaipur gewesen. Das war 250 Jahre früher gewesen. Er hatte es im alten Stil der Arier durchgeführt, bei denen es eines der beliebtesten Opfer gewesen war. Man hatte das Opfer damals nur durchführen können, wenn man eine große Armee hatte und kriegerische Absichten, denn es war notwendig, das Ashvamedha, also das Opferpferd, am Rande des eigenen Territoriums loszulassen, und alle Königreiche, die das Pferd durchzog, zu erobern und sich untertan zu machen, tributpflichtig. Wahrscheinlich paßte man aber ein bißchen auf, daß sich das Pferd nicht verlief - in die Wildnis hinein z. B. oder zu einem zu starken König.
Wenn das Pferd dann nach einem Jahr wieder zurückgekommen war, salbte die Königin das heilige Tier und sprach zu ihm einen genau vorgeschriebenen Text aus dem Yajur Veda, nach dem sie dann auch handelte. Sie sprach zu ihm: `Oh Pferd, komm in mich, ich will deine Samen in mich hineinziehen. Ich möchte von deinen Samen geschwängert werden.'
Nach vollzogenem Beischlaf wurde das Tier dann geschlachtet und gebraten. Das Rig Veda gab genaue Anweisung, wie das Pferd in Stücke zu schneiden war, welche Segnungen und Sprüche die Priester zu sagen hatten, und wer welches Teil zu essen hatte. Und wer bei dem Opfer alles richtig machte, der kam in den Himmel, aber wer auch nur das kleinste Detail falsch gemacht hatte, hatte sich mit Sünde beladen und war zur Hölle verdammt.
In der Nacht bestieg dann der Raja auch noch heimlich seine Rajani, falls das mit dem Pferd nicht geklappt hatte.
In der modernen Version nun ließ man das Pferd aber nicht über die Staatsgrenze nach Pakistan laufen und schlachten tat man das Pferd auch nicht. Hindus hatte ja ihren Appetit auf Pferdefleisch schon lange verloren. Außerdem sollte das Pferd ja ein Bote des Friedens sein. Und wie konnte man einen Friedensboten schlachten und aufessen?
Für das Schlachtfest hatte man eine Nachbildung aus Teig gemacht, die man dann - minuziös den ewig wahren, unabweichlichen Anweisungen des Vedas folgend - tranchierte.
Die Harijans ließ man auch in dieser modernen Zeit nicht an das Heiligste des Heiligen heran: an das Opferfeuer. Wußte man doch: Hunde und Harijans verdarben die heiligen Gaben. Solch menschlicher Aussatz brachte nur die Harmonie, die sich auf Grund des Opfers auf der Welt ausbreitete, in Gefahr.
Von Journalisten auf die Harijans angesprochen, meinte der Hindu-Oberpriester: "Jede Aufgabe erfordert eine Fähigkeit. Sie lassen sich doch auch nicht von jedem Quacksalber operieren. Sie bestehen auch auf einen richtigen Chirurgen."
"Wie ist es aber, wenn ein Unberührbarer sich die Fähigkeit, korrekt aus den Veden zu rezitieren, angeeignet hat?"
"In der Lage zu sein, die Veden zu rezitieren, macht aus einem Unberührbaren noch keinen Brahmanen, aber wenn er sich in diesem Leben viel gutes Karma aneignet, dann wird er vielleicht schon im nächsten Leben zum Brahmanen befördert und dann kann er so viele Yagnas machen, wie er will."
Ein anderer Journalist meinte: "Die göttliche Gabe der Vernunft kommt doch wohl etwas zu kurz bei dieser Zeremonie?"1
Der Priester gab wieder seinen Priestersenf von sich, was er wirklich dachte, erfuhr man nicht.
Adjuna aber dachte, wer Vernunft für eine Gottesgabe hielt, hatte sie nicht.
1 Informationen zum Großen Pferdeopfer von Hyderabad verdanke ich der indischen Atheistin Margaret R. Bhatty und ihrem Report from India.
Nummer zwei.
Die einfältigen, religiösen Vorstellungen der Inder waren ein Witz für die aufgeklärte, westliche Welt. Erzählten sich die Inder doch tatsächlich, daß die Welt auf dem Rücken eines Elefanten ruhte, und wenn man sie fragte, worauf denn der Elefant stehe, dann sagten sie, auf dem Rücken einer Schildkröte, und wenn man sie fragte, worauf denn die Schildkröte stehe, dann wollten sie schnell das Thema wechseln,1 weil sie noch nie so weit gedacht hatten und daher keine Antwort wußten. Adjuna fand keinen Inder, auf den diese Geschichte zutraf, aber er erinnerte sich, einmal britische Seeleute gehört zu haben, die sangen: "The moon is made of cheese, if you please." Was die Briten doch für lunatische Vorstellungen hatten!
1 Bertrand Russell in seinem Buch "Warum ich kein Christ bin" S. 20 erwähnte diese `indische' Vorstellung, und stellte sie dem Gottes-Beweis der ersten Ursache gleich: Wenn Gott ohne Ursache existieren kann, kann das Universum es auch. Genauso: Wenn die Schildkröte in der Luft stehen kann, kann die Erde es auch.
Interessanterweise fand ich in einer Publikation der Zeugen Jehovas "Life - How did it get here? By evolution or by creation?" auf S. 200 genau diese primitive, `indische' Vorstellung der `korrekten' Bibelaussage "Er breitet aus die Mitternacht und hängt die Erde an nichts (Hiob 26:7)" gegenübergestellt.
Wieviel vernünftiger und wissenschaftlich korrekter war doch die Bibel! hätten die Inder in ihrem Märchen die Elefanten und die Schildkröte weggelassen und die Erde auf nichts gestellt, wäre ihre `Theorie' gleichwertig gewesen.
(Ende der Fußnote)
Nein, die kosmischen Vorstellungen der Inder waren anders. Von der Zeit, vom kleinsten Paramanu bis zu den großen Yugas und Kalpas hatten wir ja schon im Religionsunterricht auf Seite (1274ff) gehört.
Es fehlten,
aber noch die Lokalitäten
und ihr Rundherum
im Universum.
Also Brahma erschuf ja das Universum für jeden seiner Arbeitstage neu, man sagte auch, er atmete es aus, es spielte dabei wahrscheinlich keine Rolle, ob er durch den Mund oder durch die Nase atmete. Am Ende eines Kalpa erschienen sieben Sonnen am Himmel - wo kamen die sechs neuen Sonnen bloß her? Hatte die eine Junge gekriegte? Kamen sie von weither angeflogen, oder aus der Nähe?
Diese sieben Sonnen sollten so sehr sengen, daß die Erdoberfläche versengte und so kahl und glatt wurde wie der Arsch eines... ach nein, wie der Rücken einer Schildkröte. Worauf die jetzt wieder stand, wo die Erdoberfläche doch kugelrund war? Ach nein, es war doch gar keine Schildkröte, es sah doch bloß so aus. Halt, halt, die Erde war doch keine Kugel, vielleicht für dumme Leute. Man konnte es nicht oft genug sagen, die Erde war ein Rotationsellipsoid.
Aber wir waren doch in Indien!
Richtig, und nach den Purânas (Sanskrit-Wort, bedeutete `alte Erzählung'), sie stammten aus biblischer Zeit oder noch unaktuelleren Kalendertagen, also nach den Purânas war die Welt Tribhuvana, dreifache Erde, Ober-, Mittel- und Unterwelt, Himmel, Hölle und was dazwischen war. Das Ganze hatte Ei-Form. Die äußere Schale - dieses Ei hatte mehrere Schalen - also die äußere Schale war unförmige Materie, darunter lag die Schicht der Intelligenz und darunter die Schicht des Ichbewußtseins, also die Anfänge zu Eigensucht, Kastendünkel und Fremdenhaß, darunter die Schicht des Äthers, darunter die des Windes, darunter die des Feuers, darunter die des Wassers. Es gab also sieben Eierschalen. Sieben, eine schöne Zahl, eine mystische Zahl.
Jede Schale war zehnmal dicker als die Schale unter ihr. Also Feuerschale zehnmal dicker als Wasserschale, Windschale zehnmal dicker als Feuerschale, Ätherschale zehnmal dicker als Windschale, Intelligenzschale zehnmal dicker als Ätherschale. Es gab also viel Intelligenz im Univervum, aber für die Menschen, die ganz im Innern dieses Eis lebten, war sie viel zu weit weg. Es gab kaum Menschen, die intelligent genug waren, auszurechnen, wieviel mehr Volumen die eine Schale des Eis zur anderen Schale hatte, wegen der parabolen Wölbung war es für die meisten zu schwer; die weisen Seher, die die Purânas verfaßt hatten, hätten es sicher auch nicht ausrechnen könnten, möglicherweise sahen sie nicht einmal ein, daß zehnmal so dick nicht gleich zehnmal soviel bedeutete. Aber im Gegensatz zu den heutigen Mathematikern, dachte Adjuna, lebten sie ja auch in der Dotter eines Eis und nicht in den Außenbezirken einer Galaxis kurz vor dem Abgrund zur unförmigen Leere.
Die Erde nun war in der Mitte dieses Eiversiums, also wie die Dotter eines Eis, wie das Eigelb, eigentlich eher wie ein Spiegelei, denn in den Veden wurde sie als riesige, flache Scheibe beschrieben.
Die Wasserschale lag der Erde am nächsten und die Menschen kamen mit ihr ständig in Kontakt, es gab Wasser unter der Erde beim Brunnengraben, es gab Wasser über der Erde und es gab die Ringozeane um die Erde. In der Mitte der Erde stand der Berg Meru, konzentrisch um ihn herum waren die Kontinente und Ozeane. Eine große Landmasse umgab den Berg Meru. Diese große Landmasse war kreisförmig und wurde von dem ersten salzigen Meeresring umgeben. Diese mittlere Landmasse wurde in vier Kontinente unterteilt und zwar nach den Himmelsrichtungen in das nördliche Uttarakuru, das östliche und westliche Videha, und den südliche Kontinent, Indien, auch Bhâratavarsa genannt oder auch Jambudvîpa, der Rosenapfelkontinent, genauso wie auch die ganze mittlere Festlandmasse genannt wurde nach dem großen Jambu-Rosenapfelbaum, der südlich von Meru stand. Etwas westlich von diesem Rosenapfelbaum in der Nähe der Stadt Bombay ragten riesige Eier aus dem Boden, viele, viele Male größer als die Eier des Elefantenvogels Roch. Sie warteten nicht darauf, daß man sie ausbrütete, sondern sie brüteten selbst, sie waren Plutoniumbrüter. Ein hübsches Nest von Atomfabriken. Eigentlich stand es zu dicht zum Erzfeind Pakistan, weil der es schon mit Mittelstreckenraketen beschießen konnte.
Hier baute man an den sechs zusätzlichen Sonnen, die gebraucht wurden, um die Kalpa zu beenden, vorzeitig abzubrechen. Man hatte schon über ein Dutzend fertig. Der atomare Grenzkrieg mit Pakistan konnte eigentlich beginnen. Oder sollte man fairerweise warten, bis Pakistan seine versprochene islamische Atombombe fertig hatte? Ali Bhutto hatte als pakistanischer Premierminister seinem Volke angesichts des ersten indischen Atombombentests eine eigene Atombombe versprochen: "und wenn das Volk Gras fressen muß."1 Nun Grasfressen war nicht so schlimm, der Prophet hatte nichts dagegen, Schweinefleisch, ja, das wäre schlimm gewesen, da hätte es einen Aufstand gegeben.
1 Premierminister Bhutto sagte in Wirklichkeit nicht "fressen", sondern "essen". Er hatte wohl das Gefühl, daß er seinem Volke schon genug zumutete. Seine Verachtung wollte er ihm wohl nicht auch noch zumuten.
Holger Strom in "Friedlich in die
Katastrophe" beschreibt auf S. 826ff die Ereignisse um die
indische und islamische Atombombe.
Nummer drei.
Menschliche Ruinen in Bombay - auch in Bombay.
Bombay
Im Hafenviertel entlang der Fauklin Road wuchs eine bizarre Stadt, eine Stadt für sich, die Stadt der Käfige. Bunte Paradiesvögel zwitscherten in diesen Käfigen hinter Metallstangen und -gittern, Devdasis, Dienerinnen der Göttin Renuka, der indischen Aphrodite.
Kasernierte Lustmädchen und -frauen, geknechtet von ihren Brahmanen-Priestern.
Warum dienten sie der Gottheit?
Man hatte ihnen eine Geschichte erzählt: Brahma hatte sieben der Sinne entsprungene Söhne, die Prajapatis. Jamad-agni war der vierte dieser sieben. Er lernte die Vedas und Vedantas, Tapas und Tantras und wurde ein weiser Rishi. Er war völlig frei von Begierde und besaß gänzliche Kontrolle über seine Sinne, Gefühle und Gemütsbewegungen. Durch Beherrschung der Raja-Yoga begab er sich in Trance, einem religiösen Ohnmachts- oder Allmachtszustand oder einem Weder-Noch, den die Inder Samadhi nannten. Dort nahm er die Ultrarealität wahr, die höchste Wirklichkeit, falls man Wirklichkeit steigern konnte, die letzte Wahrheit, die kosmische Einheit des Universums, das eigene Aufgehen in dieser Einheit, Offenbarung, Erleuchtung, ein erhebendes Gefühl.
Als die Erde ihn wieder hatte, er also zurückgekommen war, fand er, daß seine Frau Renuka, die eine Tochter der Sonne war, also eine solare Prinzessin, und die Mutter seiner fünf Söhne, während seiner Abwesenheit nicht wie bisher der Lust fern geblieben war, sondern als sie beim Baden am Fluß ein göttliches Paar sich am Ufer in fleischlicher Liebe vergnügen sah, hatte sie selbst Lust auf einen Geschlechtsakt mit einem potenten Gott bekommen. Dieser gedankliche Ehebruch und Fehltritt vom Weg der Askese erregte den Zorn des Heiligen so sehr, daß er von seinen Söhnen forderte, ihren Kopf abzuschlagen.
Ein Sohn nach dem anderen verweigerte ihm den Gehorsam. Erst der jüngste, Parasurama, gehorchte. Mit einem einzigen Hieb seiner Axt schlug er der Mutter den Kopf ab.
Jamad-agnis Rage flaute ab. Er streichelte seinem gehorsamen Sohn über den Kopf und versprach, ihm jeden Wunsch zu erfüllen.
Und so erzählen die Brahmanen-Priester ihren Opfern die Geschichte nun weiter:
Parasurama bat, die Mutter wieder in ihrer Ganzheit herzustellen und zu beleben. Jamad-agni war aber nur zu einem Kompromiß bereit. Er schlug einer Frau der Unterkaste den Kopf ab und setzte ihn auf den wunderschönen Körper der Sonnenprinzessin. Dieser Kreatur versprach er Göttlichkeit, und daß bis in alle Ewigkeit unverheiratete Frauen ihr ihr Leben weihen würden. Und jede dieser Frauen würde sich ergeben einem jeden Mann, der ihren Körper begehrte, hingeben und in jedem dieser Männer hätte sie das Image von Renukas liebenden Sohn zu sehen.
Natürlich war das Ganze eine Lügengeschichte. Priester waren in Indien, wie in anderen Kulturkreisen auch, die großen Lügner und Umlügner.
In Wirklichkeit endete die Geschichte so: Parasurama schlug den Kopf seiner Mutter nur ab, weil er wußte, daß sein Vater ihm als Belohnung einen Wunsch freistellen würde, und daß dieser Wunsch die einzige Möglichkeit war, der Mutter das Leben zu retten, und auch die älteren Brüder, die der Vater in seinem Zorn mit Wahnsinn geschlagen hatte, wieder normal zu machen. Ein Rishi wie Jamad-agni fühlte sich natürlich seinem Wort verpflichtet und stellte Frau und Kinder wuschgemäß wieder her. Und sie waren wieder eine glückliche Familie. Die Geschichte endete also mit einem ungetrübten Happy End.
Wenn man die Brahmanen nun fragte: Warum erzählt ihr den kleinen Mädchen solche Schauermärchen? dann sagten sie: Ja, das ist zwar nicht wahr, aber wir müssen ja auch leben, und da muß man manchmal abwägen zwischen dem, was richtig ist, und dem, was nützt.
Natürlich, auch wir sind nicht nur schlecht, wir haben auch Gewissensbisse, aber am Ende sind wir doch vernünftig. Wir können doch nicht uns und unsere Familien verhungern lassen. Außerdem dient es auch der Allgemeinheit.
Wie das?
Wenn die Männer nicht die Prostituierten hätten, was meinen Sie, wie da die Unzucht die ganze Gesellschaft durchziehen würde. Die Mädchen wären ja auf der Straße nicht mehr sicher.
Also auch die sogenannte Ventiltheorie mußte für die Profitsucht der Priester herhalten.
Nun sicherten harmlose Lügengeschichten noch längst kein Einkommen und erst recht kein gutes Auskommen, wenn nicht noch andere Lügen dazu kamen. Zum Beispiel kam es da einem Brahmanen-Priester sehr gelegen, wenn er einen Sterbenden betreute, dann konnte er nachher sagen, der Tote hätte geschworen, daß ein Mädchen der Familie Dienerin der Renuka werden sollte. Die betroffene Familie würde sich dann zwar winden und Ausreden erfinden, aber letzten Endes würde sie doch nachgeben: Wenn das der Schwur des Großvaters war,... Auch halfen noch Drohungen mit dem Zorn der Göttin. Alles reine Lügen verstand sich. Notlügen, wie die Priester es nannten.
Bevor das kleine Mädchen, die Neophytin, in einem Käfig der Fauklin Straße endete, mußte sie bei Vollmond ein Initiationsritual, das Randay Purnima, über sich ergehen lassen, dabei wurde sie auch entjungfert, falls der Priester so lange hatte warten können. Manch ein Mädchen mochte angesichts des festlichen Rahmen des Geschehens, das Gebete und Tänze miteinschloß, wirklich glauben, sie habe eine sakrale Karriere vor sich, doch sehr schnell verflog diese Illusion, wenn sie meist schon im Anschluß an dieses Fest den pockennarbigen, goldbehangenen Hurenhausbesitzern, den nervös rauchenden Zuhältern oder manchmal auch einer Madame vorgeführt wurden. Die nächste Station im Leben dieser Mädchen schloß viel Schläge mit ein. Denn die Arbeit in den dreckigen, dumpfigen Ställen der Hurenhäuser war kein Vergnügen. Besonders in der ersten Zeit, wenn das Hymen gerade erst zerrissen war und die tägliche Arbeit die Wunde nicht heilen ließ, war die Arbeit eine Hölle und mit Schmerzen verbunden, die man nur nach den noch größeren Schmerzen der Schläge ertrug. Was wollte man machen? Die männliche Kundschaft liebte gerade das Keuchen und Schreien der kleinen, gerade erst entjungferte Mädchen am meisten, und war bereit, dafür besonders gut zu zahlen. Die meisten ließen sich auch täuschen und glaubten, selbst die Entjungferung vorzunehmen. Das bißchen Blut an ihrem Penis war ihnen Beweis genug.
In der ersten Zeit kümmerten sich auch die Brahmanen-Priester noch um das geistige Wohl ihrer Schützlinge, indem sie von der Göttin erzählten und von ihrem Zorn bei Ungehorsamkeit. Später dann, wenn die Mädchen abgestumpft waren und routiniert arbeiteten, kassierten die Priester dann nur noch ihre Provision.
Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß Indien mal ein unfreies Land war, das von einer fremden Macht beherrscht wurde.
Ach, wer wollte sich denn an dieses traurige Kapitel erinnern!
Auf jeden Fall respektierte diese fremde Mlechhas-Macht die Religionsfreiheit nicht. Sie verbot den Priestern nämlich, Devdasis der Göttin Renuka zu weihen.
Aber die Mlechhas-Fremdlinge mußten das Land wieder räumen, und in Indien herrschte wieder Religionsfreiheit.
In Wirklichkeit herrschte Religionsfreiheit natürlich nur da, wo die Priester eingesperrt waren, denn nur da konnte man glauben, was man wollte, ohne daß einem die Priester reinpfuschten und mit ihren Lügen den eigenen Glauben manipulierten oder zerstörten.
Parasurama schwor später in seinem Leben, als Ritter seinen Vater erschlagen hatten, die Kshatriya-Kaste auszurotten, und mit seiner Axt töte er dann tatsächlich fast sein ganzes Leben lang Ritter. Vielleicht hätte Parasurama, wenn er in unsere Zeit hineingeboren worden wäre und das Schicksal der kleinen Mädchen im Renuka-Dienst gesehen hätte, diesmal geschworen, die Kaste der Brahmanen auszurotten, und Priestern mit seiner Axt den Kopf abgehauen.
Dann hätte der Mensch endlich glauben können,
was er wollte, oder die Religion ungestraft ganz sein lassen.
Intermezzo: Ein Stück Naturereignis.
Abschied von Bombay.
Adjuna beobachtete Sonnenuntergang und Gewitter.
Vom Osten her schob sich eine schwarze Gewitterfront weiß umrahmt bedrohlich zuckend und lärmend über die weiß kontrastierenden Wolkenkratzer der bombayischen Halbinsel, jetzt orange schimmernd von den kraftlosen Strahlen der im Westen versinkenden Sonne, wo sich in der Ferne friedlich dunkelgrün ein Palmenhain in der leichten Brise wiegte und dem Betrachter Romantik vorgaukelte.
Zwischen der Terrasse und dem Meer gab es am Fuße der Böschung erst einen grünen, giftigen Sumpf und dann kam der schmutzige Strand, an dem die Fischer immer ihre Notdurft verrichteten.
An diesem Abend erschien die ganze Landschaft bleich, krank und ängstlich. Die Sonne, sonst bewundert für ihre kräftig violetten Untergänge, tauchte alles in ein gelbsüchtiges Orange.
Das Gewitter schob sich schnell unaufhaltsam und besitzergreifend weiter, um den ganzen Himmel zu erobern und ihn pausenlos zu quälen mit seinen so energiereichen Geschossen, und auch die Erde wand sich und alles auf ihr unter dem heißen Hauch seines Atems.
Schon war die kranke Sonne besiegt, der letzte friedliche Winkel des Himmels verschwunden und Dunkelheit erzwungen. Jetzt pausenlos Blitze eine neue, fast permanente, nervöse Helligkeit erzeugten, aber die Stadt war nur noch ein sauber ausgeschnittener, schwarzer Scherenschnitt am Horizont.
Die Tiere der Umgebung schrien vor Angst, die Kokospalmen verbeugten sich untertänig, auch die majestätischen Laubbäume ächzten und stöhnten unter dem Sturm, doch sie blieben stolz und aufrecht, und die Wasser des Meeres tobten vergeblich im revoltierenden Rhythmus, sie vermochten das Land nicht zu nehmen, Berg und Böschung nicht zu schlucken. Aber die Hölle hatte noch kein Ende, ging unaufhaltsam weiter. Ströme elektrischer Energie schossen von einer Himmelsrichtung zur anderen oder explodierten und verteilten sich in alle Richtungen, dazu Ströme alles einweichenden Regens.
Der Monsun nahm Abschied.
Die Mlechhas von den fernen Inseln respektierten nicht nur die Religion ihrer Hindu-Schützlinge nicht, sondern auch deren Tradition nicht, dabei waren sie selbst so stolz auf ihre eigene Tradition und verfolgten the Changing of the Guards at Buckingham Palace mit patriotischen Tränen in den Augen.
Indien hatte aufregendere Traditionen als das hölzerne Herummarschieren von Paradesoldaten. Was die Mlechhas zum Beispiel aufregte, war das Verbrennen von lebenden Witwen zusammen mit den Leichen ihrer Männer; in einigen abgelegenen Gegenden Bengals wurden sie auch zusammen mit ihren toten Männern lebendig begraben, was die Tradition aber nicht weniger traditionell machte.
Gegen den Widerstand frommer Inder wurde diese traditionelle Handhabe 1829 von den britischen Behörden dem Verbrechen Mord gleichgestellt, und den Helfern, die eine unwillige Witwe den (An-)Stoß zum Opfer gaben, drohte die Todesstrafe.
Ob eine Witwe willig oder unwillig den Scheiterhaufen betrat, war egal; die Tatsache, daß sie brannte, war allein ausreichend für ein schnelles Vorankommen ihres Mannes in der Nachwelt; Willigkeit steigerte aber das Prestige der betroffenen Familien; dem toten Mann, wenn er wirklich tot war, was anzunehmen war, berührte der Tod seiner ehemaligen Frau nicht mehr; zu Lebzeiten hätte ihn die Agonie seiner geliebten Lebenspartnerin, wenn er sie nun denn geliebt hatte, was nicht Teil der Tradition war, sicher unglücklich gemacht.
Sati nannte sich dieses Opfer der Witwe nach der Göttin Sati, einer der weiblichen Aspekte des Gottes Shiva. Sati hatte sich, als ihr Vater ein großes Opferfest veranstaltete, aus Protest darüber, daß ihr Vater ihren Mann Shiva nicht eingeladen hatte, in die Flammen des Altars gestürzt. Da sie eine Göttin war, erlitt sie wohl weder schmerzhafte Verbrennungen noch den Tod. Die Frommen opferten ihr, von ihrer Weiter-Existenz überzeugt, bis in die letzten Tage hinein glasierte Butter, Sesam-Öl, süßes Gebäck, Blumen-Girlanden, Kokusnußfleisch, verwitwete Frauen, sich selbst.
Tatsächlich starben einige Frauen freiwillig von Kummer übermannt, andere hielten den Sati-Verbrennungstod wie Schläge, Vergewaltigung und Kinderkriegen für ihre eheliche Frauenpflicht, unangenehme, eheliche Frauenpflicht - meist auf dem Lande.
Beim Sati-Opfer hatten die Dorfbewohner freilich jedes Mal Tränen der Bewunderung in ihren Augen. "Sati Mata ki jai! Sati Mata ki jai!" riefen sie, "Gelobt sei Mutter Sati!" Die Flammen reflektierten sich in ihren feuchten Augen.
Seit die Mlechhas solche Opfer verboten hatten, war Sati eine Seltenheit geworden, und auch das von den Mlechhas unabhängige Indien hatte noch zuviel von der britischen Denkweise übernommen, um Priestern oder Verwandten die Möglichkeit zu gewähren, verwitwete Frauen nach Gutdünken ins Kremationsfreuer zu schubsen. Witwen, die jetzt noch brannten, brannten entweder freiwillig oder hatten hartnäckige Verwandte oder eine religiöse Überzeugung.
Da Sati nicht mehr so häufig war, konnten die Dörfler bei jedem Fall von Sati eine Gedenkstätte der Göttin errichten. Und die Polizei nahm in jedem Fall die engsten Verwandten fest.
1982 tötete sich die fünfzigjährige Duvasi Bai, nachdem ihr Mann nach zwanzig Jahren Schwindsucht gestorben war. Sie zog sich die prächtigen, schreiend roten Gewänder ihrer Hochzeit an, schmückte sich mit all ihrem Schmuck, umschritt wie einst das heilige Hochzeitfeuer solenn und seren die Kremationstätte, dann bestieg sie den Scheiterhaufen, setzte sich nieder, legte den Kopf ihres geliebten Mannes in ihren Schoß und streichelte ihn, während die Flammen sie beide konsumierten.
Ihre Tochter erklärte später, daß ihre Mutter ihr immer wieder gesagt hatte, daß der Gatte der Gott einer Frau sei, er sei der einzige Gott, den eine Frau habe, ihm müsse sie treu sein, und für ihn müsse sie bereit sein, zu leben und zu sterben.
Nicht nur indische Frauen taten das.
Als der englische Schriftsteller Arthur Koestler mit 77 Jahren todkrank war und sich entschied, seinem Leiden ein Ende zu machen, begleitete ihn seine kerngesunde 22 Jahre jüngere Frau Cynthia, aber sie wählten keinen schmerzhaften Verbrennungstod, sondern tranken Whisky mit einer Überdosis an bitterem Secobarbitalum.
Vielleicht war das Jenseits wirklich nur im Suff zu ertragen.
Eheleute, die auf eine lange Zeit gemeinsamen Lebens und gegenseitiger Liebe zurückblicken konnten, begingen damals öfters gemeinsam Selbstmord. Selbst der christliche Theologe Dr. Henry van Dusen und seine Frau Elizabeth nahmen sich sehr zum Kummer der christlichen Lebensfanatiker von Pro-Life 1975 im WASPen-Land das Leben.
Was lag näher, als nach einem gemeinsamen Leben gemeinsam zu sterben? Oft war einer der Partner schwer krank, litt an extremen Schmerzen und hatte das Ende seines Lebens schon so ziemlich erreicht. Meist waren es die Männer, die sich bei dem Doppelselbstmord im Endstadium befanden, während die Frauen anhänglich folgten.
Das lag daran, daß die Männer meist älter waren als ihre Frauen und außerdem noch ein aufzehrenderes Leben als diese geführt hatten: saufen, rauchen, schuften, unmäßig fressen und andere Unmäßigkeiten. Außerdem empfanden die Männer - zumindest nach außenhin - weniger Solidarität mit ihren sterbenden Partnerinnen als umgekehrt, aber als Witwer stellten Männer sich dann so ungeschickt an, daß ein statistisch bemerkenswert hoher Anteil innerhalb eines Jahres starb; seelische Leiden, körperliche Verwahrlosung, schlechte Ernährung waren wahrscheinlich die Ursachen dafür gewesen.
Manchmal, aber selten, begingen Eheleute auch schon nach einer kurzen Ehe gemeinsam Selbstmord. Adolf und Eva Hitler töteten sich sogar schon nach einem Tag Ehe, Eheprobleme oder Krankheit spielten bei ihrem Selbstmord aber keine Rolle; berufliches Versagen des Mannes war hier ausschlaggebend gewesen.
Oft töteten sich auch Jung-Verliebte gemeinsam, z. B. der 31-jährige Kronprinz Rudolf von Habsburg-Lothringen und die 18-jährige Baronesse Mary von Vetsera, manchmal, weil die vernünftige Welt der Erwachsenen sie nicht verstand und zusammenleben lassen wollte. Ein bißchen hofften sie immer auf ein gemeinsames Glück im Jenseits. Wer sollte ihnen das verwehren!
Und Romeo erstach sich, weil er seine Julia für tot hielt, Julia erstach sich, weil ihr Romeo tot war. Der junge Werther schoß sich sogar aus Verzweiflung darüber, daß ihm die Angebetete nicht gehörte, eine Kugel durch den Kopf, wieder andere töteten sich, weil die Angebetete sie nicht erhörte.
`Unglücklich verliebt' war ein beliebter Grund für Selbstmord.
Sie alle hatten ihre persönlichen Gründe für ihren Tod, tiefe Gefühle, Loyalität, Liebe, Verzweiflung, nichts hatte ihr Tod mit dem Sati der indischen Witwen gemeinsam, keiner von ihnen starb aus gesellschaftlicher Konvention.
...aber tot waren sie alle, die sie starben.
Im modernen Indien brannten Frauen immer seltener wegen Sati Mata. Trotz aller religiösen Revivals war man selbst in Indien materialistischer geworden. Frauen verbrannten jetzt immer häufiger in den Küchen ihrer Schwiegermütter bei sogenannten Unfällen am häuslichen Herd. Diese Unfälle hatten rein materialistische Gründe, kein Gott und keine religiöse Vorstellung, außer der von der Wertlosigkeit der Frauen, war dabei im Spiele.
Der materialistische Grund für den Tod der Frau war die Aussteuer, die die Frauen mit in die Ehe bringen mußten. Diese Aussteuer war oft auch überhaupt erst der Grund für eine Heirat. Wenn die Aussteuer nicht gewesen wäre, hätte manch eine Familie keinen zusätzlichen Esser als Sexsklaven für ihren Sohn ins Haus kommen lassen. War die Aussteuer jetzt unerwartet klein ausgefallen, konnte es sein, daß die Familie es dem Mädchen zum Vorwurf machte. Mit der Zeit - nach ein paar Monaten oder Jahren - steigerten sich Wut und Haß dann so sehr, daß der Familienrat beschloß, daß man die Neue loswerden müsse. Die unauffälligste Art, sie umzubringen, war ihr Arbeitsplatz, die Küche. Bei der Handhabe mit offenem Feuer konnte so allerhand passieren. Statistisch auffällig war nur, daß es immer der in die Familie eingeheirateten Gattin des Sohnes passierte.
War der Tod der Neuen erst einmal beschlossene Sache, mußte der Familienrat sich überlegen, wie der Küchenunfall von statten gehen sollte. Am humansten wäre wohl ein direkter Stich ins Herz der Frau oder ein sauberes Kopf-ab à la Guillotine, aber selbst gutmütige, verständnisvolle und bestechliche Polizeibeamten hätten mit der Ausrede `ihr sei beim Gemüseschneiden das Messer ausgerutscht' ihre Probleme.
Zum Glück war eine solche Beseitigung der Braut, pardon, nach der Hochzeit war sie ja nicht mehr die Braut, sondern die Ehegattin und Lebensgefährtin, schon oft durchexerziert worden, und das Verbrennen am Herdfeuer hatte sich in Haushalten ohne Elektroherd als am erfolgreichsten erwiesen. Ob die, die als erstes auf diese Todesart kamen, dabei vom Feuertod der Witwen beim Sati-Mata-Opfer inspiriert worden waren, wurde nicht überliefert.
Bei dem falschen Küchenfeuerunfalltod mußte der Familienrat nun noch die Einzelheiten beraten. Waren Schwiegermutter und Schwägerinnen des Opfers stark genug, das junge Ding in die Flammen zu drücken, oder sollte der Mann oder sein Vater oder sogar beide ausnahmsweise mal in der Küche mithelfen? Vielleicht sollte man sie lieber vorher niederschlagen, man konnte dann vielleicht später behaupten, ein schwerer Topf sei ihr vom Regal gefallen? Um den Unfall überzeugender zu machen, sollte man am besten Petroleum nehmen. Beim Nachgießen von Petroleum war sie nicht vorsichtig gewesen! "Ich hab' dem Kind ja so oft gesagt: Sei vorsichtiger beim Petroleum nachgießen", übte die Schwiegermutter schon ihre Zeilen. - Aber seid vorsichtig mit dem Petroleum, daß nicht die ganze Küche oder das ganze Haus abbrennt!
Am nächsten Tag dann schlich man in die Küche. Aschenputtel war schon am Arbeiten. Schwiegermutter kam von der einen Seite in die Küche, wie zufällig kamen die beiden Töchter gerade von der anderen Seite herein. Aschenputtel fühlte sich gleich bedrohnt. Ihre Mörder waren nicht die besten Schauspieler. Ein unsicheres Lächeln umspielte die mörderischen Gesichter. Sonst zeigten sie all morgendlich nur Haß und Verachtung. Die Mutter pflichtbewußt, daß sie immer meckerte: "Das ist doch ein viel zu kleines Feuer da, das du da unter dem Reistopf hast. Da wird der Reis doch nie gar!" Inder aßen schon zum Frühstück Reis.
Das Mädchen spürte die Falschheit in der Stimme der Mutter. Sie hatte auch schon oft davon gehört, was Mädchen in den Häusern ihrer Schwiegereltern passiert war, und daß sie nichts taugte und man sie umbringen sollte, hatte man ihr auch schon oft genug gesagt gehabt. Jetzt war es also soweit. Das Opfer sah seinen Mörderinnen in die Augen. Was tun? Der eine Ausgang war von den Schwägerinnen versperrt. An dem anderen Ausgang stand die Schwiegermutter, fett und imposant.
Das Mädchen stand mit dem Rücken zum Herd. "Verdammt, die hat was gemerkt", dachte die Mutter. Eigentlich sollte sie vorwärts mit dem Gesicht ins Feuer gehen, dann wär' das leicht, schnell überstanden.
Schwiegermutter und Schwägerinnen kamen jetzt langsam auf sie zu. Wie Raubkatzen, die sich an etwas heranmachten, so schlichen sie, denn sie sahen, es hatte keinen Sinn mehr, so zu tun, als sei nichts.
"Verdammt", dachte die Mutter jetzt, "wir hätten die Männer das machen lassen sollen. Wenn die jetzt nach dem Küchenmesser da greift, was machen wir dann? Sollten wir nicht doch schnell so tun, als ob nichts sei? Die Männer können es ja morgen noch mal versuchen." Aber ihre Töchter hatten das Messer wohl nicht gesehen und gingen starr auf das Mädchen zu. Sie waren wie hypnotisiert, aber sie hypnotisierten auch das Mädchen.
Graupen aus den Gehirnen der Mordshungrigen, der Unholden: `Sie sollte doch umgebracht werden, während sie sich über den Herd beugte.'
`Sie stand aber mit dem Rücken zum Herd.'
`Jetzt lehnte sie sich sogar noch zurück.'
Das Mädchen lehnte sich ängstlich zurück.
`Paß auf, Mädchen, deine Haare versengen dir gleich.'
`Was machen wir bloß? Sollen wir sie gewaltsam umdrehen? Das ist gefährlich. Vielleicht entwischt sie uns dabei.'
`Das einfachste ist rückwärts ins Feuer.'
Die Mädchen hatten sie schon gepackt und nach hinten gedrückt. Schnell griff auch die Mutter zu, damit sie nicht mit dem freien Arm nach den Töchtern griff. Mütterinstinkt, Brutschutz.
Oh, das Opfer schrie. Am liebsten hätte die Mutter ihre Hände zum Zuhalten der Ohren benutzt, aber das ging ja nicht. `Das Feuer war wirklich viel zu klein. Nicht zu klein zum Reiskochen, aber um das Mädchen zu töten. Die spürt das Feuer nur an der nackten Stelle zwischen der Kurti-Kanchli und dem Rock. Wie wir sie jetzt halten, wird sie ewig schreien und nie sterben.'
Die Mutter gab ihrer jüngsten Tochter Anweisung, loszulassen und ein Maß Spiritus zu bringen.
Das Opfer schrie jetzt: "Nein, nein." Es waren die ersten Worte, die sie an diesem Morgen sagte.
Die jüngste Tochter hatte das Maß Spiritus. "Nun gieß es ihr schon über!"
Mutter und ältere Tochter mußten die Eingeheiratete kräftig runterdrücken. Fast hätte sie bei ihrem Hinundhergewälze das Feuer unter sich erstickt.
Die jüngste Tochter goß ihr den Brennspiritus auf den Bauch. Große Flammen umhüllten augenblicklich ihren Körper. Ihr Kopf hing nach hinten über den Herd hinaus und blieb verschont. Sie atmete schwer, aber frei von Feuer.
Die beiden Frauen, die sie hielten, zogen ihre Arme weiter nach außen, um sich nicht an den Händen zu verbrennen.
Die Mutter war wütend über ihre jüngste Tochter, weil sie den ganzen Brennspiritus auf den Bauch gegossen hatte. "Hol' noch einmal ein Maß voll, und schütte ihr diesmal was ins Gesicht, damit sie endlich stirbt."
Das Mädchen kam wieder an mit einem Maß voll Brennspiritus. Vor Erregung schütteten ihre zitternden Hände gleich alles ins Gesicht, hauptsächlich direkt in den Mund der stöhnenden Schwägerin. Augenblicklich stand auch das Gesicht in Flammen und der Fußboden zu
ihren Füßen.
Die jüngste Tochter schrie, als ihr Rock von unten Feuer fing. Mutter und ältere Tochter waren sofort zur Stelle. Sie konnten ihr Opfer jetzt loslassen. Es bäumte sich zwar noch einmal auf und schlug um sich, aber brach dann brennend auf dem Steinfußboden weit genug von den hölzernen Regalen und Schränken zusammen.
Die Mutter riß den brennenden Rock von Leib ihrer jüngsten Tochter, und die ältere Tochter schlug mit dem Reisigbesen auf das Feuer zu ihren Füßen, bis es aus war. Als man sicher war, daß die Fremde auch wirklich tot war, löschte man auch sie.
Die Küche sah verdreckt aus. `Naja', dachte Mutter, `das macht den Unfall auch überzeugender.'
Ihr eigenes weinendes Kind tröstete sie so: "Dadurch, daß du dich auch ein bißchen verbrannt hast, wird man uns den Unfall eher glauben."
Das Kind schluchzte weiter. Hoffentlich würde sie in eine gütige Familie kommen, wenn sie mal heiratete.
Nicht nur geizige Aussteuern waren riskant, auch großzügige, konnte es doch sein, daß die Familie des Mannes dadurch auf den Geschmack kam, sich durch eine weitere Aussteuer noch mehr zu bereichern.
Und es waren nicht nur die armen Familien, in denen man die Schwiegertöchter verbrannte, selbst bei den Wohlhabenden kam es vor. Statt billigen Brennspiritus benutzten einige reiche Leute sogar standesgemäß teuren Importwhiskey.
Im Abendland und im WASPenland, was ja noch weiter gen Abend lag, staunte man bei soviel Hartherzigkeit. Aber auch dort wurden Menschen ermordet, manchmal sogar schon wegen Kleingeld, ein Portemonnaie voll, auch Frauen wurden dort ermordet, aber im allgemeinen nicht wegen der Aussteuer, vielleicht weil man eine Lebensversicherung auf ihren Namen abgeschlossen hatte, oder aus Eifersucht, also für nichts.
Irgendwie war es sehr makaber, die Person, mit der man sich in Liebe vereinigte, umzubringen. Vielleicht war die Liebesvereinigung, das Liebemachen, gar nicht notwendigerweise mit Liebe verbunden, nur ein Ersatz fürs Abwichsen per Handbetrieb, für den selbstgemachten Samenergußakt, für die Masturbation, die Ersatzbefriedigung.
Dinge beim Namen zu nennen, machte transparent, Heuchelei obskurant.
Mädchen drohte der Tod übrigens nicht nur im Haus ihrer Gatten und Schwiegereltern, sondern schon im Elternhaus. Einigen Eltern war es gar nicht recht, ihre mühsamen Ersparnisse für die Aussteuer ihrer Töchter auszugeben. Da die Tradition aber die Aussteuer ebenso wie das Verheiraten der Töchter verlangte, gab es nur eine Lösung aus diesem Gelemmer: der Tod der Tochter.
Den Eltern, denen ihr Vermögen sehr lieb war, dämmerte diese Erkenntnis zum Glück meist sehr früh, so daß sie ihre Töchter oft schon als Neugeborenen töteten oder sie bald danach zum Beispiel durch Vernachlässigung - um nicht aktiv am Tod schuld zu sein - eingehen ließen. Da hatten sich die kleinen Mädchen noch so ans Leben gewöhnt und starben gelassener.
Moderne Methoden ermöglichten auch eine Geschlechtsbestimmung in den ersten Schwangerschaftsmonaten und eine Abtreibung der weiblichen Föten. Leider war diese Möglichkeit jedoch durch Aktivitäten indischer und ausländischer, besonders christlicher Feministen, 'tschuldigung: Feministinnen erschwert worden. Denn unter ihrem Einfluß hatte die Regierung die Abtreibung nach einer Geschlechtsbestimmung verboten.
Natürlich war dadurch ein Schwarzmarkt für die Abtreibung weiblicher Föten entstanden, aber der war nicht so sicher wie die staatlichen Kliniken und außerdem noch sehr teuer, so daß viele arme Familien, die meinten, daß sie sich finanziell keine Töchter leisten konnten, doch lieber die Abtreibung nach der Geburt vornahmen, was allgemein als Mord galt, doch aber bei weitem nicht so schlimm war wie der Mord an der erwachsenen Frau. Beides ließ sich jedoch in dem System wunderbar vertuschen.
Die Feministinnen behaupteten zwar, daß die Abtreibung weiblicher Föten Frauenmord sei, und dazu beitrage, daß die Frauen als etwas Wertloses galten, aber das Gesetz von Angebot und Nachfrage verlangte, daß ein geringes Angebot an Frauen bei gleichbleibender Nachfrage den Wert der Frauen steigerte. Als Adjuna freilich indischen Feministinnen mit diesem Argument kam, brachte er sie auf die Palme, also in Rage.
Warum in Rage und kein Gegenargument? Weil sie nicht wie eine Sache, eine Ware, wie Handelsgut gehandhabt werden wollten. Frauen waren Frauen, weibliche Menschen, weder Handelsware noch Sklavengut und damit basta. - Und weil ihnen kein Gegenargument einfiel.
Und weil sie an die Gleichwertigkeit aller weiblichen Seelen glaubten, aber keinen Beweis für die Existenz der Seele an sich hatten.
Den christlichen Feministinnen war ja noch das
ungeborene Leben ganz allgemein schützenswert, aber den
militanteren Tanten wäre eigentlich eine selektive Abtreibung
männlicher Föten recht gewesen. Das freilich hätte die
Aussteuer ins Ungemeßliche gesteigert. Aber eine zahlenmäßige
Überlegenheit der Frauen hätte die Frauen so mächtig machen
können, daß frau die Männer hätten unterdrücken können. So
träumten wohl einige Feministinnen. Ihr Traum hätte aber nur
wahr werden können, wenn nicht so viele Frauen von Männern
träumten und mit Männern gemeinsame oder untertänige Sache
oder Sachen machten.
Die Inder waren weit davon entfernt, von Amazonen regiert zu werden. Mal eine Regierungschefin aus der herrschenden Powerclique machte noch keine Frauenherrschaft, nicht mal eine Frauenbefreiung, wenn es der Chefin an Interesse mangelte.
Militante Feministinnen waren auch gar nicht so typisch für Indien, orthodoxe Brahmanen waren es. Und die hatten eine allumfassende Antwort für all das Elend, das sie umgab: Karma war das.
Karma war die Ursache aller Unterschiede auf Erden, aller Ungerechtigkeiten, aller Leiden und Nöte. Hatte man sich in seinen vorherigen Leben viel gutes Karma angeeignet, so genoß man sein jetziges Leben z. B. als schmerbäuchiger Brahmane in Überfluß und Müßiggang, andere, niedere Kasten mußten schufften, noch elendere waren vielleicht Waisenkinder und am Verhungern. Man konnte ihnen guten Gewissens dabei zu schauen, denn sie ernteten ja nur, was sie in ihren früheren Leben selbst gesät hatten. Aus dem gleichen Grund mußten Frauen auch die Schikanen ihrer Schwiegermütter ertragen, und sogar den Verbrennungstod. Es war alles gerecht eingerichtet. Zweifellos hatten sie selbst in einem früheren Leben so etwas mit ihren eigenen Schwiegertöchtern gemacht.
Ein Mensch, oder wohl besser ein Hindu, wurde in diese Welt hineingeboren, um sein Schicksal zu ertragen, nicht um es zu ändern.
Und Kinder waren Schicksal, so wußte der Brahmane, deshalb durfte man sie auch nicht abtreiben, egal ob Junge oder Mädchen.
Da widersprach aber ein anderer Brahmane, man dürfe sie schon abtreiben, wenn das ihr Schicksal sei.
Der erste Brahmane widersprache aber wieder: Wenn das ihr Schicksal sei, dann hätte die Mutter einen natürlichen Abortus. Man darf sein Schicksal nicht ändern, den dann hat man eine miserable Wiedergeburt.
"Hoffentlich triebe man mich dann wieder rechtzeitig ab, damit ich dem miserablen Leben wieder entkäme. So könnte man das System überlisten", mischte sich Adjuna ein.
"Als Ratte oder Wanze wird man dich wiedergebären", schimpfte der Brahmane jetzt über Adjuna, "die kennen keine Abtreibungen!"
Adjuna aber gab einen abschließenden Kommentar zum Thema Karma: "Wenn Karma unser Leben bestimmt, wenn, weil wir einmal Täter waren, wir das nächste Mal Opfer sein müssen, so muß dann jemand anderes Täter sein, und dieser andere später wieder Opfer, wenn wir die Früchte unserer vorigen Leben ernten sollen, so sind wir hilflos und abhändig, und nichts ist da, daß wir selbst bestimmen, selbst unsere bösen Taten sind eine gehorsame Pflichtübung. Laßt uns noch einmal zuschlagen. Unschuldig ist keiner von denen, die wir treffen.
Oder gibt es weder Strafe noch Lohn und unser kurzes Leben ist alles, was uns gegeben wurde? Dann wahrlich laßt uns unsere Mitmenschen schonen, denn ihr Leben ist genauso kurz und einmalig wie unseres, laßt uns Mitleid haben, denn kein Ausgleich ist da für erlittenes Leid."
Auf der Suche nach den Weisen des Ostens.
Da Adjuna gehört hatte, daß die letzten Asketen an den hohen Bergwänden des Himalayas hausten, begab er sich nach Norden.
Namaskar
sagt man da
und Danyabad
wenn man zu danken hat.
Und die Reisterrassen bis zum Gipfel,
abgeschlagen die letzten Waldzipfel.
Da kann kein Weiser mehr hausen im Wald, vielleicht in größeren Höhen, wo ist's immer kalt, findet man sie noch in einem ungemütlichen Bergloch.
Und er machte sich auf den Weg,
ging dort, wo der Berg ohne Steg
Er fand nur dumme Narren,
die Angst hatten, im Tal zu harren.
Aber auch die Angst vorm Totenreich
machte sie bleich:
Nur wer sich verkroch
im dunklen Bergloch,
erlebte keinen Schrecken
nach dem Verrecken.
Verkriech auch du dich,
bevor der Totengott dich kriegt.
Danyabad,
ich hab das Verkriechen sad.
In Indien traf Adjuna auch den Geschichtenerzähler mit dem Plapp-Plapp-Plapagei.
Das erste europäische Volk, das schriftliche Aufzeichnungen von seiner Umgebung und der Welt machte, waren die Griechen. Wenn man ihnen Glauben schenkte, war die Heimat der Papageien Indien, also das Land, aus dem auch ursprünglich die griechischen Götter und ihre Skandalgeschichten kamen. Dr. Ktesias aus Knidos, der 400 Jahren vor der Geburt des Wunderheilers aus Bethlehem, am persischen Hof als Arzt tätig war, berichtete in seinem 23bändigen Geschichtswerk über die Perser "Persiká" von prächtigen, intelligenten Vögeln mit Stimmen wie Menschen, die von Indien kamen. Admiral Nearchos, der Flottenbefehlshaber Alexander des Großen, brachte sogar von seiner Erkundung des Indusdeltas Papageien mit. Und an griechischen Höfen unterhielt man sich fortan mit Papageien.
Auch Gajus Plinius Secundus, zu deutsch kurz: Plinius der ältere, erwähnte in seiner 37bändigen Naturalis historia den Psittacus als einen sprachbegabten Vogel aus Indien.
Jahrhunderte lang hatte auch der katholische Papa in Rom, im Vati-kan einen Papagei, der für seinen Besitzer mehrmals täglich das Paternoster runterplapperte.
Das Wort Papagei kam übrigens von dem Wort Pampakei, so nannte ein westafrikanisches Volk die Papageien seiner Heimat. Die Araber machten daraus Babagha, aus dem arabischen Wort machten die Europäer pappagallo, papagayo, papegai, papegan etceteran.
Der Kakadu war ein malaiischer Papagei nach dem malaiischen Wort Kakatua. Die Malaien hatten den Vogel selbst gefragt und der hatte `Kakatua' geantwortet, bevor er seine Stimme mit den kakophonischen Klängen menschlicher Sprache kontaminierte.
Der Papagei des indischen Geschichtenerzählers war ein Arara, also ein Amazonenimport aus Brasilien. Diese Sorte war wegen ihres prächtigen Gefieders damals besonders populär.
Papageien waren dafür berühmt, daß sie bei guter Pflege älter als ihre Pfleger und Besitzer wurden. Sie konnten sogar wesentlich älter werden, natürlich nur, wenn die Erben sie nicht im Kä fig verhungern ließen, Lebensalter von über hundert Jahren waren bei ihnen keine Seltenheit.
Der indische Geschichtenerzähler behauptete sogar, daß sein Papagei schon seit vielen Generationen in der Familie sei, wie viele vermochte er nicht zu sagen, und fragte man den Papagei, so sagte der nur immer:
Ich bin der Arara.
Ich war schon immer da.
Aber Arara-Alter und Ornithologie war den
Zuhörern und auch den Zulesern egal, sie wollten endlich wissen,
was der Erzähler zu erzählen hatte. Und Adjunas Rat: Lest nur
zu!
Der Geschichtenerzähler1: Vor langer, langer Zeit
1 (Fußnote)
Für meine Nacherzählungen aus dem Mahabharata dienten mir folgende Werke:
1.) eine Mahabharata-Version (engl.) von Chakravarti Rajagopalachari, die er ursprünglich für tamilische Kinder geschrieben hatte, eine etwas moralisierende und sehr sanitierte Version des alten Epos, etwa in der Art von Kinderbibeln, wo die Kinder nichts von Noahs Suff und seinem Exhibitionismus oder vom Suff von Lot und seinem Inzest mit seinen Töchtern erfahren und auch nicht lernen, daß ein Mann Gottes wie David ein Ehebrecher und noch dazu der Mörder des rechtmäßigen Ehepartners seiner Buhle war etc.; aber sonst ist Rajagopalacharis Ausgabe sehr übersichtlich, interessant und engagiert geschrieben.
Ich verdanke ihm den großen Überblick über die Geschichte.
2.) `The Mahabharata of Vyasa' von P, Lâl, (Calcutta, 1968), der Autor nennt seine Version eine Transkreation. Einige Szenen hat P. Lal sehr detailliert beschrieben oder transkreiert, den Ablauf des Gesamtgeschehens scheint er dabei aber etwas aus den Augen verloren zu haben. P. Lal arbeitete damals an einer Shloka für Shloka Übersetzung, die 1990 fertig werden sollte.
Dieses Buch enthält auch ein paar sehr schöne, farbige Bilder zum Geschehen.
3.) `The Mahâbhârata' von Professor J. A. B. van Buitenen. Professor van Buitenen begann 1970 mit einer genauen und vollständigen Übersetzung des Mahabharatas. Leider starb er 1979 im Alter von 51 Jahren. Zu dem Zeitpunkt hatte er erst die Vorgeschichte, nämlich die ersten fünf der achtzehn Bücher des Mahabharatas fertig, etwa 1800 Seiten! Die Ereignisse um die Kurukshetra-Schlacht fehlen völlig.
Da er ein sehr fleißiger Übersetzer war, hat er leider auch Begriffe aus der indischen Gedankenwelt übersetzt, die er besser nicht hätte übersetzen sollen, wie Darma = law, Karma = profit, Kshatriya = baron, Vaishya = commoner, Shudra = serf, etc. Ich empfand das als sehr irritierend.
(Ich hoffe, daß Sie die vielen Begriffe, die ich aus fremden Kulturkreisen unübersetzt in meinem Buch verwendet habe, nicht irrieren, sondern, daß Sie sie richtig als Andeutung für das Große, Fremde und Unbekannte, das es jenseits der gewohnten Umgebung noch gibt, verstehen.)
Diese drei Werke dienten mir für meine eigene Transkreation.
(Ende der Fußnote)
herrschte in Hastinapura König Santanu. Bei den Göttern! Eine große Seele, ein edler Mann. Ganga selbst er zur Frau gewann.
Arara:
Die Göttin Ganga in Gestalt
am Ganges Uferwald
erschien ihm da,
süß ihr Aroma,
stolz ihr Gang
wie eine Philomela
ihr Gesang.
Verstand war hin,
Verstand stand still,
berauscht Seel', Sinn
und Will'.
Ach, wenn ich dich doch gewinn
als meine Gattin,
so wie du bist!
Sie sagte: Gewiß.
Des Königs Glück
hoch entzückt
ganz entrückt.
Doch eine Bedingung knüpf' ich an,
sagte sie dann.
Geschichtenerzähler: Oh, edler König, so sprach sie, wohl werde ich Gattin dir, doch frage mich nie, wer ich bin, woher ich komm', was ich tue und warum.
Arara:
Der König zu allem bereit
nur haben diese Schönheit.
Er kniete hin:
Werde meine Gattin.
Geschichtenerzähler: Auch verhindere nie mein Tun, sei es böse, sei es gut. Nie schelte mich, verdrieße mich nie. Und tust du es doch, verlaß' ich dich gewiß.
Arara:
Der betörte Mann
schwor ihr dann:
So es geschehe
in unserer Ehe.
Geschichtenerzähler: Und für viele Jahre war König Santanu von ihrer Bescheidenheit, Anmut und der Liebe, die sie ihm gab, eingenommen. Ein Leben wahrer Glückseligkeit. Viele Kinder gebar sie, und ein jedes nahm sie und ertränkte es im Ganges, und anmutig lächelnd kehrte sie ein jedes Mal zum König zurück. Der König sah viele Jahre dem Geschehen schweigend zu. Aber...
Arara:
er war erschreckt:
zu welchem Zweck
eine solche Tat,
solch eine Unart?
Geschichtenerzähler: Als sie sich mit dem achten Kind aufmachte, konnte der König seine Verzweiflung darüber nicht mehr zurückhalten und rief: Halt, halt! und fragte: Warum? `Oh, edler König, du vergaßt, was du versprachst? Nun hängt dein Herz mehr an dem Kind als an mir, so gehe ich gewiß von dir, denn du brauchst mich hier fortan nicht mehr.
Arara:
Doch richte
nicht ohne meine Geschichte
über mich:
Ganga bin ich
geehrt und geacht't
begehrt und bedacht
von Göttern und Menschenkindern
Leiden lindern
Schmerzen mindern
Böses verhindern
steht auf meinem Panier,
drum kam ich auch zu dir,
doch erst kamen die Vasus zu mir,
denn Vasishthas Fluch sie zwang
zum Niedergang
zur Geburt auf Erden
zum Mensch-Werden.
Sie luden mich ein,
ihnen Mutter zu sein,
und baten
um diese Mordtaten,
denn ihnen waren's Himmelfahrten,
nur so konnten sie schnell zurück
ins himmlische Glück
in den Glücksgarten.
So sie sagten,
ich solle
spielen diese grausame Rolle.
Nun endet meine Mission.
Für dich eine höhere Region
nach diesem Leben schon
sei dein Lohn,
außerdem gebe ich dir deinen achten Sohn
zurück im Alter der Initiation.
Mit diesen Worten
die Göttin entschwand
das Kind in der Hand
zu unsichtbaren Orten.
Geschichtenerzähler: Nach dieser Berührung mit der Göttin wurde Santanu Asket, so es jedenfalls im Mahabharata Epos steht. - Doch wie kamen die Vasus dazu, Vasishthas Zorn und Fluch auf sich zu ziehen?
Arara:
An blauen Tagen
hat es sich zugetragen
auf Reisen
im Wald der Weisen.
Die Vasus mit ihren Frauen
taten schauen,
Nandini, die Kuh,
muhte ihnen zu.
Raunen
und staunen,
das schöne Tier
wollen wir,
wollen es haben,
uns an seiner Milch laben.
Sie ist ja
Ambrosia,
Göttertrank;
Unsterblichkeitsdrang.
Der Frauen Wunsch
ist Unvernunft,
nicht gescheit,
denn Unsterblichkeit
haben bereits
wir Devas schon
als Lohn
von Indras Thron.
Der Saft aus Nandinis Eutern
wird uns nicht leutern
nur Menschenkindern
wird er Schmerzen lindern
und Sterben verhindern.
Haltet eure Laune
im Zaume,
denn wir wollen nicht wagen
Visishthas Fluch zu tragen.
Wir wollen bei weitem
euch nicht verleiten
zu Dummheiten.
Doch die Kuh ist wert,
daß man sie begehrt.
Eine Freundin in der Menschenwelt
mein Herz enthält;
um von ihr nicht zu scheiden,
muß diese Kuh bei uns weiden.
Milch melken,
Milch trinken,
Menschen nicht welken,
nicht ins Jenseits versinken.
Die Frauen gaben nicht nach
und die Männer wurden schwach.
Prabhasa nahm die Kuh
und das Kälbchen dazu,
mit ihnen im Arm
lief er fort
vom Ashram,
dem heiligen Ort,
und brachte die Beute
zur Freude der Frauensleute.
Die Tiere binden
und schnell verschwinden.
Ein Wort, eine Tat.
Doch böse Saat
hat ihre Eigenart.
Vasishtha zurückkehrte,
wie immer die Götter ehrte,
Tempelfeuer
im Tempelgemäuer.
Am Merken
von Werken.
Das Tier nicht da,
denkt Vasishtha,
in meinem Ashram.
Oh, welche Gram.
Jemand stahl
die Unentbehrliche fürs Ritual.
Und weil sie ihm fehlte,
er sich in Meditation legte.
Der Yogameister
schickte seine Geister
durch die Lande,
zu suchen die Diebesbande.
Oh, welche Schande,
die Vasus-Götter,
was für Vedas-Spötter,
das Tier gefangen,
die Tat begangen.
Vasishthas Zorn und Haß
traf die Devas.
Und er verfluchte
die Verruchten,
zu leben auf Erden,
wo Wesen immer leiden werden.
Oh, was für eine Strenge,
leiden und leben in Erden Enge.
Was für eine Folter
er da wollte
für göttliche Wesen,
die nicht die Gebote lesen.
Was für eine grausame Qual
für einen Viehdiebstahl!
Ihre Sinne sich drehten,
sie um Gnade flehten.
Vasishtha gerührt,
zu Milde verführt.
Den Fluch kann ich nicht enden,
nur zum Milden wenden.
Prabhasa, der die Kuh genommen,
soll ein langes Leben bekommen,
in edle Familie geboren,
für Großes auserkoren;
ein Held
in der Menschenwelt.
Die sieben anderen
nicht lange wandern,
nur kurz sei ihre Qual
im Erdenjammertal,
denn ein schneller Tod, ein kurzes Leben
sei ihnen gegeben.
Geschichtenerzähler: Hierauf gingen die Vasus zur Göttin Ganga und baten sie, zur Erde niederzusteigen in Menschengestalt, einen edlen Mann zu ehelichen, ihnen Mutter zu werden und sie nach ihrer Geburt in den Fluß zu werfen, um sie von Visishthas Fluch zu befreien. Nur Prabhasa, der zu einem langen Leben verurteilt war, konnte und durfte sie nicht in ihren Fluten verschlucken, denn sie hätte ihn nur gequält, aber nicht vermocht, zu töten, zu erlösen. So nahm sie ihn mit, zog ihn auf, zog ihn groß, erzog ihn, ließ ihn erziehen von würdigen Männern, weisen Greisen, frommen Gurus und mutigen Kriegern.
Jahre später nun als Santanu eines Tages einsam des Ganges Ufer entlang ging, sah er einen Jüngling, wie ein Devendra in Schönheit und Form eines Götterkönigs, spielen mit dem mächtigen Strom wie mit seiner leiblichen Mutter.
Da erschien Santanu aus den Fluten Ganga in ihrer ihm wohlbekannten Gestalt. `Ich kam Devavrata, deinen Sohn, dir zurückzugeben. Er ist der Waffenkunst mächtig wir Parasurama, gelehrt wie Sukra, versiert in den Vedas und dem Vedanta wie Vasishtha. Was immer es sei, er steht dir bei.'
Arara:
Sie segnete das Kind
und entschwand geschwind.
Devavrata aber wurde bekannt
im ganzen Land
als Bishma nur
wegen seinem Schwur.
Doch das ist eine andere Geschichte,
von der ich, der Arara, ein ander' Mal berichte.
Habt ihr Interesse,
so kommt wie immer nach der Messe
unter meine Zypresse
und wenn ich's nicht vergesse,
gibt's neue Berichte der Bharata-Presse
bei Nessel und Kapuzinerkresse
aus mei....
nem Schnabel.
Bei Kraut, Körnern und Karaffen guten Weins
sing' ich euch wieder eins
mit Tratratra
der Arara.
Am anderen Tag
Geschichtenerzähler: König Santanu hatte mit Freude den jugendlichen göttergleichen Prinzen Devavrata aus Gangas Hand empfangen...
Arara:
Aus Gangas Hand
in Santanus Herz
Devavrata gesandt
der Held aus Erz
Geschichtenerzähler: ...und krönte ihn zum Kronprinzen.
Arara:
Devavrata
gegeben von Ganga
mit Segen
gekrönt zum Yuvaraja
seiner Göttlichkeit wegen.
Acha.
Geschichtenerzähler: Der König war nur all zu glücklich mit seinem Sohn, Kraft und Können, Schönheit und Charm, und Güte als Gabe, ergeben und erhaben, alles vereint, er als der Beste erscheint, als der Beste, der je auf einem Thron. Das Königreich und der König selbst so hoffnungsvoll in die Zukunft sahen: Reichtum und Friede ist uns sicherlich beschert; wenn er im Staate, sich Feinde nicht nahen, so wurde er von Anfang angeehrt. Doch was ist Menschen Plan? Doch nur eitler Wahn.
Arara:
Menschen Plan
Wahn, Wahn.
Eins, zwei, drei,
ich bin ein Papagei.
Ihr Menschenwichte
hört weiter die Geschichte:
Der König
Jahre später
geht er
im Sand
des Yamuna
Uferstrand
Nun ja
süßer Duft
in der Luft
Frühlingsblumen sprießen
Liebe genießen
sehnsuchtsvoll
mädchentoll.
Geschichtenerzähler: Ja, da ist etwas Wahres dran. Santanu schon zu lang Asket, jetzt sein Sinn nach Liebe steht. Dem süßen Duft, der aus dem Walde weht, er nachgeht.
Arara:
Verhängnisvoll
mädchentoll
Geschichtenerzähler: Er diesem Duft nachgeht, der durch die W lder schwebt.
Arara:
Weh, weh
er nicht geh'.
Es nicht gescheh'.
Geschichtenerzähler: Doch es geschah.
Arara:
Ist es wahr?
Woher weißt du das?
Geschichtenerzähler: Laß' gut sein. Was ist denn Wahrheit? Die Welt gibt es nur so weit, wie wir sie wahrnehmen, sagen manche, und sie erfinden Maschinen und Geräte und nehmen dann wahrhaft viel wahr, was sie vorher nie hä tten wahrnehmen können, und daran glauben sie dann. Doch Götter wollen sie wegdiskutieren, da sie sich weder im Mikroskop noch im Teleskop zeigen. Als ob sie nicht tiefe Wahrheit sind, die die Alten einst wahrgenommen haben, als die Menschen noch das dritte Auge für die vierte Dimension hatten. So ist überliefert, daß Shiva zwischen zwei Ringen der Zeit sitzt. Na, da kann ihn ja heutzutage kein Mensch mehr sehen. Und auch in unseren alten Sagen, wieviel Wahrheit steckt doch darin. Sieh', es geschah und es geschieht tausendmal und mehr, - und tausendmal und mehr schon fielen wir immer wieder der Leidenschaft zum Opfer, unserer Neugier, unseren Gefühlen, das ist die Wahrheit, und wir sind immer noch verrückt vor Leidenschaft, wenn sie uns packt, und unsere vernünftigsten Pläne, ja die Vernunft schlechthin mögen wir ihr opfern, ja sogar unser Leben wir Menschen ihr geben.
Also König Santanu dahin geht, wo der Duft entsteht. Und er traf auf eine Jungfrau lieblich und schön, der ein frommer Eremit den Segen eines unwiderstehlichen Parfüms erteilt hatte, dessen Opfer der König jetzt wurde.
Arara:
Junggesellenleben
aufgeben.
Dieser Schönheit
Leib
diese Weiblichkeit
mir Sinnlichkeit
bereit'.
Geschichtenerzähler: Und er hielt um ihre Hand an. Und sie erwiderte ihm, ihre Stimme war so süß wie ihr Parfüm: `Ich bin die Tochter eines Fischers am Flusse. Geh' erst zu meinem Vater und bitte ihn um seine Erlaubnis. Denn ergeben ich bin, gehorche ich ihm, ohne seine Erlaubnis tue ich es nicht.' So ging der König zum Fischer und bat ihn inständig um die Hand seiner Tochter.
Arara:
Fischers Tochter
roch er,
Beherrschung weg.
Oh, Schreck.
Geschichtenerzähler: Der Fischer antwortete: `Sicher , Du bist es wert, ihr Mann zu sein. Aber Du mußt mir etwas versprechen.' `Wenn's weiter nichts ist', meinte der König dazu. `Das Kind, das sie Dir gebiert, muß König werden nach Dir. Gibst Du mir das Versprechen?'
Arara:
Der König es nicht vermochte,
obwohl die Leidenschaft in ihm kochte.
Traurig geknickt
er sich davon schickt,
doch die Liebhaberei
war nicht vorbei;
im Herzen
Schmerzen
verlor er das Scherzen.
Ein trauriger Anblick
des Königs Geschick.
Geschichtenerzähler: Ein solches Versprechen konnte der König nicht geben, denn es hieße ja, den göttergleichen Devavrata, von Ganga gegeben mit Segen, um seine Thronrechte zu bringen. Ein zu schamloser Gedanke. So hüllte sich der König in trauriges Schweigen. Und ein jeder in seiner Hauptstadt Hastinapura glaubte, der König sei krank. Jedoch, sein Sohn merkte wohl, daß ein geheimer Kummer ihn quälte. Als er ihn fragte, antwortete der König: `In der Tat werde ich gequält von Schmerzen und Ängsten. Das Leben ist unsicher, Kriege hören nicht auf. Und wenn Dir etwas zustößt, so ist unsere Familie ausgelöscht. Sicher, Du bist wie tausend Söhne. Und doch, wer die Schriften liest, weiß, daß in dieser vergänglichen Welt ein Sohn nicht mehr ist als keiner. Es ist nicht gut, wenn die Existenz unserer Familie nur an einem, nämlich deinem Leben, hängt; ich sollte noch einmal heiraten, damit Du Brüder bekommst und der Fortbestand unserer Familie in Ewigkeit gesichert ist.'
Arara:
Die Welt ist transitorisch,
Ewigkeit illusorisch.
Geschichtenerzähler: Weiter der König nichts zu sagen vermochte.
Arara:
Der König arm
vor Scharm
schwieg,
kein Wort über die Fischerin ihm entstieg.
Geschichtenerzähler: Doch Devavrata ahnte, daß das nicht der wahre Grund für des Vaters Kummer sein könne, sondern etwas Tieferes, Traurigeres. Und er fragte des Vaters Wagenlenker.
Arara:
Der von dem Mädchen wußte,
es verraten mußte,
und Devavrata schon bald
machte bei dem Fischer halt.
Auf dessen Tochters Hand
er um des Vaters willen bestand.
Geschichtenerzähler: Der Fischer nun wiederholte seine Bedingung: `Meine Tochter ist es wert, des Königs Gattin zu sein. Warum sollen ihre Söhne dann nicht wert sein, König zu werden? Aber Du bist schon zum Thronfolger gekrönt, so daß es nicht geht.'
Arara:
`Kron' und Thron
brauch' ich nicht
des Vaters glückliches Gesicht
sei mir Lohn.'
Geschichtenerzähler: Und Devavrata schwor, auf die Königskrone zu verzichten. `Oh Bester der Bharata Rasse, Du hast getan, was niemand von königlichem Blute je getan, Du bist wahrhaft groß. Doch höre meine Worte mit Geduld, die ich als Vater dieses Mädchens spreche. Ich zweifele nicht an Deinem Schwur, doch, wie kann ich hoffen, daß auch Deine Kinder, die sicher auch mächtige Helden wie Du sein werden, auch auf ihr Geburtsrecht verzichten werden?' Eine verzwickte Frage. Als Devavrata sie hörte, machte er, vom Wunsch geleitet, des Königs Verlangen zu erfüllen, seinen großen Schwur: `Ich werde nie heiraten, ich widme mein Leben ununterbrochener Keuchheit.' Als er diesen Verzicht mit erhobenem Arm ausgesprochen hatte, regneten die Götter Blumen auf sein Haupt und wisperten `Bhishma, Bhishma' und `Bhishma, Bhishma' hallte es wider, und der Götter Herzen erhoben sich mächtig, einen so edlen Helden auf Erden zu sehen, es ihnen in der Kehle würgte, ihre Stimme steigerte sich, sie schrien `Bhishma, Bhishma'. `Bhishma, Bhishma' dröhnte das All und die Erde. `Bhishma', das bedeutet der, der einen schrecklichen Schwur unternommen hat und ihn auch erfüllen wird. Devavrata wurde von nun an nur noch Bhishma genannt. Das Mädchen Satyavati aber führte er zu seinem Vater.
Am anderen Tag stand der Geschichtenerzähler wieder an der schmutzigen Straßenecke und erzählte. Er erzählte, da die Geschichte beliebt war, von Bhishmas Tod.
Geschichtenerzähler: Es war der zehnte Tag der Kurukshetra-Schlacht.
Arara:
Zu den Gewaffen
Ihr Affen!
Geschichtenerzähler: Arjuna greift Bhishma an, Sikhandin vor sich her schiebend.
Arara:
Nun, ja, gebückt
hinter Sikhandin gedrückt
Arjuna nahe rückt
Sikhandin in Eile
schießt Pfeile
und Lanzen
über die Schanzen
in Bhishmas Brust
ihre Lust
Wut
helle Glut
Bhishmas Blick
Feuer flammend
der trocknen Gräser trauriges Geschick
- versengt
und fast verbrennt
auch Sikhandin.
Geschichtenerzähler: Doch der alte Acharya hält sich zurück. Mit Sikhandin, die als Frau geboren wurde, will er nicht kämpfen. Der Kampf mit einer Frau ist einem Kshatriya unwürdig. Ein Held schlägt nur Helden und keine Hyänen. Bhishma senkt seinen Bogen und beruhigt sich. `Ihre Pfeile durchstechen meinen Panzer kaum und pieksen nur wie neckische Weiber', dachte der wohl gerüstete Held. Da verhärtete Arjuna sein Herz und zielte aus der Deckung auf den Sich-Nicht-Verteidigenden. Und als Arjunas Pfeile in Hundertschaften auf ihn niederprasselten, rief Bhishma: `Wahrlich, das sind Arjunas Pfeile, sie zerreißen meinen Körper wie hungrige Löwen einen Elefanten!' So begrüßte er die Pfeile seines liebsten Schülers, dann schleuderte er seinen mächtigen Spieß in Arjunas Richtung, aber der zerstörte ihn noch in der Luft mit drei scharfen Pfeilen und hagelte weiter mit harten Geschossen. Bhishmas eherner Schild war schwer geworden von den Geschossen. Noch ein Schuß und das Erz zersprang.
Arara:
Schuß
an Schuß
vor die Brust
bald ist Schluß.
Es hagelt in Schlossen
mit schweren Geschossen
aus scharfem Erz
ins harte Herz.
Geschichtenerzähler: Kein Fleckchen, kein Fingerbreit seines Körpers war unverletzt, überall stachen die Pfeile, eine Zentnerlast. Endlich stürzte er, fiel geschlagen, besiegt, bekriegt, überwunden, überwältigt zu Boden, doch erreichte ihn nie, berührte ihn nicht, denn die Pfeile trugen ihn, hielten ihn, den Überirdischen, über dem profanen Schmutz des Erdbodens. So lag er auf einem harten Kriegerbett. Sein Körper strahlte von sich die Pracht untadeliger Helden und der Himmel reflektierte seinen Glanz. Die Luft lud sich auf mit Lorbeergeruch, Daphnenduft. Die Götter falteten die Hände in ehrerbietiger Verehrung. Eine frische Brise und kühlende Regentropfen erleichterten Bhishma die Schmerzen. Die verfeindeten Armeen stellten den Kampf ein und alle Krieger und die Könige aller Reiche kamen gelaufen und umstanden Bhishma und beugten ihre Häupter wie die Götter um Brahma.
Arara:
Es grießelt
graupelt
man strauchelt
man gruselt
grieselt
griemelt
man munkelt
murkst und murmelt
mäkelt
nörgelt
der Held
abgemerkelt
fällt
die Welt
gewandelt
hält.
Alles ist wahr,
aber das wißt ihr ja.
Wie kann alles wahr sein, wo sich alles widerspricht? Adjuna war ungeduldig geworden: Was für eine Geschichte war das? Konnte man sagen, es war das Spassenste überhaupt? Da fehlte doch was. Und genau das war doch das Spassenste überhaupt, daß etwas fehlte. Wenn das der Tod Bhishmas war, was war sein Leben? Und wie kam es zur Schlacht. Was für eine Schlacht war das überhaupt?
Seine letzte Frage stellte Adjuna laut: "Was für eine Schlacht war das?"
Geschichtenerzähler: "Eine Völkerschlacht, ein Bruderkrieg."
Adjuna: "Sind nicht alle Kriege, Kriege gegen Brüder?"
Erzähler: "Genau das hatte damals Krishna auch gesagt, als vor dem großen Krieg der große Krieger Arjuna klagte, daß es galt, Verwandte umzubringen."
Adjuna: "Was hatte Krishna damit gemeint?"
Erzähler: "Er hatte damit gemeint, daß wir alle miteinander verwandt sind. Nur der Grad der Verwandtschaft ist verschieden. Er hängt von der Entfernung von den gemeinsamen Großeltern ab."
Adjuna: "Mit anderen Worten: Wir brauchen beim Brudermord nicht mehr Skrupel zu haben, als beim Mord an einem Fremden, denn der Fremde ist eigentlich auch ein Bruder."
Erzähler: "Das scheint er gemeint zu haben."
Adjuna hielt dem Arara seinen Finger hin. Der hackte zu. Es tat nicht weh.
Arara: Finger hart,
Kriegerart.
Du schreist nicht auaauaah,
du bist kein Bauaauaaa.
Ich Arara
du Kshatriya.
Adjuna plapperte nach: "Ich Arara, du Kshatriya."
Arara: Nicht wahr! Ich bin der Arara.
"Ich dachte, Papageien plappern alles nach", sagte Adjuna zum Geschichtenerzähler gewandt.
"Ja, wie sich alles wiederholt, so wiederholen sie alles."
Adjuna hatte eine flüchtige Erinnerung: "Sag' mir, was machte Arjuna, als er am sterbenden Bhishma stand?"
Erzähler: "Er schoß einen mit Mantras besprochenen Pfeil tief in den Erdboden und Wasser sprudelte hervor. So gab er dem alten Acharya zu trinken."
Adjuna: "Und erzähl mir, wie ging die Schlacht aus."
Erzähler: "Oh, wie Schlachten so ausgehen: Außer Bhishma starben noch Satanika, Duskarna, Drona, Ghatotkacha, Karna, Drupada, Jayadratha, Duhsasana, Chekitaana, Dhristaketu, Virata, Bhagadatta, Ketuman, Kripacharya, Vikarna, Brishaketu, Burisraba, Chitrasena, Purumitra, Bibingshati, Svutayudha, Saibya, Shalya, Shikhandi, die fünf Söhne Draupadis, alle Kauravas starben, alle Panchalas starben, alle Kuntis starben, alle Kaikeyas starben, alle Angas starben, alle Kalingas starben, alle Kaamarupas starben, alle Sudakshinas starben, alle Gorasanas starben, alle Mord- und Selbstmordkommandos, alle Fußsoldaten und die ganze Reiterei. 36 Jahre später starb auch Krishnas Stamm aus, die Yadavas zerfleischten sich in mörderischem Haß."
Arara: "Ahimsa ist die höchste Religion,
Ahimsa ist die tollste Tradition,
Ahimsa heißt das größte Glück,
Ahimsa ist das tollste Stück,
Ahimsa heißt die heißeste Heiligkeit,
die wahrste Wahrheit, die größte Gabe, das reinste Ritual, die seligste Seligkeit, Vollkommenheit, gescheit."
Erzähler: "Ja, so besang man nach geschlagener Schlacht das Ahimsa."
Adjuna bat: "Erzähl mir, was alles geschah. Wie kam es zur Schacht?"
Aber der Erzähler war schon ungeduldig geworden. Er erzählte für Paise. Rupies waren ihm lieber, aber die gab ihm ja keiner. Er blickte den himmelsgekleideten Adjuna von oben bis unter an. Der hatte nicht nur keine Kleider an, sondern auch keine Taschen für Paise. Trotzdem machte er die Geste für Bakshish.
Adjuna deutete an sich herab: "Ich habe weder kleines Geld noch großes Geld. Ich kann dir nichts geben."
Der Geschichtenerzähler aber hatte eine Idee: "Gib mir deinen Samen. Ich habe eine Tochter zu Hause. Eine reife Frucht. Eigentlich schon überreif. Ich habe nicht das Geld für eine Mitgift. So welkt sie dahin. Aus deinem Samen werden zweifellos große Helden keimen, die unserer Familie zu Wohlstand, Macht, Ruhm und Reichtum verhelfen werden."
Und er hielt Adjuna seinen Blechnapf vor die blanke Rute. "Dein Glied ist doch schon die ganze Zeit so angeschwollen. für einen Sadhu ist es eigentlich ein Versagen seiner keuschen Schwüre, so brünstig erregt rumzulaufen. Du solltest schnell entladen, um wieder als frommer Mann zu gelten."
Adjuna: "Ich habe nie keusche Schwüre geleistet und laufen immer so rum, selbst nach dem Erguß schwelle ich gleich wieder an. Meine Samen aber liefere ich doch lieber selbst bei deiner Tochter ab."
Der Geschichtenerzähler führte Adjuna aus der Innenstadt heraus zu einem der staubigen, elenden Bastis, die alle größeren Städte hier umgaben, und in denen die armen, einfachen Leute wohnten. Der Arara flog derweil neben ihnen her, sehr darauf achtend, sich nicht zu weit zu entfernen. Er hatte große Angst davor, von einem Nicht-Vegetarier erwischt zu werden.
In der geräumigen Hütte - der Geschichtenerzähler hatte sie übrigens aus den verschiedensten Materialien gefertig, aus bunten Plastikflächen und Kunstfasersäcken ebenso wie aus Holz und Palmwedeln, auch gab es eine halbhohe Hauswand aus Stein - also in der geräumigen Hütte angekommen, sah Adjuna das Mädchen am Herd. Ein spätes Mädchen, das sah man gleich.
Sie hatte einen ausladenden Hintern, wie ihn eigentlich nur die Frauen der wohlhabenden Kasten hatten. Vielleicht war der Geschichtenerzähler doch nicht so arm, wie er vorgab, daß er sich proteingeladene Nahrung zur Mästung seiner Tochter leisten konnte.
Ihre dicken, langen, schwarzen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden. Erst unterhalb des Steißbeines hielt eine Schleife den geflochtenen Teil zusammen, die sich anschließende Quaste war dem Schwanz eines Pferdes nicht unähnlich. An der Taille war sie wie so viele Inderinnen relativ schlank.
"Madagajaamini", rief Adjuna ihr zu, was bedeutete `Frau mit der Haltung eines Elefanten in der Brunft', was hier zu Lande eines der schönsten Komplimente war. Es war bei ihr aber nicht nur ein Kompliment, sondern die Wahrheit, denn ihr dicker Hintern wippte bei der Arbeit erotisch hin und her.
Der Erzähler freute sich, daß Adjuna die Frau gefiel.
Die stärige Jungfrau hieß übrigens Draupadi. Der Geschichtenerzähler hatte sie nach der Frau aus den Geschichten, die er immer erzählte, benannt. Er selbst nannte sich deshalb auch Vyasa, obwohl er eigentlich einen anderen Namen hatte.
Dem Mädchen wurde die Situation erklärt. Ihr Vater war nicht nur ein Erzähler traditioneller Geschichten, sondern hatte sie auch im Sinne traditioneller Werte aufgezogen. Und Gehorsamkeit gegenüber dem Vater war die höchste aller traditionellen Tugenden.
Aber wie das so war mit dem weiblichen Geschlecht, wenn man ihm Keuschheit anerzogen hatte und es weit über die Jugendlichkeit hinaus schamhaft den Schamteil verdeckt hatte und auch nie das Glied eines Mannes weder bei Bruder noch beim Vater zu Gesicht bekommen hatte, und wenn es einmal einem Gymnosophisten auf der Straße begegnet war, schnell schamhaft weggeguckt hatte, weil man es von ihm erwartete, das weibliche Geschlecht wollte sich dann einfach nicht öffnen, wenn es sich öffnen sollte.
Gehorsam war Draupadi mit Adjuna aufs Lager gestiegen. Willig hatte sie sich ausgezogen. Sie liebte sogar Adjuna auf den ersten Blick. Aber mit Blicken brachte man keinen Geschlechtsakt zustande.
Irgendwie wollten die Beine einfach nicht auseinandergehen. Wenn Adjuna nur ein Bißchen mit der Hand zwischen ihre Beine faßte, kniff sie sie sofort zusammen. "Mit meinem ganzen Geschütz da anzufahren, wird noch ein Problem", dachte Adjuna.
Er konnte mit den Händen jedoch fühlen, daß sie dort immer, immer feuchter wurde. "Du willst doch selbst auch, nun preß doch mal nicht immer die Beine zusammen."
Endlich ließ ihn das Mädchen mit seinen Hüften zwischen die Beine kommen. Als er sich dichter heranschob, stand er jedoch vor verschlossenem Tor. Wie sollte man da hineinkommen?
Da die drei Schwellschläuche seines Gliedes schon seit Jahrzehnten prall geschwollen waren, hatten sie sich auf so übernatürliche Größe ausgedehnt, daß sein Glied nicht in die Jungfrau paßten, nie und nimmer. Und für lange Dehnungsübungen war keine Zeit.
Adjuna sprudelte praecox los. Das bißchen Ankommen am äußeren Tor und das "Aua!"-Schreien der Jungfrau waren genug. Ejakulation praecox. Die Samen saßen genau vor der Spalte.
Nähme man ein Mikroskop, sähe man, daß sie nicht saßen. Die Samenfädchen zappelten, schlugen mit ihren Geißelchen und bewegten sich vorwärts, die Schnellsten und Stärksten vorweg. Sie gingen das kleine Stück, das Adjuna versäumt hatte zu gehen alleine - ohne den großen Puller.
Da haben wir den nächsten Erlöser der
Menschheit von einer Jungfrau intakta geboren.
Vyasa war zufrieden, als Adjuna ihm versicherte, daß die Samen auf dem Weg zum wartenden Ovum der Jungfrau seien und die zweifellos schwängern würden. Um auch seinen Teil der Abmachung zu halten, fing der Erzähler wieder an zu erzählen:
König Santanu war überglücklich, als Bhishma ihm die Fischertochter brachte: Du hast für mich mehr getan, als irgendein Sohn für seinen Vater tun würde; ich segne dich dafür, mögest du nicht sterben wie andere Sterbliche, die sterben, weil sie müssen, sondern mögest du erst sterben, wenn du sterben willst. Den Zeitpunkt deines Todes sollst du dir aussuchen können. Solange du nicht sterben willst, sollst du unsterblich sein. Keine Wunde, die man dir schlägt, soll dich töten können, und keine Krankheit dich umbringen.
Die Fischertochter Satyavati aber gebar dem König Santanu zwei Söhne, Chitrangada und Vichitravirya. König Santanu erlag bald nach der Geburt des zweiten Sohnes den Gesetzen der Zeit. Und Chitrangada wurde König. Aber Chitrangada starb kinderlos in jungen Jahren.
Arara: Beim Kampf mit den Gandharva
litt er an Rheuma.
Geschichtenerzähler: Ja, drei lange Jahre duellierte er am Ufer des Hiranyavatis mit einem Gandharva-König, der den gleichen Namen Chitrangada trug, dann erlahmten seine Kräfte und der Gandharva erschlug ihn. Vichitravirya war nun rechtmäßiger Erbe des Königreiches. Aber er war noch ein Kind und Bhishma regierte als Prinzregent, bis Vichitravirya das Mannesalter erreichte. Dann setzte Bhishma Vichitravirya auf den Thron. Als dann die Kunde kam, daß der König der Kâsis seine drei Töchter, die in Schönheit den Apsarâs glichen, verheiraten wollte und deshalb ein großes Fest veranstaltete, das als Brautschau diente, und daß zu diesem Swayamvara Tausende von Prinzen kamen, da entschied Bhishma, da Vichitravirya heiraten sollte und zwar die drei Prinzessinnen von Kasi. Bhishma nahm daher seinen Kampfwagen und fuhr in die Arena von Benares, wo der Herrschersitz der Kâsis war, und vor all den versammelten Freiern rief er mit donnerder Stimme:
Arara krächste:
Die Tugendhaften sagen,
einen Tugendhaften soll sie haben.
Die Weisen Widerspruch erheben,
einem Weisen soll man sie geben.
Die Jungen signalisieren:
sie wollen nicht verlieren.
Die Alten widerhalten,
am besten sind wir Alten.
Andere sagen: Die Braut muß man schmücken,
dann wird sie entzücken.
Große Aussteuern
muß man beisteuern,
das wird die Freier anfeuern.
Andere tauschen Mädchen gegen eine Kuh
und verlangen auch noch Geld dazu.
Manch ein Mädelein
bricht frei - allein,
läuft weg
ganz keck.
Manch ein Mädchen
findet aus eigenem Antrieb
den Mann, den sie liebt.
Andere brauchen Hilfe,
nach einigen schwachen Stunden
sind sie einem Mann verbunden,
rumgekriegt und besiegt.
Geschichtenerzähler: Aber die edelste Art zu einer Braut zu kommen ist laut Dharma, sie mit Gewalt zu entführen. Es ist Kshatriya-Art und die höchste Ehre für die Frau, wenn der Freier sie gewaltsam entführt. Denn nur dann beweist der Freier, daß er bereit ist, für die Frau sein Leben zu riskieren. Welche Frau kann das schon von sich sagen, daß sie das Leben eines Mannes wert ist.
Bhishma hatte die drei Töchter des Königs von Kâsi an sich gerissen, fuhr eine Runde mit ihnen in der Arena und forderte die versammelten Prinzen zum Kampfe heraus. Die warfen schnell ihre Diademe und Prachtgewänder ab und ergriffen ihre Waffen: Dem alten, komischen Kauz wollten sie es zeigen! Hatte der nicht mal Keuschheit geschworen?
Bhishma besiegte sie alle. Dann machte er sich mit den Prinzessinnen Amba, Ambika und Ambalika auf den Rückweg nach Hastinapura zu den
Bharatas.
Arara:
Stopp diese Allotria!
Halt da!
rief Amba
ipsissima verba.
Geschichtenerzähler: Ja, Amba wollte aussteigen. Sie war nicht stolz, von einem so großen Krieger entführt zu werden. Sie hatte im Herzen schon einen anderen Bräutigam gewählt, Salva, König von Saubala. Aber so einfach waren Kriegersitten nicht. Geraubtes gab man nicht einfach zurück, um nicht als Feigling zu gelten.
Arara:
Ein Feigling,
ein Weichling,
ein Schand-Ding!
Geschichtenerzähler: Salva erschien mit seinem Kampfwagen und forderte Bhishma heraus. Eine wilde Schlacht entbrannte. Aber Salva hatte keine Chance gegen den großen Acharya und mußte sich bald geschlagen geben. Ohne weitere Zwischenfälle brachte Bhishma die drei Prinzessinnen nach Hastinapura. Vichitraviryas Hochzeit mit den drei Prinzessinnen wurde vorbereitet.
Arara:
Aber Amba
rotzig und trotzig:
Oh, Sohn von Ganga,
folge dem Gesetz der Sastra,
gib' mir den Gemahl
meines Herzens Wahl
und damit basta.
Geschichtenerzähler: Bhishma sah ein, daß es gegen die Lehren der heiligen Schriften war, eine Frau, die in ihrem Herzen schon einen Mann gewählt hatte, zu zwingen, einen anderen Mann zu heiraten. Er ließ sie daher, mit prächtigem Geleit zum Hofe ihres Geliebten bringen. Aber der König von Saubala weigerte sich, sie anzunehmen.
Bhishma hatte ihn vor den Augen aller Krieger besiegt und gedemütigt, jetzt von ihm die Prinzessin Amba wie eine Almose anzunehmen, war eine Schande und erneute Demütigung, die sein Kriegerstolz nicht erlaubte. `Bhishma hat mich vor aller Augen besiegt, ich kann dich jetzt nicht mehr annehmen, geh zurück zu ihm, du bist seins.' Amba ging also zurück nach Hastinapura und erzählte Bhishma, daß Salva sie nicht annehmen wollte. Bhishma versuchte nun, sie doch noch mit Vichitravirya zu verheiraten, aber der weigerte sich, eine Frau zu heiraten, deren Herz schon einmal einem anderen gehört hatte. Und wenn Salva sie nicht haben wollte, er, Vichitravirya, wollte sie erst recht nicht haben.
Amba war verzweifelt und in ihrer Verzweifelung bat sie Bhishma, daß er sie heiraten möge. Aber Bhishma sagte: `Das geht nicht. Ich habe den Brahmacharya-Schwur geleistet, nie zu heiraten, und meinen Schwur kann ich nicht brechen. Geh noch einmal zu Salva und bitte ihn, dich doch noch zu heiraten.' Zuerst war sie zu stolz, wieder zu Salva zu gehen, aber nach sechs einsamen Jahren, faßte sie sich ein Herz und ging noch einmal zu dem König der Saubalas. Der aber blieb bei seiner Weigerung.
Die lotusartige Schönheit Amba verbrachte noch viele bittere Jahre allein, abgewiesen in Verzweiflung. All die Süße, die einmal in ihr war, verwandelte sich in Haß und Bitternis, und viel Süße war einmal in ihr gewesen, und viel Haß und Bitternis entstand daher, Haß und Bitternis auf Bhishma, der ihr einst so gesegnetes Leben kaputt gemacht hatte. Sie ging auf eine lange Wanderschaft durch alle Königreiche der Welt und suchte den Krieger, der das Unrecht, das ihr Bhishma angetan hatte, rächen würde. Aber sie fand keinen Krieger, der sich groß genug fühlte, Bhishma herauszufordern. So zog sie sich schließlich in die Wildnis zurück, hungerte und wachte und tat große Bußübungen, um übernatürliche Hilfe herabzuflehen. Der sechsgesichtige Lord Subrahmanya erwies sich ihr gnädig und erschien. Er gab ihr eine Girlande nie welkender Lotusblüten. `Der, der diese Girlande trägt, wird ein Feind Bhishmas werden und seinen Tod verursachen.' glücklich nahm Amba diese Girlande und wieder machte sie sich auf die Wanderschaft durch die Königreiche, aber noch immer war die Furcht vor Bhishma größer als der Glaube an die Wunderkraft der Girlande. Sie kam schließlich auch an den Hof des Königs Drupada, auch er verweigerte sich ihren Bitten, und verzweifelt und resigniert verließ Amba auch dieses Könighaus. Ihre Girlande ließ sie an Drupadas Palasttor hängen. Sie selbst zog sich wieder in die Wälder zurück - zu neuer Askese. Einige Einsiedler rieten schließlich, doch Parasurama aufzusuchen. Parasurama oder auch Rama mit der Axt war eine Inkarnation des Gottes Vishnu. Der große Gott war zur Erde gekommen, um sie von den Drangsalen, den Drangsalierungen der Kshatriya zu befreien, und mit seiner Axt hackte er Krieger nieder, wo immer er sie traf. Als Amba ihm ihre traurige Geschichte erzählte, fragte er sie mitfühlend: `Mein Kind, was kann ich für dich tun? Soll ich Salva bitten, dich doch noch zu heiraten?' `Nein, Rache an Bhishma ist alles, was ich noch auf dieser Welt suche.' Obwohl Parasurama schon lange in den Ruhestand getreten war, flammte sein alter Haß auf die Kshatriya und ihre unsinnigen Sitten und Ehrenkodexe wieder auf und er versprach mit Bhishma zu kämpfen. Es war ein langer, mühsamer Kampf, den Parasurama schließlich verlor. Geschlagen kam er zurück zu seiner Einsiedelei und er sagte zu Amba: `Ich habe getan, was ich konnte, aber Bhishma ist unbesiegbar. Gehe zu Bhishma und versöhne dich mit ihm. Du kannst ihn nicht vernichten, niemand kann das.' Aber Wut und Haß verzehrten Amba immer weiter, nur der Wunsch nach Rache hielt sie noch aufrecht und am Leben. Die höchsten Gipfel des Himalayas bestieg sie, dort im kalten Schnee brannte die Flamme ihrer Rachsucht. Sie praktizierte rigorose Askese, den großen Zerstörergott Shiva selbst wollte sie gnädig stimmen. Als er ihr endlich erschien, gab er ihr das Versprechen, daß sie selbst in ihrem nächsten Leben Bhishmas Tod verursachen würde. Keine Eile war ihr schnell genug, sie stürzte die Berge hinunter und sammelte im Tal Holz für ein Bestattungsfeuer und stürzte sich in die Flammen. Sie waren kaum heißer als die Hölle ihres Herzens.
Jetzt war sie tot, aber durch die Gnade Shivas wurde sie wieder geboren als die Tochter des Königs Drupada. Einige Jahre nach ihrer Geburt sah sie die Girlanden der nie verblühenden Lotusblüten am Tor von ihres Vaters Palast hängen. Niemand hatte es gewagt, sie je zu berühren, um nicht die Feindschaft Bhishmas auf sich zu ziehen. Sie aber nahm die Girlanden und hängte sie sich um den Hals. Ihr Vater Drupada sah es mit Schrecken. Aus Furcht vor Bhishmas Zorn verstieß er seine Tochter. Wieder zog sie sich in die Wälder zurück. Wieder machte sie harte Bußübungen, diesmal um ein Mann zu werden, denn nur als Mann konnte sie Krieger werden und Bhishma bekämpfen.
Zur Zeit der großen Kurukshetra-Schlacht war sie ein Mann, der Krieger Sikhandin. Als Sikhandin kämpfte sie gegen Bhishma, aber Bhishma wehrte sich nicht, denn er sah in Sikhandin noch immer eine Frau, die Prinzessin Amba, ein Mädchen so schön wie eine Apsaraa, das lotusschöne Mädchen, das er hatte zurückweisen müssen, weil er ewige Keuschheit geschworen hatte.
Bhishma war zu groß. Selbst wenn er sich nicht wehrte, hätte ein schwacher Krieger wie Sikhandin ihn nicht fällen können. Aber der große Krieger Arjuna schob Sikhandin wie einen Schild vor sich her und schoß so aus sicherer Deckung Bhishma schwere Wunden. So wurde Sikhandin die Ursache für Bhishmas Fall. Bhishma lag noch bis nach der Schlacht lebend auf dem Schlachtfeld, erst als die Sonne den nördlichen Himmel erreicht hatte, starb er auf eigenen Wunsch.
Alle waren verstummt. Der Arara hatte Tränen in den Augen. "Wie doch ein so einfaches Tier zu Gefühlen in der Lage ist", dachte Adjuna.
Nach einer bescheidenen Mahlzeit von Reis und Kari und etwas Milchtee und Gebäck erzählte der Geschichtenerzähler weiter:
Sieben Jahre lang genoß Vichiravirya seinen beiden Frauen Ambika und Ambalika. Intensiv konsumierte er ihre großen, dunklen Körper mit den sinnlichen Lippen, zarten Zungen, blauschwarz glänzenden Haaren, den scharfen roten Fingernägeln, den üppigen Brüsten und gewaltigen Hinterbacken, ihre feuchtsüßen Schamteile, ihre tiefen Scheiden und ihre anderen, zärtlich liebenden Körperöffnungen, dann war er konsumiert, ausgezehrt, erschöpft und starb an der Phthisis, der Schwindsucht.
Arara:
Lamenta, lamenta,
Vichitravirya
auf dem Weg zu Yama.
Geschichtenerzähler: Vichitravirya hatte keine Kinder. Trotz all seiner männlichen Potenz hatte dieser Held, der an Schönheit den Asvins geglichen hatte, und der an Kraft dem großen, starken Bullen Nandi des Zerstörergottes Shiva gleich gekommen war, es nicht geschafft, zu seinen Lebzeiten Nachwuchs in die Welt zu setzen.
Satyavati war verzweifelt: Sollte es sein, daß das Geschlecht des großen Santanus der Kurus, der immer auf den Wegen der Veden und Vedantas gefolgt war, ausstirbt? Sie entschied, daß das nicht sein durfte. Das heilige Gesetz schrieb vor, daß die adligen Linien fort bestehen mußten, und sie sprach zu Bhishma: Du kennst die Veden. Du weißt, was deine Pflicht ist. Vichiravirya, der mächtige Sohn aus meinem Schoße, hatte die Königinnen Ambika und Ambalika nicht geschwängert. Du, Gangeya, als sein Halbbruder hast jetzt die Aufgabe, die Samen aus der Linie des großen Santanus in seine Frauen hineinzustoßen. Sitte und das heilige Gesetz nennen das als deine Pflicht.
Arara:
Du bist nicht ganz dicht!
Nein, so rüde war er nicht.
Geschichtenerzähler: Bhishma entgegnete ihr: Weißt du nicht, was der Brautpreis war, den ich zahlte, damit du meinen Vater heiratetest? Es war der unumschränkte Schwur, keusch und ohne Nachkommen zu leben; dieser Schwur, den ich geleistet habe, steht höher als das höchste Gesetz. Ich kann auf alles verzichten, aber nicht auf die Wahrheit meiner Worte.
Arara:
Die Götter mochten ihre Unsterblichkeit verlieren,
der Erdboden seine Festigkeit,
die Luft ihren Duft
das Wasser seine Frische
das Licht seinen Schein
die Sonne ihre warmen Strahlen
der Mond seine kalten Strahlen
das Feuer seine Hitze
das Eis seine Kälte
der Lärm seine Lautstärke
das Schweigen seine Stille
Indra seine Macht
Lord Dharma sein Gesetz,
aber Bhishma würde nie die Wahrheit seiner Worte verlieren.
Geschichtenerzähler: Satyavati aber erwiderte ihm: Was ist der Wert deiner Worte? Wenn die Linie selbst verloren geht, ist auch das Gesetz verloren. Wenn keine Nachkommen mehr da sind, ist niemand mehr da, der den Wert deiner Worte ehrt.
Bhishma aber antwortete ihr: Jamadagnis Sohn Parasurama tötete aus Wut über den Mord an seinem Vater alle Abkömmlinge des Könighauses der Haihayas, er hackte die zehnhundert Arme von Arjuna-Kartavirya ab, er ergriff abermals seine Waffen und brachte das ganze Kshatriyarat um und beherrschte selbst die ganze Welt mit seinem Streitwagen. Einundzwanzigmal säuberte er die Welt von uns Kriegern.
Einundzwanzigmal wurden alle Kshatriya-Frauen Witwen. Klagende Witwen, die nicht nur um ihre Männer klagten, sondern auch um ihre Söhne. Und doch entstand die Kshatriya-Kaste ein jedes Mal von neuem. Sie auferstand! Sie auferstand aus den Schößen der Kshatriya-Witwen. Ein Sohn gehört dem, der seine Hand führt, so lehren die Veden. Die Kshatriya-Witwen erbettelten sich die Samen von edlen Brahmanen, so folgten sie dem Gesetz und ließen die Kshatriya-Kaste wieder leben. Höre Mutter! Die Dynastie der Bharatas soll leben. Lade einen Brahmanen von großer Tugend ein, laß ihn Vichitraviriyas braches Feld besamen!
Weiser, starkarmiger Bhishma, du hast die Wahrheit gesprochen, sagte Satyavati, ich werde handeln, wie du es rätst. Einst, als ich gerade erst eine Frau geworden war, in der Zeit nach meiner ersten Blutung, bediente ich meines Vaters Fähre über den Fluß Yamuna. Da kam der große Seher Parasara an meine Fähre und wollte, daß ich ihn übersetzte. Aber während ich ihn übersetzte, näherte er sich mir. Er sagte mir viele süße Dinge, tat mir Zärtlichkeiten an. Er war besessen von Verlangen und Verliebtheit. Ich fürchtete die Flüche des mächtigen Mannes, und seine Versprechungen und Segnungen waren so süß und selten beizukommen. Seine Männlichkeit überkam mich, direkt auf dem Boot. Mit einem dicken, dunklen Nebel schützte er uns vor neugierigen Blicken vom Ufer. Damals hatte ich einen scheußlich stinkenden Fischgeruch an mir, auch Dankbarkeit für die Befriedigung seines männlichen Verlangens nahm er diesen Fischgeruch von mir und gab mir einen außergewöhnlichen süßlichen, verführerischen Duft, den Duft, dem dein Vater folgte, bevor er mich fand. Von dieser Begegnung gebar ich im geheimen auf einer Insel des Yamuna-Flusses einen Sohn. Ich gebar ihn als Jungfrau, denn Parasara hatte bei mir nach dem Geschechtsakt meine Jungfräulichkeit wiederhergestellt.
Auch nach der Geburt war ich wieder zur Jungfrau geworden, so daß dein Vater mich unbefleckt vorfand. Dieser mein Sohn von der Yamuna-Insel ist ein großer Seher und Yogi geworden wie sein Vater. Parasarya heißt er, auch Dvaipayana nennt man ihn, und da er die Veden unterteilte, wurde er als Vyasa, der Unterteiler, berühmt. Ich werde ihn rufen, daß er seinen Pflug in das brache Feld seines Bruders Vichitravirya steckt, die Schollen bricht und die Saat der Nachkommenschaft sät.
So erschien Vyasa bei seiner Mutter. Sie besprenkelte ihn zum Gruße mit den Freudentränen, die sie vor Freude über das Wiedersehen nach so langer Zeit verschütten mußte. Vyasa seinerseits besprenkelte die Mutter mit heiligem Wasser.
Satyavati sprach: Wie du mein erstgeborener Sohn bist, so war Vishitravirya mein letztgeborener Sohn, und wie Bhishma ein Halbbruder Vichitraviryas väterlicherseits ist, so bist du ein Halbbruder Vichitraviryas mütterlicherseits, oh Brahmane. Bhishma hat ewige Keuschheit geschworen und kann den Samen seines Vaters Santanu nicht forttragen. Hilf du, edler Vyasa, uns, rette die große Dynastie der Kurus und besteige die Frauen deines Bruders Vichitravirya, daß sie Söhne zur Welt bringen, die das Königreich fortführen.
Arara:
Vyasa war bereit,
doch nicht aus Geilheit;
ein Jahr sollten die Frauen in Askese leben,
dann erst wollte er ihnen seine Samen geben.
Geschichtenerzähler: Satyavati protestierte: So lange können wir nicht warten. Du mußt sie sofort schwängern. Was ist ein Königreich ohne König? Ein Königreich ohne König ist wie ein Baum ohne Stamm, ein Haufen trocknen Holzes. Kein Gott sieht gütig auf einen solchen Ort, kein Regen fällt dort, keine Ernte gibt es, keinen Sonnenschein, keine Freuden. Nein, wir brauchen einen Sohn und möglichst schnell.
So kam es, daß die Königin Ambika, wenn das nächste Mal die Zeit ihrer höchsten Brunst kam - nach der Weisheit der Alten war das die Zeit, wo die Scheide nach der Trockenzeit, die sich an die Regelblutung anschloß, wieder anfing, sabberig zu werden -, sich von Vichitraviryas Halbbruder besteigen lassen sollte. Sie erwartete wohl Bhishma und war sehr erschrocken, als Vyasa in ihr Gemach eintrat und ihr sagte, daß er ihr für seinen toten Halbbruder einen Sohn zeugen werde. Vyasa war abgrundhäßlich, hatte verfilzte, dreckige, erdfarbige Haare, einen rötlichen Bart voller Läuse, stank wie ein ungewaschenes Schwein übermäßig nach Schweiz, Kot und Urin und trug staubige Lumpen, die er als Vorbereitung für den Vollzug des Geschlechtsakts vorne öffnete. Ambika schloß die Augen vor Schreck und ließ, was geschehen mußte, stoisch über sich ergehen.
Als Vyasa fertig war und seine Lumpenhose vorne verschließend aus dem Gemach der Königin kam, erwartete seine Mutter ihn schon: Wird sie einen Sohn bekommen? Vyasa antwortete ihr: Ja, sie wird einen Sohn zur Welt bringen, einen großen König mit der Kraft von Millionen Elefanten und der Weisheit der größten Seher, und er wird Vater von hundert großen Kriegersöhnen sein, aber da es seiner Mutter an einer Tugend mangelte, nämlich der Tugend, ihren Geschechtspartner, mich, anzublicken, wird er blind sein.
Satyavati war ungehalten: Ein blinder König, das kann nicht sein. Ein Blinder kann nicht König werden. Gehe auch zu Ambalika und mache ihr ein Kind.
Ambalika nun, als sie den unansehlichen Seher sah, mit dem sie den Koitus vollziehen sollte mit geöffneten Augen, wurde so bleich wie ein Bettlaken.
Da du beim Anblick meiner Häßlichkeit erbleichtest, wird du einen Sohn haben mit einer kränklich bleichen Geschichtsfarbe. Wegen seiner Bleiche wird man ihn Pandu, den Bleiche, nennen, fünf Söhne wird er haben, die Pandavas, große Krieger und Bogenschützen.
Satyavati aber war auch mit einem bleichen Sohn nicht zufrieden und bat Vyasa, es noch ein drittes Mal zu versuchen.
Als Ambika nach der Geburt des blinden Dhritarastras wieder in die Zeit der höchsten Brunst kam, sollte sie wieder Vyasa zu sich lassen, um auch noch einen gesunden Sohn zur Welt zu bringen. Aber wenn sie an Vyasas Erscheinung und den Gestank dachte, den er verbreitete, dann stieg großer Ekel in ihr auf. Nein, noch einmal wollte sie nicht intim mit ihm sein. Mit ihm konnte sie es einfach nicht machen, nicht einmal von hinten. Sowieso, wer wußte, wie der Weise sich verletzt fühlte, wenn sie es ihm nur von hinten anbot. Mit welcher Mißgeburt würde er sich dann rächen?
Ambika schmückte eine liebliche Sklavin, die so schön war wie eine Apsara, mit ihren königlichen Juwelen und ihrem diamantenen Diadem, auch ließ sie sie salben und parfümieren. Diese Sklavin nun empfing Vyasa in allen Ehren, die einem weisen Seher zukamen. Und mit allen Künsten der Liebe befriedigte sie ihn. Vyasa war sehr zufrieden mit den Vergnügen der Liebe, die er in dieser Nacht im Beischlaf mit diesem Mädchen fand.
Aus Dankbarkeit setzte er sich dafür ein, daß der Sklavin die Freiheit gegeben wurde. Und als freier Mensch gebar sie einen Sohn, der als der weiseste und verständigste Mensch der Welt galt: Vidura.
Vidura diente später am Hofe von Hastinapura seinen Brüdern Dhristarastra und Pandu als Berater. Er war der große Lord Dharma selbst, der durch einen Fluch des Einsiedlers Mandavya dazu gezwungen worden war, ein Menschenleben inkarniert auf der Erde zu verbringen.
Der Geschichtenerzähler war offensichtlich müde geworden. Den ganzen
Tag schon hatte er erzählt. Die Straßen waren staubig gewesen und der Hals tat ihm weh.
Der große, nackte Mann, der ihm mit einem Flitzbogen und ein paar Flitzen gegenüber saß, sah zwar wie die Inkarnation eines Gottes aus, hatte sogar einen bläulichen Schimmer in der Haut, aber die Aufmerksamkeit, mit der er zuhörte, verriet, daß er das alles zum ersten Mal hörte, also nicht allwissend war. Es war zu bezweifeln, daß dieser Mann, der nichts zu besitzen schien als ein langes Stück Holz und noch ein paar kurze, angespitze Hölzer, ihm außer einem starken Enkelsohn noch groß andere Segnungen zuteil kommen lassen würde.
Der Geschichtenerzähler entschied sich die Geschichte kurzzufassen: Nach der Geburt der Königssöhne fiel wieder Regen auf das Land der Kurus, die Felder wurden wieder fruchtbar und auch die Bäume trugen wieder reichlich Blüten und Obst. Bhishma übernahm die Ausbildung der jungen Prinzen, und unter seiner Anleitung lernten sie den Schwerterkampf, Bogenschießen, mit den Kampfkeulen umzugehen, aber auch das Reiten auf Pferden und Elefanten und das Streitwagenfahren, sowie Politik, Religion, Philosophie, Literatur, Gesang und die Veden und Vedantas. Dhritarastra, der älteste Sohn, wurde jedoch nicht zum König gesalbt, da er blind war, auch Vidura wurde nicht König, da seine Mutter keine Königin war. Pandu wurde König. Bhishma und Satyvati sorgten sich auch weiter um den Fortbestand der königlichen Linie. Und als Bhishma hörte, daß die Prinzessin Gandhari von Subala vom großen Haga die Gabe erhalten hatte, hundert Söhne zu haben, arrangierte der Grandsire der Kurus Dhritarashtras Hochzeit mit ihr. Als Gandhari hörte, daß ihr Bräutigam blind war, nahm sie ein Tuch und verband sich ihre Augen damit, um in der dunklen Welt ihres Gemahls zu leben. Sie nahm das Tuch nie wieder ab. Der bleiche Pandu wurde mit Kunti verheiratet. Sie war das erste Kind von Vasudeva gewesen, der der Häuptling der Yadus war, und der später Vater von Krishna wurde. Vasudeva hatte sie aber seinem kinderlosen Cousin Kuntiboja gegeben, der der Sohn seines Vaters Schwester war. In Kuntibojas Haus hatte Kunti einmal den schrecklichen Einsiedler Durvasas bewirtet. Aus Dankbarkeit hatte er ihr die große Gabe gegeben, die Götter vom Himmel herunterzurufen, und sie zum Beischlaf und zur Zeugung eines Sohns zu zwingen. Sie hatte es gleich mit Surya, dem Sonnengott, ausprobiert. Das Kind hatte sie dann in einem Körbchen in den Fluß ausgesetzt. Aber das war ihr Geheimnis, ihr dunkles Geheimnis, das sie mit dem hellen Helios gemein hatte.
Pandu also heiratete diese Kunti, aber heiratete später noch eine Frau dazu: Madri, die Tochter von Madras. Pandu vergrößerte das Reich und seinen Reichtum erfolgreich durch viele Kriegszüge.
Adjuna: Raubzüge.
Geschichtenerzähler: Nachdem er genug hatte, zog er sich mit seinen Frauen in die Wälder zurück. Er liebte es zu jagen. Eines Tages schoß er einen Rehbock und dessen Ricke. Der Rehbock hatte gerade die Ricke besprungen und im Eifer der Brunft den Jäger nicht heranschleichen hören. Im Sterben drehte sich der Rehbock um und gab sich als Mensch zu erkennen. Er hatte nur die Form eines Rehes angenommen, um sich mal mit einer Ricke zu vergnügen. Jetzt verfluchte er Pandu: Weil du keinen Respekt vor dem Akt der Liebe gezeigt hast, verdamme ich dich dazu, in dem Moment, in dem du deine Frauen berührst, zu sterben, wie ich jetzt sterbe.
Pandu protestierte: Es ist die Art der Kshatriya, es mit Rehen so zu machen wie mit den Feinden, nämlich sie zu töten. Ich habe nichts Unrechtes getan.
Du hättest warten sollen, bis ich fertig war, sagte der Einsiedler, du selbst kennst die Angenehmlichkeiten der Liebe, wie konntest du uns bei der Paarung töten. Ich bin Kimdama, ein Einsiedler von großer Askese, ich habe dir nie etwas getan, ich lebte hier friedlich und fröhlich im Wald, ernährte mich von Wurzeln und Beeren, ich meidete die Menschen und ihre Gewalt und Boßhaftigkeit, ich ziehe die Tiere vor, deshalb verwandelte ich mich auch in einen Rehbock und liebte eine Ricke. In dem Moment, in dem dich die Liebe auf eine deiner Frauen übermannt, wirst du sterben, und deine Frau wird dir in den Tod folgen, wie diese Ricke hier mir in den Tod folgt. Die Strafe für einen Brahmanenmord aber erlasse ich dir, da du mich nicht als Brahmanen erkennen konntest.
Pandu war verzweifelt, denn er hatte noch keine Nachkommen. Sollte seine königliche Linie aussterben? Ein Mann ohne Kinder hatte keine Tür zum Himmel, sagte man. Wenn ein Mann ohne Kinder starb, dann starb nicht nur er, sondern alle sein Vorfahren im Jenseits starben mit ihm endgültig.
Pandu übergab die Regierungsgeschäfte seines Königreichs seinem blinden Bruder Dhritarastra und zog mit seinen beiden Frauen Kunti und Madri für immer in die Wälder.
Wie mein Erzeuger Vyasa werde ich von Wurzeln und Würmern leben, Lumpen tragen und mein Haar verfilzen lassen und über das Leben meditieren und die Vergänglichkeit.
Weise Männer trösteten Pandu und lehrten ihn Manus Gesetz der sechs Söhne, die Erben sind, und der sechs erbunberechtigen Söhne: Die sechs Erben sind erstens: die Söhne, die man bei seinen eigenen Weibern selbst gevatert hat; zweitens: die Söhne, die man aus gleicher oder höherer Kaste geschenkt bekam und adoptierte, bzw. die Söhne, die von solch geschenkten, würdigen Samen aus den Leibern der eigenen Weiber entsprangen; drittens: die Söhne, die man aus gleicher oder höherer Kaste kaufte und adoptierte, bzw. die Söhne, die nach einer bezahlten Besamung aus solch würdigen Samen den Leibern der eigenen Weiber entsprangen; viertens: die Söhne, die die Witwe aus würdigem Samen zur Welt brachte; fünftens: die Söhne, die die eigenen Weiber aus würdigem Samen schon vor der Ehe empfingen bzw. gebaren; sechstens: die Söhne, die man selbst bei einem freien Weib gleicher oder höherer Würde vaterte.
Die sechs Söhne, die nicht Erben, aber Verwandte sind, sind die, die man aus niedrigerer Kaste geschenkt bekam; die, die man aus niedrigerer Kaste für Geld erwarb; die, die von selbst kamen und aus niedriger Kaste waren oder von unbekanntem Samen; die, die die Weiber aus niedriger oder von unbekanntem Samen in die Ehe brachten; die, die die eigenen Weiber bzw. Witwen aus unwürdigem oder unbekanntem Samen empfingen; und sechstens, die Söhne, die man selbst in einen unwürdigen Schoß niedriger Kasten vaterte.
Und Pandu sprach zu seinen Frauen: Gehet hin und findet euch Samen von jemandem, der mir ebenbürtig oder überlegen ist, denn mir ist die Fähigkeit, Nachkommen zu zeugen, genommen worden.
Da verriet Kunti ihrem verzweifelten Über-Lord, daß sie die Gabe hatte, die Götter zu bezwingen zur Zeugung von männlichen Nachkommen. Und so bekam König Pandu mit Hilfe der Götter Nachkommen. Kunti bekam drei Söhne, den weisen, wahr- und tugendhaften Yudhishthira von dem Gott Dharma, den wolfbäuchigen, bärenstarken Bhima vom Windgott, den großen Arcarius Arjuna von dem Götterkönig Indra.
Nachdem er drei mächtige Söhnen hatte, war Pandu hungrig nach mehr. Aber Kunti weigerte sich: Drei Söhne gebar ich dir von fremden Männern, drei sind genug, sagt das Gesetz. Hat eine Frau mehr als drei Kinder von anderen Männern als ihrem eigenen, dann ist sie eine lose Frau, eine Hure. Wie kannst du mehr Kinder von mir verlangen?
Da bat auch Madri mit Hilfe der Mantra, Kinder zu haben. Und Kunti sagte: Konzentriere deine Gedanken auf eine Gottheit! Und Madri dachte an die Zwillingsgötter Asvins. Und Madri brachte Zwillinge zur Welt, Nakula und Sahadeva. Kunti aber fühlte sich betrogen: Ich hatte nicht bedacht, daß Zwillingsgötter Zwillingsfrüchte bargen. Und ein zweites Mal verlieh sie ihre Mantra nicht, um nicht als Gebärerin ins Hintertreffen zu geraten. Wer wüßte, wen Kunti als nächstes rufen würde. Vielleicht die acht Vasus oder die einundzwanzig Lords der Schöpfung.
Arara: Pandu hatte also fünf Ablegaa.
Alle wurden sie große Kregaa.
Geschichtenerzähler: Nach der Geburt des ersten Sohnes Yudhishthira wurden auch Dhritarashtra und Gandhari Eltern. Sie wurden Eltern von hundert Söhnen und einer Tochter, die in künstlichen Uteri gezogen worden waren.
Pandus fünf Söhne wuchsen in der Wildernis heran wie Lotusblüten im schlammigen Wasser von Teichen.
Eines schönen Frühlingstages, als Pandu mit Madri in den Wäldern Beeren sammelte, war der Wald so prächtig mit blühenden Palâsas-, Tilakas-, Mango-, Campakas- und Pâribhadrikas-Bäumen geschmückt, so vielfältig waren die Blumen und Blüten, so voll mit Liebe die Luft, es war so ganz allgemein Ranz-, Rausch- und Rammelzeit, daß Pandu lüsternd der Madri das spärliche Gazellenfell ihres Asketenkostüms herunterriß. Madris nackter Körper entfachte einen Feuerbrand in ihm. Er konnte sich nicht mehr halten, stürzte sich auf den wohl geformten Körper der Königin. Sie versuchte zu entkommen. Es gelang ihr nicht. Und er starb, wie in Kimdamas Flucht vorhergesagt.
Es war die Zeit selbst gewesen, die seine Sinne erregt hatte, denn die Zeit hatte entschieden, daß seine Zeit auf Erden um war. Er starb dem Gesetz der Zeit folgend in den Armen seiner wunderbaren Frau.
Madri schrie und schrie, schrie vor Schrecken, den toten Mann in ihren Armen. Als Kunti Madri am Boden liegend fand zusammen mit dem Toten, machte sie Madri schwere Vorwürfe, denn sie selbst war immer strikt und barsch zu dem König gewesen, um niemals Verlangen in ihm zu wecken: Ich beneide dich, du hast unseren Lord glücklich gesehen.
Am Kremationsfeuer wollte Kunti dann Sati-Mata machen, da sie als ältere die Hauptfrau von Pandu gewesen war, aber Madri protestierte: Nein, ich werde ihm in den Tod folgen, denn meine Begierde ist noch nicht gestillt. Unser Gatte, der Beste der Bharatas, wurde um die Passion seiner Liebe gebracht, in Yamas Schoß werde ich ihn weiterlieben bis zur ganzen Erfüllung, denn auf dieser Welt kann ich nichts mehr finden, ich werde auf ihr auf keinen Fall weiterleben. Sorge du für unsere Kinder und laß mich zu ihm gehen! Mit diesen Worten bestieg sie das Feuer.
Seher und andere Waldbewohner brachten dann Kunti und die fünf Pandavas nach Hastinapura zum König Dhritarishtra und sprachen: Das sind die fünf Söhne deines Bruders Pandu. Er erhielt sie mit Fügung der Götter. Sorge gut für sie.
So kam es, daß die fünf Pandavas und die hundert Kauravas gemeinsam in Hastinapura aufwuchsen. Es herrschte immer Streit zwischen ihnen. Und als sie erwachsen waren, führten sie einen schrecklichen Krieg gegeneinander. Die ganze Welt hatte damals Partei ergriffen und mitgekämpft. Chrishna hatte seine riesige Armee den Kauravas gegeben, aber selbst stand er auf der Pandava-Seite. Als Unbewaffneter führte er die Zügel von Arjunas Streitwagen. Aber Chrishna war nicht nur der Sohn Vasudevas, eines Knechtes mit königlichem Blute. Chrishna war göttlich. Er wollte die Welt erlösen, erlösen von der arroganten Kriegerkaste. Es gelang ihm bis auf einen einzigen Abkömmling, den Enkelsohn seines Lieblingsjüngers Arjuna. Perfekter wollte er den Untergang der Krieger nicht. So überlebte die Saat für neue Kriege.
Adjuna: Man sagt, Chrishna starb, weil ihm der Jäger Jara in den Fuß schoß.
Geschichtenerzähler: Ja, Chrishna ruhte unter einem Pippala-Baum1 und der Jäger Jara hielt seinen Fuß versehentlich für eine Gazelle.
1 Ficus religiosa
Adjuna: Das ist eigentlich keine tödliche Wunde.
Geschichtenerzähler: Die Leute hatten wohl damals die Erfahrung gemacht, daß man sich an den Füßen sehr wohl tödlich verletzten konnte, wenn man zum Beispiel auf Giftschlangen trat. Gab es nicht auch später in Griechenland einen Helden, der auf die Art starb? Archilles war sein Name. Wenn er nicht auf eine Schlange getreten war, dann war seine Legende sicher vom Tode Chrishnas beeinflußt.
Adjuna: Oder die kleine Pfeilwunde an der Ferse, hatte bei ihm eine Blutvergiftung verursacht.
Geschichtenerzähler: Oder das.
Adjuna: Du sagst, Chrishna starb an einer Fußverletzung, aber in den Wallfahrtshöhlen von Gharapuri, im Tempel von Mathura am Jamuna und an vielen anderen Orten auch, finden wir Chrishna darstellt, wie er den Kreuztod stirbt. Was sagst du dazu?
Geschichtenerzähler: Ah, so ist es mit Legenden, der eine erzählt sie so, der andere anders, nach der Ilias endete Achilles im Reich der Schatten bei Hades, nach einer anderen Version entriß Thetis ihn den Flammen des Scheiterhaufens und er verbrachte den Rest seiner Tage auf der glücklichen Insel Leuke, und so leben die gleichen Helden verschiedene Leben und sterben verschiedene Tode. So wurde Chrishna1 einmal von der Jungfrau Devak und in einer anderen Legende wie Gautama der Buddha von der Jungfrau Maia geboren. Der König Kamsa war eifersüchtig, als ihm Seher die Geburt eines großen Königs verkündeten. Da er nicht wußte, wer der Königssohn war, der da in den Haushalt eines Knechtes geboren worden war, ließ er alle Kinder umbringen. Die Stationen Chrishnas wurden in Felsen dokumentiert, auch seine Hinrichtung am Kreuz zwischen zwei gemeinen Verbrechern, lange bevor die Christen mit ihrer Zeitrechnung anfingen. Der indische Chrishna ist die Mutter der christlichen Religion. Aus Maia wurde Maria, aus Chrishna ein Jude, aus Kamsa Herodes, und der Kindermord hat hoffentlich nie stattgefunden.
Mag die Wiege der Menschen irgendwo in Afrika sein, wir, Inder hatten immer Fantasie und konnten Geschichten erzählen, so wurde Indien zur Wiege von Religion und Zivilisation für die ganze Menschheit. Die Ägypter, die Abessinier, die Juden, die Griechen, selbst die Chinesen und Japaner alle bekamen die Anfänge ihrer Religion und Zivilisation von Indien.
1 (Fußnote)
Das Thema behandelnde Bücher: `Sex Mythology' von Sha Rocco, `Anacalypsis' von Godfrey Higgins, `Christianity before Christ' and `Pagan Origins of the Christ Myth' von John G. Jackson.
Karlheinz Deschner befaßt sich im 9. Kapitel seines Buches `Abermals krähte der Hahn' mit der Ähnlichkeit von Christus und - allerdings - Buddha. Chrishna und Buddha sind im Hinduismus beide Avatars (Inkarnationen) von Vishnu und ihre Legenden vermischen sich oft.
Das Buch `The World's Sixteen Crucified Saviors or Christianity Before Christ' von Kersey Graves listet 346 auffallende Analogien zwischen Christus und Chrischna auf, wie Gottes-Sohn-Attribut, Parabelweisheiten, Fluch auf Feigenbaum, `Liebe-Deine-Feinde'-Lehren, Liebe für die Armen, keusche Lebensführung (Im Gegensatz zu dieser Keuschheit erfahren wir gegen Ende des Mahabharatas, daß Chrischna 16 000 Frauen hatte. Nach seinem Tode versuchte Arjuna sie zu retten, aber die Frauen entschieden sich, Sati-Mata zu begehen. Der potente Chrischna, der 16 000 Frauen zu befriedigen hat, ist wohl ebenso Teil einer anderen Legende, wie der fleischliche Christus in Martin Scorceses Film `The Last Temptation' ein anderer ist als der Kirchenmann Kristus.), Heilung eines Leprakranken, Auferweckung von Toten, Heilung von Blinden und Tauben, Erlösung von der Erbsünde, Opfertod für die Erlösung der Menschheit, Ankündigung eines zweiten Kommens, Chiliastische Prophezeiungen, Apokalypse, aber auch Missionseifer, Kritik und Reform an der bestehenden Gesellschaftsordnung bzw. Religion etc.
Kersey Graves' Buch gibt einen sehr guten Überblick, wie die verschiedenen Religionen, besonders aber das Christentum, aus älteren Vorstellungen hervorgegangen sind.
Der kristliche Haß auf Krishna wird auch verständlich. Wie viele Seiten Zeitungspapier wurden allein in westlichen Ländern mit informationslosen Hetzartikeln gegen die Hare-Krishna-Bewegung und andere sogenannte Jugendreligionen bedruckt. Was mich dabei immer wieder schockiert: Wie leicht sich die Bevölkerung zum Haß auf stacheln läßt, ohne selbst zu überprüfen, und vor allen Dingen einmal zu überlegen, ob ihnen überhaupt durch Leute, die eine andere als die etablierte Religion haben, ein nennenswerter Schaden entsteht. Ich selbst habe es erlebt, daß, als ich mich negativ über die Pogromstimmung, die gegen die Scientologists erzeugt wurde, äußerte, verhetzte Menschen mir voller Haß entgegen schrien, gegenüber Satansanbetern dürfe man nicht tolerant sein. Man mag ja den Erfolg der Dianetik bei der Heilung von psychosomatischen Leiden in Zweifel ziehen, aber den Satan anbeten, so etwas Idiotisches tun die Scientologen wirklich nicht. Aber selbst wenn man den Satan anbetete, solange man nur betet, ist das Satan-Anbeten genauso verrückt und genauso harmlos (weil wirkungslos) wie die Anbetung Gottes. Wenn Satanverehrer allerdings anfingen, in der Politik und im Gesellschaftsleben Macht auszuüben, dann könnten sie eine genauso verheerenden Wirkung haben wie die Christen.
In Indien wird Christus übrigens von einigen Missionaren tatsächlich als blauhäutig an den Inder gebracht. Salman Rushdie läßt einen jungen Missionar in seinem Buch `Midnight's Children' auf die Frage nach Jesus' Hautfarbe `blau' antworten. Ich selbst habe auf meiner Indienreise kristliche Kitsch-Broschüren mit blauem Kristus drauf, der sich kaum von blauen Chrishna unterschied, gesehen, genauso wie ich hier in meiner Wahlheimat Japan, Maria und die ganze heilige Familie als Japaner im Kimono dargestellt, gefunden habe.
Religion wird immer umgelogen, aus Elohim wird Jehova wird Derliebegott, und die feministische Theologin Dorothee Sölle möchte aus dem Ding sogar noch ne Frau machen, die Chance stehen gut, daß auch dieses Umlügen gelingen wird; aber auch im kleinen wird massenweise gelogen, betrogen, fantasiert, so wußte z. B. der amerikanische Superevangelist Billy Graham, als er in einer Show des amerikanischen Superhumoristen, oder besser -komikers (oder noch besser Fachmann für flache Witze) Bob Hope auftrat, daß Gott Spaßmacher liebt. Was mich selbst besonders faszinierte, war eine Episode aus Sylvia Frasers Buch `My Father's House - Memoirs of Incest and of Healing': Ms. Fraser wuchs in einer sehr streng religiösen Familie in Ontario auf mit all den Sex-Tabus, die dazu gehörten, und natürlich christliche Indoktrination jeden Sonntag in der Sonntagsschule. Während ihre Eltern andächtig der Andacht von Hochwürden Thwaite lauschten, lernten die Kinder von Frau Thwaite das Frommsein. Hochwürdens Frau unterrichtete den Kindern z. B. den Sündenfall wie folgt: Weil Adam und Eva ungehorsam gewesen waren, nahm Gott ihnen die Kleider weg (!) und sagte: `Ihr seid böse gewesen, ihr müßt nackt herumlaufen.' Nackt zu sein, war also eine Strafe und eine Schande, und die Kinder sollten sich bloß davor hüten, nackt zu sein. Die prüde, fromme Idylle der kleinen Sylvia Fraser hatte nur einen Fehler: Der strenge, religiöse Vater vergewaltigte seine kleine Tochter regelmäßig. Ich frage mich, ob nicht die fromme, prüde, sexualfeindliche Erziehung, die seine Tochter ertragen mußte, sein größeres Verbrechen war. Die Mischung von erzwungenem Sex und Sex-Tabu war aber sicher das katastrophalste, was man dem Kind antun konnte. Wie ekelhaft die Vergewaltigung auch immer gewesen sein mochte, durch die Erziehung kamen noch unnötig, Verstörung und Schuldgefühle hinzu. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sollte nicht von Tabus, auch nicht von Sex-Tabus, geprägt sein bzw. getrübt werden, aber vor allen Dingen sollte sie gewaltfrei sein.
(Ende der Fußnote)
Adjuna erinnerte sich, daß schon einmal der Einhodige gelehrt hatte, daß der kultur- und zivilisationfördernde Einfluß der Arier bis nach Japan reichte; aber es war vielleicht nicht so großartig, was die Japaner mit dem Buddhismus und den anderen Legenden und Systemen gemacht hatten, z. B. das Zen geschaffen, ein Abhärtungssystem für Samurais (verbeamtete Kshatriya), sondern wie vernünftig sie trotz solcher religiöser Beeinflussung ihre Gesellschaft organisierten.
Auch die Chinesen hatten es besser gemacht als die Inder, bei ihnen waren die Bauern und Landarbeiter keine aussätzigen Unterkastler, sondern geachtete Mitglieder der Gesellschaft noch vor den Händlern und Kaufleuten, so daß es bei ihnen Verbesserungen in der Landwirtschaft gab und gute Erträge, die es bei Sklavenhalterei nicht gegeben hätte. Wo der Terror der Peitschen die Erträge brachte, gab es keinen technischen Fortschritt. Der Grad der Freiheit, den man den Menschen gewährte, bestimmte die Geschwindigkeit des Fortschnitts und die Höhe der Zivilisation.
Wieder der Geschichtenerzähler: Aber wir sind nicht nur der Anfang, alles, was einen Anfang hat, muß am Ende zu seinem Anfang zurückkehren, wir werden bei der Zerstörung mitwirken. Es wird unsere Bhoomidevi sein, die die Götter bitten wird, sie von den Menschen zu befreien und Krishna wird ein zweites Mal kommen als Kalki, die zehnte Inkarnation Vishnus, und irgendwo wird er wie in der Kurukshetra-Schlacht die Zügel in der Hand halten und mit seinen Einflüsterungen, die Krieger ins Verderben treiben.
Adjuna: Vielleicht war er schon einmal wieder inkarniert auf Erden - als Einhodiger.
Geschichtenerzähler: Oh nein, Krishna ist
immer nur perfekt.
Bald darauf verließ Adjuna den Geschichtenerzähler und machte sich auf eine neue Wanderung. Er wollte ins nördliche Harayana zum Kurukshetra-Schlachtfeld. Er kam auf dieser Wanderung noch einmal an hohen Bergen vorbei, und den höchsten bestieg er.
Er bestieg den Berg, wie Zarathustraßes einst getan hatte, als Asche. Doch Zarathustra hatte zwar seine Asche zu Berge getragen, war jedoch als brennender Busch und Brandstifter wieder zu Thale gestürzt.
Adjuna verweilte nur einen Moment auf dem Gipfel und schaute herunter: "Ach, wie liebe ich die Menschen! Aber ich mußte erst hier heraufkommen, um das sagen zu können. Von oben gesehen sind sie süß und ihre Spiele so possierlich."
Dann trug er seine Asche wieder herunter. Beim Abstieg verlor sich langsam wieder seine Liebe für die Menschen. Er war nicht lange genug einsam gewesen, um die Menschen mehr zu lieben. Auch fühlte er sich für die Liebe schon zu alt.
Adjuna grübelte, was machte ihn diesmal zum Verlierer. Er war doch Arjuna der Siegreiche gewesen. Sein Gegner Karna war doch der Verlierer. Warum hatte er diesmal nicht Götter und Menschen besiegt, und die Welt seiner Wünsche errichtet? Und er erinnerte sich an das, was er von da oben gesehen hatte: Es waren zu viele.
Unter in der Ebene angekommen, schlossen sich ihm aber viele an, Gammler, Globetrotter, Schlachtenbummler, Penner, Strolche, Pülcher, Pinscher, Pilger, Hobos, Swamis, Sadhus, Digambaras, Lingambaras, Dingdamdaras. Er war nicht mehr der einzige, der mit einem steifen Schwanz herumlief. Viele erregten sich. Viele liefen erregt angeschwollen und pollutierend herum. Sie alle wollten am Vorabend des Unterganges des Menschengeschlechts zur großen Vision auf das Kurukshetra-Feld. Einige hofften auch, das Armageddon würde direkt dort vor ihren Augen stattfinden, mit ihnen mittenmang. Sie, als die ersten in die Erlösung.
`Om shanti!' singend, `Amen, Friede sei mit Euch!' oder war es `enchanté!' oder `en santé!' oder gar `à la santé!', was sie da sangen? was immer die Cantica, lärmend, tanzend, preisend trieben sie dem Blachfeld zu.
Aber es waren natürlich die ordentlichen und uniformierten Leute, die `eins zwei eins zwei' marsch!-marsch!-marschierend den Weltuntergang herbeimarschierten.
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